Fünfzehntes Capitel.

[161] Caro hatte, während ich den schmalen Pfad über die Haide nach Trantowitz lief, keine Veranlassung, mit dem Benehmen seines Herrn zufriedener zu sein als zuvor. Ich sprach nicht mit ihm, wie sonst; ich hatte kein Auge für die paar unglücklichen Hasen, die er, um sich die tödtliche Langeweile zu vertreiben, aus ihrem nassen Lager aufstieß, oder für die Mövenschwärme, die sich vor dem Unwetter auf dem Meere hierher zurückgezogen hatten, wo es freilich auch noch Wasser genug gab. Ich lief in einer Eile, als hänge Tod und Leben davon ab, ob ich Trantowitz fünf Minuten früher oder später erreichte, und doch war es nur zu gewiß, daß Hans, wenn ich ihn in's Vertrauen zog, ebenso rathlos sein würde, wie ich. Aber Hans von Trantow war ein guter Mensch und Herrn von Zehren, das wußte ich, von Herzen ergeben. Und er liebte ja auch Konstanze; um Konstanzens willen, selbst wenn er sonst keinen Grund gehabt hätte, mußte er mir helfen, Konstanzens Vater zu retten, wenn Rettung noch möglich war!

So stürmte ich dahin. Unter meinen Tritten spritzte das Wasser aus dem nassen Boden, in dem ich manchmal bis über[161] die Knöchel versank, der Regen schlug mir in's Gesicht und die Möven kreischten, während sie, die spitzen Schnäbel nach unten gekehrt, über mir flatterten.

Von Zanowitz nach Trantowitz war es eine halbe Stunde, die mir wie eine Ewigkeit vorkam. Endlich erreichte ich den Hof, der selbst im Sonnenschein kahl und öde und heute im Regenwetter abscheulich aussah. Vor dem einstöckigen Wohnhause mit den acht himmelhohen Pappeln, deren schlanke Wipfel der Regensturm zerzauste, hielt Granow's Jagdwagen bespannt. Der widerwärtige Mensch war also da; aber gleichviel; ich mußte Hans allein sprechen, und sollte ich Herrn von Granow vorher zur Thür hinauswerfen.

Die Herren saßen, als ich eintrat, beim Frühstück; ein paar leere Flaschen, die auf dem Tisch standen, bewiesen, daß sie bereits einige Zeit dabei gesessen hatten. Granow verfärbte sich bei meinem Anblick. Ich mochte mit meinem erhitzten, aufgeregten Gesicht, meinen vom Regen durchnäßten Kleidern und den bis oben hinauf von Dünensand und Moorschlamm bedeckten Jagdstiefeln bedenklich genug aussehen, und der kleine Mann hatte mir gegenüber nicht das beste Gewissen. Trantow langte, ohne sich zu erheben, bei meinem Eintritt nach einem Stuhl, der in der Nähe stand, rückte denselben an den Tisch, und nickte, indem er mir die Hand reichte, nach den Flaschen und Schüsseln. Sein gutes Gesicht war bereits sehr roth und seine großen blauen Augen ein wenig gläsern; offenbar kamen die leeren Flaschen zum größten Theil auf seine Rechnung.

»Sie sind doch nicht auf der Jagd gewesen bei dem gräulichen Wetter?« fragte Herr von Granow, der plötzlich sehr freundlich geworden war und mir verbindlich Brod, Butter und Schinken zuschob, welchem Allen ich, trotz meiner Sorgen, eifrig zusprach; denn ich war vollkommen ausgehungert und die dumpfe Luft des Zimmers hatte mir fast eine Ohnmacht zu Wege gebracht. »Wir sitzen hier schon seit zwei Stunden, und überlegen, wie wir den Tag hinbringen sollen. Ich habe ein kleines Jeu vorgeschlagen, aber Hans will nicht spielen; er sagt, er wolle überhaupt nicht wieder spielen. Er sagt: das Spiel sei ein Laster.«

»Das ist es auch,« brummte Hans.

»Nämlich nur, wenn er gewinnt,« sagte Granow und lachte über seinen Witz. »Er findet es lasterhaft, andern[162] Leuten das Geld abzunehmen, das sie vielleicht nothwendig brauchen; er selbst braucht kein Geld, nicht wahr, Hans?«

»Wüßte nicht wozu.« sagte Hans.

»Da hören Sie es selbst; er weiß nicht wozu. Er muß heirathen, das ist die Sache; dann wird er wissen, wozu er das Geld braucht. Wir haben noch eben darüber gesprochen.«

Das Roth auf des guten Hans Gesicht dunkelte noch ein wenig nach und er warf einen scheuen Blick auf mich; es schien mir, daß ich in dem Gespräche der Herren eine Rolle gespielt hatte.

»Es wird ihm nicht so leicht wie Ihnen, der Sie nur anzuklopfen brauchen,« sagte ich.

»Sie meinen?« fragte der kleine Herr mit einiger Unruhe.

»Ich meine, Sie hätten das vorgestern Abend mir selbst gesagt,« erwiederte ich. »Sie nannten ja auch wohl Namen; aber es geht nicht, es geht wirklich nicht, obgleich Herr von Granow sich die Sache nach allen Seiten überlegt hat.«

Ich hatte die letzten Worte, indem ich mich zu Hans wandte, in ironischem Tone gesprochen. Hans, dessen Kopf niemals besonders hell war, konnte an diesem dunkeln Tage kein Licht in meine Rede bringen, aber Herr von Granow hatte mich nur zu gut verstanden.

»Man sollte einen Scherz nicht ernster nehmen, als er gemeint ist,« sagte er, indem er sich mit zitternder Hand ein Glas Wein einschenkte.

»Oder vielmehr, man sollte mit gewissen Dingen überhaupt keinen Scherz treiben,« erwiederte ich, indem ich seinem Beispiel folgte.

»Ich bin alt genug, um ohne Ihre Belehrungen fertig werden zu können,« sagte der Kleine mit einem kläglichen Versuch, mich einzuschüchtern.

»Und haben doch nicht gelernt, Ihre Zunge im Zaume zu halten,« erwiederte ich, ihm starr in's Gesicht sehend.

»Es scheint, Sie wollen mich beleidigen, junger Mensch,« schrie er, indem er das Glas, an dem er genippt, heftig auf den Tisch stieß.

»Soll ich Ihnen das vielleicht dadurch noch deutlicher machen, daß ich Ihnen dies Glas an den Kopf werfe?«

»Aber Ihr Herren!« sagte Hans.

»Genug,« rief der Kleine, indem er seinen Stuhl zurückstieß[163] und aufsprang; – »ich will nicht länger in dieser Weise beleidigt sein; ich will Satisfaction haben, wenn dieser Herr satisfactionsfähig ist.«

»Mein Vater ist ein ehrenwerther Steuerbeamter,« sagte ich, »mein Großvater war Prediger, mein Urgroßvater ebenfalls – der Ihrige ist ja wohl Schäfer gewesen?«

»Wir sprechen uns wieder;« kreischte der Kleine, indem er zum Zimmer hinausstürmte und die Thür hinter sich zuschlug. Einen Moment später hörten wir seinen Wagen eilig über das Pflaster des Hofes davon rollen.

»Nun aber, was bedeutet dies?« fragte Hans, der sich während der ganzen Scene nicht in seinem Stuhle geregt hatte.

Ich brach in ein wildes Gelächter aus.

»Das bedeutet,« rief ich, »daß Herr von Granow ein Lump ist, der die Frechheit gehabt hat, über eine Dame, die wir Beide verehren, in einer Weise zu lästern, für die er noch ganz etwas Anderes verdient hätte, und außerdem habe ich ihn weg haben wollen; ich muß Sie sprechen; Sie müssen mir helfen; Sie müssen ihm helfen –«

Ich wußte nicht, wie ich beginnen sollte, und lief, durch die eben gehabte Scene doppelt aufgeregt, wie ein Wahnsinniger, in dem Zimmer auf und ab.

