Neunzehntes Capitel.

[201] Ich saß noch immer in starrem Schmerz, keines Gedankens mächtig, dem Todten gegenüber, als die ersten Strahlen der Sonne, die zitternd in ihrem Glanze, sich aus dem Meere erhob, sein bleiches Antlitz streiften. Ein Schauer durchrieselte mich; ich richtete mich schnell auf und stand, an allen Gliedern bebend, da. Dann eilte ich, so schnell mich meine wankenden Füße tragen wollten, den Pfad entlang, der von der Ruine abwärts nach dem Walde führte. Ich könnte heute nicht mehr[201] sagen, was eigentlich meine Absicht war. Wollte ich einfach von dem Orte des Schreckens, aus der Nähe des Todten, der mit seinen verglasten Augen in die aufgehende Sonne blickte, fliehen? wollte ich um Hülfe rufen? wollte ich den Fluchtplan, den ich für uns Beide entworfen hatte, jetzt für mich allein ausführen, mich retten? – ich weiß es nicht mehr.

So gelangte ich in den Parkwald bis zum Weiher, dessen Wasser zwischen den gelben Blättern, die der Sturm des gestrigen Tages von den Riesenbäumen geweht hatte, schwärzlich zu mir heraufblickte. In diesem Wasser hatte sich das Weib des Mannes ertränkt, der sie einst aus ihrer fernen Heimath über die Leiche ihres Bruders hinweg entführt hatte, und der jetzt dort oben todt zwischen den Ruinen seiner Ahnenburg lag. Die Tochter dieser Beiden hatte sich einem Wüstling in die Arme geworfen, nachdem sie ihren Vater verrathen, nachdem sie mit mir ein schändliches Spiel getrieben! Das Alles trat, wie in einem einzigen schaudervollen Bilde, welches sich mir in dem schwärzlichen Spiegel des Wassers gezeigt, vor meine Seele. Als hätte ein unbarmherziger Gott mir den Schleier von dem Pandämonium fortgezogen, das meinem blöden Auge ein Paradies erschienen, so sah ich mit einem Male die letzten zwei Monate meines Lebens, wie sie wirklich waren. Ich empfand einen namenlosen Schauder, ich glaube weniger über mich selbst, als über die Welt, in der dies Alles geschehen, in der man dies Alles erleben konnte. Wenn es wahr ist, daß beinahe jeder Mensch ein oder das andere Mal in seinem Leben von schadenfrohen Dämonen an den Rand des Wahnsinns gelockt und gerissen wird, so war jener Moment für mich gekommen. Ich fühlte ein unwiderstehliches Verlangen, mich in das schwarze Wasser, das der Sage nach unergründlich sein sollte, zu stürzen, und ich weiß nicht, was geschehen wäre, hätte ich nicht in diesem Augenblicke Stimmen von Männern gehört, die den Weg herabkamen, der vom Weiher aufwärts in den Park führte. Der Trieb der Selbsterhaltung, der denn doch in einem neunzehnjährigen Jüngling sich nicht so leicht zum Schweigen bringen läßt, regte sich allmächtig. Ich wollte nicht in die Hände derer fallen, vor denen ich seit gestern Abend mit so unerhörten Anstrengungen geflohen war. In wenigen Sätzen war ich den Wall, der den Weiher rings umgab, hinauf, über den Wall hinüber und lag dann still, vergraben in Busch und modernden Blättern,[202] die Kommenden erst an mir vorüber zu lassen, bevor ich meine Flucht fortsetzte. Zwei Minuten später waren sie an der Stelle, die ich soeben verlassen. Sie standen, da sich der Weg nach der Ruine abzweigte, still und rathschlagten. »Dies muß der Weg sein«, sagte der eine. »Es ist ja kein anderer da, Dummkopf!« sagte ein Zweiter. »Vorwärts, vorwärts!« sagte eine barsche dritte Stimme, die einem Unteroffizier gehören mochte, »der Lieutenant ist sonst vom Strande aus früher oben als wir. Vorwärts!«

Die Patrouille stieg den Weg zur Ruine hinauf, ich hob vorsichtig den Kopf und sah sie zwischen den Bäumen verschwinden. Als ich sie weit genug entfernt glaubte, richtete ich mich vollends auf und schlug mich tiefer in den Wald. Die Todesgedanken waren mir vergangen, ich hatte nur das eine Verlangen, mich zu retten; und die fast wunderbare Weise, in welcher ich eben einem Verderben, das unabwendbar schien, entkommen war, hatte mich mit neuer Hoffnung erfüllt, wie einen Spieler, der den ganzen Abend hindurch verloren, der erste glückliche Wurf.

