Zweiundzwanzigstes Capitel.

[250] Wer weiß, wie lange wir es können! Vielleicht nicht lange, vielleicht nur kurze, nur allzu kurze Zeit! Es ist ein melancholisches Wort und nur leider das rechte an der Spitze dieses Abschnittes der Geschichte meines Lebens, den ich mit zögernder Feder beginne. Aber der Leser fürchte nichts! Es war, als ich mich entschloß, dies Buch zu schreiben, nicht meine Absicht, sein Gemüth, das vielleicht von den Pfeilen und Schleudern des Geschicks nur schon zu viel gelitten hat, noch mehr zu verdüstern. Nicht den Muth des Lebens wollte ich ihm rauben oder auch nur schmälern, wenn ich ihm erzählte, was der Jüngling in seines Sinnes Thorheit gefehlt und was er in seinem Herzen gelitten hat; ich gedachte vielmehr, ihm die Freudigkeit des Handelns, die Fähigkeit des Duldens und die vielleicht noch schwerere der Duldung einzustoßen; und so wollen wir denn auch gemeinsam, was etwa Schweres dem Manne noch beschieden ist, mit einander in der Erinnerung durchleben, die ja auch das Schwerste leicht in ihre Götterarme nimmt. Nein, nein! der Leser, der vielleicht mein Freund geworden ist, mag den Freund ruhig weiter auf seinem Lebenswege begleiten!

Und zuerst in das Zimmer des Commerzienrathes, in welches ich am nächsten Morgen zehn Uhr mit einem Herzen eintrat, das vielleicht ein wenig unruhig, aber ganz gewiß nicht bänglich schlug. Ich hätte auch keinem Muthlosen rathen mögen, dem Manne heute Morgen entgegenzutreten, der wie ein Toller in dem Gemache auf- und ablief, um dann vor mir stehen zu bleiben, mich mit wüthenden Blicken von oben bis unten zu betrachten, abermals umherzulaufen, abermals vor mir stehen zu bleiben und zu rufen: »So, so! Sie wünschen also meine Tochter zu heirathen?«

»Es ist ein Wunsch, der vor zehn Jahren nichts Abschreckendes für Sie hatte, Herr Commerzienrath; – auf dem Deck des Pinguin, als wir zu Ihren Austernbänken fuhren; erinnern Sie sich nicht?«

»Herr, lassen Sie die Narrenspossen! Ich frage Sie noch einmal: Sie – Sie erkühnen sich, mein Schwiegersohn werden zu wollen?«[251]

»Verzeihen Sie, Herr Commerzienrath: Sie fragten vorhin, ob ich Ihr Fräulein Tochter heirathen wolle.«

»Das ist dasselbe.«

»Sie haben recht und deshalb thäten Sie vielleicht besser, Herr Commerzienrath, wenn Sie mich gleich als Ihren Schwiegersohn, oder sagen wir, als Ihren zukünftigen Schwiegersohn ansähen und demgemäß behandelten.«

Ich hatte das in einem sehr festen und ernsten Tone gesagt, von welchem ich wußte, daß er seinen Ein druck auf das im Grunde feige Herz des Mannes selten verfehlte. Auch jetzt wich er instinctiv ein paar Schritte vor mir zurück, setzte sich in seinen Lehnstuhl, nahm, der Abwechslung halber, anstatt der höhnischen Miene, eine sehr mürrische an und sagte im trockensten Geschäftston:

»Also, Sie wollen mir die Ehre erweisen, Herr Georg Hartwig, meine Tochter Hermine zur Gattin zu begehren. Da wäre es nun wohl das Erste, was uns zu thun obläge, über die Ansprüche, die Sie machen können, über die Stellung, die Sie in der Welt einnehmen, über Ihre persönlichen Verhältnisse mit einem Worte, in's Klare zu kommen. Sie sind, so viel ich weiß, der Sohn eines Subaltern-Beamten in Uselin, ein junger Mensch, der in seiner Jugend niemals hat gut thun wollen, der darauf für ein abscheuliches Verbrechen mit acht Jahren –«

»Sieben Jahren, Herr Commerzienrath –«

»Mit Voruntersuchung und nachträglicher Strafe acht Jahren Zuchthaus –«

»Gefängniß, Herr Commerzienrath –«

»Bestraft ist; der dann, Dank der Nachsicht der Behörden, die durch die Finger sahen –«

»Meine Papiere sind in der vollkommensten Ordnung, Herr Commerzienrath –«

»Während ein paar Monaten in meiner Fabrik das Nothdürftigste des Schlosserhandwerks gelernt hat; und jetzt mit dem beträchtlichen Vermögen von –«

»Funfzig Thaler baar, hundertsechzig Thaler ausstehende Schulden, die ich aber wohl nie bekommen werde, Herr Commerzienrath –«

»Und füge ich hinzu, mit den entsprechenden Aussichten in die Zukunft, – denn was Sie mir vorgestern von den Vorschlägen erzählten, die Ihnen Seine Durchlaucht gemacht[252] haben soll, so gebe ich darauf nichts – der also, als ein solcher Mensch, mit solcher Vergangenheit, in einer solchen Stellung, mit einem solchen Vermögen und einer solchen Zukunft, um die Hand der Tochter des Commerzienraths Streber wirbt.«

»Aufzuwarten, Herr Commerzienrath.«

Mein zukünftiger Schwiegervater warf unter seinen buschigen Augenbrauen einen prüfenden Blick in mein Gesicht, welches ihm sagen mochte, daß der Versuch, mich zu demüthigen, von ebenso geringem Erfolg war, wie die Einschüchterungs-Methode, mit der er begonnen. Es mußte ein anderes Register aufgezogen werden. Er stützte die kahle Stirn in die Hand, hüllte sich in eine dichte, schwarze Wolke des Schweigens, aus welcher er plötzlich nach mir mit den heftigen Worten schnappte:

»Wenn ich nun aber gar nicht der Millionär, gar nicht der reiche Mann bin, für den Sie mich, wie alle Welt, bisher gehalten haben – wie dann, Herr, wie dann!«

Der Commerzienrath war aufgesprungen und stand vor mir, der ich mich ihm gegenüber gesetzt hatte, die Hände auf dem Rücken, vornübergebeugt und seine stechenden Augen in meine bohrend.

»Dann würden die Verhältnisse für mich genau so liegen, wie vorher, um so mehr, als mir schon längst Ihr vielgepriesener Reichthum ernstlich zweifelhaft gewesen ist, Herr Commerzienrath.«

Die stechenden Blicke tauchten in den wässrigen, unbestimmten Nebel zurück. Der Commerzienrath warf sich in seinen Stuhl, schlug mit den Händen auf die Lehne, brach in ein krähendes Gelächter aus, das in einem Hustenanfall endigte, und rief zwischen dem Krähen und Husten: »es ist zu gut! – dieser junge Mensch – ernstlich zweifelhaft – schon lange – es ist zu gut, wirklich zu gut!«

Der Hustenanfall wurde so beängstigend, daß ich aufsprang und den alten Herrn sanft auf den Rücken zu klopfen begann. Plötzlich ergriff er meine linke Hand und sagte in einem kläglich-weinerlichen Ton: »Georg, mein lieber Junge, es ist mein einziges Kind! Sie wissen nicht, was das heißt: die Stütze, die Freude eines alten, gebrechlichen Mannes, der morgen sterben kann! und Ihr wollt nicht einmal die paar Stunden warten! O, es ist grausam, grausam; daß ich das erleben muß!«[253]

Ach, wohl hatte Kassandra Recht, wenn sie sagte, daß es schwer halte: »die Ränke dieses verschlagenen Greises zu ergründen.« Er hatte sein bestes Mittel bis zuletzt aufgespart. War ich nicht einzuschüchtern oder abzuschrecken, so war ich doch vielleicht zu rühren; und ich war wirklich gerührt und sagte, indem ich die plumpen, welken Hände, die ich in den meinem hielt, herzlich drückte: »Ich will Ihnen Ihr Kind nicht rauben –«

»Also wirklich nicht? Gott segne Sie!« rief der Commerzienrath, indem er wie electrisirt aufsprang. »Sie sind ein Mann von Wort; ich habe Sie nie anders gekannt, ich nehme Sie beim Wort!«

»Wenn Sie es ganz gehört haben, Herr Commerzienrath. Ich sagte, ich werde Ihnen Ihr Kind nicht rauben, weil Hermine, auch wenn sie mein Weib ist, nicht aufhören wird, ihren Vater zu lieben und zu ehren, wie sie es jetzt thut, und weil Sie außerdem an mir einen guten Sohn erwerben werden, dessen Sie sehr bedürfen, wenn Sie der reiche Mann sind und im anderen Falle vielleicht noch mehr bedürfen. Ich glaube Ihnen bereits bewiesen zu haben, daß ich außer dem Notwendigen des Schlosserhandwerks auch noch einiges Andere weiß und verstehe, womit ich den Mangel eines Vermögens vielleicht ersetzen kann.«

Der »verschlagene Greis« sah mich an, mit einem Blicke, der mir deutlich bewies, daß seine Künste vor der Hand erschöpft seien. Vielleicht war es keinen Moment seine ernstliche Absicht gewesen, mir die Hand Herminens vorzuenthalten, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich sage, daß es ihm zu einem so energischen Schritte der stolzen, willensstarken Tochter gegenüber jederzeit an Muth gefehlt hätte, geschweige denn jetzt, wo sie ihm mit der ganzen Siegesgewißheit, geliebt zu werden, wie sie liebte, gegenüberstand. Aber es lag nicht in seiner Art, etwas, es mochte sein, was es wolle, zu geben, wie gute Menschen geben: aus freier Seele, ohne zu markten und zu feilschen. Und so hatte er denn gemarktet und gefeilscht und fuhr nun fort zu markten und zu feilschen und seine Seele vor mir zu verhüllen, daß, als ich nach einer Stunde von ihm ging, ich über Alles, was mir zu wissen wünschenswerth sein mußte, über den Stand seiner Angelegenheiten zumal, unklarer war, als je zuvor. Aber eines hatte ich denn doch erreicht und über allen Zweifel erhoben: daß Hermine die[254] Meine werden solle, und da dies, wie mir Jeder zugeben wird, die Hauptsache war, so glaubte ich nicht übermäßig leichtsinnig zu handeln, wenn ich vorläufig alles Andere auf die leichte Achsel nahm.

Es war mir das nicht schwer geworden, selbst in sehr trüben Lagen meines Lebens, wie sollte es jetzt, da ich so glücklich war! Wie sollten jetzt, da ich Herminens wundervolle Augen im herrlichsten Glanze strahlen sah, die neidischen, heuchlerisch-freundlichen Blicke gewisser anderer Menschen mich unglücklich machen? Und an solchen Blicken fehlte es in der That nicht, ebensowenig wie an den Worten, mit denen dergleichen Blicke begleitet zu werden pflegen.

»Ich habe es freilich immer gewußt und es oft genug zu Ihrem seligen Herrn Vater, meinem theuren Freunde und Collegen, gesagt, daß aus Ihnen einmal etwas ganz Bedeutendes werden müsse. Ja, ja, lieber Georg – ich darf Sie doch noch bei dem alten vertrauten Namen nennen? – meine Prophezeiung ist eingetroffen, wenn auch in anderer Weise, als ich dachte. Nun, nun, das hat wohl so kommen sollen, und es ist vielleicht, Alles in Allem, recht gut, daß es so gekommen ist. Sie sind immer ein guter Mensch gewesen, dessen Hand stets offen war für die Bedrängten. Sie werden diese gütige Hand einem armen, alten Mann nicht entziehen, der jetzt auf Sie, als seine letzte Hoffnung blickt.«

Und der Steuerrath berührte mit dem Finger, an welchem der ungeheuerliche Siegelring prangte, den inneren Winkel seines linken Auges und wischte mit dem Batisttuche über sein blasses, aristokratisches Gesicht.

»Ich habe Sie meinem Arthur stets als Muster aufgestellt,« sagte die Geborene; »wissen Sie wohl noch, als Ihr zusammen in die Schule ginget und die Lehrer immer von Ihnen des Lobes voll waren? O Gott, ich sehe Euch noch, Ihr wilden, übermüthigen Knaben, wie treu Ihr aneinander hinget und Einer immer für den Andern eintratet! Wenn das doch so bleiben möchte, seufzte ich damals aus der Tiefe meines mütterlichen Herzens, denn es ahnte mir, wie sehr dereinst mein guter, wankelmüthiger Arthur des starken, besonnenen Freundes bedürfen würde. Ach, meine Ahnung ist zur Wahrheit geworden! Möchte doch der Himmel auch meine Bitte erhört haben: möchten Sie, Georg, nie vergessen, was er Ihnen einst gewesen ist, möchten Sie nie den Genossen Ihrer Jugendspiele vergessen!«[255]

Und die Geborene drückte krampfhaft meine beiden Hände und hob ihr Gesicht so nahe wie möglich zu dem meinen empor, als ob sie mir Gelegenheit geben wollte, den ganzen Apparat ihrer falschen Locken, Zähne, Farben, Mienen, Blicke, endlich einmal gründlich kennen zu lernen.

»Ich weiß es nicht seit gestern, was für ein glücklicher Kerl Du Zeit Deines Lebens gewesen bist,« sagte Arthur mit sehr trübseliger Miene; »glücklich in allen Dingen und den Weibern gegenüber am glücklichsten. Hast Du sie doch von jeher um den kleinen Finger wickeln können, Du Schwerenöther! Weißt Du in der Tanzstunde: Aennchen Lachmund und Elise Kohl und Emilie! hahaha! Emilie! Denkst Du wohl noch daran, als wir uns ihretwegen auf dem Pinguin fast in die Haare geriethen? Das arme Mädchen! Da geht sie, Arm in Arm mit Elisen, klagend um's verlorene Glück! Ich werde mich wohl der Aermsten annehmen müssen; ein Exlieutenant und ein Exgesandtschafts-Secretair, mit dem es überall sonst ebenfalls ex ist, muß schließlich mit Allem zufrieden sein.«

Und Arthur lachte gell auf, schlug sich mit der Faust vor die Stirn und erklärte, daß, wenn er auch nicht mehr viel tauge, er am Ende doch wohl einen Schuß Pulver werde an sich wenden dürfen.

Emilie Heckepfennig hatte schon an dem nächsten Morgen die Nähe des Verräthers fliehen und abreisen wollen, war dann aber doch geblieben, sei es, weil die Stätte ihres Unglücks doch mehr Anziehungskraft ausübte, als sie zuzugeben geneigt war, sei es, weil der Justizrath, der noch nicht von Uselin zurückgekehrt war, ihr wirklich geschrieben hatte, sie solle bleiben, bis er komme, sie zu holen. Unterdessen ging das unglückliche Mädchen herum, als ob sie dem sentimentalsten Maler zum Urbild einer »Resignation« dienen sollte, sich fortwährend dergestalt auf den Arm der Freundin lehnend, daß ich die Muskelkraft der letzteren jungen Dame, die seit zwanzig Jahren dem Grabe zuwankte, nicht genug bewundern konnte. Dabei sah sie mich einmal mit den Augen des sterbenden Rehes an, und warf mir dann wieder einen Blick zu, in welchem deutlich geschrieben stand: Du wirst es noch einmal bereuen!

Daß ich mich über die Bedeutung dieses Blickes nicht getäuscht hatte, bewies mir eine Unterredung, zu welcher mich[256] der Justizrath, als er nach einigen Tagen zurückkehrte, mit einer vertraulich-geheimnißvollen Miene einlud. Der würdige Mann schüttelte mir wiederholt die Hände, versicherte mich, daß wir auch nach meinem großen Coup, wie er sich ausdrückte, die guten Freunde bleiben würden, die wir vorher gewesen, strich dann plötzlich den Hahnenkamm auf seinem Schädel in die Höhe, nahm eine bedenkliche Miene an, – ich kannte diese Miene aus meiner Untersuchungshaft noch zu wohl! – und sagte: »Junger Mann! verzeihen Sie: mein lieber, junger Freund! jung, wie Sie sind, hat das Leben Sie doch schon gelehrt, daß jedes Ding seine zwei Seiten hat und daß bei weitem nicht Alles Gold ist, was glänzt. Wollen Sie einem alten, bewährten Freunde Ihres Hauses verstatten, Ihnen einen Rath zu geben, der nach meiner innigsten Ueberzeugung befolgt zu werden verdient und auf alle Fälle ehrlich gemeint ist, so nehmen Sie die Offerte an, die Ihnen Seine Durchlaucht gemacht hat, unter jeder Bedingung! unter jeder Bedingung!«

Er wollte sich nach diesen Worten entfernen; ich hielt ihn zurück und sagte:

»Sie müssen selbst fühlen, Herr Justizrath, daß ich Sie um nähere Erklärung eines Rathschlages ersuchen muß, der in diesem Augenblicke von Ihnen zu mir gewiß befremdlich genug klingt.«

»Fragen Sie mich nicht weiter,« sagte der Justizrath mit abwehrender Handbewegung.

»Sie haben mich seiner Zeit so viel gefragt, und so viel mehr, als mir lieb war, daß mir eine kleine Revanche wohl vergönnt sein mag,« erwiederte ich lächelnd.

»Verlangen Sie von einem alten Juristen, daß er ihm anvertraute Geschäfts-Geheimnisse ausplaudern soll?« rief der Justizrath und der Hahnenkamm zitterte vor Unwillen.

Ich war entschlossen, mich nicht so abweisen zu lassen und sagte: »Ich will Ihnen entgegenkommen, Herr Justizrath. Ich habe meine Gründe, zu glauben, daß die Angelegenheiten des Commerzienraths nicht so glänzend stehen, als man für gewöhnlich annimmt; und wenn Sie so discret sind, mit der Auslegung eines Rathes, der nur eine Auslegung hat, zurückzuhalten, so hat der Fürst diese Discretion nicht gehabt, als er mir die bewußte Offerte machte.«

Der Justizrath that, als ob er selbst eines der bedauerlichsten[257] Opfer seines inquisitorischen Genies sei und keinen anderen Ausweg sähe, als dem gestrengen Richter ein offenes Bekenntniß abzulegen.

»Ich will Ihnen nur Eines sagen,« erwiederte er. »Der Commerzienrath ist am vorigen Freitag mit mir in Uselin gewesen, um Wechsel im Betrage von hunderttausend Thalern unterzubringen, mit denen ich diese vier Tage von Pontius zu Pilatus gegangen bin, bis sie mir endlich Moses in der Hafengasse mit einem sehr kleinen Ziel und einem sehr großen Agio discontirt hat. Sapienti sat! wie wir Lateiner sagen!«

Und der Justizrath strich mit beiden Händen den Hahnenkamm zur würdevollsten Höhe und bewegte sich nach der Thür, blieb aber in dieser stehen, kam wieder einige Schritte auf mich zu und sagte, mit der Miene eines Mannes, der sich von dem Grabe seiner Hoffnungen nicht trennen kann: »Denken Sie nicht geringer von mir, weil ich mich zu einem Vertrauensbruch habe verleiten lassen, der meinem Stande, meinen Jahren und, ich darf wohl sagen, meinem Charakter so schlecht entspricht; aber ich habe Ihnen ja nur gesagt, was Sie eigentlich schon wissen, oder doch auf jeden Fall über kurz oder lang wissen werden, und, Georg« – hier seufzte der Justizrath und lächelte schmerzlich – »Georg, was Sie dem gewiegten Geschäftsmanne nicht verzeihen werden, das verzeihen Sie vielleicht dem Vater. Auch ich habe nur eine Tochter und bin, Gott sei Dank, ein reicher Mann.«

Der reiche Mann, der nur eine Tochter hatte, ging zur Thür hinaus, in dem Augenblicke, als Wilhelm durch dieselbe mit einem Briefe hereintrat, den eben der Postbote gebracht hatte und dessen Siegel ich mit zitternden Händen brach.

»Mein lieber Georg, mein Bruder! So ist denn endlich erfüllt, was ich so lange gewünscht, gehofft; und weil es doch wohl zu Deinem vollen Glücke gehören wird, daß ich unter den Kränzewinderinnen nicht fehle, so nimm auch meinen Strauß mit den anderen. Ich habe Alles hineingebunden, was nur Liebes und Gutes eine Menschenseele der anderen wünschen kann: alles Heil und allen Segen, wie es aus meinem tiefsten Herzen für Dich quillt, für Dich, meinen Freund, meinen Bruder, unseren Bruder, denn auch die Jungen kommen zu ihrem Aeltesten und neigen sich vor ihm,[258] der nun gekrönt ist, wie er es verdient. Trage sie stolz Deine holdselige Krone! und möge nie eine Hand daran rühren, die weniger rein ist, als die der Frau, die mir eben ihre Hand auf die Schulter legt und ihr Antlitz auf das Blatt neigt, das ihre Augen nicht mehr sehen, und zu mir leise spricht: er bleibt uns doch, was er uns gewesen ist.«

Auch dieser Brief trägt Spuren von Thränen; aber meine Augen waren es, die sie weinten, und Freudenthränen sind es gewesen, die aus meinen Augen warm und groß herabfielen auf das Blatt. Und als ich die dankbaren Blicke emporrichtete, da war die Wolke verschwunden, die einzige Wolke, die an meinem Himmel gestanden hatte, und er blickte freudig auf mich herab, wie der Frühlings-Aether, der sich in diesen Tagen so glorreich über Land und Meer breitete.

Ja, in diesen glorreichen Tagen, die mir sind, als ob es damals keine Nacht gegeben habe und keine Dunkelheit, sondern immer nur Tag und Licht und wonniges Leben. Nicht allzu viele waren ihrer, diese Tage, und vielleicht war das gut. Wer von uns Erdgeborenen, und sei ihm das Maß seiner Kraft noch so voll gemessen, könnte lange ungestraft an der Tafel der Götter schwelgen!

Aber, viel oder wenig, heilig sollst du mir sein, Erinnerung dieser göttlichen Tage! und heilig soll mir sein, was nur immer an diesen Tagen Theil hatte und ihre Kostbarkeit erhöhte: heilig, strahlende Sonne du, und ihr rauschenden Wälder, durch die ich an der Seite der Geliebten schweifte, und ihr dämmrigen Felder, über die ich mit ihr wandelte, so selig, als ob es schon die elyseischen wären! und ihr, ihr lieben Lerchen, die ihr trillernd in das Aetherblau stiegt und stiegt, bis ihr unseren Blicken verloren waret und wir dann Auge in Auge einen anderen Himmel suchten! und ihr, ihr süßen Nachtigallen, die ihr uns glauben machen wolltet, daß ihr seliger wäret, als wir!

Ja, heilig sollst du mir sein, Erinnerung jener holden Tage! bist du doch das Einzige, was mir davon geblieben ist!

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 2, Leipzig 1874, S. 250-259.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Hammer und Amboß
Hammer Und Amboss; Roman. Aus Hans Wachenhusen's Hausfreund, XII (1869 ) (Paperback)(English / German) - Common
Friedrich Spielhagen's sämtliche Werke: Band X. Hammer und Amboss, Teil 2
Hammer Und Amboss; Roman in 5 Banden Von Friedrich Spielhagen
Hammer Und Amboss: Roman... Volume 2
Hammer & Amboss (German Edition)

Buchempfehlung

Pascal, Blaise

Gedanken über die Religion

Gedanken über die Religion

Als Blaise Pascal stirbt hinterlässt er rund 1000 ungeordnete Zettel, die er in den letzten Jahren vor seinem frühen Tode als Skizze für ein großes Werk zur Verteidigung des christlichen Glaubens angelegt hatte. In akribischer Feinarbeit wurde aus den nachgelassenen Fragmenten 1670 die sogenannte Port-Royal-Ausgabe, die 1710 erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde. Diese Ausgabe folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840.

246 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon