Elftes Kapitel.

[259] Bist Du ein Weib? Du sollst mir keine Kinder gebären.

Macbeth.


»Wallrade! kennst Du mich?« wiederholte der Mönch mit schmerzlicher Stimme, und Wallrade wand sich stolz aus seinen umfangenden Armen. »Wie sollte ich nicht, Rudolph?« fragte sie bitter: »Ich finde Euch immer im Gewande der Lüge. Trug ist Euer steter Begleiter, und nimmer stand ein offner Helm über Euerm Wappen. Was sucht Ihr hier? wie kommt Ihr hieher?« – »Weib!« entgegnete der Herr von der Rhön, dessen bleiche Wange sich höher färbte bei dieser schnöden Anrede: »Weib! sieh selbst, was Du aus mir gemacht hast. Hab' ich denn so schwer gesündigt, daß ich umherirren muß wie ein Flüchtiger, dem Henker Verfallner? Du hast mich fortgetrieben aus meinem Hause, von Allem, was ich liebte. Zu stolz, um mich einen Thoren schelten zu lassen von den Freunden, die mir auf dieser seltsamen Flucht begegnen möchten, – zu schwach hingegen,[259] ohne Scheu dem schimpflichen Tode entgegenzutreten, der von einem Worte Deiner Lippen abhing, beschloß ich, auch den Namen des Unglücklichsten aller Menschen von der Erde verschwinden zu lassen. Weg warf ich alle Zeichen meiner bessern Herkunft, weg die Erinnerung, daß ich einst am Tische des Königs Platz genommen. Diese Erinnerung verband sich ja zu nahe mit derjenigen meines gezwungnen Abschieds von meinen Theuern. In das Gewand der Demuth und Dürftigkeit gehüllt, zog ich nach den Wallfahrtsorten der Schweiz, und fand an dem Fuße der Altäre keinen Ersatz für das, was ich zurückgelassen. Durch das Elend ermannte sich aber mein Geist, der dem unmenschlichen Gebote zu widerstreben begehrte. Zurück trieb es mich nach dem Wohnsitze meiner Lieben, trotz Deinen fürchterlichen Drohungen. Was empfand aber mein Herz, da ich diesen Sitz, des häuslichen Friedens verödet und verwaist fand, alles von dannen genommen, was meinem Leben Werth zu verleihen vermochte, alle Blüthen entwendet, durch die Hand, die von jeher mein Unglück machte; durch die Deinige. Lächle nicht so höhnisch. Du kennst die Bitterkeit dieser Empfindungen nicht. Du hingst nie aufrichtig und treu an einer Seele auf Erden. Wohin? stammelte mein Mund, wohin? fragte meine Zunge, und achselzuckend, – denn meine Fragen klangen absonderlich und verwirrt, – wendeten sich Alle, die ich fragte, von dem sinnverwirrten Pilger. Zu Costnitz erfuhr ich, daß Du zur Heimach gekehrt seyst, zu den Deinigen nämlich, an Thüringens Gränze, daß eine Frau[260] mit einem Kinde in Deinem Gefolge sey. Ein neuer Donnerschlag! Mein Weib, mein Kind in Deinem Gefolge! Nachgeschleppt an Deine Kette, wie stumme Zeugen Deines grausamsten Sieges! Ich erkannte Deine Tücke, aber die Gegenstände meiner Zärtlichkeit Dir zu entreißen, beschloß ich alsobald. Die Fluren, die ich seit Jahren mied, weil auf ihnen mir die Hölle erwuchs, betrat ich wieder, gestärkt durch den Gedanken an Katharinen. In jenem Hause, das meine Verblendung und den Ursprung unsers unseligen Zwistes sah, suchte ich meine Lieben, und fand sie nicht, – leer die Stätte, wo ich mich einst in den Himmel träumte, während ich einen finstern Geist umarmte.« – »Redet deutlicher;« unterbrach ihn Wallrade kalt: »Ihr meint das Haus Euers Weibes, in welchem Ihr Euer unrechtmäßiges Weib und Eure Bastardtochter suchtet.« – »Wallrade!« fuhr der Herr von der Rhön empor, besann sich aber schnell, und sprach gemäßigt fort: »Ich muß mich schämen, daß ich nicht gelassen Euern Vorwurf erdulde, da ich doch die Schuld mit leichtem Muthe begangen, deren Ihr mich zeiht. Aber, Wallrade, des Menschen Zorn soll nicht durch Ewigkeiten dauern. Vergebt endlich; ich muß glauben, daß ein erschüttertes Herz Euch in dieser Kapelle Einsamkeit geführt, wo Ihr einen Priester des Herrn, einen Tröster zu finden hofftet. Laßt die seltne Regung in Eurer Brust nicht ganz verschwunden seyn! Laßt aus der Gefangenschaft, die uns beide hier fesselt, die Blüthe der Versöhnung entsprießen. War ich hart und ungerecht gegen Euch, so vergebt mir, wie ich[261] Euch verzeihe, was Ihr mir Böses zugefügt. Laßt ab, mich zu verfolgen, wegen dessen, was unwiderruflich einmal geschehen, – nicht mehr zu ändern ist.« – Wallrade sah ihn verächtlich an: »Ihr traut Euch viel Werth zu,« sprach sie, »da Ihr glaubt, mein Haß könnte wirklich niemals eine Gränze finden. Ich habe Euch es gedroht, aber der Jammer, in welchem ich Euch muthlos versunken sehe, bewegt meine Brust. Konnte ich einst Euch lieben? das frage ich mich selbst erstaunt, da ich Euch winselnd um meine Gnade flehen höre. Ist das der Mann, der einst alle Schranken übersprang, um mein zu seyn? Seines Vaters Befehl, meine eigne Abneigung gegen jedes feste Band? Ach, schon damals hätte ich ahnen müssen, was die Folge bringen würde. Ihr scheutet Euch, im hellen Sonnenlichte mir zu gehören, und diese Scheu gefiel meinen abenteuerlichen Gedanken, meiner gedemüthigten Sprödigkeit, die gern vor aller Welt die Larve der Unüberwindlichkeit vorbehalten hätte. Eure Flatterhaftigkeit, Euer Wankelmuth enttäuschte mich fürchterlich. Der Segen des Priesters war ein Zauberwort gewesen, das unser Wohl vernichtet hatte. Laßt mich über jene Zeit hinweggehen, wo Ihr mich überreden wolltet, ich sey plötzlich ein Teufel geworden, während Ihr mich zuvor den Engel Euers Lebens nanntet. Von Eifersucht und Unzufriedenheit zerrissen, verließt Ihr mich und Euer Kind, um der Gatte einer andern zu werden. Wäre ich wirklich so böse gewesen, als Ihr betheuertet, schon damals hätte ich unsre Ehe bekannt gemacht, Euch und Euer Kebsweib der Schande[262] preis gegeben. Ich that es nicht; nur mag mir vergeben werden, daß ich denjenigen nicht mehr in meiner Nähe dulden wollte, dem ich's verdanke, daß ich mit dem Leben zerfallen bin.« – »Bin ich es weniger?« fragte Bilger entgegen, und sah sie durchdringend an: »Weib, das durch seine gleißnerische Beredsamkeit meinen Fehler in eine unverzeihliche Sünde verkehren möchte. Fräulein von Baldergrün! gedenkt des deutschen Herrn, Eures weitläufigen Verwandten, Eures nahen Freundes! Laßt mich schweigen! Seine Hülfe schloß unsern Bund, seine Hand hielt unsern Knaben zur Taufe, – sein tückischer Sinn vergiftete mein Glück, und gab Dir Muth, in Deiner wahren Gestalt aufzutreten. Hier ein Bündniß, das mir nicht ehrenhaft mehr schien, um es laut zu offenbaren, ein Weib, das ich, das mich hassen gelernt hatte, ein Freund, der unter dem Mantel der Blutsfreundschaft und der Sittenreinheit eine unumschränkte Gewalt über Dich und mein Kind ausübte, – kurz eine Zukunft voll Verzweiflung und blutigen Ausgangs, – dort hingegen ein greiser Vater, der es in die Hand seines Waffengenossen geschworen hatte, seine Tochter nach dessen Tode zu erziehen, und seinem Sohne zu vermählen, – diese Tochter selbst, ein Urbild von Sanftmuth und Unschuld, gegen deren Vorzüge Deiner Reize gefährlicher Zauber mich unempfindlich gemacht hatte, – Scheu, falsche Schaam, dem Vater zu gestehen was vorgegangen, das nagende Gefühl, kein Glück an Deiner Seite, nur Elend zu finden, – das Bewußtseyn, daß Katharine um meinetwillen vergehe in stillein[263] Liebesgram, – mit einem Worte, ich war ein Mensch, und fehlte vor Kirche und Gesetz, während mein Herz mich frei sprach.« –

»Eitle Reden!« erwiederte Wallrade streng: »Die Schmähungen, mit denen Ihr mich, und den Herrn von Issing überhäuft, verzeihe ich Euerm Gewissen, das schwindelnd an dem Abgrunde steht, und jeden Strohhalm fest halten möchte, um nicht rettungslos zu versinken. Ihr seyd fortan ein unwürdiger Gegenstand meines Hasses. Geht hin! ...« – Bilger hielt die, zum Entweichen Gewendete zurück, und fragte mit Thränen der Angst im Auge: »O Wallrade! ich will ja gerne schweigen, und glauben, daß die Tugend, die Ihr heuchelt, eine wahre ist; allein nicht dieser kalte und leere Bescheid genügt mir. Seyd nicht die Schlange, die in einem Augenblicke sich zahm um die Hand des Neugierigen wickelt, in dem nächsten jedoch ihn tödtlich verwundet. Sprecht, .. wo ist meine Katharine, ... wo meine Agnes ...? soll ich beide nimmer wie der sehen?«

Wallrade sah mit einem stechenden Lächeln in das blasse Antlitz des Geängsteten. »Ich habe bewiesen,« sprach sie langsam, »indem ich Mutter und Tochter der Hülflosigkeit entriß, in welche Euer Abschied sie versetzt hatte, – daß ich keinen Groll hege gegen sie, die ich doch wahrlich – den Umständen nach – nicht lieben konnte.« –

»Ihr hättet in Gutem für sie gesorgt?« fragte von der Rhön mißtrauisch: »Ihr? wäre es auch, wär's doch kein Verdienst; Ihr selbst triebt ja den Gatten und Vater von ihnen.« – »Schweigt!«[264] herrschte ihm Wallrade zu: »Ich konnte sie verschmachten lassen, und that es nicht; ich konnte sie dem Hohn der Welt preis geben, und that es nicht. Nach Baldergrün wollte ich sie führen. Der Gedanke gefiel mir, gerade ihnen wohl zu thun. Allein ... begehrt Ihr ihr ferneres Schicksal zu wissen, – so muß ich befürchten wirklich der Schlange zu gleichen, von welcher Ihr spracht.« – »O sagt's heraus!« unterbrach sie Bilger schnell und verstört: »Euer Zögern gibt mir im Voraus den Tod. O welches Wort sprach ich jetzt aus?« setzte er hinzu, und schauderte: »Mußte ich ihn nennen, den Tod? Und steht er nicht in Verbindung mit dem, was ich von Euch erfahren werde?« –

»Möglich;« antwortete Wallrade kalt: »Gewißheit ist indessen besser als der Zweifel. Durch meines Herzens Bezwingung erhielt ich Katharinens Freundschaft, allein weder Trost noch Freigebigkeit konnten ihr Leben erhalten. Mit ihrem Kinde im Arms stürzte sie sich in die Fluthen des Mains.« – Der Herr von der Rhön sank langsam nieder auf die Trümmer der Altarstufen. – »In die Fluthen des Mains!« wiederholte er mit der eisigen Kälte der Verzweiflung, die jedes Wort mit Zentnergewicht belegt, damit es ja unerbittlich die Seele zerschmettre. – »In die Fluthen des Mains? Das, unglückseliges Weib, war also deiner Tugend Ziel? das das letzte Schlafstündlein meines Kindes? O, wahr ist es, wahr, daß die Sünde nimmer Gedeihen bringt, aber nur der Teufel bringt die Sünde auf die Welt.«[265]

»Laßt doch meine Hand los!« sagte Wallrade zitternd, da sie sich von Bilger's eisiger Rechten erfaßt fühlte: »Die Kälte des Todes zuckt in Euern Fingern!« – »Warum habt Ihr nicht recht?« jammerte der Herr von der Rhön, und erleichternde Thränen schossen in seine Augen, wie der Angstschweiß auf die Stirne: »Warum liege ich nicht auch, ein erstarrter Leichnam, im Abgrund des trügerischen Stroms? Ach, ich habe ja doch nur sie geliebt. Was früher mein Herz bewegte, war eitler Tand, ... sie nur war das Juwel, die Perle meines Lebens. Aber so wie die Perl emporsteigt aus der Tiefe der Fluth, so hat sie sich hinunter gesenkt auf den kühlen Moosgrund, weil die Welt zu arm war, dies Kleinod zu kaufen und zu hüten.«

»Ihr werdet wahnsinnig!« versetzte Wallrade; »laßt mich!« – »Nicht eher, als bis Du mich hingeführt hast zum Grabe meines Weibes!« sprach Bilger: »Wo ruht sie? wo mein Kind? O sage es mir, – Du, ihre letzte Pflegerin, Du ihre Mörderin!«

»Spart Euern Witz!« antwortete das Fräulein kalt: »Eure Sünden haben sie umgebracht. Ihre Leiber fand man aber nicht, und gewiß hat die Fluth sie hinausgeführt in's offne Meer, damit nicht christlich geweihte Erde die Theilnehmerin wie die Frucht schändlicher Doppelehe bedecke!« – »Nicht einmal ihr Grab werde ich sehen?« klagte Bilger, ohne auf Wallradens Schmachrede zu hören: »Wie elend bin ich nun?« Mochte ich doch flüchtig umherirren ... ich wußte ja doch, daß fern von mir zwei Herzen voll[266] Liebe für mich schlagen! Und diese sind jetzt zur Ruhe gegangen! »O, ich Schändlichen! Du, Grausame! wir haben sie gemordet! Ein unerbittlich Strafgericht hat mich gen Frankfurt geführt, und in diese Höhle des Raubes, damit ich erfahre, wie ganz verwaist ich nun bin? Meine Katharine! meine kleine, holde, unschuldige Agnese!« – »Seht da, in welcher Erbärmlichkeit und Blöße Euer unmännlicher Schmerz Euch darstellt!« sprach hierauf Wallrade, deren Büsen hoch aufklopfte bei diesem Anblick: »Ihr trauert um das Weib, das Euch nicht gehörte, – um das Kind der Unzucht; und Eure rechtmäßige Gattin verabscheut Ihr? nach Euerm Sohn sendet Ihr kein fragend Wort aus?« – »Wölfin!« seufzte Bilger, trostlos ihr in's Auge sehend: »Erbarmte mich nicht des Knaben Schicksal? hielst Du ihn nicht von mir entfernt, und begannst meine Strafe, indem Du ihn mir entzogst?«

»Weil ich mein Kind nicht als einen Fündling in Euerm Hause wissen wollte;« erwiederte Wallrade: »Täuschung verabscheut mein Herz. Der Knabe sollte Euern Namen nicht führen, aber unter Katharinens Herrschaft stehen? Nimmermehr! Ich behielt ihn, damit er mir stets Euer Verbrechen vergegenwärtige, und – ich läugne es nicht – zu meinem Rächer wollte ich ihn erziehen.« – »Mein Sohn sollte Dich an mir rächen?« fragte Bilger entsetzt: »Weib! Du hast keinen menschlichen Blutstropfen in Deinen Adern. Wo wird er zu diesem abscheulichen Geschäft erzogen?« – »Ich hatte ihn dem Freiherrn von Issing vertraut;« entgegnete Wallrade[267] ruhig, obgleich bei diesem Namen ein Blitz aus Bilger's nassem Auge schlug: »allein der edle, von Euch verkannte Mann war schon in Preußen in einem Volksaufruhr gefallen, und der Knabe selbst wurde mir geraubt.« – »Geraubt?« stammelte Bilger: »Geraubt? O sprecht es aus: Er ist auch todt?« – »Ich würde es Euch nicht verhehlen!« erwiederte das Fräulein fest: »allein ich sage die Wahrheit. Euch hatte ich zuerst im Verdacht; aber nun habe ich erkundet, wo der Knabe ist, und werde ihn – so bald ich befreit bin – zurückfordern.« – »Wo, wo ist er?« fragte Bilger dringend: »Dieses Kind könnte mir allein die Ruhe wiedergeben. Wenn noch ein Anklang jener Zeit in Deinem Busen lebt, die uns das Trugbild einer schönen Zukunft vorspiegelte, so verhehle mir auch nicht – des Knaben Aufenthalt. Wer hat ihn entführt? Wer hat sich seiner angenommen? O, wenn ich ihn auch nicht mein nennen darf, – nur sehen, sehen möchte ich ihn! Ihn küssen und fliehen bis in mein Grab!«

»Ihr seyd berauscht von Euerm Schmerz;« versetzte Wallrade: »Ich bedaure Euch; aber des Knaben Wohnort nenn ich Euch nicht. Eure Unbesonnenheit und Euer Ungestüm könnten mir mein Eigenthum rauben, ehe meine Ketten sich hier lösen.«

»O warum bin ich ein ohnmächtiger, wehrloser Mann?« rief Bilger: »Warum kann ich Euch nicht befreien, daß Ihr mich hinführen könntet zu dem holden Knaben, den Ihr zu unnatürlichem Dienste bestimmt. O gewiß! meine Reue, meine Liebe würden schon in dem Kinde die Rache, des Mannes entwaffnen![268] Ich würde ruhig und ferne sterben können!« – »Der List, welche ohnmächtig scheint, und es nicht ist, gelingt oft mehr als der Stärke und Gewalt!« sprach Wallrade: »Euerm Gewande sollte, selbst in der Mitte dieser rohen Bösewichter, nichts unmöglich seyn. Wollt Ihr dem Sohne zu Liebe thun, was Ihr der Mutter nie zu Gunsten thun würdet, so trachtet, mich zu befreien. Dann führe ich Euch zum Sohne. Im Gegenfalle sterbe ich eher, als ich an Euch verrathe, wo der Knabe lebt. Sinnt nach! An Muße dazu fehlt es in dem Gefängnisse nicht. Ich lohne Euch mit gänzlichem Vergessen, und mit einer Umarmung unsers Johanns. Vielleicht thue ich auch mehr, wenn ich Vertrauen zu Euerm Vaterherzen fassen kann. Nunmehr laßt uns aber scheiden. Im nahen Dorfe schlägt die elfte Stunde, und, so ich nicht irre, vernehme ich von fern Frau Elsen, die mich abzuholen kömmt.« –

Sie verließ den zerknirschten Mann, der unbeweglich auf des Altars Stufen ruhen blieb. Frau Else kam ihr wirklich im Hofe entgegen, und der Anblick der Gefangnen erheiterte die harten und finster gewordenen Züge der Frau von Vilbel. – »Sieh, sieh,« sagte diese Letztere, die Lampe in ihren Händen putzend: »das war ein lang Gewerbe in dem Kirchlein. Ich dachte, es würde kein Ende nehmen, midi fürchtete bereits, Ihr möchtet mit dem Ordensmanne durch die Luft davon gegangen seyn. Nun, nun, wenn man Buße thut, so thue man sie recht; das ist auch meine Meinung, und ich würde auch recht fleißig zur Kirche gehen, wenn mein Alter nicht[269] beständig im Interdikt läge. Kommt jetzo nur mit hinaus. Ich habe die Trunkenbolde alle zu Bett geschickt, denn ich saß wegen Eurer auf Nadeln zwischen den ungehobelten Gesellen. Der Weg zu unserm Gemache ist rein und still.« – Während Wallrade auf das Gebäude zuschritt, rief Else in die offne Kapellenthüre: »Kommt, ehrwürdiger Herr! Ihr werdet müde seyn, und ich habe Euch am glimmenden Herde ein Lager bereitet, worauf ihr schlafen könnt, wie ein Kaiser.« – Indem trat der Herr von der Rhön auf sie zu, und vor seinem leichenmäßigen Antlitz entsetzte sich Bechtram's Ehewirthin. – »Um Gott!« flüsterte sie: »Was ist Euch zugestoßen, hochwürdiger Herr? Ist es doch, als hättet Ihr ein Gespenst gesehen, oder wärt selber eins!« – Da nun aber der sogenannte Mönch nicht antwortete, sondern unwillkürlich nach der Thüre des Thurms ging, in welchem er bisher gewohnt war, seine Behausung zu sehen, so nahm ihn Frau Else ohne Umstände beim Arm, und sagte: »Was treibt Ihr denn, guter Herr? Seyd Ihr schlaftrunken, oder hat Euch ein Gesicht erschreckt? Kommt, kommt; dort in der Halle ist es warm und heimlich. Dort werdet Ihr ruhen und Eurer bisherigen Leiden vergessen. Ich werde meinem Alten sagen, daß es anders mit Euch wird. Kommt nur! kommt!« – Sie schloß die Kirchenthüre zu, und führte sorglicher, als man von dem harten Weibe hätte erwarten dürfen, den von seinem Schreck noch nicht zu sich Gekommenen, in das Haus. Wallrade floh bei seiner Ännäherung die Stiege hinan, und Bilger sank, nachdem Else mit[270] eigner Hand die Holztreppe des Hauses in die Höhe gewunden, und in dem Schloß befestigt hatte, ermüdet von Gram und Entbehrung auf die dürftige Ruhestätte, die ihm die mitleidige Ritterfrau am Fuße des Herdes bereitet hatte. Die Stunden schlichen aber über seinem Haupte hin, wie saumselig zögernde Grabgestalten; und Gestalten des Grabes sah auch nur sein wacher Traum. Er hatte Wallraden nur wieder gesehen, um neues Unbill von ihr zu erfahren. Ein größres hatte sie ihm indessen niemals zugefügt; denn die Kunde von Katharinen's und Agnesen's Tode schlug seinen Muth völlig darnieder. Die Ungewißheit über seines Sohnes Schicksal, den er nur mit bangem Widerstreben, um sein Geheimniß nicht zu enthüllen, Wallraden überlassen hatte, vermehrte seine entsetzliche Stimmug, und der Gedanke, daß er Wallraden zuvor befreien müsse, ehe er erfahren werde, wo sein Sohn hingekommen, scheuchte auch die leiseste Annäherung des Schlummers von seinem Haupte. Und da gegen Morgen die Erschöpfung ihr Recht geltend machen wollte, umstanden schon die Herren und Gäste des Hauses sein Lager, und weckten ihn unter Scherzen, wie sie in der Genossenschaft gäng und gäbe waren. – »Aufgestanden, Hexenmeister!« rief der Hornberger, aus dessen rothen Augen noch die Flamme der gestrigen Ausschweifung loderten: »Halloh! an's Werk! Bechtram's Roß muß gesund seyn, ehe noch die Sonne ganz über den Bergen ist.« »Wo seyd Ihr denn gestern hingekommen?« fragte Bechtram, der dem Herrn von der Rhön vom Lager aufhalf. »Nicht weiter als hieher, ich wette!« lachte[271] der Leuenberger: »Der feurige Steinwein war dem armen Burschen ein ungewohnt Ding, und er ging an die Arznei, als schon der Kopf nicht mehr sein war. Da hat er sich gewißlich während des Kesselschwenkens nieder gelegt, um sanft zu entschlafen und selig.« – »Kommt, ihr Herren,« erwiederte Bilger nach all diesen freundlichen und spöttischen Reden: »ich denke, ich werde nicht zu viel versprochen haben.« – Der Versuch fiel glücklich aus. Bechtram's Gaul spitzte muthig die Ohren, da die schmerzhafte Heilung vorüber war, und scharrte mit dem Huf, als wollte er in's Weite. Bechtram jubelte ob dem Gelingen, und ließ sorgfaltig den Gaul in den Stall zurückbringen. – »Habt Dank, Meister Kuttenmann!« sprach er freundlich zu Bilger: »Meine Anerkennung will ich Euch thätig beweisen, so bald ich kann. Vor der Hand könnt Ihr frei gehen, so weit der Zwinger reicht, und meine Hausfrau soll Euch nichts abgehen lassen. Ich hab' es ihr befohlen, und will bei meiner Rückkehr hören, ob sie Wort gehalten.« – Der Herr von der Rhön nickte gleichgültig mit dem Kopfe, und entfernte sich langsam in's Innre der Burg. – »Ein närrischer Kumpan!« spottete der Hornberger: »Kurz angebunden, als ob er, – weiß Gott wer – wäre. Und wie nennt man ihn denn?« – Die Übrigen mußten bekennen, daß sie es eben so wenig wußten. »Wozu auch einen Namen?« rief der Leuenberg: »Ist ›Pfaffe‹ nicht genug? Pfaffe, und damit gut. Mag er uns ein Freudenamt singen, wenn unser Wirth gesund und wohlbehalten von Frankfurt wiederkehrt.« –[272] »Willst Du im Ernste hin?« fragte Doring den Ritter: »und lächelnd bejahte er es.« Doring schüttelte den Kopf. »Traue den Krämerfüchsen nicht!« sprach er warnend: »Du wirst Dich verlassen auf das freie Geleit, daß sie Dir vor einer Woche zustellen ließen, für den heutigen Tag, und den morgenden, im Fall sich die Unterhandlungen in die Länge dehnen sollten. Aber wir erleben heut zu Tage gar oft das Beispiel, daß frei Geleit gebrochen wird, sonder Scham und Reue. Geh nicht hin.« – »So tapfer im Strauß, so feig im Rath!« versetzte lächelnd wie oben der Burgherr: »Ich traue den Frankfurtern, und habe eher Recht, als sie, wenn sie mir vertrauen wollten. War ich nicht geraume Zeit ihr Stadt- und Feldhauptmann? Sie werden nicht hinterlistig handeln gegen einen Mann, der ihre Fahne trug.« – »Eben darum!« fuhr Doring lebhafter fort: »Hättest Du den Lappen nie getragen! Und wozu soll denn wohl der vorgeschlagene Vergleich dienen? Du wirst doch nicht die Artikel halten wollen, die das Bürgerpack Dir aufschwatzen möchte?« – »Beschwören und halten ist nicht einerlei;« sprach Bechtram dagegen: »aber mir kann's nicht einerlei seyn, wenn ich sehe, daß die vorsichtigen Pfeffersäcke mir die Heerstraße rein halten, so weit das Auge reicht. Darum will ich sie wieder kirre machen, und wimmelts alsdann wie ehedem von Körnern, Mezgerzügen und Weinfuhren, so will ich ihnen die Leichtgläubigkeit eintränken, und meine Vorräthe anhäufen. Jährlich einen Span mit Frankfurt, und jährlich wieder Versöhnung! Dabei finde ich gute Rechnung. Haltet[273] mich darum nicht auf, meine Freunde. Den alten Fuchs von Vilbel fängt man nicht so leicht, und die Herren von Frankfurt fürchten mich und meine Drohungen.« – »Donner und zehntausend Teufel!« rief der Hornberger dazwischen: »Das dürfen sie auch. Wir heißen nicht umsonst die wilde Jagd in der Wetterau. Eine Lohe wollten wir anschüren über den Giebeln der Stadt, daß die Engel im Himmel die Füße zusammenziehen sollten vor Brandschmerz; .. und so viel Achtung und Freundlichkeit mir das Fräulein von Baldergrün eingeflößt hat, – das Haupt schlüge ich ihr vom Rumpfe, und schickte es ihren Landsleuten zum Geschenke, wenn sie sich an unserm biedern Wirth vergreifen wollten.« –

»Erbärmliche Prahlerei!« sprach der Leuenberger halblaut zu dem von Wiede: »Ich wollt es ihm doch rathen, des Fräuleins Kopf ungeschorn zu lassen.« – »Donner und Pestilenz!« erwiederte der Junker von Hornberg, der die Äußerung gehört hatte: »Wer spricht da? Veit! Veit! nimm Dich in Acht mit Deiner vorlauten Zunge! Einen Prahler schilt mich Keiner zweimal.« – »'s käme darauf an, es zu versuchen!« entgegnete Veit, und warf die Nase in die Höhe: »Es gibt Dinge, die ich nicht einmal im Scherz begreife.« – »Wahre Dich vor dem Hornberger!« redete Bechtram lachend dazwischen: »Du weißt ja, daß er mir gestern beinahe in aller Freundschaft und Kumpanei den Hals gebrochen hätte. Schäme Dich aber auch, alter, großer Leuenberg, daß Du so unritterlich dem Fräulein den Hof machst. Schon längst hab' ich's gemerkt, und ich glaube, in[274] der ganzen Veste gibt es Keinen, dem es ein Geheimniß wäre. Es gibt, weiß Gott, nichts Lächerlicheres, als einen verliebten Burschen, der schon beinahe über die Jahre hinaus, und in seinem ganzen Leben der Schönste nie gewesen ist.« – Die Genossen des Ritters lachten hell auf, während eine Art von Schaamröthe in Veit's braunes Gesicht stieg. – Bechtram fand Anerkennung seines rohen Witzes, und fuhr daher kecker fort: »Den Hornberg lob' ich mir dagegen. Die Blicke einer Dirne prallen von ihm ab, wie die Pfeile des Schützen von dem Küraß. Und doch wäre er ein andrer Mann als Du, mein guter Veit Lustiger, offner, und ... ich muß es sagen, – weit kecker als Du. Während Du auf der faulen Haut liegst, und denkst, die Sonne soll Dir Wein, Brod und fleisch in die Kammer scheinen, sitzt der Hornberg risch und straff zu Gaule, und ist in der Wetterau gefürchtet, wie ich es nur war in meiner besten Zeit. Aber derselbe Muth, der im freien Felde, sich herumschlägt, gewinnt auch in einsamer Kammer die Herzen der Weiber. Merke Dir das, Veit; und vergib mir, daß ich Dir in etwas die Wahrheit sagte, wie man nur einem Freunde zu thun pflegt.« – »An Eurer Ausrichtigkeit ist mir nie eingefallen zu zweifeln,« versetzte Veit, seinen auf's Höchste gestiegenen Unmuth hinter einem bittersüßen Lächeln verbergend: »ob es geziemend ist, einen Gast durch solche Reden zu kränken vor ansehnlicher Ritterschaft, meine ich nicht; allein ich übersehe es Euch, da Ihr eben mein Gastfreund und obendrein mein Lehrer seyd, und Eures Alters wegen ein Wort voraushaben[275] mögt.« Daß ich überall dabei bin, wo es gilt, und ich einen Vortheil absehe, daß ich in Kühnheit und Muth es aufnehme mit Jedem, der es mit mir wagen will, behaupte ich, so wie, daß ich Jedem den Hals breche, der an den des Fräuleins will. »Sie ist meine Base, und wahrlich weder der Graf von Montfort, noch Ihr, verehrlicher Ritter habt Euch durch ihren Raub Ruhm erworben.« – »Horch! horch!« spottete Hornberg, die Weise eines damalig beliebten Liedleins nachäffend: »Wie anders die Schalmeye klingt, denn sie zuvor erklungen! wie anders doch der Buhe singt, denn er zuvor gesungen! Wie hat der Leuenberg vor wenig Tagen noch gesprochen, und wie spricht er jetzo? So lernt man minnen, was man haßte. Was gilt's, hol' mich der Satan, er bedauert, der arme Schelm, daß ihn die Frankfurter in den Bann gethan. In die Krämerladen würde er sich stellen, und das Einmal Eins lernen, und die Elle handhaben, um sein Liebchen zu gewinnen!« – »Wenn Du nicht schweigst!« – schrie Veit, nach dem Dolche fahrend. Bechtram stieß ihn indessen kurz und bündig zurück.

»Friede!« rief er barsch dazwischen: »Stern und Kreuz! Ihr habt mich gestern verhindert zu raufen, ob ich gleich der Herr vom Hause bin. Heute sollt Ihr mir dafür keinen Lärm und Hader anzetteln, und müßte ich euch Beide vor das Schloß werfen. Vertragt Euch, und damit ihr's könnt, soll meine Wirthin Wein schaffen!« – Er klatschte in die Hände, pfiff seinen wohlbekannten Forstruf, und da das Fenster erklang, und Frau Else herausschaute,[276] begehrte er einen Valet-und Satteltrunk. – »Ich bin heute so vergnügt;« fuhr er fort, und sah sich munter im Kreise um: »Ich gedenke heute einen frohen Tag zu feiern, und morgen spätestens wieder behaglich in Eurer Mitte zu seyn.« – Alle, sogar des maulende Veit reichten ihm die Hände. Doring sagte jedoch kopfschüttelnd: »Gott verdamme den Weg, den Du machst, Bechtram. Ich habe böse Ahnung, Dein Gaul hat gestern das Vorzeichen gegeben. Es droht Dir entweder zu Frankfurt Unheil, oder Du bringst es von dannen nach Deinem Hause. Bleib daheim.« –

»Plaudertasche!« versetzte Bechtram lächelnd, ihn beim Schnauzbart zupfend: »Sorge nicht; mir begegnet nichts Böses. Der alte Auerstier ist die Furcht des Waldes, und wäre ich's auch nicht allein, den die Städter fürchten, so sind es doch meine Freunde. Sieh einmal hin, auf die Hand voll Menschen, keck wie die Hähne, gespornt wie sie, und nicht minder hitzig. Ihr laßt mir nichts geschehen, Freunde, und in diesem Vertrauen laßt uns die Becher leeren auf fröhlich Wiedersehen!« – Frau Else kredenzte den Trunk, und mit einem Jubel aufflogen die geleerten Humpen in die Luft. – »Nun keinen Tropfen mehr!« rief der Reifenberger. »Auf morgen, oder heute Abend schon, das Übrige!« setzte Henne von Wiede hinzu. – »Wiedersehen!« murmelte Doring, dem Bechtram die Rechte schüttelnd. – »Ehe wir aber uns hinsetzen, um über die hintergangnen Reichsstädter in's Fäustchen zu lachen, müssen wir unsern Freund an Frankfurts Thore geleiten!« sprach lebhaft[277] der Hornberger. – »Ja! das müssen, das wollen wir!« jubelten alle insgesammt. – »Ich reite mit ihm in Sachsenhausen ein!« fügte der von Wiede hinzu: »ich gehe ihm nicht von der Seite!« – »Warum darf ich nicht ein Gleiches thun!« brummte Doring: »Aber ich habe einen Span mit dem Rathe, und traue nicht.« – »Wir erwarten den Bechtram zu Oberrad!« schlug der Hornberger vor, und Bechtram willigte gerne in das Geleit seiner Freunde und Genossen. – »So sey's!« sprach er: »so bald ich mit dem Magistrate im deutschen Hause Frieden geschlossen, komme ich zu Euch, und sollte jener Unglücksvogel, der Kunz, recht haben, und sie mich einsperren auf ein Lösegeld, trotz Geleit und Furcht, so kommt der Wiede doch, und bringt Euch Kunde.«

»Wehe dann, der Stadt!« betheuerten Alle mit Lärm und Geschrei. – »Dir, mein werther Schüler und Freund,« wendete sich Bechtram zu Leuenberg: »Dir glaube ich eine Liebe zu thun, wenn ich Dich abermals zum Hüter der Frauen und des Hauses bestelle. Wallradens Gefangenschaft wird Dir weniger grausam erscheinen, wenn sie nur Deine Gefangene ist. Du magst indessen die liebe Base trösten. Bleibt der Montfort noch eine Weile aus, trotz Versprechen und Wort, so liefre ich das Fräulein wieder aus an ihren Vater, der mir ein schweres Lösegeld dafür bezahlen soll. Dann magst Du um dasselbe freien nach Herzenslust, guter Veit, insofern Herr Diether Frosch Deine Armuth, und der Papst die Blutsfreundschaft übersieht. Bewahre mir also vor der Hand Thurm und Haus mit treuem[278] Sinn, und sorge, daß meiner Hausfrau und Deinen Basen nichts Böses, widerfahre.« – Die Herren schwangen sich auf die Gäule, und nachdem Frau Else einen kurzen und männlichen Abschied von dem Gatten genommen, zogen die Reiter von dannen, einige wenige Knechte auf ihrer Spur. Der Leuenberger sah ihnen durch das Vorsprungfensterlein am Thore nach, und sprach zu sich: »Viel Glück auf den Weg, lieben Freunde; elendes Volk und Gesindel, das sich überhebt, als wäre es schon vor der Sündfluth geadelt worden. Daß der Hornberg ein vorlauter, böser Geselle ist, war mir längst bekannt, und seine Freundschaft, so viel Wesens die Base Petronella davon macht, hat mir nie Erkleckliches in den Seckel gelockt. Ich hasse den Buben jetzt von ganzer Seele, aber ich denke, ich hasse den alten Bechtram noch weit mehr seit einer Stunde. Wie mich der Graubart hingestellt hat vor aller Welt, wie man einen gemeinen Dieb an's Halseisen legt! Was er sich nur einbildet? Auf was er nur pocht? Auf seine Habe? Der Teufel danke ihm sein Geld, seinen Wein und seinen fetten Tisch. Hätte ich ein Paar Dutzend Knechte, und einige arme, aber handfeste Schlucker wie der Doring, der Wiede oder der Reifenberg zu meinem Befehl, ich wollte mich auch bald reich gearbeitet haben. – Oder pocht er auf seinen Stamm? Mein Adel ist so alt als der seine, und dem Kaiser wird es schon lange leid thun, daß er ihn zum Ritter geschlagen. Was nützen ihm die goldnen Sporen? Wenn es um den Scharlachhandel zu thun ist, oder darauf ankömmt, ein Paar elende Kaufleute[279] nieder zu werfen, so ist der Edelmann mit der besten Faust der tauglichste, er sey nun Ritter oder Junker. Eine gute Faust konnte man dem Bechtram nicht abläugnen, aber er ist schon ein alter Bär geworden. Ich hätte mich wohl unterfangen, mit ihm anzubinden, aber ich habe die Übrigen gefürchtet. Indessen soll er an mich denken, und es bereuen, daß er mich wie einen Schmarotzer und Krippenreiter behandelt hat. Ich fürchte, seine Hoffnung auf das Lösegeld aus Diether's Hand schlägt fehl, denn ich kenne Einen, der ihm zuvorkommen wird. Heute haben wir Vollmond, und ich meine, Meister Diether werde auf der Bergener Straße zu finden seyn. Ist das Geld in meinen Händen, dann wird auch Wallrade mir folgen müssen, wenn auch nicht in ihr väterlich Haus, und die Frankfurter brennen zum schuldigen Dank dem hochmüthigen Bechtram den Schornstein ober, dem Haupte weg.«

»Pest und rother Hahn! Ein herrliches Fündlein,« setzte er bei, indem er vergnügt sich die Hände reibend, aufstand: »Mit einem Streiche erlange ich Diether's Geld, Wallradens Demüthigung, Bechtram's Verderben, und zuletzt muß mein verhaßter Schwager erst noch, getäuscht, mit langer Bahn von diesen Mauern abziehen! Noch einmal: Glück auf den Weg, ihr Herren und Freunde! der Leuenberger macht Euch Alles wett!« –

Die Stunden verstrichen in sorgloser Stille. Die Veste lag einsam, und weder Roß noch Mann weit hinaus in die Runde war zu sehen. Die Sonne sank, und im Zwinger und Burghof wurde es schon[280] schattig und düster. Die Frauen beschlossen, abermals auf dem Wartthurme luftige Helle zu suchen. Während sie jedoch die Höhe erklimmten, ließ der Leuenberger seinen Gaul aus dem Stalle ziehen, und die Pforte öffnen. – »Wilpert;« sprach er zu dem Knechte, der ihm das Pferd vorführte: »ich kehre erst zur Nacht zurück. Der Frau magst Du sagen, daß ich, meines Falkens Steigen zu erproben, ein wenig in's Freie geritten sey. Bleibe hübsch auf Deiner Hut, und hab' Acht auf das Thor.« – Der Knecht nickte mit dem Kopfe, und der Junker ritt aus, und lenkte seinen Klepper gleich ausser der Burg auf versteckte Waldpfade, daß die auf dem Wartthurme sitzenden Weiber nicht das Geringste davon bemerkten. – »Ihr seyd also völlig wieder hergestellt?« fragte Petronella das Fräulein mit erheuchelter Theilnahme: »Ihr werdet mir nun sagen können, ob der Luftzug über die Zinnen, oder mein arm, unschuldig Mährlein an Euerm Zufalle schuld gewesen?« – »Keins, von beiden;« versicherte Wallrade spitzig: »im Ganzen war es nur ein Übelbefinden, das mich öfter anwandelt; ein Schwindel; weiter nichts. Ihr kennt ja solche Zufälle, ob sie gleich bei Euch vom Alter ihren Ursprung nehmen, und bei mir das junge heiße Blut daran Ursache ist.« – Frau Else lachte, während das Fräulein von Leuenberg die Stirne verzog und die spitzige Nase rümpfte. – »Mag ich doch der Jahre so viele zählen, als der Erzvater Methusalem;« sprach sie bitter: »ich bleibe doch immer jung gegen das Alter unsers adeligen Stammes. Nicht alle Leute können[281] sich solcher Herkunft rühmen.« – »Nicht alle Leute mögen hoffärtige Armuth einem bequemen Bürgerthum vorziehen;« versetzte Wallrade gereizt: »vergebt mir, Fräulein; es mag alles wahr seyn, was Ihr mir von Euerm schönen Schlosse zu Gelnhausen zu erzählen für gut fandet, allein es ist wohl bessres zu finden, als schmale Kost und magre Mährlein, wie Ihr sie Euerm Vetter auftischt. Das wußte Eure Base Gretchen sehr gut; sie scheute sich keineswegs dem Wohlleben eines Frankfurter Bürgers ein leeres Wappen zum Opfer zu bringen.« – »Dieses Opfer unbesonnener Jugend hat auch schier mein Herz gebrochen;« erwiederte Petronella: »der Falk soll nie auf einem Finkenneste horsten. Merkt Euch das, gute Nichte.« – »Warum hatten doch eure Warnungen keine kräftigere Wirkung?« fuhr Wallrade glühend und mit Spott fort: »Meinem Hause wäre viel Unfriede erspart gewesen, – und viele Schande.« – »Schande?« schrie Petronella, erstickend fast vor Unwillen: »Welch böser Geist spricht denn heute diese Lästerungen aus Euch, da Ihr Euch noch gestern geberdet habt, wie ein reuiges Schäflein? So man auch wollte, man könnte sich doch nicht mit Euch vertragen, denn Ihr seyd schlimm, wie ein schneidiges Messer.« – »Allerdings;« gab Wallrade zu: »in ungeschickten Händen werde ich dazu, und das ist bei Euch der Fall.« – »Was sollen, denn die Stachelreden?« fiel Else derb und heftig ein: »Wenn Verwandte sich also erzürnen, was sollen denn wildfremde Menschen thun? Gebt Euch zufrieden. Beide seyd Ihr mir gleich liebe Gäste, – und,« setzte sie scherzend[282] hinzu: – »das Fräulein von Baldergrün ist mir schier noch angenehmer, als Ihr, Leuenbergerin.« – »Weil das Fräulein mit goldnen Ketten und Geschmuck den gezwungnen Aufenthalt bezahlen muß;« ergänzte Petronella. – »Und Ihr das erwünschte Traktament nur mit Mährlein;« setzte Wallrade verhöhnend hinzu: »Ihr verdankt meinem Unglücke, das aber dennoch, wie Alles, ein Ende nehmen wird, ein Paar lustige Gelagwochen, Euer alter Kater ist schon in seinem Fett erstickt, und auch Eure hagre Gestalt beginnt sich zu runden. Während dessen aber muß der arme Bauersmann, der Euch gefahren, im Thurme verzweifeln.« – »Was kümmert mich der Mensch?« fragte Petronella unwirsch: »Ich bin sammt meinem Vetter in Ehren geladen hieher gekommen, und es steht Euch schlecht an, mich für eine Schmarotzerin geltend zu machen. Der Hochmuth ziemt Eurer Lage nicht. Meinen Adel, meine Freiheit, mein gutes Gewissen habt Ihr doch nicht. Lacht nicht, mit dem Gewissen ist's wirklich nicht richtig; die gestrige Ohnmacht, und die plötzliche Bekehrung, die darauf folgte, beweisen es, und der Mönch, der Eure Beichte anhörte, würde viel zu erzählen haben, wenn er anders erzählen dürfte.« – »Keine Beleidigung!« zürnte Wallrade; aber Petronella hätte unerbittlich fortgefahren, wenn nicht Frau Else dazwischen getreten wäre. »Ei, beim Wetter!« rief sie: »Ist des Haders noch kein Ende? Schämt Euch, Fräulein von Leuenberg. Euer Alter sollte vernünftiger seyn. Schämt Euch, noch einmal, – und nehmt Euch in Acht vor dem Vetter Veit, denn es scheint, als hätte er seine[283] Nichte zu lieb gewonnen, als daß er Euch nicht den Kopf zurecht setzen wollte, wenn Ihr das Fräulein schmäht.« – »Das wolle Gott verhüten!« seufzte Petronella mit niedergeschlagenen Augen: »Der Bruder wird doch nicht dem Beispiele der Schwester zu folgen trachten?« – »Und wenn es wäre?« entgegnete Wallrade mit verächtlichem Scherz. – »Mein Tod wäre es;« fuhr Petronella giftig fort: »der letzte Nagel zu meinem Sarge.« – »So sterbt immerhin;« sprach Wallrade höhnisch weiter, während Frau Else des Lachens kein Ende finden konnte: – »der Junker von Leuenberg macht mir den Hof, und hat geziemend um meine Hand geworben.« – »O der dumme Christoph!« seufzte das alte Fräulein schmerzlich, und machte ihre Augen groß auf. – »Noch mehr!« fuhr Wallrade schnell fort: »er wird mich befreien; er hat's versprochen.« – »Befreien? versprochen?« stammelte Petronella und sank auf ihren Sitz zurück: »Ich bin verloren. Der undankbare Mensch kann seiner Muhme also vergessen? mich würde er aus dem Hause stoßen wollen, um eines Bürgers Tochter in unser Schloß zu setzen? Abscheulich! Wo ist er, der Wütherich? hören will ich's; aus seinem Munde will ich's höre!« – »Ihr erfahrt es früh genug;« versicherte Wallrade. »Ich gebe Euch indessen mein Wort, daß ich mich lange besinnen werde, ehe ich zu Euers Vetters Zärtlichkeiten ein gutes Gesicht mache.« – »Und warum?« fragte die Alte ereifert: »Ein junger Edelknecht von Veit's einnehmender Gestalt, ist Jungfrauen von zweideutigem Bürgeradel immer willkommen und[284] wenn ich's beim Lichte besehe, so kann ich's nicht dulden, daß Ihr meinen Vetter ausschlagt.« Es wäre ein Schimpf für unser gutes Wappen, das Kaiser Karl der Große unserm wohlverdienten Ahnherrn gab. »Der Frosch soll sich's zur Gnade schätzen, mit dem Leuen auf dem Berge wandeln zu dürfen.« – »Ihr sprecht verwirrtes Zeug, Fräulein;« fuhr Frau Else dazwischen: »das Alter und die Galle machen Euch thöricht vor der Zeit. Laßt das Ding nur seinen Weg gehen, und kümmert Euch nicht darum. Unser lieber Gast Wallrade hat mit Euch sich einen Scherz erlaubt. Der Vetter Veit wird sie weder zum Altar führen, noch befreien, ehe mein Alter nicht klingendes Geld dafür gewonnen. Riegel und Knechte bürgen uns für ihre Ruhe und stilles Verhalten, wenn die Freundlichkeit, womit wir die Gefangene behandeln, es nicht thut. Ich habe indessen – glaubt mir's Leuenbergerin – ein weit besseres Vertrauen zu des Leuenberger's Redlichkeit gegen uns, und zu des Fräuleins Aufrichtigkeit, als Ihr. Glaubt Ihr wohl, ich zögerte im Geringsten, die ehrsame Wallrade zu bitten, aus meinem Schreine die Stickarbeit zu bringen, die ich vor einigen Tagen begonnen, und ihr zu diesem Behuf meinen ganzen Schlüsselbund anzuvertrauen? Hier habt Ihr diese theuern Schlüssel, mein Fräulein von Baldergrün. Eure Bereitwilligkeit bürgt mir dafür, daß Eure jungen Beine meinen ältern den Liebesdienst erweisen werden.« – In der Bitte der Frau Else lag ein Befehl; Wallrade zögerte daher nicht, mit erkünstelter Freiwilligkeit zu thun, wozu sie sich nicht gerne hätte zwingen[285] lassen. Schnell nahm sie die Schlüssel, verneigte sich boshaft vor der Base Petronella, und sprach: »Vergebt, edle Blutsfreundin, meiner vielgeliebten Stiefmutter, daß der Wunsch unsrer verehrten Gastfreundin mich hindert, Euch jetzt schon zu sagen, was der Frosch zu dem Leuen sagen könnte, wenn er mit demselben auf dem Berge lustwandelt. Dieses sinnige Gleichniß hoffe ich indessen später mit Euch abthun zu können, und diese Hoffnung wird nicht der geringste Beweggrund seyn, der mich zur Eile antreibt.« – Sie flog die Treppen hinab, und erschrack beinahe, da sie, an des Thurmes Pforte angelangt, den Herrn von der Rhön erblickte, der mit verschränkten Armen auf der Steinbank an der Kapellenthüre saß, und in tiefe Betrachtung versunken zu seyn schien. Die Geübte faßte sich jedoch schnell, warf dem Aufschauenden einen verächtlichen Blick zu, und ging stolz vorüber nach dem Wohngebäude. Bilger sah ihr nach, bis sie innerhalb der Thüre desselben verschwunden war, und ein schwerer Seufzer löste sich von seiner Brust. Unmuthig in der Erinnerung seiner Verirrung und seiner Leiden, wollte er in den verborgensten Winkel des Hofs entfliehen, um nicht zum Zweitenmale den Anblick der Frau ertragen zu müssen, die er einst für eine Heilige gehalten, und die er jetzo nur verabscheuen konnte, als über die Mauer herüber eine nicht unbekannte Stimme kam: »Gott grüße Euch, und gelobt sey Jesus Christus, frommer Vater!« – Bilger sah den jungen Knecht über die Brustwehr lugen, mit dem er in verwichner Nacht geredet, und dankte ihm nach Art[286] der Mönche. »Hochwürdiger Herr!« fuhr der Geselle vertraulicher und leiser fort: »ich bin Euch viel Dank schuldig. Die Erlaubniß zu beten, die Ihr mir gabt, hat mich erquickt, und im Schlaf heute Morgen ist mir mein Mütterlein erschienen, und hat mich aufgefordert, wieder heimzukehren aus der ruchlosen Gemeinschaft.« – »Gott geleite Dich, mein Sohn!« erwiederte Bilger: »Bete Du dann auch für mich.« – »Ach, Herr!