Siebentes Kapitel

[57] Man hatte nach einigem Hinundherkomplimentieren Platz genommen; Klotilde hatte es so einzurichten gewußt, daß sie Albrecht schräg gegenüber, zwischen Elimar auf der einen, Stephanie auf der andern Seite zu sitzen kam. Auch daß die beiden Künstler durch die Länge des Tisches voneinander getrennt waren, mochte kein Zufall sein. Adele hinter ihrer Theemaschine füllte die Tassen, welche Elimars Bursche, ein gewandter, heute abend in einfacher, kleidsamer Livree steckender junger Mensch herumreichte. Bald hatte sich um den Tisch herum eine lebhafte Konversation angesponnen über alles Mögliche, nur nicht über das, was der Gegenstand des Abends sein sollte, bis der junge Maler Wollberg, von einem Konvolut Radierungen und Zeichnungen, in welchem er emsig gewühlt hatte, sein struppiges Haupt erhebend, mit einer lauten Stimme in wenig verbindlichem Tone sagte:

Ich dächte, meine Herrschaften, wir kämen endlich zur Sache. Viel Zeit habe ich so wie so nicht. Ich muß nachher noch in den Künstlerverein.

Sofort war eine halb komische, halb peinliche Stille entstanden. Fast aller Blicke hatten sich, wie instinktiv,[57] auf Elimar gerichtet. Adele setzte die Tasse, die sie eben auf Johanns Präsentierteller stellen wollte, wieder auf den Tisch und faltete mit niedergeschlagenen Augen die Hände in dem Schoß.

Meine verehrten Damen und Herren, begann Elimar lächelnd –

Hört! hört! rief Hans von Luckow, sich in seinen Stuhl zurücklehnend.

Ich weiß wirklich nicht, wie ich zu der Ehre komme, fuhr Elimar fort. Es wäre denn, daß es schließlich einer von uns sein muß, der die Diskussion – nicht leitet, wozu ich keineswegs den Beruf in mir fühle – aber doch einleitet, was mit sehr wenigen Worten geschehen kann. Wir haben in unsrer letzten und bis jetzt einzigen Zusammenkunft – ich konstatiere das besonders im Interesse des Herrn Professor Winter, der nicht zugegen war – uns nach längerer Debatte dahin verständigt, daß das Stellen von einer Reihe sogenannter lebender Bilder unsern Zwecken am meisten und besten entsprechen würde, um so mehr, als wir uns bei diesem Vorhaben auf den maßgeblichen Rat und die sachkundige Führung zweier, gleich ausgezeichneter, dem verehrten Sudenburgschen Hause gleich wohlgesinnter und befreundeter Künstler verlassen können. Die Notwendigkeit, uns neben diesem künstlerischen Beirat auch eines litterarisch-poetischen zu versichern, wurde allgemein empfunden, und auf einen Antrag von geschätzter Seite dem Mangel abgeholfen durch Hinzuziehung einer Kraft, die uns jeder Sorge nach der beregten Seite überhebt. Doch wollen wir, wenn es den Herrschaften genehm ist, diesen Teil unsres Themas vorläufig in suspenso lassen und dafür[58] die Herren Künstler ersuchen, uns die Vorschläge, über welche sie sich bis heute einigen wollten –

Ein dumpfes Oho! ertönte von dem Ende des Tisches, wo Herr Wollberg jetzt wieder seinen struppigen Kopf über die Kunstblätter gebeugt hatte, während von dem andern, wo Herr Professor Hederich in einem großen Album blätterte, ein sehr vernehmliches Räuspern kam.

So wenigstens habe ich die Herren verstanden, sagte Elimar, von einem zum andern blickend. Es sollte mir leid thun, wenn –

Darf ich um das Wort bitten, sagte mit sanfter Stimme der Professor Hederich, ohne die Augen von seinem Album zu erheben.

Ich ebenfalls! rief Herr Wollberg, den Kopf noch tiefer auf seine Blätter senkend.

Also Herr Professor! forderte Elimar freundlich den Akademiker auf.

Ich wollte nur bemerken, begann dieser, sich mit seiner langen, dürren Gestalt vom Sitze erhebend, daß der Herr Hauptmann, was mich betrifft, durchaus richtig verstanden hat. Ich hatte und habe den aufrichtigen Wunsch, in dieser Sache mit dem verehrten Kollegen Hand in zu gehen. Leider ist ein zweimaliger Versuch, ihn in seinem Atelier anzutreffen, resultatlos geblieben; und da der Herr Kollege seinerseits den analogen Versuch, der nebenbei keinesfalls resultatlos geblieben sein würde, anzustellen unterlassen hat –

Wüßte nicht, was dabei hätte herauskommen sollen! brummte Herr Wollberg.

Vielleicht eben die von der Gesellschaft gewünschte Einigung, bemerkte Elimar in versöhnlichem Ton.[59]

An die im Leben nicht zu denken ist, rief Herr Wollberg. Mir deucht, das hätte den verehrten Herrschaften schon neulich einleuchten müssen. Ich stelle den Antrag, daß Herr Professor Hederich seine Vorschläge macht; ich werde dann meine Vorschläge machen.

Die wir doch aber, wenn es angeht – und es wird gewiß angehen – kombinieren dürfen? schaltete Elimar ein.

Auch dagegen muß ich auf das entschiedenste protestieren! rief Herr Wollberg. Ein solches Durcheinanderrühren der Stile ist schon das Kunstwidrigste, was es giebt. Jeder für sich und Gott für uns alle. Die Gesellschaft kann ja dann ihre Wahl treffen.

Und wer die Wahl hat, hat die Qual, sagte Elimar. Indessen, Herr Wollberg, ich hoffe, daß dies noch nicht Ihr letztes Wort ist. Nun aber, meine Herrschaften, werden wir, um weiter zu kommen, wohl oder übel auf den Antrag des Herrn Wollberg eingehen müssen. Wollen Sie also, Herr Professor, die Güte haben, uns Ihre Vorschläge mitzuteilen!

Ich möchte denn doch gehorsamst bitten, sagte der Professor, sich abermals erhebend, diese Aufforderung zuerst an den zu richten, von dem der Antrag ausgegangen ist.

Also, Herr Wollberg, bat Elimar.

Ich werde mich hüten, mir zuerst die Finger zu verbrennen, murrte Herr Wollberg.

Ja, aber, meine Herren, sagte Elimar, sie werden mir zugeben, daß wir so nicht von der Stelle kommen.

Na, meinetwegen! rief Herr Wollberg. Man soll wenigstens nicht sagen können, ich bin ein Spielverderber,[60] wenn ich auch zum voraus weiß, daß – na, es wird sich ja gleich zeigen. Also, meine Herrschaften, ich habe hier einen ganzen Packen Blätter, wie Sie sehen – alles Reproduktionen von Gemälden aus unsern letzten Kunstausstellungen. Die habe ich gewählt, weil sie noch in Erinnerung von aller Welt sind, oder doch sein sollten. Und ich habe immer gefunden, die Leute sind nicht dankbarer, als wenn man ihnen Sachen zeigt, die sie kennen. Darin sind sie wie die Kinder. Ich werde die Blätter, eines nach dem andern, herumgehen lassen; die Herrschaften können sich dann selbst überzeugen. Also! Hier ist zuerst die Blinde von Piglhein. Ein Wort zum Lobe dieses ausgezeichneten Bildes zu sagen, ist wohl überflüssig. Ich darf also annehmen, daß die Blinde acceptiert ist.

Hier erhob sich Professor Hederich:

Mir scheint die Annahme denn doch etwas gewagt. Der Herr Kollege selbst hat eben erst jedes Kompromiß von der Hand gewiesen und der Gesellschaft nur die Wahl zwischen ihm und mir gelassen.

Zwischen meinen und Ihren Vorschlägen, wollen Sie sagen! rief Herr Wollberg höhnisch.

Das dürfte auf dasselbe herauskommen, erwiderte der Professor, jetzt schon sichtlich gereizt. Übrigens unterbreche ich Sie nicht, wenn Sie das Wort haben, und darf mir wohl vice versa dasselbe von Ihnen erbitten. – Nun ist es aber ohne weiteres klar, es kann unter diesen Umständen von der Annahme eines einzelnen Bildes nicht die Rede sein, sondern nur von der ganzen Serie; notabene, nachdem ich vorher ebenso meine Vorschläge gemacht habe und der Gesellschaft das ganze beiderseitige[61] Material unterbreitet ist. Was speciell das Piglheinsche Bild betrifft, darf ich denn doch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß es mir für unsere Zwecke völlig ungeeignet scheint.

Nun hört aber verschiedenes auf! rief Herr Wollberg.

Denn, meine Herrschaften, fuhr der Professor fort, diesmal ohne auf die Unterbrechung zu achten; der – nebenbei für meinen Geschmack stark gesuchte und raffinierte – Reiz des Bildes liegt in der die Nerven des Beschauers pickelnden, respektive auf seine Thränendrüsen berechneten Grausamkeit, mit welcher hier die hilflose Blindheit in schärfsten Gegensatz gebracht ist zu einer in allen Farben prangenden Welt um sie her. Nehmen Sie ein Glied des Gegensatzes weg, so ist es mit der Wirkung vorbei. Ich möchte aber wissen, wie Herr Wollberg es zustande bringen will, in seinem lebenden Bilde die Gestalt mit der hier völlig unentbehrlichen Landschaft zu umgeben.

Das würde ja dann wohl meine Sache sein, sagte Herr Wollberg höhnisch.

Meine gewiß nicht, gab der Professor nicht minder höhnisch zurück.

Wir dürfen wohl annehmen, fiel hier Elimar begütigend ein, daß Herr Wollberg sich seine Vorschläge, auch hinsichtlich ihrer Ausführbarkeit, reiflich überlegt hat. Ich möchte ihn also bitten, fortzufahren.

Schön! sagte Herr Wollberg. Die beiden nächsten Blätter also, welche während der Rede des Herrn Professors Zeit genug gehabt haben, die Runde zu machen, sind die beiden pietá von Klinger und Stuck. Die Damen haben eine verwunderte Miene gemacht; einige Herren[62] die Köpfe geschüttelt, einige, offenbar nur aus Höflichkeit nicht gelacht. Ich habe es nicht anders erwartet. Die große Kunst ist eben noch nicht salonfähig, aber sie muß es werden; die Welt will zur Anerkennung des wahrhaft Schönen allemal gezwungen sein. Gott sei Dank werden die Bänke, auf denen die Spötter sitzen, schon mit jedem Tage kürzer. Übrigens will ich zur Beruhigung der zarten Seelen doch bemerken, daß ich mir in dem lebenden Bilde den Leichnam des Herrn gemalt denke. Bis wir uns so weit aufgeschwungen haben, in dem in dem lebendigen, nackten Menschenleib ein für allemal das Meisterwerk der Schöpfung zu sehen und zu bewundern, wird wohl noch viel Wasser bergab fließen müssen.

Nach dem Wagnis mit den beiden pietá hatte der junge Künstler für seine übrigen Vorschläge freie Bahn. Thoma's Versuchung Christi, Looschen's Luna und Abendstern, Skarbina's die Mansardentreppe hinabsteigender Blusenmann, Uhde's Schauspieler – man ließ die Blätter cirkulieren, ohne seinen Empfindungen, welcher Art sie auch waren, durch Worte oder Mienen einen Ausdruck zu geben. Es kam die Reihe an den Professor Hederich, nun seinerseits die Gesellschaft mit seinen Vorschlägen bekannt zu machen.

Wie immer, wenn er sprechen wollte, erhob er sich von seinem Sitz, diesmal mit besonders langsamer Feierlichkeit.

Meine verehrten Damen und Herren! Was ich Ihnen ohne jede Anmaßlichkeit der Unfehlbarkeit zu proponieren die Ehre habe, wird sich Ihnen vielleicht durch seine große Einfachheit einigermaßen empfehlen. Sie alle wissen – und die hier anwesenden Kinder der Familie werden es mir bestätigen – daß unser hochverehrter,[63] zu feiernder Freund und Gönner, wie alle Männer von wahrhaft klassischer Bildung, ein enthusiastischer Bewunderer des Genius unseres größten Dichters ist; wir infolgedessen ihm, seiner Gemahlin und ihren im Geist des Hauses sympathisch mitlebenden Gästen nicht leicht eine größere Freude bereiten können, als wenn wir die Vorwürfe zu den lebenden Bildern aus der Wunderwelt selbst unsers Dichterheroen entnehmen. Wenn Sie, wie ich mir schmeichle, so weit mit mir eines Sinnes sind, ahnen Sie auch bereits, daß ich in meinen Händen hier ein Exemplar der Prachtausgabe des Bruckmannschen Albums der Goetheschen Frauengestalten meines unsterblichen Meisters und Lehrers Wilhelm von Kaulbach –

Hier wurde der Redner durch ein seltsam unheimliches Geräusch unterbrochen, das wie ein mühsam unterdrücktes, krampfhaftes Lachen klang und von dem andern Ende des Tisches kam, wo Herr Wollberg sein sommersprossiges Gesicht so tief in seine Blätter begraben hatte, daß man nur den massiven Schädel mit der üppigen Fülle seiner verwirrten krausen, roten Haare sah. Die Gesellschaft wollte offenbar nichts gehört haben; nur Fritz Sudenburg mußte schnell sein Taschentuch ziehen und sich dessen mit einigem Geräusch bedienen, für welche Indiskretion er von seinem Bruder Franz, der neben ihm saß, unter dem Tisch mit einem gelinden Fußtritt bestraft wurde. Der Professor, dessen immer blutarmes Gesicht der Zorn völlig fahl gemacht hatte, fuhr mit bebender Stimme fort:

Daß meinem Vorschlag von einer gewissen Seite, auf der Pietät und Rücksicht sinnlose Worte sind, mit Spott[64] und Hohn begegnen würde, habe ich vorausgesehen. Es läßt mich völlig kalt. Darf ich doch überzeugt sein: eine Gesellschaft, wie diese – eine Gesellschaft feinfühliger, edler Damen, großgesinnter, hochgebildeter Männer – hält mit mir die heilige Fahne des Idealismus hoch gegen den wüsten Ansturm von des Gassenvolkes Windsbraut; will mit mir lieber silberne Früchte aus goldenen Schalen nehmen, als sich an widerwärtigen, von Sudelköchen bereiteten Speisen Hand und Seele beschmutzen; sich gern mit mir erheben in Regionen, in denen aus gottbegnadeter Dichter-Künstlerphantasie entsprossene, gesteigerte Gestalten ihr unsterbliches Leben führen; wird mit Freuden –

Der Redner kam nicht weiter; an dem entgegengesetzten Ende des Tisches war Herr Wollberg aufgesprungen, hatte mit geballter Faust auf seine Kunstblätter geschlagen und rief:

Ich will mich nicht länger beleidigen lassen von jemand, dem ich jedes Verständnis für die wahre Kunst abspreche! Und dazu muß ich erklären: bei aller schuldigen Achtung vor den Damen und – mit einer einzigen Ausnahme – der ganzen hier versammelten Gesellschaft – wenn Sie es fertig bringen, einen Vorschlag ruhig anzuhören, bei dem unsereinem die Haare zu Berge stehen; nur einen Augenblick daran denken können, die affenschändlichen Produkte eines durch und durch manierierten, durch und durch verlogenen, eitlen Windmachers und Charlatans, wie dieser Kaulbach, ernsthaft zu nehmen – dann muß ich gestehen, bin ich hier vollständig überflüssig. Und glaube es mir schuldig zu sein und Ihnen einen Gefallen zu erweisen, wenn ich Sie von meiner[65] nutzlosen Gegenwart befreie. Ich habe die Ehre, mich den Herrschaften ganz gehorsamst zu empfehlen.

Der junge Mann hatte seine Blätter zusammengerafft und war zur Thür hinaus, während der Gesellschaft der Schrecken über den wilden Ausbruch noch lähmend in den Gliedern lag, und bevor selbst Elimar, der in der Nähe des Wütenden saß, eine Bewegung, ihn zurückzuhalten, hatte ausführen können. Die Damen hatten bleiche, starre Gesichter, die Herren blickten einander kopfschüttelnd an; nur der Akademiker lächelte verächtlich, in den Stuhl zurückgelehnt, mit seiner goldenen Uhrkette spielend.[66]

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Zum Zeitvertreib. Leipzig 1897, S. 57-67.
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