Neuntes Kapitel.

[203] Wenn die Noth am größten, ist die Hülfe am nächsten!

Sprichwort.


Im Scheine des gelblich flammenden Abends saß Bilger von der Rhön an einem Fenster des Deutschordenshauses, das hinaussah auf die wallende Fluth des Stroms, und vor dem die Schiffe und Kähne, die darauf zu Berg und zu Thal tanzten, sich tummelten, wie die Fischlein im Grunde ihrer nassen Heimath. Aber das lustige und rege Leben auf Strom und Brücke regte den in kummervolles Nachdenken Versunkenen nicht an, sondern vermehrte nur seinen Schmerz, sich hinausgestoßen zu wissen aus der Mitte des Volks, geächtet, seiner Freiheit, seiner Ehre, seines Lebens selbst am Ende verlustig. Er sah voraus, wie alles um ihn her sich noch schwärzer und düstrer gestalten würde, als es schon bis jetzt geworden war, und seine lebendige Einbildungskraft zeigte ihm hinter den Gefahren der Gegenwart und der Zukunft die Gestalten seiner Lieben, wie sie, gleich verwiesenen Engeln, ihre Hände ausstreckten nach dem[203] Vater und Freund, ohne ihn retten, oder an sich ziehen zu können. Bei diesen trostlosen Gedanken überraschte ihn manchmal auch der verzweifelnde, einen Weg zum Strom zu suchen, um darin alles Kummers und Elends auf einmal quitt zu werden. Dieser Gedanke, – in seiner Fürchterlichkeit dem Gefolterten ein Freund, hatte ihn von der Tafel des Komthur's gejagt, dessen rohe und leichtsinnige Reden, im Verein mit der Schlemmerei in Mahl und Trunk, welche die drei Herren des Hauses trieben, seine Brust grausam verletzt hatten. Die deutschen Herren jener Zeit, sowohl Ritter, als Amtleute und Geistliche waren in ihrem Übermuthe, der sich auf die Reichthümer, die Gewalt und Vorrechte ihres Ordens gründete, weit über alle Schranken gegangen. Hang zum Wohlleben, Habsucht und Willkür waren die bezeichnenden Eigenschaften der größern Mehrzahl der Ordensglieder, die vom Volke nicht geliebt, aber wohl gefürchtet wurden, um ihrer weit um sich greifenden Macht willen. Unter den Schwelgern und Trotzköpfen, die der Orden aufzuweisen hatte, stand der Herr von Issing in der vordersten Reihe. So wie er der Tapfersten einer im Felde war, ... seinem Muthe verdankte er die Komthurei, – so war er im Frieden einer der Stolzesten und Unverträglichsten, der mit Härte und Eigenmächtigkeit Alles durchsetzte, was zum Besten des Gesammten war, sollte auch Recht un gut Andrer dabei zu Grunde gehen. Ohne ein böses Herz zu haben, besaß er doch alle Untugenden eines zum Laster aufgelegten Mannes, und vom Augenblick, von der Laune,[204] die dieser ihm gerade einflößte, hing der Werth seiner Handlungen ab. Eine gutmüthige Rohheit sprach sich in ihm aus, hatte er gerade seine beste Stunde; kalte Unbarmherzigkeit oder grausamer Zorn brachte vielleicht die nächste, minder günstige. Von frühster Jugend an den Weibern ergeben, hatte er seine höchste Glückseligkeit in den Ausschweifungen sinnlicher Liebe gefunden. In seinen männlichern Jahren hatte sich die aufkeimende Lust an Schmaus und Gezech mit Frau Venus und ihrem Gefolge in sein Herz getheilt, und bei der wohlbesetzten Tafel war es immer, wo er seine unbändige Fröhlichkeit frei daher gehen ließ, seine Scherze, nicht die zartesten, freigebig auftischte, und gleich wilde Lustigkeit von seinen Tischgesellen verlangte. Der Pfaffe des Hauses, ein rüstiger Trinker, ließ sich nicht lange auffordern, Issing's Farbe zu tragen, und der Trappierer, ein durchtriebener Schelm, voll Geiz und Schlauheit versäumte nicht, dem Komthur, von dessen Nachsicht er mancherlei Vortheile bei seiner Amtsführung erwartete, dienstfertig zu höfeln, und ihn schier noch zu überbieten in schwelgerischer Eßlust und unziemlichen Reden. In der Mitte dieser Männer konnte einem Unglücklichen unmöglichst wohl seyn, da die grausame Rohheit der Genossen immer wie mit eiserner Faust an das wunde Herz des Armen griff; und Bilger vollends hätte gewünscht, einer jener dürftigen Unglücklichen zu seyn, denen man, um eines Verbrechens willen, zwar die Freistadt im Hause gönnte; um welche man sich aber nicht bekümmerte; denen man überließ, für ihr Obdach und ihren Unterhalt so gut zu sorgen, als sie[205] konnten. Der Komthur hatte aber seinen Stolz darein gesetzt, gegen den Herrn von der Rhön von der freundlichsten Bereitwilligkeit zu seyn, und ihn zu halten, wie es sein Stand und sein Name wohl verdiente. Daher mußte Bilger eine stundenlange Qual an dem tische des Hauses aushalten, und sich, wie ein Dieb, bei guter Gelegenheit fortschleichen, um ungestört seiner Traurigkeit nachhängen zu dürfen ... Zwar war dieses Alleinseyn schmerzlich, aber des Unglücklichen einzig Eigenthum bleibt ja nur noch sein Schmerz. Bilger horchte also nicht auf die fern her gellende Stimme des Ordenspriesters, der in trunknem Muthe die Hymne an den heiligen Johannes, den Patron der Sänger1, zum Besten gab, sondern er lauschte auf die angstvollen Schläge seines Herzens, auf die Geisterstimmen, die klanglos, aber verständlich zu seinem Ohre sprachen, und sah nicht, wie es dämmerte immer mehr und mehr. Aber das Geräusch welches der eintretende Komthur machte, rief ihn zurück aus der Welt seiner sehnsüchtigen Träume. – »Ei! bei den Dornen und Wunden unsers Herrn!« rief der Herr von Issing: »von der Rhön! was ficht Euch den an, den einsamen Saal hier unserer heimlichen Eßstube vorzuziehen? Schickt doch Eure Grillen zur Hölle. Meint Ihr denn, die alten Ordensherren, deren gemalte Gesichter uns so kriegerisch[206] anglotzen durch den dämmerigen Abendschein, werden Euch helfen aus der Noth? Die Lebenden sind's, auf welche Ihr hoffen müßt, und so lang Ihr unter dem Schutze des Kreuzes steht, soll Kaiser und Reich die Hand von Euerm Leibe halten. Seyd demnach hübsch munter, und – behagt Euch etwa unsre Kumpanei nicht, so sagt's nur frisch heraus, von Brust und Leber: ich kann Euch auch wohl andere Gesellschaft zuweisen, mit welcher Ihr zufrieden seyn möchtet.« – »Herr Komthur!« antwortete Rudolph ernsthaft: »mein Unglück hat mich unter Euern Schirm gebracht; doch gewinnt Ihr nicht dadurch das Recht, meiner und meines Grams zu spotten. Bedenkt, daß von Euch selbst alles Übel meines Lebens seinen Ursprung nimmt.« – »Nun, bei meinem Eid!« lachte Issing schonungslos: »es ist lustig, daß Ihr mir aufbürden wollt, was Eure freie Wahl und eines schlechten Weibes Niederträchtigkeit verschuldet hat; indessen, weil Ihr unglücklich seyd, nehme ich's nicht so genau, und behaupte Euch ruhig in's Angesicht, daß ich Eurer nie gespottet habe, und nimmer spotten werde. Der Zufall erlaubt mir, Euch sogar gute Botschaft zu bringen. Aus dem Weißfrauenkloster erhalte ich Kunde, daß Wallrade nicht gestorben, daß sogar die Hoffnung gehegt wird, sie zu heilen und ihr Leben zu erhalten. So wenig ich es der Elenden gönne, so lieb mag's Euch seyn, daß sie ein Katzenleben hat.« – »Wirklich?« fragte Rudolph mit frohem Blicke: »sie lebt wirklich noch? O habt Dank, Herr von Issing, daß Ihr meiner Seele dieses Labsal brachtet. Meinen Hals befreit[207] die Kunde freilich nicht, aber mein Gewissen wird leicht dagegen und gesünder. Habt Dank. Könntet Ihr mir nur gleich gute Mähr von meinem Kinde bringen, ... von meinem Weibe ... o Gott!« – Bilger ließ den Kopf, auf die Brust, die Hände in den Schooß sinken, und schwieg seufzend. Der Komthur zuckte die Achseln, und sprach: »Davon weiß ich nicht, mein Freund. Vielleicht wäre jedoch der Bote besser unterrichtet, der vom Kloster nach unserm Hause kam. Wär's Euch recht, ihn zu sehen, selbst zu sprechen? Man mag ihm wohl vertrauen, sonder Gefährde!« – »Zwar sollte ich jeden Menschen scheuen,« entgegnete von der Rhön: »allein, – ob ich mich jetzo nenne, ob nicht; es ist gleichviel. Lebt Wallrade noch, o so hat ihr Mund mich genannt; Gundel hat mich verrathen, Dagobert gegen mich gezeugt; ich darf fürder nicht hoffen, unerkannt mein Leben zu lassen, ohne Schande für meines Hauses Wappen! Verstattet mir daher, den Mann zu sehen, Herr Komthur.« – »Gern!« antwortete dieser, und stieß mit des Schwertes Scheide auf den steinernen Boden, daß es an der Decke des Saals wieder hallte, worauf die Flügelthüre sich öffnete, und ein blendender Kerzenschimmer hereinstrahlte.

Die plötzliche Helle schloß Bilger's Augenlied, aber schnell eröffnete er es wieder, als eine süße Stimme seinen Namen rief, und die Freude rüstete ihn mit starkem Arme empor, da seinem Blick hinter dem Diener, der die Kerzen hereintrug, die Gestalten sich zeigten, die seine Einsamkeit schon diesen Abend besucht hatten; diesmal aber keine vergebens[208] nach ihm sich sehnende Engelsbilder, sondern lebende, verkörperte Gestalten, die an sein Herz flogen, die ihn mit Liebesarmen umschlangen, und ihm abwechselnd zuflüsterten oder zujubelten: »Gatte! Vater! wir sind hier, ... wir, Dein Weib, Dein Kind! Wir sehn Dich wieder!«

Rudolph's Augen, vor Kurzem noch überfließend von den Zähren des Jammers, strömten nun über von den Thränen der Freude, der dankbarsten Freude. Aber nicht in seinen Wimpern allein hingen diese köstlichen Perlen des Gefühls: auch die Gattin schluchzte an seinem Halse, auch die kleine Agnes weinte unter ihren freundlichen Liebkosungen, – und an der Thüre stand die harte Judith, aufgelöst in Rührung; in der Mitte des Saals stand der Komthur und fühlte sein rauhes Herz erschüttert von menschlicher Bewegung. Die Glücklichen, die sich wiedergefunden hatten, vergaßen die Zeugen um sich her, und verloren sich in Fragen und in Antworten, in dem Labyrinth der Rede, welche der laute Herold des innern Gefühls ist. Ach, nun erfuhr Rudolpf, daß Katharine von seiner ersten Ehe wußte, wenn gleich nicht das Daseyn des Knaben Johannes. – Diese Künde war ein bittrer Tropfen in Bilger's Freudenkelch, und er nahm ihn hin wie ein reuiger Sünder, ohne zu läugnen, obschon Katharine mit ängstlichem Blicke dieses Läugnen erwartete, und einer Sylbe von seinen Lippen mehr geglaubt hätte, als allen Schwüren Wallradens, deren entsetzliche Falschheit sie kennen gelernt hatte. Als jedoch Bilger reuevoll um Vergebung bettelte,[209] da wurde aus den schmerzlichen Vorwürfen der Gattin der barmherzige Trost eines Engels, und sie vergab, und forderte ihn auf, sie, und Agnes ferner nicht zu verlassen. »Wer auch jene Andre sey,« rief sie begeistert: »sie liebt Dich nicht wie ich; sie hat Dich nie also geliebt; unglücklich muß sie Dich gemacht haben, denn Du bist denen treu, die Du im Herzen trägst, ... obgleich Du auch von uns gegangen bist, von mir und Deiner Agnes!« – Katharine schwieg schluchzend und kauerte sich zu dem Mägdlein hernieder, um ihre nassen an dessen Halse zu verbergen. Der Herr von der Rhön rief dagegen, den Komthur heftig bei der Hand fassend: »Seht her, edler Herr, seht her; welch ein Weib! Ihr habt nur Sinn für die äußere Blüthe der Frauen, aber ahnen mögt ihr dennoch, was Liebe, was Tugend, was Hingebung und Opfer für den Geliebten sey! Weh mir, daß ich solch ein Herz zu betrüben geschaffen bin, und daß ich noch Schande häufe, auf dieses theure Haupt. Wehe Euch, Herr, denn Ihr habt mich zu jenem abscheulichen Bunde überredet; Ihr gabt dem Zagenden, dem blöden Jüngling die Mittel zur Hand, die Kette unwiderruflich zu schmieden, nach welcher sein ahnend Herz bald verlangte, welche es bald verwarf. O hätte ich doch nimmer die Stunde erlebt, in welcher ich das verhängnißvolle Ja gesagt, hätte ich doch nimmer den dienstfertigen Mönch geschaut, den Eure Hand auf Baldergrün einführte, dessen Segensspruch – der Fluth meines Lebens – dieses edle Weib zu meiner Krebsfrau, dieses holde[210] Kind zu einem Bastard macht, – und mich gefesselt hält an die unselige Wallrade!« – »Wallrade!« schrie Katharine laut auf, und sank von der Überraschung überwältigt, zu Boden. Judith flog auf die Erblassende zu, und mit dem Rufe: »Barmherziger Gott! sie stirbt!« wollte sich Rudolph neben ihr niederwerfen. Issing hielt ihn heftig zurück. »Seyd ein Mann!« sprach er ernst und doch nicht unfreundlich: »das ist nicht der Tod; eine Schwäche blos, aus welcher dieses Weib hier die Unglückliche rütteln mag. Ich dafür will Euch aus einer verderblichern Ohnmacht zum Leben reizen, aus den Ketten einer verderblichen Wahns. Hört mich an, und wohl mir, daß mein Spott am Heiligsten mir gönnt, euch Heil zu verkünden. Wallrade hatte mich unterjocht, und wünschte, meiner fast überdrüßig, und Euch mit flücht'ger Liebe umfassend, eng mit Euch verbunden zu seyn, um den zaudernden blöden Freier unauflöslich an sich zu binden. In einer schwachen Stunde entlockte sie mir den Eid, selbst die Hand dazu zu bieten. Ich konnte nicht zurück, fühlte ich gleich die ganze Hölle, selbst den Segen über die Geliebte und den verhaßten Nebenbuhler sprechen zu müssen. Aber meine Arglist verfiel auf eine Auskunft. Ich wollte Euch binden, aber nur vor Euern Augen; und einst euch niederdonnern mit dem grimmigsten Hohne, Euch erniedrigen vor meiner Verachtung. Der Kirche Segen durfte nur ein Possenspiel seyn, und ein Ordensknecht, der dem Noviziat im Bettelkloster davon gelaufen war, stellte den Mönchspopanz vor, der Euch verband mit ruchloser Spottrede und entweihter[211] Stola.« – »Wie?« stammelte von der Rhön, zurückfahrend. – »Wie die Dinge nachher wurden,« sprach der Komthur weiter, »so war mir's nicht gelegen Euch den Irrthum zu benehmen, denn ich sah Euch unglücklich seufzen unter dem eingebildeten Joche, und meiner Rache Ziel war erreicht. Dieses Stückleins habe ich mich stets gefreut, und Ihr mögt es jetzt meinem weichen Herzen und der Rührung Eures schönen Weibes danken, daß ich Euch den Aufschluß gab. Der vorgebliche Mönch ruht aber längst schon in der Erde. Ein ungeheuerer Polacke hieb ihn neben mir zusammen, in demselben Kampfe, der mir die kahle Stirne eintrug.« – »Komthur!« rief Bilger außer sich vor Freude: »nimmer hat ein Teufel dem Menschen so viel des Übeln zugefügt, als Ihr, schwerverirrter Mann, mir des Guten gethan habt, in böser Tücke. Weib, Gattin, Katharine! erwache und freue dich mit mir. Ich bin Dein, nur einzig und allein Dein Gatte. Keine Fremde hat Theil an mir, und unverletzt ist Deine Ehre, unsers Kindes Herkunft. Mag man mich nun auch von hinnen reißen, mich foltern, und mein Haupt vom Rumpfe trennen, weil ich in blindem Wüthen meinen Feind zu erschlagen begehrte, ... ist doch diese Schuld, die gräßliche Gewissensschuld von mir genommen.« – »Ich bin ein gnädiger Beichtiger!« lachte der Komthur, wieder in seinem Gleichmuth zurücksinkend: »seyd Ihr hingegen ein kluges Beichtkind, und tödtet nicht durch vorlaute Rede die Arme, die jetzt erst mühselig aus der Ohnmacht wiederkehrt. Sie weiß noch nicht, was Ihr begangen, warum[212] Ihr Euch hier befindet. Mitleidig verschwiegen ihr's die Oberin des Weißfrauenklosters, und Wallradens Freunde, damit sie gelinder und gemildert die Unglückspost aus Eurem Munde höre.«

Der Herr von der Rhön schreckte heftig bei dieser Eröffnung zusammen. Das Schwerste war ihm dem nach noch übrig, und langsam mußte er das Geständniß seiner That, die blutige Hoffnung seiner Zukunft den dringender und dringender werdenden Aufforderungen Katharinens entgegensetzen, welche begehrte, er möchte alsobald mit ihr und dem Kinde dies Haus verlassen, und niemals wieder von ihnen weichen.

Die Tiefen des Gemüths, zumal des weiblichen Gefühls, sind unergründlich. Ungleich weniger als der Name Wallradens in obiger Beziehung Katharinen erschreckt hatte, erschütterte sie die Nachricht von Bilger's Schuld und gefährlicher Lage. Trotz ihrem weichen versöhnlichen Herzen fühlte sie eine Art von schreckhafter Freude da sie hörte, daß der Arm des beleidigten, verhöhnten, getäuschten Rudolph's das Werkzeug der Vergeltung gewesen war, daß durch ihn das gerechte Verhängniß die Frevlerin in den Staub gestürzt hatte. Denn ihre Leichtgläubigkeit hoffte aus diesem blutigen Vorgange Wallradens Besserung erwachsen zu sehen, und ihre Unerfahrenheit übersah spielend das drohende Schwert, das über ihres Gatten Haupte hing, an einem leisen Faden hing. Hatte er doch nur im gerechten Zorne das Schwert entblöst, und gebraucht; war doch Wallrade nicht an der Wunde verschieden, und sogar die Hoffnung[213] da, sie wieder herzustellen. Die kindliche Frau glaubte, es müßten recht bald dem Flüchtling die Thore geöffnet werden zum Auszug in die Freiheit; sie dachte schon daran, wie sie vielleicht durch eine Fürbitte die Frist abkürzen könne. Bilger hingegen, welcher wohl wußte, daß der Bruch des Stadtfriedens, das Beginnen des Mordes die strengsten Richter finden würde, und daß die Gesetze der Reichsstadt für den Fremden mit Blut geschrieben waren, schwieg trübe und düster bei den Vorsätzen und Hoffnungen, die Katharine in ihrem wachsenden Muthe an den Tag legte, und konnte es nicht über sich gewinnen, durch ein beifälliges Lächeln die Arme zu täuschen. – »Gute Katharine!« sprach er bewegt: »ich danke dem Himmel aus vollem Herzen, daß er mir das Glück gewährt hat, Euch noch einmal zu schauen, meine Lieben, die ich jetzt mit allem Recht mein nennen kann. Mehr zu begehren geziemt jedoch nicht meiner Schuld, nicht meinem jetzigen Zustande. Ihr habt selbst von den Soldwachen gesprochen, die des Hauses Pforte belagern; Ihr habt mir selbst ihre Wachsamkeit geschildert, die Strenge, mit welcher sie Euch befragten, und den Argwohn, mit welchem sie Euch nachsahen, da Ihr mit Erlaubniß des Komthurs durch dieses Thor eingingt. Diese Wachsamkeit wird sich nur von Tag zu Tag verdoppeln; begierig werden sie die Stunden zählen, nach deren Verlauf ich ihnen verfallen bin, und – ist die letzte verronnen, mir fürder keinen Augenblick mehr schenken. Ihren Ketten entgehe ich nicht, wie mein Haupt dem Spruche des Blutgerichts. betrüge Dich darum[214] nicht mit eitler Hoffnung, gute Katharine. Wir haben uns wiedergefunden, um uns in Kurzem wieder zu verlieren, denn also ist's beschlossen im Himmel, und die Erfüllung dieses Beschlusses schreitet schnell auf Erden.« – »O, was sagst Du, mein Rudolph?« seufzte Katharine aus bangem Herzen: »Du willst mir jede Hoffnung rauben? Du verzweifelst an jeder Rettung?« – »Warum mich hinhalten mit trügerischer Ahnung, mit falschem Vertrauen?« – entgegnete von der Rhön: »Ich bin nur reich durch Euch, meine Lieben! Gold und Silber habe ich nicht; und wo findet der Arme einen uneigennützigen Retter?« –

Der Komthur, der bisher geschwiegen hatte, lächelte hierbei halb spöttisch, halb gutmüthig, und rief: »Bei Kreuz, Dorn und Wunden, Herr! Ihr wißt die Waffen zu führen, habt gekämpft und die Wildbahn beritten wie ein erfahrner Jägersmann, und wollt nicht vertrauen auf das Glück, das so oft da hilft, Wo weder Klinge noch Pfeil noch der Arm ausreicht? Ich bleibe dabei: noch lange habt Ihr Frist, und wer weiß, ob nicht in diesem Augenblicke schon Euer Retter Euch nahe steht?«

Rasche Schritte kamen den Gang herauf, und auf die Thüre des Saals zu. – Mehrere Stimmen wurden laut. – »Ei, zum Donner!« fragte de Komthur: »wer stört uns denn noch am späten Abend?« – Die Antwort auf diese Frage gab der eintretende Oberreiter, der einen Boten des Herzogs Friedrich von Österreich meldete, und welchem auch der bemeldete Bote auf dem Fuße folgte. Von der Rhön fuhr[215] bei seinem Anblick zusammen, denn Dagobert, Wallradens Bruder, war es in leibhafter Gestalt. Mit ungezwungnem Anstande, ohne kaum einen Blick auf den Unglücklichen und dessen Gattin zu werfen, näherte er sich dem Komthur, und redete ihn an: »Zuvörderst, edler Herr, hab' ich Euch zu berichten, daß Se. fürstliche Gnaden, der Herzog dich hinter mir einherzieht, und von Eurer Gastfreundschaft eine willige Aufnahme in Euerm Hause erwartet, wo er, die kurze Zeit, die er zu Frankfurt zu verweilen gedenkt, wohnen will.« – »Ehre und Schuldigkeit;« erwiederte der Komthur, und sandte den Oberreiter sogleich an den Trappierer, um die nöthige Vorbereitungen treffen zu lassen: »Se. fürstlichen Gnaden sind ein lieber Gast, und sollen gut gehalten werden in unsers Ordens Hause, das der Freigebigkeit der österreichischen Fürsten viel verdankt. Wie aber nenne ich Euch, mein Herr, der mir die frohe Kunde bringt?« – »Mein Name ist nicht wohlklingend für diese Mannes Ohr,« entgegnete Dagobert mit einem Seitenblick auf Bilger: »er möge aber wissen, daß ich nicht als sein Feind erscheine, sondern lediglich als des Herzogs Vorläufer, zu dem mich der Zufall gemacht hat, da ich diesen Nachmittag, eine gute Strecke vor der Stadt lustreitend, unversehens auf des Herzogs Geleite stieß. Ich heiße Frosch, des Altbürgers Diether Sohn.« – Issing biß sich betroffen in die Lippen; sammelte jedoch seine Fassung schnell wieder, und nickte bewillkommend mit dem Kopfe. Judith ersah aber den Augenblick, welchen das tiefe Schweigen, das nun auf allen Lippen herrschte,[216] ihr gönnte, um Katharinen zuzuflüstern: es sey nun die höchste Zeit nach dem Kloster zurückzukehren. Seufzend wand sich die Arme, den Gesetzen der Ehrbarkeit gehorchend, aus Rudolph's Arm, und gelobte hoch und theuer, morgen sicher wiederzukehren, wenn der Komthur es erlauben würde. Verbindlich antwortete dieser: er wisse sich nur weniger Fälle aus seinem Leben zu erinnern, wo er gegen Frauen unerbittlich gewesen sey, und er finde vollends keinen Willen in sich, der leidenden Schönheit zu wiederstehen. »Geht mit Gott, edle Frau,« sprach er zum Abschiede: »und mit Gott kehrt wieder, so oft Ihr wollt. Dieses Haus ist eine Zuflucht für den Verfolgten, und wird durch solche liebliche Unschuld doppelt geheiligt, wie durch des Priesters Spruch. Euern Gatten sollt Ihr unverletzt wieder finden, verlaßt Euch darauf.« – Der Herr von der Rhön geleitete Katharinen, vor welcher ein Diener des Hauses mit einem Windlicht zu schreiten befehljgt war, bis zur Pforte, und während dessen hob Dagobert freimüthig und zutraulich zu dem Komthur an: »Erlaubt, gestrenger Herr, daß ich ein billig Wort zu Euch rede. Ihr seyd noch nicht lange an diesem Platze; die Stadt hat Euch indessen als einen unbeugsamen strengen Mann kennen gelernt, und fürwahr, man darf Euch nur in das Gesicht sehen, um dasselbe zu glauben. Sollte ich mich denn wohl täuschen, wenn ich bei Euch auch einen unbeugsamen Willen zum Guten voraussetze? Ihr habt der Gelegenheit manche, Gutes zu üben, und gerade jetzt wäre eine herrliche vorhanden. Dieser unglückliche[217] Mann, der bei Euch Schutz und Schirm gesucht und gefunden, – soll er denn aus diesen Pforten endlich doch wieder in die Hände der Schergen gelangen, welchen er mit genauer Noth entkam? Wollt Ihr ihm nur auf dreißig elende Tage das Leben gerettet haben, damit es nach dieser Frist dennoch des Henkers Beute werde? Rettet ihn für immerdar, Herr, und werdet der Wohlthäter von drei dankbaren Menschen.« – Der Komthur maß lächelnd den vor ihm stehenden Jüngling, in dessen Auge das reinste Feuer strahlte, die Begeisterung für Barmherzigkeit und Milde gegen das Elend. – »Ich soll mich über Eure Reden wundern,« begann er hierauf, »und Euch für einen leidigen Versucher halten, der gern enträthseln möchte, was ich im Schilde führe. Ihr seyd Wallradens Bruder, und Blutrache zu üben wäre Eure erste Pflicht, denke ich.« – »Wofür haltet Ihr mich?« fragte Dagobert kühn entgegen: »Ich sollte einen armen Menschen tödten, der im aufwallenden Zorn die That beging, die ihn – ich weiß es – reut? Nimmermehr; und hier, Herr, stehen die Dinge anders denn gewöhnlich. Gestern hat sich's entschieden, daß Wallrade wieder auf das Leben hoffen darf; der Bußfertigen eigner Wunsch ist's, ihren Mörder frei zu wissen und straflos. Soll ich auf die Seite des unerbittlichen Gesetzes, – jede menschliche Regung mit Füßen treten? Lernt mich besser kennen, Herr, und folgt meinem Beispiele. Mir ist durch des sterbenden Rudiger's Mund bekannt, daß Ihr Antheil genommen an jenem Unglücksbunde auf Baldergrün; laßt Euch nicht durch[218] eifersücht'ge Rache verleiten, hier grausam zu seyn, der Tigerkatze überm Meer zu gleichen, von der die Sage geht, daß sie unbarmherzig noch mit dem Opfer spiele, das unter ihren Klauen zittert – ihm einen Schein, eine Hoffnung – eine Spanne von Freiheit lasse, um es im nächsten Augenblicke unerbittlich zu zerfleischen!« – Da sah der Komthur den jungen Mann mit einem auflodernden Blicke an, der den Ausdruck einer fast beleidjgten Seele annahm. – »Bei meinem Eid!« rief er: »Ihr nehmt Euch etwas viel heraus, junger Degen, und fürwahr, Euer Name ist nicht geeignet, mich nachsichtiger gegen Euch zu machen, aber Euer kühner Muth gefällt mir, ob er mich gleich zu unrechter Zeit an Baldergrün und Wallraden erinnert hat. Ihr mögt wissen, daß der Ritter von Issing keiner Weisung bedarf, um Gutes zu thun. Sein eigen Gemüth befiehlt ihm, keine fremde Zunge. Ihr mögt wissen, daß er schon bei sich beschlossen hatte, den armen Mann zu retten, um Gottes und seines Weibes und Kindes willen, und daß er nur den Augenblick erwartet, der ihm erlaubt, ohne ihn der Straffälligkeit gegen seine Pflicht und gegen den Rath der Stadt zu unterwerfen, der doch einmal unsers Ordens Haus bevogtet und bewacht.« – »Der Augenblick ist gefunden;« versetzte Dagobert freudig, des Ritters Hand ergreifend und dankbar schüttelnd: »wann erschiene er gelegner, wann so günstig? Der Herzog kömmt; von seinem starken Gefolge wird das Haus, werden Sachsenhausens Gassen wimmeln. Die lauernden Söldner vor der Pforte werden durch die Zahl der Fremden – mehr[219] noch durch des Fürsten Gegenwart, der keinen Häscher in der Nähe duldet, zurückgedrängt – genöthigt, aus der Ferne dies Haus zu beobachten, damit der Mörder ihren Netzen nicht entschlüpfe. Morgen Mittag geht ein großer Theil des Comitats auf demselben Wege zurück. In dessen Mitte, im hellen Glanz der Sonne entschlüpfe der Verfolgte. Für reisige Gewänder sorge ich, wie für die Bewilligung des Herzogs Farbe tragen zu dürfen, bis er in Sicherheit seyn wird. Die überraschende Einkehr des Fürsten, der dadurch veranlaßte Tumult im Hause, – die Verwirrung unter den Ein- und Abziehenden rechtfertigt Euch, Herr Ritter, und der von der Rhön ist gerettet, ohne daß Ihr öffentlich die Hand dazu geboten.« –

»Schön ausgedacht,« erwiederte der Komthur spöttelnd: »fein schnell und leicht auszuführen, aber ein jugendlich Vornehmen, das erst die That will, und dann die Überlegung. Wie steht's denn mit dem Manne, wenn er seinen Gefahren entronnen ist? Hülflos ist er in die Welt gejagt, und die Seinen erliegen unter der Last des Unglücks, und unter dem Kummer, den Vater abermals von ihnen getrennt zu wissen.« – »Der Herzog wird helfen;« antwortete nach kurzem Nachsinnen Dagobert: »O, gewiß, er wird helfen. Er hat wieder mit dem Kaiser Friede gemacht, und besitzt, wenn gleich an Länderthum geschmälert, noch manche Hufe Landes, auf welcher ein unglücklicher Hausvater eine sichre Stätte finden mag. Ich hatte ja beschlossen, für mich seine Gunst anzuflehen; aber mit mir ist's ohnehin vorbei, und so mag[220] dem Ärmern werden, wessen ich nichts mehr bedarf. Ich darf mich der Huld des Herzogs rühmen, und rede heute noch mit ihm davon. Ihr aber, Herr Komthur, nehmt meinen Dank für Euer redlich Wollen. Ihr habt mich dadurch mit Euerm Namen ausgesöhnt, der mir aus Rüdiger's Munde nicht lieblich geklungen hat. Bereitet Ihr den Herrn von der Rhön und seine Gattin vor, und laßt mich gänzlich dabei aus dem Spiele. Es ziemt sich nicht wohl, daß meiner Schwester Feind auf meinem Rücken davon schwimme, und ich möchte sei nem wunden Herzen durch kein Wort verrathen, daß er mir, gerade mir, Wallradens Bruder, Dank für sein gerettet Leben, für seine gesicherte Zukunft schuldig sey.« – »Ihr seyd ein wackrer Mensch;« versetzte der Komthur etwas beschämt, wie es die Röthe seiner Wange bezeugte: »'s ist seltsam, daß ein Stamm nebeneinander die herrlichste und die böseste Frucht zu tragen im Stande ist. Um dieses Stückleins willen, so Ihr's vollführt, muß Eure Seele, wenn's zum Letzten geht, gerade auf zum Himmel fahren, des Fegefeuers quitt und ledig. Ich begreife wohl, daß der Dank dreier Menschen eine feste Himmelsleiter seyn mag, und der Herr rechnet vielleicht an meinen Sünden ein Geringes ab, wenn ich mein Scherflein zu der biedern That hinzufüge. Es bleibt also dabei; indessen, so sehr ich mich darob freue, so thut mir weh, daß wir dem Armen nicht den Trost mitgeben können, daß er wisse, wo sein Knabe weilt. Wallrade hat nichtswürdig an dem Kinde gehandelt, und ihr unmütterliches Herz weiß wohl nicht, wo der Bube aufgehoben[221] ist, – im Himmel, oder auf der Erde. Der Knabe ist mein Taufenkel; ich möchte wohl für ihn sorgen, wüßte ich nur .....« – »Für Johannes ist gesorgt;« unterbrach Dagobert den Komthur freundlich und zuversichtlich: »er lebt, und lebt in Wohlbehagen und Freude Er vermißt nicht die herzlose Mutter, nicht den Vater, den er nicht gekannt. Aber seines Lebens Stätte und Heimath verschweige ich barmherzig dem Vater. Soll diesem einst Glück blühen in seiner frisch aufstrebenden Häuslichkeit, so bleibe ihm und seiner Gattin der Sohn fremd. Für beide wäre der Unschuldige nur eine quälende Erinnerung, die den Frieden ihres Hauses vergiften, ihm ein trauriges Leben bereiten würde. Ich gelobe es Euch, Herr Komthur, Johannes ist in den besten Händen, und einst sollt Ihr Euch selber davon überzeugen. So viel ich Euch jetzt gesagt, mögt Ihr dem bekümmerten Vater auf Euern Rittereid ungefährdet mittheilen. Nur unsers Geschlechts Namen nicht dabei genannt. Laßt dem Herzog vor allem und Euch zunächst das Verdienst der guten That, und Gott gebe hiezu sein gnädiglich Gedeihen.« –

Pferde und Wagen braußten und rollten in den Hof. Das lebendige Getümmel eines reisigen Zugs, das Gelärme des fürstlichen Trosses spottete der still gewordnen Nacht, und brachte in das einsame Deutschordenshaus alles Geräusch eines mächtigen Fürstenhofs. Der Komthur eilte, den Herzog ehrerbietig an der Pforte des Hauses zu empfangen, und ließ den Hof von Fackeln erleuchten, daß er im Mittagschein zu liegen schien. Mit einem freundlich herablassenden[222] Gruße stieg Friedrich aus den Bügeln, und schritt auf den Komthur und den herzukommenden Dagobert gestützt, die Treppe hinan, nach den Prunkgastzimmern des Gebäudes, die durch die Sorgfalt des Trappierers schon bereit standen, den hohen Fremdling gebührend aufzunehmen. Der Herzog, müde von der Reise, verschmähte das angebotne Mahl, entließ bald den Komthur, dem er nur auf wenig Tage lästig zu fallen verhieß, und behielt nur seinen wiedergefundnen jungen Freund, seinen Dagobert, bei sich zurück, den er vermocht hatte, die Nacht mit ihm zu verplaudern, in welcher der von Schlaflosigkeit geplagte Fürst ohnedies seit geraumer Zeit keine erquickende Schlummerruhe fand. – Der kommende Tag begann eben so geräuschvoll, als der vorige geendet hatte. Die Wachen des Herzogs geriethen in Händel mit den Söldnern des Raths, die sich nicht zurückziehen wollten. Friedrich sandte einen seiner Junker nach dem Römer, um von seinem Erscheinen Meldung zu thun, und den ärgerlichen Streit beizulegen. Eine Ehren- und Schildwache des Raths besetzte nun die Pforte des Deutschherrenhauses, die Häscher zogen sich in die nächsten Straßen, und mußten auf ihr Amt so gut als verzichten, da das Volk, so wie es von der Einkehr des Herzogs erfuhr, in hellen Haufen herbeieilte, um das Haus anzugaffen, in welchem sich der Mann befand, der es gewagt hatte, zu Ehren deutscher Treuen und Redlichkeit, dem Kaiser wie einem großen Concilio die Spitze zu bieten, und lieber einen großen Theil seiner Habe aufgeopfert hatte, als seinen Schwur, sein Fürstenwort. So[223] verstrich die Hälfte des Morgens, und die anwallende Fluth der Menge, welche beständig hoffte, den Herzog ausreiten zu sehen, stieg immer höher, so daß die Gesandtschaft der Stadt, da sie gegen Mittag zum deutschen Hause kam, um den erhabnen Gast zu begrüßen, kaum Raum genug finden mochte, um hindurch zu dringen. Was den Ermahnungen der Väter der Stadt nicht gelang, gelang den mächtigen Pferden, die auf großen Wagen die Gaben heranzogen, welche das gemeine Wesen der Stadt dem Fürsten, der Sitte der Zeit gemäß, darzubieten hatte. Diese Huldigungsgeschenke bestanden in Wein, Heu, Hafer und Fischen, und der Schultheiß, umgeben von den Bürgermeistern, dem Oberstrichter und den Schöffen, alle in ihre Amtstracht gekleidet, bat den Herzog, vor dessen Angesicht endlich die Gesandtschaft gelangt war, die Geschenke als einen Beweis des guten Willens der Bürgerschaft, und ihrer Anhänglichkeit an den Stamm Östreich, von dem schon mancher um das deutsche Reich verdienter Fürst ausgegangen, huldvoll anzunehmen. – Der Herzog, umringt von seinen Marschällen, Dienstjunkern und den Kreuzherren, seinen gastfreundlichen Wirthen, nahm sowohl die Rede des Schultheißen, als auch die zu Hofe gebrachten Gaben mit der ihm eignen Leutseligkeit auf, und erwiederte dagegen: »Seyd bedankt, ihr lieben Herren und Freunde, für das, was Ihr mir aus gutem Herzen reicht, und auch jetzo wieder, – Gott sey Preis und Lob, – reichen dürft; denn unser Haus ist wieder erlöst von des Reiches Acht, und wir sind wieder einig geworden mit unserm lieben Herrn, dem[224] Kaiser.« – Der Herzog bemühte sich, die bittre Miene, die sein Antlitz bei diesen Worten beschlichen hatte, in eine freundliche umzuwandeln, und fuhr fort: »Darum mögt Ihr mir wohl vergönnen, einige Tage unter Euch zu weilen, und mich in Euern Mauern umzusehen, dieweilen ich wichtige Angelegenheiten gerne schlichten möchte, über die Euch mein Kanzler eines Weitern belehren wird. Zugleich jedoch habe ich gehofft, hier eine Sache abzuthun, die mir nicht minder am Herzen liegt; ich habe indessen vernommen, daß sich mir Hindernisse entgegenstellen. Ich habe an den Juden David, Sohn des alten Jochai, der Eures Schutzes genoß, Gelder zu entrichten, die er mir vorgeschossen. Ungern mußte ich hören, daß der Mann sich nicht mehr in hiesiger Stadt befindet, wie auch niemand seiner Angehörigen.« – »Er hat sich flüchtig gemacht;« versetzte Achselzuckend der Oberstrichter; »und uns mangelt Kunde, wo er hingerathen.« – »Das ist schlimm, ihr Herren;« entgegnete Friedrich ernst: »wir dachten, in Gnaden uns des Mannes anzunehmen, und ihn nach Innsbruck zu setzen, als unsern Hofwechsler; denn wahrlich, er ist der Erlichsten einer, und mit Bedauern erfuhr ich, daß man ihn allhier unredlich beklagt, übel gehalten, und seinen ganzen Wohlstand zertrümmert habe.«

Der Oberstrichter zuckte wieder mit verlegnem Gesichte die Achseln; der Schultheiß aber, den des Herzogs Rede spitzer traf, antwortete: »Mag seyn, gnädiger Herr; allein der Schein war wider den Mann, und noch hat er sich vor unserm Stuhle, vor[225] welchen er doch mit Leib und Leben gehört, nicht vollkommen gereinigt.« – Die Betonung, mit welcher der Schultheiß diese Worte vorbrachte, verfehlten ihren Entzweck nicht. Der Herzog furchte die Stirne, und sagte: »Gar wohl, mein Herr Ritter und Schultheiß. Ich habe nicht Befugniß, mich in Eure Gerechtsame zu mischen, welche von Kaiser und Reich bestätigt und verbürgt sind. Ich meine jedoch, daß Recht und Urtheil Jedem gleich seyn soll, sey er nun getauft, oder nicht. Ihr habt hier, wie ich höre, einen Judenarzt, dem Ihr Euren Körper anvertraut, sonder Furcht und Angst; warum schenkt Ihr dem, der vor Euern Schranken steht, nicht gleiches Vertrauen? Doch, geschehen ist geschehen, und ich bin bereit, die fraglichen Gelder einem berühmten hiesigen Manne zu übergeben, damit der Jude, kehrt er jemals wieder, oder wird uns von ihm Kunde, wieder zu seinem Eigenthum komme. Ich glaube zu diesem Entzweck keinen bessern aus Euch wählen zu können, ihr Herren, als den Schöffen Diether Frosch; einen biedern, ehrlich strengen Mann, den ich bitte, sich mir vorzustellen.« – Diether trat aus den Reihen der Schöffen, und verneigte sich ehrbar vor dem Herrn. Der Herzog ließ eine Weile den Blick auf ihm ruhen, wendete sich dann zur Seite, und sprach zu Dagobert, den er aus der Schaar seiner Umgebung zu sich winkte: »Dieser also ist Dein Vater, Dagobert?« – Dagobert bejahte freundlich, und grüßte den Vater. – »Mich freut's, ihn kennen zu lernen;« fuhr der Herzog fort, dem Altbürger die Hand reichend: »seyd mir willkommen, alter Herr,[226] und empfangt meinen Glückwunsch zu Euerm wiederhergestellten Hausfrieden, wie zu Euerm Sohne. Ja, lieben Freunde!« setzte er hinzu, dem jungen Manne vertraulich und wohlwollend auf die Achsel klopfend, »einen bessern Mann als diesen hier, hat Frankfurt sicher nicht aufzuweisen, und vielleicht nicht allzuviele die ihm gleichen. Es macht mich froh, die Tugenden und seltnen Eigenschaften des Junkers vor Euer Aller Augen würdigen und preisen zu können. Er ist der treuste, redlichste und heiterste Mensch, den ich kenne, und Schade wäre es, wenn so viel Gutes in einem Kloster verkümmern sollte, wie es den Anschein hat. Nicht wahr, liebe Herren und Meister?« – Der Schultheiß kaute an den Lippen, über des Oberstrichters Stirne flogen trübe Wolken, aber beide bückten sich gleich den Andern, und stammelten ein: »Freilich, gnädigster Herr, ... aber ... Beweggründe ...«

»Schon gut«; meinte der Herzog mit einem verächtlichen Blicke auf sie: »ich weiß bereits Alles. Vielleicht kenne ich aber auch ein Mittel, diese Ungerechtigkeit des Muttergelübdes wieder gut zu machen. Ich wertze heute noch an den hochwürdigen Dechant Herdan, der am heftigsten, wie der Ohm des jungen Mannes, auf dessen Weihe besteht, einen pergamentnen Brief senden, in welchem der heilige Vater, Martin V., die Freilassung die der abgetretne Pabst dem Dagobert Frosch ertheilte, im Ganzen bestätigt, mit dem Vorbehalte jedoch, daß ein anderes Glied der christlichen Gemeine, sey es nun ein Mann, oder sey es ein Weib, an seiner Statt das kirchliche Gelübde ablege. Ich zweifle[227] nicht, daß eine fromme christliche Seele zu diesem Berufe bald sich finden werde, und ermahne sowohl den Vater Dagobert's, als auch sämmtliche Herrn vom Rathe, wie vom Kapitel, denselben von dem Gelübde, das er durchaus ablegen will, abzuhalten; bedenkend, daß Gott kein Gefallen hat an einem Diener, der sich ihm nur opfert, weil er mit der Welt zerfallen zu seyn glaubt. – Stille, guter Freund,« flüsterte er nach diesem dem Sohne Diethers zu, welcher einige Worte der Weigerung auf der Zunge hatte: »Montfort hat mich nicht früher an diese Pflicht gemahnt, als mein Herz es schon gethan hat. Erlaubt mir daher, den Weg zu Euerm Besten, – sey's auch für Heute Euerm Wunsche zuwider, – kräftig fortzusetzen.« – Dagobert verstummte ehrfurchtsvoll; dagegen ward es an dem Hofthore laut und geräuschvoll. Die Blicke aller Anwesenden flogen durch die Reihe stattlicher Fenster hinab gegen die Pforte, und befremdet sah der Herzog die Rathsherren an, da er einen Streit zwischen Leuten seines Gefolges und den Stadtwächtern gewahrte. »Ei, was gibts dort, ihr Herren?« fragte er mit gerunzelter Stirne. Ein Bürgermeister wollte hierauf sogleich hinunter, um nach der Veranlassung des Vorfalls zu forschen, allein der Oberreiter welcher eintrat, verkündete sie, indem er meldete, die um das Haus vertheilten Wächter seyen ob der bedeutenden Zahl von Reitern, die dasselbe verlassen wollten, argwöhnisch geworden, und witterten unter denselben den Verbrecher, der sich hier versteckt halte. – Des Comthur's Stirne, so wie Dagobert's Wange flammte; der Herzog ließ[228] sich nicht aus seiner strengen Haltung bringen, sondern nahm eine noch drohendere Stellung an. »Was soll das heissen?« rief er, indem ein Zorngewitter über seine Züge lief: »Bin ich denn Herzog Friedrich oder ein Landstreicher, von dem man nicht weiß, von wannen, er kommt, wohin er geht, und dem man nicht über den Zaun traut? Jesus Christus! Werden Österreichs Farben nicht höher geachtet, als der Bettelbrief eines Gauners? Nein fürwahr; das mögt Ihr abstellen, ihr Herren, denn ich werde mich nimmer herablassen, Eure Erlaubniß zu fordern, will ich mein Geleit zurücksenden, wie Heute geschieht. Um Eure Verbrecher kümmre ich mich nicht, und frei will ich Alle sehen, die mein Wappen und Zeichen tragen. Darum befehlt stracklich und ohne Verzug, daß man meinen Wildmeister auf Schloß Ambras, sammt seinem, in jenem Rollwagen befindlichen Weibe und Kinde und dem anvertrauten Gefolge, das ich gen Tyrol sende, ungehindert ziehen lasse, bei meiner Ungnade.« – Diese ernstlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Ein Schöffe eilte, um das Gebot des Fürsten schleunigst vollziehen zu lassen, und mahnte die Wächter ab, die sich noch immer ungestüm in den Weg des reisigen Trosses warfen, und sich auch nicht so willig den Geboten des Schöffen fügten, als dieser es erwartet hatte. – »Seht, ehrsamer Herr!« behauptete der Anführer der Söldner: »ich will nicht selig werden, wenn das Weib, das sich so ängstlich hinter jenes Wagens Vorhänge verbirgt, nicht dasselbe ist, das gestern und erst noch Heute mit einem Kinde zu diesem Hause kam, um[229] den darin versteckten Mörder heimzusuchen, und ganz gewiß befindet sich der Letztere unter diesem übermüthigen Trosse.« – »Und wenn es wäre,« erwiederte der Schöffe heftig, – »so befiehlt, doch hier der Rath, und an Euch ist's Gehorsam zu üben.« – »Ei, so waschen wir unsre Hände in Unschuld;« antwortete der Führer unmuthig, und wendete sich gegen die Seinigen. Indem ritt der Anführer des Zuges heran, und fragte: »Wird's bald, Herr Schöff? Wie lange soll's noch dauern, frage ich?« – Der Schöffe, der dem Frager in's Auge sah, vermochte nichts zu entgegnen, denn er selbst, der den Todtschläger vor wenig Tagen bis zu der Thüre des deutschen Hauses verfolgt hatte, glaubte in dem schmucken Jägersmann den Gebannten zu erkennen. Dachte er sich den wirren Bart sauber geschoren, die grobe Kutte vertauscht mit einem grünen prächtigem Rock, an der Stelle des Gürtelstricks Österreichs. Schärpe, so waren es die Augen, die Züge, die Gestalt, die Stimme des flüchtigen Mörders. Der Schöffe, ein junger Mann, war in feiner Überraschung auf dem Punkte, das Gebot seiner Herren eigenmächtig zu wiederrufen, aber zu eben derselben Zeit donnerte der Ruf des Hauptsmanns: »Laßt freien Paß! durch die Reihen der Fußknechte;« auseinander flog der drohende Trupp; und unter Hörnerschall jubelte der reisige Troß, den bedeckten Wagen in der Mitte, durch die staunenden Hüter hindurch, entlang die Straßen von Sachsenhausen, hinaus aus dem Thore, und ohne Säumen fort auf dem Heerwege, den der Herzog am verwichenen Tage[230] einhergezogen. Und als die Warte, hinter den Reitern lag, und mit ihr die Gränze der Reichsstadt, da näherte sich der Anführer, nach dankbarem, den Vornehmsten des Geleits gereichten Handschlage, dem Wagen, aus welchem ein in Thränen schwimmendes Frauenantlitz, und ein rosiges Kindergesicht ihn anlächelten. Gerührt reichte er die Hand seinen Lieben, und rief: »Segne Gott den edeln Herzog und den biedern Comthur. Wir sind frei, und ein guter Engel möge Dich, Katharine und unser Mägdlein erhalten zu meiner langen Freude, und mich einst ruhig sterben lassen in Euern Armen. Sieh, mein gutes Weib, dort hinter jenen aufdämmernden Bergen, dort liegt unsre neue Heimath. Laß' uns vergessen, was bis jetzo uns schmerzlich gepeinigt. Ich hatte die schwere Prüfung verschuldet, aber Gott ist gnädig und Deine Fürbitte, Du Reine, von ihm erhört worden. Wir dürfen – ich ahne es, – wir dürfen noch glücklich seyn!« –

Fußnoten

1 Das dem Musikkenner wohlbewußte Lied, welches seine Anfangssylben zu Bildung der Tonleiter hergab, und in mittelalterlicher Zeit als Mittel gegen die Heiterkeit gesungen wurde. ›Ut queant resonare fibris etc.


Quelle:
Carl Spindler: Der Jude. 3 Bände, Band 3, Stuttgart 1827, S. 231.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Jude
Der Jude: Deutsches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts, Volume 2 (German Edition)
Der Jude: Deutsches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts, Volume 4 (German Edition)
Der Jude: Deutches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts, Volumes 3-4 (German Edition)
Der Jude: Deutsches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts (German Edition)

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Zwei Schwestern

Zwei Schwestern

Camilla und Maria, zwei Schwestern, die unteschiedlicher kaum sein könnten; eine begnadete Violinistin und eine hemdsärmelige Gärtnerin. Als Alfred sich in Maria verliebt, weist diese ihn ab weil sie weiß, dass Camilla ihn liebt. Die Kunst und das bürgerliche Leben. Ein Gegensatz, der Stifter zeit seines Schaffens begleitet, künstlerisch wie lebensweltlich, und in dieser Allegorie erneuten Ausdruck findet.

114 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon