Am Geburtstage meines ehemaligen Lehrers, Herrn Inspektors Grandhomme, zu Stockstadt

[100] Im Namen seiner sieben Kinder


Sey willkommen uns, du holder Morgen,

Sey gegrüsst, o jubelvoller Tag!

Unsern Blick verkläret hohe Freude,

Rascher hebt sich unsers Herzens Schlag;


Heute hat vor fünf und sechszig Jahren

Dich, o Vater, einst das Licht gegrüsst;

Von Entzücken glänzet sie, die Thräne,

Die dem tiefgerührten Blick entfliesst;


Die der Frauen, die der Mütter Beste

Leise flehend zu dem Himmel weint,

Wenn aus treuem Herzen späte Tage

Sie dem Gatten wünschet und dem Freund!


Sieh', o Vater! Deine sieben Kinder,

Alle Deiner treuen Sorgen werth,

Dich umringen und das freudig üben,

Was Dein edles Leben sie gelehrt!
[101]

Sieh', wie Deine goldgelockten Enkel

Hochentzückt in unsern Reihen stehn,

Und zu ihres Ahnherrn vielen Jahren

Neue Jahre reich an Freuden flehn!


Dankbarkeit und Liebe schlingen Kränze,

Wie sie fromme Kindesliebe schlingt;

Nimm es gütig auf, dies kleine Kränzchen,

Das dir unser Kreis entgegen bringt!


Jeder Morgen, jeder Abend webe

Frische Rosen in Dein Lebens-Glück,

Heiter, wie des Himmels blauer Azur

Flieh' Dein Daseyn, lächle uns Dein Blick!


Sind Dir Thränen, Vater! noch beschieden,

O dann fächle sanfte Himmels Ruh,

Wie aus Edens stillen Friedenslauben

Dir der freundlichste der Engel zu!


Silberhaare schmücken Deinen Scheitel;

Heil dem, der sie so mit Ehren trägt!

Ruhig wandelt er des Lebenspfade,

Bis der ernsten Stunde Glocke schlägt.


Heilig wird uns Dein Gedächtniss bleiben,

Schliesst Du einst den ehrenvollen Lauf:

Denn die reine That des Edlen wuchert,

Und sein Engel schreibt sie fröhlich auf;
[102]

Windet sie, zu stralenvollen Kränzen,

Wenn er unterm Palmen-Schatten geht,

Und, umringt von seiner Kinder Schaaren,

Selig nun vor seinem Richter steht!

Quelle:
Elise Sommer: Gedichte, Frankfurt a.M. 1813, S. 100-103.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Cardenio und Celinde

Cardenio und Celinde

Die keusche Olympia wendet sich ab von dem allzu ungestümen jungen Spanier Cardenio, der wiederum tröstet sich mit der leichter zu habenden Celinde, nachdem er ihren Liebhaber aus dem Wege räumt. Doch erträgt er nicht, dass Olympia auf Lysanders Werben eingeht und beschließt, sich an ihm zu rächen. Verhängnisvoll und leidenschaftlich kommt alles ganz anders. Ungewöhnlich für die Zeit läßt Gryphius Figuren niederen Standes auftreten und bedient sich einer eher volkstümlichen Sprache. »Cardenio und Celinde« sind in diesem Sinne Vorläufer des »bürgerlichen Trauerspiels«.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon