Fünfundfünfzigstes Kapitel.

[173] Lygia nahm in einem langen, eilig geschriebenen Briefe von Vinicius Abschied für immer. Sie wußte, daß niemand mehr das Gefängnis betreten dürfe und daß sie den Geliebten erst in der Arena wiedersehen werde. Sie bat ihn daher, sich zu erkundigen, wann an sie die Reihe komme, und bei den Spielen zugegen zu sein, da sie ihn noch einmal in ihrem Leben wiedersehen möchte. Kein Zeichen von Furcht war in diesem Briefe zu erkennen. Sie schrieb, daß sie und die anderen Christen sich nach der Arena sehnten, wo sie Befreiung aus dem Gefängnisse finden würden. Da sie auf Pomponias und Aulus' Ankunft hoffte, so bat sie, auch diese möchten den Spielen beiwohnen. Aus jedem Wort sprach Entzücken und jene Loslösung vom Leben, die alle Gefangenen zeigten, sowie ein unerschütterlicher Glaube an die Erfüllung der Verheißungen jenseit des Grabes. »Mag mich Christus jetzt oder erst nach dem Tode freimachen,« schrieb sie, »er hat mich mit dir durch den Mund des Apostels verlobt, und darum bin ich die deine.« Sie bat ihn, ihretwegen nicht betrübt zu sein und sich vom Schmerze nicht überwältigen zu lassen. Der Tod bedeute für sie keine Auflösung des Verlöbnisses. Mit dem Vertrauen eines Kindes versicherte sie Vinicius, sie werde sogleich nach der Marter in der Arena Christus sagen, ihr Verlobter Marcus sei in Rom zurückgeblieben und sehne sich von ganzem Herzen nach[173] ihr. Sie glaubte, Christus werde ihrer Seele vielleicht gestatten, für kurze Zeit zu ihm zurückzukehren, damit sie ihm sagen könne, sie lebe, sie denke nicht mehr an die Marter und sei selig. Ihr ganzer Brief atmete Glück und eine unaussprechliche Zuversicht. Nur eine Bitte stand darin, die sich auf irdische Angelegenheiten bezog: Vinicius möge ihre Leiche aus dem Spoliarium abholen und als die seiner Gattin an der Grabstätte beisetzen lassen, wo er selbst einst zu ruhen wünschte.

Vinicius las diesen Brief mit schmerzzerrissener Seele; zugleich erschien es ihm aber unmöglich, daß Lygia unter den Klauen der wilden Tiere enden und daß Christus sich ihrer nicht erbarmen solle. Darauf gründete sich seine Hoffnung und Zuversicht. Nach Hause zurückgekehrt, schrieb er ihr, er werde täglich zum Tullianum kommen und warten, bis Christus die Mauern des Gefängnisses breche und ihm die Geliebte wiedergebe. Er bat sie, zu glauben, er könne sie ihm sogar noch im Zirkus wiedergeben, der große Apostel bete zu ihm und der Augenblick der Befreiung sei nahe. Der bekehrte Centurio sollte ihr diesen Brief am nächsten Morgen übergeben.

Als Vinicius am folgenden Tage zu dem Gefängnisse kam, trat der Centurio aus den Reihen hervor, näherte sich ihm und sagte: »Höre mich, Herr. Christus, der dich erleuchtete, hat dir eine Gnade gewährt. Heut nacht kamen Freigelassene des Caesars und des Präfekten, um ihnen christliche Mädchen zur Entehrung zu holen; sie fragten auch nach deiner Verlobten, aber der Herr hatte ihr ein Fieber geschickt, an dem viele Gefangene im Tullianum sterben, und sie ließen sie zurück. Gestern abend schon war sie bewußtlos. Gepriesen sei der Name des Erlösers, denn diese Krankheit, die sie vor der Schande bewahrt hat, kann sie auch vom Tode erretten.«

Vinicius hielt sich mit der Hand an der Schulter des Soldaten fest, um nicht zu sinken; dieser aber fuhr fort: »Danke der Barmherzigkeit des Herrn. Die Henker ergriffen[174] Linus und legten ihn auf die Marterbank; als sie aber sahen, daß sein Ende nahe sei, ließen sie ihn frei. Jetzt wird man auch dir vielleicht Lygia zurückgeben, und Christus wird sie wieder gesund machen.«

Der junge Tribun blieb einige Zeit mit gesenktem Kopfe stehen, dann erhob er ihn wieder und entgegnete: »Ja, Centurio! Christus, der sie vor der Schande bewahrt hat, wird sie auch vom Tode erretten.«

Er verweilte bis zum Abend vor den Mauern des Gefängnisses und ging dann nach Hause, um Linus durch seine Leute holen und in eins seiner Landhäuser bringen zu lassen.

Als Petronius dies alles erfahren hatte, beschloß er zu handeln. Er hatte die Augusta schon einmal besucht und begab sich jetzt zum zweitenmal zu ihr. Er fand sie am Lager des kleinen Rufius. Das Kind lag mit verwundetem Kopfe im Fieber; die Mutter versuchte voller Verzweiflung und Schrecken es zu retten, wußte aber, daß, wenn ihr dies gelänge, der Knabe binnen kurzem eines noch schrecklicheren Todes sterben würde.

Ausschließlich mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt, wollte sie von Vinicius und Lygia nichts hören; Petronius schüchterte sie jedoch ein. »Du hast eine neue, unbekannte Gottheit beleidigt. Du, Augusta, verehrst, wie es heißt, den hebräischen Jahve; aber die Christen behaupten, Christus sei dessen Sohn. Überlege daher, ob dich nicht die Rache des Vaters verfolgt. Wer weiß, ob nicht das, was dich trifft, seine Rache ist und ob Rufius' Leben nicht von deiner Handlungsweise abhängt.«

»Was verlangst du von mir?« fragte Poppaea voller Schrecken.

»Versöhne die erzürnte Gottheit.«

»Auf welche Weise?«

»Lygia ist krank. Bewirke beim Caesar oder bei Tigellinus, daß sie Vinicius zurückgegeben wird.«

Verzweifelt fragte sie: »Glaubst du, daß ich dies vermag?«[175]

»Du kannst noch etwas anderes tun. Wenn Lygia gesund wird, muß sie in den Tod gehen. Begib dich zum Vestatempel und bitte die virgo magna, sie möge sich wie zufällig gerade zu der Zeit beim Tullianum einfinden, wo die Gefangenen zum Tode geführt werden, und befehlen, dieses Mädchen freizulassen. Die Großvestalin wird dir die Bitte nicht abschlagen.«

»Und wenn Lygia am Fieber stirbt?«

»Die Christen sagen, Christus sei rachsüchtig, aber gerecht; vielleicht, daß du ihn schon durch die Absicht versöhnst.«

»Er soll mir ein Zeichen geben, daß er Rufius retten will.«

Petronius zuckte die Schultern.

»Ich bin nicht als sein Abgesandter gekommen, Gottheit; ich sage dir nur: setze dich in ein besseres Einvernehmen mit sämtlichen Göttern, den römischen sowohl wie den fremden.«

»Ich will gehen,« antwortete Poppaea mit gebrochener Stimme.

Petronius atmete tief auf.

»Vielleicht habe ich etwas erreicht,« dachte er.

Als er zu Vinicius zurückgekehrt war, sagte er zu ihm: »Bitte deinen Gott, daß Lygia nicht am Fieber sterbe; bleibt sie am Leben, so wird die Großvestalin befehlen, sie freizugeben. Die Augusta wird diese selbst darum bitten.«

Vinicius richtete die fieberglänzenden Augen zum Himmel und entgegnete: »Christus wird sie freimachen.«

Poppaea, die für Rufius' Rettung allen Göttern der Welt Hekatomben zu opfern bereit war, begab sich noch an demselben Abend auf das Forum zu den Vestalinnen; die Pflege des kranken Kindes hatte sie ihrer getreuen Amme Silvia überlassen, von der sie selbst schon aufgezogen worden war.

Aber auf dem Palatin war das Urteil über das Kind schon gesprochen; denn kaum war die Sänfte der Augusta hinter dem Haupttore verschwunden, so traten zwei Freigelassene des Caesars in das Zimmer, in dem der kleine Rufius lag. Einer von ihnen stürzte sich auf die alte Silvia[176] und knebelte sie; der andere ergriff eine Bronzestatue der Sphinx und betäubte sie auf den ersten Schlag.

Dann näherten sie sich Rufius. Der vom Fieber gequälte, bewußtlose Knabe, der sich nicht erklären konnte, was um ihn her vorging, lächelte sie an und blinzelte mit seinen schönen Augen, als versuche er, sie zu erkennen. Sie jedoch nahmen der Amme den Gürtel, Fingulum genannt, ab, schlangen ihn um seinen Hals und erwürgten ihn. Das Kind rief noch einmal nach seiner Mutter und starb einen leichten Tod. Dann wickelten sie es in ein Tuch, setzten sich auf bereitstehende Pferde und eilten nach Ostia, wo sie den Leichnam ins Meer warfen.

Poppaea hatte die Großvestalin nicht angetroffen, da diese mit den übrigen Vestalinnen bei Vatinius war, und kehrte daher nach kurzer Zeit zurück. Beim Anblick des leeren Bettes und des erkalteten Körpers Silvias fiel sie in Ohnmacht, und als man sie wieder zu sich gebracht hatte, begann sie sie laut zu schreien, und ihre wilden Schmerzensrufe dauerten die ganze Nacht und den folgenden Tag an.

Allein am dritten Tage befahl ihr der Caesar, bei einem Feste zu erscheinen; sie kam, in eine amethystfarbene Tunika gehüllt, und saß mit versteinerten Zügen da, goldhaarig, schweigend, wunderbar schön, aber unheilverkündend wie der Genius des Todes.

Quelle:
Sienkiewicz, Henryk: Quo vadis? Zwei Bände, Leipzig [o.J.], Band 2, S. 173-177.
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