44. In Rom

[141] Nur in Rom kommt es vor, daß eine anständige Frau, die Pferde und Wagen hat, vor einer anderen, einer einfachen Bekannten, so recht ihr Herz ausschüttet, wie ich es heute vormittag erlebt habe. »Ach, meine liebe Freundin, verliebe dich nie in den Fabio Vitteleschi. Lieber kannst du deine Liebe einem Straßenräuber schenken. Trotz seines sanften und gemessenen Benehmens bringt er es fertig, dir einen Dolch ins Herz zu bohren und dich dabei mit liebenswürdigem Lächeln zu fragen: Liebchen, tut es weh?« – So geschehen am 30. September 1819 in Gegenwart eines hübschen fünfzehnjährigen, übrigens sehr geweckten Mädchens, der Tochter jener Dame, die den guten Rat empfing.

Die Natürlichkeit der südlichen Liebenswürdigkeit ist nichts als die einfache Entwicklung einer großangelegten Natur, die durch den doppelten Mangel an guter Erziehung und an bedeutenden Ereignissen begünstigt wird. Wenn ein Nordländer das Unglück hat, nicht von Anfang an dadurch abgestoßen zu werden, so kommen ihm nach Verlauf eines Jahres die Frauen aller anderen Länder unausstehlich vor.

Er sieht die niedlichen Französinnen, die in den ersten drei Tagen recht liebenswürdig und verführerisch, aber schon am vierten langweilig sind; sobald man nämlich[141] dahinter kommt, daß all ihr Liebreiz vorher einstudiert und angelernt ist und für jedermann und jeden Tag ewig derselbe bleibt.

Er sieht die deutschen Frauen, die im Gegensatz zu den Französinnen so natürlich sind und sich so leidenschaftlich ihrer Phantasie hingeben, aber doch bei aller ihrer Natürlichkeit oft innerlich arm, einfältig und rührselig sind. Der Ausspruch des Grafen Almaviva scheint in Deutschland niedergeschrieben zu sein: »Und man ist höchst erstaunt, eines schönen Abends Übersättigung zu finden, wo man das Glück sucht.«

In Rom darf der Fremde nicht vergessen, daß in einem Lande, wo alles natürlich ist, das Schlechte viel schwärzer erscheint als anderwärts. Um nur von den Männern43 zu reden, so sieht man hier in der Gesellschaft Ungeheuer auftauchen, die sich wo anders verstecken müßten. Es sind Menschen, die gleichmäßig leidenschaftlich, scharfblickend und feige sind. Ein böses Geschick hat sie zum Beispiel aus irgend einem Anlaß in die Nähe einer Frau geführt; wahnsinnig verliebt, trinken sie den Kelch des Leids, einen andern bevorzugt zu sehen, bis zur Hefe aus. Ihre Gegenwart hat nur den einen Zweck, diesem glücklicheren Geliebten entgegenzuarbeiten. Nichts entgeht ihnen, und alle Welt sieht, daß ihnen nichts entgeht. Aber allem Ehrgefühl zum Trotz fahren sie fort, die Frau, ihren Geliebten und sich selbst zu quälen, und niemand tadelt sie, denn »sie tun, was ihnen Vergnügen macht«. Eines Abends gibt ihnen der Liebhaber, zum äußersten gebracht, einen Fußtritt; am nächsten Morgen bitten sie ihn sehr um Entschuldigung und beginnen von neuem, beständig und unerschütterlich, die Frau, den Geliebten und sich selbst zu peinigen. Man schaudert bei[142] dem Gedanken, welche Fülle von Unglück diese niedrigen Seelen täglich hinnehmen müssen, und ohne Zweifel ist nur ein Gran Feigheit weniger nötig, um sie zu Giftmischern zu machen.

Es ist auch nur in Italien möglich, daß junge Lebemänner, die Millionäre sind, Tänzerinnen großer Bühnen vor den Augen der ganzen Stadt mit dreißig Soldi (etwas über eine Mark) jeden Tag großartig aushalten. Zwei Brüder, schöne, junge Leute, leidenschaftliche Jäger und Pferdeliebhaber, sind auf einen Fremden eifersüchtig. Statt aber zu ihm zu gehen und ihre Beschwerden offen anzubringen, verbreiten sie heimlich ungünstige Gerüchte über den armen Fremden. In Frankreich würde die öffentliche Meinung solche Leute zwingen, entweder ihre Verdächtigungen zu beweisen oder dem Fremden Genugtuung zu geben. Hier gilt die öffentliche Meinung und die Verachtung nichts. Ein Reicher ist sicher, überall gut aufgenommen zu werden. Ein Millionär, der sich in Paris un möglich gemacht hat, kann in aller Ruhe nach Rom pilgern. Dort wird er genau so hoch eingeschätzt werden wie seine Scudi.

Quelle:
Von Stendahl – Henry Beyle über die Liebe. Jena 1911, S. 141-143.
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