Dreizehntes Capitel.

[138] Meine erste Empfindung, als ich spät erwachte, war ein Dankgefühl, daß es Tag war, meine zweite, daß ich mich des Grauens schämte, mit welchem mich die Schrecken der Nacht erfüllt hatten. Schon als kleiner Knabe hatte ich einem Gegner das Aergste zu sagen geglaubt, wenn ich ihn einen Feigling nannte, und heute Morgen war ich in der Lage, mir dieses Aergste selbst nachsagen zu müssen. Aber das kommt davon, sprach ich bei mir selbst, während ich mich umkleidete, wenn man den Dingen nicht in's Gesicht sieht und den Menschen nicht die Wahrheit sagt. Weshalb habe ich Herrn von Zehren nicht ganz einfach gesagt: ich weiß, was du vorhast; so hätte er mich mitgenommen und ich brauchte hier nicht still zu sitzen wie ein Kind, das man im Zimmer läßt, wenn's regnet.

Ich öffnete ein Fenster und schaute mit düstern Blicken hinaus. Es war kein lieblicher Anblick. Der Wind, der von Westen kam, wälzte sprühende graue Dunstmassen durch die gewaltigen Bäume, die ihre Wipfel wie in wahnsinnigem Schmerz hinüber- und herüberbogen, und über die weite Wiese, an deren langen wogenden Gräsern ich mich so oft entzückt hatte, und die heute wie ein fauler Sumpf aussah.[138] Eine Schaar Krähen spazierte darauf herum und schwang sich krächzend in die stürmische Luft, von der sie dann hin- und hergeschleudert wurden. In dem Augenblicke schlug der Wind den einen Flügel der Jalousie so heftig zu, daß die morschen Sparren mir um den Kopf flogen. Ich riß zornig, was noch übrig geblieben war, aus den Angeln und warf es hinab. »Vor dir wenigstens werde ich heute Nacht Ruhe haben«, sagte ich, indem ich das Fenster wieder schloß, »und nun sollen die andern auch daran.« Ich verließ mein Zimmer und machte die Runde durch das obere Stockwerk. In der Bibliothek, wo die Bücherhaufen auf der Diele lagen, sprangen ein Dutzend Ratten, als ich die Thür öffnete, eilig von den Fensterbrettern herunter und huschten in ihre Schlupfwinkel. Durch ein paar vom Wind zerbrochene Scheiben hatte es hereingeregnet, und die schwarzen Gesellen hatten sich die willkommene, langentbehrte Labung zu Nutze gemacht. »Nun, ihr habt ja das Haus noch nicht verlassen«, murmelte ich, mich der Worte des Herrn von Zehren erinnernd; »soll ich feiger sein als ihr, feiges Gesindel?«

Ich stieg über die Bücherhaufen bis zur nächsten Thür und irrte weiter durch die öden Räume, hier die Jalousien schließend, wo es sich noch bewerkstelligen ließ, dort allzu schadhafte aus den Angeln nehmend und hinabwerfend. Die vor dem dritten Fenster, auf welche ich es besonders abgesehen, hatte ihrem qualvollen Dasein schon in der Nacht selbst ein Ende gemacht.

Auf dem Rückwege durch die unheimlichen Räume gelangte ich in das große Treppenhaus, in welchem es heute bei dem lichtlosen Licht, das durch die sonneverbrannten, auswendig vom Regen überflossenen, inwendig mit Spinnweben und Staub bedeckten Fenster fiel, gespenstiger als je aussah. Die verrostete Ritterrüstung, welche in einiger Höhe an der Wand befestigt war, hätte man ohne großen Aufwand von Phantasie für einen Erhängten nehmen können. Ich fragte mich, ob das wohl die Rüstung jenes Malte von Zehren sei, dessen Name die ehrsamen Bürger meiner Vaterstadt, da sie ihn selbst nicht hatten, an den Galgen geschlagen?

