98.

[291] Die Freude macht nicht halb so viel Eindruck wie der Schmerz, und unser Mitgefühl wird durch eine Schilderung des Glückes weit weniger in Mitleidenschaft gezogen als durch eine Schilderung des Unglücks. Deshalb können auch die Künstler das Unglück nie erschütternd genug darstellen. Nur vor einer Klippe müssen sie sich hüten, vor Dingen, die Abscheu erregen.

Durch die einfache Tatsache des Vorhandenseins einer Monarchie, wie die Ludwigs des Vierzehnten, die vom Adel umgeben ist, wird alles, was in den Künsten einfach ist, grob. Der Aristokrat, vor dem sie sich entfalten, fühlt sich abgestoßen. Diese Empfindung ist aufrichtig und deshalb achtbar.

Man sehe nur zu, wie der schwächliche Racine die heroische und im Altertum so sehr verherrlichte Freundschaft des Orest und Pylades aufgefaßt hat. Orest duzt Pylades, und dieser redet jenen mit »Herr« an. Und doch soll Racine unser erschütterndster Dramatiker sein! Wer auf ein solches Beispiel hin kein Einsehen hat, mit dem ist über dieses Thema überhaupt nicht zu reden.

Quelle:
Von Stendahl – Henry Beyle über die Liebe. Jena 1911, S. 291.
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