« meinte der Knecht: »frei seyn ist edler, denn Alles. Wie gerne wollte ich Euch frei machen , wenn ich's nur vermöchte« – Indem vernahm man ein Rennen und Laufen im Zwinger, und der Balken der Zugbrücke knarrte, wie der Riegel des Thors. – »Was gibt's denn da draußen?« fragte der Herr von der Rhön den freundlichen Knecht. – »Denkt doch!« flüsterte dieser herab: »das böse Zeichen! der Gaul, auf dem heut der Herr fortgeritten, kömmt schon wieder gesattelt und gezäumt. Das Roß rennt wie toll am Abhang auf und ab, und hin und her. Die Knechte machen sich hinaus, um's einzufangen. Ach Herr! was wäre das ein Augenblick des Heils für Euch, wenn das verdammte Gatterthor nicht wäre? Brücke nieder, Thor auf, Knechte zerstreut, ein Pferd, halb beschlagen, steht verlassen an der Schmiede. Warum könnt Ihr nicht hinauf, und dann im Abendschein in den grünen Wald hinein!« – So eben rief ein andrer Knecht den Plaudernden von dannen, und alles Getöse verlor sich in der Ferne. Bilger blinzelte durch das Gitterlein am Gatterthor, und sah, wie Recht sein junger Freund gehabt. Alles leer, auf der herabgelassenen[287] Brücke ein einziger gaffender Knecht, ... der an der Schmiede verlassene Schimmel ruhig grasend, mit schleppender Trense. – Nach Freiheit klopfte des Gefangenen Brust, und mit leuchtenden Augen kehrte er sich, Groll und Kummer vergessend, zu Wallraden, die gerade mit Frau Elsens Stickerei aus dem Hause trat. – »Dort ...« stammelte er, mit dem Finger durch das Gitter zeigend: »ein Augenblick der Rettung ... wer zu dieser Pforte den Schlüssel hätte!« – Wallrade stand betroffen, dann faßte sie schnell nach dem Schlüsselgebunde, schleuderte Frau Elsens Stickerei in die dunkle Hausflur zurück, und lief nach dem Thurme, dessen Pforte sie in einem Nu zuzog, und mit dem ihr bekannten Schlüssel sperrte. Wie ein entschloßner Held zauderte sie keinen Augenblick, den Schlüssel zu suchen, welcher das Gatterthor öffnete, und ein günstiger Engel leitete ihre Hand. Der zweite, mit dem sie es versuchte, schloß die Pforte auf. Bilger eilte ihr voraus in den Zwinger; das Schlüsselgebund flog in den Nesselbusch am Eingange; des Wildmeisters geübte Hand bemächtigte sich des Schimmels, und hob Wallraden schnell auf dessen Rücken. Trotz der Kutte und der unbehülflichen Holzsohlen sprang er nach, und der Gaul, begrüßt von Zungenschlag und Rippenstoß, entsetzt von der ungewohnten Doppellast, die sich ihm plötzlich aufgeschwungen, tobte wie rasend gegen das Thor, und war schon durch Gewölb und Blückenbogen, ehe dem wachhabenden aber in die Ferne schauenden Knechte es einfiel, »Halt!« zu schreien. Dieser Ruf kam zu spät, denn schon verloren sich Roß und[288] Flüchtlinge hinter Kieferstämmen und Buschwerk, als erst die im Weiten nach Bechtram's Renner laufenden Burgleute das Geschrei vernahmen. Der Schimmel verstand seinen gezwungenen Dienst auf's Trefflichste, denn er stand nur erst nach einer langen zurückgelegten Strecke still; auf einem Waldplatze, der einsam zwischen hohen Bäumen lag, und auf welchem man nur schwach die Hornstöße vernahm, die von Neufalkenstein's Warte ertönten. Wallradens Gesicht überflogen, trotz der Ermüdung und Erschütterung, Streiflichter der boshaften Schadenfreude, da sie diese Nothtöne vernahm. – »Ein Mark Silbers gäbe ich darum,« stammelte die fast athemlos im Grase Ruhende, »könnte ich auf jenem Wartthurme Zeuge der Verwirrung der beiden niederträchtigen Weiber seyn. O, daß sie den Hals brächen von der Zinne herab! Wie wird Bechtram fluchen bei seiner Heimkehr! Er ist im Stande und mordet die Weiber mit eigner Hand! Süße Wonne der Vergeltung, wenn diese Kunde mein Ohr berührte!« – »Seyd doch nicht unversöhnlich und gehässig in der Stunde, da es gilt, den Himmel anzuflehen um völlige Befreiung;« ermahnte Bilger sich aufraffend: »Eure ruchlosen Wünsche möchten leicht den Engel von uns scheuchen, der unsre allzukühne Flucht bis jetzt beschirmte!« – Wallrade sah ihn finster an; er übersah es jedoch, und drängte zur schleunigen Fortsetzung der Fahrt. – »Wir haben keinen Augenblick zu entmüßigen;« sprach er heftig: »durch jene Büsche sehe ich im falben Abendglanz die Heerstraße schimmern. Die Sonne ist fast erloschen, und das Dunkel beginnt. Noch lange jedoch sind wir[289] nicht auf befreundetem Boden, und ich fürchte, mit dem Pferde haben wir keine Zeit zu verlieren. Seht, wie es keucht und schnauft, als ob es dem Herzgespann unterliegen wollte!« – »Wohlan denn!« entgegnete Wallrade, aufgeregt von der Möglichkeit, wieder angehalten zu werden, und ließ sich wieder auf des Schimmels Rücken heben: »Kommt, und eilt, wenn auch das Thier in der nächsten Stunde zu Schanden gehen sollte!« – Rasch brachen sie durch auf die Straße, und immer hastiger ging's voran. Der Herr von der Rhön hatte keinen andern Gedanken als den der Flucht, und alles übrige vergessend, hielt er mit dem rechten Arme Wallraden umschlungen, während die Linke den Gaul regierte, wie es sich eben mit dem unzulänglichen Zügelriemen thun ließ. Wallrade fand aber unter Gefahr und banger Furcht noch Zeit zum unbescheidnen Scherz. »Ihr thut ja so eifrig, und umschlingt mich so fest,« sprach sie, spöttisch lächelnd zu ihm zurückgewendet, »als wär' ich nur erst Euer geliebtes Bräutlein, und nicht Eure verhaßte Ehefrau! Oder vermeint Ihr etwa, mein rascher Rittersmann, mich wieder in den Arm zu nehmen, weil Euer wahres Lieb der Sensenmann umfangen?« – Der unzarte Scherz griff eiskalt wie die Hand des Sensenmanns an Bilger's Herz, und von Wallradens schlankem Leibe wich schaudernd seine Rechte, und der schwache Zaum entsank seiner Linken, und alsobalb stürzte der Gaul, über Baumwurzeln stolpernd, nieder, um nimmer wieder aufzustehen. Ein Vorderfuß war gebrochen, und auch die keuchende Brust des Thiers, vom scharfen Ritte[290] längst entwöhnt, war am Verathmen. – »Euerm Frevel folgt doch gleich der Fluch auf der Ferse!« zürnte Bilger, und riß Wallraden unsanft in die Höhe: »Jetzt mag unsrer eignen Füße Kraft uns weiter tragen.« – »Feiger Mann!« schalt Wallrade verächtlich entgegen: »Das schreckt Euch? Jeder Weg ist gut, führt er zum Ziele. Mag auch Dorn und Kies meine Sohlen zerreißen, – gleichviel – entgehe ich nur dem schändlichen Bechtram, und dem noch schändlichern Montfort!« – »Ho! wer gedenkt hier meiner?« rief sie ein Mann an, der zu Pferde um die, einen Schritt entfernte Waldecke bog, und Wallradens Knie brachen, denn selbst in der mächtig einbrechenden Dämmerung war des Grafen verwachsne Gestalt, die wie ein Kobold im Sattel saß, nicht zu verkennen. Der bestürzte Bilger ließ die Erbleichende aus seinem Arm, und dies war der Augenblick, in welchem sich der vom Roß springende Montfort der willkommnen Beute bemächtigte. »Ei, was seh' ich?« rief er schadenfroh und überrascht: »Ist das nicht die tugendsame Jungfrau, der ich so eben zu Hofe zu reiten im Begriff bin? Wollte sie mir entgegeneilen, oder hättest Du es gewagt, lüsterner Klostermann, mein Täubchen zu entführen? Fort mit Dir, soll ich mich nicht an Deiner Glatze vergreifen!« – »Herr Graf!« entgegnete Bilger trotzig: »Ihr werdet nicht so unedel seyn, dies Weib auf offner Straße zu rauben, da es mir angehört.« – »Der Teufel ist hier Graf, und Dir gehört auch nur der Teufel an!« fuhr ihn Montfort an, indem er die bloße Wehr gegen ihn erhob:[291] »Weiche, verdammter Kuttenträger, und erkühne Dich nicht, meinen Namen nur auszusprechen, weil er zu edel für Deinen Mund ist.« – Wallrade machte eine Bewegung um zu entkommen; des Grafen Arm hielt sie jedoch fest; den vor Zorn erglühenden Bilger hielt er mit dem vorgestreckten Schwerte zurück. – »Ich höre Schnauben von Rossen, und Stimmen von ferne;« jammerte die neuerdings Gefangene, die aber die Besonnenheit nicht in dem Grade verlor, um zu vergessen, daß nur dann erst Alles verloren war, wenn beide wieder gefangen würden: »die Verfolger sind's! Weicht der Übermacht, frommer Vater! Rettet Euer Leben!« – »Ja, fliehe, geschorner Wicht!« donnerte ihm Montfort zu: »fliehe, weil ich Dir's vergönnen muß, da ich allein bin, und ohne Geleite. Fliehe, mir ist's nur um diese hier zu thun, an welcher die Welt nichts verliert, mag sie Dir vorgelogen haben, was sie will, gefälliger Beichtvater! Kommen hingegen die Andern heran, denen Ihr entlieft, so möchte es Dir nicht gut gehen.« – »Flieht! Ihr macht uns alle unglücklich!« schrie ihm Wallrade zu, und deutete heftig nach der Gegend hin, wo Frankfurt lag, und da plötzlich Frau Elsens gellende Stimme auf der Höhe des Wegs laut sich vernehmen ließ, so fand Bilger's Unschlüssigkeit ihr Ende schnell, und mit der Schnelligkeit eines Hirsches warf er sich abermals in das dicke Forstgehäge hinein, wohin kein Pferd dringen konnte, und das Rauschen seiner Schritte verscholl, ehe noch der Troß herbeikam, welcher in der That aus Leuten von Neufalkenstein bestand, die je zwei[292] und zwei auf einem Ackergaule oder Lastesel hängend, herbeiklepperten. An ihrer Spitze war Frau Else selbst, quer auf einer grauen Stute sitzend, einen runden kleinen Schild am linken Arme führend, und mit einem breiten Waidmesser bewaffnet, das an ihrer Hüfte hing. »Sah man den hinkenden Lauf ihres Rosses, das im aufgehenden Mondlicht erglänzende Regentuch, das um ihr Haupt flatterte, den im Abendwinde schwimmenden und wehenden Gürtel, und das abenteuerliche Häuflein, das ihr folgte, so war man versucht, sie für die wilde Hexen- und Waldfrau zu halten, von deren Spuck und Gespenstergeleite die Sagen des Thüringerwalds, und des Brockens so viel zu erzählen mußten.« – »Halt!« rief sie ihrer Rotte zu, da sie gewahrte, daß ihre Beute eingeholt worden: »Halt! herab von den Thieren! Kreuz, Nagel und Dorn! Grüß Euch Gott, so ich Euch recht erkenne, Herr Graf von Montfort. Der Teufel auf Euern verdammten Schlangenkopf, listiges Fräulein! Haben wir Euch wieder? Alle vierzehn heilige Nothhelfer mußten Euch gerade diese Straße führen, Herr Graf. Heda! Bursche; nehmt das Weibsbild, und bindet es recht fest mit Zweigen und Riemen, daß sich die falsche Hexe nicht rühren kann.« –

»Frau Else!« entgegnete Wallrade empört: »so Ihr dieses an mir thun laßt, so ersticke ich mich selbst. Das Unglück hat mich in Eure Gewalt gebracht, und kein Verbrechen!« – »Seht doch!« eiferte die Mann-Frau, indem sie die Fäuste in die Seite stemmte: »ist es kein Verbrechen, mein Vertrauen zu betrügen? meine Leute zu verführen?« –[293] »Ich antworte Euch nicht mehr;« versetzte Wallrade: »aber ich tödte mich, wenn Ihr mich mißhandelt; verlaßt Euch darauf.« – »Verruchte Kröte!« murrte Else in sich hinein, und der Graf sprach mit beißendem Spott: »Bedenkt doch, Frau von Vilbel! es geht wahrlich nicht, daß wir eine Leiche mit heim bringen, statt der holden Verlobten, in deren Armen ich Ersatz für meine mühsame Reise zu finden hoffte. Überlaßt das Fräulein meiner alleinigen Obhut. Ich will es so zierlich, als ein Kämpe von der Tafelrunde in das so schnöde verlassne Kämmerlein zurückbringen, und Wallrade, die sanfte, reizende Wallrade wird meinen Schutz sicher nicht verschmähen. Nicht wahr, mein Fräulein?« – Lächelnd hielt er ihr den Steigbügel seines Pferds, und Wallrade erwiederte, indem sie sich ungeduldig aufschwang: »Herr Graf! unter solchen Umgebungen hat Eure Überredung eine so unwiderstehliche Gewalt, daß ich Euch noch hundertfach mehr verabscheuen müßte, als ich es wirklich thue, um nicht Eure Gesellschaft derjenigen einer wüthenden Frau vorzuziehen, die es mir nicht vergeben will, hübsch listig versucht zu haben, was sie selbst in ähnlicher Lage, – wenn auch gröber und unbehülflicher, in's Werk gesetzt haben würde.« – »Die Leuenbergerin hat Recht;« entgegnete Frau Else bitter: »Ihr seyd ein schneidig Messerlein, dem nicht zu trauen ist. Traut ihr nur ja nicht, bester Graf. Den Leuenberger Veit hat sie verführt, daß er ihr durchgeholfen, und den Mönch hat sie mitgenommen. Er und der arme Gaul, der hier am Boden liegt, möchten in Gottes Namen seyn, wo sie[294] können, wenn wir nur des ungetreuen Schirmvogts, des Leuenbergers habhaft würden. Der Vogel hat aber sicherlich die Gefahr davon gespürt, und ist auf und davon gegangen.« – Wallrade schwieg hartnäckig und ergötzte sich im Stillen an dem falschen Verdachte der Alten, obschon die getäuschte Hoffnung ihr Gehirn und Brust zusammenpreßte, daß die Tropfen bittrer Thränen in ihre Augen traten. Stumm wurde der Zug nach der kaum verlassenen Veste zurückgelegt. Auf Frau Elsens Ruf öffnete sich die Burg; als sie aber über die Zugbrücke zu dem Hofe ritten, entsetzten sich Wallrade und der Graf, und auch die rohen, des Bannfluchs gewohnten Knechte bekreuzten sich, und beteten einen Stoßseufzer, denn an den Thorpfeilern hingen zwei Leichname. Auf Befehl der strengen Hausfrau hatte hier der Thorwächter geendet, welcher Wallradens Flucht nicht auf der That gehindert, und der alte Schmied, der von dem Schimmel gegangen war, dessen sich Bilger bemächtigt hatte. – »Spiegelt Euch daran!« sprach Frau Else hartherzig und trocken zu Wallraden: »Allen, die es mit Euch halten, geht es also, und müßte ich den Letzten mit eigner Hand aufhenken. Diese Schlüssel aber, – sie zeigte hohnlachend das wiedergefundne Gebund, – diese Schlüssel vertraue ich nimmer Eurer gefährlichen Hand, obschon es mit dem Einsperren im Wartthurm nicht so vieles auf sich hatte. Ihr habt vergessen, daß der Thurmwärter eine Axt, und die grobe Frau Else Fäuste besitzt, die allenfalls, mit Eisen bewaffnet, ein Schloß auch ohne Schlüssel zu öffnen verstehen. Euch jedoch soll fürder weder Axt[295] noch Schlüssel zu Gebote stehen, bis mein Herr sich mit dem Grafen abgefunden, und Euer Schicksal entschieden hat.« – Der innere Raum der Veste wurde nun verrammelt, als ob ein die Acht vollstreckendes Heer des Kaisers vor derselben läge. Frau Else bewirthete ihren unvermutheten, aber längst erwarteten gräflichen Gast in der Trinkstube, und Wallrade betrat beschämt und von Zorn zerrissen, aber nicht verzweifelnd, das Frauengemach, das sie vor wenig Stunden auf ewig verlassen zu haben glaubte, und in welchem Petronella, vom Schreck über die plötzliche Flucht der Gefangenen, und die muthmaßliche Theilnahme ihres Vetters, zusammengeschüttelt, krank zu Bette lag, und die mit dem Geschick grollende mit den härtesten Vorwürfen empfieng.

Quelle:
Carl Spindler: Der Jude. 3 Bände, Band 2, Stuttgart 1827, S. 259-296.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Jude
Der Jude: Deutsches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts, Volume 2 (German Edition)
Der Jude: Deutsches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts, Volume 4 (German Edition)
Der Jude: Deutches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts, Volumes 3-4 (German Edition)
Der Jude: Deutsches Sittengemälde Aus Der Ersten Hälfte Des Fünfzehnten Jahrhunderts (German Edition)

Buchempfehlung

Wieland, Christoph Martin

Geschichte der Abderiten

Geschichte der Abderiten

Der satirische Roman von Christoph Martin Wieland erscheint 1774 in Fortsetzung in der Zeitschrift »Der Teutsche Merkur«. Wielands Spott zielt auf die kleinbürgerliche Einfalt seiner Zeit. Den Text habe er in einer Stunde des Unmuts geschrieben »wie ich von meinem Mansardenfenster herab die ganze Welt voll Koth und Unrath erblickte und mich an ihr zu rächen entschloß.«

270 Seiten, 9.60 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon