4. Szene.

[40] Mephistopheles. Doktor Faust.

Fausts Vater auf einem Stein in der Tiefe in Bettlerkleidung.


MEPHISTOPHELES. Hier ist er selbst.

DOKTOR FAUST. Wie? Dieser Elende?

MEPHISTOPHELES. Dein Vater.[40]

DOKTOR FAUST auf ihn zustürzend, zu seinen Füßen sinkend. Vater!

FAUSTS VATER. Du bist's, Hans? Du bist's wirklich?

DOKTOR FAUST. Euer undankbarer, reuiger Sohn.

FAUSTS VATER. Ach! Ich dachte, du hättest mich vergessen.

DOKTOR FAUST. Eh' die ganze Schöpfung als euch. Aber wie? In welcher Lage treff' ich euch?

FAUSTS VATER. Ja, ich verkaufte die Hütte, dich auszulösen.

DOKTOR FAUST. Vater!

FAUSTS VATER. Und trug das bißchen Geld nach Ingolstadt.

DOKTOR FAUST. Unnatürlicher Sohn!

FAUSTS VATER. Als ich hinkam, sagten die Leute, du hättest dich der Zauberei ergeben und der Böse hätte dich weggeführt. Aber ich glaubt's nicht, denn du bist ja ein Gelehrter.

DOKTOR FAUST. Weh mir!

FAUSTS VATER. Trostlos wollt' ich also zurück. Am Tor nahmen sie mich auf deinen Namen gefangen. Endlich ließen sie mich los, aber mein bißchen Habe blieb in den Händen der Amtleute und Gerichtsfronen.

DOKTOR FAUST. Die Ungeheuer! Dies sollen sie mir büßen.

FAUSTS VATER. Da bettelte ich mich denn zurück in meine Heimat.

DOKTOR FAUST. Und dann?

FAUSTS VATER. Die Hütte war verkauft. Des Nachbars Scheune ist nun meine Wohnung und Almosen guter Leute meine Nahrung.

DOKTOR FAUST. O namenlos schrecklich! Und meine Mutter?

FAUSTS VATER. Die zog zur Miete, indes ich dich aufsuchte. Als sie nicht bezahlen konnte, stieß man sie auf die Straße. Dort starb sie.

DOKTOR FAUST. O haltet fest, ihr Sehnen meines Fleisches![41]

FAUSTS VATER. Unbegraben lag sie hinter jenem Zaun. Ich vertauschte meine Kleider gegen diese Lumpen und zahlte die Leichgebühren.

DOKTOR FAUST. Schändlich! Entsetzlich!

FAUSTS VATER. Und das alles ist dein Werk, Ruchloser!

DOKTOR FAUST. Vater!

FAUSTS VATER. Dir zulieb netzten wir unser trockenes Brot mit Schweiß und Tränen – und so lohnst du's.

DOKTOR FAUST. O vergebt!

FAUSTS VATER. Ziehst in der Welt umher in Saus und Braus, indes dein alter Vater bettelt.

DOKTOR FAUST. Wahrlich, nicht länger.

FAUSTS VATER. Und da höhnen mich noch die Leute: Euer Sohn hat ja Gold in Säcken, sprechen sie, laßt euch doch helfen!

DOKTOR FAUST. Das soll er, das will er.

FAUSTS VATER. Wie? Du könntest?

DOKTOR FAUST. Vergüten, was ich kann.

FAUSTS VATER. Wirklich, lieber Hans? Du hast also Gold?

DOKTOR FAUST. Kann ich die Jahre eures Kummers damit zurückkaufen, diese bleichen Haare färben, die Mutter damit aus dem Grabe wecken? Vater, weh mir, ich habe nur Gold.

FAUSTS VATER. Viel Gold?

DOKTOR FAUST. Soviel ihr verlangt.

FAUSTS VATER. Herzensjunge! Nun seh' ich, daß ich dir Unrecht getan habe.

DOKTOR FAUST. Es kostet mich viel.

FAUSTS VATER. Was denn?

DOKTOR FAUST. Meine Seele!

FAUSTS VATER. Wirklich? Nun, du bist ja gelehrt.

DOKTOR FAUST ernster. Meine Seele, sag' ich euch.

FAUSTS VATER. Du verstehst das besser, du wirst dafür schon sorgen.[42]

DOKTOR FAUST. Vater, ich erkenn' euch nicht.

FAUSTS VATER. Nun werd' ich auch meine Hütte wieder kaufen können.

DOKTOR FAUST. Das ganze Dorf, wenn ihr wollt.

FAUSTS VATER. Das Herz frißt mir's ab, so oft ich dort am Fensterchen um ein Stück Brot anpochen muß. Aber wo hast du denn dein Gold?

DOKTOR FAUST. Geht in jenes Haus!

FAUSTS VATER. Was, in dieses Schloß? Je, wo kommt es denn her?

DOKTOR FAUST. Fragt nicht! Es ist euer und alles, was es enthält.

FAUSTS VATER ihm um den Hals fallend. Goldner Junge! Und da werd' ich finden?

DOKTOR FAUST. Mehr, als ihr je träumtet und hofftet.

FAUSTS VATER auf das Schloß zueilend. Freude über Freude! Ab.


Quelle:
Soden, Julius von: Doktor Faust. Neustadt a.d. Aisch 1931, S. 40-43.
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