Wenn wir Knaben in dem Tannenwäldchen meiner Vaterstadt »Räuber und Gensdarmen« tragödirten, hatte ich es immer einzurichten gewußt, daß ich zur Partei der Räuber kam, und die Räuber hatten mich regelmäßig zum Hauptmanne gemacht. In dieser meiner Räuberhauptmanns-Eigenschaft hatte ich mich stets so bewährt, daß zuletzt Niemand mehr Gensdarm sein wollte. Wessen ich mich damals im lustigen Spiel so oft gerühmt, daß Niemand mich fangen könne, wenn ich mich nicht fangen lassen wolle, ich konnte es jetzt in bitterm, blutigen Ernst bewähren. Unglücklicherweise fehlte mir heute, wo es meine Freiheit und mein Leben galt, das Beste: die frische, unverwüstliche Kraft, die ich zu meinen knabenhaften Heldenthaten mitgebracht hatte, und die jetzt durch die furchtbaren Gemüthserschütterungen und die ungeheuere physische Anstrengung der letzten Tage nahezu gebrochen war. Dazu gesellte sich bald ein nagender Hunger und ein brennender Durst. Mich immerfort im dichtesten Forst haltend, traf ich auf keine Quelle, auf keinen Graben. Der lockere Waldboden hatte den Regen des gestrigen Tages längst wieder eingesogen, und die geringe Feuchtigkeit, die ich von den dürren Blättern leckte, vermehrte nur meine Qual.

Meine Absicht war gewesen, den Forst, der sich fast zwei[203] Meilen weit am Strande hinzog, in seiner ganzen Länge zu durchmessen, um so viel Raum als möglich zwischen mich und meine Verfolger zu bringen, bevor ich den Versuch machte, hier- oder dorthin, wie es der Zufall eben gestatten wollte, von der Insel zu entkommen. Ich hatte die zwei Meilen spätestens bis zum Mittag zurücklegen zu können geglaubt, aber ich mußte mich bald überzeugen, daß in dem Zustande, in welchem ich mich befand, und der sich von Minute zu Minute verschlimmerte, daran nicht zu denken sei. Auch hatte ich mir keine rechte Vorstellung gemacht von den Hindernissen, die ich zu überwinden haben würde. Ich war oft genug in meinem Leben querwaldein gegangen, aber dann war es nur immer auf kürzere Strecken gewesen, und es war nie darauf angekommen, eine ganz bestimmte Richtung inne zu halten und dabei jede Möglichkeit, gesehen zu werden, ängstlich zu vermeiden. Hier aber mußte ich, wollte ich nicht einen großen Umweg machen, durch Dickichte brechen, die kaum für einen Hirsch passirbar waren, oder wieder gerade einen Umweg machen, der mich weit aus der Richtung brachte, um eine Lichtung zu umgehen, die mir keinen Schutz bot. Dann hatte ich, in Laub und Strauchwerk vergraben, still zu liegen, bis ich mich überzeugt hatte, ob das Geräusch, das ich vernommen, wirklich von menschlichen Stimmen herrühre, und zu warten, bis wieder alles still geworden war; dann kam ich über mehr als einen der den Forst quer durchschneidenden Wege, wo doppelte Vorsicht geboten schien, und dabei nahmen meine Kräfte reißend ab, und ich sah voll Schrecken dem Moment entgegen, wo ich zusammenbrechen würde, um vielleicht nicht wieder aufzustehen. Und dann dort zu liegen, todt, mit starren, verglasten Augen, wie ich es eben gesehen, – und ihn hatten sie doch wenigstens jetzt schon gefunden und hinabgetragen, und, so oder so, mußten sie ihn also auch begraben; aber wie lange konnte ich hier liegen im tiefsten Forst, bis ich gefunden wurde, es hätte denn von den Füchsen sein müssen! Es war kein tröstlicher Gedanke, von den Füchsen gefressen zu werden!

