Fünfundvierzigstes Capitel

[494] Durch die wenig belebte Straße, in welcher Doctor Braun wohnte, fuhr ein Wagen, dessen rasches Rollen manches neugierige Gesicht an's Fenster lockte. Es war eine herrschaftliche, mit zwei wundervollen Pferden bespannte Kutsche, an deren Schlage ein großes Wappen prangte. Auf dem Bock neben dem Kutscher saß ein Jäger in glänzender Livrée. Die Kutsche[494] hielt vor dem Hause des Doctor Braun, der Jäger sprang vom Bock, riß den Schlag auf; eine junge, sehr elegant gekleidete Dame stieg aus und trat rasch durch den kleinen Garten vor der Thür in's Haus.

Ist Frau Doctor Braun zu sprechen?

Ich weiß nicht, antwortete das Mädchen, und warf dabei einen scheuen Blick auf den schwarzen Sammetmantel und das reizende weiße Hütchen der Dame: ich will nachsehen.

Ist nicht nöthig, sagte Sophie, die plötzlich im Schmuck einer sehr langen Schürze in der Thür der Küche erschien, hier bin ich schon.

Liebe Sophie!

Liebe Helene!

Sophie zog die Freundin in die Stube, nestelte ihr mit vor Freude zitternden Händen den Mantel los, nahm ihr den Hut ab, faßte sie an beiden Händen und rief:

Nun, laß Dich doch einmal beim Lichte besehen, Du Liebe – schön, wie immer, wunderschön! aber so blaß und so ernst und angegriffen, wie mir scheint. Kann ich etwas zu Deiner Erquickung thun? Du siehst, ich habe die Küchenschürze noch um.

Helene lächelte. Es war ein schwermuthsvolles Lächeln, das ihre dunklen Augen nur noch dunkler machte.

Ich danke Dir, Sophie! ich wollte mich nur an Deinem Augenblick erquicken. Ach, Du weißt nicht, wie ich mich nach Dir gesehnt habe.

Die beiden jungen Damen hatten sich bis zu Sophiens Abreise von Grünwald Sie genannt. Die Freude des Wiedersehens hatte das schwesterliche Du geboren. Sophie dachte daran, als sie das erste Du aus Helenens stolzem Munde hörte. Es rührte sie, und noch mehr der traurige Ton, in welchem Helene sagte, daß sie sich nach ihr so gesehnt habe. Ein solches Geständniß, daß die Pensionärin von Fräulein Bär sicher nicht gemacht hätte, kleidete die Braut des Fürsten Waldernberg gar seltsam.

Das Alles fuhr Sophie durch den Kopf, während sie,[495] Helenens beide Hände noch immer festhaltend, ihr tief und tiefer in die dunklen Augen sah.

Arme Helene! sagte sie; sie wußte kaum, daß sie es sagte.

Aber in Helenens Herzen erweckten die leisen mitleidsvollen Worte alle die Schmerzensgeister, welche die letzte bange Nacht mit ihr gewacht und kaum gegen Morgen eine Stunde lang mit ihr in unruhigem Schlaf gelegen hatten. Mitleid mit sich selbst, wie sie es nie gekannt hatte, ergriff sie, die Thränen kamen ihr in die Augen, und sie warf sich in Sophiens Arme, das schöne blasse Antlitz an der Freundin Busen verbergend.

Um Himmelswillen, liebe Helene, was hast Du; sagte Sophie, jetzt ernstlich bestürzt; ich habe Dich ja nie so gesehen, nie geahnt, daß ich Dich so sehen würde und am wenigsten jetzt, wo ich glaubte, es sei in Deinem Leben Alles Herrlichkeit und Freude.

Hast Du das wirklich geglaubt? fragte Helene, sich aufrichtend und Sophie mit den großen, schmerzlich starren Augen forschend anblickend.

Sophie senkte vor diesem Blick die Wimpern. Sie mochte nicht Nein sagen, und Ja zu sagen, erlaubte ihr ihre Ehrlichkeit nicht. Aber dieses Schwanken dauerte bei ihr nicht lange. Jetzt oder nie war der Moment, Helenen Alles mitzutheilen, was sie so lange schon auf dem Herzen gehabt hatte.

Helene, sagte sie, klar und ruhig mit ihren tiefen blauen Augen aufblickend; ich kann nicht lügen und mag nicht lügen, keinem Menschen gegenüber und zumal Dir gegenüber nicht, die ich so herzlich lieb habe. Komm, süße Seele, setze Dich zu mir hier auf's Sopha und laß uns sprechen, wie's Schwestern geziemt, die wir, wenn nie wieder, doch wenigstens in dieser Stunde sein wollen. Wenn Du nicht Aufrichtigkeit von mir wünschest, weshalb wärst Du denn, da Du so viel glänzendere Freundinnen haben könntest, gerade zu mir gekommen? Habe ich recht?

Sprich weiter! sagte Helene, als sei nur die Stimme[496] der Freundin zu hören, für sie schon ein Trost und eine Erquickung.

Du hast mich gefragt, fuhr Sophie immer muthiger werdend, fort, ob ich wirklich glaube, daß Du jetzt glücklich bist? Ich glaube es nicht. Du siehst nicht aus wie eine Glückliche. Dein schönes blasses Gesicht sagt nein, wenn Deine Zunge auch ja sagen sollte. Ich habe oft und oft in Deinem Gesicht gelesen, lange, lange Geschichten, von denen Du Stolze, Schweigsame mir kein Wort gesagt, und ich will Dir erzählen, was ich gelesen. Darf ich?

Sprich weiter, Sophie! sprich weiter!

Ich habe hier auf Deiner Stirn gelesen, daß Deinem Geiste nur das Große, das Außerordentliche genügt, und selbst das kaum – und hier in Deinen zauberisch schönen Augen, daß Dein Herz sich, wie nur ein Menschenherz es kann, nach Liebe sehnt. So ist von jeher ein Zwiespalt gewesen zwischen Deinem Kopf und Deinem Herzen. Du willst herrschen und willst lieben zu gleicher Zeit, und, liebe Helene, das geht nicht an. Die Liebe, die echte Liebe – und es gibt ja nur die eine – ist demüthig; sie duldet Alles und glaubt Alles; sie will nichts, als Eins sein mit dem Geliebten, in Freud und Leid. Sieh, süße Seele, mir ist das Glück solcher Liebe zu Theil geworden, und ich weiß deshalb, was ich sage. Franz und ich haben nur einen Willen. Er will das Gute, ich will's mit ihm, und sollten unsere Ansichten wirklich einmal auseinandergehen – die Herzen bleiben doch verbunden; da findet sich denn das Andere ganz von selbst. Alle Freude ist doppelt groß, und alles Leid trägt sich doppelt leicht. Ich hab's erfahren, als mein guter Vater starb. Was hätte aus mir werden sollen, wenn ich Franz nicht gehabt hätte.

Ich hatte, als mein Vater starb, Niemand, sagte Helene tonlos.

Ich weiß es, liebes Herz, und ich habe mich oft, wenn ich daran dachte, wie einsam Du warst und wie Du so keine Menschenseele hattest, der Du Dein Leid klagen konntest, an die Brust meines Franz geworfen, der dann manchmal gar nicht[497] wußte, was mich so plötzlich und gewaltig zu ihm trieb. Du stehst allein, selbst jetzt noch, wo Du im Begriff bist, Dich zu vermählen, und, was tausendmal schlimmer ist, Du bist in Deinem Herzen überzeugt, daß es so bleiben, daß Dein Gatte nie Dein Freund, Dein Bruder, Dein Geliebter sein wird, vor dem Deine Seele so klar und offen liegt, wie ein krystallheller Bergsee, in den die liebe Sonne bis auf den tiefsten Grund hinabblickt.

Nie, nie! murmelte Helene.

Ich wußte es ja, sagte Sophie traurig, aber Helene, wenn es schon schlimm genug ist, daß Du den Fürsten heirathen willst, ohne ihn zu lieben, so ist es noch viel, viel schlimmer, daß Du sein Weib wirst, während Du in Deinem Herzen das Bild eines anderen Mannes trägst.

Eine dunkle Röthe ergoß sich über Helenens Gesicht, als Sophie mit fester Stimme diese letzten Worte sprach und sie dabei mit den großen blauen Augen so ernst und vorwurfsvoll anblickte.

Nein, süßes Mädchen, schäme Dich nicht, daß Du ihn geliebt hast. Deshalb tadle ich Dich nicht, denn er ist ein ungewöhnlicher Mensch, ausgestattet mit Allem, was wohl ein Mädchenherz fesseln kann. Ich tadle Dich auch nicht, daß Du ihn noch liebst, – wer kann die Liebe so leicht aus seinem Herzen reißen! – aber, Helene, da dem so ist, heirathe den Fürsten nicht! Du darfst es nicht, aus Achtung vor Dir selbst, aus Achtung vor ihm, wenn er achtungswürdig ist.

Es ist zu spät; sagte Helene, ihr Gesicht in den Händen verbergend.

Nun und nimmermehr! rief Sophie leidenschaftlich; nie ist es zu spät, einen Irrthum zu bekennen, der Dich und ihn grenzenlos unglücklich machen muß. Versteh' mich wohl, Helene! Ich spreche nicht für jenen unglücklichen Mann, der Deine Liebe, wenn er derselben je würdig war, woran ich zweifle, jetzt durchaus verscherzt hat. Ich bin niemals seine Freundin gewesen; die sogenannten glänzenden Eigenschaften lassen mich ziemlich kalt, wenn sie die Güte des Herzens nicht[498] zur Folie haben. Aber weil er Deiner nicht würdig, mußt Du deshalb einen Mann heirathen, für den, mag er sonst noch so vortrefflich sein, nun einmal Dein Herz stumm ist? O, Helene, ich wollte, ich könnte mit Engelszungen reden, um Dein stolzes Herz zu rühren, daß Du Dich demüthigtest vor der Wahrheit, daß Du alle Herrlichkeit der Welt gering achtetest vor der Seligkeit, mit Dir selbst übereinzustimmen.

Helene bebte zusammen, als ob wirklich der Himmlischen Einer zu ihr spräche.

O, Du bist gut, rief sie; wäre ich doch, wie Du!

Du kannst es sein, wenn Du nur willst!

Aber wie entrinnen aus diesem Wirrsal? ich habe mein Wort gegeben; wie kann ich es zurücknehmen?

Sprich ganz offen mit dem Fürsten, sagte Sophie, der dieser Ausgang das Einfachste und Natürlichste schien.

Lieber todt! murmelte Helene.

In diesem Augenblick wurde an die Thür gepocht; der Jäger trat herein mit einem Billet in der Hand.

Er blieb kerzengerade an der Thür stehen.

Gnädigen Baronesse gehorsamst zu vermelden, daß dies Billet so eben aus dem Palais hierher gesandt ist.

Helene griff hastig nach dem Billet.

Von meiner Mutter.

Sie warf einen Blick hinein und zuckte heftig zusammen.

Was ist's, Helene?

Meine Mutter hat so eben Nachricht aus Grünwald erhalten, daß mein Bruder sehr schwer erkrankt ist. Sie muß augenblicklich zurück.

Armes Mädchen! rief Sophie; wie blaß und erschrocken Du bist! Soll ich mit Dir fahren?

Nein, nein! sagte Helene; bleib! Ich muß allein hin. Leb' wohl, liebe Sophie! leb' wohl!

Sie riß sich aus Sophie's Armen.

Sophie geleitete sie bis zum Wagen. Sie hielt die Hand der Freundin fest in der ihren und sagte: Laß von Dir hören,[499] Helene! was Du auch thust, folge der Stimme Deines warmen Herzens, es räth Dir besser als der kalte Verstand.

Ich will es, erwiderte Helene, schon im Wagen; verlaß Dich d'rauf; ich will es. Leb' wohl!

Der Jäger schloß die Thür. Der Wagen donnerte davon. Sophie sah ihm nach, bis er um die nächste Ecke gebogen war. Dann schritt sie langsam, das liebe Gesichtchen sinnend zur Erde geneigt, in das Haus zurück.

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 2, Leipzig 1874, S. 494-500.
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