Fünfter Auftritt

[22] Rocco. Pizarro. Offiziere. Wachen.


PIZARRO zu den Offizieren. Drei Schildwachen auf den Wall! Sechs Mann Tag und Nacht an die Zugbrücke, ebenso viele gegen den Garten zu, und jedermann, der sich dem Graben der Festung nähert, werde sogleich vor mich gebracht! Zu Rocco. Ist etwas Neues vorgefallen?

ROCCO. Nein, Herr.

PIZARRO. Wo sind die Depeschen?

ROCCO nimmt die Briefe aus der Blechbüchse. Hier sind sie.

PIZARRO öffnet die Papiere und durchgeht sie. Immer Empfehlungen oder Vorwürfe. Wenn ich auf alles das achten wollte, würde ich nie damit zu Ende kommen. Er hält bei einem Briefe an. Was seh ich? Mich dünkt, ich kenne diese Schrift. Er öffnet den Brief,[22] geht weiter vor. Rocco und die Wachen ziehen sich mehr zurück. Er liest. »Ich gebe Ihnen Nachricht, daß der Minister in Erfahrung gebracht hat, daß die Staatsgefängnisse, denen Sie vorstehen, mehrere Opfer willkürlicher Gewalt enthalten. Er reist morgen ab, um Sie mit einer Untersuchung zu überraschen. Seien Sie auf Ihrer Hut und suchen Sie sich sicherzustellen.« Betreten. Ah, wenn er entdeckte, daß ich diesen Florestan in Ketten liegen habe, den er längst tot glaubt, ihn, der so oft meine Rache reizte, der mich vor dem Minister enthüllen und mir seine Gunst entziehen wollte. – Doch, es gibt ein Mittel! Rasch. Eine kühne Tat kann alle Besorgnisse zerstreuen!


Nr. 7. Arie mit Chor


PIZARRO.

Ha, welch ein Augenblick!

Die Rache werd ich kühlen,

Dich rufet dein Geschick!

In seinem Herzen wühlen,

O Wonne, großes Glück!

Schon war ich nah, im Staube,

Dem lauten Spott zum Raube,

Dahingestreckt zu sein.

Nun ist es mir geworden,

Den Mörder selbst zu morden;

In seiner letzten Stunde,

Den Stahl in seiner Wunde,

Ihm noch ins Ohr zu schrein:

Triumph! Der Sieg ist mein!

CHOR DER WACHE halblaut unter sich.

Er spricht von Tod und Wunde!

Nun fort auf unsre Runde,

Wie wichtig muß es sein!

Er spricht von Tod und Wunde!

Wacht scharf auf eurer Runde,

Wie wichtig muß es sein!

PIZARRO. Ich darf keinen Augenblick säumen, alle Anstalten zu meinem Vorhaben zu treffen. Heute soll der Minister ankommen. Nur die größte Vorsicht und Eile können mich retten. Zu dem Offizier.[23] Hauptmann! Hören Sie. Er führt ihn vor und spricht leise mit ihm. Besteigen Sie mit einem Trompeter sogleich den Turm. Sehen Sie unablässig und mit der größten Achtsamkeit auf die Straße von Sevilla. Sobald Sie einen Wagen von Reitern begleitet erblicken, lassen Sie augenblicklich ein Zeichen geben. Verstehn Sie, augenblicklich! Ich erwarte die größte Pünktlichkeit. Sie haften mir mit Ihrem Kopf dafür. Der Offizier geht ab. Pizarro zur Wache. Fort auf eure Posten! Die Wache geht. Pizarro zu Rocco. Alter!

ROCCO. Herr!

PIZARRO betrachtet ihn eine Weile aufmerksam, für sich. Ich muß ihn zu gewinnen suchen. Ohne seine Hilfe kann ich es nicht ausführen. Laut. Komm näher!


Nr. 8. Duett


PIZARRO.

Jetzt, Alter, hat es Eile!

Dir wird ein Glück zuteile,

Du wirst ein reicher Mann;


Er wirft ihm einen Beutel zu.


Das geb ich nur daran.

ROCCO.

So sagt doch nur in Eile,

Womit ich dienen kann.

PIZARRO.

Du bist von kaltem Blute,

Von unverzagtem Mute

Durch langen Dienst geworden.

ROCCO.

Was soll ich? Redet!

PIZARRO.

Morden!

ROCCO erschreckt.

Wie?

PIZARRO.

Höre mich nur an!

Du bebst? Bist du ein Mann?

Wir dürfen gar nicht säumen;

Dem Staate liegt daran,

Den bösen Untertan

Schnell aus dem Weg zu räumen.

ROCCO.

O Herr!

PIZARRO.

Du stehst noch an?


Für sich.


Er darf nicht länger leben,

Sonst ist's um mich geschehn,[24]

Pizarro sollte beben?

Du fällst – ich werde stehn.

ROCCO.

Die Glieder fühl ich beben,

Wie könnt' ich das bestehn?

Ich nehm ihm nicht das Leben,

Mag, was da will, geschehn. –

Nein, Herr, das Leben nehmen,

Das ist nicht meine Pflicht.

PIZARRO.

Ich will mich selbst bequemen,

Wenn dir's am Mut gebricht;

Nun eile rasch und munter

Zu jenem Mann hinunter –

Du weißt –

ROCCO.

Der kaum mehr lebt

Und wie ein Schatten schwebt?

PIZARRO mit Grimm.

Zu dem, zu dem hinab!

Ich wart in kleiner Ferne,

Du gräbst in der Zisterne

Sehr schnell ein Grab.

ROCCO.

Und dann?

PIZARRO.

Dann werd ich selbst, vermummt,

Mich in den Kerker schleichen –


Er zeigt den Dolch.


Ein Stoß – und er verstummt!

ROCCO.

Verhungernd in den Ketten

Ertrug er lange Pein,

Ihn töten, heißt ihn retten,

Der Dolch wird ihn befrein.

PIZARRO.

Er sterb' in seinen Ketten,

Zu kurz war seine Pein,

Sein Tod nur kann mich retten,

Dann werd ich ruhig sein.

Jetzt, Alter, jetzt hat es Eile!

Hast du mich verstanden?

Du gibst ein Zeichen!

Dann werd ich selbst, vermummt,

Mich in den Kerker schleichen –

Ein Stoß – und er verstummt!

ROCCO.

Verhungernd in den Ketten

Ertrug er lange Pein,[25]

Ihn töten, heißt ihn retten,

Der Dolch wird ihn befrein.

PIZARRO.

Er sterb' in seinen Ketten,

Zu kurz war seine Pein,

Sein Tod nur kann mich retten,

Dann werd ich ruhig sein.


Ab gegen den Garten. Rocco folgt ihm.


Quelle:
Ludwig van Beethoven: Fidelio. Stuttgart 1970, S. 22-26.
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Ausgewählte Ausgaben von
Fidelio
Berühmte Opernchöre: Chor der Gefangenen aus
Fidelio : an opera in two acts (1903)

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