Achtundzwanzigstes Capitel.

[319] Ich will nicht behaupten, der treffliche Mann habe, was ich ihn in dem vorigen Capitel sagen lasse, Alles in denselben Worten oder Alles an demselben Morgen gesagt. Es ist leicht möglich, ja wahrscheinlich, daß ich das Resultat der Gespräche mehr als eines Morgens hier im Zusammenhang gegeben und daß hier und da ein Ausdruck, ein Bild, das mir gehört, mit eingeflossen. Mehr aber schwerlich; denn ich habe seine Philosophie, die auf meine dürstende Seele sich senkte, wie ein befruchtender Regen auf ein ausgedörrtes Feld, zu tief eingesogen, und während ich seine Gedanken wiederzugeben suche, steht sein Bild so lebendig in meiner Erinnerung, glaube ich den Ton seiner Stimme, ja seine eigenen Worte zu hören!

Und ich hatte um diese Zeit das Glück seiner Unterhaltung täglich, oft stundenlang. Es war mir unmöglich geworden, das Versprechen, welches ich Paula gegeben, zu erfüllen, denn ihr Vater hätte nicht gewartet, bis ich ihn bat, mir zu sagen, wie man am besten, wie man am schnellsten arbeite. Dennoch hatte ich ihm das Gespräch, das ich mit Paula gehabt, mitgetheilt und er hatte dazu gelächelt.

»Sie will Sie zu einem Gelehrten machen,« sagte er, »ich will Sie zu nichts machen; ich will, daß Sie werden, was Sie sein können, und um zu erfahren, was Sie sein können, werden wir wohl ein wenig experimentiren müssen. Eins ist gewiß, Sie können ein tüchtiger Handarbeiter sein – Sie haben es bewiesen, und es ist mir ganz lieb, daß Sie diesen kurzen Cursus durchgemacht. Der Künstler sollte die letzten Griffe des Handwerks kennen, aus welchem seine[319] Kunst hervorgegangen ist, und auf welchem sie noch ruht; nicht nur, daß er nur so im Stande ist, nach dem Rechten zu sehen, und helfend, nachhelfend, unterweisend, überall, wo es noth thut, einzugreifen; es ist so auch wirklich erst sein Werk, das ihm ganz gehört, wie dem Vater sein Kind, welches mit ihm nicht blos Geist von einem Geiste, sondern auch Fleisch von einem Fleisch ist. Und wie viel schärfer sieht das Auge, wo die Hand selbst thätig war. Da! das ist der Grundriß des neuen Krankenhauses; hier ist das Fundament, das Sie selbst mit haben ausheben, zu dem Sie selbst die Steine mit haben herbeischaffen helfen. Diese Mauer wird sich auf dem Fundament erheben; sie ist von der Höhe, von der Dicke; Sie sind, auch ohne eine Berechnung anstellen zu können, überzeugt, daß ein solches Fundament eine solche Mauer tragen wird. Freut Sie nicht die reinlich-saubere Zeichnung, in der ein Strichelchen die Arbeit einer Stunde, vielleicht vieler Tage repräsentirt? Paula hat mir gesagt, daß Sie ein scharfes Augenmaß und eine sichere Hand haben. Ich brauche eine Copie dieser Pläne. Möchten Sie mir wohl eine anfertigen? Es ist eine Arbeit, wie sie für einen Reconvalescenten paßt, und den Gebrauch des Zirkels, des Lineals und der Reißfeder kann ich Ihnen in fünf Minuten zeigen.«

Seit diesem Morgen arbeitete ich in dem Bureau des Directors, einfache Risse copirend – eine Façade nachzeichnend, Anschläge mundirend – mit einer Lust, von der ich nie geglaubt, daß sie eines Menschen Seele während der Arbeit erfüllen könne. Aber wer hat auch jemals einen solchen Lehrer gehabt: so gütig, so weise, so geduldig, so den Schüler mit Vertrauen zu sich selbst erfüllend! Und wie wohl that mir sein Lob und wie bedurfte ich dieses Lobes – ich, der ich in der Schule immer nur getadelt und gescholten war, der ich es als selbstverständlich angesehen, daß meine Arbeiten schlechter waren als die aller Uebrigen? der ich mir zuletzt selbst alle Fähigkeiten abgesprochen hatte? Mein neuer Lehrer lehrte mich, daß diese Fähigkeiten nur geschlummert und daß ich sehr wohl begreifen konnte, wovon ich einsah, daß es begriffen zu werden verdiente. So hatte ich vollständig darauf resignirt, es in der Mathematik über die ersten Anfangsgründe hinauszubringen, und erfuhr jetzt zu meinem grenzenlosen Erstaunen, daß diese ungeheuerlichen Formeln,[320] diese verzwickten Figuren aus lauter einfachen Begriffen, aus lauter simplen Vorstellungen zusammengesetzt waren mit einer wunderbaren Folgerichtigkeit, die einzusehen mir durchaus nicht schwer wurde und an der ich eine unaussprechliche Freude hatte.

»Es ist merkwürdig,« sagte ich einmal, »als ich in Zehrendorf war, glaubte ich, es gebe auf Erden nichts Ergötzlicheres als eine Jagd auf weiter Haide an einem sonnigen Herbstmorgen; jetzt finde ich, daß eine schwierige Formel richtig anzuwenden mehr Vergnügen gewährt als ein gutgezielter Schuß, der ein armes Rebhuhn aus der Luft herunterbringt.«

»Im Grunde kommt es nur darauf an,« erwiederte mein Lehrer, »daß wir unsere Kräfte, unsere Fähigkeiten in einer Weise, die unserer Natur genehm ist, spielen lassen. Denn nur so erfahren wir, daß wir sind, und schließlich strebt jede Creatur in jedem Augenblicke nach weiter nichts. Können wir es so einrichten, daß unsere Thätigkeit, außer daß sie uns unser Dasein beweist, auch Anderen zugute kommt – und glücklicherweise sind wir Menschen fast immer in der Lage – so ist es freilich um so besser. Wollte Gott, mein unglücklicher Bruder hätte je eine Ahnung von dieser Einsicht gehabt!«

Es konnte nicht ausbleiben, daß wir, besonders in der ersten Zeit, wieder und wieder auf den »Wilden« zu sprechen kamen.

»Er hieß schon als Knabe so,« erzählte der Director; »alle Welt nannte ihn den ›Wilden‹, und es war kaum möglich, ihm einen anderen Namen zu geben. In dieser feurigen Natur war ein unwiderstehlicher Drang, die reiche Kraft bis zum Uebermaß anzuspannen und das Aeußerste, ja das Unmögliche zu wagen und zu versuchen. Welches unendliche Feld die Situation unseres väterlichen Gutes einem solchen Knaben bot, Sie wissen es selbst. Auf ungezähmten Rossen von den steilen Uferhöhen herabzusetzen, in leckem Boot beim wildesten Gewittersturm auf's Meer hinauszufahren, in tiefer Nacht über die sumpfige Haide zu schweifen, in dem Park die Wipfel der Riesenbuchen zu erklettern nach einem elenden Vogelnest, oder in dem Weiher klaftertief nach dem Schatze zu tauchen, der in der Schwedenzeit dort versenkt sein sollte – das waren seine Lieblingsspiele. Ich weiß nicht, wie oft[321] er sich in Lebensgefahr befunden hat, und eigentlich befand er sich in jedem Augenblick in Lebensgefahr, denn in jedem Augenblicke konnte ihm der Einfall kommen, sein Leben auf's Spiel zu setzen. Einmal standen wir im oberen Stock am Fenster und sahen, wie ein wildgewordener Stier einen Knecht über den Hof verfolgte. Malte sagte: Da muß ich dabei sein, sprang zwanzig Fuß hoch auf den Hof hinab, wie ein Anderer vom Stuhle aufsteht, und lief dem Stier entgegen, der sich mittlerweile eines Anderen besonnen hatte und sich von dem Uebermüthigen mit einem schnell aufgerafften Stock wieder geduldig in die Hürde treiben ließ.«

Es war ein Zufall, der ihn bei dieser Gelegenheit sich nicht Arm und Beine brechen und aufgespießt werden ließ; aber da ihn dieser Zufall beständig begünstigte, gerieth er, wozu er nur schon zu sehr geneigt war, immer mehr in's Maßlose.

Indessen, der Zufall ist ein launischer Gott und läßt unversehens auch seine größten Günstlinge im Stich. Ein weit schlimmerer Feind waren für meinen Bruder die Verhältnisse, in denen er aufwuchs, und die in der That nicht ungünstiger sein konnten. Das Einzige, was man ihn gelehrt hatte, war, daß die Zehrens das älteste Geschlecht auf der Insel und er der Erstgeborne sei. Aus diesen beiden Glaubensartikeln schuf er sich eine Religion und einen Cultus seiner mystischen Bedeutung, der um so phantastischer ausfiel, je greller die fadenscheinige Wirklichkeit mit seinen Einbildungen contrastirte.

Unser Vater war ein Edelmann aus der zügellosen Schule und im verwilderten Style des achtzehnten Jahrhunderts, der am wenigsten geeignete Mensch von der Welt, einen hochsinnigen, übermüthigen Knaben, wie mein ältester Bruder war, zu leiten. Die Mutter hatte an Höfen gelebt und die bedeutendsten Gaben in dieser ungesunden Sphäre nutzlos zersplittert. Sie sehnte sich nach der verlornen Herrlichkeit zurück; die Einsamkeit des Landlebens langweilte, die Rohheit ihrer Umgebung beleidigte sie. Die Gatten lebten nicht glücklich; die Frau, die sich von ihrem Manne nicht mehr geliebt wußte, liebte auch bald ihre Kinder nicht mehr, indem sie, ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt, in ihnen nur die Ebenbilder des Vaters zu sehen glaubte. Der Vater seinerseits hatte eine Art von Interesse nur für den Erstgebornen;[322] als eine reiche, kinderlose Tante den zweiten, Arthur, zu sich zu nehmen wünschte, ließ er es willig geschehen, ja, ich glaube, er wäre mich, den Jüngsten, Nachgebornen, auch gern losgewesen, nur daß Niemand mich haben wollte. So wuchs ich auf, wie ich konnte und mochte; bald hatte ich einen Erzieher und bald keinen; es bekümmerte sich Niemand um mich; ich wäre ganz verlassen gewesen, hätte sich mein ältester Bruder nicht meiner in seiner Weise angenommen.

Er liebte den um zehn Jahre Jüngeren mit leidenschaftlicher Liebe, mit einer stürmischen und, wie ich jetzt darüber denke, rührenden Zärtlichkeit. Ich war, wie kräftig ich mich auch später entwickelte, ein schwächliches, kränkliches Kind. Er, der Tollkühne, wehrte von mir auch den Schatten einer Gefahr ab; er hegte und hütete mich mehr als seinen Augapfel; er spielte mit mir, wenn ich gesund war, halbe Tage lang; er wachte, wenn ich krank war, Tage und Nächte an meinem Bette. Ich war der Einzige, der den »Wilden« mit einem Worte, mit einem Blicke leiten konnte; aber was wollte schließlich ein solcher Einfluß bedeuten? Es war ein Faden, der riß, als der Zwanzigjährige, nach einer noch mehr als gewöhnlich heftigen Scene mit dem Vater, das elterliche Haus Knall und Fall verließ.

Er wurde, wie die Phrase lautete, auf Reisen geschickt, aber die von vornherein unzulängliche Unterstützung, die er von dem immer mehr verarmenden Vater empfing, hörte in kürzester Frist gänzlich auf; er mußte leben, wie er konnte, und da er auf eigene Kosten nicht leben konnte, lebte er auf Kosten Anderer, wie so mancher adelige Abenteurer, heute ein Bettler, morgen im Golde sich wälzend, heute der Kamerad von Spielern und Schwindlern, morgen der Genosse von Fürsten; überall, wohin er kam, mit seiner bezaubernden Persönlichkeit die Herzen im Sturm erobernd, um sich nirgends fesseln zu lassen, um ruhelos von einem Ende Europas zum anderen zu schweifen. Er war in England, Italien, Spanien, Frankreich, dort am längsten. In dem bunten Treiben der Seinestadt fand er so recht sein Element, und er schwelgte in den Armen von französischen Damen, deren Gatten und Brüder sein Heimathsland mit Feuer und Schwert verwüsteten.

Wir hatten während fünf oder sechs Jahren nichts von ihm gehört; die Mutter war gestorben; man hatte nicht[323] gewußt, wohin ihm die Nachricht von ihrem Tode senden; der Vater wankte, ein vor der Zeit gebrochener Mann, dem Tode entgegen; die Verwüstung unseres Gutes durch den Erbfeind, der auch bis zu uns gedrungen war, ließ ihn gleichgültig; er berauschte sich mit den französischen Officieren an der letzten Flasche aus seinem Keller. Ich war nicht im Stande gewesen, das Schimpfliche geduldig zu ertragen; ich forderte den französischen Obrist, einen Gascogner, der an der Tafel meines Vaters, die Guitarre in der Hand, Spottlieder auf die Deutschen sang. Er ließ dem siebzehnjährigen Jüngling lachend den Degen abnehmen – war ein Galanteriedegen mit blauem Bandelier, der als Zierrath an der Wand hing und den ich in meiner Wuth ergriffen – und den kecken Burschen am nächsten Morgen füsiliren zu lassen.

In der Nacht erschien ein Retter, auf den ich am wenigsten gehofft hatte. Der Wilde war auf die Nachricht von einer Schilderhebung im Vaterlande – es hatten sich damals die ersten Freicorps zu formiren begonnen – aus den Armen seiner Buhlerinnen, von den Parquets der Salons in Faubourg St. Germain herbeigeeilt, und sein Weg hatte ihn in die Heimath geführt, wo gerade damals der Kriegsbrand am wildesten flammte. Er konnte nicht zu dem Freicorps gelangen, das hier in der Festung cernirt war, so wendete er sich nach der Insel in der Absicht, dort einen Guerillakrieg gegen die Eindringlinge zu entfachen. Er kam gerade zur rechten Zeit, seinen Bruder einem fast gewissen Tode zu entreißen. Er brach, von wenigen Getreuen, die er zusammengerafft hatte, begleitet, mit unerhörter Kühnheit in mein Gefängniß und entführte mich.

Von diesem Augenblicke an sind wir fünf Jahre lang zusammen gewesen und haben erst als gemeine Freischärler, hernach als Officiere in demselben Regiment Gefahr und Noth brüderlich mit einander getheilt. Ich habe mich nicht schlecht gehalten, aber der Name meines Bruders war bekannt in der ganzen Armee, und wieder nannten sie ihn den Wilden, als gäbe es für einen solchen Mann keine andere Bezeichnung. Unzählig waren die Geschichten, die man sich von seiner Bravour, von seiner Tollkühnheit erzählte. Es war nur Eine Stimme darüber, daß er den Tod suche, aber er dachte nicht an den Tod, denn er verachtete das Leben. Er lachte, wenn er uns Andere von der Wiedergeburt unseres Vaterlandes[324] schwärmen hörte, und daß wir die heimische Erde frei machen wollten von den fremden und von den heimischen Tyrannen, um auf der freien Erde ein Reich der Brüderlichkeit und Gleichheit zu errichten. Aus der Zeit tönt mir auch das alte Wort vom Hammer oder Amboß im Ohre, das er oft und gern im Munde führte, weil es, wie er sagte, seine Philosophie in der einfachsten Formel darstellte. »Brüderlichkeit – Gleichheit!« spottete er. »Geht mir doch mit solchen hohlen Phrasen! Dies ist eine Welt der Herren und Knechte, der Starken und Schwachen. Ihr seid so lange Amboß gewesen unter dem Riesenhammer Napoleon und möchtet nun einmal selbst Hammer spielen. Seht zu, wie weit Ihr damit kommt. Ich fürchte, nicht weit. Ihr habt nur Talent zum Amboß.«

»Warum bist Du gekommen, mit uns gegen Napoleon zu kämpfen?« fragte ich.

»Weil ich mich in Paris langweilte,« erwiederte er.

Aber er that sich selbst Unrecht. Er war mehr als der blasirte Glücksritter, für den er sich gab; er hatte die Schätze eines Herzens, das reich war wie Pluto's Schacht, in einem wüsten Abenteurerleben vergeudet; aber es war ihm noch ein Stück dieses Herzens geblieben, und in diesem Stücke lebte, wenn nicht die echte Vaterlands- und Menschenliebe, so doch der Trotz, der es mit dem Unterdrückten hält und sich stolz gegen den Unterdrücker aufbäumt, er mag nun ein genialer Eroberer sein, oder ein geistloser Heimischer von Gottes Gnaden.

Und als er nun, nachdem der Eroberer an den Felsen von Helena gekettet war, sah, daß die Helden so vieler Schlachten das alte gewohnte Joch wieder auf die geduldigen Nacken nahmen; als er sah, daß der ganze stolze Freiheitsstrom sich kläglich im Sande angestammter Unterthanentreue verlief, da zerbrach er seinen Degen, den er glorreich durch zwanzig Schlachten getragen, und fluchte den Herren und fluchte den Sklaven, und sagte, daß nun wieder, wie vor dem Kriege, die Erde seine Heimath sei, denn ein freigeborner Mensch könne in einem sklavischen Jahrhundert keine andere Heimath haben.

Ich weiß es wohl; es war viel Ungesundes, Ueberspanntes in diesem Raisonnement; aber es war doch auch ein gesunder Kern darin. Die Folge hat es bewiesen; die unglaublich[325] nüchterne, geistes- und thatenarme, ideenlose, durch und durch epigonenhafte Zeit, in der wir leben – sie hat seine Ahnung, seine Prophezeiung vollauf bestätigt.

Und wieder irrte er, ein heimathloser Abenteurer, durch die Länder, nur mit dem Unterschiede, daß er vorher in übermüthiger Kraft mit den Menschen gespielt hatte, die er jetzt kaltblütig ausbeutete, weil er sie verachtete. Ich habe mir mit meinem Blute den Ablaßzettel kaufen wollen für meine Vergangenheit; der Zettel ist zurückgewiesen, was gilt mir jetzt die Gegenwart oder die Zukunft? Wie oft habe ich an das Wort, das er mir in der Scheidestunde zurief, denken müssen! Es ist mir immer der Schlüssel zu diesem räthselhaften Charakter gewesen.

Und wieder hörte ich lange, lange nichts von ihm. Der Vater war gestorben; das Gut war in Sequester; mein zweiter Bruder Arthur, den die Tante um seine Erwartungen betrogen hatte, mühte sich im undankbaren Staatsdienst ab; ich, der ich es mit der Wiedergeburt meines Volkes herzlich ernst meinte, und erkannt zu haben glaubte, daß man das Werk von vorn, das heißt von unten auf anfangen müsse, hatte mir durch meinen Gönner Altenberg diese Stelle zu verschaffen gewußt und saß schon seit Jahren, ein Krüppel, hier, noch immer an dem ABC meines Metiers buchstabirend; Malte galt als verschollen. Da tauchte er plötzlich wieder auf, noch dazu in Gesellschaft einer Frau, die dem Abenteurer, nachdem sie längere Zeit in der Fremde umhergeschweift, endlich auch in seine Heimath gefolgt war. Er erklärte seine Absicht, das väterliche Gut zu übernehmen; von meiner Seite wurde ihm jeder Vorschub geleistet, Arthur ließ sich mit einer Summe abfinden, von der er nebenbei jetzt bestreitet, daß sie ihm jemals ausgezahlt worden. Die Gläubiger waren froh, nur irgend etwas zu bekommen, und Einer von ihnen wenigstens tröstete sich mit der Hoffnung – die ihm auch nicht fehlgeschlagen ist – daß aufgeschoben nicht aufgehoben und ihm das Stammgut der Zehren unter dem neuen Herrn nicht weniger gewiß sei, als unter dem alten.

Wir hatten uns bei seiner Zurückkunft nicht gesehen; ich konnte damals gerade nicht wohl von hier fort; er seinerseits trug kein Verlangen, die alte Freundschaft zu erneuern. Als wir uns getrennt hatten, war ich im Begriffe gewesen, eine Verbindung einzugehen, in welcher der Erstgeborne eines uralten[326] Geschlechtes die sträflichste Mesalliance sah; jetzt bekleidete ich ein Amt; und ein Amt bekleiden, noch dazu ein Amt der Art, hieß für ihn, sich wegwerfen, das angeborne Recht der Ritter vom Hammer mit Füßen treten, sich zum gemeinen Amboß machen. Daß ich noch dazu die Abfindungssumme, die er mir angeboten, zurückwies, hatte ihn auf das empfindlichste beleidigt. In seinen Augen hatte ich damit dem Erstgebornen, dem Chef der Familie, den Gehorsam, die Vasallenschaft gekündigt. Er konnte es mir nicht verzeihen, daß ich seiner nicht mehr bedurfte; daß ich keine Schulden hatte, die zu bezahlen er sich selbst in Schulden stürzen mußte; daß ich mit Einem Worte nicht war wie mein Bruder Arthur, welcher ihm in diesem Punkte viel willfähriger, ich fürchte, nur zu willfährig gewesen ist.

Auf der andern Seite mußte, was ich von ihm hörte – und er sorgte dafür, die Zungen der Menschen über ihn nicht zur Ruhe kommen zu lassen – mich in der traurigen Gewißheit bestärken, daß zwischen ihm und mir eine Kluft entstanden war, über welche selbst die innige Liebe, die ich noch immer für ihn hatte, nicht hinüberreichte. Ich hörte von dem wüsten Leben, das er in Gesellschaft des durch den Krieg verarmten Adels seiner Nachbarschaft führte, von den Trink- und Spielgelagen, von tollen Streichen, deren Anstifter er sei. Auch damals schon ging ein dunkles Gerücht, daß er es sich zum Geschäfte mache, den während der Kriegsjahre in jener Gegend zur höchsten Blüthe gediehenen, damals von der Regierung begünstigten, jetzt freilich auf das schärfste verfolgten Schmuggelhandel auf jede Weise zu unterstützen. Die schlimmste Nachrede freilich bereitete ihm das traurige Verhältniß, in welchem er mit der unglücklichen Frau lebte, die er aus ihrer Heimath entführt hatte. Er sollte sie mißhandeln, er sollte sie in einem Keller eingesperrt halten; es sei unbegreiflich, daß sich die Behörden nicht in's Mittel legten.

Ich konnte dieses Gerede nicht ertragen, von dem ich übrigens kein Wort glaubte – denn die Anschuldigungen standen in zu grellem Widerspruche mit dem im Grunde so großen, so edelmüthigen Charakter meines Bruders. Dennoch hielt mich eine leicht erklärliche Scheu ab, mich in diese Angelegenheit zu mischen, als ein Brief, den ich erhielt, meiner Unentschlossenheit ein Ende machte. Der Brief war in einem schlechten Französisch geschrieben, und gleich die ersten Worte[327] belehrten mich, daß die Unglückliche, die ihn geschrieben, wahnsinnig sein müsse. »Ich höre, Sie wissen, wo der Weg nach Spanien geht,« begann der Brief, und mit den Worten: »Ich beschwöre Sie, mir zu sagen, wo der Weg nach Spanien geht,« schloß er. Ich reiste noch in derselben Stunde ab und sah nach langen Jahren mein Vaterhaus und meinen Bruder wieder. Es war ein trauriges Wiedersehen.

Mein Vaterhaus eine Ruine, mein Bruder ein Schatten – nein – schlimmer! ein Zerrbild von dem, was er gewesen! Ach, lieber Freund! Die Hammer-Theorie hatte sich grausam gegen ihren eifrigsten Bekenner erwiesen. Wie hatte der plumpe Amboß den feinen Hammer gehämmert; wie unedel war er in der gemeinen Welt, die er so tief verachtete, geworden! »Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,« läßt Göthe den Geist der Lüge sagen, »so hab' ich Dich schon unbedingt.« Und ich sage: »Verachte nur die Menschen, und Du sollst sehen, wie schnell Du den Anderen, ja Dir selbst verächtlich wirst.«

Ich sagte ihm, weshalb ich gekommen; er führte mich schweigend in den Park, deutete auf eine Frau, die dort in einem phantastischen Anzuge, Blumen und Unkraut in den glänzend schwarzen, halb aufgelösten Haaren, in den Händen eine Guitarre, von der die Hälfte der Saiten zerrissen herabhing, die schwarzen Augen bald verzückt zum Himmel erhebend, bald verzweiflungsvoll zur Erde senkend, unter den Bäumen, zwischen den Büschen umherirrte.

»Du siehst, es ist eine Lüge, daß ich sie eingeschlossen halte,« sagte er. »Mancher Andere würde es thun. Es ist nicht eben angenehm, den Leuten ein solches Schauspiel geben zu müssen.«

»So bring' sie in ihre Heimath zurück,« sagte ich.

»Versuche es,« erwiederte er, »sie würde aus dem Wagen springen, sie würde sich vom Schiff in's Meer stürzen. Und brächtest Du sie gefesselt, mit Gewalt dahin, was würde ihr Loos sein? Man würde sie in den Kerker eines Klosters werfen und ihr mit Hunger und Schlägen den Teufel austreiben, der sie verführte, ihr Herz an einen Ketzer zu hängen. Wenn ich sie auch nicht mehr liebe – so habe ich sie doch einst geliebt, oder sie ist wenigstens mein gewesen; keines Pfaffen schnöde Hand soll berühren, was einst mein gewesen.«[328]

Ich sagte ihm, wie schrecklich es sei, ihn so von seiner Gattin, der Mutter seines Kindes sprechen zu hören.

»Wer sagt, daß sie meine Gattin ist?« erwiederte er.

Ich blickte ihn verwundert und erschrocken an, er zuckte die Achseln.

»Das ist nun auch wieder nichts für Deine verbürgerte Tugend,« sagte er. »Ich würde sie zur Frau von Zehren gemacht haben, trotzdem ihr Vater ein Hidalgo von sehr zweifelhaftem Stammbaum ist, wäre das Kind ein Knabe gewesen. Was soll mir das Mädchen? Sie kann unser Geschlecht nicht fortpflanzen; so mag es denn mit mir zu Grunde gehen.«

Es war ihm gleichgültig, ob oder wie sehr ich mich durch diese Rede beleidigt fühlte, er hatte mich gar nicht beleidigen wollen; er betrachtete einen Gefängniß-Director, der eines armen Malers Tochter zur Gattin hatte, wirklich nicht als einen Zehren.

Ich bat ihn, mir das Kind zu geben, wenn es ihm doch so nichts sei; ich wolle es mit meiner Paula, die eben damals geboren war, erziehen lassen; so müsse es moralisch und physisch untergehen, und es komme vielleicht doch die Zeit, wo er sich nach einem Kinde, gleichviel ob Knabe oder Tochter, ob legitim oder illegitim, sehne.

»Dann wäre auch meine letzte Stunde gekommen,« antwortete er, sich mit Achselzucken von mir wendend.

Was sollte ich unter diesen Umständen thun? Ich war nicht da, mit meinem Bruder zu jagen, oder ihn zu seinen Zechgelagen oder an den Spieltisch zu begleiten, wozu er mich mit ironischer Höflichkeit aufforderte. Ich sprach mit der armen Wahnsinnigen, die mich nicht verstand und keine Ahnung mehr davon hatte, daß sie an mich, wie an unzählige Andere auch, deren Namen sie zufällig erfahren, geschrieben; ich küßte das bildschöne Kind; schüttelte dem alten Christian, der immer sehr an mir gehangen hatte und der Einzige war, der sich meiner erinnerte, die Hand und bat ihn, über das arme verlassene Geschöpf zu wachen; strich noch einmal durch den Park und grüßte die Plätze meiner Kinderspiele, sah noch einmal die Sonne untergehen über dem Hause, wo meine Wiege gestanden – und ging trauernd von dannen. So müßte dem Baume zu Muthe sein, der mit allen seinen Wurzeln aus der heimischen Erde gerissen ist. Aber dem Himmel sei Dank,[329] daß der Mensch, den man aus seiner Heimath getrieben, sich eine neue erwerben kann, daß, wenn die Pforte des Paradieses unserer Kindheit hinter uns abgeschlossen wird, sich vor uns eine andere Welt aufthut, die wir freilich im Schweiße unseres Angesichts erringen und erarbeiten müssen, die aber deshalb auch wahr und wahrhaftig die unsere ist.

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig 1874, S. 319-330.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Hammer und Amboß
Hammer Und Amboss; Roman. Aus Hans Wachenhusen's Hausfreund, XII (1869 ) (Paperback)(English / German) - Common
Friedrich Spielhagen's sämtliche Werke: Band X. Hammer und Amboss, Teil 2
Hammer Und Amboss; Roman in 5 Banden Von Friedrich Spielhagen
Hammer Und Amboss: Roman... Volume 2
Hammer & Amboss (German Edition)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der grüne Kakadu. Groteske in einem Akt

Der grüne Kakadu. Groteske in einem Akt

In Paris ergötzt sich am 14. Juli 1789 ein adeliges Publikum an einer primitiven Schaupielinszenierung, die ihm suggeriert, »unter dem gefährlichsten Gesindel von Paris zu sitzen«. Als der reale Aufruhr der Revolution die Straßen von Paris erfasst, verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit. Für Schnitzler ungewöhnlich montiert der Autor im »grünen Kakadu« die Ebenen von Illusion und Wiklichkeit vor einer historischen Kulisse.

38 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon