Vierter Auftritt

[15] Vorige. Leonore.


Leonore trägt ein dunkles Wams, ein rotes Gilet, dunkles Beinkleid, kurze Stiefel, einen breiten Gürtel von schwarzem Leder mit einer kupfernen Schnalle; ihre Haare sind in eine Netzhaube gesteckt. Auf dem Rücken trägt sie ein Behältnis mit Lebensmitteln, auf den Armen Ketten, die sie beim Eintreten an dem Stübchen des Pförtners ablegt; an der Seite hängt ihr eine blecherne Büchse an einer Schnur.


MARZELLINE auf Leonore zulaufend. Wie er belastet ist. Lieber Gott! Der Schweiß läuft ihm von der Stirn. Sie nimmt ihr Schnupftuch und versucht, ihr das Gesicht abzutrocknen.

ROCCO. Warte! Warte! Er hilft mit Marzelline ihr das Behältnis vom Rücken nehmen; es wird beim Bogengange links niedergesetzt.

JAQUINO beiseite auf der Vorderbühne. Es war auch der Mühe wert, so schnell aufzumachen, um den Patron[15] da hereinzulassen. Er geht in sein Stübchen, kommt aber bald wieder heraus, macht den Geschäftigen, sucht aber eigentlich Marzelline, Leonore und Rocco zu beobachten.

ROCCO zu Leonore. Armer Fidelio, diesmal hast du dir zuviel aufgeladen.

LEONORE vorgehend und sich das Gesicht abtrocknend. Ich muß gestehen, ich bin ein wenig ermüdet. Der Schmied hatte an den Ketten so lange auszubessern, daß ich glaubte, er würde nicht damit fertig werden.

ROCCO. Sind sie jetzt gut gemacht?

LEONORE. O gewiß, recht gut und stark. Keiner der Gefangenen wird sie zerbrechen.

ROCCO. Wieviel kostet alles zusammen?

LEONORE. Zwölf Piaster ungefähr. Hier ist die genaue Berechnung.

ROCCO durchgeht die Rechnung. Gut, brav! Zum Wetter! Da gibt's Artikel, auf denen wir wenigstens das Doppelte gewinnen können. Du bist ein kluger Junge! Ich kann gar nicht begreifen, wie du deine Rechnungen machst. Du kaufst alles wohlfeiler als ich. In den sechs Monaten, seit ich dir die Anschaffung der Lebensmittel übertrug, hast du mehr gewonnen als ich vorher in einem ganzen Jahr. Beiseite. Der Schelm gibt sich alle diese Mühe offenbar meiner Marzelline wegen.

LEONORE. Ich suche zu tun, was mir möglich ist.

ROCCO. Ja, ja, du bist brav, man kann nicht eifriger, nicht verständiger sein. Ich habe dich aber auch mit jedem Tage lieber und – sei versichert, dein Lohn soll nicht ausbleiben. Er wirft während der letzten Worte wechselnde Blicke auf Leonore und Marzelline.

LEONORE verlegen. O glaubt nicht, daß ich meine Schuldigkeit nur des Lohnes wegen –

ROCCO. Still! Mit Blicken wie vorher. Meinst du, ich könnte dir nicht ins Herz sehen? Er scheint sich an der zunehmenden Verlegenheit Leonores zu weiden und geht dann beiseite, um die Ketten zu betrachten.


[16] Nr. 3. Quartett Kanon


MARZELLINE welche während des Lobes, das Rocco Leonore erteilte, die größte Teilnahme hat blicken lassen und Leonore mit immer zunehmender Bewegung liebevoll betrachtet hat, für sich.

Mir ist so wunderbar,

Es engt das Herz mir ein.

Er liebt mich, es ist klar,

Ich werde glücklich sein.

LEONORE für sich.

Wie groß ist die Gefahr,

Wie schwach der Hoffnung Schein.

Sie liebt mich, es ist klar,

O namenlose Pein!

ROCCO der währenddessen wieder auf die Vorderbühne zurückgekehrt ist, für sich.

Sie liebt ihn, es ist klar;

Ja, Mädchen, er wird dein.

Ein gutes, junges Paar,

Sie werden glücklich sein.

JAQUINO der unter dem Beobachten sich immer mehr genähert hat, auf der Seite und etwas hinter den übrigen stehend, für sich.

Mir sträubt sich schon das Haar,

Der Vater willigt ein.

Mir wird so wunderbar,

Mir fällt kein Mittel ein.


Er geht in seine Stube zurück.


ROCCO. Höre, Fidelio, wenn ich auch nicht weiß, wie und wo du auf die Welt gekommen bist, und wenn du auch gar keinen Vater gehabt hättest, so weiß ich doch, was ich tue – ich – ich mache dich zu meinem Tochtermann.

MARZELLINE hastig. Wirst du es bald tun, lieber Vater?

ROCCO lachend. Ei, ei, wie eilfertig! Ernsthafter. Sobald der Gouverneur nach Sevilla gereist sein wird, dann haben wir mehr Muße. Ihr wißt ja, daß er alle Monate hingeht, um über alles, was hier in dem Staatsgefängnis vorfällt, Rechenschaft zu geben. In[17] einigen Tagen muß er wieder fort, und den Tag nach seiner Abreise gebe ich euch zusammen. Darauf könnt ihr rechnen.

MARZELLINE. Den Tag nach seiner Abreise? Das machst du vernünftig, lieber Vater.

LEONORE schon vorher sehr betreten, aber jetzt sich freudig stellend. Den Tag nach seiner Abreise? Beiseite. O welche neue Verlegenheit!

ROCCO. Nun, meine Kinder, ihr habt euch doch recht herzlich lieb, nicht wahr? Aber das ist noch nicht alles, was zu einer guten, vergnügten Haushaltung gehört; man braucht auch –


Er macht die Gebärde des Geldzählens.

Nr. 4. Arie


ROCCO.

Hat man nicht auch Gold beineben,

Kann man nicht ganz glücklich sein;

Traurig schleppt sich fort das Leben,

Mancher Kummer stellt sich ein.

Doch wenn's in den Taschen fein klingelt und rollt,

Da hält man das Schicksal gefangen,

Und Macht und Liebe verschafft dir das Gold

Und stillet das kühnste Verlangen.

Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,

Es ist ein schönes Ding, das Gold.


Wenn sich nichts mit nichts verbindet,

Ist und bleibt die Summe klein;

Wer bei Tisch nur Liebe findet,

Wird nach Tische hungrig sein.

Drum lächle der Zufall euch gnädig und hold

Und segne und lenk' euer Streben;

Das Liebchen im Arme, im Beutel das Gold,

So mögt ihr viel Jahre durchleben.

Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,

Es ist ein mächtig Ding, das Gold.

LEONORE. Ihr könnt das leicht sagen, Meister Rocco, aber ich, ich behaupte, daß die Vereinigung zweier gleichgestimmter Herzen die Quelle des wahren ehelichen Glückes ist. Mit Wärme. O dieses Glück muß der größte Schatz auf Erden sein! Sich wieder fassend[18] und mäßigend. Freilich gibt es noch etwas, was mir nicht weniger kostbar sein würde, aber mit Kummer sehe ich, daß ich es durch alle meine Bemühungen nicht erhalten werde.

ROCCO. Und was wäre denn das?

LEONORE. Euer Vertrauen! Verzeiht mir diesen kleinen Vorwurf, aber oft sehe ich Euch aus den unterirdischen Gewölben dieses Schlosses ganz außer Atem und ermattet zurückkommen. Warum erlaubt Ihr mir nicht, Euch dahin zu begleiten? Es wäre mir so lieb, wenn ich Euch bei Eurer Arbeit helfen und Eure Beschwerden teilen könnte.

ROCCO. Du weißt doch, daß ich den strengsten Befehl habe, niemanden, wer es auch sein mag, zu den Staatsgefangenen zu lassen.

MARZELLINE. Es sind ihrer aber gar zu viele in dieser Festung. Du arbeitest dich ja zu Tode, lieber Vater.

LEONORE. Sie hat recht, Meister Rocco. Man soll allerdings seine Schuldigkeit tun; Zärtlich. aber es ist doch auch erlaubt, mein ich, zuweilen daran zu denken, wie man sich für die, die uns angehören und lieben, ein bißchen schonen kann. Sie drückt eine seiner Hände in den ihrigen.

MARZELLINE Roccos andere Hand an ihre Brust drückend. Man muß sich für seine Kinder zu erhalten suchen.

ROCCO sieht beide gerührt an. Ja, ihr habt recht, diese schwere Arbeit würde mir doch endlich zuviel werden. Der Gouverneur ist zwar sehr streng, er muß mir aber doch erlauben, dich in die geheimen Kerker mit mir zu nehmen. Leonore macht eine heftige Gebärde der Freude. Indessen gibt es ein Gewölbe, in das ich dich wohl nie werde führen dürfen, obschon ich mich ganz auf dich verlassen kann.

MARZELLINE. Vermutlich, wo der Gefangene sitzt, von dem du schon einige Male gesprochen hast?

ROCCO. Du hast's erraten.

LEONORE forschend. Ich glaube, es ist schon lange her, daß er gefangen ist?

ROCCO. Es ist schon über zwei Jahre.[19]

LEONORE heftig. Zwei Jahre, sagt Ihr? Sich fassend. Er muß ein großer Verbrecher sein.

ROCCO. Oder er muß große Feinde haben, das kommt ungefähr auf eins heraus.

MARZELLINE. So hat man denn nie erfahren können, woher er ist und wie er heißt?

ROCCO. O wie oft hat er mit mir von alledem reden wollen.

LEONORE. Nun?

ROCCO. Für unsereinen ist's aber am besten, so wenig Geheimnisse als möglich zu wissen, darum hab ich ihn auch nie angehört. Ich hätte mich verplappern können, und ihm hätte ich doch nicht genützt. Geheimnisvoll. Nun, er wird mich nicht lange mehr quälen. Es kann nicht mehr lange mit ihm dauern.

LEONORE beiseite. Großer Gott!

MARZELLINE. Lieber Himmel! Wie hat er denn eine so schwere Strafe verdient?

ROCCO noch geheimnisvoller. Seit einem Monat schon muß ich auf Pizarros Befehl seine Portion immer kleiner machen. Jetzt hat er binnen vierundzwanzig Stunden nicht mehr als zwei Unzen schwarzes Brot und ein halb Maß Wasser; kein Licht als den Schein einer Lampe – kein Stroh mehr – nichts –

MARZELLINE. O lieber Vater, führe Fidelio ja nicht zu ihm! Diesen Anblick könnte er nicht ertragen.

LEONORE. Warum denn nicht? Ich habe Mut und Stärke!

ROCCO sie auf die Schulter klopfend. Brav, mein Sohn, brav! Wenn ich dir erzählen wollte, wie ich anfangs in meinem Stande mit meinem Herzen zu kämpfen hatte! – Und ich war doch ein ganz anderer Kerl als du mit deiner feinen Haut und deinen weichen Händen.


Nr. 5. Terzett


ROCCO.

Gut, Söhnchen, gut,

Hab immer Mut,

Dann wird dir's auch gelingen.

Das Herz wird hart[20]

Durch Gegenwart

Bei fürchterlichen Dingen.

LEONORE mit Kraft.

Ich habe Mut!

Mit kaltem Blut

Will ich hinab mich wagen.

Für hohen Lohn

Kann Liebe schon

Auch hohe Leiden tragen.

MARZELLINE zärtlich.

Dein gutes Herz

Wird manchen Schmerz

In diesen Grüften leiden.

Dann kehrt zurück

Der Liebe Glück

Und unnennbare Freuden.

ROCCO.

Du wirst dein Glück ganz sicher bauen.

LEONORE.

Ich hab auf Gott und Recht Vertrauen.

MARZELLINE.

Du darfst mir auch ins Auge schauen,

Der Liebe Macht ist auch nicht klein.

Ja, wir werden glücklich sein.

LEONORE.

Ja, ich kann noch glücklich sein.

ROCCO.

Ja, ihr werdet glücklich sein. –

Der Gouverneur soll heut erlauben,

Daß du mit mir die Arbeit teilst.

LEONORE.

Du wirst mir alle Ruhe rauben,

Wenn du bis morgen nur verweilst.

MARZELLINE.

Ja, guter Vater, bitt ihn heute,

In kurzem sind wir dann ein Paar.

ROCCO.

Ich bin ja bald des Grabes Beute,

Ich brauche Hilf', es ist ja wahr.

LEONORE für sich.

Wie lang bin ich des Kummers Beute!

Du, Hoffnung, reichst mir Labung dar.

MARZELLINE zärtlich zu Rocco.

Ach, lieber Vater, was fällt Euch ein?

Lang Freund und Rater müßt Ihr uns sein.

ROCCO.

Nur auf der Hut, dann geht es gut,

Gestillt wird euer Sehnen.

Gebt euch die Hand und schließt das Band

In süßen Freudentränen.

LEONORE.

Ihr seid so gut, Ihr macht mir Mut,[21]

Gestillt wird bald mein Sehnen!


Für sich.


Ich gab die Hand zum süßen Band,

Es kostet bittre Tränen.

MARZELLINE.

O habe Mut! O welche Glut!

O welch ein tiefes Sehnen!

Ein festes Band mit Herz und Hand.

O süße, süße Tränen!

ROCCO. Aber nun ist es Zeit, daß ich dem Gouverneur die Briefschaften überbringe.


Nr. 6. Marsch


ROCCO. Ah! Er kommt selbst hierher! Zu Leonore. Gib sie, Fidelio, und dann entfernt euch!


Leonore nimmt die Blechbüchse ab, gibt sie Rocco und geht mit Marzelline ab ins Haus.

Während des zuvor begonnenen Marsches wird das Haupttor durch Schildwachen von außen geöffnet, Offiziere ziehen mit einem Detachement ein, dann kommt Pizarro, das Tor wird wieder geschlossen.


Quelle:
Ludwig van Beethoven: Fidelio. Stuttgart 1970, S. 15-22.
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Berühmte Opernchöre: Chor der Gefangenen aus
Fidelio : an opera in two acts (1903)

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