Ich weiß nicht mehr, was mich veranlaßte, die Treppe hinabzusteigen und in den schmalen Corridoren des untern Stockwerks weiter umher zu irren. Mein Schritt hallte schauerlich dumpf in den öden Gängen, und die kahlen Wände[139] hauchten einen feuchtkalten Grabesathem aus, der meiner von der furchtbaren Nacht fieberheißen Haut doppelt fühlbar war. Vielleicht wollte ich mich abstrafen für die Angst der Nacht und mir beweisen, daß ich ein Kind gewesen. Dennoch blieb ich, nicht ohne eine Regung von Schauder, stehen, als sich plötzlich dicht neben mir an einer Stelle, die ich früher wiederholt passirt war, ohne eine Thür bemerkt zu haben, eine Oeffnung in der Mauer zeigte, durch die man in eine gähnende Tiefe blickte, aus der ein schwaches Licht heraufdämmerte. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich auch, in dem Halbdunkel des Corridors eben noch erkennbar, die paar ersten Stufen einer wie es schien sehr schmalen und steilen Treppe. Ich begann, auf die Gefahr hin, mir den Hals zu brechen, ohne mich nur einen Augenblick zu besinnen, langsam hinabzusteigen, indem ich rechts und links an der Mauer vorsichtig weiter tastete, und ich kehrte selbst dann nicht um, als der schwache Lichtschein unter mir plötzlich erlosch. Doch tauchte derselbe wieder auf, als ich nach ein paar Stufen auf dem Boden des Kellers anlangte. Es war nicht mehr der unbestimmte Schein, sondern ein wirkliches Licht, das sich in einiger Entfernung vor mir hinbewegte und in einer Laterne zu brennen schien, mit der ein Mann in dem Keller herumleuchtete. Da ich schneller ging als der Mann, dessen schlürfende Schritte die meinen vermuthlich übertönten, hatte ich ihn bald erreicht, und legte jetzt dem alten Christian – denn er war es – die Hand auf die Schulter. Er blieb mit einem dumpfen Schrei stehen, glücklicherweise ohne die Laterne fallen zu lassen, und blickte mit seinem blassen verschrumpften Gesicht entsetzt zu mir auf.

»Was thun Sie hier, Christian?« fragte ich.

Er starrte mich noch immer sprachlos an. – »Sie brauchen sich vor mir nicht zu fürchten«, fuhr ich fort. »Sie wissen, daß ich Ihr Freund bin.«

»Es ist nicht um mich«, erwiederte der Alte endlich. »Ich darf hier Niemanden mit hinabnehmen; er würde mich todt schlagen.«

»Sie haben mich nicht mit hinabgenommen«, sagte ich.

Christian, dem der Schreck in seine schwachen Glieder gefahren war, setzte sich auf eine Kiste, die in der Nähe stand und stellte die Laterne neben sich. Ich konnte nicht unterlassen, mich, während der alte Mann wieder zu sich zu[140] kommen suchte, in dem Keller umzusehen. Es war ein weiter, niedriger Raum, dessen gewölbte Decke hier und da von starken Pfeilern getragen wurde, und dessen äußerste Enden im Dunkel verdämmerten. An einem solchen Pfeiler nicht weit von uns unter einer großen Laterne war ein Pult angebracht und ein großes dickes Buch lag auf dem Pult, wie die Strazze in einem kaufmännischen Geschäft. Dicht daneben waren Theekisten mit chinesischen Malereien – offenbar Originalkisten – zu einem Berge aufgethürmt; und wohin ich auch blickte standen und lagen große Kisten und Fässer, mit einer gewissen Ordnung aufgebaut; es mußte manches Jahr gewährt haben, bis alle diese Fässer geleert, alle diese Kisten ausgeräumt waren; mancher Thaler mußte dabei gewonnen und verloren, und – manches Menschenleben dabei auf's Spiel gesetzt und vielleicht auch verloren worden sein. Verging doch damals kein Jahr, ohne daß der Schmuggel in dieser Gegend zu Wasser und zu Lande mehr als ein Menschenleben kostete! und wie manches noch, dessen Verlust nie bekannt wurde, weil die Verwandten von Peter, auf den die Zollwacht im Walde geschossen hatte und der sich, tödtlich verwundet, noch bis zu seiner Hütte schleppte, oder von Clas, der auf der eiligen Flucht im Moore versunken war – weil sage ich, die Verwandten und Freunde der Unglücklichen es rathsamer fanden, von diesen Verlusten möglichst wenig Wesens zu machen.

Dies und anderes derart hatte ich oft von meinem Vater und den Collegen meines Vaters gehört; und daran mußte ich denken, als ich mich jetzt umsah und der matte Schein aus der Laterne des alten Mannes dem Keller das Ansehen eines weiten Grabgewölbes gab, in welchem morsche Särge, die ihre Dienste gethan, übereinander gethürmt waren, und weiter hinten, wo zwischen den Pfeilern undurchdringliches Dunkel lag, vielleicht frische Gräber den Modergeruch ausathmeten, der den Raum erfüllte.

Das also war das Fundament des Hauses derer von Zehren! Ueber diesem Grabgewölbe hauste die hochadelige Familie! Von diesem Moder lebte sie! Da mochten freilich die Felder brach liegen und die Scheunen zerfallen! Hier war die Saat und die Ernte – eine böse Saat, Alles in Allem, die wohl kaum etwas Anderes als eine böse Ernte bringen konnte.[141]

Ich will nicht behaupten, daß genau diese Gedanken, genau in dieser Ordnung durch meine Seele gingen, während ich neben dem alten Manne stand und meine Blicke durch den Keller schweiften; ich weiß nur noch, daß jenes Gefühl des Abscheus vor dem Gewerbe, in dessen geheime Werkstätte ich nun gedrungen war, wieder in seiner ganzen Kraft über mich kam, diesmal aber mit der ganz bestimmten Empfindung, daß ich dazu gehöre, daß ich ein Wissender, und daß es sehr thöricht und gewissermaßen beleidigend von dem alten Mann sei, vor mir ein Geheimniß aus Dingen und Verhältnissen machen zu wollen, die ich so gut kannte und durchschaute.

»Nun, Christian«, sagte ich, indem ich mich zum Beweis meiner vollkommenen Seelenruhe dem Alten gegenüber setzte und an seiner Laterne meine Cigarre anzündete, »was werden wir diesmal bekommen?«

»Thee oder Seide«, brummte der Alte; »wär's Wein oder Cognac oder Salz, hätte er die Wagen bestellt.«

»Ja wohl, dann hätte er die Wagen bestellt«, wiederholte ich, als etwas, das sich von selbst verstand. – »Und wann erwarten Sie ihn zurück? Er sagte mir heute Nacht, er könne es nicht genau bestimmen.«

»Wird wohl bis morgen währen; ich will aber immer die große Thür aufmachen; man kann nicht wissen.«

»Freilich, man kann nicht wissen«, sagte ich. Der Alte war aufgestanden und hatte die Laterne zur Hand genommen. Ich erhob mich ebenfalls.

Wir gingen weiter und kamen in einen andern Raum, der von Weindunst erfüllt war, und wo Fässer über Fässern lagen, an denen der Alte in die Höhe leuchtete.

»Das liegt noch Alles seit dem vorigen Jahre«, sagte er.

»Ja«, sagte ich, die Worte Granow's wiederholend; »der Handel geht jetzt schlecht; die Leute in Uselin sind scheu geworden, seitdem sich so Viele hineinmischen.«

Der Alte, der die Schweigsamkeit selbst war, antwortete nicht; aber es schien, daß ich meine Absicht, ihn vertraulich zu machen, erreicht hatte. Er nickte und brummte, um seine Zustimmung auszudrücken, während er langsamen Schrittes weiter schlürfte.

Der Keller schien kein Ende nehmen zu wollen. Ich sollte Respect vor der Ausdehnung des tages- und lichtscheuen Geschäftes bekommen, das hier seine modrige Wohnung aufgeschlagen![142] Endlich setzte der Alte die Laterne auf den Boden; vor uns lag eine breite Treppe, über welcher eine Vorrichtung von starken Bohlen, wie man sich derselben zum Herablassen von Fässern und schweren Kisten bedient, angebracht war. Die Treppe war oben mit einer breiten, starken, mit Eisen beschlagenen Thür, die mit kolossalen Riegeln versehen war, geschlossen. Der Alte schob die Riegel zurück; ich half ihm dabei.

»So«, sagte er, »nun können sie kommen, wann sie wollen.«

»Wann sie wollen«, wiederholte ich.

Wir schritten den Weg, den wir gekommen, schweigend zurück und erstiegen die steile Treppe des Eingangs. Auf den Druck einer Feder, die der Alte in Bewegung setzte, schob sich eine Thür über die Maueröffnung, die sich so künstlich einfügte und mit der Wand von so gleicher schmutziggrauer Farbe war, daß sie nur von dem Eingeweihten entdeckt oder gar geöffnet werden konnte.

Der Alte löschte die Laterne und ging vor mir her den langen, schmalen Corridor zu Ende, wo wir uns in dem verfallenen Nebenhofe trennten. Er trat durch eine kleine Pforte auf den Haupthof; ich ließ ihn sich entfernen und blickte mich scheu und aufmerksam um, ob Niemand mich beobachte. Es beobachtete mich Niemand, es hätte denn die Krähe sein müssen, welche auf einem der niedrigen Dächer saß, und, den Kopf auf die Seite neigend, zu mir herabschaute. Der kleine Hof hatte schon im Sonnenschein kümmerlich genug ausgesehen, heute aber im Regen sah er unsäglich elend aus. Die Gebäude drückten sich aneinander, als ob sie sich vor dem Wind und der Nässe, so gut es gehen wollte, zu schützen versuchten und doch jeden Augenblick Gefahr liefen, in vollständiger Erschöpfung zusammenzustürzen. Wer sollte hier den Eingang in den geheimen Keller suchen? Und doch mußte derselbe sich hier befinden. Ich hatte mir die Richtung und Ausdehnung des unterirdischen Raumes genau gemerkt. Ich wollte Alles wissen, nachdem ich einmal so viel wußte; ich wollte nicht länger über das, was um mich her vorging, im Dunkeln sein.

Und meine Vermuthung bestätigte sich. In der alten gräulichen Leuteküche, aus der ein weites Thor auf den eingehegten Platz mit den Küchenabfällen führte, entdeckte ich unter einem, wie ich jetzt sah, künstlich aufgethürmten Haufen[143] von alten Fässern, Brettern und halbverfaultem Stroh die Fallthür, von der der Alte vorhin im Keller die Riegel zurückgeschoben hatte. Hier von außen war dieselbe mit einer gewaltigen Eisenstange und einem Schloß verwahrt, zu welchem Herr von Zehren jedenfalls den Schlüssel bei sich führte. Ich deckte das Gerümpel wieder darüber und schlich davon, scheu wie ein Dieb, denn wohl hat das Sprichwort recht: der Hehler ist so gut wie der Stehler, nicht blos vor dem Gesetze, sondern noch viel mehr vor seinem eigenen Gewissen.

Ich wandte mich in den Park und irrte in den nassen Gängen umher. Es rieselte noch stärker als vorhin; aber der Nebel hatte sich etwas gehoben und wälzte sich in schweren grauen Massen über die Wipfel der Bäume. Ich stand an dem Steintisch unter dem Ahorn, dessen breites Geäst mir einigen Schutz gewährte und starrte immerfort nach dem großen melancholischen Hause, das mir heute, nachdem es mir sein Geheimniß erschlossen, ein ganz anderes zu sein schien. Ob sie wohl wußte, was ich jetzt wußte? Unmöglich! es war ein Gedanke, der nicht auszudenken war, daß sie das wissen sollte. Aber sie mußte es erfahren, so schnell als möglich; nein, nicht erfahren! Aber fort mußte sie von hier, wo das Verderben auf sie lauerte. Fort! wohin? zu wem? mit wem? Welch ein elender, jämmerlicher Mensch war ich, daß ich ihr nichts zu bieten hatte, als dies Herz, das für sie schlug, als diese Arme, die stark genug waren, sie wie ein Kind davon zu tragen, und mit denen ich doch nichts anfangen konnte, als sie in ohnmächtiger Verzweiflung zum Regenhimmel emporstrecken oder rath- und thatlos über der Brust verschränken! Nein, nein, mochte mit mir werden, was da wollte! aber sie mußte, mußte gerettet werden! Mochte ihr Vater mich zum Opfer nehmen, aber sie, sie sollte frei ausgehen!

Da kam Jemand von der Terrasse her – es war die alte Pahlen. Sie schien mich zu suchen, denn sie winkte mir schon von weitem mit den knöchernen Händen, während ihr graues Haar unter der schmutzigen Haube im Winde flog, daß sie für jeden Andern anzusehen gewesen wäre, wie die Hexe, die das Hexenwetter zusammenbraute. Mir aber war sie eine willkommene Erscheinung. Von wem sollte sie kommen, als von ihr! Ich lief ihr entgegen und ließ sie ihre Botschaft kaum zu Ende bringen; wenige Augenblicke später trat ich[144] hochklopfenden Herzens durch die Fensterthür in Konstanzens Gemach.

Es war das erste und es sollte auch das letzte mal sein, daß ich es betrat, und ich wüßte kaum zu sagen, wie es in demselben aussah. Ich habe nur noch eine sehr dunkle Erinnerung an große Blattgewächse, einen geöffneten altertümlichen Flügel, auf Tischen, Stühlen umhergestreute Musikalien, Bücher, Garderobengegenstände, ein paar Portraitbilder an den Wänden, und daß der Fußboden in seiner ganzen Ausdehnung mit einem Teppich bedeckt war. Dieser letztere Umstand hat sich mir als besonders merkwürdig eingeprägt. Teppiche durch das ganze Zimmer waren zu jener Zeit eine große Seltenheit; besonders in der guten Stadt Uselin. Ich hatte nur durch Hörensagen von einem solchen Luxus Kunde, und so wußte ich denn auch jetzt kaum, wohin ich meine Füße setzen sollte, obgleich der Teppich, glaube ich, sehr fadenscheinig und hier und da sogar zerrissen und durchlöchert war.

Doch das sind, wie gesagt, sehr dunkle Erinnerungen, von denen sich hell und unvergeßlich das Bild Konstanzens abhebt. Sie saß auf einem Divan in der Nähe des Fensters und ließ bei meinem Eintritt ein Buch in den Schooß sinken, indem sie mir zugleich mit ihrem eigenthümlich melancholisch anmuthigen Lächeln die Hand entgegenstreckte.

»Sie sind nicht bös, daß ich Sie habe rufen lassen«, sagte sie, indem sie mir einen Wink gab, an ihrer Seite Platz zu nehmen, und mich dadurch in keine geringe Verlegenheit setzte; denn der Divan war sehr niedrig und meine Stiefel nicht so sauber, wie es für einen jungen Menschen, der zum ersten mal von der angebeteten Dame seines Herzens in einem Teppichgemache empfangen wird, wünschenswerth ist; – »ich wollte Sie um etwas bitten; Pahlen, Du kannst gehen, ich habe mit Herrn Georg allein zu sprechen.«

Die widerwärtige Alte blickte mich mißtrauisch an, zögerte und entfernte sich erst, nachdem Konstanze ihren Befehl in scharfem Tone wiederholt hatte.

»Sehen Sie, das ist es! das ist es, weshalb ich Sie rufen ließ, Georg«, sagte Konstanze, mit einer Handbewegung nach der Thür, durch welche die Alte verschwunden war. »Ich weiß es ja, wie gut Sie sind und wie treu Sie es mit mir meinen: seit gestern weiß ich es wieder, wenn ich auch wirklich schwach genug war, Sie eine Zeit lang für nicht[145] besser zu halten als die Andern; aber diese Andern! Sie wissen es nicht, können es nicht wissen, und sollen es auch nicht wissen. Solche Schätze muß man geheim halten; sie sind zu kostbar für die schnöde Welt. Meinen Sie nicht auch?«

Da ich keine Ahnung hatte, worüber das angebetete Mädchen meine Meinung verlangte, begnügte ich mich, sie mit einem ehrfurchtsvoll fragenden Blicke anzusehen. Sie senkte die Wimpern und fuhr mit einer etwas weniger sichern Stimme fort: »Mein Vater ist, wie ich höre, verreist; wissen Sie wohin, und auf wie lange? Aber wenn er es Ihnen auch gesagt hätte, es bliebe sich gleich; mein Vater hat nicht die Gewohnheit, sich an dergleichen zu binden; er will drei Wochen ausbleiben und ist in drei Tagen wieder da; er will in drei Tagen zurück sein, und ich erwarte ihn nach drei Wochen noch vergeblich. Er wird auch diesmal keine Ausnahme von der Regel machen, und wir müssen, mag er nun lange oder kurze Zeit von hier entfernt bleiben, uns darauf einrichten. Es ist keine Freude, in dem öden unwirthlichen Hause allein zu sein, zumal wenn es so stürmt und wüthet wie heute Nacht; es ist so lieb, Jemand in seiner Nähe zu wissen, auf dessen Treue und starken Arm – Sie sollen ja so sehr stark sein, Georg! – man sich alle Zeit verlassen kann; aber es muß eben sein; Sie können mir das nachfühlen, Georg?«

Diesmal wußte ich, was ich nachfühlen sollte; ich sollte fort von hier, ich sollte sie allein lassen – sie jetzt allein lassen, in dem Augenblick, wo ich mich vergeblich abgequält, einen Grund ausfindig zu machen, wie ich sie von hier entfernen könnte; in dem Augenblick, wo meine, von der bösen Nacht und den Erlebnissen des Morgens noch immer zitternden Nerven mir sagten, daß ein Unglück über dies Haus und seine Bewohner hereindrohe! Ich wußte nicht, was ich sagen, wie ich es sagen könne, und blickte Konstanze in hülfloser Verlegenheit an.

»Sie denken, es sei sehr unfreundlich, sehr ungastlich von mir«, sagte sie nach einer Pause, in welcher sie vergeblich auf eine Antwort gewartet haben mochte; »es würde freundlicher und gastlicher gewesen sein, wenn ich selbst so lange fortginge, eine Freundin zu besuchen; und ich gebe Ihnen zu, ein anderes Mädchen würde das thun; aber ich Aermste habe keine[146] Freundin. Mein Vater hat auch nach der Seite für mich gesorgt. Kam, so lange Sie hier sind, je eine Dame in unser Haus? Hörten Sie mich je von einer Freundin, von einer Bekannten sprechen? Konstanze von Zehren geht nur mit Männern um; ich habe diesen Ruf, ich weiß es; aber Gott weiß, wie sehr ohne meine Schuld! Wollen Sie, mein guter, mein treuer Georg, daß mein Ruf noch schlechter wird, als er schon ist? Oder glauben Sie auch mit den Andern, mein Ruf könne nicht noch schlechter werden? Nein, bleiben Sie sitzen! Warum sollen Freunde, wie wir, nicht ruhig über solche Dinge sprechen, ruhig überlegen, was in einem solchen Falle zu thun ist! Nun habe ich mir gedacht: Sie haben Freunde. Da ist Herr von Granow, der Ihnen ja förmlich den Hof macht; da ist Herr von Trantow, unser guter Nachbar, der sich so freuen würde, Sie ein paar Tage bei sich zu sehen. Und Sie sind dann ganz in meiner Nähe; ich kann Sie rufen lassen, wann ich will, und Sie wissen ja, daß ich mich, sobald ich eines Freundes bedarf, an Niemand wenden würde, als den einzigen Freund, den ich habe.«

Sie reichte mir mit bezauberndem Lächeln die Hand, als wollte sie sagen, nicht wahr, die Sache ist abgemacht?

Ihr Lächeln, die Berührung ihrer lieben Hand, machten die Verwirrung, in die mich jedes ihrer Worte mehr verstrickt hatte, vollkommen; aber ich raffte mich mit einer verzweifelten Anstrengung auf und stotterte:

»Sie werden mich für einen Zudringlichen, für ich weiß nicht was halten, daß ich Sie so lange über eine Sache habe sprechen lassen, die ich bei Ihrem ersten Worte hätte verstehen müssen und auch verstanden habe; aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie schwer es mir wird, gerade jetzt von hier zu gehen; gerade jetzt Sie zu verlassen. Herr von Zehren hat mich ausdrücklich aufgefordert, bis zu seiner Rückkehr, die übrigens in wenigen Tagen, vielleicht morgen schon, erfolgen wird, hier zu bleiben, ihn hier zu erwarten. Er hat das gewiß, wenn er es auch nicht ausgesprochen hat, in der besten Absicht gethan, – um Ihrethalben, damit Sie Jemand in Ihrer Nähe hätten, damit Sie nicht allein in dem öden Hause wären, damit –«

Ich wußte nicht, wie ich weiter sprechen sollte. Konstanzens Blick richtete sich mit einem so sonderbaren Ausdruck auf mich, und mein Talent zum Lügen war von jeher erbärmlich gewesen.[147]

»Mein Vater hat früher diese zarte Rücksicht nicht beobachtet«, sagte sie. »Vielleicht denkt er, daß ich, je älter ich werde, einer Aufsicht um so mehr bedarf. Sie wissen, was ich meine; oder sollten Sie unser Gespräch von gestern schon vergessen haben?«

»Ich habe es nicht vergessen«, rief ich, indem ich mich in meiner Aufregung schnell von dem Divan erhob: »ich will nicht wieder in die Lage kommen, von Ihnen beargwohnt zu werden; ich gehe und gehe für immer, wenn Sie es denn so wollen; aber Andere, die Ihrer gewiß nicht würdiger sind, sollen es nicht besser haben als ich; und wenn sie es dennoch wagen, sich in Ihre Nähe zu drängen, und hier heranzuschleichen, wie ein Fuchs um den Taubenschlag, so thun sie es auf ihre eigene Gefahr; ich werde nicht wieder so rücksichtsvoll sein wie heute Nacht.«

»Was wagen Sie? Von wem sprechen Sie? Wen meinen Sie?« rief Konstanze, die bei meinen letzten Worten ebenfalls aufgesprungen war. Ihr Gesicht war bleich geworden, ihre Züge trugen einen ganz andern Ausdruck.

»Von wem ich spreche?« sagte ich, »von dem, der an jenem Abend, wissen Sie, wo ich vor Ihrem Fenster Wache stand, vor mir davonlief wie ein Feigling, und der sich heute Nacht, als ich mit Ihrem Herrn Vater von Trantowitz kam und allein durch das Wäldchen ging, unter die Bäume drückte, und den ich aus Mitleid geschont habe, weil ich wußte, Herr von Zehren würde ihn todtschießen wie einen Hund, wenn ich ihn in seine Hände gegeben hätte, den Elenden, den Erbärmlichen! Er mag sich hüten, daß ich ihm nicht noch einmal in der Nacht begegne, ja und auch am Tage; er würde sehen, wie wenig ich mich an seine Fürstlichkeit kehre!«

Konstanze hatte sich abgewandt, während ich so meine Verzweiflung, für immer von dem geliebten Mädchen getrennt zu werden, zornig austobte. Plötzlich zeigte sie mir wieder ihr bleiches Gesicht, aus welchem die unergründlichen Augen sonderbar leuchteten, und rief, indem sie die Hände wie bittend erhob:

»Daß ich das von Ihnen hören muß, – von Ihnen! Was kann ich dafür, daß jenen Mann – im Falle Sie sich nicht getäuscht haben, was ja doch auch möglich wäre – sein böses Gewissen ruhelos umtreibt. Schlimm genug für ihn, wenn es so ist; aber was geht das mich an? Und wie kann[148] mir daraus eine Gefahr erwachsen? Und wenn er jetzt und hier, oder es sei, wann es sei und wo es sei, vor mich hinträte, was könnte ich, was würde ich ihm sagen als: du und ich, wir haben in alle Ewigkeit nichts mehr miteinander zu schaffen! Ich dachte, Georg, Sie wüßten das Alles, ohne daß ich es Ihnen sagte; wie kann ich mich wundern, von den Andern verkannt zu werden, wenn auch Sie mich so falsch, so grausam falsch beurtheilen.«

Sie setzte sich auf den Divan und drückte ihr Gesicht in beide Hände. Ich war ganz außer mir; ich schlug mich vor die Stirn wie ein Verzweifelter, ich lief im Zimmer auf und ab, und stürzte endlich, als ich sie noch immer so sitzen und ihren schönen Busen sich krampfhaft heben und senken sah, zu ihren Füßen.

»Guter, lieber Georg«, sagte sie, indem sie mir beide Hände auf die Schultern legte, »ich weiß es ja, daß Sie mich lieben, und ich habe Sie ja auch so lieb!«

Ich schluchzte laut auf; ich verbarg mein Gesicht in ihrem Schooß: ich küßte ihre Kleider, ihre Hände.

»Stehen Sie auf, Georg«, flüsterte sie, »ich höre Pahlen kommen.«

Ich sprang empor. Wirklich öffnete sich langsam die Thür – die, wie ich glaube, nie ganz geschlossen gewesen war –, und die häßliche Alte schaute herein und fragte, ob man sie gerufen habe.

Man hatte sie gerufen, man hatte gemeint, daß Herr Georg vielleicht noch Wünsche habe, der alsbald auf ein paar Tage zu Herrn von Trantow auf Besuch wolle. – »Leben Sie wohl«, sagte sie, indem sie sich zu mir wandte, »auf ein paar Tage also, leben Sie wohl!« Und dann ihr Gesicht dem meinigen nähernd und mir mit ihren Lippen einen Kuß schickend, heimlich und leise: »leb wohl, Geliebter!«

Ich stand draußen; der Regen, der wieder zu fallen begonnen hatte, schlug mir in's glühende Gesicht; ich fühlte es nicht; Regen und Sturm, jagende Wolken und sausende Bäume, wie war das Alles so herrlich! War es möglich, daß die Welt so schön war! War es möglich, daß man so glücklich sein konnte! War es möglich, daß sie mich liebte!

Auf meinem Zimmer angelangt, ließ ich mein wahnsinniges Entzücken in tausend tollen Streichen aus. Ich tanzte, ich sprang, ich warf mich in den Lehnstuhl und küßte inbrünstiglich[149] den Handschuh, den ich einst am Weiher gefunden und wie ein Heiligthum bewahrt hatte; und weinte und sprang wieder auf und lachte und tanzte wieder, und besann mich endlich, daß ich die Jagdtasche bereits mit Allem, was ich für ein paar Tage brauchte, vollgepackt hatte, und daß sie erwarten durfte, ich werde jetzt ihrem Befehle pünktlich Folge leisten. Ja, jetzt mußte ich fort; jetzt wollte ich fort! fort, fort!

Und ich warf mein Gewehr über die Schulter, rief meinem Caro, der schnarchend unter dem Tische lag und verließ das Zimmer und das Schloß.

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig 1874, S. 138-150.
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