Neuntes Kapitel.

[108] Lygia empfand bitteren Schmerz, wenn sie an Pomponia Graecina, die sie von ganzem Herzen liebte, und an das ganze Haus des Plautius dachte; doch ging ihre Trauer bald vorüber. Sie fühlte sogar eine gewisse Genugtuung bei dem Gedanken, daß sie für ihren Glauben Reichtum und Überfluß dahingebe und ein unstetes, unbekanntes Leben beginne. Vielleicht lag auch etwas von kindlicher Neugier darin, wie dieses Leben in fernen Ländern, unter Barbaren und wilden Tieren wohl sein werde; noch mächtiger, tiefer und vertrauensvoller war aber ihr Glaube, daß sie durch diese Handlungsweise den Geboten ihres »göttlichen Meisters« nachkomme, und daß dieser daher über sie, als über sein gehorsames und treues Kind wachen werde. Und was konnte ihr in diesem Falle wohl Übles begegnen? Sollte sie leiden, so würde sie in seinem Namen leiden. Sollte sie unerwartet sterben, so würde er sie zu sich nehmen, und einst, wenn auch Pomponia stürbe, würden sie für alle Ewigkeit vereint bleiben. Früher, als sie noch bei Aulus lebte, zermarterte sie sich ihren kindlichen Kopf mit der Vorstellung, daß sie, eine Christin, nichts für jenen Gekreuzigten tun könne, von dem Ursus mit solcher Hingebung sprach. Jetzt aber hatte die Stunde geschlagen. Lygia fühlte sich vollkommen glücklich und begann mit Akte von ihrem Glücke zu sprechen, welche ihr jedoch nicht zu folgen[108] vermochte. Alles zu verlassen, Haus, Reichtum, die Stadt, die Gärten, die Tempel, die Portikus, alles, was schön sei, zu verlassen, ein sonniges Land und nahestehende Menschen zu verlassen, und weswegen? Um sich vor der Liebe eines jungen, schönen Ritters zu verbergen? ... In Aktes Kopf ließen sich diese Dinge nicht vereinigen. Mitunter fühlte sie, daß Lygia recht daran tue, ja daß sie sogar möglicherweise von einem unendlichen geheimnisvollen Glücke erfüllt sei, aber sie konnte sich keine klare Rechenschaft darüber geben, besonders da Lygia noch ein Wagestück bevorstand, das möglicherweise ein schlechtes Ende und ihr geradezu das Leben kosten konnte. Akte war furchtsam von Natur, und mit Schreck dachte sie daran, was der heutige Abend bringen könnte. Aber sie wollte mit Lygia nicht von ihren Befürchtungen sprechen. Als es jedoch inzwischen heller Tag geworden war und die Sonne ins Atrium schien, begann sie Lygia zuzureden, sich die nach einer schlaflos zugebrachten Nacht nötige Ruhe zu gönnen. Lygia war damit einverstanden, und beide begaben sich ins Cubiculum, das infolge des früheren Verhältnisses Aktes zum Caesar geräumig und mit aller erdenklichen Pracht ausgestattet war. Hier legten sie sich nebeneinander nieder, aber Akte konnte trotz ihrer Müdigkeit nicht schlafen. Seit langem war sie traurig und unglücklich, aber jetzt begann sie von einer Art Unruhe ergriffen zu werden, welche sie nie zuvor empfunden hatte. Bis dahin war ihr das Leben nur schwer und hoffnungslos vorgekommen, jetzt erschien es ihr mit einem Male als schmachbeladen.

In ihrem Kopfe entstand immer größere Verwirrung. Das Tor zum Lichte begann sich bald zu öffnen, bald zu schließen. In dem Augenblicke aber, als es sich auftat, wurde sie von diesem Lichte so geblendet, daß sie nichts deutlich sehen konnte. Sie ahnte vielmehr nur, daß in jener Helle eine Art Glück verborgen liege, das jedes Maß übersteige und im Vergleich zu dem jedes andere in dem Grade[109] nichtig sei, daß, wenn zum Beispiel der Caesar Poppaea verstoßen und sich ihr, Akte, von neuem in Liebe zuwenden wollte, selbst dies Glück dagegen verschwinden würde. Plötzlich kam ihr der Gedanke, daß dieser Caesar, den sie liebte und den sie unwillkürlich für eine Art Halbgott hielt, so armselig sei wie irgend ein Sklave und daß dieser Palast mit seinen Säulen aus numidischem Marmor in Wahrheit nichts besseres sei als ein Steinhaufen. Zuletzt jedoch begannen jene Empfindungen, von denen sie sich keine Rechenschaft geben konnte, sie zu quälen. Sie versuchte zu schlafen, aber von Unruhe durchwühlt, konnte sie es nicht.

Endlich wandte sie sich, in der Meinung, Lygia, der so viele Gefahr und Unsicherheit drohte, könne ebenfalls nicht schlafen, zu ihr, um mit ihr über die Flucht am Abend zu sprechen.

Aber Lygia schlief ruhig. In das dunkle Cubiculum drangen durch den nur lose zusammengezogenen Vorhang einige helle Strahlen, in denen goldene Sonnenstäubchen tanzten. Bei diesem Lichte erblickte Akte Lygias feines Antlitz, das auf dem wohlgebildeten Arme ruhte, ihre geschlossenen Augen und die etwas geöffneten Lippen. Sie atmete regelmäßig, so wie man es im Schlafe tut.

»Sie schläft, sie kann schlafen,« dachte Akte, »sie ist noch in Kind.«

Trotzdem fuhr es ihr nach einer Weile durch den Sinn, daß dieses Kind lieber entfliehen wolle als Vinicius' Geliebte werden und das Elend der Schande, ein unstetes Leben dem Einzuge in ein Haus in der Nähe der Carinae, kostbaren Kleidern, glänzendem Schmuck, Festen und den Klängen von Lauten und Zithern vorziehe.

»Warum?«

Und sie begann Lygia zu betrachten, als ob sie die Antwort auf diese Frage in den Zügen der Schlafenden lesen wolle. Sie betrachtete die klare Stirn, den sanften Schwung der Brauen, die dunklen Flechten, die leicht geöffneten Lippen,[110] die sich in ruhigen Atemzügen hebende Brust des Mädchens und dachte und dachte dann von neuem: »Wie verschieden sie von mir ist!«

Sie sah auf Lygia wie auf ein Wunder, eine Art göttlicher Erscheinung, einen Liebling der Götter, hundertmal schöner als alle Blumen im Garten des Caesars und alle Skulpturen seines Palastes. Aber im Herzen der Griechin wohnte nichts von Neid. Im Gegenteil, bei dem Gedanken an die dem Mädchen drohenden Gefahren erfaßte sie tiefes Mitleid. Es erwachte in ihr etwas wie Muttergefühl; Lygia erschien ihr nicht nur schön, wie ein schöner Traum, sondern auch sehr teuer, und ihre Lippen dem dunklen Haar des Mädchens nähernd, fing sie an, es mit Küssen zu bedecken.

Aber Lygia schlief ruhig weiter, als wäre sie daheim unter der Obhut Pomponia Graecinas. Und sie schlief ziemlich lange. Die Mittagsstunde war schon vorüber, als sie ihre blauen Augen aufschlug und sich mit großem Erstaunen im Cubiculum umzusehen begann.

Augenscheinlich wunderte sie sich, daß sie nicht daheim, in Aulus' Hause war.

»Du bist es, Akte?« fragte sie endlich, als sie in der Dämmerung das Gesicht der Griechin erkannte.

»Ja, ich bin es, Lygia.«

»Ist es schon Abend?«

»Nein, Kind, aber Mittag ist schon vorüber.«

»Und Ursus ist noch nicht zurück?«

»Ursus sagte nicht, daß er zurückkehren werde, sondern daß er am Abend mit einer Anzahl Christen auf die Sänfte warten wolle.«

»Richtig.«

Dann verließen sie das Cubiculum und begaben sich in das Bad, wo Akte Lygia bediente und dann zum Frühstück einlud, und darauf in die Gärten des Palastes, in denen keine gefährliche Begegnung zu befürchten war, da der Caesar[111] und seine bevorzugten Höflinge noch schliefen. Lygia sah zum erstenmal in ihrem Leben diese herrlichen Gärten voll Zypressen, Pinien, Eichen, Olivenbäumen und Myrten, zwischen denen eine unendliche Menge von Bildsäulen schimmerte, ruhige Teichflächen erglänzten und ganze Haine von Rosen blühten, benetzt vom Wasserstaube der Springbrunnen; hier öffneten sich bezaubernde Grotten, bewachsen mit Efeu oder Weinlaub, dort segelten silberne Schwäne auf dem Wasser; zwischen Bildsäulen und Bäumen bewegten sich zahme Gazellen aus den Wüsten Afrikas und buntfarbige Vögel aus allen Ländern der Erde.

Die Gärten waren leer; nur hier und da arbeiteten Sklaven, den Spaten in der Hand, und sangen dabei mit halblauter Stimme ihre Lieder; andere, denen eine kurze Rast gegönnt war, saßen an den Teichen oder im Schatten der hohen Bäume, in dem zitternden Lichte, das die sich durch das Laub drängenden Sonnenstrahlen erzeugten, andere endlich begossen die Rosen oder die blaßlilafarbenen Safranblüten. Akte ging mit Lygia lange umher, alle Wunder der Gärten betrachtend, und obgleich es Lygia an Gemütsruhe fehlte, war sie doch noch allzu sehr Kind, um sich der Lebenslust, der Neugierde und der Verwunderung nicht widerstandslos zu überlassen. Es kam ihr sogar in den Sinn, daß, wenn der Caesar gut wäre, er in einem solchen Palaste und in solchen Gärten äußerst glücklich sein müßte.

Endlich jedoch ließen sie sich, etwas ermüdet, auf einer Bank nieder, die fast völlig von dichten Zypressen versteckt war, und begannen von dem zu sprechen, was ihnen am schwersten auf der Seele lag, nämlich der Flucht Lygias am Abend. Akte war viel weniger von dem Gelingen dieser Flucht überzeugt als Lygia. Mitunter erschien sie ihr sogar als ein tollkühnes Unternehmen, das nicht glücklich enden könne. Sie fühlte immer tieferes Mitleid mit Lygia. Es kam ihr auch der Gedanke, es sei hundertmal sicherer, eine gütliche Einigung mit Vinicius zu versuchen. Nach einer[112] Weile begann sie zu fragen, wie lange Lygia Vinicius kenne und ob sie nicht glaube, daß er sich möglicherweise bewegen lasse, sie Pomponia zurückzugeben.

Aber Lygia schüttelte traurig ihr dunkles Haupt.

»Nein. In Aulus' Hause war Vinicius anders, sehr gut, aber seit dem gestrigen Gelage fürchte ich ihn und will lieber zu den Lygiern fliehen.«

Akte fuhr fort: »Doch in Aulus' Hause war er dir teuer?«

»Ja,« erwiderte Lygia, das Haupt sinken lassend.

»Du warst aber keine Sklavin, wie ich es war,« sagte Akte nach einiger Zeit nachdenklich. »Vinicius würde dich vielleicht heiraten. Du bist eine Geisel und Tochter des Lygierkönigs. Aulus und seine Gattin lieben dich wie ihre eigene Tochter, und ich bin überzeugt, sie würden bereit sein, dich an Kindesstatt anzunehmen. Vinicius würde dich vielleicht heiraten, Lygia.«

Aber sie antwortete leise und noch trauriger: »Ich will lieber zu den Lygiern fliehen.«

»Lygia, wünschst du, daß ich sogleich zu Vinicius gehe, ihn wecke, wenn er schläft, und ihm dasselbe sage, was ich dir vor einer Weile gesagt habe? Ja; meine teure Lygia, ich will zu ihm gehen und ihm sagen: Vinicius, dies ist eine Königstochter und ein teures Kind des berühmten Aulus; wenn du sie liebst, dann gib sie Aulus zurück und hole sie dir als Gattin aus seinem Hause.«

Aber das Mädchen antwortete mit so leiser Stimme, daß Akte sie kaum verstehen konnte: »Ich will lieber zu den Lygiern fliehen.«

Und zwei Tränen hingen an Lygias gesenkten Wimpern.

Das Geräusch nahender Schritte unterbrach die weitere Unterhaltung, und ehe Akte Zeit fand, zu erkennen, wer käme, erschien Sabina Poppaea vor der Bank mit einem kleinen Gefolge von Sklavinnen. Zwei von diesen hielten an goldenen Griffen befestigte Büschel von Straußenfedern über[113] das Haupt der Augusta, mit denen sie leicht fächelten und Poppaea zugleich vor den noch brennenden Strahlen der Herbstsonne schützten. Vor ihr schritt eine Äthiopierin, schwarz wie Ebenholz und mit strotzenden, wie von Milch schwellenden Brüsten und trug ein Kind auf den Armen, das in goldverbrämten Purpur gehüllt war. Akte und Lygia erhoben sich und glaubten, Poppaea würde an der Bank vorübergehen, ohne sie zu beachten; diese blieb aber vor ihnen stehen und sagte: »Akte, die Glöckchen, die du für das Püppchen sandtest, waren schlecht befestigt; das Kind riß eins ab und steckte es in den Mund; es war ein Glück, daß Lilith es noch rechtzeitig bemerkte.«

»Verzeihung, erhabene Göttin,« antwortete Lygia, die Hände über der Brust kreuzend und das Haupt neigend.

Jetzt begann Poppaea Lygia zu betrachten.

»Was ist das für eine Sklavin?« fragte sie nach einer Weile.

»Es ist keine Sklavin, göttliche Augusta, sondern ein Pflegekind Pomponia Graecinas und Tochter des Königs der Lygier, die von diesem den Römern als Geisel ausgeliefert worden ist.«

»Und sie ist gekommen, dich zu besuchen?«

»Nein, Augusta. Sie wohnt seit gestern im Palaste.«

»War sie beim gestrigen Feste?«

»Ja, Augusta.«

»Auf wessen Befehl?«

»Auf Befehl des Caesars.«

Poppaea begann Lygia noch aufmerksamer zu betrachten. Diese stand mit gesenktem Haupte vor ihr, bald neugierig die strahlenden Augen erhebend, bald sie mit den Lidern bedeckend. Plötzlich zeigte sich eine tiefe Falte zwischen den Brauen der Augusta. Eifersüchtig auf ihre eigene Schönheit und Macht, lebte sie in beständiger Sorge, eines Tages von einer glücklichen Nebenbuhlerin gestürzt zu werden, wie sie selber Octavia gestürzt hatte. Darum erweckte jedes schöne[114] Gesicht im Palast ihren Argwohn. Mit dem Auge eines Kenners betrachtete sie jeden Teil von Lygias Erscheinung, prüfte jeden Zug ihres Gesichtes und erschrak. Das ist eine wahre Nymphe, dachte sie. Sie stammt von Venus ab. Und mit einem Male kam ihr der Gedanke, der ihr bisher noch nie bei dem Anblicke irgend welcher Schönheit gekommen war: daß sie bedeutend gealtert habe. Verletzte Eitelkeit regte sich in ihr, sie wurde von Unruhe gepeinigt, und mannigfache Befürchtungen begannen sich rasch in ihrem Kopfe zu kreuzen. »Vielleicht hat Nero das Mädchen nicht gesehen oder, als er durch den Smaragd blickte, nicht erkannt. Aber was würde sich ereignen, wenn er ein solches Wunder von Schönheit eines Tages bei hellem Sonnenlichte erblickte? ... Zudem ist sie keine Sklavin, sie ist eine Königstochter, zwar aus barbarischem Stamme entsprossen, aber immerhin eine Königstochter! ... Unsterbliche Götter! Sie ist so schön wie ich und jünger!« Die Falte zwischen ihren Brauen wurde noch tiefer, und ihre Augen begannen unter ihren blonden Wimpern in kaltem Glanze zu funkeln.

Dann wandte sie sich an Lygia und begann mit scheinbarer Ruhe zu fragen: »Hast du mit dem Caesar gesprochen?«

»Nein, Augusta!«

»Warum bist du hier und nicht bei Aulus?«

»Es ist nicht mein Wille, Herrin. Petronius hat den Caesar bewogen, mich von Pomponia fortzunehmen; ich bin hier gegen meinen Willen, Herrin ...!«

»Und wünschtest du zu Pomponia zurückzukehren?«

Diese letzte Frage hatte Poppaea mit sanfterer und freundlicherer Stimme gestellt, so daß sich in Lygias Herzen plötzlich neue Hoffnung regte.

»Herrin,« sagte sie, die Hand nach ihr ausstreckend; »der Caesar hat versprochen mich als Sklavin dem Vinicius zu übergeben; aber ich flehe dich an, nimm dich meiner an und sende mich zu Pomponia zurück.«[115]

»Petronius also hat den Caesar dazu gebracht, dich von Aulus fortzunehmen und dem Vinicius zu übergeben?«

»Ja, Herrin. Vinicius wird mich noch heute abholen lassen, aber du habe Mitleid mit mir, du Gütige.«

Bei diesen Worten kniete sie nieder und wartete, indem sie den Saum von Poppaeas Gewand erfaßte, klopfenden Herzens auf ihre Antwort; Poppaea aber sah sie eine Weile mit einem Gesicht an, über das ein böses Lächeln flog, und sagte dann: »Ja, ich verspreche dir, daß du noch heut die Sklavin des Vinicius wirst.«

Und sie schritt davon wie ein schönes, aber böses Gespenst. Zu den Ohren Lygias und Aktes drang nur noch das Geschrei des Kindes, welches aus unbekanntem Anlaß zu weinen begann.

Lygias Augen füllten sich von neuem mit Tränen; nach einer Weile aber ergriff sie Aktes Hand und sagte: »Wir wollen zurückkehren. Hilfe ist nur von dort zu erwarten, woher sie kommen kann.«

Sie kehrten ins Atrium zurück, das sie bis zum Abend nicht verließen. Als es dunkel wurde und die Sklaven vierfache Lampen mit großen Flammen herein brachten, wurden sie beide sehr blaß. Ihr Gespräch stockte jeden Augenblick. Beide lauschten, um zu hören, ob sich jemand nähere. Lygia wiederholte unaufhörlich, daß, wie sehr es sie auch schmerze, Akte verlassen zu müssen, sie es dennoch vorziehe, daß sich alles noch heute vollziehe, da Ursus in der Dunkelheit jetzt schon auf sie warten müsse. Doch ihr Atem wurde infolge der Erregung, in der sie sich befand, rascher und lauter. Akte suchte fieberhaft so viel Kleinodien, wie sie konnte, zusammen, befestigte sie an einem Zipfel des Peplos und bat Lygia, diese Gabe und dieses Hilfsmittel zur Flucht nicht zu verschmähen. Mitunter entstand eine tiefe Stille, während welcher sie fortwährend Gehörstäuschungen ausgesetzt waren. Beiden war es, als hörten sie bald ein Flüstern hinter dem Vorhang, bald das ferne Weinen eines Kindes, bald Hundegebell.[116]

Mit einem Male bewegte sich der Vorhang am Eingange geräuschlos, und ein hochgewachsener, finsterer Mann mit einem von Pockennarben entstellten Gesicht erschien wie ein Geist im Atrium. Lygia erkannte auf den ersten Blick Atacinus, einen Freigelassenen von Vinicius, der auch schon in Aulus' Hause gewesen war.

Akte schrie auf, Atacinus aber verbeugte sich tief und sagte: »Marcus Vinicius entbietet der göttlichen Lygia seinen Gruß und erwartet sie in seinem festlich bekränzten Hause zum Mahle.«

Die Lippen des Mädchens wurden kreideweiß.

»Ich komme,« sagte sie.

Und sie schlang zum Abschiede ihre Arme um Aktes Hals.

Quelle:
Sienkiewicz, Henryk: Quo vadis? Zwei Bände, Leipzig [o.J.], Band 1, S. 108-117.
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