Sechstes Kapitel

[49] Ich komme Dir zu früh, sagte Klotilde, als sie in der Dämmerstunde des nächsten Abends bei Adele eintrat.

Niemals, rief Adele, ihrer Cousine Hut und Mantel abnehmend. Gott, Herz, was für ein reizendes Kleid! natürlich funkelnagelneu!

Funkelnagelneu aus einem Ausverkauf bei Gerson.

Und wie das sitzt! rief Adele, Klotilden wie eine Modellpuppe herumdrehend. Ja, wer so gewachsen ist! Kunststück! Du, was hat denn das gekostet?

Wenn ich es Dir sage, ist es mit Deiner Bewunderung vorbei. So lächerlich billig! Aber kann ich Dir nicht helfen? Ich bin eigens deshalb gekommen.

In dem Kleide? das fehlte noch! Übrigens bin ich gleich fertig. Viel Umstände werden bei uns nicht gemacht, weißt Du.

Das war die Bedingung. Was ich fragen wollte: wird die Frau Professor Winter auch kommen? Er hat in seiner Antwort an Stephanie nur von sich gesprochen.

Hier ist sein Brief, sagte Adele, an ihren kleinen Schreibtisch laufend und in einem Kasten kramend. Er hat uns gestern mittag doch seinen Besuch gemacht.[49] Elimar war zufällig zu Hause. Die Herren führten eine schauderhaft gelehrte Unterhaltung, von der ich kein Wort verstanden habe. Er sagte, er könne noch nichts über seine Frau bestimmen; wollte heute – na, wo ist denn – da! Lies selbst! das heißt: ich kann es Dir in drei Worten sagen: sie kommt nicht – die Kinder nehmen sie zu sehr in Anspruch – und so weiter!

Sie hatte den Brief wieder in den offen gebliebenen Kasten geworfen und sich zu Klotilden gewandt.

Na, ehrlich gestanden, ich habe die Frau Professor nur ganz flüchtig gesehen – würde sie auf der Straße nicht einmal wieder kennen – aber ich glaube, viel verlieren wir nicht an ihr. Oder, glaubst Du?

Nein, keineswegs. Aber es wäre vielleicht doch gut gewesen – um des Professors willen.

Ach, weißt Du, der sieht mir gar nicht so aus, als ob er an der Schürze seiner Frau besonders fest hängt.

Er gefällt Dir nicht?

Nicht besonders. Ich mag diese geschniegelten Männer nicht. Nur –

Nur was?

Warum hast Du eigentlich darauf bestanden, daß er eingeladen wurde? Wir wissen doch noch gar nicht, was wir wollen.

Das soll er uns eben sagen.

Aber dazu hatten wir doch schon die beiden Künstler.

Gott sei es geklagt. Was haben sie denn bisher gethan, als sich zanken? Das werden sie heute wieder thun. Damit kommen wir nicht weiter.

Meinetwegen. Mir ist alles recht. Aber Herz, nun mußt Du mich wirklich für ein paar Minuten entschuldigen.[50] Du siehst, ich bin noch in der Küchenschürze. Nur ein paar Minuten! Mach' es Dir unterdessen bequem!

Hab' keine Sorge! Und übereile Dich nicht!

Adele war aus dem Zimmer; Klotilde hatte sich in einen Fauteuil sinken lassen und richtete sich wieder auf, als Adele den Kopf zur Thür hereinsteckte.

Du, kommt Viktor nicht?

Nein. Er bittet um Entschuldigung. Hat zu viel zu thun.

Diese Männer sind schrecklich.

Die Thür wurde abermals geschlossen; Klotilde lehnte sich wieder zurück, richtete sich von neuem auf, horchte nach dem Geräusch, welches über den Flur von der Küche her zu kommen schien, erhob sich und war mit ein paar schnellen Schritten an Adelens Schreibtisch.

Ich muß doch sehen, wie er schreibt, murmelte sie. Sie hatte den Brief aus dem Kasten genommen; auf dem Schreibtisch brannten bereits die beiden Lichter; sie konnte bequem lesen.

Es gab nicht viel zu lesen: fünf Zeilen. Und es stand auch nichts darin, als was sie durch Adele bereits wußte. Dennoch starrte sie mit zusammengezogenen Brauen auf das Blatt, als gäbe es da ein Geheimnis zu entziffern. Die Hand, in der sie es hielt, fing an zu zittern. Ärgerlich ließ sie es in den Kasten fallen.

Ich weiß nicht, was das ist, murmelte sie. Das ist mir im Leben noch nicht begegnet. Im Leben hat mich noch nicht nach einem Menschen so gedürstet. Es ist positiv lächerlich.

Aber sie lachte nicht. Die Brauen zogen sich nur noch düsterer zusammen, während sie, den Blick auf den[51] Teppich geheftet, in dem Zimmer hin und wieder zu gehen begann.

Und ich glaubte ihn mir ganz aus dem Sinne geschlagen zu haben – hatte es auch – drei oder vier Tage lang – da kam es wieder – mir that es so leid, daß ich ihn vor seiner Frau brüskiert hatte – die Frau selbst – eine grundehrliche Person, wie es schien, mit dem breiten Munde und der Stumpfnase – die reine Köchin – glaub's, daß er sich bei der unglücklich fühlt – seine Hände freilich – die stimmen zu der Köchin. Wenn der Mensch nur nicht so wunderschöne Augen hätte! O, mon dieu, diese Augen! Es ist ein Glanz drin, ein Feuer! Eine Liebesglut – eine verhaltene! Eine, die noch nie hat herauslodern können! – Das ist gerade das Anziehende! Diese anderen – Fernau – Viktor – wie oft hat das da schon gebrannt! – alles Asche! – Und das quält sich denn ab, uns glauben zu machen, es brenne lichterloh! pah! – Aber so eine taufrische, jungfräuliche Liebe – ach! ihn nur einmal, ein einziges Mal –

Sie hatte es, immer hastiger schreitend, bald leiser, bald lauter vor sich hingemurmelt und blieb jetzt erschrocken stehen vor einem Geräusch aus dem Nebenzimmer. Elimars! Er konnte doch nichts gehört haben?

Die Thür that sich auf, Elimar stand auf der Schwelle.

Ach, gnädige Frau – Verzeihung! ich sollte mich ja einer vertraulicheren Anrede bedienen. Ich hörte vorhin sprechen, konnte aber die Stimme nicht erkennen. Wo ist denn Adele?

Sie macht Toilette.[52]

Das pflegt bei ihr nicht lange zu dauern. Nun, und wir wollen heute abend endlich die Quadratur des Zirkels finden?

Ich setze meine Hoffnung auf den Professor Winter.

Wenigstens scheint es, daß wir mit unserem Latein zu Ende sind. Ich glaube, es war ein Fehler von Fräulein Stephanie, zwei Kunstlöwen auf einmal in die Schranken zu fordern. Man hätte voraussehen können, daß sie sich einander auffressen würden.

Ich habe mich halb tot gelacht.

Es war lächerlich genug, obgleich doch im Grunde dieser völlig blinde Haß hinüber und herüber im Interesse der Kunst tief bedauerlich ist.

Daran denkt unsereine nicht.

Als ob Sie so, mir nichts, dir nichts, »unsereine« wären!

Was denn sonst?

Der Hauptmann zuckte lächelnd die Achseln.

Bitte, bitte! so kommen Sie nicht fort! Ich will wissen, wie ich in Ihren Augen dastehe; wofür Sie mich eigentlich halten?

Elimar war einen Schritt näher getreten und blickte aus seiner Höhe lächelnd auf sie hinab.

Wie Sie in meinen Augen dastehen? Nun, ich glaube einen lebhaften Sinn für Frauenschönheit zu haben; da würde es vielleicht Ihre Bescheidenheit verletzen, wenn ich es sagte. Und wofür ich Sie halte? Wollen Sie es wirklich wissen?

Ich bestehe darauf.

Nun denn! Für eine Frau, die mit ihren herrlichen Gaben des Geistes und auch des Herzens eine[53] für Menschen ganz seltene Anwartschaft auf Glücklichsein hätte, wenn ihr nicht eines fehlte –

Das ist?

Genügsamkeit.

Was verstehen Sie darunter?

Die Einsicht, daß uns Menschen Vollkommenes nun einmal nicht wird und werden kann; wir überall und zu jeder Zeit auf einen mehr oder weniger peinlichen Erdenrest gefaßt sein müssen und auf Kompromisse, die wir machen dürfen, ohne unserer Würde etwas zu vergeben.

Das sagen Sie, weil Sie alles besitzen, was Sie wünschen.

Umgekehrt: ich besitze alles, weil ich nichts wünsche.

Auch nicht, in noch sehr absehbarer Zeit es bis zur Excellenz zu bringen?

Um ihre Lippen spielte ein so malitiöses Lächeln, aus den halb zugekniffenen Augen, die zu ihm aufblinzelten, flimmerte ein so drolliger Ausdruck – Elimar mußte lächeln, wie ernst es ihm auch zu Sinn war.

Sie unverbesserliches Weltkind, Sie! sagte er. Wer kann Ihnen bös sein!

Die Thür wurde aufgerissen; Adele stürzte herein.

Kinder, es hat geklingelt! Gott sei Dank, daß ich noch fertig geworden bin!

Bis auf die Schleife, die entschieden an eine andere Stelle gehört, sagte Klotilde, an ihrem Anzug nestelnd.

Meinst Du? Na, stecke sie hin, wo Du willst!

Der Hauptmann von Luckow und der Landschafter Christian Wollberg waren zugleich gekommen; dann erschien Stephanie in Begleitung ihrer beiden Brüder;[54] nach einer kleinen Weile der Legationsrat von Fernau mit dem Historienmaler Professor Hederich; als der letzte, Albrecht. Klotilde war so in ein Gespräch mit dem Legationsrat vertieft – Adele mußte sie erst auf den Nachzügler aufmerksam machen.

Ah, sagte sie, ihm die Hand reichend, wie lieb von Ihnen, daß Sie gekommen sind!

Haben Sie daran gezweifelt, gnädige Frau?

Offen gestanden: ich fürchtete, wir würden einen Korb bekommen.

Weshalb?

Mein Gott, ein ernster Mann, wie Sie! und solche Allotria!

Wir sind hier alles ernste Männer, gnädige Frau, sagte der Legationsrat. – Ich weiß nicht, Herr Professor, ob ich noch die Ehre –

Schulmeister müssen ex officio ein gutes physiognomisches Gedächtnis haben. Gewisse Erscheinungen nicht zu vergessen, dazu gehört freilich weder Übung noch Kunst.

Die beiden Herren waren gegeneinander von ausgesuchter Höflichkeit. Aber Klotilde hatte, als sie sich zu Albrecht wandte, in Fernaus dunklen Augen einen eigentümlich lauernd aufmerksamen Blick bemerkt.

Ich werde sehr vorsichtig sein müssen, sagte sie bei sich.

Wir sind alle zur Stelle, gnädige Frau, meldete Fritz Sudenburg Adelen in militärischer Haltung, die Hacken zusammenschlagend.

Elimar! rief Adele mit hilfeheischender Stimme.

Meine Frau hat gemeint, es verschwört sich besser bei einer Tasse Thee. Darf ich die Herrschaften ersuchen,[55] hier einzutreten, wo wir es nebenbei auch ein klein wenig weniger eng haben.

Elimar hatte die Flügelthüren zu dem größeren dritten und letzten Gemach geöffnet, das in dem bescheidenen Haushalt für etwaige gesellschaftliche Zwecke reserviert war, und wo jetzt ein länglicher, sauber gedeckter, mit den nötigen Theesachen, Kuchen und belegten Brötchen besetzter Tisch für die Gäste bereit stand.[56]

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Zum Zeitvertreib. Leipzig 1897, S. 49-57.
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