Achtundzwanzigstes Kapitel

[256] Am nächsten Morgen, kurz nach neun, kam durch den Nebel, der über der Stadt lag und mit jeder Minute dicker zu werden schien, von Westen her ein geschlossener Wagen langsam die Lützowstraße heraufgefahren, bog durch das Gitterthor des Elisabeth-Krankenhauses und hielt vor dem Portale. Ein Schwerverwundeter wurde ausgeladen und in ein Zimmer geschafft, das Dr. Herbert – einer von den zwei Herren, die den Verwundeten begleiteten – tags zuvor den ihm befreundeten Assistenzarzt der Anstalt auf alle Fälle bereit zu halten gebeten hatte. Dr. Rodeck, der andere der beiden Begleiter, blieb in dem Vorraum, während die beiden jungen Ärzte mit dem Oberarzt, der sich alsbald eingefunden, ihre Untersuchung anstellten. Dr. Rodeck war an das breite Fenster getreten und starrte auf die entlaubten Bäume des Gartens, durch deren Gespensterarme der Nebel in grauen Schwaden zog. Das Furchtbare, das er während dieser letzten Stunden erlebt, wollte ihm das Herz abdrücken; und nicht minder Furchtbares, ja, das Furchtbarste von allem, erwartete ihn. Er seufzte tief auf und wandte sich zu Dr. Herbert um, der aus dem Untersuchungszimmer zu ihm trat.[256]

Es ist, wie ich diagnosierte, sagte er leise: die Kugel hat über dem Jochbein rechts an der innern Schädelwand ihren Weg genommen und steckt hinten an einer Stelle, die sich nicht mit Bestimmtheit ermitteln ließ. Es kommt auch wenig darauf an.

Also keine Hoffnung?

Gar keine. Er hat keine zwei Stunden mehr zu leben.

Und wird nicht wieder zum Bewußtsein kommen?

Unmöglich.

O, mein Gott! mein Gott! murmelte Dr. Rodeck.

Ja, lieber Freund, es ist ein saurer Gang; aber das hilft doch nun nicht. Die arme Frau muß es jetzt erfahren. Kennen Sie sie?

Ganz oberflächlich.

Na, wie gesagt: Das hilft nun nicht. Ich will wieder zu dem Patienten. Es ist ein interessanter Fall.

Der junge Arzt war gegangen; Dr. Rodeck stand noch eine kleine Weile versunken im Nachdenken über die ersten Worte, mit denen er die Ärmste auf das Gräßliche vorbereiten sollte; schüttelte verzweifelt den Kopf; fühlte in der Tasche nach den Schlüsseln, die ihm Albrecht, bevor er sich aufstellte, gegeben hatte; seufzte noch einmal; drückte mit einem jähen Entschluß den Hut fester in die Stirn und verließ den Vorraum. –

Ein paar Stunden später – es ging bereits auf Mittag – saß Adele in der Wohnstube, mit einer Näharbeit beschäftigt, und wartete auf Klotilde, die aus dem Logierzimmerchen noch immer nicht zum Vorschein gekommen war. Wahrscheinlich kramte sie in den Sachen, die sie sich gestern abend spät aus ihrer Wohnung hatte holen lassen.[257]

Wie sie für so was noch Sinn haben kann – in einem solchen Augenblick – unbegreiflich; sagte Adele bei sich.

Was sollte daraus werden? Klotilde schien sich darüber kaum Gedanken, geschweige denn Sorge zu machen, trotzdem der Brief, den sie gestern auf Andringen, man konnte sagen: auf Befehl Elimars an Viktor geschrieben hatte, bis zur Stunde unbeantwortet geblieben war. Den Brief hatte sie weder ihr noch Elimar zeigen wollen. Ihr werdet doch nicht damit zufrieden sein, hatte sie sich entschuldigt. Ihr nehmt so was immer gleich tragisch. Das ist Unsinn. Ich kenne Viktor. Sinn für Humor hat er freilich auch nicht. Aber Sentimentalität und dergleichen kann er noch weniger leiden. Wenn man vernünftig mit ihm spricht, nimmt er auch Vernunft an.

Ich habe mich davon heute nicht überzeugen können, sagte Elimar.

Ja, worüber habt Ihr eigentlich verhandelt? rief Klotilde.

Ich muß bitten, darüber vorläufig schweigen zu dürfen; erwiderte Elimar. Nur so viel: die Sache steht nicht gut für Sie, liebe Klotilde; nicht für Sie und für keinen der Beteiligten. Ich rate Ihnen sehr ernstlich, sich auf Schlimmeres gefaßt zu machen.

Darüber war denn doch Klotilde für einen Augenblick stutzig geworden – Elimar hatte es in einem so eigenen Ton gesagt, ordentlich feierlich – dann aber hatte sie gleich wieder den Kopf geschüttelt und gemeint: Ihr wollt mir nur bange machen. Wirklich, Ihr kennt Viktor nicht. Er sollte einer solchen nichtigen Farce willen – lächerlich![258]

Sie will nicht hören; so wird sie denn wohl leider fühlen müssen, hatte Elimar, als Klotilde aus dem Zimmer war, vor sich hingemurmelt.

Weiter war er aber auch ihr gegenüber mit seinen Mitteilungen nicht gegangen, und sie hatte nicht mehr gefragt. Wenn Elimar schwieg, hatte er seine guten Gründe. Das mußte sie doch wissen.

Aber er war gestern den ganzen Tag sichtbar verstimmt geblieben und hatte, was Adele auffiel, Klotilde möglichst vermieden. Heute morgen hatte er sogar noch ernster drein geblickt, fast kein Wort gesprochen und nur, als er auf sein Bureau ging, kurz gesagt: Wenn etwas Besonders vorfallen sollte, kannst Du Karl nach mir schicken. Er soll mich herausrufen lassen.

Das war doch genug, um eine arme Frau in tausend Ängste zu jagen! Und Klotilde konnte währenddessen an ihren albernen Garderobekram denken!

Endlich!

Klotilde kam herein in einem prachtvollen resedagrünen Schlafrock mit sehr vielen Bändern und Schleifen.

Verzeihung, Herz, ich habe heute lange gebraucht und Dich warten lassen. Die dumme Person von Julie hat mir lauter falsche Sachen geschickt, trotzdem ich ihr, wie Du weißt, jedes Stück einzeln aufgeschrieben habe. Ich merke, ich bin schon zu lange von Hause weg. Was siehst Du mich so wunderlich an? Du meinst: und schon zu lange hier!

Wie magst Du nur so sprechen!

Lieber Schatz, ich bin Euch lästig. Das würde mittlerweile auch eine andre herausgebracht haben, die weniger scharfe Augen hätte, als ich. Elimar behandelt[259] mich miserabel; und freundlichere Gesichter, als Du eben eins machst, habe ich auch schon gesehen.

Wie willst Du, daß wir andere machen, wenn wir uns so um Dich ängstigen!

Aber, um Gottes willen, weshalb? Ich weiß ja ganz gut, was Deinem Manne – und natürlich auch Dir – Ihr seid ja ein Herz und eine Seele – im Kopfe herumgeht: daß Viktor den Mann fordert. Ich habe es mir überlegt und bin zu dem Resultat gekommen: Viktor wird sich hüten. Was hätte er davon? An seiner Schneidigkeit zweifelt kein Mensch – von der hat er zu viele Beweise gegeben. Nun, und große Ehre ist doch nicht bei einem Duell zu holen, bei dem der andre auf einer so viel tieferen gesellschaftlichen Stufe steht. Weiter! Viktor kennt die Welt in seiner Weise recht gut und weiß ganz genau: man kann ihr keinen größeren Gefallen thun, als wenn man ihr Stoff zum Skandal giebt. Er wird sich hüten in einem Augenblicke, wo er vor dem Regierungsrat hält, wenn er nicht einen Landratsposten vorzieht, zu dem ich dringend geraten habe. Er soll mich nur gewähren lassen. Nur noch ein bißchen etwas dreistere Flirtation mit Excellenz – et le tour est fait.

Klotilde machte ein paar triumphierende Schritte durch das Zimmer, blieb dann wieder vor Adele stehen und fuhr fort:

Und angenommen – das heißt: ich nehme es nicht an – es käme zum Duell. Was wäre denn dabei so Außerordentliches? Die Herren fordern einander um ein unüberlegtes Wort; schon wenn einer den andern fixiert, wie sie es nennen. Viktor renommiert mit den vielen Duellen, die er gehabt hat. Er sagt zwanzig. Es ist[260] möglich – ich bin nicht dabei gewesen. So viel ist gewiß: er wird nicht den kürzeren ziehen.

Aber der Professor!

Sehr wahrscheinlich.

Und Klotilde begann wieder ihre Wanderung durch das Zimmer.

Adele blickte ratlos vor sich hin; Klotilde wurde ihr immer rätselhafter.

Aber Du mußt den Mann doch geliebt haben! rief sie ganz verzweifelt.

Keinen Moment! sagte Klotilde.

Sie war, Adele den Rücken wendend, an eine Etagère getreten uns schob die dort aufgestellten Nippes durcheinander.

Das heißt – offen gestanden – ich bin gar nicht sicher, ob ich genau weiß, was Liebe ist. Giebt es überhaupt welche und ist nicht alles bloß eine façon de parler? Nach meinen Beobachtungen wenigstens reden sich die Leute so was immer nur ein, um es sich nach einiger Zeit, wenn sie davon genug, wieder auszureden. So viel glaube ich aber davon zu verstehen, daß man einen Mann nicht lieben kann, der so große rote Hände hat.

Mein Gott, ich habe auch rote Hände, rief Adele kläglich.

Aber sie sind nicht groß, sagte Klotilde, zu ihr zurückkommend und sich vor ihr auf einen Sessel setzend. Zeig mal her! Sie sind wirklich ein bißchen rot. Aber wie kannst Du es anders verlangen, wenn Du so in der Wirtschaft aufgehst, wie ich es gestern und heute zu meinem Entsetzen beobachtet habe. Du spielst ja Deine eigene Jungfer! und Köchin dazu! Ganz unnötigerweise,[261] meine ich: man erzieht sich damit nur faule Leute. Aber, wenn Du es durchaus nicht lassen kannst, so trage wenigstens in der Nacht Handschuhe, nachdem Du vorher die Hände – nur ganz leicht – mit crême Simon

Sie brach plötzlich ab: an der Schelle der Flurthür war heftig gerissen worden. Dann auf dem Flur eine fremde Stimme, der das Mädchen etwas erwiderte. Dann hastige Schritte nach dem Salon zu. Die Thür flog auf und herein stürzte eine kleine, untersetzte Frau in wenig modischer Kleidung, bei deren Anblick Adele einen Schrei ausstieß und Klotilde, vom Sessel emporschnellend, erbleichte.

Sie hatten Klara nur einmal auf dem Balle bei Sudenburgs gesehen; aber auch ohne das hätten sie gewußt, wer es war.

Fürchten Sie nichts, sagte Klara zu Adele mit seltsam heiseren Ton; ich hab' es nur mit der da zu thun.

Sie schritt auf Klotilde zu.

Was wollen Sie von mir? murmelte Klotilde, zurückweichend.

Meinen Mann will ich! schrie Klara mit jetzt gellender Stimme. Meinen Mann, den Sie mir gemordet haben!

Du grundgütiger Gott! stöhnte Adele, ihr Gesicht in die Hände drückend. Klotilde hatte instinktiv eine Bewegung nach der Thür des Speisezimmers gemacht; Klara war ihr in den Weg getreten.

O ja! Unglück anrichten, das kann man! dem Unglück, das man angerichtet hat, ins Gesicht sehen, das kann man nicht!

Liebe, beste Frau Professor, sagte Adele; ich –[262]

Schweigen Sie doch! rief Klara. Mit Ihnen habe ich ja nichts zu schaffen. Zu Ihnen wäre ich nicht gekommen, wenn man mir nicht gesagt hätte, daß ich diese hier finden würde – diese elende Person!

Hüten Sie Ihre Zunge! sagte Klotilde mit einem gewaltsamen Versuch, die vornehme Dame herauszukehren.

Hüten Sie Ihre hochmütige Fratze! schrie Klara, mit funkelnden Augen und gespreizten Händen vor sie hintretend, so daß sie abermals erschrocken zurückwich. Sehen Sie mich nicht an, als wäre ich verrückt! Danken Sie Gott, daß ich es nicht bin! Oder ich schlüge Ihnen meine Nägel in Ihre geschminkten Backen und zeichnete Sie, wie Sie es verdienen!

Genug! sagte Klotilde, jetzt mit Entschlossenheit auf die Thür zugehend. Aber sie hatte noch nicht zwei Schritte gemacht, als sie von Klara am Handgelenk gepackt und mit solcher Kraft zurückgeschleudert wurde, daß sie, vor Schmerz stöhnend, auf dem Sofa zusammenknickte.

Aber auch Klaras tobende Wut schien gebrochen. Sie fuhr sich mit beiden Händen an den Kopf, auf dem unter dem verdrückten Hut das gelbblonde, krause Haar in wirren Strähnen hervorquoll, und murmelte: Was habe ich nur gewollt? was habe ich nur gewollt?

Plötzlich ließ sie die Hände wieder fallen. Ihr vorher gerötetes Gesicht war todbleich; ihre tief in die Höhlen zurückgesunkenen Augen hatten einen gläsern starren Ausdruck, und ihre Stimme, als sie nun wieder zu sprechen anhub, klang unheimlich ruhig:

Das war's! Meinen Mann, dem ich vor einer Stunde die Augen zugedrückt habe, konnten Sie mir[263] nicht wiedergeben; unseren verwaisten Kindern nicht ihren Vater. Aber ohne meinen Fluch sollen Sie doch nicht weiter leben. Kokettieren und grimassieren und buhlen Sie nur so weiter – seien Sie sicher, mein Fluch begleitet Sie auf Tritt und Schritt! Und der blutige Schatten des, dem Sie sein frühes Grab gegraben haben. Ja, verflucht, tausendmal verflucht sei fortan Ihr Leben! Es müßte keinen Gott im Himmel geben, bliebe das ungehört.

Sie hatte sich zu Adele gewandt:

Man sagte mir, daß Sie eine gute Frau sind, Sie würden auch sonst nicht so weinen. Dann jagen Sie die da von Ihrer Schwelle! Die gehört in kein reines Haus. – Leben Sie wohl!

Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich Sie begleite!

Elimar stand in dem Zimmer, in Uniform, den Säbel an der Seite, die Mütze in der Hand, wie er vor einer Minute in sein Arbeitskabinett vom Flur aus getreten war. Niemand hatte ihn komme hören.

Wer sind Sie! sagte Klara, einen irren Blick auf ihn heftend.

Ein Freund, erwiderte Elimar, den sie nicht zurückweisen werden. Sie bedürfen jetzt eines Freundes. Bitte, nehmen Sie meinen Arm!

Es war ein so herzlicher Klang in seiner tiefen Stimme. Klara schaute zu der hohen Gestalt hinauf – nicht mehr irr: mit großen Augen, aus denen plötzlich die Thränen stromweis stürzten. Sie hatte seine Hand ergriffen und wollte sie an ihren Mund drücken.

Nicht doch! nicht doch! sagte er abwehrend. Kommen Sie![264]

Er hatte ihren Arm in den seinen gelegt und mit ihr das Zimmer verlassen, Adelen mit den Augen winkend. Für Klotilde hatte er keinen Blick gehabt.

Die Flurthür war gegangen, auf dem Korridor war es wieder still. Adele, unfähig zu sprechen, hatte sich über ihren Nähkorb gebeugt, in den von ihren Wimpern Tropfen um Tropfen fiel.

Plötzlich schreckte sie auf bei einem seltsamen Schrei, der hinter ihr erscholl und halb wie lautes Schluchzen, halb wie gellendes Lachen klang.

Klotilde lag vor dem Sofa auf den Knieen; das Gesicht in die flachen Hände pressend, während der schlanke Leib in krampfhaftem Weinen zuckte.[265]

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Zum Zeitvertreib. Leipzig 1897, S. 256-266.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Arnim, Bettina von

Märchen

Märchen

Die Ausgabe enthält drei frühe Märchen, die die Autorin 1808 zur Veröffentlichung in Achim von Arnims »Trösteinsamkeit« schrieb. Aus der Publikation wurde gut 100 Jahre lang nichts, aber aus Elisabeth Brentano wurde 1811 Bettina von Arnim. »Der Königssohn« »Hans ohne Bart« »Die blinde Königstochter« Das vierte Märchen schrieb von Arnim 1844-1848, Jahre nach dem Tode ihres Mannes 1831, gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter Gisela. »Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns«

116 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon