Zweiter Auftritt.

[78] Krautmann, Gallus zu seiner Linken.


GALLUS. Ach, Herr Doktor, Sie sind schon so früh auf der Straße? Vortrefflich! denn eben wollt' ich zu Ihnen gehen und Sie zu meinem Herrn holen. Kommen Sie geschwind, sonst treffen Sie ihn nicht mehr lebendig an.

KRAUTMANN. Das ist nicht möglich. Das kann nicht sein. Ihr Leute macht gleich aus einer Mücke einen Elefanten! Ich weiß besser, was die Krankheit für einen Gang zu nehmen hat; es ist nicht der erste, der mir daran gestorben ist. Hunderte sind schon begraben, die ich in dieser Krankheit unter den Händen gehabt habe. Frühstens kann er in drei Tagen so sein, wie Ihr ihn da beschreibt.

GALLUS. Sie wissen nicht –

KRAUTMANN. Ich wüßte nicht? Für wen seht Ihr mich an? Für einen Quacksalber? Ich weiß nur zu gut, daß er sterben kann, Beiseite. daß er sterben wird; Laut. aber jetzt nicht, in vier bis fünf Tagen, und das wird sich zeigen.

GALLUS. Sie können vollkommen recht haben. Aber Sie wissen doch nicht, daß der Apotheker Stößel diese Nacht bei ihm gewesen ist und ihm eine Medizin gegeben hat, die ihn eine Stunde darauf so stark angegriffen und bis jetzt so zugerichtet hat, daß wir alle Augenblicke fürchten, er giebt seinen Geist auf.

KRAUTMANN. Was? Der Apotheker Stößel hat Eurem Herrn eine Medizin ohne mein Wissen gegeben? Der Unverschämte! Wer hat sich unterstanden, ihn zu holen?

GALLUS. Kein Mensch will was davon wissen; alle unsre Bedienten schwören, daß keiner nach ihm gegangen ist.

KRAUTMANN. Ah, das sind also deine Werke, Herr Adept! Doktor von Windofen? Auf und ab gehend. Nun, das soll dein letztes Stückchen sein. Ich hoffe zu Gott, daß der Graf sterben wird, alsdann wollen wir schon ein paar Worte miteinander sprechen, Herr Klistierfabrikant – man soll dich hinweisen, wo du hingehörst.

GALLUS. Mäßigen Sie Ihren Zorn, Herr Doktor, und kommen Sie lieber zu meinem Herrn.

KRAUTMANN. O dieser Quacksalber! Pest des menschlichen[78] Geschlechts! das sind die wahren Feinde des Staats! Er bleibt stehen. Mein Freund, wenn Ihr die Gesetze der alten Römer kenntet – Ihr würdet einsehen, wie unrecht man hat, daß man sie hintansetzt. Sie setzen die schärfsten Strafen auf den Mißbrauch. Aber es geschieht uns recht, warum befolgt man sie nicht.

GALLUS. Aber Herr Doktor, mein Herr stirbt unterdessen!

KRAUTMANN. Ein Arzt war bei den Römern eine geheiligte Person! Aber was mußte er auch für Proben ablegen, ehe er dafür erkannt wurde! Da hätte sich jemand unterstehen sollen, ohne Befugnis zu doktern –

GALLUS. Aber bedenken Sie doch, daß mein Herr, während Sie da beweisen, gewiß die lange Reise antritt.

KRAUTMANN. Je nun, glückliche Reise! Ich bin nicht schuld daran; warum legt man Pfuschern nicht das Handwerk! Wie gesagt – diese weisen Republikaner, die gewiß mehr verstanden als wir heutzutage –

GALLUS. Ums Himmels willen, Herr Doktor – mein Herr liegt in den letzten Zügen –

KRAUTMANN. Noch nicht, Freund, noch nicht – Wieder auf die Römer zu kommen –

GALLUS. Die sind alle tot, Herr Doktor – Kommen Sie lieber zu meinem Herrn, damit er nicht auch zu ihnen geht.

KRAUTMANN. Laßt ihm zur Ader, gebt ihm kalt Wasser, und damit gut.

GALLUS. Aber so kommen Sie doch mit.

KRAUTMANN. Hat man mich nicht eher hören wollen, so Auf und ab gehend. Ich kann nicht mehr zu Eurem Herrn kommen, ich kann keinem Pfuscher nacharbeiten. Überdies muß ich auch jetzt einen Patienten besuchen, der schon acht Tage krank ist; Euer Herr liegt erst seit fünf Tagen danieder – die Anciennetät geht vor, mithin –

GALLUS. Aber wenn mein Herr unterdessen stirbt?

KRAUTMANN. So repetiert das Aderlassen, gebt ihm doppelte Portion kalt Wasser, so wird er wieder zu sich kommen. Er geht ab nach links.

GALLUS. Wenn er tot ist? Nachsehend und mit Beziehung auf Krautmann auf die Stirn weisend. Mir scheint – Er folgt nach links.

[79] Nr. 13. Duett.


GALLUS.

Vermaledeit sei die Methode!

Die ganze Doktorei ist Dunst!

KRAUTMANN.

Ich weiche nicht von meiner Mode,

Denn ich verstehe meine Kunst!

Die Menschen wären zu beklagen,

Nähm' sich bei schweren Krankheitsplagen

Kein kluger Doktor ihrer an.

GALLUS.

Wie ist der Mensch doch zu beklagen,

Daß er bei so viel andern Plagen

Den Doktor nicht entbehren kann! –

Oft liegt der Patient im Grabe,

Und noch weiß nicht der Doktor klar,

Was des Verstorbnen Krankheit war.

KRAUTMANN.

Ihr seid ein unverschämter Knabe!

GALLUS.

Beweist mir, daß ich unrecht habe!

KRAUTMANN.

Ich werd' Euch zeigen, wer ich bin!

GALLUS.

Kommt mit zu meinem Herren hin.

KRAUTMANN.

Ich gehe keinen Schritt mehr hin.

GALLUS.

Nun sagt doch, daß ich unrecht habe!

Nicht wahr, Ihr wißt Euch nicht mehr Rat?

KRAUTMANN.

Ich bin ein Mann, Ihr frecher Knabe,

Der vielen schon geholfen hat.

Ich bin ein Mann, Ihr frecher Knabe,

Der vielen schon geholfen hat.

GALLUS.

Nun sagt doch, daß ich unrecht habe!

Nicht wahr, Ihr wißt Euch nicht mehr Rat,

Der viele schon begraben hat!


Er geht ab nach links.


Quelle:
Karl Ditters von Dittersdorf: Doktor und Apotheker. Dichtung von Stephanie dem Jüngeren, Leipzig [o. J.], S. 78-80.
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