An ein Abendlüftchen

[146] Als ich an meine Söhne zu Bergen auf der Insel Rügen dachte


Flieh'! liebes Abendlüftchen, hin,

Wo immer ich im Geiste bin!

Nach meines Vaterlandes Höh'n

Sollst du mit holdem Lispeln weh'n!


Auf seidnen Flügeln bringe du

Viel Grüsse meinen Lieben zu,

Sag' ihnen, wie so freudenleer

Jetzt irrt Elise hin und her!


Wenn ihr der Schlaf zur Ruhe winkt,

Und matt die nasse Wimper sinkt,

Dann trägt sie durch den weiten Raum

Die bunte Phantasie im Traum.


Dann führt sie Euch, o welch ein Glück!

Voll Sehnsucht an ihr Herz zurück;

Dann ruht sie süss an Eurer Brust,

Und Wellen schlägt ihr Herz für Lust!
[147]

Doch bald, wie Morgen – Nebel fliehn,

Eilt auch der goldne Traum dahin;

Und vor ihr steht die Wirklichkeit

Der traurigsten Verlassenheit! –


Mit neuen holden Reizen lacht

Des jungen Frühlings höchste Pracht;

Sein Balsamduft durchweht die Flur,

Mit Veilchen kränzt er die Natur!


Die Knospen drängen sich hervor,

Es jauchzt der Lerchen muntres Chor,

Entfesselt fliesst im Silberbach

Die Welle rieselnd Wellen nach.


Die Thäler und die Hügel blühn

Im sanften malerischen Grün;

Dem blauen Nebelmeer, entschwebt

Ein Sylphen-Chor, aus Duft gewebt.


Vergebens weckt die Phantasie

Des holden Lenzes Harmonie;

Der Liebe Sehnsucht trübt den Blick,

Und malet das entfloh'ne Glück.


Durch Blut und Sympathie verwandt,

Umschlinget uns ein heil'ges Band.

Ach! unsrer Liebe lautrer Quell

Strömt ewig glühend, ewig hell!
[148]

Mein Geist umschwebt Euch überall

Im Morgen- wie im Abendstral;

Euch bring' er heitre Seelenruh

Auf Flügeln treuer Liebe zu!


Er weht auf Eures Eilands Flur

Euch an im Tempel der Natur;

Aus jedes Baches Welle spricht

Ein mahnendes Vergissmeinnicht! –

Quelle:
Elise Sommer: Gedichte, Frankfurt a.M. 1813, S. 146-149.
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