Neunzehntes Capitel

[193] Das Eintreten des Nachzüglers erregte eine gewisse Sensation, um so mehr, als man seiner Ankunft mit einiger Spannung entgegengesehen hatte. Oswald war in diesem Kreise vollkommen fremd. Er hatte bis jetzt nur mit dem Director, und auch mit diesem nur geschäftlich, verkehrt. Die anderen Herren und Damen vom Gymnasium hatte er zum Theil bei Gelegenheit seines früheren Aufenthalts in Grünwald hier und da in Gesellschaften gesehen, ohne ihrer besonders zu achten, oder von ihnen besonders beachtet zu werden. Heute Mittag, als er seine Visiten machte, hatte er, mit Ausnahme der Familie Kübel, Niemand zu Hause getroffen. Die Herren waren begierig, den neuen Collegen, die älteren Damen, einen jungen Mann, der möglicherweise noch einmal ihr Schwiegersohn werden konnte, die jungen Damen die neue Acquisition für ihre geselligen Zusammenkünfte zu sehen, zu mustern, zu kritisiren. In Folge dessen entstand eine Pause in dem munter schwirrenden Gespräch und Aller Augen richteten sich unverwandt auf ihn.

Oswald schritt, uneingeschüchtert durch dieses Kreuzfeuer von Blicken, auf die Frau Director zu, küßte ihr die Hand, entschuldigte sich mit wenigen Worten wegen seines späten Kommens und bat sie, ihn den übrigen Damen, die zu kennen er noch nicht das Glück habe, vorzustellen. Nachdem diese Ceremonie in aller Form ausgeführt, wandte er sich zum Director mit der Bitte, ihn mit den Herren bekannt zu machen; darauf wieder zu den Damen, um noch einmal der Frau Director einige verbindliche Worte zu sagen und sodann mit Primula ein Gespräch anzuknüpfen, auf welches die Dichterin mit ganz besonderem, auffälligem Eifer einging. Primula hatte Oswald wegen seiner »schönen, ritterlichen, echt romantischen Erscheinung,« wie sie zu sagen beliebte, vom ersten Augenblicke in ihr poetisches Herz geschlossen, und all die Abmahnungen ihres vorsichtigen Gatten waren nicht im Stande gewesen, den Strom ihrer sympathetischen[193] Empfindung dauernd zu hemmen. Sie hatte zwar auf dem Lande den Verhältnissen Rechnung tragen und schließlich die gefallene Größe auch ihrerseits fallen lassen müssen; aber sie hatte sich vorgenommen, »sobald ihre gebundene Psyche jemals freier die Schwingen regen könnte, dem Zuge ihres Herzens frei zu folgen.« Dieser Augenblick war jetzt gekommen; sie begrüßte Oswald, der ihr durch die »überaus romantische Katastrophe auf Schloß Grenwitz« noch viel interessanter geworden war, mit der doppelten Wärme der Freundschaft und der Bewunderung. Indessen ließ sich Oswald, der entschlossen war, die Damen sich womöglichst sämmtlich geneigt zu machen, nicht lange von der Dichterin aufhalten; er sprach ernst mit den älteren; er scherzte mit den jüngeren, und hatte nach Verlauf von zehn Minuten offenbar das gewünschte Ziel erreicht.

Während dessen war er von den Herren, die sich um Professor Jäger versammelt hatten, eifrig beobachtet worden. Der Interpret der Fragmente des Chrysophilos haßte Oswald mit einem ganz gesunden langathmigen Haß. Oswald war dem eitlen Mann niemals mit der Aufmerksamkeit, die er beanspruchte, entgegengekommen, hatte ihn im Gegentheil, besonders in der letzten Zeit in Grenwitz, mit ganz unverhohlener Geringschätzung behandelt. Der Professor Jäger hatte die dem Pastor Jäger angethane Beleidigung nicht vergessen und wartete nur auf eine passende Gelegenheit, die so lange aufgesammelte Summe des Hasses abzutragen. Indessen war er viel zu klug und zu feige, offen mit der Sprache herauszugehen, als ihn jetzt die Herren vom Gymnasium über Oswald, den »er ganz genau zu kennen« behauptete, befragten. Er begnügte sich mit mysteriösen Andeutungen, wie: Ein junger Mann, über den sich viel sagen ließe; – Sie werden ihn ja selbst kennen lernen, meine Herren; – ich will wünschen, daß er sich mittlerweile die Hörner etwas abgelaufen hat; hm, hm! Er ist, wie Sie wissen, der Schüler Berger's. Nun, Berger war ein bedeutender Mann, ein glänzender Geist; aber er sitzt jetzt in der Heilanstalt zu Fichtenau, und es zeigt sich wieder einmal, daß nicht alles Gold ist, was glänzt; hm, hm! –[194]