Aber weshalb floh ich überhaupt? Was hatte ich gethan, das man so arg bestrafen durfte? Und konnte man mir Aergeres anthun, als die Qualen, die ich jetzt erduldete? Was da! Hier war ein Weg, der mich in einer halben Stunde aus dem Walde brachte! Möglich, daß ich dann sofort[204] auf ein paar Gensdarmen stieß! Um so besser, so war das Stück aus.

Und ich ging wirklich eine Strecke auf dem Waldwege dahin, aber plötzlich blieb ich wieder stehen. Der Vater, was wird er sagen, wenn sie dich zwischen sich durch die Stadt führen und die Gassenjungen hinterher lärmen? Nein, nein, das kannst du ihm nicht anthun, das nicht, viel lieber sich von den Füchsen fressen lassen!

Ich wendete mich wieder in den Wald, aber immer qualvoller wurde der Kampf, den ich mit meiner Erschöpfung zu kämpfen hatte. Meine Kniee wankten, der kalte Schweiß rieselte mir von der Stirn; mehr als einmal mußte ich mich an einen Baum lehnen, weil es mir schwarz vor den Augen wurde und ich ohnmächtig zu werden fürchtete. So schleppte ich mich wohl noch eine halbe Stunde weiter – es mußte nach meiner Berechnung gegen zwei Uhr nachmittags sein – da war es vorbei An dem Rande einer kleinen Lichtung, zu der ich eben gelangte, stand eine niedrige, aus Baumzweigen und Strohmatten leicht zusammengestellte, bereits halb wieder zusammengesunkene Hütte, fast wie eine Hundehütte anzusehen, die sich Holzfäller oder Wilddiebe errichtet haben mochten. Ich kroch hinein, nestelte mich in das Stroh und das Laub, mit welchem der Boden der Hütte fußhoch bedeckt und das glücklicherweise noch einigermaßen trocken war, und fiel sofort in einen Schlaf, der seinem Zwillingsbruder Tod so ähnlich wie möglich war.

Als ich erwachte, war es vollkommen dunkel, und es dauerte lange, bis ich mich besinnen konnte, wo ich mich befand und was mit mir geschehen war. Endlich kam ich zum Bewußtsein meiner schaudervollen Lage. Ich kroch mit großer Mühe aus der Hütte, denn meine Glieder waren wie zerschlagen, und die ersten Schritte verursachten mir die empfindlichsten Schmerzen. Indessen gab sich das bald. Der Schlaf hatte mich doch erquickt, nur der Hunger, der mich erweckt hatte, war jetzt so grimmig, daß ich beschloß, denselben auf jeden Fall zu stillen, um so mehr, als ich fühlte, daß, wenn dies nicht geschah, ich nothwendig in aller Kürze wieder zusammenbrechen müßte. Aber wie sollte ich es anfangen? Endlich fiel ich auf einen Ausweg den mir nur die Verzweiflung eingeben konnte. Ich wollte mich links durch den Wald schlagen, bis ich auf freies Terrain gelangte, was nach[205] meiner Berechnung in einer Stunde etwa der Fall sein mußte. Dann wollte ich in das erste beste Gehöft gehen und mir mit Güte oder Gewalt verschaffen, wessen ich bedurfte, den ersten Hunger zu stillen, vielleicht auch Proviant für den nächsten Tag.

Der Zufall schien die Ausführung dieses Planes begünstigen zu wollen. Nach wenigen Minuten kam ich auf eine Schneise, die ich verfolgte, obgleich sie nicht ganz in der gewünschten Richtung lief. Wie groß aber war mein Erstaunen und mein Schrecken, als ich in viel kürzerer Frist, als ich gehofft, aus dem Walde trat und im Lichte der Sterne eine Gegend sah, über die ich mich wohl nicht täuschen konnte. Das da rechts am Waldessaume waren die Eigenkäthner von Herrn von Granow's Gut Melchow; dort, eingehüllt in stattliche Bäume, lag der Herrenhof, und auf einer kleinen Anhöhe ragte der weiße Kirchthurm der erst kürzlich erbauten Dorfkirche. Weiter links, tiefer in der Ebene, lag Trantowitz, und noch mehr links, wieder höher, hatte Zehrendorf gelegen; ja, als ob ich keinen Augenblick im Zweifel darüber bleiben sollte, daß ich in die alte bekannte Gegend zurückgekehrt, leuchtete eben jetzt von der Stelle, wo der Hof gestanden, aus der ungeheuren Ruinenmasse die Flamme wieder auf, so hell, daß der Kirchthurm von Melchow in rosiges Licht getaucht wurde. Doch mußte das Feuer nicht mehr viel Nahrung finden, oder man hatte sich im Laufe des Tages mit Löschmitteln wohl versehen, denn die Flammen sanken alsbald wieder zusammen, das helle Licht verschwand, es blieb nur so viel, wie von einem Haufen Kartoffelstroh ausgeht, das die Knaben auf freiem Felde angezündet haben.

So hatte ich mich also mit Aufbietung aller meiner Kräfte den ganzen Tag im Kreise herumbewegt und war jetzt beim Einbruch der Nacht ungefähr da, von wo ich heute beim Anbruch des Tages ausgegangen. Das war nicht tröstlich, aber es war lächerlich, und ich lachte, vielleicht nicht sehr laut und sehr behaglich, aber ich lachte doch, und in demselben Augenblicke fiel mir ein, ob es nicht ein guter Genius gewesen, der mich trotz meines Gegenwillens hierher zurückgeführt? Wo hatte ich bessere Freunde als gerade hier, in Trantowitz zum Beispiel, wo mich Jedermann auf dem Hofe und im Dorfe kannte, wo ich an jede Thür anklopfen und sicher sein konnte, Hülfe und Unterstützung zu finden? Ueberdies hatte[206] mich der Umstand, daß ich den ganzen Tag keinem Menschen begegnet war, einigermaßen sicher gemacht, daß die Verfolgung am Ende nicht so ernstlich betrieben werde, und schließlich, – ich war am Verhungern und hatte keine Wahl.

So schritt ich denn, fast ohne Vorsicht, über die Felder nach Trantowitz, zum ersten Male, seitdem wir uns getrennt, ernstlich an den guten Hans denkend und was wohl aus ihm geworden sein möchte? Hatte er die Flüchtlinge eingeholt? Hatte es eine Scene gegeben, wie in jener Nacht, als der Wilde von dem Bruder seiner Geliebten verfolgt und eingeholt wurde und ihre Degen sich kreuzten im trügerischen Licht der spanischen Sterne? war um die Tochter Blut geflossen, wie um die Mutter? war Hans einer so schlechten Sache zum Opfer gefallen? war er Sieger geblieben? und dann? waren die Häscher hinter ihm her, wie hinter mir? hatte man ihn vielleicht auf frischer That ergriffen? saß er vielleicht schon hinter Schloß und Riegel?

Mir wurde sehr traurig zu Muthe, als ich daran dachte, Hans hinter Schloß und Riegel – das war ein melancholisches Bild; man konnte sich ebenso gut einen Eisbären als Heizer auf einem Dampfschiffe denken.

Unwillkürlich hatte ich mich dem Hofe mehr genähert, als ich nöthig hatte, um in's Dorf zu kommen. Vom Felde führte ein Weg über einen trockenen Graben in die ein paar Morgen große Wildniß von Kartoffel- und Kohlfeldern, Salatbeeten, Stachelbeerhecken und verkrüppelten Obstbäumen, welche Hans in seltsamer Verblendung consequent seinen Garten nannte und sehr werth hielt, weil er hier im Winter die meisten Hasen aus dem Fenster seines Schlafzimmers schoß. Auf dies in der ganzen Gegend berühmte Schlafzimmerfenster richteten sich unwillkürlich meine Blicke, und wie groß war mein Erstaunen, als ich aus demselben einen schwachen Lichtschein kommen sah. Das Fenster war geöffnet; das Licht brannte, wie ich, näher tretend, bemerkte, in dem Wohnzimmer, dessen Thür zum Schlafzimmer nur angelehnt war. Ich lauschte und hörte das Klappern von Messer und Gabel. Sollte Hans wieder zu Hause sein? Ich konnte der Versuchung nicht wiederstehen, stieg durch das Fenster in das Schlafzimmer, öffnete die nur angelehnte Thür und da saß der Hans, wie ich ihn gestern hatte sitzen sehen, hinter ein paar Flaschen und einem riesigen Schinken, von dem er jetzt[207] die großen blauen Augen erhob, um den so plötzlich Eintretenden mit mehr verwundertem als erschrockenem Blicke anzustarren.

»Guten Abend, Herr von Trantow,« sagte ich.

Ich wollte noch mehr sagen, wollte ihm sagen, wie ich hierher gekommen sei; aber unwillkürlich griff ich mit zitternden Händen zuerst nach der kaum angeschänkten Flasche, die ich, ohne abzusetzten, leerte. Hans nickte, als meinte er: das ist recht, das ist ein Universalmittel. Dann stand er, ohne ein Wort zu sprechen, auf, ging hinaus und schloß die Läden der beiden Fenster; kam wieder herein, verriegelte die Thür, setzte sich mir schweigend gegenüber, zündete sich eine Cigarre an und schien ruhig abwarten zu wollen, bis ich meinen Wolfshunger gestillt haben würde, um reden zu können.

»Wenn Sie mir unterdessen erzählten, wie es Ihnen ergangen ist!« sagte ich, ohne von meinem Teller aufzublicken.

Hans hatte nicht viel zu erzählen und sagte das Wenige in den möglichst wenigen Worten. Er war eine halbe Meile oder so auf der Landstraße nach Fährdorf – der einzigen, welche die Flüchtlinge möglicherweise hatten einschlagen können – fortgaloppirt, als er merkte, daß das Pferd, welches bis dahin gutwillig genug seinen erzwungenen Dienst geleistet, nicht mehr recht aus der Stelle konnte. Nach einer weiteren Viertelmeile, die er schon langsamer geritten war, hatte er sich von der Unmöglichkeit, weiter zu kommen, überzeugt. »Der Weg war sehr schlecht,« sagte Hans; »ich bin ein schwerer Reiter und das arme Vieh hatte wahrscheinlich seit vierundzwanzig Stunden nicht zu fressen und zu saufen gekriegt.« So war er denn abgestiegen, hatte das Pferd am Zügel genommen und es geduldig Schritt für Schritt auf dem directesten Wege nach Trantowitz geführt, wo er bei Einbruch der Nacht wohlbehalten ankam. »Bis ich meinen Wodan gesattelt hätte und bis nach Fährdorf gekommen wäre,« sagte Hans, »waren sie längst über alle Berge, und dann – ich bin es so gewohnt, daß ich nie dazu gelange, zu thun, was andere Leute gewiß an meiner Stelle gethan hätten, und –«

Der gute Hans leerte sein Glas, schänkte es sich wieder voll, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und hüllte sich in eine blaue Tabakswolke.

Armer Hans! er hatte es ehrlich gemeint – auch mit[208] dem Schädeleinschlagen unsers glücklichen Nebenbuhlers. Was konnte er dafür, daß er bei dieser Gelegenheit wieder einmal, wie schon so oft – wie immer in seinem Leben – auf einen trägen Gaul gerieth? er konnte das Thier doch nicht um einer Sache willen, die es gar nichts anging, zu Schanden reiten!

Dann, gegen acht Uhr, als er hier in seinem Zimmer saß, hatte er den Feuerschein gesehen. Er hatte nun doch den Wodan gesattelt und war hinübergeritten, an der Spitze seiner Wagen. Auch von den andern Gütern waren sie mit Wagen und Spritzen gekommen; aber es war nichts mehr zu retten gewesen; die alte Pahlen, der es gewiß nicht schwer geworden war, die Wachsamkeit des dummen Pferdejungen zu täuschen, hatte ihr Werk zu gut gethan; der Hof hatte an allen Ecken zugleich gebrannt. »Ich bin nach Haus geritten,« sagte Hans; »und habe mich zu Bett gelegt, und heute morgen bin ich wieder aufgewacht; ich weiß nicht warum. Ich wäre lieber nicht wieder aufgewacht.«

Armer Hans!

Heute Morgen hatte er erst von seinen Leuten erfahren, was sich ereignet: wie gestern Abend die Steuerleute mit Hülfe einer halben Compagnie Soldaten eine Jagd auf die Schmuggler gemacht, und wie sie vier oder fünf erwischt hätten, die nun alle gehängt werden sollten. Und ein Soldat sei in dem Sumpfe ertrunken, ein Steuerbeamter sei verwundet und der Jochen Swart wäre todtgeschossen. Herrn von Zehren aber hätten sie heute morgens oben auf der Burg auch todt gefunden. Der könne froh sein, daß er es nicht überlebt. Denn gehängt würden sie ihn ja doch haben, wie sie den Georg Hartwig, des Steuer-Rendanten Sohn aus Uselin, der ja wohl der Hauptmann von den Schmugglern gewesen sei, hängen würden, wenn sie ihn nur erst hätten.

Hans schänkte mir mein Glas wieder voll und forderte mich mit seiner ausdrucksvollsten Miene auf, es sofort zu leeren, als könnte ich ihm dadurch am sichersten die tröstliche Gewißheit verschaffen, daß sie mich vorläufig noch nicht gehängt hätten.

Nun mußte ich erzählen. Hans hörte schweigsam rauchend zu; aber als ich schilderte, wie der Wilde gestorben und wie ich ihn zuletzt gesehen – todt, das bleiche Antlitz der aufgehenden Sonne zugewandt, deren erster Strahl in seine[209] starren gebrochenen Augen fiel – da seufzte Hans tief auf und bewegte seinen großen Kopf langsam hin und her und that einen tiefen, tiefen Trunk.

»Und was rathen Sie mir, was ich thun soll,« sagte ich endlich.

»Ja, das sagen Sie einmal!« erwiederte Hans.

Daß meine Angelegenheit sehr schlimm stand, leuchtete selbst Hans ein. Ich hatte Pinnow mit der Pistole in der Hand gezwungen, mich mitzunehmen; ich hatte den directesten, thätigsten Antheil an dem Zuge genommen; ich hatte auf die Zöllner geschossen; ich hatte endlich Herrn von Zehren auf seiner verzweifelten Flucht begleitet. Dieses Alles waren in den Augen des Gesetzes jedenfalls keine sehr verdienstlichen Handlungen, und je weniger ich hinterher mit dem Gesetze in Berührung kam, um so besser würde es offenbar für mich sein.

»Und doch,« sagte ich, »wäre dies mein geringster Kummer; aber mein Vater würde die Schande, einen Sohn im Zuchthause zu haben, nicht überleben, und deshalb will ich laufen, so weit der Himmel blau ist.«

Hans nickte Beifall und schien nur ungewiß darüber, wie weit das wohl ungefähr sein möchte.

»Wenn ich nach Amerika ginge?«

Hans mußte nothwendig auf einen so glänzenden Einfall, der alle Schwierigkeiten der Situation mit Einem Schlage beseitigte, mit mir anstoßen.

Indessen fand sich, daß die glänzendsten Einfälle, sobald es an die Ausführung geht, auch ihre Schattenseiten haben können. Die Geldfrage glaubte Hans dadurch erledigt, daß er an sein unverschlossenes, vermuthlich auch unverschließbares Pult ging, einen Kasten herauszog und den Inhalt desselben vor uns auf den Tisch ausschüttete. Es waren vier- bis fünfhundert Thaler in Gold, Silber und Tresorscheinen, untermischt mit Einladungen zu Jagden, quittirten und unquittirten Rechnungen, Cottillon-Orden (aus einer frühern Zeit vermuthlich), Wollproben, verstreuten Zündhütchen und einigen Dutzend Rehposten, die auf die Dielen rollten und Caro aufweckten, der unter dem Sopha geschlafen hatte, und jetzt, sich dehnend und streckend, hervorkroch, da er annahm, daß Rehposten so oder so in sein Departement gehörten.

Hans erklärte, daß er, soviel ihm bekannt, augenblicklich[210] nicht mehr im Hause habe, daß er aber, wenn es nicht reiche, in seinen Röcken nachsehen wolle, wo er von Zeit zu Zeit in dem Unterfutter schon ganz bedeutende Summen gefunden habe.

Ich war von Hans' Güte sehr gerührt; aber, angenommen auch, daß ich von derselben Gebrauch machen wollte, wie sollte die Flucht bewerkstelligt werden? Hans hatte sich von seinen Leuten sagen lassen – und es erschien ja nur zu wahrscheinlich – daß man überall nach mir suche. Wie sollte ich, ohne angehalten zu werden, nach Hamburg oder Bremen oder irgend einem andern Ort gelangen, von dem aus ich mich nach Amerika hätte einschiffen können – zumal in den ersten Tagen, wo man voraussichtlich noch ganz besonders wachsam sein würde?

Nach langem Hin- und Herüberlegen verfiel Hans auf folgenden Plan, zu dem er jedenfalls aus seinem braven Herzen die Inspiration erhalten hatte. Ich sollte vor der Hand bei ihm versteckt bleiben, bis sich die erste Hitze der Verfolgung gelegt haben würde. Dann wollten wir zusammen die Reise wagen, ich als sein Kutscher oder Bedienter verkleidet. Nun handelte es sich nur noch um den Paß, ohne den, wie ich wußte, Niemand an Bord eines Schiffes gelassen wurde. Aber auch hier wußte der erfindungsreiche Hans Rath. Ein gewisser Herr Schulz, der bei ihm Inspector gewesen, hatte in diesem Frühjahre auswandern wollen und sich die nöthigen Papiere verschafft, war aber, bevor er sein Vorhaben ausführen konnte, gestorben. Die Papiere hatte Hans an sich genommen, und wir fanden sie nach einigem Suchen. Nun stellte sich zwar heraus, daß der europamüde Inspector nicht neunzehn, sondern vierzig Jahre alt gewesen, auch nicht, wie ich, sechs Fuß ohne die Schuhe, vielmehr nur vier und einen halben gemessen hatte, außerdem durch starke Pockennarben gekennzeichnet war; indessen, meinte Hans, so genau würde man wohl nicht hinsehen und ein Hundertthalerschein die kleinen Abweichungen des Signalements im Passe gewiß verdecken.

Es war zwei Uhr, als wir diesen geistreichen Plan fertig hatten und zu gleicher Zeit Hans die Augen vor Müdigkeit zufielen. Da er durchaus wollte, daß ich in seinem Bette schlafe, so mußte ich ihm wohl das Sopha in der Stube lassen, auf das er sich kaum hingestreckt hatte, als er[211] auch schon zu schnarchen begann. Ich deckte ihn mit seinem Mantel zu und begab mich in die Kammer, wo ich, so müde ich war, erst von den einfachen Waschapparaten, die ich dort vorfand, den entsprechenden und sehr nöthigen Gebrauch machte. Dann legte ich mich, nachdem ich mich wieder angekleidet, auf Hans' Bett.

Ich schlief ruhig ein paar Stunden, und als ich beim ersten Morgengrauen erwachte, stand ein Entschluß, mit dem ich mich schon hingelegt, klar vor meiner Seele. Ich wollte fort; der gute Hans sollte durch mich nicht in ernstere Ungelegenheiten kommen. Je länger ich bei ihm verweilte, um so größer wurde die Wahrscheinlichkeit, daß seine Helfershelferschaft, die jetzt doch aller Wahrscheinlichkeit nach verborgen blieb, an den Tag kam und dann um so schlimmer ausgelegt wurde. Außerdem setzte ich in der That nur geringes Vertrauen in den Paß des vier und einen halben Fuß hohen verstorbenen Inspectors, und schließlich war ich – als ein junger, nicht ungroßmüthiger Mann – ganz erfüllt von der Ueberzeugung, daß es meine Pflicht sei, die Folgen meiner Handlungen, so weit es in meiner Macht stand, allein auf mich zu nehmen.

So erhob ich mich denn leise von meinem Lager, schrieb einen Zettel an Hans, in welchem ich ihm für alle seine Güte dankte, und daß ich meine Jagdtasche mit den Resten des Abendbrodes angefüllt habe, steckte den Zettel in den Hals einer Weinflasche auf dem Tische, in der gewiß gerechtfertigten Annahme, daß Hans ihn da schwerlich übersehen würde, nickte dem braven Jungen, der noch in derselben Situation auf dem Sopha lag, in welcher er vor ein paar Stunden eingeschlafen war, Lebewohl zu, streichelte Caro, der sich an mich drängte, und bedeutete ihm, daß ich ihn nicht mitnehmen könne, ergriff meine Flinte und stieg zu demselben Fenster hinaus, in welchem ich gestern Abend eingestiegen war.

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig 1874, S. 201-212.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Hammer und Amboß
Hammer Und Amboss; Roman. Aus Hans Wachenhusen's Hausfreund, XII (1869 ) (Paperback)(English / German) - Common
Friedrich Spielhagen's sämtliche Werke: Band X. Hammer und Amboss, Teil 2
Hammer Und Amboss; Roman in 5 Banden Von Friedrich Spielhagen
Hammer Und Amboss: Roman... Volume 2
Hammer & Amboss (German Edition)

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Meine Erinnerungen an Grillparzer

Meine Erinnerungen an Grillparzer

Autobiografisches aus dem besonderen Verhältnis der Autorin zu Franz Grillparzer, der sie vor ihrem großen Erfolg immerwieder zum weiteren Schreiben ermutigt hatte.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon