9. Szene.

[88] Freier Platz.

Doktor Faust und Volk. Fortgesetztes Getümmel.


DOKTOR FAUST vom Volk auf den Schultern getragen. Brüder! Mitbürger! Hört mich!

VOLK. Hört ihn!

ANDERE STIMME. Bringt ihn auf den Hügel! Man bringt Doktor Faust auf einen Hügel.

DOKTOR FAUST. Ich bitt' euch, seid ruhig und hört mich!

VOLK. Stille! Stille! Hört ihn! Stille! Stille.

DOKTOR FAUST. Ich folgte euch. Ich hab' euch alles aufgeopfert, was mir auf Erden lieb und teuer ist. Nun sprecht: was wollt ihr?

VOLK. Wir sind freie Deutsche! Wir wollen frei sein!

DOKTOR FAUST. Frei? Recht so, edle Mitbürger! Ja, ihr seid freie Deutsche! Und Freiheit ist des Deutschen edles Kleinod! Aber wißt ihr auch, was das heißt?

EINE STIMME. Hinweg mit den Steuern, den Fronen, den Schatzungen, den Beeten. Sie pressen unsern letzten Schweiß aus.

ANDERE STIMME. Sollen wir denn ewig für die Vornehmen arbeiten?

ANDERE STIMME. Fort mit den Kanzleiherren, Amtleuten und Gerichtsfronen, die uns wie das Vieh behandeln. Sind wir denn nicht auch Menschen wie sie?

ANDERE STIMME. Fort mit den Pfaffen, Edelleuten und Müßiggängern! Sie trinken unser Blut und mästen sich von unserm Schweiß.

ANDERE STIMME. Und ihre Tiere verwüsten unsere Felder.

ANDERE STIMME. Und sie höhnen unsres Elends.

ANDERE STIMME. Fort! Fort mit ihnen!

VOLK. Wir wollen frei sein!

DOKTOR FAUST. Ich habe euch gehört, hört nun auch mich![88]

VOLK. Stille! Stille!

DOKTOR FAUST. Mitbürger! Wollt ihr den Kaiser ehren und das Heilige Reich?

VOLK. Ja! Ja!

DOKTOR FAUST. Und alle rechtmäßige Obrigkeit?

VOLK. Wir wollen!

DOKTOR FAUST. Schwört mir's!

VOLK. Wir schwören!

DOKTOR FAUST. Nun wohlan! Dann zieh' ich mit euch, euren gerechten Beschwerden abzuhelfen, meinem Vaterlande die Freiheit zu erkämpfen, und gält's den letzten Tropfen dieses Bluts!

VOLK. Hallo! Hoch lebe Vater Faust, der Retter des Vaterlands!

DOKTOR FAUST. Hört mich nun, Mitbürger, und merkt wohl auf! Ihr wollt frei sein und edel! Das ist der unauslöschbare Charakter des Deutschen. Aber wollt ihr nicht auch ferner beisammenwohnen, das Land bauen und Hantierung treiben mit und nebeneinander, ruhig und friedlich?

VOLK. Freilich, das wollen wir.

DOKTOR FAUST. So müßt ihr Gesetze haben, die euer Eigentum schützen, den Guten schützen gegen den Bösen, den Schwachen gegen den Starken, den Furchtsamen gegen den Uebermütigen. Gesetze müssen euch beherrschen.

VOLK. Recht so!

DOKTOR FAUST. Brav, meine Mitbürger! Diese Gesetze müssen aber vollstreckt werden. Ihr müßt also Richter haben und Leute, die Ordnung halten. Es ist billig, daß es rechtschaffene Männer sind, die euer Zutrauen besitzen; aber ihr müßt ihnen gehorchen.

VOLK. Das wollen wir, das wollen wir!

DOKTOR FAUST. Ihr wollt beisammen bleiben und wohnen. Ihr wollt ein Volk ausmachen. Ja, meine Brüder, ja, edle Mitbürger, das wollen wir! Deutschland muß wieder ein Volk werden und längst sonnt sich meine Seele an dieser glorreichen Hoffnung! Aber dazu, Brüder, gehört Kraft, Mut und Opfer, eures Guts und Bluts, eures Lebens und Habe![89]

VOLK. Was sagt er da?

DOKTOR FAUST. Ihr wollt frei sein, so seid gerecht! Und vor allem ehrt das Eigentum! Sonst stiftet ihr nur eine Räuberhöhle! Wer unrecht Gut besitzt, geb' es heraus! Aber ihr wollt die Geistlichen und Edelleute verjagen. Warum? Weil sie Edelleute und reich sind! Warum? Um euch in ihre Güter zu teilen! Das wäre ungerecht und schändlich. Pfui! Gottes Priester dürfen nicht betteln; der Edelmann ist euer Mitbürger. Wollt ihr alle edel sein, so seid alle tugendhaft! Sorgt dann nicht! Der Tugend Flammenadel verzehrt den papiernen! Wollt ihr alle reich sein, so arbeitet!

VOLK. Der ist bestochen!

ANDERE STIMME. Das ist ein Verräter!

ANDERE STIMME. Habt ihr von dem Teufelsbanner etwas anders erwartet?

VOLK. Was? Was? Herunter mit ihm! Die Pfaffen und Edelleute haben ihn bestochen.

STIMME. Erwürgt ihn! Erwürgt ihn!

DOKTOR FAUST. Brüder! Bürger! Hört mich –

STIMME. Erwürgt den Verräter! Alle dringen auf ihn ein.

STIMME. Zerreißt ihn! Hängt ihn an den nächsten Baum!

DOKTOR FAUST. Was? So soll meine Laufbahn sich enden? Salomo, dein Siegel schütze mich!

MEPHISTOPHELES in der Luft. Fürchte nichts, Gebieter! Er führt auf Fausts Mantel ihn in der Luft davon; das Volk zerstreut sich.


Quelle:
Soden, Julius von: Doktor Faust. Neustadt a.d. Aisch 1931, S. 88-90.
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