Sechsundachtzigstes Kapitel.

[225] Ei was! als Nähutensil mochte das Zwirnwickel für meine Mutter seinen Werth haben, als Zeichen im Slawkenbergius für meinen Vater hatte es gar keinen. Slawkenbergius bot meinem Vater auf jeder Seite einen unerschöpflichen Schatz des Wissens; ihn an unrechter Stelle aufzuschlagen, war ihm gar nicht möglich, und oft, wenn er das Buch schloß, sagte er: Gesetzten Falls, daß alle Künste und Wissenschaften der Welt, sammt allen Büchern, die von ihnen handeln, verloren gingen, daß die Weisheit und Politik der Regierungen durch Mißbrauch in Vergessenheit geriethe, und Alles, was die Staatsmänner über Vorzüge und Mängel der Höfe und Reiche geschrieben hätten oder hätten schreiben lassen, aus dem Gedächtniß schwände, – so würde, wenn nur Slawkenbergius übrig bliebe, dies, seiner innigsten Ueberzeugung nach, hinreichend sein, die Welt wieder in Gang zu bringen. In der That, es war ein Schatz, ein Speicher alles Wissenswürdigen, sowohl über Nasen, als über alle andern Dinge. Morgens, Mittags und Abends war Slawkenbergius sein Labsal und sein Entzücken; er hatte das Buch immer in der Hand, und so abgenutzt war es, so gleißend, so mitgenommen und zerlesen, von Anfang bis zu Ende, daß Sie geschworen hätten, Sir, es sei ein Gebetbuch.

So bigott wie mein Vater bin ich nun nicht; gewiß, das Buch hat seinen Werth, aber meiner Ansicht nach sind die Erzählungen das Beste darin – nicht das Belehrendste, aber das Unterhaltendste. Slawkenbergius ist ein Deutscher und dafür erzählt er nicht schlecht. Die Erzählungen machen das zweite Buch und fast die Hälfte des Foliobandes aus, sind in zehn Dekaden getheilt, und jede dieser Dekaden enthält deren zehn. Philosophie gründet sich nicht auf Erzählungen, und darum war es unstreitig falsch von Slawkenbergius, daß er sie unter diesem Titel veröffentlichte. Einige aus der achten, neunten und zehnten Dekade sind in der That eher scherzhaft und lustig, als philosophisch; im Allgemeinen jedoch müssen sie von den Gelehrten als eine Aufzählung ebenso vieler unabhängiger Thatsachen angesehen[226] werden, die sich alle in verschiedenster Weise um die Hauptangel seines Gegenstandes drehen, mit großer Treue gesammelt sind und seinem Werke als ebenso viel erläuternde Beispiele zu seiner Lehre von den Nasen dienen.

Da wir gerade Zeit genug haben, Madame, so werde ich Ihnen, mit Ihrer Erlaubniß, hier die neunte Erzählung aus der zehnten Dekade mittheilen.


Slawkenbergii
fabella1.

Vespera quadam frigidula, posteriori in parte mensis Augusti, peregrinus, mulo fusco colore insidens, mantica a tergo, paucis indusiis, binis calceis, braccisque sericis coccineis repleta, Argentoratum ingressus est.

Militi eum percontanti, quum portas intraret, dixit, se apud Nasorum promontorium fuisse, Francofurtum proficisci, et Argentoratum, transitu ad fines Sarmatiae, mensis intervallo, reversurum.

[227] Miles peregrini in faciem suspexit: – Di boni, nova forma nasi!

At multum mihi profuit, inquit peregrinus, carpum amento extrahens, e quo pependit acinaces: loculo manum inseruit et magna cum urbanitate, pilei parte anteriore tacta manu sinistra, ut extendit dextram, militi florenum dedit, et processit.

Dolet mihi, ait miles, tympanistam nanum et valgum alloquens, virum adeo urbanum vaginam perdidisse: itinerari haut poterit nuda acinaci; neque vaginam toto Argentorato habilem inveniet. – Nullam unquam habui, respondit peregrinus respiciens, seque comiter inclinans – hoc more gesto, nudam acinacem elevans, mulo lente progrediente, ut nasum tueri possim.

Non immerito, benigne peregrine, respondit miles.

Nihili aestimo, ait ille tympanista, e pergamena factitius est.

Prout christianus sum, inquit miles, nasus ille, ni sexties major sit, meo esset conformis.

Crepitare audivi, ait tympanista.

Mehercule! sanguinem emisit, respondit miles.

Miseret me, inquit tympanista, qui non ambo tetigimus.

Eodem temporis puncto, quo haec res argumentata fuit inter militem et tympanistam, disceptabatur ibidem tubicine et uxore sua, qui tunc accesserunt, et peregrino praetereunte restiterunt.

Quantus nasus! aeque longus est, ait tubicina, ac tuba.

Et ex eodem metallo, ait tubicen, velut sternutamento audias.

Tantum abest, respondit illa, quod fistulam dulcedine vincit.

Aeneus est, ait tubicen.

Nequaquam, respondit uxor.

Rursum affirmo, ait tubicen, quod aeneus est.

Rem penitus explorabo; prius enim digito tangam, ait uxor, quam dormivero.

Mulus peregrini gradu lento progressus est, ut unumquodque verbum controversiae, non tantum inter militem et tympanistam, verum etiam inter tubicinem et uxorem ejus, audiret.

Nequaquam, ait ille, in muli collum fraena demittens, et manibus ambabus in pectus positis (mulo lente progrediente), nequaquam, ait ille respiciens, non necesse est ut res isthaec dilucidata foret. Minime gentium! meus nasus nunquam tangetur, dum spiritus hos reget artus – Ah quid agendum? ait uxor burgomagistri.

Peregrinus illi non respondit. Votum faciebat tunc temporis sancto Nicolao; quo facto, in sinum dextram inserens, e qua negligenter pependit acinaces, lento gradu processit per plateam Argentorati latam, quae ad diversorium templo ex adversum ducit.

Peregrinus mulo descendens stabulo includi et manticam inferri jussit: qua aperta et coccineis sericis femoralibusextractis cum argenteo laciniato περιζώματι, his sese induit, statimque, cum acinace in manu, ad forum deambulavit.

Quod ubi peregrinus esset ingressus, uxorem tubicinis obviam euntem aspicit; illico cursum flectit, metuens ne nasus suus exploraretur, atque ad diversorium regressus est, – exuit se vestibus, braccas coccineas sericas manticae imposuit mulumque educi jussit.

Francofurtum proficiscor, ait ille, et Argentoratum quatuor abhinc hebdomadis revertar.

Bene curasti hoc jumentum? (ait muli faciem manu demulcens) – me, manticamque meam, plus sex centis mille passibus portavit.

Longa via est! respondit hospes, nisi plurimum esset negotii –

Enimvero, ait peregrinus, a Nasorum promontorio redivi, et nasum speciosissimum, egregiosissimumque quem unquam quisquam sortitus est, acquisivi.

Dum peregrinus hanc miram rationem de seipso reddit, hospes et uxor ejus, oculis intentis, peregrini nasum contemplantur. – Per sanctos sanctasque omnes, ait hospitis uxor, nasis duodecim maximis in toto Argentorato major est! – Estne, ait illa mariti in aurem insusurrans, nonne est nasus praegrandis?

Dolus inest, anime mi, ait hospes, nasus est falsus.

Verus est, respondit uxor.

Ex abiete factus est, ait ille, terebinthinum olet.

Carbunculus inest, ait uxor.

Mortuus est nasus, respondit hospes.

Vivus est, ait illa – et si ipsa vivam, tangam

Votum feci sancto Nicolao, ait peregrinus, nasum meum intactum fore usque ad – Quodnam tempus? illico respondit illa.

Minime tangetur, inquit ille (manibus in pectus compositis), usque ad illam horam – Quam horam? ait illa. – Nullam, respondit peregrinus, donec pervenio ad – Quem locum, obsecro? ait illa. – Peregrinus nil respondens mulo conscenso discessit.


Slawkenbergius'
Erzählung.

Es war an einem kühlen, erquickenden Abende nach einem schwülen Tage, etwa gegen Ende August, als ein Fremder auf einem dunkelfarbigen Maulthiere, einen Mantelsack mit einigen Hemden, einem Paar Schuh und einem Paar karmoisinrother seidener Beinkleider hinter sich, zum Thore der Stadt Straßburg hineinritt.

Er sagte der Schildwache, die ihn anhielt und befragte, daß er vom Vorgebirge der Nasen komme, nach Frankfurt wolle und einen Monat später auf seinem Wege nach der Tartarei Straßburg wieder zu passiren gedenke.[227]

Die Schildwache sah dem Fremden ins Gesicht – in ihrem Leben hatte sie eine solche Nase nicht gesehen.

Ich habe Glück damit gehabt, sagte der Fremde; hiemit zog er seine Faust aus der schwarzen Bandschlinge, an der ein kurzer Säbel hing, steckte die Hand in die Tasche, berührte die Vorderseite seiner Mütze sehr höflich mit der Linken, streckte die Rechte aus, ließ einen Gulden in die Hand der Schildwache gleiten – und ritt weiter.

Es thut mir leid, sagte die Schildwache zu dem kleinen krummbeinigen Trommelschläger, daß so ein verbindlicher Mann, wie es scheint, seine Scheide verloren hat; ohne Scheide zu seinem Säbel kann er gar nicht reisen und hier in Straßburg wird er keine finden, die paßt. – Ich habe nie eine gehabt, erwiederte der Fremde, der sich nach der Schildwache umsah und während er sprach, die Hand an die Mütze legte. Ich führe ihn so, fuhr er fort und hielt, indeß das Maulthier langsam weiter schritt, den nackenden Säbel in die Höhe, um meine Nase zu schützen.

Sie ist es werth, edler Fremdling, entgegnete die Schildwache.

Keinen Pfifferling ist sie werth, sagte der krummbeinige Trommelschläger, – es ist eine Pergamentnase.

So wahr ich ein ehrlicher Katholik bin, sagte die Schildwache, es ist eine Nase gerade wie meine, nur sechsmal so groß.

Ich habe sie knistern hören, sagte der Trommelschläger.

Himmeldonnerwetter! sagte die Schildwache, ich sah, wie sie blutete.

Schade, rief der krummbeinige Trommelschläger, daß wir sie nicht angefaßt haben.

Um dieselbe Zeit, als dieser Streit zwischen der Schildwache und dem Trommelschläger stattfand, wurde die nämliche Angelegenheit zwischen einem Trompeter und seiner Frau verhandelt, die gerade des Wegs gekommen waren und Halt gemacht hatten, um den Fremden vorbeireiten zu sehen.

Benedicta! sagte die Trompetersfrau, was für eine Nase! die ist ja so lang wie eine Trompete.[229]

Und aus demselben Metall gemacht, sagte der Trompeter, höre nur, wie sie schmettert.

Es klingt so sanft wie eine Flöte, sagte sie.

's ist Blech, sagte der Trompeter.

Dummheiten, sagte die Frau.

Ich sage Dir noch einmal, entgegnete der Trompeter, 's ist Blech.

Na, das muß ich erfahren, sagte die Trompetersfrau, ich will nicht ruhig schlafen, bis ich sie nicht mit den Fingern angefaßt habe.

Des Fremden Maulthier ging so langsam weiter, daß er Alles hörte, nicht allein was die Schildwache und der Trommelschläger mit einander sprachen, sondern auch des Trompeters und seines Weibes Reden.

Nein, sagte er und ließ die Zügel auf den Nacken seines Maulthieres sinken, worauf er beide Hände nach Art der Heiligen über der Brust kreuzte, während das Maulthier immer ruhig weiter schritt – nein, sagte er und sah empor, das bin ich der Welt nicht schuldig, – wie sehr sie mich auch verläumdet und gekränkt hat, – daß ich ihr diesen Beweis liefere. Nein, sagte er, meine Nase soll Niemand berühren, so lange mir der Himmel noch Kraft verleiht. – Wozu? fragte des Bürgermeisters Weib.

Der Fremde achtete nicht auf des Bürgermeisters Weib, – er that dem heiligen Nikolaus ein Gelübde, entkreuzte seine Arme mit derselben Feierlichkeit, womit er sie gekreuzt hatte, ergriff die Zügel wieder mit der linken Hand, steckte die Rechte, an deren Gelenk der Säbel leicht hieng, in seinen Busen und ritt Schritt vor Schritt, so langsam, wie die Beine seines Maulthiers sich folgen wollten, durch die Hauptstraßen Straßburgs weiter, bis er an den großen Gasthof auf dem Marktplatze, der Kirche gegenüber, gelangte.

Sobald der Fremde abgestiegen war, befahl er, sein Maulthier in den Stall zu führen und seinen Mantelsack auf das Zimmer zu tragen: er öffnete ihn, nahm seine karmoisinrothen seidenen Beinkleider, die etwas mit Silberfransen Besetztes(das ich nicht zu übersetzen wage) an sich trugen, heraus, zog die Beinkleider mit der befransten Hosenklappe an, nahm seinen kurzen Säbel in die Hand und ging auf den großen Paradeplatz.

Der Fremde war gerade dreimal auf dem Platze hin-und hergegangen, als er auf der gegenüberliegenden Seite die Trompetersfrau erblickte; er machte also sogleich rechtsum, denn er befürchtete einen Angriff auf seine Nase, und ging geraden Wegs in seinen Gasthof zurück; hier zog er sich um, packte seine karmoisinrothen seidenen Beinkleider u.s.w. wieder in den Mantelsack und befahl, daß man ihm sein Maulthier bringe.

Ich reise jetzt, sagte der Fremde, nach Frankfurt weiter, aber in einem Monate komme ich wieder durch Straßburg.

Ich hoffe, fuhr er fort und strich, indem er aufsitzen wollte, dem Maulthiere mit der Hand über den Kopf, daß Ihr gegen dieses treue Thier gut gewesen seid; es hat mich und meinen Mantelsack mehr als sechshundert Meilen weit getragen. Als er dies sagte, klopfte er es auf den Rücken.

Das ist weit, Herr, sagte der Gastwirth, da muß man große Geschäfte haben.

– Ja, ja, entgegnete der Fremde, ich bin am Vorgebirge der Nasen gewesen und habe, Gott sei Dank, eine der besten und tüchtigsten bekommen, die noch jemals einem Menschenkinde zu Theil geworden ist.

Während der Fremde diesen sonderbaren Bericht über sich gab, ließen der Wirth und die Wirthin seine Nase nicht aus den Augen. – Bei der heiligen Radagunda, sagte die Wirthsfrau zu sich, die nimmt's mit einem Dutzend der größten Nasen hier in Straßburg auf. – Ist das nicht, raunte sie ihrem Manne zu, – ist das nicht eine prächtige Nase?

's ist Betrug, sagte der Wirth, sie ist falsch, mein Kind.

Sie ist ächt, sagte das Weib.

Sie ist aus Fichtenholz, sagte er, sie riecht nach Terpentin.

s ist ein Pickelchen drauf, sagte sie.

's ist eine todte Nase, entgegnete der Wirth.

s ist Leben drin, sagte die Wirthin, und so wahr Leben in mir ist, ich will sie anfassen.[233]

Ich habe dem heiligen Nikolaus noch heute das Gelübde gethan, sagte der Fremde, daß Niemand meine Nase anfassen soll, bis – hier stockte er und sah empor. – Bis wann? fragte sie hastig.

Niemand soll sie anfassen, sagte er, indem er seine Hände faltete und gegen die Brust hielt, bis zu der Stunde – Bis zu welcher, rief die Wirthsfrau. – Nicht eher, sagte der Fremde, nicht eher, als bis ich werde gelangt sein – Wohin, um's Himmels willen? rief sie. – Der Fremde ritt fort, ohne ein Wort zu erwiedern.


Noch hatte der Fremde nicht eine halbe Meile auf seinem Wege nach Frankfurt zurückgelegt, als bereits ganz Straßburg seiner Nase wegen in Aufruhr war. Die Vesperglocken riefen eben die Straßburger zur Abendandacht und mahnten sie, ihr Tagewerk im Gebet zu beschließen – keine Seele hörte auf sie; die ganze Stadt war wie ein Bienenstock – Männer, Weiber, Kinder (das Gebimmel der Vesperglocken immer dazwischen) schwärmten umher, aus einer Thür in die andere, hierhin, dorthin, Straß' auf, Straß' ab, Gassen aus, Gassen ein, auf allen Plätzen und Durchfahrten. Sahst Du sie? Sahst Du sie? Sahst Du sie? O, sahst Du sie? Wie sah sie aus? Wer hat sie gesehen? Wer sah sie ums Himmels willen!

O, weh! Ich war in der Vesper! Ich wusch! ich stärkelte, ich scheuerte, ich nähte. Schade, ewig schade! ich habe sie nicht gesehn – nicht angefaßt – Wäre ich doch die Schildwache gewesen, oder der krummbeinige Trommelschläger, oder der Trompeter, oder die Trompetersfrau! – so war das allgemeine[234] Geschrei und die allgemeine Klage auf allen Märkten und Gassen Straßburgs.

Während so Aufregung und Verwirrung in der ehrwürdigen Stadt Straßburg herrschte, ritt der verbindliche Fremde langsam nach Frankfurt weiter, als ob ihn das Alles gar nichts anginge, und redete den ganzen Weg lang in lauter abgebrochenen Sätzen bald mit seinem Maulthier – bald mit sich – bald mit seiner Julia.

O Julia, geliebte Julia! – nein, ich kann nicht anhalten, weil Du die Distel fressen willst: – daß die verdächtige Zunge eines Nebenbuhlers mich der Seligkeit berauben mußte, als ich eben in Begriff stand, sie zu kosten!

– Pah! – 's ist ja nur eine Distel – schlag Dir's aus dem Sinn, Du sollst heute Abend was Besseres bekommen.

– Verbannt von meinem Vaterlande, meinen Freunden – von Dir!

Armer Teufel, bist Du müde? Nur zu, – ein bischen schneller – 's ist ja nichts im Mantelsack als zwei Hemden, ein Paar karmoisinrothe seidene Hosen und eine silberbesetzte – Ach! theure Julia!

– Aber warum nach Frankfurt? führt mich denn eine unsichtbare Hand geheimnißvoll durch all diese Irrwege und Hinterhalte –

– Du stolperst bei jedem Schritt! Heiliger Nikolaus, so werden wir heute Nacht nicht – – zum Glücke? oder soll ich der Spielball des Zufalls und der Verläumdung sein? bestimmt dazu, weiter gejagt zu werden unüberführt – ungehört – unberührt? Ist's so, warum blieb ich nicht in Straßburg, wo doch Gerechtigkeit – aber ich hatte dem heiligen Nikolaus – Du sollst gleich saufen – gelobt! – O Julia! Was spitzest Du die Ohren, – 's ist ja nur ein Mann u.s.w.

So ritt der Fremde weiter und redete bald mit seinem Maulthier, bald mit Julia, bis er bei seiner Herberge anlangte, wo er alsbald abstieg; und nachdem er für sein Maulthier, so wie er es ihm versprochen, Sorge getragen, nahm er seinen Mantelsack mit den karmoisinrothen seidenen Hosen u.s.w. auf sein[235] Zimmer, ließ sich zum Abendessen einen Eierkuchen backen, legte sich gegen zwölf Uhr zu Bett und war in fünf Minuten eingeschlafen. –

Um dieselbe Stunde waren auch die Straßburger, nachdem der Aufruhr für diese Nacht sich gelegt hatte, still zu Bett gegangen, aber nicht um die Ruhe des Leibes und der Seele zu genießen, wie der Fremde: Königin Mab, die Elfe, nahm des Fremden Nase und zertheilte sie ohne Verringerung ihrer Größe in so viel Nasen verschiedenster Form und Gestalt, als Köpfe dazu in Straßburg waren. Die Aebtissin von Quedlinburg, die mit den vier Würdenträgerinnen ihres Kapitels, der Priorin, der Diakonin, der Vorsängerin und der Kanonissin, in dieser Woche nach Straßburg gekommen war, um die Universität wegen eines Gewissensfalles (es handelte sich um die Schlitzen in den Unterröcken) zu konsultiren, war die ganze Nacht unwohl.

Des verbindlichen Fremden Nase saß auf der Zirbeldrüse ihres Gehirnes und rumorte desgleichen in der Phantasie der vier Würdenträgerinnen ihres Kapitels so gewaltig umher, daß sie die ganze Nacht kein Auge zuthun und kein Glied stille halten konnten, bis sie zuletzt aufstanden und wie Geister herumschlichen.

Den Pönitentiarierinnen vom Orden des heiligen Franciscus, – den Kalvarienserinnen – den Prämonstratenserinnen – den Klunienserinnen2 – den Karthäuserinnen und allen Nonnen der strengern Orden, die in dieser Nacht auf leinenen oder härenen Laken lagen, ging es noch schlimmer als der Aebtissin von Quedlinburg; sie drehten und wälzten, und wälzten und drehten sich die ganze Nacht von einer Seite zur andern; sie kratzten und scheuerten sich fast zu Tode und standen am Morgen ganz geschunden auf; jede meinte, St. Antonius habe sie mit seinem Feuer heimgesucht; die ganze Nacht von der Vesper bis zur Frühmette hatte keine einzige ein Auge zugemacht.

Die Nonnen der heiligen Ursula waren klüger, sie gingen gar nicht zu Bette.[236]

Der Dechant von Straßburg, die Präbendare, die Dom- und Stiftsherren, als sich das Kapitel am Morgen versammelte, um die Frage wegen der Butterfladen in Betracht zu ziehen, wünschten Alle, sie wären dem Beispiel der Ursulinerinnen gefolgt.

In der Hast und Verwirrung des vergangenen Abends hatten nämlich die Bäcker ganz vergessen Teig anzurühren, und so gab es in ganz Straßburg keine Butterfladen zum Frühstück; der ganze Domplatz war in fortwährender Bewegung, eine solche Veranlassung zur Unruhe und Besorgniß und ein solch eifriges Forschen nach der Ursache dieser Unruhe hatte in Straßburg nicht stattgefunden, seitdem Luther mit seinen Lehren die Stadt auf den Kopf gestellt hatte.

Wenn sich so des Fremden Nase auf aller heiligen Orden Schüsseln3 fand – was für eine Verheerung mußte sie dann erst in den Köpfen der Laien anrichten! Das ist mehr, als eine bis zum Stumpf abgeschriebene Feder, wie die meinige, berichten kann, obgleich ich gestehe (ruft hier Slawkenbergius mit mehr Uebermuth, als ich ihm zugetraut hätte, aus), daß es noch manches gute Gleichniß in der Welt giebt, wodurch ich meinen Landsleuten eine Idee davon beibringen könnte; aber am Schlusse eines solchen Foliobandes wie dieser, den ich um ihretwillen verfaßt und auf den ich den größten Theil meines Lebens verwandt habe, wäre es doch wohl unvernünftig von ihnen, wenn sie erwarteten, ich sollte Zeit und Neigung dazu haben, dieses Gleichniß aufzusuchen, obgleich es, wie gesagt, nicht unfindbar ist. Also der Aufruhr und die Verwirrung, in welche diese Nase die Phantasie der Straßburger versetzte, war so allgemein, sie übte auf alle Geister eine so überwältigende Herrschaft aus, so verwunderliche Dinge wurden von ihr in höchster Begeisterung überall vorgetragen und geglaubt, erzählt und betheuert, daß sie den alleinigen Gegenstand der Unterhaltung und der Verwunderung[237] ausmachte: Jedermann, gut oder bös – reich oder arm – gebildet oder ungebildet – Doktor oder Student – Herrin oder Magd – adlig oder bürgerlich – Nonne oder Nichtnonne, genug, alle Welt in Straßburg lauschte den Berichten über sie, – jedes Auge in Straßburg lechzte danach, sie zu sehen, – jeder Finger in Straßburg brannte, sie anzufassen.

Was die Heftigkeit dieser Begierde noch steigerte, wenn es dessen bedurft hätte, war der Umstand, daß die Schildwache, der krummbeinige Trommelschläger, der Trompeter, die Trompetersfrau, die Bürgermeisterswittwe, der Gastwirth und sein Eheweib in ihren Zeugnissen und Berichten über die Nase des Fremden zwar vielfach auseinandergingen, in zwei Punkten aber vollkommen übereinstimmten, nämlich darin, daß er selbst nach Frankfurt gereist sei und in einem Monat wieder nach Straßburg kommen würde, – und zweitens, daß der Fremde ein wahres Bild der Schönheit sei, der bestgestaltete, anmuthigste, freigebigste, liebenswürdigste Mann, der je durch die Thore von Straßburg eingezogen wäre. Daß, als er den Säbel leicht am Knöchel tragend durch die Straßen dahin geritten und später in seinen karmoisinrothen seidenen Beinkleidern über den Paradeplatz geschritten sei, er dies mit einem so holdseligen Ausdruck natürlicher Bescheidenheit und doch wieder mit so viel männlicher Würde gethan habe, daß ihm jeder Jungfrau Herz hätte entgegenhüpfen müssen (wäre nicht die Nase im Wege gewesen).

Es mag vielleicht Herzen geben, die dem Drängen und den Lockungen einer so erregten Neugierde widerstehen können, aber die Meisten werden es wohl natürlich finden, daß die Aebtissin von Quedlinburg, die Priorin, die Diakonin, die Vorsängerin und die Kanonissin gegen Mittag nach der Trompetersfrau schickten; sie kam die Straßen her mit ihres Mannes Trompete in der Hand, als das beste Beweisstück zur Erhärtung ihrer Aussage, das sie in der Geschwindigkeit hatte aufraffen können, und blieb nicht länger als drei Tage.

Und die Schildwache? und der krummbeinige Trommelschläger? – Das alte Athen hatte ihres Gleichen nicht gesehn![238] Unter den Thoren der Stadt hielten sie allen Aus- und Eingehenden ihre Vorträge, mit einer Würde und einem Glanze, wie nicht Chrysippus noch Crantor unter ihren Portiken.

Der Gastwirth, neben sich den Hausknecht, perorirte in derselben Weise unter dem Thorwege oder der Stallthür – seine Frau hielt ihre Vorträge im Hinterzimmer. Von allen Seiten strömten die Zuhörer herbei – nicht wie's gerade kam – sondern die zu dem, jene zu jenem, je nachdem, wie das immer der Fall ist, Glaube und Glaubseligkeit sie leiteten. Genug, jeder Straßburger war begierig, etwas zu erfahren, und jeder Straßburger erfuhr etwas, so wie er's brauchte.

Zum Besten aller Docenten der Naturphilosophie u.s.w. mag bemerkt werden, daß des Trompeters Weib, sobald sie ihre Privatlektionen bei der Aebtissin von Quedlinburg beendigt hatte und öffentlich vorzutragen anfing, was sie auf dem großen Paradeplatze von einem Stuhle herab that, den andern Docenten gewaltigen Schaden zufügte, indem sie unausgesetzt den vornehmsten Theil der Straßburger Zuhörerschaft an sich zog. – Aber, wenn ein Professor der Philosophie (ruft Slawkenbergius aus) eine Trompete als Apparat hat, wie kann da ein Nebenbuhler in der Wissenschaft auch nur erwarten, neben ihm gehört zu werden? –

Während sich die Ungelehrten auf dieser Weise abmüheten, der Wahrheit auf dem Wege der Erfahrung auf den Grund zu kommen, quälten sich die Gelehrten damit, dieselbe durch die Röhren des dialektischen Induktionsprozesses heraufzupumpen; sie kümmerten sich nicht um Thatsachen, sie raisonnirten.

Kein Mensch würde so viel Licht über diesen Gegenstand haben verbreiten können, als die medicinische Fakultät, wenn sie sich in ihren Disputationen nur von Schwulst und Auswüchsen frei gehalten hätte; mit Schwulst und Auswüchsen hatte des Fremden Nase aber nichts zu thun.

Dennoch wurde sehr befriedigend bewiesen, daß eine solche Masse heterogener Materie der Nase nicht zugeführt und mit ihr verbunden werden könne, während das Kind sich im Uterus[239] befinde, ohne das Gleichgewicht des Fötus zu stören und ihn neun Monat vor der Zeit auf den Kopf zu stellen.

– In der Theorie gaben die Gegner das zu – die Konsequenzen leugneten sie.

Und wenn die erforderliche Menge von Venen, Arterien u.s.w, die zur Ernährung einer solchen Nase unerläßlich sind, nicht schon vor dem Geborenwerden und im Anfange der Bildung gelegt wäre, sagten sie – so könne sie nachher nicht (krankhafte Auswüchse ausgenommen) zu solcher Größe wachsen und dabei erhalten werden.

Alles dies wurde widerlegt in einer Dissertation über die Ernährung und die Wirkung, welche die Ernährung auf die Ausbildung der Gefäße und auf das Wachsthum und das Sichausdehnen der Muskeltheile bis zur allergrößten denkbaren Größe hervorbringt. Im Siegesgefühl der von ihnen aufgestellten Theorien gingen sie sogar so weit, zu behaupten: es spreche kein Gesetz der Natur dagegen, daß die Nase nicht die gleiche Größe wie der Mensch selbst erlangen könne.

Die Gegner bewiesen, daß dies nicht stattfinden könne, so lange der Mensch nur einen Magen und ein Paar Lungen habe; denn, sagten sie, da der Magen das einzige Organ ist, welches die Nahrung aufnimmt und in Speisebrei verwandelt, – und die Lunge das einzige Organ zur Bluterzeugung, so kann die letztere unmöglich mehr verarbeiten, als was ihr durch den Appetit zugeführt wird: oder nehmen wir selbst die Möglichkeit an, daß ein Mensch seinen Magen überlade, so hat die Natur der Lunge doch Gränzen gesteckt, die Maschine ist von einer gewissen Größe und Kraft, sie kann in einer gegebenen Zeit nur so und so viel zu Stande bringen, d.h. sie kann eben nur so viel Blut erzeugen, als für einen einzelnen Menschen hinreichend ist. Wäre nun ebenso viel Nase als Mensch da, so müßte nothwendigerweise ein Absterben stattfinden, und da für beide hinreichende Nahrung nicht vorhanden wäre, würde der Fall eintreten, daß entweder der Mensch von der Nase, oder die Nase von dem Menschen abfiele.

Die Natur accommodirt sich dem Bedürfnisse, entgegneten die Andern, was würde sonst bei ganzem Magen und vollständiger[240] Lunge aus einem halben Menschen werden, z.B. aus einem, dem unglücklicherweise beide Beine weggeschossen sind?

Er stirbt am Schlage, sagten sie, oder speit Blut und hat in vierzehn Tagen die Auszehrung.

Das kommt oft ganz anders, erwiederten die Gegner.

Sollte aber nicht, sagten sie.

Noch Andere, welche sorgsamer und genauer die Natur und ihr Thun erforschten, gingen zwar eine gute Strecke Wegs Hand in Hand zusammen, trennten sich aber doch auch zuletzt dieser Nase wegen, wie die Herren von der Fakultät.

Sie stimmten freundschaftlich darin überein, daß es ein richtiges, ein geometrisches Verhältniß zwischen den verschiedenen Theilen des menschlichen Körpers gäbe, welches von ihrer Bestimmung, ihren Leistungen und Funktionen abhängig sei und nur innerhalb gewisser Gränzen überschritten werden könne; die Spiele der Natur wären auf einen gewissen Kreis beschränkt, – aber über den Durchmesser dieses Kreises wichen ihre Meinungen von einander ab.

Die Logiker hielten sich genauer an die vorliegende Sache selbst, als die andern Gelehrtenklassen, sie fingen mit dem Worte Nase an und hörten damit auf; und wäre nicht einer von ihnen gleich im Anfang des Streites mit dem Kopf gegen eine petitio principii gerannt, so würde die Frage bald erledigt gewesen sein.

Eine Nase, demonstrirte der Logiker, kann ohne Blut nicht bluten, und nicht allein nicht ohne Blut, sondern auch nicht ohne Blutumlauf, wodurch erst eine Folge von Tropfen möglich ist (worin zugleich liegt, daß ein Strom eine schnellere Folge von Tropfen ist, sagte er). Da nun, so fuhr der Logiker fort, der Tod nichts Anderes ist als ein Stillstehen des Blutes –

Diese Definition verwerfe ich, sagte sein Gegner; – Tod ist Trennung von Leib und Seele. – Dann haben wir uns über die Waffen, mit denen wir kämpfen wollen, noch nicht verständigt, sagte der Logiker. – Dann lohnt es sich nicht zu disputiren, erwiederte der Gegner.

Die Rechtsgelehrten faßten die Frage noch mehr zusammen;[241] was sie zu Tage förderten, glich mehr einer Verordnung als einer Disputation.

Wäre, sagten sie, diese ungeheure Nase eine wirkliche Nase gewesen, so hätte sie unmöglich in der bürgerlichen Gesellschaft gelitten werden dürfen; wäre sie dagegen eine falsche gewesen, so hätte diese Täuschung der Gesellschaft eine noch viel größere Versündigung gegen die Rechte dieser letztern involvirt und würde deshalb noch viel härter zu bestrafen gewesen sein.

Hiergegen war nur das einzuwenden, daß dadurch, wenn überhaupt etwas, nichts weiter bewiesen wurde als: des Fremden Nase sei weder ächt, noch falsch gewesen.

Dies ließ Raum für allerhand Controversen. – Die Advokaten des geistlichen Gerichtshofes behaupteten, ein Grund zu gerichtlicher Verfolgung sei nicht vorhanden, da der Fremde ex mero motu selbst bezeugt habe, er sei am Vorgebirge der Nasen gewesen und habe eine der allerbesten u.s.w. – Dagegen wurde erwiedert, daß es unmöglich einen solchen Ort wie das Vorgebirge der Nasen geben könne und daß die Gelehrten von seiner Lage nichts wüßten. Der Rechtsanwalt des Bischofs von Straßburg nahm die Partei des Advokaten und erläuterte die Sache in einer Abhandlung über sprüchwörtliche Redensarten, worin er zeigte, daß der Ausdruck »Vorgebirge der Nasen« nur bildlich zu verstehen sei und nichts weiter bedeuten solle, als er habe von Natur eine lange Nase erhalten; – zum Beweise dafür citirte er mit großer Gelehrsamkeit die untenangegebenen Autoritäten4, was den Punkt unwiderruflich entschieden haben[242] würde, wenn sich nicht gezeigt hätte, daß schon neunzehn Jahre früher eine Streitsache wegen einiger Gerechtsame von Dechantei- und Kapitel-Ländereien durch dieselben Citate entschieden worden wäre.

Es traf sich, – ich will nicht sagen zum Nachtheil der Wahrheit, denn es kam dieser auf der andern Seite wieder zu Gute, – daß die beiden straßburger Universitäten, die lutherische, welche im Jahre 1538 von dem Rathsherrn der Stadt, Jacobus Sturmius, und die katholische, welche von dem Erzherzog Leopold von Oesterreich gegründet worden war, gerade um diese Zeit die ganze Tiefe ihrer Gelehrsamkeit aufbieten mußten (nur ein kleines Quantum wurde für die Schlitzenfrage der Aebtissin von Quedlinburg in Anspruch genommen), um über die Verdammung Martin Luthers zu einer Entscheidung zu kommen.

Die päbstlichen Doktoren hatten es unternommen, a priori zu beweisen, daß Luther schon wegen des maßgebenden Einflusses der Planeten am 22. Oktober 1483, zu welcher Zeit der Mond im zwölften Hause, Jupiter, Mars und Venus im dritten waren, die Sonne, Saturn und Merkur im vierten zusammentrafen, nothwendigerweise ein verdammter Mensch sein müsse, und daß seine Lehren folgerecht deshalb auch nicht anders als verdammt sein könnten.

Bei Untersuchung seines Horoskopes erwies sich, daß im neunten Hause, welches die Araber der Religion zuweisen, sich fünf Planeten mit dem Skorpion5 in Coition befanden, (Martin Luthern gewiß sehr gleichgültig, aber mein Vater schüttelte an dieser Stelle immer den Kopf,) was, mit der Konjunktion des Mars zusammengehalten, klar anzeigte, daß er unter Flüchen und Lästerungen sterben mußte, von deren Hauche getrieben dann[243] seine schuldbelastete Seele mit vollen Segeln in das höllische Feuermeer eingelaufen sei.

Die lutherischen Doktoren erhoben dagegen den geringfügigen Einwand, daß es wahrscheinlich die Seele eines andern am 22. Oktober 1483 geborenen Menschen gewesen sein müsse, die so vor dem Winde zu segeln gezwungen worden sei, da es aus dem Kirchenbuche der Stadt Eisleben im Mansfeldischen erhelle, daß Luther nicht im Jahre 1483, sondern im Jahre 1484, und nicht am 22. Oktober, sondern am 10. November, am Abend vor dem Martinstage geboren worden sei, weshalb er auch den Namen Martin trage.

(– Ich muß meine Uebersetzung hier einen Augenblick unterbrechen, denn thät' ich's nicht, so dürfte es mir leicht wie der Aebtissin von Quedlinburg ergehen, – d.h. ich könnte nicht ruhig schlafen. Ich muß nämlich dem Leser mittheilen, daß mein Vater diese Stelle in Slawkenbergius nie anders als mit einem Gefühle des Triumphes las, – nicht über meinen Onkel Toby, denn der opponirte ihm ja nicht, aber über die ganze Welt.

– Nun, da siehst Du, Bruder, sagte er dann und sah empor, daß Taufnamen doch nicht so etwas Gleichgültiges sind; wäre Luther nicht Martin getauft worden, so hätte er in alle Ewigkeit verdammt sein können; – nicht etwa, daß ich Martin für einen sonderlich guten Namen halte, – weit entfernt – er ist nur eben ein klein bischen besser als neutral, aber wie wenig es auch sei, Du siehst, was ihm das genutzt hat.

Mein Vater wußte so gut, als es der beste Logiker ihm hätte zeigen können, wie schwach die Stütze war, die er seiner Hypothese unterstellte; – aber der Mensch ist auch schwach, und da sie ihm einmal in die Hand kam, so konnte er nicht umhin, sich ihrer zu bedienen. Und das ist sicherlich der Grund, weshalb mein Vater von allen Erzählungen des Slawkenbergius die hier übersetzte am liebsten las, obgleich die andern wenigstens ebenso unterhaltend sind; sie schmeichelte zweien seiner Hypothesen auf einmal: der über Namen und der über Nasen. Und wahrlich, es ist nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, er[244] hätte die ganze alexandrinische Bibliothek durchlesen können, wäre nicht anderweitig vom Schicksal über dieselbe verfügt worden, ohne darin ein Buch oder eine einzige Stelle zu finden, wo zwei solche Nägel mit Einem Schlage so auf den Kopf getroffen worden wären.)

Den beiden straßburger Universitäten machte die Segelfahrt Luthers ganz gewaltig viel zu schaffen. Die protestantischen Doktoren hatten bewiesen, daß er nicht grade vor dem Wind gesegelt sei, wie die päbstlichen Doktoren behauptet hatten, und da man bekanntlich nicht geradezu gegen den Wind segeln kann, so stritten sie sich darüber, wenn überhaupt, mit wie viel Wind er gesegelt sei, und ob er das Kap umschifft oder ans Ufer geworfen worden wäre; da dies nun eine sehr erbauliche Streitfrage wenigstens für dergleichen Schifffahrtskundige war, so würden sie ihre Erörterung trotz der großen Nase des Fremden fortgesetzt haben, wenn die Nase nicht die Aufmerksamkeit der Welt von dem, was sie trieben, abgezogen hätte, – da mußten sie folgen.

Die Aebtissin von Quedlinburg und ihre vier Würdenträgerinnen waren kein Hinderniß, denn denen lag die ungeheure Nase des Fremden mehr im Sinn als ihr Gewissensfall, und die Angelegenheit mit den Schlitzen ruhte; genug – die Drucker bekamen Befehl, ihren Satz auseinanderzunehmen, – die Controversen hörten gänzlich auf.

Eine polnische Mütze mit Silbertroddel gegen eine Nußschale, – wer räth, auf welche Seite der Nase die beiden Universitäten sich stellen werden?

Es geht über die Vernunft, riefen die Doktoren auf der einen Seite.

Es geht gegen die Vernunft, riefen die andern.

Es ist wahr, sagte Einer.

Es ist Dummheit, sagte ein Anderer.

Es ist möglich, schrie dieser.

Es ist unmöglich, sagte jener.

Gottes Macht ist ohne Gränzen, riefen die Nasophilen, er kann alles, was er will.[245]

Er kann nichts wollen, sagten die Nasophoben, was sich selbst widerspricht.

Er kann machen, daß die Materie denkt, sagten die Nasophilen.

So sicher, wie Ihr eine Sammtmütze aus einem Sauohr machen könnt, erwiederten die Nasophoben.

Er kann machen, daß zwei und zwei fünf ist, sagten die päbstlichen Doktoren.

Das ist nicht wahr, sagten die Gegner.

Allmacht ist Allmacht, sagten die Doktoren, die für das wirkliche Vorhandensein der Nase stritten.

Sie erstreckt sich nur auf das Mögliche, erwiederten die Lutheraner.

Bei Gott im Himmel! riefen die päbstlichen Doktoren, wenn er will, kann er eine Nase so groß wie das straßburger Münster machen.

Da nun das straßburger Münster den größten und höchsten Thurm der Christenheit hat, so leugneten die Nasophoben, daß ein Mensch von durchschnittlicher Größe eine 575 Fuß lange Nase tragen könne. Die päbstlichen Doktoren schworen, er könne – Die lutherischen Doktoren sagten Nein, er könne nicht.

Dies entfachte einen neuen Streit über das Wesen und die Eigenschaften Gottes, den sie weiter verfolgten, wobei sie ganz natürlich auf Thomas von Aquino und von Thomas von Aquino zu allen Teufeln kamen.

Von des Fremden Nase war in ihrem Streite nicht mehr die Rede; dieselbe war die Fregatte gewesen, auf der sie sich im Golf der Schulweisheit eingeschifft hatten, und nun segelten sie alle frisch vor dem Winde.

Je geringer das wirkliche Wissen, desto größer die Heftigkeit.

Die Streitfrage wegen des Wesens u.s.w. diente nur dazu, die Gemüther der Straßburger erst recht zu erhitzen, statt sie abzukühlen. Je weniger sie von der Sache verstanden, um desto größer war ihre Verwunderung darüber; unbefriedigt in ihrer heftigen Wißbegier, sahen sie ihre Doktoren, die Pergamentarier,[246] Pressarier und Dintarier hier, die päbstlichen Doktoren dort, mit vollen Segeln dahinsegeln, wie Pantagruel und seine Gefährten auf der Fahrt nach dem Orakel der Flasche, bis sie außer Sicht waren.

– Die armen Straßburger standen verlassen am Ufer.

Was sollten sie anfangen? – Es war keine Zeit zu verlieren – der Aufruhr wuchs – die Verwirrung nahm zu – die Stadtthore waren unvertheidigt.

Arme Straßburger! Aber gab es denn auch im ganzen Vorrathshause der Natur, in den Rumpelkammern der Gelehrsamkeit, in dem großen Arsenal des Zufalls eine einzige Maschine, die nicht in Bewegung gesetzt worden wäre, um Eure Neugierde zu reizen? die von der Hand des Schicksals nicht auf Euer Herz gerichtet worden wäre, um Eure Begierde zu steigern? Ich tauche meine Feder nicht etwa ein, um Euch wegen Eurer Niederlage zu entschuldigen, nein – um Euer Lob zu verkünden. Wo ward je eine Stadt von banger Erwartung so ausgehungert – siebenundzwanzig Tage lang, ohne zu essen, zu trinken, zu schlafen noch zu beten – ohne den Forderungen weder der Religion noch der Natur Gehör zu geben, – welche hätte sich da nur einen einzigen Tag länger halten können?

Am achtundzwanzigsten hatte der verbindliche Fremde wieder nach Straßburg zurückkehren wollen.

Siebentausend Kutschen (ich vermuthe, daß sich Slawkenbergius in diesen Zahlenangaben irrt), 7000 Kutschen, 15,000 Einspänner, 20,000 Leiterwagen gedrängt voll mit Senatoren, Rathsherren, Schöppen, Nonnen, Wittwen, Ehefrauen, Jungfrauen, Kanonissinnen, Maitressen, alle in ihren Kutschen, – an der Spitze der Procession die Aebtissin von Quedlinburg mit der Priorin, der Dechantin und der Vorsängerin in einer Kutsche, links von ihr der Dechant von Straßburg mit den vier Würdenträgern seines Kapitels, der Rest pêle-mêle hinterher, einige zu Pferde, einige zu Fuße, einige geführt, einige gefahren, einige rheinabwärts, einige von daher, andere von dorther, machten sich bei Tagesanbruch auf den Weg, dem verbindlichen Fremden entgegen.

Eilen wir nun zur Katastrophe meiner Erzählung – ich[247] sage zur Katastrophe (ruft Slawkenbergius aus), denn eine wohlgefügte Erzählung erfreut sich (gaudet) wie das Drama nicht nur einer Katastrophe und Peripetie, sondern auch aller andern wesentlichen und integrirenden Theile desselben; so hat sie ihre Protasis, Epitasis, Catastasis und ihre Katastrophe oder Peripetie, von denen immer Eins aus dem Andern hervorwächst in der Ordnung, wie Aristoteles es zuerst festgesetzt hat; – wer nicht so erzählen kann, sagt Slawkenbergius, der thäte besser, seine Geschichte für sich zu behalten.

Jede meiner zehn Erzählungen in jeder meiner zehn Dekaden habe ich, Slawkenbergius, nach dieser Regel organisch in sich verbunden, wie den Fremden mit seiner Nase.

Von seinem ersten Gespräche mit der Schildwache bis dahin, wo er seine karmoisinrothen seidenen Hosen auszieht und Straßburg verläßt, ist die Protasis oder Einleitung, wo die personae dramatis eingeführt werden und die Handlung beginnt.

Die Epitasis, wo die Handlung im vollen Gange und in der Steigerung ist, bis sie ihre volle Höhe in der Catastasis erreicht, was gewöhnlich den zweiten und dritten Akt ausmacht, umfaßt die geräuschvolle Periode meiner Erzählung von dem nächtlichen Aufruhr bis zum Schlusse der Vorträge der Trompetersfrau auf dem Paradeplatze; aber wie die Gelehrten sich in den Streit einlassen, die Doktoren schließlich davonsegeln und die Straßburger in der höchsten Noth am Ufer zurückbleiben, das bildet die Catastasis oder den Höhepunkt der Begebenheiten und Leidenschaften, die im fünften Akte zum Ausbruch kommen sollen.

Dieser beginnt mit dem Auszug der Straßburger auf die frankfurter Landstraße und endigt mit der Lösung der Verwirrung und damit, daß der Held aus dem Zustande der Erregung (wie Aristoteles es nennt) in den Zustand der Ruhe versetzt wird.

Dies, sagt Hafen Slawkenbergius, macht die Katastrophe oder Peripetie meiner Erzählung aus und diesen Theil derselben werde ich jetzt erzählen.

Wir verließen den Fremden schlafend, in seinem Bette – er betritt jetzt die Bühne wieder.[248]

Was spitzest Du die Ohren? es ist nur ein Mann zu Pferde, – waren die letzten Worte gewesen, welche der Fremde an sein Maulthier gerichtet hatte. Es war damals nicht angebracht, dem Leser zu sagen, daß das Maulthier seinem Herrn aufs Wort glaubte, und ohne weitere Wenn und Aber ließen wir den Reisenden und sein Pferd vorüberziehen.

Der Reisende beeilte sich, so sehr er konnte, Straßburg noch in dieser Nacht zu erreichen. – Wie thöricht ist es von mir, sprach er zu sich, nachdem er ohngefähr eine Meile weiter geritten war, zu glauben, daß ich heute Nacht noch nach Straßburg hineinkommen werde. Straßburg, das große Straßburg! die Hauptstadt des Elsaß! Straßburg, die kaiserliche Reichsstadt, mit einer Garnison von 5000 Mann der besten Truppen! – Ach! und wenn ich in diesem Augenblicke vor den Thoren Straßburgs wäre, ich käme doch nicht hinein – nicht für einen Dukaten; ja, nicht für anderthalb! Das wäre zu viel, – lieber reite ich zu dem Gasthof, an dem ich vorbeikam, zurück, als daß ich wer weiß wo die Nacht über bleibe, oder wer weiß wie viel geben muß. – Damit drehete der Reisende sein Pferd herum, und drei Minuten nachdem der Fremde auf sein Zimmer geführt worden war, kam er in demselben Gasthofe an.

– Wir haben Schinken, sagte der Wirth, und Brod; bis elf Uhr heute Abend hatten wir auch noch drei Eier, aber ein Fremder, der vor einer Stunde hier abstieg, hat sich einen Eierkuchen davon machen lassen, und so haben wir nichts weiter.

– Ach, sagte der Reisende, ich bin so müde, daß ich nichts brauche als ein Bett. – In ganz Elsaß finden Sie kein weicheres, als ich Ihnen anbieten kann, sagte der Wirth.

Ich hätte es dem Fremden gegeben, fuhr er fort, denn es ist mein bestes Bett, aber seiner Nase wegen that ich's nicht – Hat er den Schnupfen? fragte der Reisende. – Daß ich nicht wüßte, sagte der Wirth; aber es ist ein Feldbett, und Jacinte meinte, – dabei sah er das Mädchen an – es wäre für seine Nase zu eng. – Wie so? rief der Reisende und fuhr erschrocken zurück. – Die Nase ist so sehr lang, erwiederte der Wirth. – Der Reisende heftete den Blick auf Jacinte, dann auf den Boden,[249] dann kniete er auf dem rechten Knie nieder und legte die Hand aufs Herz. – Scherzen Sie nicht mit meiner Angst, sagte er und stand wieder auf. – Es ist kein Scherz, sagte Jacinte, es ist eine gar prächtige Nase! – Der Reisende fiel wieder auf das Knie, legte wieder die Hand aufs Herz und sagte dann mit gen Himmel gewandtem Blicke: Du hast mich an das Ziel meiner Pilgerschaft geführt, – es ist Diego!

Der Reisende war der Bruder jener Julia, welche der Fremde an dem Abend, als er von Straßburg wegritt, so oft auf seinem Maulthiere angerufen hatte; sie hatte ihn ausgesandt, um nach Diego zu forschen. Er war mit der Schwester von Valladolid über die Pyrenäen nach Frankreich gekommen und hatte viel Noth und Mühe gehabt, des Liebenden verschlungenen Pfaden und Hin- und Herzügen zu folgen.

Julia war dieser Anstrengung unterlegen, – sie hatte nur bis Lyon kommen können. Die Qualen eines liebenden Herzens, von denen so Viele reden, und die so Wenige fühlen, hatten ihre Gesundheit angegriffen; sie hatte nur noch so viel Kraft gehabt, einen Brief an Diego zu schreiben, und nachdem sie ihren Bruder beschworen, sich ohne ihn nicht wieder vor ihr zu zeigen, hatte sie diesen Brief in seine Hände gelegt und war auf das Krankenlager gesunken.

Obgleich das Feldbett so weich war, als nur irgend eins im ganzen Elsaß, so konnte Fernandez (dies war des Bruders Name) doch kein Auge darin schließen. Sobald der Tag anbrach, stand er auf, und da er hörte, daß Diego ebenfalls aufgestanden sei, ging er in das Zimmer desselben und entledigte sich seines Auftrags.

Der Brief lautete folgendermaßen:


Sennor Diego!


Ob mein Verdacht wegen Eurer Nase begründet war oder nicht, – laßt mich jetzt nicht fragen; genug, daß ich nicht die Kraft gehabt habe, es weiter zu untersuchen.

Wie war es möglich, daß ich mich so wenig selbst kannte, als ich meine Duenna zu Euch schickte und Euch verbieten ließ, unter meinem Gitterfenster zu erscheinen? oder wie konnte ich[250] Euch, Diego, so wenig kennen, daß ich wähnte, Ihr würdet auch nur einen Tag länger in Valladolid weilen, um mich von meinen Zweifeln zu erlösen? War es Recht, Diego, mich zu verlassen, weil ich irrte? War es gütig, mich beim Wort zu nehmen und mich der Ungewißheit und dem Kummer preis zu geben, mochte mein Verdacht nun begründet sein oder nicht?

Wie Julia dafür gebüßt hat, das mag Euch mein Bruder verkünden, der diesen Brief überbringt; er wird Euch erzählen, wie schnell sie die übereilte Botschaft an Euch bereute, in welcher wilden Hast sie an ihr Gitterfenster stürzte, wie lange Tage und Nächte sie unbeweglich, auf ihren Ellenbogen gestützt, den Weg hinabstarrte, den Diego sonst zu kommen pflegte!

Er wird Euch erzählen, wie ihr aller Muth entsank, als sie Eure Abreise vernahm, – wie alle Heiterkeit von ihr wich, – wie rührend sie klagte, – wie sie das Köpfchen hängen ließ. O Diego! Weite, kummervolle Wege hat mich des Bruders mitleidige Hand den Deinigen nach geführt, meine Sehnsucht war stärker als meine Kraft! Wie oft sank ich ohnmächtig am Wege hin, in seine Arme, und konnte nur noch rufen: O, mein Diego!

Wenn Dein Herz die Liebenswürdigkeit Deines Benehmens nicht Lügen straft, so fliehe zu mir, schnell wie Du von mir flohest. – Wie schnell Du auch eilest, Du wirst doch nur kommen, um mich sterben zu sehen. Es ist ein bitterer Kelch, Diego, aber ach, er wird noch bitterer dadurch, daß ich sterben soll, ohne –

Sie hatte nicht weiter fortfahren können.

Slawkenbergius meint, sie hätte hier noch schreiben wollen, »ohne überzeugt worden zu sein«, aber die Kraft habe ihr gefehlt, den Brief zu beendigen.

Das Herz floß dem liebenswürdigen Diego über, sobald er den Brief gelesen; er befahl sogleich, sein Maulthier und Fernandez' Pferd zu satteln, und da in solchen Herzenskonflikten Prosa nicht halb so viel Erleichterung verschafft als Poesie, der Zufall aber, der uns ebenso oft Heilmittel wie Krankheiten zuführt, ein Stückchen Kohle ins Fenster geschleudert hatte, so[251] bemächtigte sich Diego dieses Stückchens und schüttete seine Seele in der kurzen Zeit, während der Hausknecht sein Maulthier holte, folgendermaßen gegen die Wand aus:


Ode.


Mißtönig schallt der Liebe Melodie,

Wo Julia nicht die Saiten rührt;

Nur Julia's Finger kennt den Ort,

An dem man sie

Berühren muß: so führt

Und reißt sie Herz und Sinne mit sich fort.


Zweite Strophe.


O Julia!


Die Verse waren sehr einfach und natürlich, denn sie hatten, sagt Slawkenbergius, weiter gar keinen Zweck, und es ist schade, daß es nicht mehr waren. Ob das daher kam, daß Sennor Diego zu langsam im Versemachen oder der Hausknecht zu rasch im Maulthiersatteln war, ist durch nichts bezeugt, nur so viel ist gewiß, daß Diego's Maulesel und Fernandez' Pferd fertig vor der Thür des Gasthauses standen, ehe Diego's zweite Stanze fertig war; ohne also die Ode beendigt zu haben, bestieg Diego sein Thier, Fernandez sein Pferd und beide traten ihre Reise an. Sie passirten den Rhein, zogen quer durch den Elsaß, nahmen ihren Cours auf Lyon, überstiegen, noch ehe die Straßburger und die Aebtissin von Quedlinburg sich zur Einholung auf den Weg gemacht hatten, die Pyrenäen und kamen glücklich in Valladolid an.

Ich brauche dem länderkundigen Leser wohl nicht erst zu sagen, daß es unmöglich war, dem verbindlichen Fremden auf der frankfurter Straße zu begegnen, wenn Diego sich in Spanien befand, aber das will ich doch aussprechen, daß die Neugierde von allen ruhelosen Begierden die allerruheloseste ist. Das mußten die guten Straßburger fühlen; drei Tage und drei Nächte lang wurden sie von der stürmischen Wuth dieser Leidenschaft auf der frankfurter Straße hin und her gestoßen, ehe sie nach Hause zurückkehren durften, – als ach! ein Ereigniß eintrat, wie es schmerzlicher einem freien Volke nicht begegnen kann.[252]

Da die straßburger Revolution oft besprochen und selten verstanden worden ist, so will ich, sagt Slawkenbergius, der Welt dieselbe in ein paar Worten erklären und damit meine Erzählung schließen.

Jedermann hat von dem »System der Universalmonarchie« gehört, welches auf Befehl des Herrn Colbert verfaßt und Ludwig XIV. im Jahre 1664 überreicht wurde.

Es ist bekannt, daß die Besitznahme Straßburgs einen Theil dieses umfassenden Systems ausmachte, wodurch es möglich werden sollte, ungehindert zu jeder Zeit in Schwaben einzurücken und die Ruhe Deutschlands zu stören, – und daß in Folge dieses Planes Straßburg leider in die Hände der Franzosen fiel.

Nur Wenigen ist es vergönnt, die wahren Ursachen dieser und ähnlicher Revolutionen aufzufinden; die große Menge sucht sie zu hoch, die Staatsmänner suchen sie zu niedrig, – die Wahrheit liegt (endlich einmal) in der Mitte.

Wie unheilvoll ist der Pöbelstolz einer freien Stadt! sagt der eine Historiker. Die Straßburger hielten es für eine Schmälerung ihrer Freiheit, wenn sie eine kaiserliche Garnison aufnähmen, – so fielen sie den Franzosen in die Hände.

Das Schicksal der Straßburger, sagt ein Anderer, kann allen freien Völkern als Warnung dienen, sparsam mit dem Gelde zu sein. Sie hatten ihre Einkünfte vorweg verzehrt, hatten sich schwere Abgaben auflegen müssen und ihre Kräfte dadurch erschöpft, bis sie ein so schwaches Volk wurden, daß sie keine Kraft mehr hatten, ihre Thore fest zuzumachen, – so kamen die Franzosen und stießen sie auf.

Ach! ach! ruft Slawkenbergius aus, nicht die Franzosen, – die Neugier stieß sie auf. Allerdings, als die Franzosen, die immer auf der Lauer stehen, sahen, daß alle Straßburger, Männer, Weiber und Kinder herauszogen, um der Nase des Fremden zu folgen, folgten sie männiglich ihrer eigenen und zogen hinein.

Handel und Wandel ist seitdem im Verfall und heruntergekommen, aber nicht etwa aus einem der Gründe, welche die[253] Statistiker anführen; der wahre Grund ist der: daß sich die Straßburger die Nasen so eingerannt haben, daß sie ihre Geschäfte nicht mehr ordentlich versehen können.

Ach! ach! ruft Slawkenbergius mit Pathos aus, – es ist nicht die erste und wird, fürchte ich, nicht die letzte Festung sein, die erobert oder verloren wurde durch – Nasen.


Ende der Erzählung des Slawkenbergius.

Fußnoten

1 Da Hafen Slawkenbergius de nasis außerordentlich selten ist, so wird es dem gelehrten Leser gewiß nicht unwillkommen sein, aus einigen Seiten, die ich hier als Probe geben will, das Original kennen zu lernen; ich bemerke dabei nur, daß des Autors Erzählungslatein etwas bündiger ist als das, dessen er sich zu seiner Philosophie bedient; auch meine ich, hat es mehr Latinität.


2 Hafen Slawkenbergius meint hiemit die Benediktinerinnen von St. Cluny, einen Orden, der im J. 940 von Odo, Abt zu Cluny, gestiftet wurde.


3 Mr. Shandy empfiehlt sich den Herren Rhetoren und Stylisten; – er weiß sehr gut, daß Slawkenbergius hier aus dem Gleichniß gefallen ist; das ist gewiß sehr unrecht; als Uebersetzer hat er sich alle mögliche Mühe gegeben, ihn dabei festzuhalten, es war aber nicht möglich. –


4 Nonnulli ex nostratibus eadem loquendi formula utuntur. Quinimo et Logistae et Canonistae. – Vid. Parce Barne Jas in d.L. Provincial. Constitut. de conject. vid. Vol. Lib. 4. Titul. 1 N 7, qua etiam in re conspir. Om. de Promontorio Nas. Tischmak. ff. d. tit. 3. fol. 189. passim. Vid. Glos. de contrahend. empt. etc. necnon J. Scrudr. in cap. § refut. per totum. Cum his conf. Rever. J. Tubal, Sentent. et Prov. cap. 9. ff. 11, 12. obiter. V. et Librum, cui Tit. de Terris et Phras. Belg. ad finem, cum comment. N. Bardy Belg. Vid. Scrip. Argentoratens. de Antiq. Ecc. in Episc. Archiv. fid. coll. per Von Jacobum Koinshoven Folio Argent. 1583. praecip. ad finem. Quibus add. Rebuff in L. obvenire de Signif. Nom. ff. fol. et de jure Gent. et Civil. de protib. aliena feud. per federa, test. Joha. Luxius in prolegom. quem velim videas, de Analy. Cap. 1, 2, 3. Vid. Idea.


5 Haec mira, satisque horrenda. Planetarum coitio sub Scorpio asterismo in nona coeli statione, quam Arabes religioni deputabant, efficit Martinum Lutherum sacrilegum hereticum, christianae religionis hostem acerrimum atque profanum, ex horoscopi directione ad Martis coitum, religiosissimus obiit, ejus anima selectissima ad infernos navigavit – ab Alecto, Tisiphone et Megara flagellis igneis cruciata perenniter.

Lucas Gaurieus in tractatu astrologico de praeteritis multorum hominum accidentibus per genituras examinatis.


Quelle:
Sterne [, Lawrence]: Tristram Shandy. Band 1, Leipzig, Wien [o. J.], S. 225-254.
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