Die Gevatterinnen.

[19] Ein Mährchen.


Ein König der sehr gut war, lebte mit seiner Gemahlin recht glücklich, und der einzige Wunsch beider war, Kinder zu haben. Einst gieng die Königin am Ufer eines Flusses spazieren, da zog ein dicker Frosch ihre Aufmerksamkeit auf sich, und sie blieb am Ufer stehen, um ihn recht zu betrachten. »Was siehest du[19] mich so starr an?« quakte der Frosch. Die Königin, sehr erstaunt ihn reden zu hören, erschrack, und antwortete: sie habe sich nur über seinen dicken Leib gefreut, denn seine Kameraden wären das Gegentheil von ihm, sie wären alle schlank und dürre. Es freut mich, sagte der Frosch, daß ich dir so wohl gefalle. Du gefällst mir auch, und so will ich dir einen Vorschlag thun. Du bekömmst bald eine kleine Tochter, und ich bitte mir es von dir aus, daß du mich zum Gevatter bei ihr nimmst. Von Herzen gern, erwiederte die Königin, die sehr munter und scherzhaft war. Wie soll ich dich aber wieder finden? »Schicke mir nur durch den Hofmarschall eine Einladungskarte, sprach der Frosch; er kann sie ins Wasser an diesem Orte werfen, so komme ich gewiß.« Bei diesen Worten hüpfte der Redner in die Tiefe und ließ sich nicht weiter sehen. Die Königin fieng an zu lachen, und hörte unterwegs gar nicht auf, und noch im Pallaste fieng sie immer von neuem wieder an. Ihre Amme ward einst bei der Erzählung und gab der Majestät zu verstehen, daß sie zur Unzeit lache, denn das sei, wie man deutlich sehe, kein gewöhnlicher Frosch, sondern ein Verzauberter, oder wohl gar eine Fee. Bald nachher bekam die Königin eine kleine Tochter, und da alles zum Tauffest angeordnet war, erinnerte die[20] vorsichtige Amme sie, den Taufpathen ja nicht zu vergessen. Sie brachte es dahin, daß der Hofmarschall wirklich eine Karte an dem bezeichneten Orte ins Wasser werfen mußte. Alle Gäste waren schon versammelt, da erschien ein dicker Frosch, von der Größe einer Katze, und stellte sich unter die Reihe der verwunderten Taufpathen. Nach der Ceremonie gieng er an die Wiege und sahe hinein, dann hüpfte er wieder fort. Der König war mit der Gevatterschaft nicht zufrieden, doch ließ er sich, aus Liebe für seine Gemahlin, nichts weiter davon merken. Als man zu der kleinen Prinzessin gieng, schrie alles vor Verwunderung laut auf, so wunderschön war sie geworden, und ihre Haare glänzten wie Gold. Fiel ein Härchen aus, so ward es wirkliches Gold und die jüdischen Kaufleute liefen alle Tage von nun an ins Schloß und kauften es. So ward ein kleiner Schatz daraus, und mit der Zeit ein großer. Nach einem Jahre gieng die Königin in einen Wald spazieren und sahe da eine Eule ganz ruhig auf einem Aste sitzen. »Gefalle ich dir?« kreischte der Vogel. Ja wohl, sprach die Königin. Du mir auch, war die Antwort, und über einige Monden, wenn du wieder eine Tochter bekömmst, so bitte mich zum Tauffest, als Gevatterin. Die Königin versprach es, und die Amme[21] säumte nicht, sie zur gehörigen Zeit an ihr Versprechen zu erinnern. Alles war bereit; da flog eine Eule durch eine der kristallenen Scheiben in den Saal, und nahm Platz unter den Taufzeugen. Dann flatterte sie zur Wiege, sah die Prinzessin an, und trat den Rückweg durchs Fenster wieder an. Auch dieses Kind war sehr schön geworden, und hatte schwarze Augen, die wie Feuer glühten. Jedes Thränchen, das sie vergoß, ward zur Perle vom feinsten Wasser, und als sie größer ward, thauten an jedem Morgen, beim Erwachen, zwei herrliche Perlen auf ihren Wangen. So sammelte man, durch den Verkauf derselben, auch einen Schatz. Nach einiger Zeit gieng die Königin abermals spazieren, und diesesmal auf ein Feld. Da erblickte sie eine Maus von ziemlichen Umfange, die eine Aehre, die auf dem Boden lag, zwischen ihren Pfoten hielt und das Korn kauete. Es schmeckt mir, wie du siehst, sprach sie, und es gefällt mir, daß du freundlich zusiehest, wie ich speise. Ich will dir auch einen Gefallen thun, und Pathenstelle bei deinem zukünftigen Töchterchen vertreten. Sende nur hier aufs Feld die gehörige Einladung. Die Königin war ein wenig betreten, denn ihr Gemahl schien kein Behagen an den sonderbaren Gevatterinnen der ältesten Prinzessinnen zu finden; doch ließ sie sich nichts[22] weiter merken. Die Amme aber blieb immer derselben Meinung, und so ward die Einladung nicht versäumt, als die Königin das dritte Mädchen bekam. Diesesmal erschien bei der Taufhandlung eine wohlbeleibte Maus, die mit vielem Anstande unter die Pathen trat. Das Kind bekam zum Pathengeschenke nicht bloß Schönheit, sondern auch noch die Eigenschaft, bei jedem Gespräch das sie hielt, einen herrlichen Brillant aus ihrem rosenrothen Mündchen fallen zu lassen, und so ward sie so reich als die ältern Schwestern. So vergieng fast ein Jahr, als die Königin, die ihre Spaziergänge bis dahin ziemlich eingestellt hatte, an einem Bache Blumen pflückte. Da plätscherte ein artiger Goldfisch heran und fieng ein Gespräch mit ihr an. Nicht lange so bot er sich zum Pathen an und schwamm dann lustig fort. Die Königin war sehr erschrocken darüber, weil sie einen Streit mit ihrem Gemahle fürchtete, wenn sie den Fisch einlüde, und fragte die Amme um Rath. Diese bat, ja Wort zu halten, doch war es rathsam dem Könige vorher die Sache vorzutragen. Dieser ward sehr zornig, und verbat sich ausdrücklich die Ehre der Gevatterschaft. Haben wir nicht schon, sprach er, zum allgemeinen Erstaunen unserer Unterthanen, mit Frosch und Eule und Maus uns in eine Art von Verwandschaft begeben? Und nun[23] noch einen Fisch dazu! Am Ende würden Schlangen und Molche, und anderes Ungeziefer sich zu unsern Kindern drängen. – Die Königin weinte; es half aber nichts. Am Tauffeste war die ganze Gesellschaft mit Wasser bespritzt, daß die herrlichen Kleider verdarben. Selbst die Wiege der kleinen Prinzessin ward nicht verschont, und so wunderschön das Kind war, so häßlich ward es mit einemmale. Die Amme predigte von der Strafe die nun der Nichtbefolgung ihres Rathes folge, aber zu spät. Das Kind ist mir darum doch recht lieb, sprach der König, wenns auch nicht schön und nicht reich ist. – So wuchsen nun die Prinzessinnen alle vier heran, und die drei ältesten zogen, durch ihre Schönheit, aller Augen auf sich, und viele fremde Könige kamen, durch den Ruf ihrer Schönheit und ihrer Reichthümer gelockt, und verlangten sie zu Gemahlinnen, aber die jüngste verlangte Niemand. Die ältesten, Goldköpfchen, Perlenäuglein und Brillante, wurden aber durch die vielen Schmeicheleien die man ihnen täglich vorsagte, eitel, stolz, und gefallsüchtig. Die kleinste, Prinzessin Lustig, wegen ihrer Fröhlichkeit genannt, war aber gutmüthig, wohlthätig, fleißig und geschickt, denn ihre Schwestern warfen ihr immer ihre Häßlichkeit und Armuth vor, so ward sie nicht übermüthig, und da sie bei den Hoffesten[24] ganz über sehen und vernachläßigt ward, blieb sie lieber in ihrem Zimmer und beschäftigte sich nützlich. Einst ging sie mit ihren Schwestern spazieren, da quakte ein Frosch, den ein böser Bube spießen wollte, ihnen kläglich entgegen; Prinzessin Lustig bat den Knaben, das arme Thier in Freiheit zu setzen; er lachte aber nur darüber. Da bat sie Goldköpfchen nur um ein goldnes Haar, um den Frosch loszukaufen; aber diese schalt sie und ging fort. Nicht besser machte es Perlenäuglein und Brillante, und traurig stand Lustig da. Endlich fiel ihr etwas bei. Sie gab dem Buben ihr Schnupftuch, das sehr schön war, und trug selbst den gequälten Frosch in einen Sumpf. Nicht lange, so kamen wieder viele Kinder, die trugen eine Eule auf einer Stange, und viele kleine Vögel flatterten mit Geschrei um das gefangene Thier. Die Kinder sagten, sie wollten den garstigen Raubvogel lebendig an das Hühnerhaus nageln; aber Prinzessin lustig wandte sich wieder, doch vergebens an ihre Schwestern, die sie auslachten. Dieses mal mußte sie ihre Ohrenringe und Halsschmuck hergeben, und setzte dadurch die Eule in Freiheit. Nicht lange, so kamen Knaben, welche eine Maus an einen Faden gebunden nachschleppten, um sie der Katze zu geben. Lustig bat die andern Prinzessinnen recht[25] dringend; sie gaben aber nichts her, und sie erkaufte die Freiheit der Maus mit ihrem Strohhute und ihren Ringen. Bald kamen sie an den Bach, wo eben die Buben ein gefangenes Goldfischchen umbringen wollten. Lustig bat dringend, und mußte Schuh und Strümpfe hergeben. So kam sie barfuß und ohne Hut und Schmuck ins Schloß zurück, und die Oberhofmeisterin straften sie, und verspotteten sie über den Aufzug, der sich nicht für eine königliche Prinzessin schickte. Es wurde ihren Eltern angezeigt, und der König befahl, die Leichsinnige kommen zu lassen, und gab ihr einen Verweiß. Lustig schwieg bescheiden still, wie es sich für sie schickte, dann zeigte sie ihrem Vater das Fischchen, das sie mitgenommen hatte, und das in einer Schüssel mit Wasser schwamm. Plötzlich dehnte es sich aus, ward immer größer, und endlich stand eine schöne Frau da, welche die Prinzessin mit Wasser bespritzte. Im Nu ward aus der Häßlichen eine Dame von wunderbarer Schönheit, und jeder Tropfen Wasser, der in der Schüssel war, verwandelte sich in einen herrlichen Diamant. Siehe, sprach die Fee, ich wollte deine Taufpathe seyn, ward aber abgewiesen und strafte dich dafür. Du rettetest mir das Leben, denn als Maus, und Eule, und Frosch, war ich die[26] Pathin und Wohlthäterin deiner Schwestern, die so hartherzig und eitel sind. Sie sollen aber ihre Strafe bekommen und so häßlich werden, als du es warst. Im Augenblicke war aus Goldköpfchen ein garstiges, rothhaariges Ding, Perlenäuglein ward schwarzbraun, mit Triefaugen, und aus der bucklichten Brillante ihrem Munde sahen schwarze Zähne, statt der Juwelen, hervor. Ihre Reichthümer, die sie behielten, freuten sie nicht, denn die Spiegel, die sie überall reichlich im Pallaste angebracht hatten, zeigten ihnen nur ihre Fratzengestalten tausendfältig. Prinzessin Lustig blieb aber gut und bescheiden bei ihrer Schönheit, wie sie es vorher war.

Quelle:
Karoline Stahl: Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder. Nürnberg 21821, S. 19-27.
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