Eine schlimme Enttäuschung

[303] Wie sie sich sämtlich ein behagliches Plätzlein im Staat erarbeitet hatten, seine alten Schulkameraden! Der eine Professor, der andere Hauptmann im Generalstab, der dritte Gasröhrenfabrikant, wieder einer Kantonsförster, und ähnlich weiter; die meisten überdies zur Ruhe geheiratet, rund und zufrieden; alle ohne Ausnahme nützlich und angesehen. Dagegen er, mit seinen vierunddreißig Jahren! ohne Beruf und Stand, ohne Namen und Wohnsitz, ohne Verdienst und Werke, nichts. Und die grausamen Bisse, wenn sie ihn an die verlorenen Reichtümer seiner natürlichen Gaben erinnerten! »Kannst du noch so schön zeichnen wie damals?« »Und was macht denn die Musik?« – Ach, seine armen Talente! verkümmert, verschmachtet im Dienste seiner Strengen Herrin! Und wofür? Für einen Wechsel auf die Zukunft. Immer und immer nur Zukunft, niemals Gegenwart! Es wäre bald Zeit, dünkte ihn, daß sie endlich anlangte, die Zukunft, mit vierunddreißig Jahren!

»Erinnerst du dich noch, Viktor« – fragte ihn Vital, der Polizeileutnant – »an unseren gutmütigen Deutschlehrer, den Fritzli? Aus dem machen sie jetzt eine gewaltige Geschichte in den Zeitungen wegen seiner Bücher. Ach Gott erbarm, es hilft ihm wenig mehr, dem Schlucker, alt und krank, wie er ist!« Dem Fritzli trug Viktor einen alten Dank nach, weil der ihn einst in der Lehrerversammlung vor der Ausweisung aus der Schule gerettet hatte – »wegen schlechten Betragens«; das wollte sagen wegen Auflehnung. Den aufzusuchen mahnte ihn das Herz.

Er traf ihn gekrümmt im Bette liegend, ein gebrochenes, ächzendes Geschöpf.[304]

Mühsam kehrte der Kranke den Kopf nach dem Besucher, mit gleichgültigem, leidbefangenem Blick. Allmählich aber schaute er den Viktor aufmerksam an, in seinen Zügen forschend, eine lange Zeit; übrigens ohne Unfreundlichkeit, bloß gefesselt und erstaunt, ungefähr wie ein Naturforscher, der eine seltene Raupe betrachtet. Während dann Viktor seinen Dank vorbrachte – in stammelnden Worten, denn er war ein schlechter Sprecher – hörte der Fritzli gar nicht zu, sondern las nur immer weiter in seinem Gesichte. Endlich hub er wehmütig an: »Sie also auch! Ich weiß nicht, soll ich Ihnen Glück dazu wünschen oder Sie beklagen? Wie sagten Sie doch gleich, daß Sie heißen? Den Namen wird man aussprechen lernen.« Darauf schenkte er ihm mit erhobener Stimme und nachdrücklicher Betonung einen rätselhaften Gedenkspruch: »Nicht die Alten, die glaubens nicht; nicht die Zeitgenossen, die leidens nicht; nicht die Frauen, die folgen dem Erfolg; sondern einzig und allein die auserlesene Mannschaft eines nachkommenden Geschlechts. – Gehen Sie jetzt, lieber Freund, Ihr Platz ist nicht neben dem Leichnam eines garstigen Greises, Sie haben genugsam mit eigenen Nöten zu schaffen; möge es gnädig ablaufen. Übrigens Dank, daß Sie gekommen sind, es war mir ein großer Trost; ich sagte Ihnen ja: einzig die auserlesene Mannschaft eines jüngeren Geschlechts. Doch gehen Sie jetzt, gehen Sie, ich bitte Sie darum.« Und als Viktor seine Besuche erneuern wollte, wurde er nicht mehr vorgelassen.


Bis jetzt war er Pseuda nirgends begegnet, und nur ein einziger Gang noch blieb zu erledigen: Frau Regierungsrat Keller. Nachher konnte er reisen – »sagen wir Montag, spätestens Dienstag«. Zweimal schon hatte er bei ihr vorgesprochen und sie nicht zu Hause getroffen, jetzt versuchte ers zum dritten Mal und fand sie wieder nicht daheim. Es scheint, es soll nicht sein![305] »Gut, dann fahr ich also Montag.« Da erhielt er von ihr eine schriftliche Einladung auf nächsten Mittwochnachmittag zum Tee. »Ich habe am Mittwochnachmittag die Idealia, Sie werden einige interessante Menschen vorfinden, und wahrscheinlich gibt es sogar Musik.« »Sogar Musik« – wiederholte er – »Musik als Unterhaltungsgipfel! Interessante Menschen, Idealia!« – das Programm hatte nichts Verlockendes, und spätestens Dienstag hatte er ja reisen wollen. Anderseits mochte er der verehrten Dame, der er von früher her zu Dank verpflichtet war, keine abschlägige Antwort erteilen. »Seis darum! was habe ich schließlich zu versäumen?« und sagte zu, obgleich nur halbwillig.

Die Regierungsrätin empfing ihn mit alter Herzlichkeit, wiewohl etwas flüchtig und zerstreut. »Wir erwarten den Kurt«, meldete sie glückstrahlend, mit gedämpfter Stimme, als verriete sie ihm ein Osterei.

Kurt? wo hatte er doch den Namen schon gehört?

Nicht möglich – ereiferte sie sich – daß er den Kurt nicht kenne! Allerdings von jemand, der frisch aus der Fremde komme, lasse sichs entschuldigen. Und fing an, ihm das Lob des Kurt zu preisen, wie es nur eine Frau vermag, wenn sie mit dem Herzen urteilt. Alle erdenklichen Tugenden und Gaben; und in der Mitte der siebenfachen Perlenschnur leuchtete eine Spange, die das Ganze zusammenheftete: »Mit einem Wort ein Genie! Und zwar ein solches Genie und so weiter.« – »Und dabei von einer wahrhaft rührenden Bescheidenheit.« – »Und fein! und liebenswürdig!« – Und also fort. Viktor lächelte. Noch immer die nämliche, die Regierungsrätin, immer gleich in den höchsten Tönen, wenn sie jemand mochte. Freilich erriet er nun auch, daß er hier nur ein Stück Volk für den Wundermann Kurt bedeuten sollte; was ihn ein wenig verstimmte, so daß ihn beinahe reute, hergekommen zu sein.

Mit verändertem Ton, wie wenn eine Opernsängerin in die Sprechweise verfällt, fügte sie nachlässig hinzu: »Seine Schwester[306] ist ebenfalls da; ich glaube, Sie haben sie schon einmal gesehen, Frau Direktor Wyß.«

Ah, also jetzt! Mit einem tiefen Atemzug rüstete er seine Rache. »Nur ja keine Verwechslung! halt scharf auseinander: nicht Imago, nicht einmal Theuda, sondern bloß Pseuda die Verräterin! Und daß du mir nicht etwa wieder mit den Pulsen hämmerst, du dort drinnen!« Also gewappnet trat er ein.

Richtig, wahrhaftig! Dort saß sie, die Falsche! über ein Notenheft gebückt, im Glanz ihrer gestohlenen Schönheit, der Schönheit Theudas, umjauchzt von der Poesie der verratenen Erinnerungen. Aber wie sie Imago gleichsah! Kann sie denn das? Ob diesem Anblick jagte sein Blut herum wie ein Eichhörnchen in der Drille; und in seinen Ohren tobte ein Lärm, als ob eine vom Nachttisch gefallene Weckeruhr auf dem Boden abschnurrte. »Alle gescheiten Geister, kommt mir zu Hilfe!« betete er angstvoll. Allein, wehe, wo sind sie? Nichts Gescheites kam.

Blindlings überstand er die Vorstellungen, erledigte er die Verbeugungen. Wie wohl sie ihn begrüßen wird? Siehe, jetzt streift ihn ihr Blick! Ein gleichgültiger Blick wie gegen einen Fremden. Sie erhebt sich ein klein wenig zur Form, dann guckt sie gelassen wieder in ihr Notenheft.

»Ist das alles?« – fragte er sich, erstarrt.

Nein, es war nicht alles. Eine Schale voll Schlagsahne stand vor ihr; die äugelte sie mit liebevoller Zärtlichkeit an, sah sich ein paarmal scheu um, ob niemand sie beobachte, dann gönnte sie sich davon ein verschämtes halbes Löffelchen; endlich mit kühnerem Mut volle zwei und drei.

Solch ein Empfang! ihm! sie! Schmach und Empörung! Ingrimmig bohrte er ihr verdammende Blicke ins Antlitz. Bis ihn der Verstand am Ärmel zupfte: »Du, Viktor, falls du dir etwa einbildest, daß sie deine erhabenen Grimassen bemerkt, so täuschest du dich.« Da ließ ers bleiben und stierte sie sinnlos an,[307] verstört wie in einem Operationsstuhl, gewärtig, was wohl zweitens anreisen werde, eine Schere oder ein Messerchen.

Während er so betäubt dasaß, drang ohne seinen Willen das Geräusch der Gespräche an sein Ohr; Brocken ohne Zusammenhang: »Protestantische Landstraßen besser gepflegt als die katholischen.« – »Im dritten Akt wird der Held unschuldig schuldig.« – »War der Kurt auch dabei?« – »Genie bricht sich immer Bahn.« – »Hatte der Kurt seinen guten Tag?«

Was jedoch wohl sie zuerst für einen Spruch tun wird? Mit dem seelenvollen Ton ihrer trautheiligen Stimme von damals? Lange Zeit wartete er umsonst. Doch halt, still! jetzt lauscht sie in die Unterhaltung herüber. Sie runzelt die Brauen, ihre schwarzen Augen blitzen, sie öffnet die Lippen: »Ach was!« rief sie, »die höflichen Menschen sind alle mehr oder weniger falsch!«

Das kam dermaßen unversehens daß er hellauf lachen mußte.

Da drehte sie langsam den Kopf nach seiner Richtung und schickte ihm einen Seitenblick: »Du, was dich betrifft« – sagte der Blick – »mit dir bin ich fertig!« Und während sie den Kopf wieder abwendete, gewährte sie ihm auf geistigem Wege noch ein paar Nachtragsätze mit kleinen Buchstaben, die er deutlicher zu lesen vermochte, als ihm lieb war. »Mein Herr, was wollen Sie von mir? warum weisen Sie mir solch eine wichtige inhaltsvolle Erinnerungsmiene? Falls Sie etwa von früher her etwas wurmt, um so schlimmer für Sie; klagen Sie sich selbst an; mich aber lassen Sie gefälligst in Frieden, sonst holla! Heute gilt die Gegenwart, morgen die Zukunft; mein Mann und mein Kind sind mir alles, und Sie sind mir gar nichts.«

Es war weder ein Messerchen noch eine Schere, es war eine fürchterliche Säge. Und Schmerz und Zorn stürmten vereint wider seine mühsam verteidigte Fassung. »Sie wagt es! Mit den gemeinen Anhängseln ihrer nichtsnutzigen Ehe – Mann, Kind und dergleichen Hausrat mehr – möchte sie das unsterbliche Gemälde der Parusie auslöschen?!«[308]

Und wiederum tönte in seinen Ohren die Raspel der Gespräche. Von links her: »Glauben Sie wirklich, daß der Kurt noch kommen wird?« – »Schon vier Uhr! fertig, er kommt wieder einmal nicht!« – »Und ich behaupte: er kommt.« – Zur Rechten: »Glatte Höflinge.« »Freudloses Familienleben der Großstädter.« »Geistlose Unterhaltung der sogenannten vornehmen Welt.« »Steifes, lächerliches Zeremoniell in den Palästen der Großen.« Ihm war, er hätte in zehn Jahren nicht so viele Albernheiten gehört wie in dieser Viertelstunde. Überhaupt gesellte sich zu seiner Beschämung mehr und mehr der Unwille. Warum kümmert sich denn niemand um mich? Wie lange soll ich noch einsam auf meinem Stuhl sitzen wie Robinson auf der Klippe?

