[Ey das nun iemand sagen köndt]

Ey das nun iemand sagen köndt,

Auff welchen weg, vnd strassen,

Ich meinen liebsten Jesum fünd!

Dan mich verlangt ohn maßen.


Will Jesum morgens suchen ich,

Zum abend auch im gleichen:

Will früh, noch späth nicht saumen mich,

Wer weiß, mögt ihn beschleichen?


Will Jesum suchen vberall,

Die stimm will ich erheben,

Vnd schreyen vber berg vnd thall:

Für lieb kan ich nit leben.


Mitt Jesu lieb ich bin verwund,

Nun höret doch mein klagen,

Ihr tieffe wässer ohne grund,

Ihr hohe berg, mein sagen.
[227]

Habt ihr dann Jesum nicht gesehn?

Ist nie fürüber gangen?

Sagt an, wo pflegt er gehn, vnd stehn?

Mich thut so sehr verlangen.


Sagt an, ihr Wasser-quellen rein,

Ihr grüne bäum in wälden,

Ihr hölen die in bergen sein,

Ihr Stauden dick in felden.


Ihr bäch vnd brünlein kül vnd klar,

Habt Jesum nicht vernommen?

Ihn such, vnd such ich immerdar,

Ist mir so gar entkommen.


Ey nur daß ruffen helffen solt!

Vnd kostets mir das leben,

Ich immer, immer ruffen wolt:

Nun ist es ie vergeben.


Ich ruff, vnd schrey so lange zeit,

O Schatz, laß dich nur hören!

Doch selbsten er mich nie bescheid,

Solt michs nit billich stören?


O Jesu, Jesu, ruff im wald,

Wan sich gelegt die winde:

Bald, Jesu, Jesu widerschallt,

Doch Jesum ich nit finde.


Ich ruff vnd schrey mich also satt,

Der athem will ersitzen,

Von ruffen bin ich worden matt,

Die kehl ist voller hitzen.


Die felsen gaben widerschall,

Kam widerschall von bergen,

Der gantze wald mitt sterckem hall

Kond Jesu nahm nit bergen.
[228]

Fast alles Jesu, Jesu rieff:

Vberall schalt Jesus nahme;

Der lufft vom schall gantz vberlieff,

Von wannen er auch kame.


Vnd doch fand ich noch Jesum nit,

All ruffen war vmbsonsten;

Vmbsonsten thu so manchen tritt

In lieb, vnd heissen brunsten.


Wolan, wolan, weil ich nit kan

Zu mir den Jüngling bringen,

Will ich zu trawren fangen an,

Nur ach, vnd ach erklingen.


Ein hölen will ich suchen mir,

Im grünen wald so ferne,

Da will ich Jesu seufftzen dir

Von Seelen-grund so gerne.


Will nur in stetem hertzen-leid

Mein junges leben schließen.

Mein augen sollen allezeit,

Wie kleine bächlein fließen.


Für deinem Creutz will tag vnd jahr

Mit Magdalenen sitzen;

Mein augen sollen immerdar

Wie stäte brünnlein spritzen.


Das heilig Creutz, die zarte füß

Gar freundlich will vmbgeben,

Vnd da mitt hertz, vnd lefftzen süß

Vil tausend küß ankleben.


Ja weiters dann, ô liebster mein,

Solls anders mir nit fehlen,

Will auch von beiden wangen dein

Nit minder schmützlein stehlen.
[229]

Von dir will ich so süssiglich

In holen felsen singen,

All meine tag will trawriglich

In lauter leid verbringen.


Wan wilde thier fürüber gehn

Für meinem holen steine,

Vnd mag sie nur von weiten sehn,

Herkommen groß vnd kleine;


Will ich sie laden all herbey,

Mitt mir sie wollen bleiben,

Vnd hören an mein lieb-geschrey,

So tag vnd nacht will treiben.


Die Vöglein will auch laden dar,

Wan sie für uber springen;

Will ruffen; halt, halt, allegar,

Von Jesu nun solt singen.


Mitt mir sollt singen allesam,

Will euch die verßlein lehren,

Zu laden meinen Breutigam,

Daß er woll widerkehren.


Nun brauch ich zwar nur trawr-gesang,

Doch wird sichs accordiren,

Wan ihr schon braucht nur frewden-klang;

Vngleich macht musiciren.


Vngleichheit ist der Music zier,

Wolan last vns beginnen,

Last Jesum laden mit begier,

Mögt sich villeicht besinnen.


Last vns nur lieblich stimmen ein,

Villeicht möcht mirs gelingen,

Das widerkäm der liebste mein,

Wer weiß was gluck mag bringen?
[230]

Danck habt ihr schöne Vögelein,

Bald, bald mögt er nur kommen:

Danck habt, ihr süsse Schwetzerlein,

Sein stimm hab schon vernommen.


Quelle:
Friedrich Spee: Sämtliche Schriften, Band 2, München 1968, S. 223-224,227-231.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Strindberg, August Johan

Gespenstersonate

Gespenstersonate

Kammerspiel in drei Akten. Der Student Arkenholz und der Greis Hummel nehmen an den Gespenstersoirees eines Oberst teil und werden Zeuge und Protagonist brisanter Enthüllungen. Strindberg setzt die verzerrten Traumdimensionen seiner Figuren in steten Konflikt mit szenisch realen Bildern. Fließende Übergänge vom alltäglich Trivialem in absurde Traumebenen entlarven Fiktionen des bürgerlich-aristokratischen Milieus.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon