Vierzehntes Capitel.

[150] Auf dem Wege nach Trantowitz unter den zischelnden Weiden hinschreitend, war ich, in meiner Aufregung kaum sehend, wo ich ging, mehr als einmal in Gefahr, von dem schlüpferigen Pfade in den tiefen Graben zu gleiten, in welchem heute das Regenwasser gurgelte. Mehr als einmal blieb ich stehen, nach dem Hofe zurückzusehen, wo sie weilte. Caro, der verdrossen hinter mir hertrottete, blieb dann auch stehen und sah mich an. Ich erzählte ihm, daß sie mich liebe, daß wir glücklich werden würden, daß Alles gut werden würde, daß er, wenn ich erst ein großer Herr sei, auch ein herrliches Leben führen werde, daß ich ihn bis an sein Ende treulich pflegen wolle. Caro gab durch leises Schweifwedeln zu erkennen, wie er von meinen guten Absichten vollkommen überzeugt und bis zu einem gewissen Grade gerührt sei; aber seine braunen Augen blickten sehr melancholisch, als könne er sich an einem so trüben Tage keine rechte Vorstellung von einer heitern Zukunft machen. – »Du bist ein dummes Thier, Caro«, sagte ich, »ein gutes dummes Thier, und weißt den Kukuk, was mir begegnet ist.« Caro machte eine verzweifelte Anstrengung, die Sache von ihrer heitersten Seite zu nehmen, indem er heftiger als zuvor mit dem Schweife wedelte und seine weißen Zähne zeigte, sprang dann aber plötzlich – zum Beweise, daß sein sonst so wohl dressirtes, nur auf die Jagd[150] gerichtetes Gemüth heute vollständig haltlos war – mit wüthendem Gebell auf einen Mann zu, der eben um eine Weidenpflanzung, die sich links am Wege hinzog, auf mich zukam.

Es war ein Mann, der halb wie ein Schiffer und halb wie ein städtischer Handwerker gekleidet war, und dessen harmloses breites Gesicht, als er mich erblickte, so freundlich lachte, daß Caro das Unpassende seines Benehmens sofort einsah und mit hängenden Ohren beschämt zu mir zurückkam, während ich, da ich den Mann mittlerweile auch erkannt hatte, mit ausgestreckter Hand auf ihn zuschritt.

»Wie, zum Teufel, Klaus, kommst Du hierher?«

»Ja, das sagen Sie wohl«, erwiederte Klaus, indem er mit seiner breiten harten Hand kräftig einschlug und dabei, wie vorhin Caro, zwei Reihen Zähne zeigte, die an Weiße mit denen des Hundes wetteiferten.

»Und Du wolltest zu mir?« fragte ich weiter.

»Ja, natürlich wollte ich zu Ihnen«, sagte Klaus, »ich bin vor einer Stunde auf dem Kutter gekommen; Christel ist auch mit. Die alte Großmutter ist ja todt – wir haben sie gestern Morgen begraben. Gott hab' sie selig; sie war eine gute alte Frau, wenn sie auch zuletzt ein bischen stumpf geworden war und der armen Christel viel Mühe gemacht hat. Na, das ist nun auch vorbei und – ja, was ich sagen wollte – da ist denn der Vater so gut gewesen, mich heute selbst herzufahren, und Christel ist auch mit, mir in Zanowitz Abschied nehmen zu helfen von Tante Julchen, wissen Sie, Vaters Schwester. Mein Vater ist ja auch aus Zanowitz.«

»Ja, ja«, sagte ich.

»Sie sind schon ein paar mal dagewesen«, fuhr Klaus fort, »Tante Julchen hat Sie immer gesehen, aber Sie haben nie hingeblickt; nun, Sie werden ja sich auch der Frau nicht mehr erinnern; sie war früher wohl manchmal drüben bei dem Vater. Und dann sind Sie ja nun auch ein so großer Herr geworden!« Und Klaus ließ bewundernde Blicke über mein Jagdzeug, über meine hohen Stiefeln und über Caro schweifen, der sich den Anschein gab, auf dieses Gespräch nicht zu hören und mit gehobenen Ohren in den Graben starrte, als habe er sein Lebtag nie eine Wassermaus in ihr Loch schlüpfen sehen.

»Lassen wir das gut sein, Klaus«, sagte ich, den Riemen[151] meines Gewehrs höher auf die Schultern rückend: »und Du willst Abschied nehmen? Wo willst Du denn hin?«

»Ich habe einen Platz als Schlosser in der Maschinenbauanstalt des Herrn Commerzienraths in Berlin erhalten«, sagte Klaus. »Herr Schulz, der Maschinenmeister auf dem Pinguin, wissen Sie, hat mich sehr empfohlen; ich hoffe, seiner Empfehlung keine Schande zu machen.«

»Das wirst Du gewiß nicht«, sagte ich in freundlich aufmunterndem Beschützerton, indem ich nicht ohne einige Verlegenheit überlegte, was ich nun mit Klaus eigentlich anfangen sollte, der mich zu besuchen gekommen war, und mit dem ich doch nicht hier auf der offenen Landstraße unter der regentriefenden Weide stehen bleiben konnte. Was würde der gute Junge für Augen gemacht haben, wenn ich ihn in mein poetisches Zimmer hätte führen können! Aber das war nun nicht möglich. Die Situation fing an, mir peinlich zu werden, und es fiel mir ordentlich wie ein Stein vom Herzen, als Klaus, meine Hände ergreifend, sagte: »Na, und nun leben Sie denn auch recht wohl; ich muß wieder nach Zanowitz; Karl Peters, der Korn für den Herrn Commerzienrath geladen hat, segelt in einer halben Stunde und will mich mitnehmen. Ich wäre gern noch ein wenig länger mit ihnen zusammen gewesen, aber Sie haben gewiß etwas anderes vor, und so will ich Sie denn nicht länger aufhalten.«

»Ich habe gar nichts vor, Klaus«, sagte ich, »und wenn es Dir recht ist, begleite ich Dich nach Zanowitz und sage bei der Gelegenheit Christel guten Tag. Wann ist denn die Hochzeit, Klaus?«

Klaus schüttelte den Kopf, als wir jetzt nebeneinander weiter schritten. »Das sieht schlimm aus«, sagte er; »wir wären noch zu jung, meint der Alte, obgleich das Sprichwort sagt: jung gefreit hat Niemand gereut. Meinen Sie nicht auch?«

»Allerdings meine ich das«, rief ich mit einem Eifer, der Klaus höchlichst erfreute, »ich bin, so viel ich weiß, zwei Jahre jünger als Du, aber das kann ich Dir sagen: auf der Stelle würde ich heirathen, auf der Stelle; aber es kommt auf die Verhältnisse an, Klaus, auf die Verhältnisse!«

»Ja, freilich«, seufzte Klaus, »ich könnte sie ja wohl jetzt ernähren, denn ich werde in Accord arbeiten, und da kann man schon was vor sich bringen, wenn man sich dazu hält,[152] und Christel würde die Hände auch nicht in den Schooß legen; aber was hilft das Alles, wenn der Alte nicht will! Er ist nun doch einmal Vormund von der Christel und sie verdankt ihm ja auch eigentlich Alles, selbst das Leben, denn sie würde am Strande elend umgekommen sein, das arme Wurm, hätte der Vater die Mutter nicht an den Strand geschickt, das Treibholz zu sammeln, und da hat die Mutter sie ja gefunden, wissen Sie, und mitgenommen. So was will denn doch bedacht sein, und wenn er auch nicht gar gut gegen sie ist, und ich nicht weiß, warum er mich alle diese Jahre so schlecht behandelt hat, so steht doch geschrieben: Du sollst Vater und Mutter ehren. Nun habe ich schon lange keine Mutter mehr, so muß ich den Vater doppelt ehren. Meinen Sie nicht auch?«

Ich blieb diesmal die Antwort schuldig. In der Tasche meines Rockes stak der Brief meines Vaters, in welchem er mir befahl, Herrn von Zehren sofort zu verlassen und zu ihm zurückzukehren. Ich hatte dem Befehl nicht Folge geleistet; ich durfte nicht fort, bis Herr von Zehren zurückkam, und konnte ich jetzt fort, jetzt! Ich warf einen Blick nach dem Schloß zurück, das noch immer aus seinen düstern Baumgruppen düster zu uns über die Haide, durch die wir jetzt wanderten, herüber schaute, und seufzte tief.

Klaus kam von der andern Seite des vom Regen durchweichten Sandwegs an meine Seite und sagte, trotzdem, so weit das Auge reichte, kein Mensch außer uns auf der Haide zu sehen war, in geheimnißvoll leisem Ton:

»Ich bitte um Entschuldigung; ich habe Ihnen gewiß nicht weh thun wollen.«

»Das glaube ich dir, Klaus,« sagte ich.

»Denn sehen Sie,« sagte Klaus, »ich weiß ja wohl, daß Sie mit Ihrem Vater auch nicht gut stehen; aber der Herr Rendant ist ja ein so braver Mann, der gewiß keinem Menschen übel will, am wenigsten seinem eignen Sohn; und was die Leute von Ihnen sagen, daß Sie hier so wild leben und – und – das glaube ich auch nicht. Ich kenne Sie besser.«

»Sagen das die Leute von mir?« fragte ich höhnisch; »wer denn zum Beispiel?«

Klaus nahm die Mütze ab und kraute sich in dem schlichten Haar.

»Das ist schwer zu sagen,« erwiederte er verlegen. »Wenn[153] ich es ehrlich sagen soll: eigentlich Alle, mit Ausnahme natürlich von meiner Christel, die treu zu Ihnen hält; aber sonst lassen sie ja wohl kein gutes Haar an Ihnen.«

»Nur heraus damit,« rief ich, »ich mache mir den Teufel daraus; also heraus damit.«

»Ich kann es nicht sagen,« erwiederte Klaus.

Es dauerte lange, bis ich den treuen Jungen zum Sprechen brachte. Es war ihm schrecklich, eingestehen zu müssen, daß man mich in meiner Vaterstadt, wo Jeder Jeden kannte und Jeder an Jedes Schicksal den größten, wenn auch nicht immer liebevollsten Antheil nahm, ganz allgemein für einen verlorenen Menschen halte. Die Heizer auf dem Pinguin sprachen davon, und die pensionirten Schiffskapitäne, wenn sie auf dem Hafendamm, über die Brüstung gelehnt, nachdenklich den Tabakssaft in's Wasser spritzten, sprachen auch davon. Wohin Klaus, den man als meinen guten Freund kannte, gekommen war, überall hatte man ihn gefragt, ob er nicht wisse, was aus dem schlechten Menschen, dem Georg Hartwig, geworden sei, der sich ja wohl in der verrufensten Gegend der Insel auf adeligen Gütern umhertreibe als Spaßmacher für betrunkene Edelleute, mit denen er das wüsteste Leben führe? der an einem Abend mehr Geld verspiele, als sein armer Vater das ganze Jahr hindurch einnehme, und Gott möge wissen, wie er zu dem Gelde komme! Das Schlimmste aber war Eines, was Klaus nur mit dem nochmaligen ausdrücklichen Vorbehalt erwähnte, daß er kein Wort davon glaube. Klaus war gestern Abend, um sich zu verabschieden, bei dem Justizrath Heckepfennig gewesen, der Christels Pathe war und in dessen Haus Klaus von jeher manchmal kam. Die Familie hatte eben beim Thee gesessen; Elise Kohl, Emiliens Busenfreundin, war auch dagewesen, und man hatte Klaus der Ehre gewürdigt, ihm eine Tasse Thee anzubieten, nachdem er gesagt, daß er am nächsten Tage nach Zanowitz komme und mich aufzusuchen gedenke. Der Justizrath hatte ihm dringend gerathen, dies ja nicht zu thun, da seine längst feststehende Meinung: ich werde in den Schuhen sterben, neuerdings eine Bestätigung erhalten habe, über die er sich nicht auslassen könne. Dann hätten die Mädchen sich über mich zu Gericht gesetzt und gemeint, sie könnten alles Andere verzeihen; aber daß ich der Liebhaber von Fräulein von Zehren geworden sei, würden sie mir nicht[154] vergeben. Sie hätten es von Arthur gehört, der es doch wissen müsse, und Arthur habe solche Dinge von seiner Cousine erzählt, daß ein ordentliches Mädchen sie kaum hätte mit anhören können, und die wieder zu erzählen ganz unmöglich sei.

Klaus war erschrocken über die Wirkung, welche dieser Bericht auf mich machte. Vergebens, daß er wieder und immer wieder erklärte, er glaube ja kein Wort von alledem, und er habe das auch den Mädchen gleich gesagt. Ich schwur, daß ich mich für nun und immer von dem treulosen, verräterischen Freunde lossage und daß ich mich früher oder später auf das grausamste an ihm rächen würde. Ich stieß die schrecklichsten Drohungen und Verwünschungen aus. Nie würde ich freiwillig wieder einen Fuß in meine Vaterstadt setzen, ja vom Erdboden würde ich sie vertilgen, wenn es in meiner Macht stünde! Ich hätte mir bis jetzt noch immer Gewissensbisse gemacht, ob ich nicht doch vielleicht übereilt gehandelt habe, als ich um einer so geringfügigen Veranlassung willen meinen Vater verließ; aber jetzt könne mein Vater mir hundertmal befehlen, ich solle zurückkehren, ich würde es nicht thun. Und was Herrn von Zehren und Fräulein von Zehren betreffe, so sei mir ein Haar auf ihrem Haupte mehr werth als ganz Uselin, und ich sei bereit, für Beide auf der Stelle in diesen meinen Wasserstiefeln hier zu sterben, und die Stiefel möge der Teufel dem Justizrath Heckepfennig hinterher um den struppigen Kopf schlagen.

Der gute Klaus wurde ganz still und betreten, als er mich so lästerlich fluchen hörte. Es mochte ihm wohl der Gedanke kommen, daß es mit dem Heil meiner Seele denn doch schlechter stehe, als er angenommen. Er sprach das zwar nicht aus, aber er sagte in seiner einfachen Weise, daß ihm der Ungehorsam gegen meinen Vater sehr bedenklich sei; ich wisse ja, wie viel er selbst immer von mir gehalten habe, trotz der Reden der Leute, und wie er stets geneigt gewesen und noch geneigt sei, mir in Allem recht zu geben; hier aber wäre ich doch gewiß im Unrecht, und wenn mein Vater mir wirklich befohlen habe, zu ihm zurückzukehren, so könne er gar nicht absehen, wie ich diesem Befehle nicht Folge leisten sollte; und er wolle mir nur gestehen, daß ihm mein Ungehorsam gegen meinen Vater immer im Kopfe herumgegangen, und daß er jetzt ruhiger abreisen werde, nachdem er mir das gesagt habe.[155]

Ich antwortete nicht, und Klaus wagte nicht, ein Gespräch, das mir so unangenehm schien, fortzusetzen. Er ging still neben mir her, von Zeit zu Zeit einen traurigen Blick auf mich werfend, ähnlich wie Caro, der an meiner andern Seite trottete und die Ohren hängen ließ; denn der Regen fiel wieder stärker, und Caro konnte immer weniger begreifen, was das zwecklose Umherlaufen auf dem nassen Dünensande eigentlich zu bedeuten habe.

So kamen wir nach Zanowitz, dessen elende Lehmhütten, die einen hier, die andern da, zwischen den auf- und absteigenden Sanddünen zerstreut lagen, als spielten sie mit einander Versteckens. Zwischen die Dünen hindurch schaute das offene Meer herein. Das war mir immer ein lieber Anblick gewesen, wenn die Sonne hell herab schien auf den weißen Sand und die blauen Wasser, und die weißen Möven sich lustig über den blauen Wassern schwangen. Aber heute sah der Sand grau aus und grau der Himmel, und grau das Meer, das in schweren Wogen herangerollt kam. Ja selbst die Möven, die kreischend über der Brandung flatterten, sahen grau aus. Es war ein trübseliges Bild, ganz in der Farbe der Stimmung, in welche mich das Gespräch mit Klaus versetzt hatte.

»Ich sehe, Peters macht schon klar,« sagte Klaus, auf eins der größern Fahrzeuge deutend, die etwas vom Strande entfernt vor ihren Ackern auf den Wellen tanzten; »ich denke, wir gehen gleich hinunter; sie werden unten auf mich warten.«

So gingen wir denn zum Strande hinab, wo man eben im Begriffe war, eins von den vielen kleinern Booten, die man auf den Sand gezogen hatte, wieder in's Wasser zu schieben. Ein Haufen von Menschen stand dabei, unter ihnen der alte Pinnow, Christel und Klaus' Tante Julchen, eine wohlhäbige Fischerwittwe, deren ich mich von früher her wohl noch erinnerte.

Dem armen Klaus wurde kaum eine Minute zum Abschiednehmen vergönnt. Schiffer Peters, der das Korn, das er für Rechnung des Commerzienrathes geladen hatte, noch heute in Uselin abliefern mußte, fluchte über die verdammte Trödelei; Pinnow brummte: der Faselhans werde nicht gescheidt werden, Christel verwandte die rotgeweinten Augen nicht von ihrem Klaus, den sie nun in so langer Zeit nicht wiedersehen sollte, Tante Julchen wischte sich die Thränen[156] und die Regentropfen mit ihrer Schürze von dem guten dicken Gesicht, und der taubstumme Lehrjunge Jakob, der auch dabei stand, starrte fortwährend seinen Meister an, als erblickte er dessen rothe Nase und blaue Brille heute zum ersten mal. Klaus sah sehr verwirrt und sehr unglücklich aus; aber er sagte kein Wort, während er, ein Bündel, das ihm Christel gegeben hatte, in der Linken haltend, die Rechte Allen der Reihe nach reichte, und dann in das Boot sprang und einen von den beiden Riemen ergriff. Ein paar Fischer stiegen in's Wasser und schoben; das Boot wurde flott; die Riemen wurden eingesetzt und die Nußschale tanzte auf den Wellen hin nach der Jacht, auf der man schon das Hauptsegel halbmasthoch aufgezogen hatte.

Als ich mich wieder umwandte, verschwand Christel eben mit der dicken Tante zwischen den ersten Häusern. Das arme Ding wollte gewiß die so mühsam zurückgehaltenen Thränen in der Stille ausweinen, und ich glaubte ihr einen Gefallen zu thun, wenn ich wenigstens ihren Vater noch eine Weile am Strande aufhielt. Aber Herr Pinnow hatte gar keine Eile fortzukommen. Die blaue Brille über den Augen, die, wie ich wußte, so scharf sehen konnten, blickte er in die schäumenden Wellen und tauschte mit den Schiffern und Fischern von Zanowitz jene Bemerkungen aus, welche am Strande zurückbleibende Seeratten einem absegelnden Fahrzeuge nachzuschicken pflegen.

Es waren keine vertrauenerweckende Gesichter, die starkknochigen, magern, wettergefurchten, sonnegebräunten Gesichter der Männer von Zanowitz mit den hellblauen zwinkernden Augen; aber ich sagte mir doch, während ich so dabei stand und sie mir der Reihe nach betrachtete, daß meines alten Freundes Gesicht das am wenigsten vertrauenerweckende von allen war. Der böse grausame Zug um seinen breiten Mund mit den dicken, festgeschlossenen und selbst, wenn er sprach, sich kaum bewegenden Lippen, war mir früher noch nie so aufgefallen; vielleicht sah ich ihn heute mit andern Augen an als sonst. In der That hatte sich seit gestern Abend der Verdacht, der mir schon wiederholt gekommen war: der alte Pinnow sei in die gefährlichen Unternehmungen Herrn von Zehren's tief verwickelt, auf's neue geregt; ja ich hatte fast mit Bestimmtheit angenommen, er werde auch an der Expedition, die jetzt im Werke war, thätigen Antheil nehmen, und war[157] deshalb sehr erstaunt gewesen, als ich von Klaus hörte, daß sein Vater selbst ihn und Christel hierher gefahren habe. Indessen, wie auch immerhin sein Verhältniß zu Herrn von Zehren war – diesmal war er nicht betheiligt, und das gewährte mir ordentlich eine Erleichterung.

Uebrigens schien der Schmied unsern Streit an jenem Abend nicht vergessen zu haben. Er that beständig, als ob er mich nicht sähe, oder kehrte mir gar den breiten Rücken zu, während er den Andern erzählte, was er heute Morgen für eine rasche Fahrt gemacht, und daß er sich für sein Theil nicht hinaus gewagt haben würde bei dem Wetter – und seinen schwachen Augen, die mit jedem Tage schwächer würden, – hätte der Klaus nicht so gar große Eile gehabt. Aber die Christel wolle er, wenn es heute Abend noch eben so stark wehen sollte, doch lieber nicht wieder mitnehmen: sie könne ja bei seiner Schwester bleiben; dafür wolle er einen oder den andern tüchtigen Burschen von hier an Bord nehmen zur Aushülfe, denn auf den Jakob, den dummen Bengel, könne er sich doch nicht recht verlassen.

Die tabakkauenden Männer von Zanowitz hörten zu, und sagten Ja, oder sagten auch nichts, und dachten sich ihr Theil.

Der Aufenthalt auf dem Strande, wo uns der Regen und Gischt fortwährend in's Gesicht trieb, war unbehaglich genug. So wandte ich mich denn von der Gruppe weg und ging das Ufer hinauf. Ich wußte, wo das Häuschen von Tante Julchen lag: ich wollte dort vorübergehen und versuchen, ob ich Christel nicht wenigstens ein paar freundliche Worte sagen könne. Aber, als ob er meine Absicht ahne und zu verhindern gedenke, kam Pinnow in Begleitung von ein paar andern Galgenphysiognomien hinter mir her; so gab ich denn meinen Vorsatz für heute auf und schritt quer durch das Dorf die Dünen hinauf, in der Absicht, von dort über die Haide nach Trantowitz zu gehen.

Ich hatte eben die höchste Düne, die man ihres besonders glänzenden Sandes wegen die weiße nannte, und von der aus man weit hinauf und hinab den Strand überblicken konnte, erstiegen, als ich plötzlich meinen Namen rufen hörte. Ich wandte mich um und sah eine weibliche Gestalt, die dicht unter dem scharfen Rande der Düne, aber auf der dem Dorfe und Meere abgewandten Seite, in einer Vertiefung kauerte[158] und mir lebhaft winkte. Zu meinem nicht geringen Erstaunen erkannte ich Christel. Schnell ging ich die Schritte, die ich schon abwärts gethan hatte, zurück. Sie zog mich, als ich vor ihr stehen blieb, in die Vertiefung hinein, indem sie mir mehr mit Geberden als mit Worten bedeutete, daß ich ganz still sitzen und auch den Hund festhalten solle.

»Was hast Du, Christel?« fragte ich.

»Es ist keine Zeit zu verlieren,« erwiederte sie, »ich muß es in zwei Minuten gesagt haben. Heute Nacht um drei Uhr ist Herr von Zehren zu ihm gekommen; sie dachten, ich schlief, aber ich schlief nicht, weil ich um die Großmutter weinte, und habe Alles gehört. Diesen Abend wird eine mecklenburgische Jacht hier kreuzen, die Seide geladen hat; Herr von Zehren ist mit Extrapost nach R. gefahren, um dem Kapitain, der dort liegt und blos darauf wartet, zu sagen, daß er absegelt; er selbst kommt auf der Jacht mit. Dann überlegten sie, wie sie die Waare von der Jacht abbringen könnten, und er hat sich erboten, weil die Luft rein sei, es selbst mit seinem Boote zu thun, während die Waaren sonst immer hier in Zanowitz geborgen worden sind und er die für Uselin bestimmten dann erst später und gelegentlich von Zehrendorf abgeholt hat. Als Herr von Zehren meinte, es werde auffallen, wenn er ohne besondere Gründe, noch dazu bei so schlechtem Wetter, aussegle, sagte er, Klaus habe gewünscht, ehe er fortginge, die Tante noch zu sehen; da wolle er ihn herüberfahren, und damit gar Niemand Verdacht schöpfen könne, wolle er mich mitnehmen. Dann haben sie den Jochen Swart hereingerufen, der unterdessen in der Werkstatt gewesen ist, und Herr von Zehren hat ihm befohlen, sogleich über die Fähre nach hier zurückzukehren und für den Abend zwölf der sichersten Leute von Zehrendorf und Zanowitz bereit zu halten, die mit an Bord gehen sollen – als Träger, wissen Sie. Der Jochen ist gegangen, und nach einer Viertelstunde ist der Jochen wieder gekommen. Das hat mich schon gewundert; denn Herr von Zehren hatte ihm ausdrücklich und wiederholt gesagt, keine Minute zu verlieren, sondern sogleich aufzubrechen; aber er mußte ihm schon vorher ein Zeichen gemacht oder sich sonst mit ihm verständigt haben. Nun haben sie die Köpfe zusammengesteckt und so leise gesprochen, daß ich es nicht verstehen konnte; aber es mußte was Schlimmes sein, denn er ist ein paar Mal leise aufgestanden und hat an meiner[159] Thür gehorcht, ob ich mich nicht rühre. Dann ist er weggegangen und Jochen ist sitzen geblieben. Das hat wohl eine Stunde gedauert, und es fing schon an zu dämmern, als ich ihn wiederkommen hörte mit einem Dritten und der war der Steuerrevisor Blanck. Er hatte keine Uniform an, aber ich habe ihn deutlich erkannt, auch an der Stimme. Nun haben die drei miteinander geflüstert, sind aber bald zusammen fortgegangen. Gegen sechs ist er allein wiedergekommen und hat an meine Thür gepocht; denn ich hatte nicht gewagt, hervorzukommen, und hat gesagt, ob ich denn heute gar nicht aufstehen wolle? Der Klaus werde gleich da sein und wir wollten zusammen hierher fahren und ich solle ein bischen Zeug mitnehmen; denn vielleicht lasse er mich hier bei der Tante.«

Während Christel so erzählte, und dabei jedes »er«, das »ihn« bezeichnete, so scharf hervorhob, daß ich trotz der Schnelligkeit, mit welcher sie sprach, Alles nur zu wohl begriff, hatte sie ein paar mal vorsichtig den Kopf über den Dünenrand gehoben, zu sehen, ob Jemand komme.

»Ich wußte nicht, was ich thun sollte;« fuhr sie fort; »dem Klaus konnte ich es nicht sagen; denn er ist wie ein Kind und weiß von nichts und soll nichts wissen, und ich danke Gott, daß er nun fort ist. Ich habe ihm zugeredet, Sie aufzusuchen, denn ich dachte, Sie kämen vielleicht mit und das ist ja nun auch geschehen, und ich wollte es Ihnen, wenn es möglich war, sagen, ob Sie vielleicht Rath wüßten. Herr von Zehren ist immer so gut zu mir gewesen und hat noch das letzte mal gesagt, er wolle für den Klaus und mich sorgen, und vor ihm solle ich mich nur nicht fürchten; denn er wisse recht gut und er habe es ihm auch gesagt, wenn er mir etwas zu Leide thäte, würde er ihn todtschießen. Und seitdem hat er mich auch zufrieden gelassen, aber auf den Herrn von Zehren hat er so gräulich geflucht und daß er es ihm schon eintränken wolle, und nun will er ihn an den Galgen bringen.«

Christel wollte anfangen zu weinen, aber sie wischte die Thränen resolut mit dem Rücken der Hand ab und sagte: »Ich kann nicht mehr thun; sehen Sie zu, ob Sie weiter helfen können und ängstigen Sie sich nicht um mich, wenn er auch erfährt, daß ich es gewesen bin.«

Ein tiefe Röthe flammte in ihrem Gesichte auf, aber das muthige Mädchen war entschlossen, Alles zu sagen, und so sagte sie:[160]

»Ich habe schon mit der Tante gesprochen, die Tante will mich bei sich behalten, und sie hat einen großen Anhang hier, daß er nicht wagen wird, gegen sie aufzutreten. Und nun muß ich zurück; laufen Sie schnell die Düne hinab, da unten kann man Sie nicht mehr sehen, und adjüs!«

Ich drückte Christel die Hand und sprang die Düne hinab, an die sich andere niedrigere, wild durcheinander geworfene, zum Theil mit Strandgras und Ginster überlaufene, anreihten, zwischen denen ich vor dem Auge eines Spähers ziemlich sicher war. Dennoch schlich ich gebückt weiter und richtete mich nicht eher wieder auf, als bis ich nach ein paar hundert Schritten auf der Haide war, wo ich mich doch nicht länger verbergen konnte. Als ich nach der weißen Düne zurückblickte, sah ich Christel nicht mehr; sie hatte offenbar einen günstigen Augenblick benutzt, um sich ungesehen in das Dorf zurückzuschleichen.

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig 1874, S. 150-161.
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