Da, mit einem Male lief eine freudige Erregung durch die Versammlung, begleitet von Geflüster und unterdrückten Jubelrufen, als nahte ein Festzug. Während er sich trägen Geistes – denn was galt ihm die Umgebung? – nach der Ursache der plötzlichen Glückseligkeit umdrehte, stürzte ein Mannsbild durchs Zimmer, ohne Gruß noch Vorstellung, im Vorbeistürmen ihn, den Viktor, mit dem Ärmel streifend, ohne sich zu entschuldigen; pflanzte sich ohne weiteres vors Klavier, legte ein Notenbuch bereit – er wird doch etwa nicht? – Doch, weiß Gott, er fängt an zu singen, mitten in der Versammlung, ohne Aufforderung noch Erlaubnis, wie ein Schnapsbruder im Wirtshaus. Eins, zwei war Viktor neben ihm, klappte ihm das Notenbuch zu und warf es ihm auf die Knie, worauf der Einbrecher ohne einen Mucks wieder aus dem Zimmer stürzte. Das Ganze war so schnell verlaufen, wie wenn eine Fledermaus zum Fenster hereinflattert und wieder hinaus.

»Was war das für ein Individuum?« fragte Viktor belustigt, gegen die Regierungsrätin gewandt, in der Meinung, ihren Dank für die schlanke Hinausbeförderung zu ernten.

Doch siehe da: Verwirrung und Aufstand ringsum, Bestürzung[309] auf allen Gesichtern. »Durchaus kein Individuum«, brauste Pseuda mit zornrotem Gesicht auf, feindliches Schnellfeuer aus ihren funkelnden Augen schießend. Die Regierungsrätin aber, Tränen in den Augen, zischte ihm vorwurfsvoll ins Ohr: »Das war ja ihr Bruder, der Kurt!«

Jetzt verbeugte sich Viktor mit spöttischer Ehrerbietung vor Pseuda: »Gnädige Frau, mein aufrichtiges, tiefgefühltes Beileid!«

»Es braucht kein Beileid!« – herrschte sie – »ich bin stolz auf meinen Bruder und darf es sein!«

Hiermit verließ sie geräuschvoll das Zimmer, und alles rüstete sich zum Aufbruch.

»Ach, mein schöner musikalischer Abend!« – jammerte mit trostloser Miene die Regierungsrätin. Und als Viktor sich angelegentlich bei ihr entschuldigte, beteuernd, wie er doch unmöglich habe ahnen können, daß ein ungezogener Mensch, der ohne Gruß noch Vorstellung durch eine Versammlung stürmt und dabei die Anwesenden mit den Ellenbogen stößt – »Zeremonienmeister!« – unterbrach sie ihn erbittert: »Er ist eben ein Original, ein Genie« – und schlich betrübt von dannen.

Lehmann aber, der Förster, Viktors Schulkamerad, klopfte ihm lachend auf die Schulter: »Viktor, Viktor, das war ein schlimmes Versehen!«

»Entschuldige, lieber Freund, das war kein Versehen, sondern eine Züchtigung.«

»Nenne es, wie du willst, jedenfalls mit Frau Direktor Wyß hast du es jetzt auf ewige Zeiten verdorben.«

»Das werden wir sehen!« – trotzte Viktor furchtlos.


Draußen auf der Straße war ihm, als käme er aus einer närrischen Posse. Das also war der gepriesene Kurt gewesen! »Fein, liebenswürdig, bescheiden!« Haben denn hier die Wörter der deutschen Sprache einen anderen Sinn als sonst auf Erden? Der,[310] und ein Genie?! Ja, eines von den zehntausend Werdenichts-Genies, von denen jede Familie eins auf Lager hat; in schwesterlicher Verhimmelung verzuckert, garniert mit einem Kranz schmachtender Basen. – Überhaupt, in was für eine Grube war er gefallen! Was für Gespräche! Verfaulte Gemeinplätze, die man anderswo mit keinem Stöcklein mehr anzurühren wagt, Urteilsmißgeburten, wert, in Weingeist aufbewahrt zu werden. ›Steifes, lächerliches Zeremoniell in den Palästen der Großen!‹ Die glauben offenbar, es gehe in den ›Palästen der Großen‹ so feierlich zu wie bei der Eröffnung einer Zuchtstierausstellung. ›Glatte Höflinge!‹ Was die sich wohl unter einem Höfling vorstellen mochten? Vermutlich einen staatlich geeichten Ränkeschmied, der von Morgen bis Abend den Thron umschleicht wie ein Bühnenbösewicht den Souffleurkasten. ›Freudloses Familienleben der Großstädter!‹ Wahrscheinlich, weil sie ihre Buben nicht prügeln! ›Geistlose Unterhaltung der sogenannten vornehmen Welt!‹ Allerdings, von ›unschuldig schuldig‹ redet man dort nicht. – Freilich, was den geistigen Horizont betrifft, scheint sie selber auch nicht gerade sonderlich – – nun, kein Wunder, in solch einer Sippschaft! Mit einem Charakterkopf zum Vater und einem Genie zum Bruder! ›Die höflichen Menschen sind alle mehr oder weniger falsch‹ – aus was für einem Demokratenkübel sie das elende Sprüchlein wohl aufgelesen haben mag; Aber hübsch hat sies aufgesagt; sicher und beifallsbewußt wie eine Jahreszahl im Examen. ›Schlacht bei Salamis?‹ ›Ich weiß‹, triumphierend den Zeigefinger in die Höhe. Soll ich dir sagen, was sie ist, Viktor? Ein unreifes Kind ist sie, auf der Schnellbleiche geheiratet; noch die Puppe auf dem Arm, und wupp! ohne daß sie merkt woher, ein Büblein auf dem Schoß. Dieses gilt ihr dann so für eine Art Fortbildungspuppe. Hast du gesehen, wie verliebt sie die Schlagsahne schleckte? Um ein weniges (schade, daß sichs für Erwachsene nicht schickt), so hätte sie sich den Magen gestreichelt wie der Clown im Zirkus. Aber[311] war sie schön! Fast wäre man versucht, der Schöpfung eine bessere Note zu erteilen, ihretwegen; womöglich noch schöner als damals in der Parusie. Nichts verloren und mehreres dazugewachsen; ›aufgeblüht‹ mit einem Wort, wie die Romanschreiber sagen. Und wie tapfer sie ihren Hanswurst von Bruder verteidigte! Pseuda, du gefällst mir. Sie schlägt zwar noch ein bißchen aus wie ein wildes Rößlein; um so besser, Beweis, daß sie Rasse hat; ich sehe es gar nicht ungern, wenn sie zornig ist; im Gegenteil, das steht ihr gut, es paßt zu ihrer schwarzhaarigen Verfassung. Pseuda, wir werden noch gute Freunde werden. – Und fröhlich trällernd schritt er die Straße.

Allein, die ganze Lustigkeit war nur Kinderball auf dem Verdeck; unten in der Kajüte stöhnte ein gestochener Mann, und das war der Kapitän. Kaum im Gasthof zurück, warf Viktor die gekünstelte Fröhlichkeit weg und ging tiefsinnig in sich. »Viktor, eine Wahrheit hat gesprochen, und an dem Spruch einer Wahrheit soll man nichts abmarkten wollen. Die Wahrheit lautet: Auf Cäsarenmanier, nur so erscheinen und niederschmettern, ist es nicht gegangen; dein Auftritt, dein Blick, deine gerechte Empörung haben versagt, und zwar kläglich. Was war der Grund des Versagens, und wie steht es nach alledem zwischen dir und Pseuda? Denk nach, hernach antworte.«

Viktor dachte nach, hierauf antwortete er: »Der Grund des Versagens ist folgender: Dieses Dämchen ist glücklich und zufrieden; sie bedarf daher nichts und begehrt deshalb nichts, am wenigsten von mir; ich bin ihr einfach überflüssig. Die Vergangenheit aber hat sie begraben, und zwar ohne Denkmal. Das also ist der Grund, daß mein Auftreten versagt hat. Mit meinem künftigen Verhältnis zwischen mir und ihr aber steht es so: Meine geistige Überlegenheit nützt mir hier nicht das mindeste, denn sie vermag sie gar nicht zu ermessen. Sie schadet mir sogar; denn durch meinen Geist gerate ich in Widerspruch zu ihren Überzeugungen, die darum nur um so störrischer sind, daß sie[312] sie aus anderer Leute Köpfen bezieht. Mit einem Wort: ›sie ißt nicht von dieser Konfitüre‹, um mit Frau Steinbach zu reden. Wer einen Charakterkopf verehrt, wer einen Kurt bewundert, wird niemals einen Viktor hochschätzen; das ist naturunmöglich; denn eines schließt das andere aus. Nun ist aber der Charakterkopf ihr Vater, der Kurt ihr Bruder. Ich mußte demnach einen Kampf gegen ihr eignes Blut und gegen ihre schönste Tugend, die Pietät, beginnen. Folglich –« hier jedoch stockte sein Gedanke, gegen die Schlußfolgerungen sich sträubend.

Statt seiner ergänzte den Satz eine leise Stimme aus dem dunkelsten Grunde seines Gefühls: »Hoffnungslos«, murmelte die Stimme. Und als ob das ein Stichwort gewesen wäre, erhoben sich jetzt plötzlich von allen Seiten Hunderte von Stimmen, die sämtlich das Wort ›hoffnungslos‹ hersagten, in ewiger Wiederholung, mit scharfem Tonschritt, immer lauter und mächtiger, lawinenartig anschwellend, wie die Zuschauer im Zwischenakt, wenn der Vorhang nicht auf will.

Da ließ Viktor den Kopf hangen, überzeugt, aber willenlos.

Ihm tippte der Verstand auf die Schulter: »Viktor, du hörst das Urteil des Volkes, es stimmt zu dem meinigen, und im Grunde auch zu deinem eigenen. Kurz, hier ist kein Klima für dich.«

»Also was denn?«

»Aufpacken und abreisen.«

»Ja, wenn du meinst, es munde meinem Selbstgefühl, mich kleinlaut davonzuschleichen, nachdem ich als zürnender Odysseus dahergefahren, so täuschest du dich.«

»Wird es etwa deinem Selbstgefühl besser munden, dereinst gedemütigt abzuziehen, schimpflich geschlagen, mit schwärenden Wunden, das Herz voll bittrer Galle?«

»Irgendeine Genugtuung, irgendeinen Triumph über die Verräterin ist mir das Schicksal doch schuldig.«

»Das Schicksal ist ein schlechter Zahler. Komm, sei gescheit und renn nicht mit dem Kopf gegen die Mauer.«[313]

Viktor seufzte und schwieg eine Weile. Darauf versetzte er: »Du magst vielleicht recht haben; auch ist ja nicht gesagt, daß ich dir nicht schließlich nachgebe; allein ich möchte zuerst noch ein bißchen die Torheit strampeln lassen; das tut einem so wohl, und ein wenig Trost habe ich doch auch nötig. Morgen früh gebe ich dir dann Bescheid; zunächst laß mich eins darüber schlafen.«


Wie er dann im linden Bette lag und, mit Vorausnahme der nahen Abreise, im Gefühl schon halb ein Abwesender, weich und weh seinem verunglückten Richterrachezuge nachsann, benützte das Herz die mürbe Stimmung: »Schade«, zischelte es, »ich hätte dir einen besseren Abschied gegönnt. Mißversteh mich nicht, ich maße mir keineswegs an, deinen Entschluß zu beeinflussen, folge nur gehorsam dem Verstande, er ist bei weitem der Gescheiteste von uns allen – nur ist es halt doch zu bedauern, daß du so in Unfrieden von ihr wegziehen mußt, das Gedächtnis zeitlebens mit einer feindseligen Pseuda behaftet. Denn darüber, denke ich, bist du doch im klaren, daß du sie zeitlebens nie mehr wiedersehen wirst; du kannst mithin das Erinnerungsbild nicht mehr ändern; so, wie du sie heute zuletzt geschaut hast: als eine Fremde und Erzürnte, so mußt du sie fortan ewig vor Augen haben. Ich hätte dir zum Abschied etwas Versöhnliches gewünscht, einen guten Blick, ein herzliches Wort, was weiß ich, kurz irgend etwas Schönes, was man hätte mitnehmen können und was einem in der Fremde nachgeleuchtet hätte. Dir hätte es wohl getan (ich rede nicht von mir, ich bin ja, scheints, nur zum Entbehren auf der Welt), und für die kranke Imago wäre es Arznei gewesen.«

Und so weiter in schummrigem Verführungsgeflüster, bis er darüber einschlief.

