Elftes Kapitel.

[256] Die weite Stadt faßt nicht die Zahl der Gäste, .....

Schiller.


So sehr lieblich auch der Lenz gewesen war, so stellte sich doch der Sommer ein, als ein glühender Gast, der Fluren und Matten versengte, Bäche austrocknete, und den verschmachtenden Menschen und Pflanzen kaum einige kühle Nachtstunden zur Erholung gönnte. Indessen, je mehr er andauerte, je mehr ließ er wieder nach, von seiner brennenden Strenge, und ein heiterer gewitterleerer Spätsommer entschädigte für des Augustmonats entsetzliche Hitze. Darum strömten auch, wie neubelebt, aus allen Gegenden des Vaterlandes und der Fremde, zahlreiche Schaaren zu der alten Herbstmesse, die zu Frankfurt wieder eingeläutet wurde, und sie versprach, weit glänzender zu werden, als in vielen vergangenen Jahren. Die Züge der Kaufherren, die nach einander unterm Geleite der Reichsstadt, des Erzbischofs von Mainz und des Pfalzgrafen bei Rhein eintrafen, überboten sich an Zahl und Reichthum. Nicht bloß die Städte am mächtigen Rheinstrome, von Basel[256] beginnend bis gen Cöln, sandten ihre besten Handelswaren, nicht aus dem reichen Nürnberg und Augsburg, oder aus den gewerbfleißigen Niederlanden allein eilten die Fürsten des Handels herzu, sondern auch aus weit entlegnern Landen fanden sich Käufer und Verkäufer ein. Wälschlands Werkherren, die Gevertschen aus der Lombardei, und die Wechsler aus Burgund, die Stahlarbeiter und Wollentuchhändler aus Engelland, die Pelzverkäufer aus den nördlichen Reichen, dem fernen Polen, und dem noch fernern Reußenland, der mächtigen Stadt Neugart, füllten die Gewölbe Frankfurts mit ihren Waaren, und genossen freundliche Aufnahme in der von Menschen aller Völker wimmelnden Stadt. Bis unter die Lucken der Dächer lebte und webte jedes Haus, und dennoch schien die Zahl der Gebäude zu klein, um all die Gäste zu fassen, denn auf dem Fischer- und Klapperfelde standen Lager von lustigen Zelten, und auf den Gassen drängte sich unaufhörlich ein rastlos tobendes Menschenmeer. Stolzer als sonst wohl, sah nun jeder Frankfurter Bürger aus seinem Fenster in das Gewühl vor demselben, und pries glücklich sich und seine Heimath, auf deren Markt das fernste Ausland seine Erzeugnisse brachte, und sein klingend Geld, oder seine gültigen Wechselbriefe. Durch alle Thore rollte der Seegen des Handels, durch alle Pforten zogen heitre Menschen mit lebenslustiger Stirne und schwergefülltem Beutel; den Mainstrom herab kamen die überfüllten Marktschiffe aus Franken unterm Knall der zum Jubel losgebrannten Donnerbüchsen und dem Gesange der Mannschaft; den Strom herauf zu Berg[257] steuerten die reichbeladenen Fahrzeuge vom Neckar und vom Rhein. Und welche Fröhlichkeit entfaltete ihr Panier, fanden sich in der weiten Stadt Landsleute zu Landsleuten, Bekannte zu Bekannten. Die Glockenschläge und Trompeterstücklein, die vom Thurme den Ankömmlingen entgegenschallten, stimmten zur Freude, denn nun war sie ja überstanden, die gefahrvolle Reise, auf welcher schon manch Unglücklicher Leben und Habe verlor, unter den Mordklauen des räuberischen Gelichters, das Heerstraße, wie Strom unsicher machte. Nun befanden sich ja die sicher Geleiteten unter dem Schutze eines wohlgeordneten Gemeinwesens, hinter schirmenden Mauern, und im Schooße geregelter Gesetze, die den Meßfremden gar günstig waren, und insonderheitlich keiner Freude wehrten. Darum schwang sich auch das Rad des ernsten und eifrigen Gewerbes scheinbar leicht wie das Spielrad einer Knabenmühle; die Wichtigkeit des Geschäfts gewann den Anstrich eines sorgenlosen Tauschvertrags, und über den düstersten angefülltesten Gewölben und seinen emsigen Dienern und Schreibern wehte die Wimpel der Heiterkeit. – Welch ein reges Leben in allen Theilen der Stadt, und längs dem Flusse, wo sowohl die zweckmäßigste Lage, als auch Gewohnheit die Hauptsammelplätze der Kaufmannschaft geordnet haben. Still und besonnen treiben die Tuchhändler aus den flandrischen Städten, die reichen Antwerper, die stolzen Genter und die verschmitzten Herren von Brügge ihr Werk, ohne viel Geräusch, aber mit sicherer Geschäftigkeit. Neben ihren Niederlagen preisen die Schleierhändler[258] von Straßburg den vorüberziehenden Frauen ihre dünne und köstliche Waare, sammt den Gold- und Silberspitzen, die sie lockend und prahlend zugleich am hellen Sonnenlichte durch die feinen Finger gleiten lassen. – Während auf der Schwelle einer einladenden Weinschenke feurig glühende Weinhändler aus dem Elsaß den Kauflustigen das duftende Öl ihrer Fässer rühmen, und mit Schwank und Scherz ihren Handel richtig zu machen suchen, rufen an ihrer Seite die Kaufleute vom Rhein ihre Hüte und Handschuhe zum Verkauf, und nicht fern davon die Schweizerhändler in ihrer rauhen Mundart die Teppiche und Zeuge von seltner Güte, die sie aus ihren Bergen zu Markte bringen. In der Bude des Böhmen klingelt die zerbrechliche Glaswaare, wie in des Steuermärkers Laden das dauernde Eisen rasselt. Gegenüber jedoch wiegt der kluge Kaufherr aus Sachsen schweigend und bedächtig die Silberstangen, um welche die Münzwardeine und der Silberschmiede gelehrte Schaar prüfend steht; nicht minder vermißt nebenan der Ulmer seine schöne Leinwand mit geräuschloser Fertigkeit, und spart die freundlichen Worte nicht, um die ehrsamen Hausfrauen, die sein Gewölbe füllen, zu seinem Vortheil zu stimmen. Mag immerhin der Krämer aus Pisa oder Lukka aus vollem Halse sein Gewürz, seine wohlriechenden Salben ausschreien, ... lächelnd und still erwartend lehnen unfern die Kaufleute der Hansee an ihren Ladenthüren, durch welche blankes Schießgewehr, köstliche Nordfelle auf die Straße sehen. Des Zuspruchs holder Frauen sind die schweigsamen Männer nicht gewärtig,[259] ausgenommen vielleicht die Verkäufer der gesalzenen und getrockneten Seefische, und nur Männer suchen in diesen entlegenen Buden und Kellern ernstere Waare, die Metalle und Erze des Nordens, das gefährliche Pulver, die schweren Brandweine in den ungeheuren Tonnen. Hier vorüber geht es aber wieder in das dicke Gewühl des Gewerbes hinein. Die langen Reihen von Fässern, die aus Thüringen herbeigeschafft werden, und Pech, Theer und Kienruß enthalten, ziehen das Volk der Schiffer an; die Färber und Wollenhändler strömen dagegen zu den Niederlagen der Erfurter, welche den nicht genug herbeizuschaffenden Waid feilbieten. Hier spielen die Waidträger mit ihren Körben und Tragen den Herrn und Meister; die Messerschmiede, eine unhöfliche Zunft, schließen sich mit ihren Kramstellen an die Thüringer, an diese die Holzwaaren- und Messinghändler von Nürnberg, die Seidenweber von Augsburg, und überall dieselbe Regsamkeit, allenthalben derselbe Eifer, von dem Lehrjungen an, der auf eine Kiste das Zeichen seines Kauf- und Lehrherren pinselt, bis zu dem Ostfriesen, der vor Rittern und Herren die ausgesuchten Rosse tummelt, die er auf den bedeutenden Markt gebracht. – Doch nicht allein für das Nützlichste ist allenthalben im Überfluß gesorgt, ... auch das Lustige und das Seltsame will sein Recht behaupten. Nicht im Handel und Wandel allein sollen die Beutel geleert und gefüllt werden; das abenteuernde Volk der Kunst will auch, daß man der Thorheit seinen Zoll entrichte, und an Wunderlichkeiten der Natur nicht ohne Spende vorübergehe, ..[260] besondere Geschicklichkeit nicht unbelohnt lasse. Hat die Handelwelt ihre Throne auf dem Römerberg, im Saalhofe und am Ufer des Mainstroms errichtet, so baut dagegen die Kunst, die sich zur Schau stellt, anderwärts ihre luftige Bühne, oder durchzieht wandelnd die Gassen, Bürgern und Fremden vor die Thüre bringend, wonach, sie aus der Thüre keinen Schritt thun würden. Wandernde Dichter und Sänger ziehen umher, von Herold und Pickelhäring begleitet, und halten Wettkämpfe der Begeisterung oder possenhaften Reimerei. Häufig ist der blaue Himmel das Dach ihres Schauplatzes, und aus den Fenstern der Häuser und den Thüren der Laden fliegen die Heller, die ihre Anstrengungen belohnen sollen. Öfter jedoch ziehen sie es vor, die heimlichen gewölbten Stuben der Küfermeister zu besuchen, die in der Messe niemals leer werden, weil ihr Kranz und Busch immer grün, und der dadurch verheissene Wein immer duftig und kühl ist. Der Sänger liebt der Rebe Gold, der wohlgenährte Bürgersmann ist freigebig; die Fässer laufen über, und in der Laune des Trunks fliegt aus der Gäste Hand oft das Doppelte dessen in des Herolds Mütze, das der Geber zu steuern sich vorgenommen. Auf dem Roßmarkte bereitet sich indessen ein ernsterer Wettkampf vor, obgleich im Grunde auch nur Posse und Spielerei. Ein hohes Gerüste besteigen so eben zwei Fechter, die das Volk unter lautem Jubel herbeigeführt. Die Schelme, die so fremd gegeneinander thun, und sich drohend messen mit den Blicken, und die Nase rümpfen, daß der gewaltige falsche Schnurbart[261] sich in die Höhe zieht, – sie kennen sich recht gut, und sind nur zu verschiedenen Thoren eingezogen, um das leichtgläubige Volk zu täuschen, ihre Fertigkeit in höhern Werth zu setzen, und ihre Rechnung dabei doppelt zu finden. Eine Bürgerfreude ist solch ein Fechteraufzug; die größte Wonne des Pöbels zwei fremde Kämpfer aneinander zu hetzen. Die lederne Sturmhaube auf dem Kopfe, geschmückt mit einer langen Feder, die schon bei manchem Strauß gewesen, ein ungeheures Schlachtschwert auf der Schulter tragend, ... seltsam aufgeputzt mit farbigen Bändern, erklimmen die Klopffechter die Bühne, um dort zu siegen oder zu unterliegen, je nachdem gerade die Reihe an einem oder dem andern ist. Das Volk klatscht sich die Hände wund, schreit sich die Kehle rauh, und aus den, bis zum Gibel mit zahllosen Zuschauern besetzten Häusern des Roßmarktes regnet reiches Schaugeld, von einem kecken Hannswurst erbettelt, in den Seckel der Schalksgesellen, die in's Fäustchen lachen, und vielleicht, um dem Schauspiel ein glänzendes Ende zu verleihen, sich gegenseitig den Doctorgrad des langen Schwertes unter albernen Gebräuchen ertheilen.