»Trinken Sie eine halbe Flasche auf einmal,« sagte Hans nachdenklich, »das ist ein Universalmittel, das macht einen klaren Kopf.«

Aber ich kam auch ohne des guten Hans Universalmittel wieder so weit zur Ruhe, um ihm mittheilen zu können, was mir schier das Herz abdrückte. Ich erzählte ihm Alles von Anfang an: meinen ursprünglichen Verdacht gegen Herrn von Zehren, der vollkommen eingeschlafen sei, bis ihn Granow's Schwatzhaftigkeit wieder geweckt habe; dann Herrn von Zehren's halbes Zugeständniß gestern Abend und die Umstände seiner Abreise, wobei ich nur den Brief des Steuerraths, der doch eigentlich nicht mein Geheimniß war, verschwieg; sodann die Keller-Expedition von heute morgen, endlich Christel's Mittheilung. Ich sagte zuletzt: »Herr von Trantow, ich weiß nicht, wie Sie über seine Handlungsweise denken, aber ich weiß, daß Sie ihn lieb haben, und daß Sie,« fügte ich erröthend hinzu, »Konstanze, Fräulein von Zehren, verehren. Helfen Sie mir, wenn Sie können; ich bin entschlossen, Alles[164] daran zu setzen, ihn nicht in die Schlinge fallen zu lassen, die man ihm offenbar gelegt hat.«

Hans von Trantow war während meiner Erzählung die Cigarre ausgegangen, ohne daß er einen Versuch gemacht hatte, dieselbe wieder in Brand zu setzen – ein Beweis der gespannten Aufmerksamkeit, mit der er meinem Bericht gefolgt war. Jetzt, als ich zu Ende, reichte er mir über den Tisch herüber seine große Hand und wollte etwas sagen, bemerkte aber, daß unsere Gläser leer waren; so schenkte er dieselben wieder voll, zündete sich dann die Cigarre an, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und hüllte sich in eine graue Wolke.

»Ich kann es nicht ausdenken,« fuhr ich, durch Hans schweigende Theilnahme angefeuert, fort, »daß sie ihn fangen; denn ich bin überzeugt: er wird sich nicht gutwillig ergeben, er wird sich zur Wehr setzen.«

Hans nickte, um anzudeuten, daß er darüber nicht den geringsten Zweifel habe.

»Und dann zu denken, daß sie ihm den Proceß machen, daß sie ihn in's Gefängniß werfen! Herr von Trantow, sollen wir das zulassen, wenn wir es hindern können? Er hat mir noch gestern eine Geschichte er zählt, wie einer seiner Ahnen, der auch Malte hieß, von einem der Ihren, der sich Hans nannte, wie Sie, herausgeholt und herausgehauen ist, als sie ihn in Uselin gefangen hatten, auf eine Botschaft hin, die dem Hans von Trantow ein treuer Junge von einem Knappen brachte. Nun, das stimmt Alles heute, wie damals. Ich bin der treue Knappe, und Sie und ich, wir wollen ihn heraushauen, daß es nur so eine Art hat.«

»Ja, das wollen wir!« rief Hans, indem er mit seiner schweren Faust auf den Tisch schlug, daß die Flaschen und Gläser tanzten. »Wir wollen den Thurm in die Luft sprengen, wenn sie ihn einsperren.«

»So weit dürfen wir es nicht kommen lassen,« sagte ich, trotz meiner Sorgen unwillkürlich über Hans' gutmüthig-blinden Eifer lächelnd. »Wir müssen ihn vorher benachrichtigen; wir müssen vorher an ihn kommen; wir müssen den ganzen Plan, den man auf Pinnow's und Jochen's schurkische Verrätherei gebaut hat, zerstören. Aber wie? nur wie?«

»Ja, wie?« sagte Hans, indem er sich nachdenklich die Stirn rieb.

Wir – oder vielmehr ich, denn Hans begnügte sich,[165] den eifrigen Zuhörer zu machen und mir fortwährend einzuschenken, vermuthlich, um meiner Erfindungskraft zu Hülfe zu kommen – entwarfen hundert Plane, von denen der eine immer weniger ausführbar war, als der andere, bis ich zuletzt auf den folgenden verfiel, der sich denn, wie übrigens die andern auch, der vollsten Zustimmung des guten Hans erfreute.

Wenn man die Absicht hatte, Herrn von Zehren auf frischer That zu ergreifen – und wie konnte ich nach Christel's Mittheilung daran zweifeln? – so war die größte Wahrscheinlichkeit, daß man ihm, wie das in diesen Affairen immer die Praxis war, einen Hinterhalt gelegt hatte. Dieser Hinterhalt konnte nur auf einem Wege liegen, in den man ihn geflissentlich lockte, oder den er nothwendig kommen mußte. Ueber den erstern Fall war selbstverständlich nichts vorher auszumachen; für den letztern Fall war mit ziemlicher Bestimmtheit anzunehmen, daß der Hinterhalt in unmittelbarer Nähe des Hofes lag. In jedem Falle mußte man suchen, so früh wie möglich zu ihm zu gelangen. Hier aber gab es nur ein Mittel. Man mußte mit Pinnow zugleich aussegeln, das heißt, man mußte sich, da der Alte so bedenkliche Passagiere gutwillig gewiß nicht mitnehmen würde, die Mitfahrt erzwingen. Wie das in's Werk zu richten sei, konnte nur dem Zufall überlassen bleiben; die Hauptsache war, daß wir zur rechten Zeit in Zanowitz waren. Vor Einbruch der Dunkelheit segelte Pinnow jedenfalls nicht, denn die Schmuggler-Jacht würde ohne Zweifel erst unter dem Schutze der Dunkelheit, und zwar dann so nahe als möglich, herankommen. Waren wir erst einmal an Bord, mußte sich das Weitere finden.

Dann wurde ein zweite Frage erörtert. Daß es so oder so ohne Gewalt nicht abgehen würde, daran zweifelte weder Hans noch ich. Mit Gewehren war im Dunkeln nichts zu machen, noch weniger mit Hirschfängern oder Jagdmessern gegenüber Pinnow und seinen Gesellen, die alle Messer führten und Messer jedenfalls besser zu gebrauchen wußten als wir. Es mußten also Pistolen sein.

Hans hatte ein Paar; ein Paar reichte nicht; in Herrn von Zehrens Zimmer hing ein anderes. Sie mußten herbeigeschafft werden. Ueber Konstanzens Verbot, das Haus vor der Rückkehr des Vaters nicht wieder zu betreten, setzte ich mich leicht weg; hier standen höhere Interessen auf dem Spiel;[166] hier handelte es sich um Tod und Leben. Ja, es fragte sich, ob es nicht wohlgerathen wäre, Fräulein von Zehren wenigstens einen Wink zu geben; doch nahmen wir davon Abstand, weil sie schließlich uns nicht helfen konnte und sich also nutzlos ängstigen würde. Dagegen schien es rathsam, den alten Christian, auf den man sich wohl jedenfalls verlassen durfte, in's Vertrauen zu ziehen. Wir konnten mit ihm ein Zeichen verabreden: ein Licht in einem der Giebelfenster, oder etwas derart, wodurch er uns, im Falle wir unangefochten bis nach Zehrendorf gelangten, schon von weitem benachrichtigen konnte, ob auf dem Hofe und um den Hof herum die Luft rein sei oder nicht.

Es war zwei Uhr geworden, als wir in unsern Beratungen so weit gekommen waren; bis zur Dämmerung hatten wir mindestens noch drei Stunden, während derer wir uns in Geduld fassen mußten, – eine schwere Aufgabe für mich, in dessen Adern das Fieber der Ungeduld brannte. Hans machte den liebenswürdigsten Wirth. Er holte seine besten Cigarren und seinen besten Wein; er war gesprächig, wie ich ihn noch nie gesehen; die Aussicht auf ein Abenteuer so ernster Natur, wie es uns bevorstand, schien ihn wohlthätig aus seiner gewöhnlichen Lethargie aufgerüttelt zu haben. Er erzählte die unendlich einfache Geschichte seines Lebens: wie er seine Eltern früh verloren, wie man ihn in die Provinzial-Hauptstadt in Pension gegeben, damit er das Gymnasium besuchen könne, auf welchem er es im siebzehnten Jahre glücklich bis zur Unterquarta brachte. Dann war er Oekonom geworden, hatte, als er mündig wurde, sein Erbgut übernommen, und da lebte er nun sechs Jahre – er stand jetzt in seinem dreißigsten – still und harmlos, sein Geschoß nur auf des Waldes (und des Feldes) Thiere richtend, sein Korn bauend, seine Schafe scheerend, seine Cigarre rauchend, seinen Wein trinkend und sein Spiel spielend. Es gab nur eine Romantik in diesem prosaischen Leben, das war seine Liebe für Konstanze. Konstanze sehen, sie lieben und immer weiter lieben, trotzdem er sich über die Hoffnungslosigkeit seiner Leidenschaft längst vollkommen klar war, und diese hoffnungslose Leidenschaft, so gut es gehen wollte, im Wein ertränken – das war des armen Jungen Schicksal. Er nahm es mit vollkommener Seelenruhe hin, überzeugt, wie er war, daß er nicht der Mann sei, sich sein Schicksal selbst zu machen, so[167] wenig, wie er sich seine Schularbeiten jemals hatte selbst machen können. Weshalb oder für wen sollte er sich in mühseliger Arbeit quälen? Für sich selbst? Er hatte für den Augenblick, was er brauchte, und eine Zukunft gab es für ihn nicht. Er war der Letzte seines Stammes, nicht einmal Verwandte hatte er. Wenn er starb, fiel sein Gut als erledigtes Lehen an die Krone. Mochte die Krone zusehen, was sie mit den verwitterten Scheunen und Viehställen, mit dem zusammenbrechenden Herrenhause anfing! Er ließ verwittern, was verwittern, zusammenbrechen, was zusammenbrechen wollte. Er brauchte nur ein Zimmer, und in diesem einen Zimmer saßen wir jetzt, während Hans in seiner eintönigen Weise so erzählte und der Regen die melancholische Begleitung zu dem traurigen Text an die niedrigen Fenster schlug.

Für mich hatte eine Unterhaltung, durch welche Konstanzens Name, auch wenn er nicht genannt wurde, fortwährend hindurchklang, einen sonderbar peinlichen Reiz. Obgleich Hans das schöne Mädchen nicht mit einer Sylbe anklagte, ging doch aus Allem hervor, daß sie seine schüchternen Bewerbungen anfänglich begünstigt hatte und erst nach der Begegnung mit dem Fürsten Prora diesen Sommer im Bade eine Veränderung in ihrem Benehmen eingetreten war. Und Hans war offenbar nicht der Einzige gewesen, der sich ohne Unbescheidenheit Hoffnung auf ihre Hand hatte machen dürfen. Karl von Sylow, Fritz von Zarrentin, mit einem Worte, fast jeder aus der Schaar der jungen Edelleute, die den Umgang Herrn von Zehren's bildeten, hatte sich früher oder später, mit größerem oder geringerem Recht, für den Begünstigten halten können. Selbst Granow, obgleich er von Anfang an das Stichblatt der Witze seiner Genossen gewesen war, durfte sich rühmen, in den ersten Monaten seines Aufenthaltes von dem schönen Mädchen ausgezeichnet worden zu sein; ja Hans schien noch jetzt Granow's Fall für keineswegs verzweifelt zu halten; denn der kleine Mann sei sehr reich, und sie wird nur einen sehr Reichen heirathen, sagte Hans und schenkte sich mit einem tiefen Athemzuge sein Glas wieder voll.