In der Nacht aber, gegen Morgen, träumte ihm ein Märlein.[314] Auf der Insel eines Teiches erblickte er Pseuda als verwunschene Prinzessin zwischen Fröschen und Molchen sitzend, unter denen der Kurt als Froschkönig mit abenteuerlichen Sätzen umherhopste. »Ist denn kein Edler auf Erden, der mich von den Fröschen erlöst?« jammerte ihre Stimme. Und am Ufer, in einem Weidenstrauch, kauerte der Statthalter, die Arme rhythmisch gegen seine Frau bewegend, als ob er mähte. »Hilf ihr«, winkte flehentlich seine Miene, indem er die Augäpfel verdrehte. Er selber, Viktor, vermochte sich natürlich nicht zu rühren, weil es ein Traum war.

Als er dann am Morgen aufwachte, gesund und munter, frisch im Geiste, der Leib gestärkt mit Mut und Selbstgefühl, sprang er kriegerisch aus dem Bette: »Getrost, Pseuda«, gelobte er gerührt, »ich werde dich von den Fröschen erlösen«, kleidete sich an, öffnete das Fenster, schwang seine Seele über die Berge, blitzte mit den Augen und stampfte mit dem Fuße: »Wieso hoffnungslos? Wer behauptet ›hoffnungslos‹? Sie ist ja doch inwendig nicht hohl, sondern hat eine Seele wie jeder Mensch, und in der Seele schlummert ein Kern, und in dem Kern träumt, ob sies schon selber vielleicht nicht weiß, eine Sehnsucht, und die Sehnsucht dürstet nach etwas Höherem, Edlerem, Schönerem, als was ihre nichtsnutzige alltägliche Umgebung ihr bieten kann. Sie ist bloß verkrustet. Wenn ich indessen in ihrer Nähe bleibe, so muß unfehlbar früher oder später die Magie meiner Persönlichkeit – vielmehr, besser gesagt, der glühende Blick der erhabenen Fremdgestalten, die mich erleuchten – aus meiner Seele in ihre Seele hinüberzünden, die Kruste durchbrechend, so daß sie aufwacht, entblindet, meinen Wert erkennt und meiner hohen selbstlosen Gesinnung huldigt. Seele gegen Gewöhnlichkeit, Geist gegen Trägheit, Person gegen Sippschaft, so gilt jetzt die Fehde; Magie heißt meine Waffe, und die Strenge Frau ist mein gewaltiger Feldherr. Wollen doch wahrlich sehen, wer stärker ist!«[315]

Und denselben Morgen noch suchte er, in der mutmaßlichen Voraussicht, daß die magische Heilkur vielleicht längere Zeit beanspruchen könnte, eine Privatwohnung.

»Wohlbekomms!« rief der Verstand, als er abends spät einzog. Und zwei Gedanken strichen, eifrig miteinander flüsternd, zuäußerst an seinem Geiste vorüber.

Der nähere der beiden Gedanken sagte: »Auch wieder einer, der erst ein Bein abgeschlagen haben will, ehe er Verstand annimmt.«

Der andere Gedanke aber wartete vorsichtig, bis er außer Bereich war, dann höhnte er, zurückschauend, die freche Bemerkung: »Weil er halt einfach verliebt ist«, flüchtete jedoch Hals über Kopf, da Viktor jähgrimmig mit Bengeln nach ihm warf.

Den Viktor aber winkte vertraulich die Phantasie beiseite: »Laß sie schwatzen. Komm, ich will dir etwas zeigen«, und zog sachte einen Vorhang auseinander, nur etwa drei Finger breit, gerade soviel, daß man durch den Spalt sehen konnte. Und siehe da, auf einer Bühne standen Pseuda und er selber, Viktor. Hand in Hand standen sie und sahen einander innig an. Dann sprach sie zu ihm: »Hoher du, Guter, Selbstloser, alles, was ich dir ohne Sünde gewähren darf, ist dein, nenns Freundschaft oder nenns Liebe.«

»Das war nur eine kleine Probe, um dir einen Begriff zu geben«, schmunzelte die Phantasie, indem sie den Vorhang wieder zuzog, »später zeige ich dir dann noch viel, viel Schöneres.«

Quelle:
Carl Spitteler: Gesammelte Werke. 9 Bände und 2 Geleitbände, Band 4, Zürich1945–1958, S. 303-316.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Imago
Imago

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon