Dreiundsechzigstes Kapitel.

[262] Für die Aufführung des Dramas »Aureolus« waren die Theater und Amphitheater in der Regel so eingerichtet, daß es auf zwei getrennten Bühnen dargestellt werden konnte. Nach dem Schauspiele in den Gärten des Caesars ging man jedoch von diesem Brauche ab, denn diesmal kam es darauf an, einer möglichst großen Zahl von Menschen den Anblick eines gekreuzigten Sklaven zu verschaffen, den im Drama ein Bär zerriß. In den Theatern wurde die Rolle des Bären meistenteils einem in ein Fell genähten Schauspieler überlassen; diesmal sollte aber die Darstellung »wahrheitsgetreu« sein. Dies war ein neuer Gedanke des Tigellinus. Anfangs weigerte sich der Caesar, dabei zu erscheinen, änderte[262] jedoch auf Veranlassung seines Günstlings seinen Entschluß. Tigellinus erklärte, gerade nach dem Vorfalle im Garten müsse er sich um so mehr dem Volke zeigen, und gab sein Wort, daß der gekreuzigte Sklave ihn nicht beschimpfen werde, wie Crispus dies getan hatte. Das Volk war des Blutvergießens satt und müde; es wurde ihm daher eine neue Verteilung von Lotterielosen und Geschenken in Aussicht gestellt und außerdem ein abendliches Fest versprochen, denn die Vorstellung sollte am Abend im glänzend erleuchteten Amphitheater stattfinden.

Schon bei Anbruch der Dunkelheit war der ganze Zuschauerraum dicht gefüllt; die Augustianer waren mit Tigellinus an der Spitze, vollzählig erschienen, nicht nur wegen des Schauspiels selbst, sondern auch um dem Caesar nach dem letzten Vorfalle ihre Ergebenheit und ihre Empörung gegen Chilon zu zeigen, von dem ganz Rom sprach.

Man raunte sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu, der Caesar sei nach seiner Rückkehr aus den Gärten in Tobsucht verfallen und könne nicht schlafen, er leide an Schreckensanfällen und wunderbaren Visionen; aus diesem Grunde habe er schon am nächsten Morgen seine baldige Abreise nach Achaja angekündigt. Andere jedoch bezweifelten dies und behaupteten, er werde sich jetzt gegen die Christen um so erbarmungsloser zeigen. Es fehlte auch nicht an Furchtsamen, welche vorhersehen wollten, daß die Anklage, die Chilon dem Caesar vor allem Volke ins Gesicht geschleudert hatte, die übelsten Folgen nach sich ziehen werde. Endlich gab es solche, die aus Menschlichkeit an Tigellinus die Bitte richteten, von weiteren Verfolgungen abzusehen.

»Seht, wohin ihr geratet,« sagte Barcus Soranus. »Ihr wollt den Unwillen des Volkes besänftigen und ihm die Überzeugung beibringen, daß die Strafe nur die Schuldigen trifft; aber die Wirkung ist geradezu die entgegengesetzte.«

»Das stimmt,« fügte Antistius Verus hinzu, »alle flüstern sich jetzt zu, sie seien unschuldig. Wenn dies Klugheit sein[263] soll, so hat Chilon recht, daß euere Gehirne nicht eine Nußschale füllen würden.«

Tigellinus wandte sich den beiden zu und sagte: »Barcus Soranus, man flüstert sich auch zu, daß deine Tochter Servilia und daß deine Gattin, Antistius, ihre christlichen Sklaven der Gerechtigkeit des Caesars entziehen.«

»Das ist nicht wahr!« rief Barcus beunruhigt.

»Eure geschiedenen Frauen wollen nur meine Gattin ins Verderben stürzen, weil sie sie um ihre Tugend beneiden,« erklärte Antistius Verus mit nicht geringerer Unruhe.

Andere sprachen über Chilon.

»Was ist ihm zugestoßen?« fragte Eprius Marcellus; »er selbst hat die Christen Tigellinus verraten; aus einem Bettler ist er ein reicher Mann geworden, er hätte seine Tage in Frieden beenden und ein schönes Leichenbegängnis samt einem Grabdenkmale haben können. Aber nein! Er wollte lieber alles auf einmal verlieren und elend zugrunde gehen; es ist wahr: er muß verrückt geworden sein.«

»Nicht verrückt, sondern ein Christ,« entgegnete Tigellinus.

»Das ist unmöglich!« sagte Vitellius.

»Habe ich es euch nicht gesagt?« rief Vestinus. »Tötet die Christen, aber glaubet mir, gegen ihre Gottheit könnt ihr keinen Krieg führen. Mit der ist nicht zu spaßen! ... Seht, was sich zuträgt! Ich habe Rom nicht in Brand gesteckt, doch wenn der Caesar es gestattet, opfere ich sofort ihrem Gott eine Hekatombe. Und alle sollten dasselbe tun, denn ich sage euch noch einmal: mit dem ist nicht zu spaßen. Denkt daran, daß ich es euch gesagt habe!«

»Und ich sage euch etwas anderes,« fiel Petronius ein. »Tigellinus lachte, als ich behauptete, sie bewaffneten sich; aber jetzt muß ich euch noch mehr sagen: sie werden siegen!«

»Wieso? wieso?« fragten mehrere Stimmen.

»Beim Pollux! Wenn ein Mann wie Chilon ihnen nicht widerstanden hat, wer wird ihnen dann widerstehen können? Wenn ihr glaubt, die Zahl der Christen nehme nicht nach[264] jedem Schauspiele zu, so werdet samt euren Bekannten in Rom Kupferschmiede, oder laßt euch eure Bärte scheren; dann werdet ihr vielleicht besser wissen, wie das Volk denkt und was in der Stadt vorgeht.«

»Er spricht die reine Wahrheit, beim heiligen Peplos der Diana!« rief Vestinus.

Barcus wandte sich an Petronius und fragte: »Was folgerst du daraus?«

»Ich schließe damit, womit ihr angefangen habt: es ist genug Blut geflossen.«

Tigellinus betrachtete ihn höhnisch und sagte: »Ah! noch ein wenig mehr!«

»Wenn dir dein Kopf nicht genügt, so hast du ja noch einen anderen auf dem Griffe deines Spazierstocks.«

Die Fortsetzung des Gesprächs wurde durch den Eintritt des Caesars verhindert, der in Pythagoras' Begleitung erschien. Unmittelbar darauf begann die Vorstellung des »Aureolus,« der man aber keine große Aufmerksamkeit schenkte, da alle auf Chilon gespannt waren. Auch das Volk war des Blutvergießens und der Martern überdrüssig; es zischte und stieß Rufe aus, die für den Hof keineswegs schmeichelhaft waren, und verlangte ungeduldig nach der Bärenszene, die einzig und allein seine Neugier erregte. Hätten die Zuschauer nicht gehofft, den verurteilten alten Mann zu sehen und Geschenke zu erhalten, das Schauspiel selbst wäre nicht imstande gewesen, sie auf ihren Plätzen festzuhalten.

Endlich jedoch erschien der erwartete Augenblick. Zirkusknechte richteten zunächst ein hölzernes Kreuz auf, das so niedrig war, daß ein aufrechtstehender Bär die Brust des Gemarterten erreichen konnte, und dann führten oder, richtiger gesagt, schleppten zwei Männer Chilon herein, denn da ihm Beine und Füße zerschmettert waren, konnte er nicht gehen. Sie legten ihn auf das Kreuz und nagelten ihn so rasch fest, daß die neugierigen Augustianer ihn nicht einmal gut sehen konnten; erst nachdem das Kreuz an der dazu bestimmten[265] Stelle eingerammt war, richteten sich aller Blicke auf den Verurteilten. Allein es waren wenige, welche in diesem nackten alten Mann Chilon erkannt hätten. Nach den Qualen, die Tigellinus über ihn verhängt hatte, schien kein Tropfen Blut mehr in seinem Gesicht zurückgeblieben zu sein, und nur oberhalb des weißen Bartes war ein roter Fleck zu sehen, den das Blut der ausgerissenen Zunge zurückgelassen hatte. Die durchsichtige Haut ließ deutlich die Knochen hervortreten. Er sah auch bedeutend älter und ganz gebrechlich aus. Aber während seine Augen früher stets voller Unruhe und Bosheit gefunkelt und seine lauernden Züge den Ausdruck steter Angst und Ungewißheit gezeigt hatten, trug jetzt sein Antlitz zwar die Spuren des Leidens, es war aber zugleich so mild und ruhig wie das eines Schlafenden oder Toten. Vielleicht tröstete ihn der Gedanke an den Schächer am Kreuze, dem Christus vergeben hatte, und vielleicht betete er in seinem Innern zu dem allerbarmenden Gotte: »Herr, ich biß um mich wie eine giftige Schlange und war mein ganzes Leben lang bettelarm, kam beinahe vor Hunger um, die Menschen traten mich mit Füßen, schlugen und verhöhnten mich. Ich war arm und ganz unglücklich, Herr; jetzt hat man mich auf die Folterbank gelegt und ans Kreuz geheftet; daher verstoße du, Allerbarmer, mich nicht in der Stunde meines Todes.« Tiefe Ruhe schien in sein reuevolles Herz einzuziehen. Niemand lachte; denn über diesem gekreuzigten Manne schwebte ein solcher Hauch des Friedens, er sah so alt, so wehrlos, so schwach, so mitleiderregend aus, daß sich jedermann unwillkürlich fragte: »Wie ist es möglich, Menschen zu martern und ans Kreuz zu nageln, denen ihr Ende ohnedies nahe ist?« Die Menge schwieg. In den Reihen der Augustianer wandte sich Vestinus nach allen Seiten und flüsterte mit entsetzter Stimme: »Seht, wie sie sterben!« Andere erwarteten mit Ungeduld den Bären, damit das Schauspiel so bald wie möglich zu Ende gehe.

Endlich betrat der Bär die Arena, wiegte seinen herunterhängenden[266] Kopf von einer Seite nach der anderen und blickte sich um, als denke er an etwas oder suche etwas. Jetzt bemerkte er das Kreuz und den daran hängenden nackten Körper; er näherte sich ihm, richtete sich auf, ließ sich aber nach kurzer Zeit wieder auf die Vordertatzen fallen; dann setzte er sich unter das Kreuz und begann zu brummen, als rege sich selbst in dem Herzen des wilden Tieres Mitleid mit diesem elenden Reste eines Menschen.

Aus dem Munde der Zirkusknechte ertönten ermunternde Zurufe, aber das Volk schwieg. Chilon bewegte inzwischen leicht das Haupt und ließ eine Zeitlang seine Blicke über die Zuschauer hingleiten. Endlich blieb sein Auge auf einer der obersten Sitzreihen des Amphitheaters haften, seine Brust begann lebhafter zu atmen, und jetzt ereignete sich etwas, was die Zuschauer mit Staunen und Verwunderung erfüllte. Ein Lächeln verklärte sein Antlitz, seine Stirn schien wie von einem Lichtstrahle umflossen, seine Augen wandten sich vor dem Tode nach oben, und nach einiger Zeit quollen ihm zwei schwere Tränen unter den Lidern hervor und rannen ihm langsam die Wangen herab.

Und er starb.

Da ertönte eine kräftige Mannesstimme hoch oben unter dem Velarium: »Friede sei mit den Märtyrern.«

Im Amphitheater aber herrschte dumpfes Schweigen.

Quelle:
Sienkiewicz, Henryk: Quo vadis? Zwei Bände, Leipzig [o.J.], Band 2, S. 262-267.
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