Ich war bei Hans' letzten Worten aufgesprungen und hatte das Fenster aufgerissen. Mir war, als ob ich ersticken müsse, als ob die niedrige Zimmerdecke mit den tiefeingebogenen,[168] freiliegenden Balken jeden Augenblick über mir zusammenbrechen müsse.

»Regnet es noch?« fragte Hans.

Es regnete im Augenblicke nicht, dafür kam aber vom Meere her einer jener Nebel, deren schon im Laufe des Tages mehrere vorübergezogen waren.

»Richtiges Schmugglerwetter,« sagte Hans, »der Alte sollte sich schämen, an einem solchen Tage seine Freunde herauszujagen. Aber das hilft nun nicht. Wollen wir nicht noch eine Flasche trinken? Es wird heute Nacht verdammt kalt werden.«

Ich meinte, wir hätten schon überreichlich getrunken, und daß es wohl Zeit sei, aufzubrechen.

»Dann will ich mich zurecht machen,« sagte Hans, stand auf und ging in seine Schlafstube, wo ich ihn eine Zeit lang zwischen seinen Wasserstiefeln poltern hörte.

Ich hatte immer geglaubt, daß ich einer Gefahr gegenüber hinreichend kaltblütig sei; aber in Hans hatte ich doch meinen Meister gefunden. Während er drinnen rumorte, hörte ich ihn durch die halb offene Thür: »Steh' ich in finsterer Mitternacht« so behaglich pfeifen, als ob es zur Hasenjagd ginge, als ob wir nicht im Begriff wären, unser Leben auf's Spiel zu setzen. Freilich, sagte ich zu mir, er liebt hoffnungslos und Herr von Zehren ist ihm eben nur ein Freund und Nachbar und Standesgenosse, dem gegen die verhaßte Polizei beizustehen er für seine Schuldigkeit hält. – Daß Hans, indem er sich für eine Sache schlagen wollte, die ihn im Grunde nichts anging, viel mehr that, als ich, zum wenigsten viel uneigennütziger handelte, bedachte ich nicht.

Und da trat er nun aus seiner Kammer, wenn nicht wie der wildeste der wilden Krieger, so doch anzuschauen wie Einer, den man sich gern zum Gefährten bei einem Abenteuer wählt, das einen starken und muthigen Mann erfordert. Seine langen Beine staken in mächtigen Stiefeln; über sein knapp anliegendes seidenes Wamms hatte er einen etwas längeren wollenen Ueberwurf gezogen, den er auf Winterjagden tragen mochte und den man mit einem Gürtel um die Hüften zusammennehmen oder auch frei herunterfallen lassen konnte. Er hatte jetzt das letztere gethan und dafür den Gürtel um das Wamms geschnallt, um so die Pistolen, die er in den Gürtel gesteckt hatte, zu verbergen. Mit gutmüthigem[169] Lachen zeigte er mir seine Ausrüstung und fragte, ob ich nicht auch so einen Ueberwurf wolle, es hänge noch einer nebenan. Ich hüllte mich in das praktische Kleidungsstück. – »Wir sehen aus wie zwei Brüder,« sagte Hans, und in der That, da wir von derselben Körperlänge und Breite der Schultern und jetzt nun auch fast gleich angezogen waren, hätte man uns wohl für zwei Brüder halten können. – »Wenn's nicht zu viel sind, wollen wir schon mit ihnen fertig werden,« meinte Hans.

»So ein halbes Dutzend auf Jeden,« sagte ich und lachte; aber es war mir nichts weniger als lächerlich zu Muthe, als wir die Thür hinter uns schlossen, und Caro, den wir zurückgelassen hatten, in ein klägliches Winseln und Heulen ausbrach. Armer Caro! er hatte heute Morgen nur zu recht gehabt, wenn er mich mit seiner trübseligen Miene erinnerte, daß man den Tag nicht vor dem Abend loben solle!

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig 1874, S. 161-170.
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