Zweiter Auftritt.

[260] Die Vorigen, zwey Poeten.


ERSTER POET. Nein, nein, ich will nicht weiter ringen, Du möchtest mir gern meinen Mayenkranz entreißen, um Deine verdorrten Lorbern damit aufzufrischen. Mein wartet Minnesold, den sollst Du mir nicht rauben. Zu Constanzen. Ach Holde! harrest Du schon? O wie beklag ich Dich! schon lang wollte ich Dir dies Roßmarinsträuchgen und dies Blümchen Vergißmeinnicht bringen, aber dieser Eber trat mir in den Weg.

BAST. Ha, ha, ha! Nun? Zu Constanzen. Was sagst Du Püppchen?

CONSTANZE zwingt sich zu lachen Er ist nicht übel.

ZWEYTER POET. Du! der Du so tief bist unter mir, als der Welten taufende Raum fassen, und als, berechnet nach der Länge, dieser tausendfache Weltenumfang in gerader Linie beträgt; Raupe des Parnassus! Du willst es wagen, Deinen Staubkopf zu messen mit mir dem Adler im Dichterhayn! Ich wäre[260] lüstern nach Deinem Kranze, der geflochten ist von stinkenden Blumen, die da dienen zum Futter den Wächtern des Kapitols? und die die Magd der Käse und Buttergeberinnen nennt Gänseblumen? Wiß' es Krähe und verstumme: mein Ruhm ist gleich der hochwipplichten Eiche am hohen Berge, welche da steht fest und unerschüttert im Sturmwind, der Deine hingegen ist wie ein Binsenhalm im schlammigten Mooßgrunde.

Bast und Clärchen lachen überlaut.


BAST. Nun? gefällt Dir das Ding nicht?

CONSTANZE lächelnd. Ich muß freylich lachen, aber sie auch beklagen.

ERSTER POET. Mir traust Du dich das zu sagen, Du Eichelkönig? Mir, der ich die Liebesleyer so gut zu stimmen weiß, und Minnelieder ertönen lasse? Mir? der ich auf Lilien und Rosen schlafe, da Du wie ein Schwein im Eichenlaub herumwühlst? Mir, der ich die Sprache der Götter so vollkommen verstehe? der ich mich so leicht auf den Pegasus schwinge, als eine Lerche im Frühlingsmorgen empor steigt? Aber warte, ich will Dir eine Wunde versetzen, die Dir unheilbar werden soll. Ich will einmal für das Theater schreiben, und der Ruhm, der Reichthum, den ich dadurch erwerben werde, wird Dich lehren, welch ein Unterschied zwischen mir und Dir sey.

ZWEYTER POET. Recht so, dahin gehörst Du auch mit Deinem Flötenspielergesang, den Du abgelernt hast den Hütern der Wollenträgerheerde. Das Theater ist eine Gemeinweide, wo das edle Streit[261] roß, der Esel, der Ochse und die Kuh neben einander weiden; wo neben den herrlichsten Kräutern die schlechtesten Disteln stehen. Dort nimmt man oft das Falsche für das Wahre, das Schlechte für das Gute; oft sieht dort der Vernünftige, der Künstler sich von einem Dummkopf, einem Charlatan verdrängt, da wirst Du also auch Aufnahme finden. Denn nichts kann so abgeschmackt und albern dort erscheinen, daß es nicht Anhanger finden sollte.

ERSTER POET. Das spricht der Neid aus Dir, weil Du mit Deinem hochtrabenden gelehrten Unsinn, den kein Sterblicher versteht, dort keine Aufnahme finden wirst.

ZWEYTER POET. Flieh' eh' mein gerechter Eifer entbrennt, und mein Donner Dich zermalmt. Du Geschmeiß unter den Insekten des Parnaßus! Wisse, ich bin der Allvater der Barden, aus meinen Lenden entsprang vor tausend Jahren Oßian, ich streute seine Asche in die Luft, und siehe jedes Stäubchen wurde der Grundkeim zu tausend Barden Söhnen. Zu Constanzen.

Ja Tochter Teuts ich walle

Hoch in der Sternen Halle;

Ein Kleid von Mondenglanz

Schwebt um die Schöpferlende,

Von Lichtstrahl ist mein Lorbeerkranz.

ERSTER POET ebenfalls zu Constanzen.

O Holde! scheu die Töne

Der rauhen Bardensöhne;[262]

Liebflötend sing ich Dir

Ein Lied von Minnefreuden;

Gieb hold mir einen Kuß dafür.

CLÄRCHEN UND CONSTANZE.

Man muß wahrhaftig lachen.

BAST.

Gelt, das kann munter machen?

CONSTANZE UND CLÄRCHEN.

Doch fühlt mein gutes Herz

Bedauern bey dem Scherz.

BAST.

Wer wird nun wohl entstehn

So was mit anzusehn?

ZWEYTER POET.

Dem Donner gleicht mein Gang,

Der Harfe mein Gesang.

ERSTER POET.

Mein Lied, so rein wie Gold

Heischt reinen Minnesold.

ZWEYTER POET.

Weg von hier, Du Schmeichelkatze!

ERSTER POET.

In dein Loch Du Bärenpratze!

BAST.

Nun wird's erst recht lustig gehn.

CONSTANZE UND CLÄRCHEN.

Schlägerey wird noch entstehn.[263]

ZWEYTER POET.

Das Ungeziefer will nicht weichen.

Wohlan, mein Blitz soll es verscheuchen.

So stirb!


Er faßt den ersten Poeten bey der Brust.


ERSTER POET.

Halt ein!

BAST der ihn losmachen will.

Zurück!

CLÄRCHEN UND CONSTANZE.

O Weh!

ZWEYTER POET.

Geduld Allvater! er muß sterben.

ERSTER POET.

O Minna, rett' mich vom Verderben!

CLÄRCHEN UND CONSTANZE.

Den Spaß zu sehn ist mehr ein Jammer.

BAST er nimmt eine Ruthe unter dem Rocke hervor, und schlägt den zweyten Poeten auf die Hand, welcher sogleich losläßt.

Ein jeder gleich in seine Kammer,

Und heute kommt ihr nicht mehr frey.

ZWEYTER POET.

Ich ehre Deine Feuerstimme,

O Jupiter! und meinem Grimme

Entreißt den Frevler dein Gebot.

ERSTER POET zu Constanz vor der er niederknieet.

Dir Holde danke ich mein Leben,

Ich bleibe ewig Dir ergeben,

Und sterbe Dir den Minnetod.[264]

BAST die Ruthe in die Höbe haltend.

Nur hurtig, schert Euch eurer Wege,

Und daß sich keiner heut mehr rege,

Sonst kommt ihr mir so bald nicht frey.

CONSTANZE UND CLÄRCHEN.

Die Armen fühlen nicht ihr Leiden,

Sie finden gar darinn noch Freuden

Vergessen selbst den Schmerz dabey.

ZWEYTER POET.

Ich eile nun zum Sternensitze

Und spare meines Donners Blitze,

Bis mich ein Unding wieder höhnt.

ERSTER POET.

Ich eile nun auf Rosenschwingen,

Und will süßflötend Lieder singen,

Bis Minna meine Liebe krönt.


Die beyden Poeten werden von Bast fortgetrieben.


Quelle:
Karl Ditters von Dittersdorf: Die Liebe im Narrenhause. Liegnitz 1792, S. 255–350, S. 260-265.
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