Wenn wir das gewußt hätten, Collega, sagte Director Clemens heimlich zu Professor Snellius.

Professor Snellius zuckte die Achseln und erwiderte: Ich hoffe viel von dem Vortheil, den er aus unserm Umgang schöpfen wird. Der Verkehr mit wahrhaft gebildeten, gelehrten –

Wahrhaft humanen – schaltete der Director ein.

Wahrhaft humanen Menschen, fuhr der Professor fort, ist das beste Mittel der Erziehung zur wahren Bildung und Gelehrsamkeit –

Und Humanität, ergänzte der Director.

Was halten Sie von dem neuen Collegen, Wimmer? fragte Doctor Breitfuß, der mit großem Mißfallen bemerkt hatte, wie lustig Fredegunde Clemens, die sich sonst durch einen gewissen, mürrischen Ernst auszeichnete, mit Oswald scherzte und lachte.

Ich glaube, daß der Herr ein großer Geck ist, erwiderte Herr Wimmer, sich durch die Haare fahrend; er hat eine Manier, sich über sitzende Damen zu beugen, die geradezu unerhört ist. Ich fürchte, ich werde niemals sehr intim mit ihm werden.

Aber das wird zu arg! rief Herr Breitfuß und schritt mit der Absicht, die Converstaion Fredegunden's und Oswald's zu stören, auf das Paar zu, verlor aber unter wegs den Muth und nahm, den verfehlten Angriff zu maskiren, dem ihm begegnenden Dienstmädchen eine Tasse vom Präsentirbrette, mit welcher Hand er – ein Bild hilfloser Verlegenheit – mitten im Zimmer stehen blieb.

Aus dieser Situation befreite ihn die Frage der Directorin an die Gesellschaft, ob man jetzt mit der Lectüre des Wallenstein – dem eigentlichen Zweck des Zusammenseins – beginnen wolle?

Alles erhob sich; die Herren griffen nach den Büchern, die sie bei ihrem Eintritt in die Fensterbretter und auf die Schränke gelegt hatten. Die Damen holten ihre Exemplare aus ihren Nähbeuteln; Frau Professor Jäger brauchte nach dem von ihr[195] mitgebrachten nicht lange zu suchen; sie trug es seit ihrem Eintreten in der Hand. Eine sanfte Röthe fieberhaft gespannter Erwartung ergoß sich über ihre welken Züge; ihre wasserblauen Augen schmachteten Oswald mit sanfter Begeisterung an, als er jetzt auf sie zutrat und ihr den Arm bot, um sie in's nächste Zimmer zu führen.

Mit welcher Rolle werden denn Sie uns erfreuen, Frau Professor? fragte Oswald; doch was will ich denn? es giebt im Wallenstein nur eine Rolle für Sie, wie es in dieser Gesellschaft nur Eine für diese Rolle giebt.

Sie Spötter, sagte die Dichterin, ihn mit dem Buche sanft auf den Arm schlagend: was hätte denn ich vor Anderen voraus?

Aber, Frau Professor, es kann doch nur eine Meinung darüber sein, daß der poetische Charakter in dem Stück auch durch den poetischen Charakter in der Gesellschaft repäsentirt werden muß; und wiederum doch auch nur darüber eine Ansicht, wer jener und dieser ist.

Und wer – ich will einmal die kindliche Schüchternheit überwinden – wer wäre dieser und jener! fragte Primula mit schmelzender Stimme, die verklärten Augen zu Oswald erhebend.

Erlauben Sie mir für einen Moment das Exemplar, das Sie da in der Hand tragen. Danke! Ich bemerke, es liegt ein Zeichen darin. Lassen Sie uns sehen, wo es liegt. Dritter Aufzug. Erste Scene. Gräfin Terzky, Thekla, Fräulein von Neubrunn. Thekla unterstrichen. Ich danke Ihnen, Thekla!

Das ist ein Zufall! rief die erröthende Dichterin, das Buch, welches ihr Oswald mit einer ironischen Verbeugung wieder überreicht hatte, an ihren Busen drückend. Ich schwöre es Ihnen bei allen neun Musen, daß dies ein Zufall ist.

Und ich schwöre Ihnen beim Vater Apollo selber und bei sämmtlichen übrigen Olympiern dazu, daß ich an keinen Zufall glaube, höchstens an den glücklichen, der mich heute Abend wider alles Erwarten mit einer Freundin – ich darf Sie ja wohl so nennen? – zusammengeführt hat.[196]

Ob Sie mich so nennen dürfen? rief die Dichterin, Oswald's Arm zärtlich an sich pressend; ob Sie es dürfen? O, glauben Sie mir, Stein, ich bin seit dem Augenblicke, da Sie den Fuß über unsere niedrige Schwelle setzten, Ihre Freundin gewesen; ich habe Sie stets in Schutz genommen, wenn prosaische Gemüther, die keine Ehrfurcht vor dem Großen und Schönen haben –

Primula mußte dem überströmenden Quell der Zärtlichkeit, welchen Oswald so glücklich erschlossen hatte, Einhalt thun, denn sie langte in diesem Augenblicke in dem Nebenzimmer an, wo ein Theil der Gesellschaft um einen langen Tisch, der mit einem weißen Tuch bedeckt und mit zwei Lampen und zwei Lichtern erleuchtet war, bereits Platz genommen hatte. An dem oberen Ende stand Frau Director Clemens, die Gründerin und Leiterin des »dramatischen Kränzchens«, überschaute ihre Gesellschaft wie ein Hirt die Heerde und wies den noch umherirrenden Gliedern ihre Plätze an, wobei sie heftig mit ihren starken Armen gesticulirte und ihre tiefe Stimme lauter erschallen ließ, als vielleicht unumgänglich nöthig war.

Setzen Sie sich zu Fredegunde, Doctor Breitfuß! Wollen Sie neben meiner Tochter Thusnelde Platz nehmen, Doctor Stein! Frau Professor Jäger, Sie placiren sich gefälligst bei Professor Snellius; Professor Jäger, Sie bei Frau Doctor Kübel. So, nun säßen wir ja endlich!

Frau Director ergriff nun eine große Schelle, die vor ihr auf dem Tische stand, und begann damit eine halbe Minute lang mit der Energie eines Parlamentspräsidenten zu läuten, der die zornigen Stimmen einiger hundert durcheinander schreiender Volksvertreter übertönen will. Da die absolute Stille, welche in der Gesellschaft herrschte, endlich durchaus keinen Vorwand für die Entfaltung einer so energischen Kraftanstrengung mehr bot, so setzte Frau Director die Schelle wieder auf den Tisch und ergriff statt derselben einen halben Bogen Papier, auf welchem, wie auf einem Theaterzettel die Rollen des Stücks nebst den betreffenden Personen der Gesellschaft, denen sie zugetheilt waren, verzeichnet standen.[197]

Meine Damen und Herren! sprach sie darauf, die Mienen der zu ihr aufschauenden Gemeinde wohlgefällig musternd; Sie wissen, daß wir in der viertletzten Sitzung Wallenstein's Tod von Schiller für die diesmalige Zusammenkunft ausgewählt haben. Da in dem herrlichen Stück leider mehr Rollen sind, als wir besetzen können, so sah ich mich genöthigt, unterschiedliche, die mir weniger wichtig schienen, zu streichen. Indessen blieben doch auch so noch einige unbesetzt und würden unbesetzt geblieben sein, wenn uns nicht einige liebe Gäste heute Abend mit ihrer Gegenwart erfreut und mir es durch ihre gütig zugesagte Unterstützung möglich gemacht hätten, den Rollenzettel ganz nach meinem Wunsch anzufertigen. Obgleich nun die Meisten von Ihnen schon wissen, welches ihre Rolle ist, so will ich der Ordnung wegen und vor allem unserer lieben Gäste halber den Zettel von Anfang an noch einmal vorlesen.

Frau Director räusperte sich und las unter dem ehrfurchtsvollen Schweigen der Gesellschaft:


Wallenstein Director Clemens.

Octavio Piccolomini Professor Snellius.

Max Piccolomini Doctor Wimmer.

Terzky Fredegunde Clemens.

Illo Doctor Kübel.

Buttler Doctor Breitfuß.

Gordon Frau Doctor Kübel.

Seni Fräulein Ida Snellius.

Herzogin Frau Professor Snellius.

Gräfin Terzky Meine Wenigkeit.

Thekla Thusnelde Clemens.

Fräulein Neubrunn Marie Kübel.

Schwedischer Hauptmann Doctor Stein.

Deveroux, Macdonald Herr und Frau

(Hauptleute in der Professor Jäger.

Wallenstein'schen Armee)


Oswald, dem diese originelle Besetzung nicht wenig Vergnügen gemacht hatte, mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht laut herauszulachen über die albernen Gesichter, welche die beiden Letztgenannten machten, als sie ihre Namen in so inniger Verbindung mit den Namen der Mörder des Helden[198] nennen hörten. Der Professor Jäger zog die Mundwinkel so tief herunter, wie Oswald es noch nie beobachtet hatte, und Primula, die so weiß wie der Spitzenkragen auf ihrem gelbseidenen Kleid geworden war, schien die größte Luft zu haben, in Thränen auszubrechen.

Das also war der Triumph, den er, den sie sich für den heutigen Abend versprochen hatten! War dies das gastfreundliche Haus von Menschen, die sich so viel auf ihre vollendete Humanität zu gute thaten? war es die bluttriefende Höhle verthierter Troglodyten? War er der Interpret der Fragmente des Chrysophilos, oder war er es nicht? War sie die gefeierte Dichterin der Kornblumen, oder war sie es nicht? Brach nicht ein Schrei der Entrüstung aus den Kehlen Aller, die mit eigenen Ohren die Entweihung in Wissenschaft und Kunst so berühmter Namen vernommen hatten?

Der Professor und die Professorin sahen sich über den Tisch mit Augen an, in welchen ein aufmerksamer Beobachter diese und noch mehr Fragen der Art hätte lesen müssen; ließen sodann ihre Blicke über die Tafelrunde schweifen, den Eindruck zu erkunden, den eine solche Blasphemie auf die Anwesenden nothwendig hervorgebracht haben mußte. Aber Niemand schien etwas Besonderes in diesem schmählichen Hohn auf alle gelehrte und dichterische Berühmtheit zu finden, Niemand, mit Ausnahme vielleicht des alten dicken Doctor Kübel, der einen erstaunt fragenden Blick des Professors mit einem freundlichen Grinsen erwiderte, und Oswald, welcher Primula, die auf der linken Seite neben ihm saß (auf der rechen hatte er Thusnelda Clemens), zum Zeichen seines Beileids unter dem Tische die Hand drückte. Im Uebrigen achtete Niemand auf die verhöhnten Dulder; Jeder war in Gedanken mit seiner Rolle und mit dem Eindruck, den er auf die Uebrigen hervorbringen würde, beschäftigt und erwartete nur das Signal zum Anfang, das jetzt von der Directorin durch ein minutenlanges Läuten mit der Glocke gegeben wurde.

Der Director Clemens stellte nun in seiner sanftesten Redeweise[199] an Fräulein Ida Snellius die Aufforderung, herabzukommen, da der Tag anbreche und Mars die Stunde regiere; worauf ihn die angeredete junge Dame mit einer Stimme, die entweder durch die zu große Entfernung des Astronomen, oder durch die Befangenheit der Vortragenden bis zur Unhörbarkeit undeutlich war, bat, »sie noch die Venus betrachten zu lassen, die eben aufgehe und wie eine Sonne im Osten glänze.«

Diesem interessanten Aufgang entsprach das Uebrige vollkommen; Director Clemens machte aus dem Wallenstein das sanfte Mitglied einer friedlichen Brüdergemeinde, Professor Snellius aus dem klugen, verstellungsreichen Octavio einen überaus hölzernen Pedanten; Doctor Wimmer winselte und heulte den edlen Sohn des unedlen Vaters so, daß unnennbarer Jammer jedes fühlende Herz befallen mußte; Doctor Kübel schien den wilden Illo für die Waschfrau Chamisso's und Doctor Breitfuß den verschlossenen Buttler für einen marktschreierischen Zahnbrecher zu halten; Gräfin Terzky wurde in Frau Director Clemens Munde zu einem Pappenheimischen Kürassier und Thekla in dem ihrer Tochter Thusnelde zu einem verliebten Nähmädchen.

Und dabei dieser heilige Eifer, der offenbar Alle beseelte, und sie trieb, schon lange bevor sie wieder an die Reihe kamen, in ihrem Buche nach ihrer Rolle zu blättern, wodurch ein fortwährendes geheimnißvolles Rauschen und Rascheln hervorgebracht wurde; diese ungeschminkte Begeisterung, mit welcher man besonders hervorragende Leistungen, wie die des Collegen Wimmer, aufnahm; diese selbstlose Bescheidenheit, mit welcher sich weniger begabte Talente, wie Fräulein Marie Kübel, eine Zurechtweisung von Seiten der Directorin Clemens gefallen ließen, welcher nach den Statuten des Kränzchens das Recht zustand, den Leser zu unterbrechen und ihn auf diesen oder jenen Fehler im Vortrage aufmerksam zu machen!

Unterdessen saß Professor Jäger in seinem Stuhle zusammengekauert unbeweglich da, die Winkel des Mundes so energisch nach unten gezogen, daß die Linie desselben die Gestalt eines Hufeisens beschrieb, während er mit den kleinen grünen[200] Augen über den Rand seiner großen runden Brillengläser seine Gattin, die Gefährtin seiner Leiden, die Theilhaberin seiner Schmach, anblinzelte. Die Dichterin warf sich bald mit untereinander geschlagenen Armen in den Stuhl zurück und ließ die Blicke an der Decke haften, bald lehnte sie sich vornüber und stützte das kornblumengeschmückte Haupt in die Hände. Jetzt lächelte sie das Lächeln unsäglichster Verachtung; jetzt gähnte sie, wie von der entsetzlichsten langen Weile gequält. Oswald war äußerst begierig, zu sehen, was sie thun würde, wenn an sie die Reihe käme; denn sie hatte ihm schon gleich zu Anfang in fieberhafter Aufregung zugeflüstert: Ich lese nicht; verlassen Sie sich darauf: ich lese nicht.

Aber seine Neugier sollte nicht so schnell befriedigt werden, denn nachdem sich Herr Wimmer am Schluß des dritten Actes mit Aufbieten all seiner Stimmmittel »zum Sterben bereit« erklärt hatte, begann Frau Director Clemens wiederum mit aller Macht zu läuten und gab damit das Signal zu der großen Pause, welche (nach §. 25 der Statuten) bei fünfactigen Stücken jedesmal nach dem dritten und bei vieractigen nach dem zweiten Act eintrat, und in welcher (nach §. 26.) Wein und Backwerk zur Erfrischung gereicht werden mußte.

Um den Bestimmungen dieses Paragraphen nachzukommen, verließ man den Tisch und begab sich nach dem Salon in der lebhaft angeregten Stimmung einer Gesellschaft, die eben von einem hohen Kunstgenuß kommt. Man saß und stand mit den Gläsern in der Hand im Zimmer umher und sprach von dem Stücke und von der Declamation. Man war darüber einig, daß College Wimmer diesmal, wie stets, den Preis davongetragen habe, und daß Fräulein Marie Kübel noch immer nicht laut genug spreche, obgleich ihre Fortschritte im Allgemeinen zu loben seien. Die Herren stellten sich untereinander Censuren aus und gaben sich natürlich gegenseitig die Nummer Eins. Die Damen sprachen von dem herrlichen Dichter, von dem keuschen Adel seiner Verse. Fräulein Ida Snellius behauptete, daß Schiller sie vielfach an Euripides erinnere, und nun[201] wirbelten die Namen Sophokles, Goethe, Shakespeare, Schiller, Aristophanes, Calderon, Aeschylus, Plautus und Terenz wie Schneeflocken durcheinander.

Oswald spähte nach der Dichterin der Kornblumen, die er seit dem Anfang der Pause aus den Augen verloren hatte. Er fand sie in einer Fensternische des zweiten Salons (sonst jungfräuliches Schlafgemach der beiden Fräulein Clemens) mit ihrem Gemahl eifrig flüstern. Er wollte sich bescheidentlich zurückziehen; aber Primula sprang, sobald sie ihn erblickte, auf ihn zu, ergriff seine Hand und zog ihn mit in die Fensternische.

Reden Sie leise, sprach Primula mit hohler Geisterstimme.

Was giebt es? fragte Oswald in demselben Ton.

Sie sollen mir sagen, ob ich lesen darf? hauchte Primula. Jäger hat kein Gefühl für diese Schmach.

Doch, Gustchen, doch! flüsterte der Professor; aber ich möchte eine Scene vermeiden; ich bitte Dich, Gustchen, was werden die Leute sagen, wenn – o, ich darf gar nicht daran denken.

Ich möchte mich der Meinung des Herrn Professor anschließen, sagte Oswald, ich sehe nicht, wie Sie gerettet werden können, nachdem Sie einmal in die Löwengrube gefallen sind.

Ich, die Dichterin der Kornblumen ein Mörder, ein feiler Meuchelmörder, wimmerte Primula, nimmermehr, nimmermehr!

Es ist schändlich, bestätigte Oswald, aber der Interpret des Chrysophilos ist in derselben Lage, und Sie sehen: er erträgt mit Würde sein hartes Loos.

Ein Händedruck des eitlen Professors belohnte Oswald für diese Schmeichelei.

O, Ihr Männer habt kein Gefühl für Beleidigungen, schluchzte Primula, nun gut, ich will es versuchen, aber wenn –

Das Sturmläuten der Präsidentinglocke aus dem Nebenzimmer,[202] ließ Primula ihren Satz nicht beendigen. Sie schritt den beiden Herren voran mit der Miene Jemands, der, geschehe, was da will, seinen Entschluß gefaßt hat.

Jetzt kommt bald an Sie die Reihe, College, sagte Herr Wimmer zu Oswald; während man (unter fortwährendem Sturmläuten) wieder Platz nahm; ängstigen Sie sich nur nicht, und lesen Sie frisch drauf los. Wenn's auch das erste Mal ein wenig hapert; das nächste Mal geht es schon besser und die Uebung macht den Meister.

Den ich in Ihnen verehre und bewundere; erwiderte Oswald, sich verbeugend.

Nun, nun! sagte Herr Wimmer, sich lächelnd durch die Haare fahrend; es könnte noch besser sein. Freilich, als ich vor einiger Zeit Holtei hörte, gestehe ich, daß mir das alte Wort: »Anch io son' pittore« unwillkürlich auf die Lippen kam.

Ich glaub' es gern; versicherte Oswald.

Die Glocke schwieg und College Breitfuß erhob (als Oberst Buttler) seine Stimme und schrie, daß die Fenster klirrten:


»Er ist herein. Ihn führte das Verhängniß.«


Die Mordnacht in dem Schlosse zu Eger entwickelte sich nun rasch von Scene zu Scene. Oswald war so gespannt darauf, wie Primula sich benehmen würde, deren Aufregung, je mehr man sich dem verhängnißvollen Augenblick näherte, sichtbar zunahm, daß er die Nachricht des Fräulein Neubrunn, »der schwedische Herr« sei da; ohne alles Herzklopfen vernehmen und vier Zeilen später ganz kalblütig die Prinzessin Thekla – Thusnelde wegen seines »unbesonnenen, raschen Wortes« um Verzeihung bitten, ja sogar die auffallende Wärme des Tons, mit welchem Fräulein Clemens die Worte sprach:


»Ein unglücksvoller Zufall machte Sie

Aus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten«


gänzlich überhören konnte, obgleich dieser Ton Herrn Wimmer alles Blut zum Herzen trieb und Fredegunde ob desselben[203] ihrem Doctor Breitfuß einen sehr bezeichnenden Blick zuwarf. Er achtete nicht des beifälligen Gemurmels, das ihm seine Erzählung von dem Tod des Reiterobersten einbrachte; auch die folgenden Auftritte gingen spurlos an ihm vorüber, bis denn endlich das verhängnißvolle Netz sich ganz über dem Haupte des Friedländers zusammenzieht und der finstere Buttler in der Heimlichkeit seines Zimmers die Mörderrollen vertheilt. Schon ist Major Geraldin mit seinem blutigen Auftrage davongeeilt und – jetzt ist der Augenblick gekommen, wo auf der Bühne der Vorhang sich auseinanderthut und die grimmen Hauptleute Deveroux und Macdonald in Koller und Kanonen, die langen Schwerter an der Seite, vor ihrem Regimentschef erscheinen.

Was wird sie thun? dachte Oswald, der sah, daß das Gesicht der Dulderin bald blaß und bald roth wurde, sie wird nicht lesen.

Aber Primula überwand den edlen Unwillen, der ihr Herz schwellen machte, räusperte sich und sagte mit der sanften Stimme einer Heiligen, die sich in die Hände der Henkersknechte giebt:


»Da sind wir, General.«


Die Directorin, welcher, da es doch zwei waren, der Accent auf mir liegen zu müssen schien, verbesserte, kraft des ihr nach §. 73 der Statuten zustehenden Rechtes:


»Da sind wir, General.«


Das war zu viel. Die zu straff gespannte Bogensehne riß; die beleidigte Dichterin erhob sich, klappte ihr Buch zu und sagte mit bleichen Lippen:

Es thut mir leid, wenn ich die Gesellschaft durch meine Erklärung, nicht weiter lesen zu können, stören sollte. Aber, da ich eine Rolle, zu der ich mich – mit Gewalt – zwingen muß, nicht einmal lesen – kann – ohne –

Sie konnte nicht weiter sprechen und brach, in ihren Stuhl zurücksinkend, in ein convulsivisches Weinen aus.[204]

Die Bestürzung, welche durch dieses Benehmen Primula's in der harmlosen Gesellschaft hervorgebracht wurde, konnte nicht größer sein. Man sprang von den Stühlen empor; man drängte sich um die schluchzende Dichterin; man fragte einander, was der Professorin fehle? und den Professor, ob seine Gemahlin oft dergleichen Anfälle habe? Niemand ahnte die eigentliche Ursache von diesem Zustande, dem die Herren durch Zureden, die Damen durch Eau de Cologne beizukommen suchten. Aber Primula wollte von beidem nichts wissen. Sie sprang nach wenigen Secunden vom Stuhle auf; erklärte mit Entschiedenheit, nach Hause gehen zu müssen, und verschwand an dem Arme ihres Gatten, der zu dieser ganzen Scene ein sehr albernes Gesicht gemacht hatte, ohne irgend Jemand gute Nacht zu sagen.

In dem Augenblicke, als die, durch das Verschwinden der Gastfreunde äußerst bestürzte Gesellschaft im Salon noch durcheinanderstand und sprach, wurde Oswald ein Brief übergeben, den, wie das junge Mädchen sagte, ein junger Mann, welcher auf Antwort warte, so eben überbracht habe.

Oswald erbrach das Billet, in welchem weiter nichts stand, als:

Mach', daß Du fort kommst. Ich warte auf der Straße. Dein Timm.

Oswald ließ sich einen so vortrefflichen Vorwand, aus einer Gesellschaft zu entkommen, die ihm mit jedem Augenblicke unerträglicher wurde, nicht entgehen. Er habe eine Nachricht erhalten, die ihn nöthige, sofort nach Hause zu eilen. In der nächsten Minute stand er auf der Straße.

Gott sei Dank! Daß ich fort bin; rief er, Timm, der ihn lachend in Empfang nahm, beim Arm ergreifend und mit sich fortziehend.

Konnt's mir denken, rief Herr Timm, daß Du Höllenpein ausstandst; dachte, dem armen Schelm muß geholfen werden. Komm, wir wollen den gelehrten Staub, so Du verschluckt hast, mit edlem Wein hinunterspülen.[205]

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 2, Leipzig 1874, S. 193-206.
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