Einundsiebzigstes Kapitel.

[306] Endlich war die Stunde für beide Apostel gekommen. Gleichsam zur Vollendung seines Werkes war es dem gottgesandten Fischer vergönnt, selbst im Kerker noch zwei Seelen zu gewinnen. Die Söldner Processus und Martinianus, die ihn im mamertinischen Gefängnisse bewachten, empfingen von ihm die Taufe. Dann nahte die Stunde der Marter. Nero war zur Zeit nicht in Rom. Das Urteil wurde von Helios und Polythetes gefällt, zwei Freigelassenen, denen der Caesar für die Zeit seiner Abwesenheit die Regierung Roms überlassen hatte. Über den greisen Apostel hatte man zunächst die durch das Gesetz vorgeschriebenen Geißelhiebe verhängt, und am Tage darauf führte man ihn vor die Mauern der Stadt zum Vatikanischen Hügel, wo er die für ihn bestimmte Kreuzesstrafe erdulden sollte. Die Soldaten staunten über die Menschenmenge, die sich vor dem Gefängnis eingefunden hatte; denn nach ihrem Dafürhalten konnte der Tod eines so einfachen Mannes, der noch dazu ein Fremder war, kein solches Interesse erregen; sie wußten nicht, daß jene Menge nicht aus Neugierigen bestand, sondern aus Gläubigen, die den großen Apostel auf die Richtstätte begleiten wollten. Nachmittags öffneten sich endlich die Gefängnistore, und Petrus erschien in der Mitte einer Schar Prätorianer. Die Sonne hatte sich schon auf Ostia zu geneigt, das Wetter war schön und windstill. Man ließ Petrus aus Rücksicht auf sein hohes Alter das Kreuz nicht selbst tragen, denn man glaubte, die Last werde seine Kräfte übersteigen; auch hatte man ihm keinen Strick um den Hals gelegt, um ihm das Gehen nicht zu erschweren. Er ging ohne Fesseln, und die Gläubigen konnten ihn deutlich sehen. Sobald sein weißes Haupt zwischen den Eisenhelmen der Krieger erschien, lief ein Schluchzen durch die Menge, verstummte aber sofort wieder, denn das Antlitz des Greises zeigte einen solchen Ausdruck von Freudigkeit und strahlendem Entzücken, daß alle begriffen,[307] es sei nicht ein zum Tode Verurteilter, der hier dahinschreite, sondern ein triumphierender Sieger.

Und dem war in der Tat so. Der in der Regel demütige, in gebückter Haltung einhergehende Fischer schritt jetzt aufrecht, selbst die Soldaten überragend, und voller Würde einher. Nie hatte aus seinem Wesen eine solche Majestät hervorgeleuchtet. Man hätte glaube können, ein Monarch schreite dahin, umgeben von seinem Volk und seinen Truppen. Von allen Seiten hörte man rufen: »Dort geht Petrus zum Herrn.« Alle hatten gleichsam vergessen, daß ein qualvoller Tod seiner harre. In weihevoller Stimmung, im tiefsten Seelenfrieden begleiteten sie ihn, denn sie fühlten, daß sich seit dem Tode auf Golgatha nichts gleich Bedeutungsvolle zugetragen hatte und daß, wie jener Tod die ganze Welt erlöst hatte, dieser Rom erlösen sollte.

Die Vorübergehenden blieben beim Anblick dieses alten Mannes voller Verwunderung stehen, die Gläubigen aber legten ihnen die Hände auf die Schultern und sagten in ruhigem Tone: »Sehet, so stirbt ein Gerechter, der Christus gekannt und die Liebe in der Welt verkündet hat.« Die so Angeredeten wurden nachdenklich und sprachen zu sich: »Wahrlich, dieser kann kein Übeltäter sein.«

Der Straßenlärm verstummte. Der Zug bewegte sich an Neubauten vorüber, zwischen weißen Tempelsäulen, über denen sich der tiefblaue, heitere Himmel wölbte. Unter lautloser Stille schritt man dahin; nur ab und zu klirrten die Waffen der Soldaten oder ertönte das Gemurmel von Gebeten. Petrus hörte dies, und sein Antlitz erstrahlte in noch höherer Freude, denn sein Blick konnte jene tausende von Gläubigen kaum umfassen. Er hatte das Bewußtsein, sein Werk zu Ende geführt zu haben, und war überzeugt, daß die Wahrheit, die er sein ganzes Leben hindurch gepredigt hatte, alles mit sich fortreißen werde gleich der Flut des Meeres und daß nichts ihren Fortgang aufzuhalten vermöge. In diesen Gedanken erhob er die Augen zum Himmel und betete: »O Herr, du[308] hast mir befohlen, diese Stadt, die Herrscherin der Welt, zu erobern, dir zu unterwerfen; ich habe es getan. Du befahlst mir, hier deinen Thron zu errichten; es ist mir gelungen. Es ist jetzt deine Stadt, Herr, und ich komme zu dir, denn ich habe viel gearbeitet.«

Als er an den Tempeln vorüberkam, sagte er zu ihnen: »Ihr werdet Tempel Christi werden.« Als er die Volksmenge erblickte, die vor seinen Augen hin und her wogte, sprach er zu ihr: »Eure Kinder werden Diener Christi werden.« So schritt er dahin, in der Überzeugung, die Unterwerfung vollendet zu haben, im Bewußtsein der errungenen Erfolge, im Bewußtsein seiner Macht, getröstet, groß. Die Soldaten führten ihn über die Triumphbrücke, als wollten sie unwillkürlich von seinem Triumphe Zeugnis ablegen, und schritten weiter, der Naumachia und dem Zirkus zu. Die Gläubigen vom jenseitigen Ufer des Tiber schlossen sich dem Zuge an, und es drängte sich eine solche Volksmasse zusammen, daß dem die Prätorianer befehligenden Centurio endlich klar wurde, er führe einen von seinen Anhängern umringten Hohenpriester zum Tode, und er sich über die viel zu geringe Truppenzahl beunruhigte. Aber kein zorniger Ruf, kein Wutschrei ertönte aus der Menge. Die Gesichter waren von der Größe des Augenblicks durchdrungen, feierlich bewegt und zugleich voller Erwartung; denn einige Gläubige, die sich erinnerten, daß beim Tode des Herrn die Erde vor Entsetzen gebebt habe und Tote aus ihren Gräbern erstanden seien, glaubten, es würden sich auch jetzt solche Zeichen ereignen, damit man für alle Ewigkeit des Todes des Apostels gedenke. Andere sagten sich sogar: »Vielleicht wählt der Herr Petrus' Todesstunde, um vom Himmel herab zu kommen, wie er verheißen hat, und Gericht über die Welt zu halten.« In diesen Gedanken empfahlen sie sich dem Erbarmen des Erlösers.

Ringsum herrschte tiefe Stille. Die Hügel erglühten im Sonnenglanze und lagen wie schlummernd da. Zwischen dem[309] Zirkus und dem Vatikanischen Hügel hielt endlich der Zug. Ein Teil der Soldaten machte sich jetzt an das Ausgraben des Loches, andere legten das Kreuz, Hammer und Nägel auf die Erde und warteten, bis die Vorbereitungen getroffen waren. Die Menge, immer ruhig und gefaßt, kniete in der Runde umher.

Der Apostel wandte sich, das Haupt von den goldenen Sonnenstrahlen umleuchtet, zum letztenmal der Stadt zu. In der Ferne sah man tief unten den Tiber erglänzen, auf dem anderen Ufer das Marsfeld, etwas höher das Mausoleum des Augustus, unterhalb die riesigen Thermen, die Nero eben zu bauen begonnen hatte, noch weiter nach unten das Theater des Pompejus und dahinter die durch andere Baulichkeiten teilweise verdeckte Septa Julia, eine Menge Torhallen, Tempel, Säulen, eine Menge prächtiger Gebäude und endlich dort in der Ferne mit Häusern bedeckte Hügel, eine riesige Menschenansiedelung, deren Grenzen sich im blauen Dunste des Horizonts verloren, die Heimstätte des Lasters, aber auch der Macht, des Wahnwitzes, aber auch der Ordnung, die sich zur Beherrscherin und Unterjocherin der Welt emporgeschwungen, ihr aber zugleich auch Frieden und Gesetze gegeben hatte, allmächtig, unbezwinglich, ewig.

Petrus aber, von den Kriegern umringt, blickte mit der Miene eines Herrschers und Königs, der sein Erbe betrachtet, auf die Stadt herab und sagte zu ihr: »Du bist erlöst und mein!« Niemand, nicht allein die Soldaten, die das Loch für das Kreuz aushöhlten, sondern auch unter den Gläubigen konnte ahnen, daß in der Tat der Herrscher dieser Stadt in ihrer Mitte stehe, daß die Caesaren dahinschwinden, die Fluten der Barbaren vorüberrauschen, Jahrhunderte kommen und gehen würden, jener Greis aber hier ununterbrochen herrschen würde.

Die Sonne neigte sich noch tiefer gegen Ostia zu und wurde groß und rot. Der ganze westliche Himmel leuchtete in wunderbarer Glut. Die Soldaten näherten sich Petrus, um ihn zu entkleiden.[310]

Plötzlich richtete er sich jedoch im Gebete auf und hob seine Rechte hoch empor. Die Henker stutzten wie eingeschüchtert von seiner Haltung; auch die Gläubigen hielten den Atem an, in der Meinung, er wolle sprechen. Totenstille trat ein.

Doch er, auf jener Höhe stehend, machte mit seiner ausgestreckten Rechten das Zeichen des Kreuzes und gab in der Stunde seines Todes urbi et orbi1 seinen Segen.


*


An demselben wundervollen Abend führte eine andere Abteilung Paulus von Tarsos auf der Via Ostiensis zu dem Aquae Salviae genannten Platze. Auch ihm folgte eine Menge Gläubiger, die er bekehrt hatte. Erblickte er nähere Bekannte, so blieb er stehen und sprach mit ihnen, da die Wache auf ihn als römischen Bürger größere Rücksicht nahm. Vor dem Tergemina genannten Tore traf er Plautilla, die Tochter des Präfekten Flavius Sabinus, und als er ihr von Tränen überströmtes jugendliches Antlitz erblickte, sagte er: »Plautilla, Tochter der ewigen Erlösung, gehe hin in Frieden. Gib mir nur noch deinen Schleier, meine Augen zu verbinden, wenn ich zum Herrn gehe.« Er nahm den Schleier und schritt weiter mit so freudigem Antlitz, wie ein Arbeiter, der sich den ganzen Tag abgemüht hat und jetzt nach Hause geht. Seine Gedanken waren, ähnlich wie die des Petrus, ruhig und heiter, wie der Abendhimmel. Gedankenvoll schweiften seine Blicke über die Ebene, die sich vor ihm bis zu den in Glanz getauchten Albanerbergen ausdehnte. Er erinnerte sich seiner Reisen, der Mühe und Arbeit, der Kämpfe und Siege, der Kirchen, die er in allen Ländern und jenseit aller Meere gegründet hatte, und glaubte, genug gearbeitet zu haben, um zur Ruhe gehen zu können. Auch er hatte sein Tagewerk getan. Er hatte die Überzeugung, daß der von ihm ausgestreute Same vom Sturme[311] der Bosheit nicht wieder verweht werden könne. Er tröstete sich mit dem Bewußtsein, daß die von ihm verkündete Wahrheit in dem Kampfe, den sie mit der Welt zu bestehen hatte, siegen werde, und ein unaussprechlicher Friede senkte sich in seine Seele.

Der Weg nach dem Richtplatze war weit, und der Abend begann zu dämmern. Die Berge waren in Purpur getaucht, und allmählich wurde ihr Fuß von Schatten umhüllt. Die Herden kehrten heim. Hier und da schritten Scharen von Sklaven mit Arbeitsgeräten auf den Schultern dahin. Vor den Häusern spielten Kinder auf der Straße und betrachteten neugierig die vorübermarschierenden Soldaten. An diesem Abend, in dieser von Sonnengold durchfluteten Luft lag nicht nur Frieden und Ruhe, sondern auch etwas wie eine harmonische Melodie, die sich von der Erde zum Himmel aufzuschwingen schien. Paulus vernahm sie, und sein Herz schwoll vor Entzücken bei dem Gedanken, daß auch er jener Weltharmonie einen Ton eingefügt habe, den sie bis dahin nicht gehabt hatte und ohne den die ganze Erde »wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle« gewesen war.

Er gedachte daran, wie er die Menschen gelehrt hatte, einander zu lieben, wie er ihnen gesagt hatte, daß wenn sie ihre Habe den Armen gäben und im Besitze aller Sprachen, aller Geheimnisse und aller Weisheit wären, sie doch nichts wären ohne die Liebe, die gütig, geduldig ist, nichts Böses denkt, nicht ihre Ehre sucht, alles verzeiht, alles glaubt, alles hofft, alles duldet.

Sein Leben war der Verkündigung dieser Lehre geweiht gewesen. Und jetzt sprach er in seinem Innern: »Welche Macht ist ihr gleich, und welche kann sie besiegen? Könnte der Caesar sie unterdrücken, und wenn er doppelt soviel Legionen besäße, über doppelt soviele Städte, Meere, Länder, Völker herrschte?«

Und er schritt seiner Belohnung entgegen wie ein Sieger.

Der Zug verließ jetzt die Heerstraße und wandte sich auf[312] einem schmalen Pfade östlich zu den Aquae Salviae. Purpurn ging die Sonne über dem Heidekraut unter. Bei dem Brunnen ließ der Centurio Halt machen. Der entscheidende Augenblick war gekommen.

Paulus hatte sich Plautillas Schleier über den Arm gelegt, um sich mit ihm die Augen verbinden zu lassen; zum letztenmal erhob er jetzt den Blick, aus dem unaussprechlicher Friede strahlte, zum klaren Abendhimmel und betete. Ja! seine Stunde war gekommen; er sah eine breite Lichtbahn vor sich, die zum Himmel emporführte, und in seiner Seele sprach er dieselben Worte, die er im Gefühle seiner geleisteten Dienste und seines nahen Endes kurz zuvor niedergeschrieben hatte: »Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit.«

1

Der Stadt und dem Weltkreise.

Quelle:
Sienkiewicz, Henryk: Quo vadis? Zwei Bände, Leipzig [o.J.], Band 2, S. 306-313.
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