Achtes Kapitel

[67] Nach einer kleinen Weile hatte sich die Spannung denn doch gelöst. Der Brausekopf! Nun ja, sein Betragen war in unerhörter Weise unschicklich gewesen; aber, mein Gott, er war eben ein Künstler! einer von den jungen, die, extravagant zu sein, als ihr gutes Recht betrachteten! Und, wenn man billig sein wollte: der Professor hatte ihn schwer gereizt. Gassenvolk – Sudelköche – das waren am Ende keine schmeichelhaften Ausdrücke, deren sich gerade der ältere Mann hätte enthalten sollen. Und dann: die peinliche Scene hatte denn doch ihr sehr Drolliges gehabt! Nachträglich mußte man doch darüber lachen!

Und man lachte ganz ungeniert zum Entsetzen des Akademikers, der sich durch das frivole Betragen einer sonst so formvollen Gesellschaft aufs tiefste beleidigt fühlte. Anstatt, wie es in der Ordnung gewesen wäre, ihn zu bedauern, daß er sich den Insulten dieses Grünschnabels, dieses Frechlings ohne jegliche, weder große, noch kleine, goldene Medaille hatte aussetzen müssen, Zweifel an der Korrektheit seines Betragens! ja, offenbare Parteinahme für den Frechling! Und hatte er denn seine fulminante[67] Rede in die leere Luft gehalten? Es schien sich ja kein Mensch mehr um ihn und seinen genialen Vorschlag zu kümmern!

In der That hatte man sich, nach der tragi-komischen Scene einer Aussprache bedürftig, von dem Theetisch erhoben und stand, in kleinen Gruppen eifrig plaudernd, so herum; fing bereits auch an, durch die kleinen Gemächer zu promenieren bis in das dritte, kleinste: das Arbeitskabinett des Hauptmanns. Hier aber hatten die Gebrüder Sudenburg ein Tischchen mit Cigarren- und Cigaretten- Kästen und -Kästchen entdeckt und der Versuchung, sich für die endlosen Kunstdebatten durch ein paar kräftige Züge zu entschädigen, nicht widerstehen können – selbstverständlich nach pflichtschuldigem: wenn der Herr Hauptmann es gütigst verstatten! Die Damen würden nichts dagegen haben. Im Gegenteil! Stephanie beehre sie zu Hause nicht selten auf ihren Zimmern, nur um mit ihnen in der Wette zu rauchen, und Frau von Sorbitz habe gar nichts gegen eine gelegentliche Cigarette; die Frau Gemahlin werde ja auch wohl Gnade für Recht ergehen lassen!

Elimar verließ die Rauchlustigen, zu denen sich nun auch noch der Legationsrat gesellt hatte, um in den Salon nebenan zu gehen, wo inzwischen an dem runden Tisch unter der Hängelampe ein Teil der Gesellschaft sich um den Professor Hederich versammelt hatte, der, das Kaulbach-Album vor sich, eifrig Blatt um Blatt wendend, seine Absichten des näheren auseinandersetzte.

Sie sehen, meine Herrschaften, wir haben eine überreiche Auswahl. Von dem Titelbilde will ich Abstand nehmen: der schwebende »Genius der Wahrheit« mit der[68] Dichtung Schleier in der einen, dem Lorbeerkranz des Siegers in der andern Hand, dürfte in der Darstellung seine Schwierigkeit haben. – Auch von dem folgenden: dem köstlichen »Lotte-Bild« – wir möchten am Ende so viele Kinder nicht zusammenbringen. – »Dorothea und die Auswanderer« überschlage ich – das Ochsengespann, der Wagen mit der – ehem! das geht natürlich in einem lebenden Bilde nicht, so wundervoll es auch hier im Original ist. – »Gretchen vor der mater dolorosa« – ich muß mich immer der Thränen erwehren, so oft ist das herrliche Blatt ansehe. Indessen – der Gegenstand – ich fürchte, meine Herrschaften, wir müssen darauf verzichten. – Ebenso wie auch die sich umfangenden »Faust und Helena«. Wagner hat uns ja allerdings in Lohengrin und gar in Tristan und Isolde – indessen – und dann der Euphorion, der doch notwendig dazu gehört und der sich in seiner kühnen Stellung – eine Wolke, die in der Luft verflattert – mit einem Worte: ich fürchte, es geht nicht. – Bei »Mädchen im Walde« bin ich zweifelhaft. Die Gestalt des getreuen Eckart – wunderbar! die Gruppe der sich ängstlich zusammendrängenden Mädchen – zauberhaft! Aber Frau Holle da hinten mit ihrem Gefolge! Der Meister ist da etwas stark ins Dämonische geraten. Da blieben wir doch am Ende zu weit hinter dem Urbilde zurück.

Verzeihen Sie, Herr Professor, sagte der Hauptmann von Luckow, der eifrig dem Vortrage gefolgt war, ich möchte mir die gehorsamste Bemerkung verstatten – wenn das so fort geht, werden wir für unsere Zwecke verzweifelt wenig übrig behalten. Denn nun kommt noch »Lili's Park«, mit dem wegen der Unmasse von[69] gackernden Hühnern und schnatternden Gänsen – honni soit qui mal y pense! – gar nichts anzufangen ist, so wenig wie mit dem »Heidenröslein«, wo sich wieder niemand zu den blökenden Schafen und meckernden Böcken wird hergeben wollen. – Für den schlittschuhlaufenden jungen »Wolfgang« finden wir vielleicht unter den jüngeren Herren einen besonders schneidigen Turner mit der Devise: »Nur Mut, es wird schon schief gehen!« was man auch der lieben »Ottilie« mit dem ertrunkenen Kinde auf dem Schoß in ihrem Kippelkahn zurufen möchte. Und damit sind wir, glaube ich, am Ende angelangt.

Am Ende! rief der Akademiker, dessen Gesicht bei der lustigen Rede des Hauptmanns immer länger geworden war. Ja, aber, verehrtester Herr Hauptmann, meine geschätzten Damen, wir fangen ja erst an! Wir werden anfangen mit dem herrlichen »Tasso, der Prinzessin sein Opus überreichend«, das heißt: einem entzückenden Tabeleau von sechs interessanten Frauen gestalten und der des Dichterjünglings. Das wird auf unser empfängliches Publikum einen ungeheuren Eindruck machen. Wir werden folgen lassen das großartige »Klärchen, die Bürger zum Kampf aufrufend«, und mit ihr, ebenso wie mit der »sich zum Ball schmückenden Eugenie« einen rasenden Beifall erzielen. Wir werden –

Und der Professor, sich immer mehr in Eifer sprechend, fuhr fort, sein Projekt anzupreisen, dessen Ausführbarkeit er nach allen Seiten bis ins kleinste durchdacht habe, und von dessen ganz immensen Erfolg er überzeugt sei.

Aber so laut der Mann auch seine dünne Stimme erhob, zwei in der ihn umgebenden Gruppe vernahmen[70] kein Wort von seiner begeisterten Rede: Klotilde und Albrecht.

Sie hatten nach den ersten begrüßenden Worten keine Silbe miteinander gewechselt. Auch war, da man sich alsbald in das Theezimmer begeben und an dem Tisch Platz genommen hatte, keine Zeit dazu gewesen. Aber auch als man sich jetzt bereits seit einer halben Stunde zwanglos durch die Zimmer bewegen konnte, hatte zwischen ihnen nicht einmal der Versuch einer Annäherung stattgefunden. Klotilde konversierte aufs eifrigste, erst mit dem Legationsrat, dann mit Stephanie und Adele; Albrecht war mit Elimar in ein lebhaftes Gespräch geraten, das erst abgebrochen wurde, als dieser sich in das Rauchzimmer begab, dort nach dem Rechten zu sehen. Albrecht blieb allein, sich nicht zum erstenmal an diesem Abend unmutig fragend: was er hier eigentlich solle, wo niemand seiner zu bedürfen schien, und die Hindeutung auf den litterarischen Beirat, den man von ihm erwarte, ganz augenscheinlich eine leere Phrase gewesen war und bleiben würde. Warum da nicht lieber seinen Hut nehmen und gehen? Er gehörte nun einmal nicht in diese Gesellschaft, so wenig wie der junge Künstler, der ihr mutig den Stuhl vor die Thür gesetzt hatte. Und auf ihre ganz besondere Veranlassung sollte er eingeladen sein, die über den Tisch herüber bei den endlosen Debatten nicht einen Blick für ihn gehabt, und für die er jetzt abermals Luft war? Welcher Lug war dies nun wieder? zu welchem Zweck? Sich so weiter über ihn lustig zu machen? Nein, meine Gnädigste! dazu giebt man sich in seiner Dummheit wohl einmal her; zu einem zweiten Male nicht.[71]

Er suchte mit den Augen nach seinem Hut, ohne ihn entdecken zu können. Wahrscheinlich hatte ihn der Diener auf den Flur getragen. Er hatte sich mit dem Hut in der Hand seine Abschiedsverbeugung vor der Gesellschaft machen sehen; so, ohne Hut, mußte er auf eine andere Attitüde denken.

Und dann stand er in seiner Unentschlossenheit bei der kleinen Gruppe, welche dem am Tisch sitzenden, mit nervösen Fingern in dem Album bald vorwärts, bald zurück blätternden Professor über die Schultern sah.

So, den Kopf vornübergebeugt, mochte er eine halbe Minute lang verharrt haben, als er an seiner linken Schulter eine andere Schulter fühlte. Er wollte mit einem Pardon! seitwärts zucken und blieb, von freudigem Schrecken gelähmt, im Bann der ätherischen Wolke süßen Duftes, die zu ihm aufstieg – desselben süßen Duftes, in dessen Erinnerung sein Herz alle diese Tage wild geschlagen hatte. Wild, wie es jetzt wieder schlug, als wollte es ihm die Brust zersprengen. Denn dies war kein Zufall, konnte keiner sein. Hier war Raum genug, sich einer ungewollten Berührung sofort wieder zu entziehen. Aber der leichte Druck blieb, wurde nur noch stärker, wärmer, inniger. Und er stand regungslos mit dem rasenden Herzen in der atemlosen Brust, nur des einen Gedankens mächtig: so sterben! sterben im Vollgefühl dieser unaussprechlichen, götterhaften Wonne!

Da war der holde Druck von seiner Schulter geschwunden, der wonnige Traum ausgeträumt. Der Akademiker hatte sein Album zugeklappt, die Gruppe sich gelöst. Albrecht suchte ihren Blick und fand ihn nicht. Die langen, dunklen Wimpern waren tief gesenkt; aber um ihre feinen Lippen spielte ein Lächeln, als habe auch sie[72] einen köstlichen Traum geträumt, den sie noch ein paar Sekunden festhalten wollte.

Nun, sind die Herrschaften einig? fragte Elimar, der jetzt herantrat.

Der Akademiker erhob sich von seinem Stuhl und sagte erbost:

Da ist schwer zu einer Einigung zu gelangen, wenn die eine Hälfte der Gesellschaft umherpromeniert und ich von der andern, anstatt der freudigen Zustimmung, auf die ich gerechnet, nur Widerspruch zu befahren habe. Jetzt eben noch den letzten von seiten des Herrn Hauptmanns von Luckow: wie ich auf meinem Schlußtableau: »Goethes Huldigung im Park von Ettersburg« für die bartlosen Männer des vorigen Jahrhunderts: Carl August, Goethe selbst, Herder, Musäus, Merck – unter unsern bärtigen Herrn die Repräsentanten finden will! Ja, meine Herrschaften, auf derartige Einwände, die denn doch, es mild auszudrücken, recht lieblos sind – will sagen: wenig Liebe zur Sache zeigen – die Herren brauchten sich ja nur die Bärte abschneiden zu lassen – bin ich allerdings nicht gefaßt gewesen.

Der aufgeregte Herr hatte seine dünne Stimme bis zu den höchsten Fisteltönen hinaufgeschraubt, daß selbst die Herren aus dem Rauchzimmer herbeigelockt waren und jetzt in der Thür standen, leider mit lachenden Gesichtern, die den nur noch mühsam, verhaltenen Grimm des Beleidigten zum Überfließen brachten. Er raffte sein Album vom Tisch, preßte es unter den linken Arm, erhob gegen Elimar und Adele, die sich ihm in den Weg stellen wollten, abwehrend die Rechte, und hatte im nächsten Augenblick das Zimmer verlassen.[73]

Die Zurückgebliebenen blickten einander betreten an.

Sie haben uns da eine nette Suppe eingebrockt, sagte der Lagationsrat leise zu Herrn von Luckow.

Was wollen Sie! erwiderte dieser laut. Danken wir Gott, daß wir endlich unter uns sind. »Nur unter dem Streben der eigenen Hand erblühet des Glückes vollendeter Stand«.

Er hatte es mit so drolligem Pathos gesagt; alle lachten, so wenig lächerlich auch den meisten zu Mute war.

Nun sind wir uns aber schuldig, etwas ganz besonders Hübsches zustande zu bringen, sagte Elimar.

Indessen schien das leichter gesagt, als gethan. Man riet hin und her, bis Klotilde plötzlich rief:

Ich hab's! Komödie müssen wir spielen.

Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus, gnädige Frau; sagte Luckow.

Was sollte daran so Großes sein, sagte Klotilde. Ich bin überzeugt, der Herr Professor hier kann uns sofort ein passendes Stück vorschlagen, wenn er nicht selbst eines in petto hat.

Das wäre herrlich, Herr Professor, wandte sich Elimar zu Albrecht. Das würde denn freilich den Prolog und den verbindenden Text, die wir uns von Ihrer Güte erbitten wollten, noch weit übertreffen.

Albrecht empfand nichts mehr von der trüben Stimmung, in die seine Seele den ganzen hindurch bis zu jenem köstlichen Augenblick eingesponnen gewesen war wie in einen grauen Schleier. Als hätte eine göttliche Macht ihn angehaucht, fühlte er sein Herz von Mut geschwellt; mit einer Welt würde er es aufgenommen haben. Er erwiderte, ohne sich eine Sekunde zu besinnen:[74]

In der That liegen bei mir zu Hause im Kasten ein paar Versuche, die sich bereits seit mehreren Jahren nach dem Lampenlicht sehnen. Ob sie es werden aushalten können, ist freilich eine andere Frage; jedenfalls steht Ihnen meine schwache Kunst von ganzem Herzen zu Diensten.

Ich hoffe, daß eine Rolle für mich abfällt; sagte Lieutenant Franz.

Und für mich, rief Lieutenant Fritz.

Und für mich! und für mich! erschallte es rings aus der Gesellschaft.

Ich denke, es sollen sämtliche Herrschaften zufrieden sein, erwiderte Albrecht. Nötigenfalls lassen wir einem etwas längeren Einakter, den ich im Sinn habe, einen ganz kurzen, nur aus ein paar Scenen bestehenden folgen oder vorangehen. Aber eine Bedingung, meine Herrschaften! Sie dürfen mir meine Ware nicht abnehmen, ohne sie vorher geprüft zu haben! Sie müssen mir erlauben, Ihnen die Sächelchen, die natürlich noch nicht gedruckt sind, vorzulesen!

Darüber dürfte zu viel Zeit verloren gehen, wandte von Luckow ein. Ich schlage vor, der Herr Professor läßt die Rollen sogleich ausschreiben und verteilt sie nach seinem Ermessen. Wir können dann sofort an die Leseprobe gehen.

Ich würde damit eine Verantwortung auf mich nehmen, die zu tragen ich nicht imstande bin, erklärte Albrecht entschieden.

Ich möchte mir einen Kompromißvorschlag erlauben, sagte Elimar. Der Herr Professor hat die Güte, uns die beiden Stücke in den Umrissen zu skizzieren und sich[75] so unserer – für mich und Sie alle bereits jetzt zweifellosen – Zustimmung zu versichern. Ich bin überzeugt, daß er dann dem Vorschlag Herrn von Luckow's gern Folge geben wird.

Ja, bitte, erzählen Sie uns die Stücke!

Der Ruf war von verschiedenen Seiten gekommen – von Klotilde nicht. Aber in ihren großen Augen, die er fest auf sich gerichtet sah, glänzte ein Lächeln, das zu sagen schien: mir zuliebe! Was hätte er für dies Lächeln nicht gethan![76]

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Zum Zeitvertreib. Leipzig 1897, S. 67-77.
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