Erster Auftritt

[47] Garten vor dem herzoglichen Pallast zu Parma.

Der Seneschal Don Carlos; hernach Casperle.


DON CARLOS.

Wann werden diese Feste enden,

Dieß Prassen, Schlemmen, Geldverschwenden?

Theater, Bälle, Maskenzüge

Und nimmer Ruhe, kein Genüge.

Noch hat die Herzogin jede Nacht

Ein neu Gelüst sich ausgedacht.

Man darf ihr, scheints, schon gratulieren;

Doch sollte sie mich nicht so vexiren.

Ich weiß nichts Neues zu erdenken

Und sollt ich mir das Hirn verrenken.[47]

Zu Ende längst ist mein Latein;

Müst auch ein Hexenmeister sein.

Doch sieh, wie komm ich mir denn vor?

Am Himmel dort welch Meteor?

Ein goldgeschweifter feurger Drachen:

Sind das nicht wunderliche Sachen?

Das hätt ich gestern wißen sollen:

Ich hätt den Hof drauf bitten wollen.

CASPERLE fällt aus den Wolken vor ihm nieder. Pardauz! Richtig, da lieg ich. Der Kerl hält Wort, das muß wahr sein. Es ist aber doch niedrig. Ich hab ja nur gefragt, ob ich jetzt sprechen dürft, weil wir in Parma wären. Aber wart, ein andermal will ichs ihm schon wieder eintränken.

DON CARLOS.

Fiel der nicht aus den Wolken nieder?

Und lebt und spricht, hat heile Glieder!

Ein Drache hat ihn hergetragen:

Das ist ein Wunder, muß ich sagen!

Gewiss ein großer Hexenmeister,

Der Teufel bannen kann und Geister.

Der kommt warhaftig wie gerufen.

Doch daß er vor des Saales Stufen[48]

Hier niederfällt, wo ich ihn eben

So nöthig hab, ein Fest zu geben,

Das geht nicht zu mit rechten Dingen

Und könnt auf eigne Gedanken bringen

Am Ende hab Ich ihn beschworen

Und bin ein Sonntagskind geboren.

Drum Muth, nur Muth ihn anzureden;

Ich bin doch sonst nicht von den Blöden.

Gelahrter Herr –

CASPERLE. O weh, das ist gewiss der Herzog. Das ist mir jetzt noch nit passiert, mit so einem gnädigen Herrn zu reden. Aber ich fürcht mich nit.

DON CARLOS.

Darf ich nicht fragen,

Wollt ihr mir nicht gefälligst sagen –

CASPERLE zitternd. Ich förcht mich nit, Herr, ganz gewiss, ich förcht mich nit.

DON CARLOS.

Wie ihr euch nennet, und von wannen

Ihr seid. Und könnt ihr Geister bannen?[49]

CASPERLE. Ah, der meint gewiss auch, ich könnt nit schweigen. Da seid ihr irr, Herr, ich kann ganz gut schweigen. Und wenn ichs nit gekonnt hätt, so hätt ichs jetzt gelernt. Hält sich die Ellenbogen als schmerzten sie ihn von dem Fall.

DON CARLOS. Ihr dürft mir unbedingt vertraun.

CASPERLE. Ja, ich merks schon, er will mich ausforschen. Ich werds ihm aber nit sagen, was er gern wißen möcht, daß ich Casperle heiß und meinem Herrn nachgeflogen komm, der des Teufels ist.

DON CARLOS. Einstweilen weiß ich schon genug. Also ist er nur der Bediente. Wie heißt denn sein Herr?

CASPERLE. Ja schauns, das darf ich nit sagen, das ist mir verbotten.

DON CARLOS. Wenn ich ihm aber ein gut Trinkgeld verspreche?[50]

CASPERLE. Versprechen? Dann darf ichs ihm doch nit sagen. Wenn er mir ein guts Trinkgeld gäb, dann sollt ers erfahren.

DON CARLOS. Da nehm er.

CASPERLE. Ja, sagen darf ichs ihm doch nit, aber ich wills ihm zeigen. Macht eine Faust.

DON CARLOS. Was soll das? Faust?

CASPERLE. Na, versteht ers noch nit, er Schafshäutl.

DON CARLOS. Wenn sein Herr Faust heißt, so versteh ich ihn. Faust? Doctor Faust? Von dem hab ich gehört, wenn mir recht ist. Ist er nicht aus Maguntia? Ja, dann mag er wohl in der Magie gut beschlagen sein.

CASPERLE. Er ist nit aus Maguntia, er ist aus Mainz. Aber ist nit ein Bäckerladen in der Näh?[51]

DON CARLOS. Wo will er hin? So kommt er nit fort. Erst soll er mir eine Probe von seiner Kunst geben. Bei einem solchen Herrn muß er was Rechts gelernt haben.

CASPERLE. Ich, was gelernt haben? Na wahrhaftig, nein, da thut er mir ganz Unrecht.

DON CARLOS. Leugn ers nicht, ich hab ihn ja durch die Luft fahren sehen auf dem Behemot.

CASPERLE. Das war kein Behemot, es war ein höllischer Sperling.

DON CARLOS. Gleichviel. Sträub er sich nur nicht länger. Ich verlangs ja nicht umsonst, auf ein gutes Trinkgeld kann er zählen.

CASPERLE. J, was soll ich ihm denn machen? Soll ich vielleicht ein ungeheures Gewäßer herströmen laßen, das uns alle beide verschlingt?

DON CARLOS. Nein, das ist zu gefährlich. Ein ander Kunststück, wenns beliebt.[52]

CASPERLE. Oder soll ich Flammen aus dem Erdboden schlagen laßen, daß wir alle zwei beid zu Asch verbrennen?

DON CARLOS. Auch das wäre bedenklich.

CASPERLE. So soll gleich ein Mühlstein aus der Luft herunterfahren und ihn zehntausend Klafter tief in die Erde schlagen.

DON CARLOS. Ich sehe wohl, er hat mich zum Besten. Das sind ja lauter halsbrechende Geschichten. Damit mag ich nichts zu thun haben. Gebt uns ein einfaches Gesellschaftsstück, wobei keine Gefahr ist, wenigstens nicht auf meiner Seite.

CASPERLE. So gebt wohl Achtung. Ich werd jetzt in die Luft fahren, ganz hoch, weit über die Wolken hinaus, daß ihr mich gar nicht mehr sehen könnt. Seid ihr damit zufrieden?

DON CARLOS. Ei, warum nicht? Das möcht ich schon sehen.[53]

CASPERLE. Na gut denn, so gebt Obacht. Aber Apelpo, die Bezahlung verlang ich voraus, denn ich werd so hoch fliegen, daß ich so bald nit wieder komm.

DON CARLOS. Nein, dann laß ers doch lieber, denn er muß mich ja gleich zu seinem Herrn führen. Das Trinkgeld soll er gleich haben; aber mach er ein ander Kunststück. Giebt ihm Geld.

CASPERLE. Wenn ihr so schwätzt, könnt ihr Alles von mir haben. Ich werd itzt ein fein Stück machen; aber gebt den Augen wohl die Kost, denn es ist gar fein. Dreht sich auf dem Absatz herum. Habt ihrs gesehn?

DON CARLOS. Nein, nichts.

CASPERLE. Ja schauns! J hab auch nix gmacht.

DON CARLOS. Ich muß aber durchaus was sehen.[54]

CASPERLE. Müßt ihr durchaus was sehen? So nehmt guten Rath an und machts selber, denn ich kanns halt nit. Läuft auf und davon.

DON CARLOS sieht ihm nach. Das ist ein Tausendsasa. Aber da kommt seine Durchlaucht.


Quelle:
Simrock, Karl: Doctor Johannes Faust. Frankfurt am Main 1846, S. 47-55.
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