Fünfter Auftritt.

[48] Gotthold. Sichel.

Nr. 5. Duett.


SICHEL.

Wenn man will zum Mädchen gehen,

Sei man froh und wohlgemut;

Und vor allem muß der Hut

So recht unternehmend stehen!

Denn die Mädchen sehn es gerne,

Wenn man etwas um sie wagt.

Wenn man will zum Mädchen gehen,

Sei man frisch und wohlgemut;

Und vor allem muß der Hut

So recht unternehmend stehen!

Drum Courage, nicht von ferne,

Frisch drauf los und nicht verzagt!

So erlangt man, was man will,

Und erreicht gewiß sein Ziel.

GOTTHOLD tritt näher, für sich.

Sieh! da schleicht wer um die Thüre!

SICHEL für sich.

Halt, da ist wer, wie ich spüre!

GOTTHOLD für sich.

Da schleicht wer um die Thüre!

SICHEL für sich.

Da ist wer, wie ich spüre!

BEIDE.

Das kann nach dem äußern Schein

Wohl ein Nebenbuhler sein!


Am Fenster im ersten Stock über der Laube erscheint Licht.
[48]

GOTTHOLD spricht, immer für sich. Wenn ich betrogen wäre!

SICHEL für sich. Was der wohl da herumstreift? Er sieht nach dem Fenster. Ha! das Signal! ein Licht am Fenster, Herr Klysterus ist also in seinem Laboratorium. Gut! der muß aus dem Hause praktiziert werden – Er schleicht aus Haus.

GOTTHOLD für sich. Wahrhaftig, er macht sich an die Thür. Laut, Sichel zur Linken. Wer geht da?

SICHEL laut. Einer, der ein Paar Beine hat.

GOTTHOLD auf ihn zugehend. Wer bist du?

SICHEL. Ein Mensch.

GOTTHOLD. Du willst spaßen; aber wart', ich will dir's vertreiben – Er packt ihn an. Ich will wissen, wie du heißt und was du hier suchst.

SICHEL macht sich los und stößt Gotthold zurück. Wenn dich jemand fragt, so sag' du nur, du weißt es nicht. Für sich. Daß der Teufel den Kerl hole!

GOTTHOLD. Laß doch sehen, worauf du pochst. Er leuchtet ihm mit der Laterne ins Gesicht. Sieh da, Sichel! Er ist's?

SICHEL. Mit Leib und Seele. Und Sie, Herr Krautmann? Mich freut's, daß Sie sich wohl befinden.

GOTTHOLD. Was sucht Er hier?

SICHEL. Etwas, was mein Vater ganz sicher auch gesucht haben muß, sonst könnt' ich nicht in seine Fußstapfen treten.

GOTTHOLD. Laß Er die Possen und red' Er vernünftig.

SICHEL. Nun gut. Sie wissen, daß ich vor Ihnen keine Geheimnisse habe – also ich habe eine Verabredung mit einem Mädchen hier im Hause –

GOTTHOLD für sich, etwas böse. Wäre es möglich!

SICHEL. Dabei wissen Sie wohl, ist nun der Dritte gemeiniglich überflüssig; also thun Sie mir hübsch den Gefallen und gehn Sie Ihrer Wege.

GOTTHOLD. Das würd' ich auf der Stelle thun, aber ich bin in der nämlichen Angelegenheit hier.

SICHEL. Was? Sie haben auch eine Verabredung?

GOTTHOLD. Ja.

SICHEL. Auch in dem Hause?

GOTTHOLD. Ja. Sieht Er wohl, wo das Licht am Fenster steht?[49]

SICHEL. Das ist aber merkwürdig! Das Licht ist mein Signal.

GOTTHOLD für sich. Aha! wart'! Laut. Das nämliche Signal hat man mir auch gegeben.

SICHEL für sich. Verflucht! da bin ich schön genarrt!

GOTTHOLD. Weil Er nun selber sagt, daß bei dergleichen Gelegenheiten der Dritte gemeiniglich überflüssig ist, so thu' Er mir hübsch den Gefallen und geh' Er seiner Wege.

SICHEL O nein! So mit trocknem Munde laß ich mich nicht von der Schüssel jagen, ich muß erst wissen, ob der Tisch wirklich für Sie gedeckt ist.

GOTTHOLD. Will Er, daß wir uns die Hälse brechen sollen?

SICHEL. Dann würde es mit unsrer Liebhaberei schlecht aussehen. Lassen Sie uns. Ha, mir fällt was ein! Soviel ich weiß, sind zwei Mädchen hier im Hause; vielleicht, wenn es Gottes Wille ist, lieben Sie die eine und ich die andere.

GOTTHOLD. Das gebe der Himmel! Wie heißt Sein Mädchen?

SICHEL. Ja, das ist bedenklich. Wenn ich es Ihnen nun nenne, und es wäre das Ihrige, könnte Sie leicht der Schlag treffen; und ob ich gleich eines Nebenbuhlers dadurch los würde, wäre mir's doch leid um Sie. Hören Sie, ich bin nicht so schreckhaft, denn ich war Feldscher bei der Armee und habe Blut genug über meine Finger laufen lassen; nennen Sie mir ohne Furcht die Ihrige, ich bin gefaßt.

GOTTHOLD. Die meinige heißt –

SICHEL. Halt! Wieviel Silben hat die Ihrige?

GOTTHOLD. Vier.

SICHEL. Sapperment, die meinige hat auch vier. Herr, nun wird's Ernst. Den ersten Buchstaben?

GOTTHOLD. L.

SICHEL. Viktoria! die meine hat ein R.

GOTTHOLD. Le–

SICHEL. Ro–

GOTTHOLD. Leo–

SICHEL. Rosa–

GOTTHOLD. Leonore!

SICHEL. Rosalie!

GOTTHOLD. Die Tochter des Apothekers Stößel.

SICHEL. Ich nehme mit der Nichte fürlieb.[50]

GOTTHOLD. Vortrefflich! Nun können wir uns desto sicherer einander vertrauen.

SICHEL. Ich stehe zu Befehl.

GOTTHOLD. Er weiß nun meine Liebe, aber mein Unglück weiß Er noch nicht. Leonore soll nächster Tage an den invaliden Hauptmann Sturmwald verheiratet werden. Meinen Vater darf ich von meiner Liebe nichts wissen lassen, denn Er weiß wohl, wie er mit dem Apotheker Stößel steht. Also bleibt mir kein ander Mittel, als Leonore zu entführen. Ich komme deswegen schon acht Tage vergebens her, und wenn es mir nicht bald gelingt, so bin ich ohne Rettung um mein Mädchen gebracht.

SICHEL. Lustig, Ihr Wunsch soll heute noch befriedigt werden.

GOTTHOLD. Heute?

SICHEL. Ja, ich gebe Ihnen mein Wort!

GOTTHOLD. O Sichel, Er ist mein größter Freund, mein Erretter, mein Wohlthäter. Er umarmt ihn und wechselt dabei mit ihm die Stellung.

SICHEL. Sachte, sachte, Sie erdrücken mich. Wenn Sie so mit Ihrer Braut umgehen, so gnade Gott dem armen Kinde.

GOTTHOLD. Zur Sache, lieber Sichel! Wie wollen wir's anfangen?

SICHEL. Das zuerst Erforderliche ist, den Alten aus dem Hause zu locken.

GOTTHOLD. Ja, aber wie das anfangen?

SICHEL. Das geht leicht. Sehen Sie, jeder reitet sein Steckenpferd. Sobald man es ihm also nur gesattelt vorführt, setzt er sich drauf und galoppiert damit herum.

GOTTHOLD. Was soll das heißen?

SICHEL. Unser Mann ist ein Narr, ein Schwärmer, der sich mit Quacksalberei, Magie und verborgenen Wissenschaften abgiebt; der sich einbildet, besondere Geheimnisse zu besitzen, und seine ganze Apotheke vergißt, wenn sich nur die mindeste Gelegenheit zeigt, eine Kunst zu treiben, von der er nur die unvollkommensten Begriffe hat.

GOTTHOLD. Was soll das aber nützen?

SICHEL. Was das nützen soll? Finden Sie denn nicht, daß ich ihn führen will, wohin es mir beliebt, sobald ich ihm nur Gelegenheit gebe, seine Leidenschaft zu befriedigen?[51]

GOTTHOLD. Ah, ich begreife!

SICHEL. Gut. Es liegt hier ein fremder Kavalier krank, für den Herr Stößel die Arzneien liefert; der arme Herr ist durch seinen dummen Doktor schon halb umgebracht; ob ihn nun der oder der Apotheker vollends umbringt, das ist am Ende alles eins. Ich will mich also für einen Kammerdiener des Halbtoten ausgeben und sagen, mein Herr hätte von seiner großen Kunst gehört und ließe ihn zu sich bitten. Der endoktorierte Apotheker wird also nicht säumen, seinem Rufe Ehre zu machen.

GOTTHOLD. Schmeichelt Er sich nicht zu viel?

SICHEL. Ganz und gar nicht. Sie sollen gleich die Probe sehn. Treten Sie nur beiseite und halten sich hübsch verborgen.

Gotthold tritt zurück in die Laube.


Quelle:
Karl Ditters von Dittersdorf: Doktor und Apotheker. Dichtung von Stephanie dem Jüngeren, Leipzig [o. J.], S. 48-52.
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