»Ich will doch des Donners und des Hagels seyn,« – sprach Gerhard von Hülshofen zu Dagobert, mit welchem er durch das Gewühl schlenderte, – »wenn ich nicht die beiden angeputzten Hasenfüße auf jenem Gerüste, so barsch und reckelhaft sie sich auch haben, mit einem Pfannenstiele in die Flucht jage, so weit der Himmel blau ist. Das sollen Fechterhiebe seyn? Buffelei, weiter nichts, mein[262] guter junger Herr. Was meint Ihr dazu?« – Dagobert blickte den Frager mit der Miene eines Mannes an, der so eben aus einem tiefen Schlaf erwacht, und nicht eine Sylbe von dem gehört hat, was man ihm seit Stunden vorgeredet. – Gerhard schüttelte unwillig den Kopf. »Seyd wieder in Eurer besten Laune, mein Lieber;« brummte er: »Ich rathe Euch, löscht Eure Lampe aus, und sagt der Welt ›Gute Nacht;‹ s'ist eine Schande für alle Junggesellen des römischen Reichs, daß Ihr, der Wackersten Einer, Euch geberdet, wie ein träumend Kind. Ihr helft der ganzen Welt aus dem Eisen, wie die Historia mit dem Wildmeister erst kürzlich bewiesen, obgleich der Herzog Alles gethan haben mußte; ... aber Euch selbst könnt Ihr nicht helfen. Schämt Euch, und kommt zu bessern Gedanken. Daß Ihr nicht heirathen wollt, wie es Euer Vater wünscht, ist gut, ... denn nur der unbeweibte Mann ist ein ganzer, – aber der Grund, warum Ihr's nicht thun wollt, ist ein schlechter Grund. Für dießmal sey's genug, aber seyd doch lustig, in's Teufels Namen, s'ist Meßzeit, Jubel und Freude an allen Ecken, und der wohlweise Rath so sanft wie ein Lamm, er weiß schon warum. Alle fahrende Frauen und Töchter sind losgelassen, und dürfen schwärmen auch ausserhalb dem Rosenthale1. Die Schenken sind offen die ganze Nacht hindurch, und kein sauertöpfischer Wirth darf mich auf die lange Glocke verweisen, wenn ich[263] nach neun Uhr mein herzhaftes: Eingeschenkt, über den Tisch donnre. Ich mag jetzo meine längste Stoßklinge an die Hüfte stecken, und damit den Waden der jungen Fante beschwerlich fallen, während ich sonst mein kürzestes Schwertlein anhängen muß, das nicht besser aussieht, als das Wetzeisen am Gürtel eines Schlächters. Ja, mir ist's sogar nicht verwehrt, Sonntags meinen Bart scheeren zu lassen, so mir's gefällt. Es lebe die Meßfreiheit! Sagt, kann man wohl glücklicher seyn? Jagt darum die Grillen zum Teufel. Sprecht, wohin wollen wir? Soll ich Euch etwa zu dem Wundarzt führen, der an der Ecke der Klauskirche seine Latwergen und Pillen verkauft? Vielleicht hat er ein Mittel gegen Euren Blödsinn, oder sein Schalksnarr zwingt Euch zum Lachen, was das Herz froh macht, und hungrig den Magen; oder wollen, wir den Vogel Strauß sehen, von welchem Alt und Jung erzählt, oder das ungeheure Elephantenthier, in dessen Wanst, wie das Volk behauptet, der Teufel selbst stecken soll?« – »Besieh Du allein diese Seltenheiten,« erwiederte Dagobert kopfschüttelnd: »laßt mich jedoch hier unter der Menge von Menschen, die mir größtentheils fremd sind, und folglich auch meine Bürde nicht kennen.« – »Glaubt Ihr denn, ich würde Euch allein lassen, guter Freund?« fragte Gerhard lachend: »Behüte Gott; ich bin wie zu Eurem Wächter bestellt. Ihr wärt im Stande, in Euerm Trübsinn geradezu in den Strom zu gehen, oder Euch zum Mindesten von dem einfälltigsten Spitzbuben Eure Börse vom Gürtel stehlen zu lassen; – denn der Diebe gibt es hier zu[264] Frankfurt ein ansehnlich Gelichter. Wenn der Markt eingeläutert ist, mögen Schelme und Strolchen zur Stadt kommen, bis wieder ausgeläutet wird. Wohl dann den Liebesrittern, wenn sie viele solche Junkherrn antreffen, die, wie Ihr, eihergehen, die Hände auf dem Rücken, die Augen in der Luft, und nicht bemerkend, was um sie her sich begibt. Schaut! während ich so rede, hat sich ein abscheuliches Gesicht an Eure Seite gedrückt. Zieh' aus, Schelm!« – Dagobert blickte neben sich, und ersah einen Menschen, welcher der drohenden Geberde Gerhards entlief, und im Entspringen gegen den Edelknecht höhnisch die Zunge herausstreckte. – »Pfui!« rief Dagobert: »welch ein abscheulich Gesicht, entstellt noch obendrein durch das Pflaster, das die Höhle des verlornen Auges bedeckt. Wahrlich! wären dem Burschen nicht schwarze Borsten gewachsen, ich würde ihn für des elenden Judenknechts Ebenbild halten, den ich einmal von den Schranken schlug. – Wer weiß,« – setzte er nach langem Schweigen hinzu: »wer weiß auf welchem Anger der Schädel des Bösewichts bleicht, ... aber sein schrecklich Angedenken verbindet sich so innig mit einem unaussprechlich wehmüthigen, – mit Esther's Gedächtniß, daß ich schier Thränen in meinem Augenwinkel fühle.« – »O weh!« klagte Gerhard ärgerlich: »da sind wir wieder auf der alten Fährte. Die Pest über alle Liebesnarren. Das Gesicht des häßlichen Gauners erinnert sie an ihres Liebchens Antlitz. Kaum wage ich's, Euch auf jene Bande von holden Dirnen aufmerksam zu machen, die kosend und lachend an des Goldschmieds Laden[265] stehen. Der glatzköpfige Bube hatte gewiß lange keinen so freundlichen und willkommenen Besuch. Seht wie er in seinen kleinen Schreinen kramt und wühlt, als ob seine gichtbrüchigen Finger erst vor sechzehn Jahren gewachsen wären; wie er den Mund süßlächelnd zusammenkneift, daß die blühenden Dirnen das mangelhafte Gebiß nicht bemerken sollen. Euch, liebes Herrlein, ist freilich seit geraumer Frist der Anblick schöner Weiber ein Gräuel geworden. Erlaubt aber immerhin, daß ich mich ein Weilchen daran ergötze. Das runde kleine Mägdlein in der Ecke, – dasselbe, das so verlegen in dem Kästlein sucht, und an ihres Gürtels Hacken ebenfalls etwas zu suchen scheint, – ich weiß nicht was? – Das Mägdlein sticht mir ganz besonders in die Augen, und wen mich diese nicht hinters Licht führen, so ist die Maid eine Bekannte, sowohl von Euch, als auch von mir.« – »Wer? wer?« fragte Dagobert hastig, warf einen Blick nach der Bude, und ein hoher Grad von Überraschung malte sich in seinen Zügen: »Ist das nicht,« .. setzte er staunend hinzu – »ist das nicht das Fräulein ... Regina ... von Dürning?« – »Freilich!« erwiederte der Freund: »das liebliche Fräulein von Dürning, wie es leibt und lebt. Wer ist denn aber der junge Mann, er vor mir steht? Seyd Ihrs denn noch, Freund Dagobert? euer Gesicht glitzert ja wie das Abendroth?« – »Thut es das?« fragte Dagobert hinwieder mit einer gewissen Ängstlichkeit: »O so komm', alter Kumpan, komm', laß uns von dannen eilen.« – »Warum zupft Ihr mich so ungestüm am Ärmel?« lachte Gerhard:[266] »ein schön Dirnengesicht ist doch keine Teufelsfratze, die uns begehren könnte. Macht der schönen Maid Eure Reverenz und geht dann!« – »Um Gotteswillen nicht!« entgegnete Dagobert ängstlicher, und suchte zu entkommen; allein im Nu drehte sich auch Reginens Gesicht nach dem seinigen, und die Flucht mußte unterbleiben. Das anmuthige Geschöpf, obschon in dessen Zügen eine zarte jungfräuliche Verwirrung ihre Rosensaat ausgestreut hatte, neigte sich freundlich gegen den Erkannten, und faltete wie flehend die zierlichen Hände, mit der Bitte doch absobald näher zu treten. Dagobert konnte sich der Einladung nimmer entziehen, und näherte sich fragenden Blicks. Regina flüsterte ihm hierauf rasch und heimlichst in das Ohr: »Ach, mein lieber, ehrenwerthester Junkherr! Ihr erscheint, recht wie ein Engel, mir zum Troste. Die blasse Kunigunde dort, eine liebe Gespielin von uns allen hier Versammelten, geht zum Advent in's Kloster, und sie soll ein Andenken von uns Allen haben. Ringe sind der Freundschaft Sinnbild und Kette, sagt man. Eine jede hat daher einen goldnen Reif erhandelt, zum Geschenk für die Freundin, und auch ich nicht minder; da gewahre ich jetzt erst, daß mir ein böser Mensch meiner Wetscher vom Gürtel gestohlen hat. Meine kleine Baarschaft war darinnen, und doch möchte ich von dem Goldschmied nicht als eine leichtsinnige Käuferin oder Borgerin angesehen, noch von des Vetters hochnäsigen Töchtern ausgespottet werden. Werdet Ihr daher Bürge für mich, lieber Junkherr. Die Mutter wird, sobald als ......« – Die Liebliche durfte[267] nicht ausreden, und schon hatte der Kaufmann, was ihm gehörte. Wie nun Dagobert bemerkte, daß sein Gefährte mit den übrigen Jungfrauen in's Gespräch getreten war, und diese Letztem begierig auf die Fabeln horchten, die des Edelknechts ruhmrediger Mund zum Besten gab, so sprach er ferner zu der dankbar bewegten Regina: »Ihr werdet mir doch wohl erlauben, mein anmuthiges Fräulein, daß ich den Augenblick, in dem ich so glücklich war, Euch einen geringen Dienst zu erweisen, ebenfalls an eine Kette legen darf, wie Ihr mit dem Gedächtniß Eurer Freundin zu thun begehrt? Der einfache Goldreif taugt immerhin für die Nonne, die nur in stiller Zelle dergleichen Weltherrlichkeiten beschauen darf; Euerm Liebreiz und Eurer freien Jugend gebührt jedoch ein schönes Geschenk.« – Somit langte er mit sicherm Finger in des Goldschmieds Vorrathskasten, und holte den allerschönsten Ring heraus, der sich unter den übrigen ausgenommen hatte, wie ein König unter seinen Vasallen. Er war von wälscher Arbeit, und hielt einen Saphir umfaßt mit einer herrlichen Krone von Gold und Perlen. Regina wußte nicht, wie ihr geschah, als ihr Dagobert das blitzende Kleinod an den Daumen schob, wo die vornehmsten Frauen ihre Prachtringe zu tragen pflegten, und mit einem gewissen Befremden, mit einer süßen ahnenden Lust jedoch zugleich, sah sie auf das Juwel hernieder, ohne mit Worten es anzunehmen, ohne sich dessen mit Worten zu weigern. Der Goldschmied pries indessen die Freigebigkeit, mit welcher Dagobert ihm seine Forderung bewilligte, erzählte mit geläufiger[268] Zunge, daß solch ein Wunderwerk in deutschen Landen nicht gefertigt worden, sondern, daß Neapolis dessen Heimathland gewesen; daß vor einem Jahrzehnd ungefähr eine vornehme Frau dieses Kleinod nebst vielen andern bei ihm verpfändet, und auch nach verstrichener Lösefrist gelassen habe, und setzte schelmisch lächelnd und flüsterlich hinzu: »Der gestrenge Herr möge nicht übersehen, daß dieser Ring ein Verlobungs- und Ehereif sey.« – Unangenehm überrascht sah Dagobert nach dem Kleinod hin, welches Regina so eben wieder vom Finger zog, und sinnig lächelnd betrachtete. »Ja, ja, ....« lispelte sie, wie in einem holden Traum befangen, vor sich hin: »Das war er .... der war gemeint; ....« – wandte sich dann zu Dagobert, und sagte mit einer Verneigung: »Es ist vielleicht nicht recht, mein edler Herr, daß ich von Euch ein Geschenk empfahe, und obendrein will sich ein köstliches, wie dieses, für mich nicht ziemen, aber dennoch behalte ich den Ring und danke Euch. Wollt mir jedoch nicht zürnen, wenn ich ihn nicht am Finger trage, sondern der Nonne gleich, in einsamer Zelle nur beschaue.« – »Thut, wie's Euch gefällt,« entgegnete Dagobert sichtlich erleichtert; »Doppelt geehrt ist ein Geschenk und dessen Geber, wenn man es der stillen Aufmerksamkeit würdigt, ohne sein im alltäglichen Gebrauche zu vergessen.« – Regina warf einen verlegenen Blick auf den Jüngling, und der Ring verschwand schnell in dem golddurchwirkten Mieder. Nun erst besann sich das Fräulein auf ihre Gespielinnen, allein diese waren indessen dem schwatzhaften Gerhard bis an die[269] Ecke der Straße gefolgt, wo ein Wildbär in starken Ketten tanzen mußte, um welches Schauspiel sich eine Fluth von Neugierigen drängte; Dagobert schlug seiner holden Gefährtin vor, sie dahin zu führen. – »Was soll ich in dem wilden Gewühl?« fragte sie sanft und mit leuchtenden Augen: »Vor Allem, was soll ich jetzt dort? Führt mich lieber zu unsrer Wohnung, guter Junkherr. Die Mutter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen.« – »Ei,« lächelte Dagobert: »der Ton mit dem Ihr langsam und gezogen diese Worte spracht, ließe mich beinahe das Gegentheil vermuthen. Wie kommt es überhaupt daß Ihr, die Herrlichkeit der Messe anzuschauen, in Eures steifen Vetters Haus gezogen seyd, welches in abgelegner, finstrer Gasse steht, und nicht vielmehr in das unsrige, mitten im Gewühl emporragende, in welches Euch obendrein der Mutter und des Vaters freundliche Einladung berief?« – Regina betrachtete im Gehen verlegen die Schnabelspitzen ihrer Schuhe, und antwortete anfänglich gar nicht. Alsdann erwiederte sie zögernd: »Fragt mich doch nicht, ehrsamer Herr. Ich kann Euch ja hierauf nicht berichten, und ich darf es ja auch nicht.« – »Ihr kommt mir räthselhaft vor,« versetzte Dagobert, dem die Wangen heiß wurden, ohne daß er sich bewußt war, warum: »Hingen Eure Augen nicht so fest am Boden hin, wie Eure zierlichen Füßchen, ich möchte wohl die Wahrheit in ihrem klaren Spiegel erforschen. Ein Kummer scheint Eure heitre Stirne zu trüben. Was ist's, daß Euch ein Kind des Himmels zu bekränken vermag?« – Regina seufzte schwer, und entgegnete so[270] leise, daß kaum der lauschende Dagobert sie vernahm: »O Herr, auch ich habe meinen Gram, wie jeder andre Mensch, ... wie Ihr zum Beispiel selber, Junkherr.« – »Wolle Euch doch der Himmel vor solchen Leiden bewahren!« rief der junge Mann erschrocken: »Eure Leid ist nur das eines harmlosen Kindes, und vergeht schnell wie der Märzschnee, aber ich, ich sehe meinem Trübsinn kein Ende.« – Da blickte ihn Regina von der Seite an, mit einem Gesichte, als wollte sie sagen: Schelm! Du solltest ewig grämlich bleiben? – Ihr Mund sprach aber zu dem Betroffenen die Worte: »Nehmt Euch zusammen, Herr. Macht doch Euch, euern Ältern, und nur Euern Freunden wieder Freude. Glaubt mir, euer Trübsal wird sich endigen, und bald, sage ich Euch.« – »Ho, mein Fräulein,« versetzte Dagobert leicht scherzend: »Seyd ihr etwa eine weise Sybille, die in der Zukunft oder in den Sternen liest? Prophezeit mir nur recht viel Gutes, reizendes Wunderkind. Was Eure Kirschenlippen verkunden, muß der Himmel verwirklichen, wie eines Engels Ausspruch.« – Regina schüttelte heimlich lächelnd den Kopf und erwiederte: »Ihr redet heidnisch, denke ich. Hier bedarf es jedoch nur einer tröstenden Zuversicht. Ich habe meine Sache auf die heilige Mutter gestellt, und sie wird mir gnädig seyn, das weiß ich; seit einer Stunde weiß ich's ganz gewiß.« – »Seit einer Stunde?« fragte Dagobert neugierig und ahnend: »O, mein Fräulein, Ihr versteht es, einen ehrlichen Burschen auf die Folter zu legen. Wer hat Euch denn gesagt ....?« – »Der Ring,[271] den Ihr mir gabt, hat mir Alles gesagt;« platzte Regina heraus, und setzte schnell hinzu, gleichsam, als fürchte sie, für ihr Zartgefühl zu viel gesagt zu haben: »Nun aber kein Wort mehr, guter Junkherr. Seit die Glocken läuten, stehen wir schon an des Vetters Thüre. Wenn die Mutter mich sah, so ergeht mir's nicht gut. lebt wohl, mein Freund; ich sende Euch durch Ammon, was Eure Güte für mich ausgelegt.« – »Warum diese Erinnerung zum Abschiede?« fragte Dagobert, dem es jetzt schwer fiel, sich von der Anmuthigen zu trennen: »Sagt mir lieber, ob ich Euch nicht wiedersehe? sagt mir, wann es geschieht.« – »Ihr fragt mich zu viel,« antwortete Regina eilig und ernsthaft: »daß wir uns aber wiedersehen .... verlaßt Euch darauf.« – Mit diesen Worten war sie innerhalb der Pforte verschwunden, und Dagobert's Auge starrte ihr nach in den dunkeln Gang, in dessen Hintergrunde ihr flatterndes Gewand von dannen rauschte. Eine rauhe Stimme ließ sich hinter ihm mit einem gezogenen: »Guten Tag, edler Herr!« vernehmen. – »Wie? Du hier, altes wildes Gesicht?« fragte Dagobert den begrüßenden Ammon, der mit einem Korbe beladen, in's Haus wollte. – »Euch zu Diensten, gestrenger Junker!« antwortete der Alte. »Mögt zugleich wissen, daß auch die Edelfrau zu Frankfurt ist, und in kurzer Frist hier seyn wird. Sie folgt mir auf dem Fuße. Laßt Euch hier nicht von ihr finden, Herr.« – »Warum denn nicht, alter Jäger?« – »Als ob Ihr's nicht wüßtet!« versetzte hämisch lächelnd Ammon: »Ihr verrückt Getauften[272] wie Ungetauften den Kopf, und das Schlimmste bei der Sache ist, daß Ihr ausseht, als hättet Ihr nimmer ein Wasser getrübt.« – »Du bist toll, Alter.« – »Ich nicht, aber das Fräulein wohl mit mitunter, denn es spricht nur von Euch, denkt nur an Euch, und ich wette, seine Träume sind nur von Euch, und da Ihr dennoch ehelos bleiben wollt, was soll die Mutter anders thun, als die Tochter hüten vor Eurer gefährlichen Nähe? Macht, daß Ihr von dannen kommt. Ihr wißt nun zu Deutsch, was die Glocke schlug, und mögt Euch darnach richten. Gott befohlen. Dort kömmt die Frau von Dürning.« –

Dagobert konnte sich selbst nicht Rechenschaft geben von der innern Gewalt, die in seiner Seele aufbrauste, und ihn von dannen riß vor der nahenden Edelfrau, wie ein gescheuchtes Reh vor dem Jäger, wie einen flüchtigen Feind vor dem Verfolger. Genug, er entging den Blicken der Frau von Dürning schnell und gewandt, und holte erst in der dritten engen Nachbargasse Athem, um zu überlegen, warum er eigentlich die Flucht ergriffen. »Habe ich denn ein böses Gewissen?« fragte er sich aufrichtig und ehrlich, und glaubte, die Frage verneinen zu dürfen. »Weßhalb also diese plötzliche Scheu? Wenn ich glaube, was mein Herz mir zuflüstert, so fürchte ich, daß Regina meiner Nähe gefährlich werden könnte. Und welcher tückische Geist mußte mich verleiten, ihr das Geschenk zu bieten, das, ich fühl' es, plötzlich zu einem geheimen zauberischen Bindemittel zwischen uns geworden ist; der Ring einer Kette, die uns zu vereinen strebt, obgleich ich selbst dadurch zerrissen[273] werde in zwei sich abstoßende Hälften? Gehört denn nur ein Augenblick dazu, die Vorsätze eines Mannes zu zertrümmern, ein geliebtes Bild zu vernichten, und ein andres an dessen Statt aufzustellen? nur ein Augenblick, um mit Schaam die Blicke zu verschleiern, die noch vor ganz kurzer Frist frank und offen einem Jeden unter den Helm sahen? – Nicht doch, Dagobert;« setzte er hinzu, und ermannte sich gewaltsam: »Was dir den Mangel an Selbstgefühl und Selbstvertrauen zuflüstert, – das ist nicht ... nein! das ist nie gewesen. Esther! Deine Vorurtheile, Deine Härte haben Dich von mir geschieden, aber mein Herz wird Dir dennoch immer sehnsüchtig nachweinen. Du hast meine Brust zerfleischt, aber diese Brust fühlt bis zum letzten Lebensfunken nur für Dich. Den Schwur, den ich Deinem Angedenken leistete – ich will ihn halten. Vom Altar riß mich das Flehen meines Vaters, aber nicht in die Arme einer Gattin soll sein Befehl mich stoßen, so lange Du lebst, Geliebte, – und wie könnte ich Dich überleben? – so lange Du mir treu bleibst, trotz Trennung und Glaube, – und wie könnte mein Gehirn so wahnsinnig und verbrecherisch seyn, Deine Untreue nur möglich zu achten?« –

Dagobert, nachdem er auf diese Weise mit seinem Gefühl und Gewissen in's Reine gekommen zu seyn glaubte, bemerkte, daß sein Selbstgespräch, oder vielmehr die Geberden, mit welchen er dasselbe begleitete, Zuschauer an die kleinen Fenster der umstehenden Häuser gezogen hatten. Er schämte sich deßhalb, hier ein Schauspiel gegeben zu haben und eilte[274] mit hastigen Schritten, in der nächsten Kirche seine brennende Wange zu verbergen und die Heftigkeit seiner Gemüthsbewegung zu mäßigen. Da er nun eben mit dem eisigen Weihwasserborn seine glühende Stirne kühlte unter dem Zeichen des Kreuzes, kam ihm aus dem Halbdunkel des Betgewölbes, in welchem sich – die Mittagsstunde nahte – nur wenige Gläubige befanden, eine Frauengestalt entgegen, die, bekannt und freundlich zwar, ihm schon lange eine Gleichgültige geworden war; jetzo aber, Dank sey es den feierlich vorragenden Schatten des Gotteshauses und der vorhergegangenen Gewissensforschung, einen neuen Werth für ihn erhielt. – »Ei, mein Bäschen!« fragte er leise und vertraulich, die Hand der Entgegenkommenden fassend: »Bäschen Fiorilla! unter dem Dache des Herrn begegnen wir uns, was unter dem unsrigen fast nimmer zu geschehen pflegt. Woher, wohin, mein Kind? plaudre mir die Grillen weg durch ein paar süße wälsche Worte, Bäschen. Wir sind hier ungestört und zu Hause meidest Du mich ohnehin wie das Fieber.« – »Wir meiden uns gegenseitig;« lächelte Fiorilla: »Ihr, weil Eure Schwermuth jede, vor allen weibliche Gesellschaft flieht. Ich, weil meinem Herzen nichts gefährlicher ist, als der Anblick eines traurigen Jünglings, der von Liebesgram verzehrt wird. Heute indessen kommt Euer Zusammentreffen mir erwünscht. Für's Erste darf ich Euch Lebewohl sagen. Morgen scheiden wir.« – »Scheiden?« fragte Dagobert zerstreut: »wer denn? Du von mir?« –[275]

»Der höchwürdige Oheim und Prälat,« versetzte das Mädchen; »und in seinem Gefolge ich, seine treue Dienerin.« – »Ja, ja,« sprach Dagobert wie oben, und Fiorillen theilnehmend ansehend: »Ja, gute Fiorilla. Du bist dem Satan verfallen auf immerdar. Weine nicht, mein Kind, ich habe es nicht böse gemeint, und um der Taufe willen muß man sich auch schon etwas gefallen lassen. Zürne mir nicht, und sage mir lieber, was den Ohm forttreibt? Er vermißt gewißlich hier das wälsche Ungeziefer, die wälsche Zaunkönigskost, und unser Rinderbraten ist ihm ein Gräul geworden. Nicht also?« – »O nein, bester Dagobert;« erwiederte Fiorilla: »er thut nur, was ihm einzig übrig bleibt. Er hat von der Nichte wieder angenommen, was er ihr einst großmüthig abgetreten, sein Gut zu Baldergrün; zu glücklich, auf einer deutschen Hufe sein Leben beschließen zu können, da zu Cesena Glück und Ehre ihm verloren ging. Vorbereitungen zu unsrer Reist zu treffen, hatte ich das Haus verlassen, und bin erfreut, auf der Rückkehr von den Geschäften Euch zu begegnen, bester Junherr!« – Mit feuchtem Blicke drückte sie die Hand des Jünglings, und zog ihn in einen stillen Winkel des Gebäudes, wo selbst noch Vorübergehende die Sprechenden nicht leicht gewahren mochten. – »Zugleich,« spann sie dort den Faden des Gesprächs weiter, ... »zugleich bin ich entzückt, vom Zufall in den Stand gesetzt zu seyn, Euch eine Kunde mitzutheilen, die, je schmerzlicher sie Euch im Augenblicke betroffen mag, um so wohlthätiger in ihren belohnenden Folgen sich bewähren wird.« – »Eine[276] schmerzlich Kunde?« fiel Dagobert ein: »Ich bin des langsam fressenden Leids schon gewohnt, und sehne mich nach einem harten Schlage des Schicksals; der durch seine Übermacht meine Sehnen wieder spanne und aufwecke zum Widerstand. Indessen scheint Dir vielleicht schmerzlich, was mir gleichgültig geworden. Vater, Mutter und Neffe leben und freuen sich des Lebens. Da bin ich also nur von einer Seite verwundbar, und diese wird Dein Pfeil nicht treffen.« – »Und wenn ich Euch den Namen: ›Esther‹ nenne?« fragte Fiorilla langsam, ihm prüfend in's Auge sehend. Seine Farbe veränderte sich mit einemmale, seine Hand fuhr nach der Brust, und ohne zu reden, nickte er der Freundin zu, ihre Mähr anzuheben. – »Esther ist hier,« sprach Fiorilla gemäßigt: »ich habe sie gesehen, gesprochen. Der Zufall führte mich heute bei ihr ein, wie einst zu Costnitz meine Neugier.« – »Hier? gesehen, gesprochen?« stammelte Dagobert, mit ängstlich wartendem Auge des fernern Berichts lauschend. – »Ihr früheres Unglück in dieser Stadt zwingt sie, in Verborgenheit zu leben,« fuhr Fiorilla fort: »aber, wär' auch dieses nicht, ... Euch, Dagobert, würde sie nimmer sehen, und Ihr letztes Lebewohl Euch zu bringen, hat sie mich beauftragt.« – Dagobert fühlte nach seiner Stirn, um sich zu überzeugen, daß er wach sey, daß er lebe, daß er selbst es sey, der Alles dieses höre, entgegnete aber keine Sylbe. Fiorilla sprach weiter: »Ihr würdet sie kaum mehr erkennen, denn selbst das scharfe Auge der Liebe würde geblendet seyn, von der Pracht, dem Überfluß, welche die Holde umgeben. Wie eine[277] Königin des Morgenlandes stand sie vor mir und sprach von Euch in Worten der Liebe, der in Freundschaft übergegangenen Liebe.« –

»Also nicht im Elend?« sprach Dagobert, leichter Athem schöpfend, und Fiorillens letzte Worte überhörend, vor sich hin: »Gottlob! – Und auch nicht gut;« setzte er mit Thränen im Auge hinzu: »Bin ich nicht der Bewahrer ihrer Habe? Die Grausame! als Bettlerin hätte sie mir wohl ihren Augenblick gegönnt, und des Herzogs Geld gefordert. Im Schooß des Reichthums verschmäht sie das falsche Erz und den treuen Freund.« – »Sie schont den letzten,« entgegnete Fiorilla, »und trägt billige Scheu, vor ihm zu erscheinen.« – »Wie?« fragte Dagobert mit voller Glut der aufflammenden Liebe: »sie zweifelt an mir? Hat sie mich denn jemals geliebt, wen sie dieses kann? Weiß sie nicht, daß Liebe unendlich ist, wie die Sonne, und so mild, wie diese? Sie hat mich zum Tode betrübt durch ihre Flucht, durch diese entsetzliche Täuschung meiner Hoffnung, aber sie ist's allein, die ich im Herzen trage. Sie kehre wieder; kein Vorwurf betrübe sie, sie bettle nicht um Vergebung. Sie sey mein, sie werfe endlich Starrsinn und Vorurtheil weg; sie empfange die Taufe des Herrn, und vor aller Welt sollen unsre Hochzeitskerzen brennen!« –

»Zu spät!« seufzte Fiorilla dazwischen, aber der leidenschaftliche junge Mann fuhr heftig fort: »Zu spät? warum? Sind wir denn in den wenigen Monden unsrer Trennung steinalte Leute geworden? Findet sich kein Priester mehr, sie aufzunehmen in[278] den Bund der Christen, zu segnen den unsern? O Fiorilla, ich vertraue Dir ganz. Du hast gewiß zu meinem Vortheile geredet, aber die Sprache der Freundschaft überredet nicht wie die der Minne. Sprich, wo ist sie? wo finde ich ihre Wohnung? Den Feinden sey sie verborgen, dem Freunde nicht, daß er zu ihr rede, daß er sie umgarne mit den Zauberworten seines Mundes, daß er sie wider Willen führe zum Glück!« – »Zu spät;« wiederholte Fiorilla mit Thränen des Mitgefühls im Auge: »indem wir sprechen, entführten leichte Rosse die Schönste ihres Volks diesen gefährlichen Mauern. Sie wird Euch nimmer wiedersehen; aber ...« fügte sie langsam und eintönig hinzu: »des Herzogs Gold mögt Ihr bereit legen. Ihr Mann wird es heute noch bei Euch abholen«. – Dagobert's Sinne drohten zu vergehen, und kalter Todesschweiß trat auf seine Stirne. Aber sich ermannend, drückte er grimmig Fiorillens Hand, und fragte mit bebendem Munde: »Wie sagtest Du? Ihr Wann .... ihr Mann? O wiederhole mir dies Schreckenswort.«

»Einmal mußtet Ihr's doch erfahren;« versetzte Fiorilla, die niederschlagende Rede mildernd, so gut es in ihrer Kraft stand: »ihr Ehemann, der Wechsler Joël von Lüttich, des Bischofs rechte Hand in Geldsachen, und reich, wie der griechische Kaiser. Esther's Bruder zwang sie, dem reichen Manne die Hand zu reichen, obschon ihr Herz geblutet. Allein, da der Bruder Gewalt über sie hat an Statt des noch bis heute räthselhaft verschwundnen Vaters, und keine Möglichkeit, Euch je mit ihr vereint zu sehen,[279] sich zeigte, so ergab sie sich endlich in den Willen des Bruders und des Geschicks, und wurde Joël's Weib. Seit drei Monden vermählt, ...« setzte Fiorilla schonend hinzu, »hat sie den redlichen Mann, wie sie versichert, lieben gelernt, und um so sichrer den Unverstand der ersten Liebe eingesehen, die niemals belohnt worden wäre. Sie wird Mutter werden .....«

»Genug!« versetzte Dagobert mit bewegter Stimme: »genug; obgleich diese letzten Worte mich nicht mehr erschüttern. Das Erste war allein vermögend, mich noch einmal zum Kinde zu machen, das, ohnmächtig und lächerlich zugleich, seine schwache Wuth gegen den grollenden Gewitterhimmel auslassen möchte. Esther abgewichen von der Bahn der Treue, von dem Gelübde, das ihr das eigne Herz aufgedrungen haben mußte, that es auch kein fremder Mund? Das heißt Alles in sich fassen, das ein Männerherz zermalmen oder heilen kann. Und an diesem unerwarteten Schreckniß soll mein Herz nicht zerschellen. Genesen soll es, wie der Kranke, dessen Wunde ein glühend Eisen ausbrennt, mit schmerzlich wohlthätiger Gewalt; ... wie der Vergiftete, dem der besonnene Arzt ein schrecklicheres Gift aufzwingt, damit es mit dem verderblichen Vorgänger in den Kampf gehe und ihn überwinde. Alle Segenswünsche der Erde über Dein Haupt, Fiorilla. Das Messer Deiner Rede hat tief in meine Seele geschnitten, daß sie gesunde. Über Dein Haupt der Segensruf der Glücklichen, die ich jetzo machen werde und machen darf.« – »Wie verstehe ich Euch?« fragte Fiorilla neugierig[280] und besorgt nach der Hand des Entweichenden greifend. – »Es ist das Leichtste und das Angenehmste von der Welt;« erwiederte Dagobert mit bitterm Lächeln: »ich will das vierte Gebot erfüllen und thun, wie mein Vater will, und meine zweite Mutter begehrt. Die Frau des Juden Joël ziehe immerhin gen Lüttich, wie der Ohm nach Baldergrün. Mit der Erstern sey der Gott der Barmherzigkeit und der Vergebung Engel, für den Zweiten mag meine fromme Schwester beten. Ich aber für mein Theil, will hingehen und, ein gehorsamer Sohn, die Ältern fragen: Wo ist die, die ich freien soll? Zeigt und nennt sie mir, daß ich thue nach euerm Willen.« – »Ihr wolltet wirklich ...?« fragte Fiorilla halb fröhlich überrascht, halb ängstlich: »Ohne zu wählen, ... ohne zu überlegen..,?« – Dagobert zückte spöttisch die Achseln. »Hatte ich nicht schon gewählt, und stehe jetzo doch allein?« fragte er: »Laßt mich gewähren. Die Zeit eilt. Die Stunden sind gezählt, wie meines Vaters graue Haare. Ehe er von hinnen geht, soll er Freude an seinem Sohne erleben, und wenn mir auch das Herz darüber bräche. Leb' wohl, Fiorilla, und habe Dank.«

Fußnoten

1 Der Ort, in welchem der Rath diese Personen gebannt hatte. –


Quelle:
Carl Spindler: Der Jude. 3 Bände, Band 3, Stuttgart 1827, S. 281.
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