Fünfundachtzigstes Kapitel.

[223] Es ist ein Jammer, rief mein Vater eines Winterabends aus, nachdem er sich drei Stunden lang mit der Uebersetzung des Slawkenbergius abgequält hatte; – es ist ein Jammer, Bruder Toby, rief er aus und legte, während er sprach, ein Zwirnwickel meiner Mutter als Zeichen in das Buch, – daß die Wahrheit sich selbst hinter solchen uneinnehmbaren Festungen verschanzt, und oft so hartnäckig ist, daß sie sich der schärfsten Belagerung nicht ergeben will.

Nun waren meines Onkels Gedanken, die, während ihm mein Vater den Prignitz erklärte, nichts zu thun hatten, wie gewöhnlich ein bischen nach dem Rasenplatze gewandert, so daß er, anscheinend tief mit dem medius terminus beschäftigt, in Wahrheit so wenig von dem ganzen Vortrage und alle den Pro's und Contra's wußte, als ob mein Vater den Slawkenbergius aus dem Lateinischen ins Griechische übersetzt hätte. Aber das Wort Belagerung, dessen sich mein Vater in seinem Gleichnisse bediente, wirkte auf meines Onkel Toby's Phantasie so unmittelbar, wie der Ton dem Anschlagen der Taste folgt; – er spitzte die Ohren – und mein Vater, der sah, daß er die Pfeife aus dem Munde nahm und seinen Stuhl, um besser zu vernehmen, näher an den Tisch heranschob, fing seinen Satz mit großer[223] Befriedigung noch einmal an, jedoch mit dem Unterschiede, daß er das Bild mit der Belagerung fallen ließ, um jede Gefahr, die er davon befürchten mochte, aus dem Wege zu halten.

Es ist ein Jammer, sagte mein Vater, daß die Wahrheit nur auf Einer Seite liegen kann, Bruder Toby, nämlich wenn man sieht, welchen Scharfsinn diese gelehrten Leute bei ihren Lösungen hinsichtlich der Nasen bewiesen haben. – Können Nasen auch gelöst werden? erwiederte mein Onkel Toby.

Mein Vater warf sich in seinen Stuhl zurück, – stand auf – setzte seinen Hut auf – ging mit vier großen Schritten zur Thür – öffnete sie – steckte seinen Kopf halb hinaus – warf sie wieder zu – kümmerte sich den Teufel nichts um die verdorbene Angel – trat wieder an den Tisch – riß meiner Mutter Zwirnwickel aus dem Slawkenbergius – ging rasch zu seinem Schreibebureau – langsam zurück – drehte meiner Mutter Zwirnwickel um den Daumen – knöpfte seine Weste auf – warf meiner Mutter Zwirnwickel ins Feuer – biß ihr seidenes Nadelkissen entzwei und bekam den ganzen Mund voll Kleie – fing darüber an zu fluchen – aber, wohlgemerkt, der Fluch über die verdammte Konfusion zielte auf meines Onkel Toby's Kopf, der schon konfus genug war – der Fluch war nur mit der Kleie geladen – die Kleie, sehen Sie, war blos das Pulver zu der Kugel.

Es war gut, daß meines Vaters Heftigkeit nie lange dauerte, denn so lange sie dauerte, jagte sie ihn schrecklich umher, und es bleibt mir immer eines der unauflöslichsten Räthsel, die mir in der menschlichen Natur aufgestoßen sind, daß meinen Vater nichts so sehr in Feuer und Flammen setzen und seine Heftigkeit zu solchen Ausbrüchen reizen konnte, als die unerwarteten Schläge, welche mein Onkel Toby mit seinen treuherzigen Fragen seiner Gelehrsamkeit versetzte. Hätten zehn Dutzend Hornissen ihn hinten an ebenso viel verschiedenen Stellen gestochen, er würde nicht mehr Bewegungen in der kurzen Zeit gemacht haben, nicht halb so hoch aufgefahren sein, als bei dem einzigen quaere dieser paar Worte, die dem vollen Laufe seines Steckenpferdes so unzeitig in den Weg kamen.[224]

Meinen Onkel Toby kümmerte das nicht im geringsten; er rauchte seine Pfeife in aller Ruhe weiter; absichtlich seinen Bruder beleidigen zu wollen, das lag seinem Herzen fern, und da sein Kopf selten ausfindig machen konnte, wo der Stachel eigentlich säße, so überließ er die Mühe, sich abzukühlen, meinem Vater allein. – Diesmal waren fünf Minuten fünfunddreißig Sekunden dazu nöthig.

Bei Allem, was gut ist! rief mein Vater, sobald er wieder etwas zu sich gekommen war, und griff dabei zu einem Fluch aus dem Corpus des Ernulphus (was übrigens sonst, wie er auch der Wahrheit gemäß zu Dr. Slop gesagt hatte, sein Fehler durchaus nicht war) – bei Allem, was gut und groß ist! Bruder Toby, sagte mein Vater, stände Einem die Philosophie nicht bei, wie sie dies so freundlich thut, Du könntest Einen aus aller Fassung bringen. Unter den Lösungen hinsichtlich der Nasen, von denen ich sprach, meinte ich doch nichts Anderes – und mit ein wenig Aufmerksamkeit hättest Du das längst wissen müssen – als die unterschiedlichen Erklärungen, welche gelehrte Männer der verschiedensten Art über die Ursachen kurzer und langer Nasen gegeben haben. – Da giebt's nur Eine Ursache, erwiederte mein Onkel Toby, weshalb des Einen Nase länger ist, als die des Andern, die ist – weil's dem lieben Gott so gefallen hat. – So erklärt's Grangousier, sagte mein Vater. – Er ist's, fuhr mein Onkel Toby fort, ohne meines Vaters Unterbrechung zu beachten, und sah dabei empor – der uns Alle erschafft und bildet und uns solche Gestalt und solche Verhältnisse und zu solchem Ende zuertheilt, wie es seiner unendlichen Weisheit gefällt. – Das ist fromm, aber nicht philosophisch begründet, – das ist mehr Religion als vernünftige Wissenschaft. – Es war kein unwesentlicher Zug im Charakter meines Onkels Toby, daß er Gott fürchtete und die Religion achtete. – Sobald mein Vater seine Bemerkung geendigt hatte, fing mein Onkel Toby an, lebhafter als gewöhnlich (aber etwas unrein) den Lillabullero zu pfeifen.

Was ist aus meiner Mutter Zwirnwickel geworden?

Quelle:
Sterne [, Lawrence]: Tristram Shandy. Band 1, Leipzig, Wien [o. J.], S. 223-225.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tristram Shandy
Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman
Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman: (Reihe Reclam)
Tristram Shandy
Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman (insel taschenbuch)
Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman (insel taschenbuch)