Dreißigstes Capitel.

[337] Der Tag war regnerisch und unfreundlich gewesen und meine Stimmung trüb wie der Tag. Der Director hatte am Morgen einen Anfall von Blutsturz gehabt; ich war zum erstenmale allein in dem Bureau und hatte oft von der Arbeit nach dem Platze hinübergesehen, der heute leer war, und dann wieder aufgehorcht, wenn ein leichter, schneller Schritt auf dem Gange vorüberkam von dem Zimmer, wo der Director lag, nach dem Kinderschlafzimmer, an das den kleinen Oscar schon seit einer Woche ich weiß nicht mehr welche Krankheit fesselte. Immer hatte ich gehofft, der leichte, schnelle Schritt würde an meiner Thür stehen bleiben; aber die Fee hatte heute gar viel zu schaffen – und so mochte sie mich denn wohl vergessen haben.

Aber sie hatte mich nicht vergessen.

Es war gegen Abend; ich hatte, da ich nichts mehr sehen konnte, meine Sachen zusammengepackt und hing noch auf dem Drehstuhl, den Kopf in die Hand gestützt, als es leise an die Thür pochte. Ich ging und öffnete – es war Paula.

»Sie sind den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer gekommen«, sagte sie, »der Regen hat nachgelassen; ich habe eine halbe Stunde Zeit; wollen wir ein wenig in den Garten?«

»Wie geht es?«

»Besser, viel besser!«

Sie sagte es, aber es klang nicht sehr trostverheißend; auch war sie auffallend still, als wir neben einander den Weg hinauf nach dem Belvedere schritten, und ich, so gut ich konnte, meine Sorge hinter muthigen Worten versteckte. Der Kleine sei ja außer aller Gefahr, und es sei ja nicht das erstemal, daß der Director einen solchen Anfall gehabt habe, von dem er sich immer bald wieder erholte. Das sei auch Doctor Snellius' Ansicht.

Paula hatte, während ich so sprach, nicht einmal zu mir aufgeblickt, und als wir jetzt das Gartenhäuschen erreichten, trat sie sehr schnell hinein. Ich war draußen stehen geblieben, um nach den Abendwolken zu sehen, die eben bei Sonnenuntergang in wunderbar prächtigen Farben erglühten. Ich[338] rief Paula zu, sich das herrliche Schauspiel nicht entgehen zu lassen; sie antwortete nicht; ich trat in die Thür; sie saß an dem Tisch, das Gesicht in die flachen Hände gedrückt und weinte.

»Paula, liebe Paula«, sagte ich.

Sie hob den Kopf und versuchte zu lächeln, aber es gelang ihr nicht; sie drückte das Gesicht wieder in die Hände und weinte laut, wie sie zuvor leise geweint hatte.

Ich hatte sie noch nie so gesehen, und gerade deshalb erschütterte mich der ungewohnte, unerwartete Anblick umsomehr. In meiner tiefen Erregung wagte ich zum erstenmal, ihr Haupt zu berühren, indem ich meine Hand über ihr blondes Haar gleiten ließ und zu ihr sprach, wie man zu einem Kinde spricht, das man trösten will. Und was war denn das fünfzehnjährige Mädchen im Vergleiche zu mir, der ich jetzt wieder in der Fülle meiner wiedergewonnenen Kraft neben ihr stand, als ein hilfloses Kind?

»Sie sind so gut«, schluchzte sie, »so gut! Ich weiß nicht, weshalb ich gerade heute Alles in einem so trüben Lichte sehe. Vielleicht ist es, daß ich es so lange still getragen habe; vielleicht ist es auch nur der graue Tag – aber ich kann mich heute nicht vor dem schrecklichen Gedanken retten. Und was soll dann aus der Mutter, was soll aus unseren Buben werden?«

Sie schüttelte traurig das Haupt und blickte mit von Thränen verschleierten Augen gerade vor sich hin.

Es hatte wieder angefangen zu regnen, die strahlenden Farben auf den schweren Wolken hatten sich in schmutziges Grau verwandelt; der Abendwind sauste in den Bäumen und die dürren Blätter wirbelten in der Luft. Mir wurde unsäglich traurig zu Muthe – traurig und ingrimmig. War ich doch schon wieder einmal in der elendesten aller Situationen; der Noth geliebter Menschen ohnmächtig zusehen zu müssen! Mag sein, daß Konstanze, daß ihr Vater das Mitleid, das ich um sie gefühlt, nicht verdient hatten; aber den Schmerz, das Leid um sie hatte ich doch empfunden; und diese Menschen – das wußte ich – sie verdienten, daß man ihnen jeden Blutstropfen weihte. Ach ich hatte wieder nichts als mein Blut, das ich hingeben konnte! Sein Blut hingeben! es ist vielleicht das höchste und gewiß das letzte Opfer, das ein Mensch dem andern bringen kann; aber wie unzähligemale[339] ist dem Andern nicht damit gedient; wie oft ist es eine Münze, die keinen Cours hat auf dem Markte des Lebens! Eine Hand voll Thaler würde Rettung bringen, ein Stück Brod, eine wollene Decke – ein Nichts – nur daß wir mit all' unserem Blute gerade dies Nichts nicht herbeischaffen können.

Und wie ich, in die Thür des Gartenhäuschens gelehnt, bald auf das liebe, weinende Mädchen, bald in die tropfenden Bäume blickend, das Herz voll Wemuth und Zorn, dastand, schwur ich mir, daß ich trotz alledem mich dereinst noch zu einer Stellung aufschwingen wolle, wo ich, außer dem guten Willen, auch die Macht habe, denen, die ich liebte, zu helfen.

Wie oft habe ich in meinem späteren Leben dieses Augenblickes denken müssen! Was ich mir schwur – es schien so unmöglich; was ich erreichen wollte – es lag in so weiter Ferne – und doch, daß ich heute stehe, wo ich stehe – ich danke es zum größten Theile der Ueberzeugung, die in jenem Momente in meiner Seele aufglühte. So sieht der Schiffbrüchige, auf leckem Kahn mit den Wogen ringend, nur auf einen Moment die rettende Küste; aber der Moment genügt, um ihm die Richtung zu zeigen, nach der er steuern muß, dem Verderben zu entrinnen.

»Lassen Sie uns wieder hineingehen«, sagte Paula.

Wir gingen neben einander den Weg vom Belvedere zurück. Mir war das Herz so voll, daß ich nicht sprechen konnte; auch Paula war stumm. Ein Baumzweig hing in den Weg, so tief, daß er Paula's Kopf gestreift haben würde; ich drückte ihn in die Höhe und er schüttelte seine Tropfen in einem Guß auf sie herab. Sie stieß einen leisen Schrei aus und lachte, als sie mich über meine Ungeschicklichkeit verlegen dastehen sah.

»Das war erquicklich«, sagte sie.

Es klang, als dankte sie mir, trotzdem ich sie wirklich erschreckt hatte. Ich mußte die Hand des lieben Mädchens ergreifen.

»Wie Sie gut sind, Paula!« sagte ich.

»Und wie Sie schlecht sind«, erwiederte sie, mit holdseligem Lächeln zu mir aufblickend.

»Guten Abend!« sagte eine helle Stimme in unserer unmittelbaren Nähe.

Aus dem Heckengange, der rechtwinkelig auf den Weg stieß, war er hervorgetreten und stand jetzt vor uns in dem[340] bunten Rocke, nach welchem er sich schon jahrelang gesehnt, die Linke auf den Degengriff, drei Finger der weißbehandschuhten Rechten mit einer koketten Haltung an den Mützenschirm gelegt, mit den braunen Augen neugierig auf uns starrend, ein halb spöttisches, halb ärgerliches Lächeln auf dem Gesichte, das in der trüben Abendbeleuchtung blasser und verlebter als je aussah.

»Ich bitte um die Erlaubniß, mich vorstellen zu dürfen«, fuhr er – immer noch die drei Finger am Mützenschirm – fort: »Arthur von Zehren, Porteépée-Fähnrich im Hundertundzwanzigsten. War bereits im Hause, erfuhr zu meinem Bedauern, daß der Onkel nicht ganz wohl ist; die Frau Tante unsichtbar; wollte wenigstens nicht unterlassen, meine schöne Cousine zu begrüßen.«

Er hatte das Alles in einem schnarrenden, affectirten Ton gesagt und ohne mich, der ich Paula's Hand längst losgelassen, weiter anzusehen oder sonst von meiner Gegenwart Notiz zu nehmen.

»Es thut mir leid, daß Du es so schlecht getroffen hast, Cousin Arthur«, sagte Paula. »Wir hatten Dich erst in der nächsten Woche erwartet.«

»War auch anfänglich so bestimmt«, erwiederte Arthur; »aber mein Oberst, der die Güte hat, sich speciell für mich zu interessiren, hat die Ausfertigung meines Patents beschleunigt, so daß ich gestern schon abreisen und mich heute Morgen hier melden konnte. Der Papa und die Mama lassen sich dem Onkel und der Frau Tante bestens empfehlen; sie werden Anfangs nächster Woche kommen; hoffe, daß der Onkel dann wiederhergestellt ist. Neugierig, ihn zu sehen, soll ganz unserem Großvater Malte gleichen, von dem ein Bild bei uns zu Hause in dem Salon hängt. Würde Dich übrigens nicht erkannt haben, liebe Cousine; hast wenig von dem Familiengesicht; dunkles Haar, braune Augen ist Zehren-Weise.«

Der Weg war nicht so breit, daß Drei neben einander gehen konnten; so schritten denn die Beiden vor mir, ich folgte in einiger Entfernung, doch nahe genug, um jedes Wort hören zu können. Ich hatte in der letzten Zeit mit sehr gemischten Empfindungen an meinen früher so heißgeliebten Freund gedacht; aber, wie er jetzt vor mir hertänzelte an der Seite des holden Kindes, das er mit seinem faden Geschwätz betäubte, und Du nannte und Cousine, und jetzt bei dem letzten Worte,[341] sei es zufällig, sei es absichtlich, mit dem Ellnbogen berührte – war meine Empfindung ganz ungemischt. Ich hätte dem Herrn Fähnrich mit großer Genugtuung das zierliche braune Köpfchen in dem rothen Kragen umgedreht.

Wir waren an dem Hause angelangt. »Ich will sehen, ob Du nicht wenigstens die Mutter auf einen Augenblick sprechen kannst«, sagte Paula; »bitte, verweile so lange hier; Du hast ja auch noch gar nicht Deinen alten Freund begrüßt.«

Paula eilte die Stufen hinauf; Arthur grüßte – drei Finger am Mützenschirm – hinter ihr her und blieb dann von mir abgewendet stehen. Plötzlich kehrte er sich auf den Hacken zu mir um und sagte in seinem frechsten Ton; »Ich will Dir jetzt guten Tag sagen, aber ich bitte, zu bemerken, daß wir uns vor anderen Leuten nicht kennen; ich brauche Dir hoffentlich nicht auseinanderzusetzen, warum.«

Arthur war einen Kopf kleiner als ich, und er mußte deshalb zu mir hinaufsehen, während er die schnöden Worte zu mir sprach. Dieser Umstand war ihm nicht günstig; Grobheiten von Unten nach Oben sagen sich nicht besonders gut – mir aber kam es lächerlich vor, daß dieses Bürschchen, welches ich mit einem Stoß über den Haufen werfen konnte, sich so vor mir blähte, und ich lachte, lachte laut.

Eine zornige Röthe schoß über Arthur's bleiches Gesicht. »Es scheint, Du willst mich beleidigen«, sagte er: »glücklicherweise bin ich nicht in der Lage, von einem Menschen Deinesgleichen beleidigt werden zu können. Ich habe schon gehört, wie man Dich hier verzieht; mein Onkel wird die Wahl haben zwischen mir und Dir; hoffentlich wird ihm diese Wahl nicht schwer werden.«

Ich lachte nicht mehr. Ich hatte diesen Jungen geliebt mit mehr als brüderlicher Zärtlichkeit, ich hatte so zu sagen anbetend vor ihm auf den Knieen gelegen; ich hatte ihm die treuesten Vasallendienste geleistet, war ihm gutwillig in all seine dummen Streiche gefolgt, um, wie oft! die Strafe auf mich zu nehmen! Ich hatte ihn vor jedem Feind und jeder Gefahr geschirmt und geschützt, hatte mit ihm getheilt, was ich besaß – nur daß er immer den größeren Theil bekam! – und jetzt, jetzt, wo ich im Unglücke war, und er im Sonnenschein des Glückes einherstolzierte – jetzt konnte er so zu mir sprechen! Ich begriff es kaum, aber was ich davon begriff, war mir unsäglich ekelhaft. Ich sah ihn mit einem[342] Blicke an, vor dem jeder Andere die Augen niedergeschlagen hätte; wendete mich und ging. Ein höhnisches Lachen krähte hinter mir her.

»Lache Du nur«, sagte ich bei mir, »wer zuletzt lacht, lacht am besten.«

Aber indem ich über Paulas Haltung bei dieser Begegnung nachdachte, fand ich, daß dieselbe wohl hätte anders sein können. Mir däuchte, Paula hätte meine Partei offener nehmen müssen. Wußte sie doch, wie Arthur mich, sobald ich im Unglück war, hatte fallen lassen; wie er für seinen Kameraden im Gefängnisse kein Trosteswort gehabt, ja, sich offen von mir losgesagt und mich angeschwärzt und verleumdet hatte, wie die Anderen!

»Das war nicht recht – das war recht schlecht von dem Arthur!« hatte sie mehr als einmal gesagt; und nun – ich war sehr unzufrieden mit Paula.

Ich sollte jetzt noch oft Gelegenheit haben, unzufrieden zu sein; ja es kam, Alles in Allem, eine schlimme Zeit für mich. Arthur hatte sich am folgenden Tage wieder vorgestellt und war von dem Director, der ihn in seinem Krankenzimmer empfing, und von der übrigen Familie freundlich aufgenommen worden. Ich, der ich von jeher so einsam dagestanden, hatte das Gefühl der Familie, den Respect vor verwandtschaftlichen Verpflichtungen wenig in mir ausbilden können und vermochte nicht zu begreifen, daß die Zufälligkeit des gleichen Namens, der gemeinschaftlichen Abstammung an und für sich schon eine solche Bedeutung habe, wie ihr hier augenscheinlich beigelegt wurde. »Lieber Neffe«, sagte der Director; »lieber Neffe«, sagte Frau von Zehren; »Cousin Arthur«, sagte Paula; »Cousin Arthur«, riefen die Knaben. Und freilich: Neffe Arthur, Cousin Arthur war die Liebenswürdigkeit selbst. Er war ehrerbietig gegen den Onkel, aufmerksam gegen die Tante, voll chevaleresker Höflichkeit gegen Paula, und Hand und Handschuh mit den Knaben. Ich beobachtete Alles aus der Ferne. Der Director mußte noch immer das Zimmer hüten und ich nahm das zum Vorwand, fleißiger als je auf dem Bureau zu arbeiten, das ich so selten als möglich verließ, und wo ich mich in meine Gefängnißlisten und meine Zeichnungen vergrub, um nichts von dem, was draußen vorging, zu sehen und zu hören.

Leider sah und hörte ich trotzdem nur zu viel. Das[343] Wetter hatte sich wieder aufgeklärt, ein schöner Spätherbst, wie er jener Gegend eigenthümlich ist, war den ersten Stürmen gefolgt. Die Knaben hatten Ferien, die Familie kam fast nicht aus dem Garten und Cousin Arthur war beständig von der Gesellschaft. Cousin Arthur mußte verzweifelt wenig zu thun haben; der Bataillon-Commandeur verdiente die Festung dafür, daß er seine Fähnriche so wild laufen ließ!

Ach, die Gefangenschaft hatte mich doch wohl nicht besser gemacht, wie ich mir manchmal schmeichelte. Wann hatte sich früher jemals ein Gefühl des Neides, der Mißgunst in meiner freien Seele geregt! Wann hatte ich meine Devise: »Leben und leben lassen« verleugnet! Und jetzt knirschten meine Zähne vor Ingrimm, so oft ich, den Blick erhebend, Arthur im Garten stehen und das kleine dunkle Bärtchen, das seine feine Oberlippe zu schmücken begann, streichen sah, oder seine helle Stimme hörte. Ich gönnte ihm das dunkle Bärtchen nicht – ich als Gefangener durfte keinen Bart tragen, der meine wäre im besten Falle von einem starkröthlichen Blond gewesen – ich gönnte ihm die helle Stimme nicht – meine Stimme war tief und, seitdem ich nicht mehr sang, sehr rauh geworden – ich gönnte ihm seine Freiheit nicht, die er, nach meiner Ansicht, so abscheulich mißbrauchte – ich gönnte ihm kaum das Leben. Hatte er doch mein eigenes Leben, das sich in letzter Zeit so freundlich aufgeklärt hatte, jämmerlich verdüstert, und dehnte sich so behaglich im Sonnenschein, aus dem er mich vertrieben!

Und doch hatte ich im Grunde gar keine Ursache, mich zu beklagen. Der Director, der sich langsamer, als wir gehofft, von dem Unfall erholte und von Zeit zu Zeit in das Bureau kam, war theilnehmend, liebevoll wie zuvor; und nachdem ich die Einladungen in den Garten ein, zwei Wochen lang unter diesem und jenem Vorwande beharrlich abgelehnt hatte, konnte ich mich doch nicht wundern, wenn Frau von Zehren, wenn Paula es endlich müde wurden, sich um mich zu bekümmern, und die Knaben den lachlustigen Vetter Arthur, der sie exerciren lehrte, dem melancholischen Georg, der nicht mehr mit ihnen spielen wollte, vorzogen. In meinen Augen aber hatten sie mich einfach verlassen, und ich wäre schier verzweifelt, wenn ich nicht zwei Freunde gehabt hätte, die treu zu mir hielten und offen oder heimlich für mich Partei nahmen.[344]

Diese zwei Freunde waren Doctor Snellius und der Wachtmeister Süßmilch.

Mit dem Wachtmeister hatte es der Fähnrich gleich am zweiten Tage verdorben. Er hatte ihn in seiner ungenirten Weise auf die Schulter geklopft und »Alterchen« genannt. »Man ist kein Alterchen für solche Gelbschnäbel«, sagte der ehrliche Wachtmeister, als er mir, das Gesicht noch ganz roth vor Zorn, die frische Beleidigung mittheilte; »man könnte heute Majors-Epauletten auf den Schultern tragen, wenn man gewollt hätte, man wird dem Junkerchen zeigen, daß man kein Bär mit sieben Sinnen ist.«

Auch der Doctor hatte sich über die Frechheit des Eindringlings zu beklagen. Er war eines Abends in dem Garten, mit dem Hut in der Hand, wie es seine Gewohnheit war, umhergewandelt und Arthur hatte sich verschiedene Anspielungen auf die Kahlköpfigkeit des trefflichen Mannes erlaubt und ihn in der höflichsten Weise gefragt, ob er noch nicht Rowland's Macassaröl angewendet, dessen ausgezeichnete Wirkungen er vielfach habe rühmen hören.

»Wie finden Sie das?« sagte der Doctor. – »Ich mache die Witze über meinen kahlen Schädel selbst und verbitte mir die Concurrenz, habe ich geantwortet. Das war grob, werden Sie sagen, oder auch nicht sagen, denn Sie lieben das glattzüngige, geschmeidige, schlüpfrige Exemplar seiner reizenden Species eben so wenig als ich. Und der Hanswurst wird seine Rolle sobald nicht ausgespielt haben! Unser humaner Freund hält es für seine Pflicht, gegen einen Verwandten – noch dazu einen armen, denn ich höre, daß es dem Steuerrath erbärmlich gehen soll – von arabischer Gastfreundlichkeit zu sein. Mein einziger Trost ist, daß auch dieser Krug nur gerade so lange zu Wasser gehen wird, bis er bricht.«

»Wie steht es denn mit der Familien-Conferenz?« fragte ich.

»Wird übermorgen feierlich eröffnet werden. Humanus hat sie Alle eingeladen, bei ihm Quartier zu nehmen. Der auf Wartegeld Gesetzte hat das natürlich angenommen; aber, was mich wundert, auch der Andere, der Crösus, und nicht blos für sich, sondern auch für sein goldenes Töchterlein und deren Gouvernante. Das sind eins, zwei, fünf Personen, die unsere Einsamkeit nächstens auf das Anmuthigste beleben werden; ich vermuthe: eine oder die andere davon verdiente für immer hier zu bleiben.«[345]

So krähte Doctor Snellius, hüpfte dann auf ein anderes Bein und stimmte sich herab. Ich meinerseits war durch die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der längst erwarteten Gäste in nicht geringe Aufregung versetzt. Schon Arthur's Anwesenheit hatte mir den Platz verengt. Wie sollte es werden, wenn diese Alle kamen? wie würde ich dem Steuerrath gegenübertreten? wie dem Commerzienrath? Der Eine hatte die Großmuth seines edleren Bruders so schändlich mißbraucht, der Andere mit den Verlegenheiten des Unbesonnenen so klug gewuchert! Meine Abneigung gegen sie war von altem Datum und nur zu begründet! Aber weshalb ihnen irgendwie gegenübertreten? Wenn ich nicht zu ihnen kam, sie würden schwerlich mich aufsuchen. Die kleine Hermine freilich? hatte sie wohl noch so kornblumblaue Augen wie an jenem Morgen auf dem Deck des »Pinguin?« Und die sentenzenreiche Gouvernante, trug sie noch ihre gelben Locken? Es war ein lustiger, sonniger Tag gewesen, als ich die Beiden zum letztenmale gesehen; aber die Sonne hatte zu früh geschienen, und der Abend in Regen geendet, in Regen und dunkelm Nebel, durch den das zornbleiche Gesicht meines Vaters mich drohend anblickte.

»Warum seufzen Sie?« fragte Doctor Snellius, der unterdessen einen Situationsplan, an welchem ich die letzten Tage gearbeitet hatte, durchmustert. »Sie machen fabelhafte Fortschritte, ich würde niemals geglaubt haben, daß eine so saubere allerliebste Arbeit aus den Händen eines Mammuth hervorgehen könne. Adieu, Mammuth!«

Doctor Snellius schüttelte mir herzlich die Hand und hüpfte aus dem Zimmer. Ich blickte ihm traurig nach, so traurig, als wäre ich wirklich ein Mammuth und wüßte, daß ich dreißigtausend Jahre unter Schnee und Eis liegen müßte, um hernach ausgestopft in einem Museum aufgestellt zu werden.

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 1, Leipzig 1874, S. 337-346.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Hammer und Amboß
Hammer Und Amboss; Roman. Aus Hans Wachenhusen's Hausfreund, XII (1869 ) (Paperback)(English / German) - Common
Friedrich Spielhagen's sämtliche Werke: Band X. Hammer und Amboss, Teil 2
Hammer Und Amboss; Roman in 5 Banden Von Friedrich Spielhagen
Hammer Und Amboss: Roman... Volume 2
Hammer & Amboss (German Edition)

Buchempfehlung

Strindberg, August Johan

Inferno

Inferno

Strindbergs autobiografischer Roman beschreibt seine schwersten Jahre von 1894 bis 1896, die »Infernokrise«. Von seiner zweiten Frau, Frida Uhl, getrennt leidet der Autor in Paris unter Angstzuständen, Verfolgungswahn und hegt Selbstmordabsichten. Er unternimmt alchimistische Versuche und verfällt den mystischen Betrachtungen Emanuel Swedenborgs. Visionen und Hysterien wechseln sich ab und verwischen die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn.

146 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon