Neunzehntes Kapitel.

[56] Es würde mir weniger sauer werden, die schwerste mathematische Aufgabe zu lösen, als hinreichende Entschuldigungen dafür anzuführen, daß ein Mann von meines Vaters gesundem Menschenverstande, der, wie der Leser bereits bemerkt haben muß, sich für Philosophie interessirte und darin bewandert war, der in politischen Dingen ein vernünftiges Urtheil hatte und (wie man später sehen wird) auch in der Polemik seine Stelle ausfüllte, im Stande sein konnte, eine so ganz ungewöhnliche Schrulle zu hegen – eine Schrulle, bei der, wenn ich sie nenne, der Leser leichtlich das Buch hinwerfen wird, – d.h. wenn er etwas cholerischen Temperamentes ist; gehört er aber zu den Sanguinikern, so wird er wohl herzlich darüber lachen, und sollte er von ernster und melancholischer Gemüthsart sein, so wird er sie[56] ohne weiteres als albern und ausschweifend verdammen: sie betraf nämlich die Wahl und Verleihung der Taufnamen, wovon seiner Meinung nach viel mehr abhinge, als oberflächliche Geister zu begreifen fähig wären.

Seine Ansicht von der Sache war, daß gute oder schlechte Namen, wie er sich ausdrückte, unserem Charakter und unserer Lebensführung eine unbegreifliche, unwiderstehliche Richtung gäben.

Der Held des Cervantes diskutirte nicht mit größerem Ernste, noch glaubte er fester an die Zauberkraft, die seine Thaten beschimpfte, noch wußte er mehr darüber oder über Dulcinea's Namen, der diesen Thaten Glanz verliehe, zu sagen, als mein Vater über die Namen Trismegistus und Archimedes oder über Michel und Simkin u.s.w. Wie viele Cäsar und Pompejus haben sich, pflegte er sich zu äußern, blos durch die Begeisterung, welche sie aus diesen Namen schöpften, auch dieser Namen würdig gemacht! und wie viele, fügte er dann hinzu, würden sich in der Welt durch treffliche Thaten ausgezeichnet haben, wären ihre Charaktere und ihre Lebensgeister nicht gänzlich unterdrückt und zermichelt worden.

Ich sehe es Ihnen am Gesichte an, Herr, pflegte mein Vater zu sagen, daß Sie meiner Meinung nicht beistimmen, und allerdings, fügte er hinzu, hat dieselbe für jeden, der der Sache nicht auf den Grund gegangen ist, eher den Anschein einer müßigen Laune als eines gesunden Urtheils. Aber, werthester Herr, wenn ich mir einbilden darf, Ihren Charakter zu kennen, so bin ich moralisch davon überzeugt, daß ich wenig dabei wagte, wenn ich Ihnen, nicht als Partei in diesem Streite, sondern als Richter in der Sache, einen Fall vortrüge und Ihnen die Entscheidung ganz nach Ihrem richtigen Gefühl und Ihrer ehrlichen Erkenntniß anheimstellte. Sie sind ein Mann, der von anerzogenen Vorurtheilen, an denen die Meisten kranken, frei ist; und – wenn ich mich unterstehen darf, Ihren Charakter weiter zu analysiren, von einer Hoheit der Gesinnung, die eine Ansicht nicht deshalb bekämpft, weil es ihr an Freunden fehlt. Ihr Sohn, Ihr geliebter Sohn, von dessen sanftem und offenem[57] Naturell Sie so viel erwarten – Ihr Billy, Herr! würden Sie ihn um alles in der Welt Judas getauft haben? Würden Sie, werthgeschätztester Herr, und indem er dies sagte, legte er dem Andern leise die Hand auf die Brust und sprach in einem so sanften, unwiderstehlichen Piano, wie die Natur des argumentum ad hominem es durchaus verlangt – würden Sie, wenn ein Jude von Taufzeuge diesen Namen für Ihr Kind vorgeschlagen und Ihnen dabei seine Börse hingereicht hätte, in eine solche Entweihung eingewilligt haben? – O, mein Gott, sagte er dann mit einem Blick nach oben, ich kenne Ihr braves Gemüth, Herr, – Sie wären unfähig zu solcher That – Sie würden das Anerbieten mit Füßen getreten, Sie würden dem Versucher die Versuchung mit Abscheu an den Kopf geschleudert haben.

Die Großherzigkeit einer solchen Handlungsweise, welche ich bewundre, – die hochsinnige Verachtung des Geldes, welche Sie in dieser ganzen Angelegenheit bewiesen haben, sind wahrhaft edel; – aber das Edelste dabei ist das Princip, ist die Regung der Elternliebe, die sich auf die Wahrheit eben dieser Hypothese und auf die Ueberzeugung stützt, daß, wäre Ihr Sohn Judas getauft worden, der Gedanke der Niederträchtigkeit und des Verrathes, welcher unzertrennlich mit diesem Namen verbunden ist, ihn wie ein Schatten durch das Leben würde begleitet haben, bis er zuletzt, trotz all Ihrem guten Beispiele, Sir, einen Elenden und Schurken aus ihm gemacht hätte.

Ich habe Keinen gekannt, der diesem Argumente hätte widerstehen können. Und in der That, man muß es meinem Vater lassen, er war unwiderstehlich – im Reden, wie im Disputiren; er war ein geborener Redner, ein Θεοδίδακτος. Ueberredung schwebte auf seinen Lippen, und die Grundstoffe der Logik und Rhetorik waren in ihm so innig zu eins verbunden, er hatte eine so scharfe Witterung für die Schwächen und Neigungen seines Gegners, daß Natur selbst hätte aufstehen und sagen können: »Dieser Mann besitzt Beredsamkeit«. Wahrlich, er mochte auf der schwachen oder starken Seite der Frage stehen, immer war es ein gefährliches Ding, mit ihm anzubinden,[58] und doch hatte er, sonderbar genug, weder Cicero noch Quintilian de oratore, noch Isokrates, noch Aristoteles, noch Longinus von den Alten, – weder Vossius, noch Schoppius, noch Ramus, noch Farnaby von den Neuern gelesen; und – was noch bewunderungswürdiger – er hatte sich nie in seinem ganzen Leben, auch nicht durch die oberflächlichste Lecture des Crakenthorp oder Burgersdicius oder sonst eines holländischen Logikers noch Kommentators einen schwachen Begriff von den Spitzfindigkeiten der Redekunst zu verschaffen versucht: er wußte nicht einmal, worin der Unterschied zwischen einem argumentum ad ignorantiam und einem argumentum ad hominem bestünde, und noch wohl entsinne ich mich, wie sehr und mit Recht damals, als er mich in das Jesuskollegium nach ** brachte, mein Klassenlehrer und zwei oder drei Mitglieder des gelehrten Schullehrer-Kollegiums darüber erstaunten, daß ein Mann, der nicht einmal die Benennungen seines Handwerkszeugs kenne, so geschickt damit zu arbeiten verstehe.

Damit zu arbeiten, so gut er's nur vermochte, dazu freilich wurde mein Vater unaufhörlich gezwungen, denn er hatte tausend kleine Paradoxen der drolligsten Art zu vertheidigen, von denen ihm, wie ich vermuthe, die meisten als bloße Grillen und aus einer gewissen Lust an der Bagatelle aufstiegen; wenn er sich dann ein halbes Stündchen an ihnen belustigt und seinen Witz daran geschärft hatte, ließ er sie bis auf weiteres wieder laufen.

Ich erwähne dies nicht blos als eine Hypothese und Vermuthung über die Art und Weise, wie so manche sonderbare Ideen sich in meinem Vater festsetzten und wuchsen, sondern als eine Warnung für den gelehrten Leser gegen die Aufnahme solcher Gäste, die, nachdem sie eine Zeitlang freien und ungehinderten Einlaß in unser Gehirn gehabt haben, zuletzt eine Art Hausrecht in Anspruch nehmen; manchmal wirken sie nur wie Hefe, aber öfter fangen sie, wie die holde Liebe, im Scherz an und werden zu bitterem Ernste.

Ob dies bei den eigenthümlichen Ansichten meines Vaters der Fall war; ob sein Urtheil sich zuletzt von seinem Witze hatte[59] irreleiten lassen; oder in wie weit er mit seinen immerhin sonderbaren Ansichten dennoch im Recht blieb, – das mag der Leser, wo sie ihm aufstoßen, entscheiden. Hier will ich nur so viel behaupten, daß es ihm mit der Ansicht über den Einfluß der Taufnamen, gleichviel wie er dazu gekommen, völliger Ernst war; darin blieb er sich gleich, darin war er systematisch, und wie alle Systematiker hätte er Himmel und Erde aufgeboten und was nur existirt gedreht und gedeutelt, um seine Hypothese aufrecht zu erhalten. Genug, ich wiederhole es noch einmal, damit war es ihm völliger Ernst, und deshalb konnte er alle Geduld verlieren, wenn er sah, daß Leute, besonders der besseren Klasse, die doch mehr Verständniß hätten haben sollen, so sorglos und gleichgültig, ja noch gleichgültiger bei der Namenswahl ihrer Kinder verfuhren, als ob es sich im »Ponto« oder »Cupido« für ihren Schooßhund gehandelt hätte.

Das, sagte er, wäre schlimm, aber um so schlimmer, als ein schlechter Name, wenn er einmal so thöricht und unbedacht gegeben sei, nicht wieder gut zu machen wäre, wie z.B. der Ruf eines Mannes, der, wenn er gleich beschmutzt werde, späterhin doch wieder gereinigt und vor der Welt rehabilitirt werden könne, sei's nun bei Lebzeiten des Mannes oder nach seinem Tode; jener Makel aber könne nun und nimmermehr hinweggenommen werden, er zweifle sogar, ob eine Parlamentsakte das vermöge. Er wüßte zwar so gut als Einer, daß die gesetzgebende Macht sich in Betreff der Familiennamen eine gewisse Gewalt anmaße; aber aus sehr triftigen Gründen, die er angeben könne, habe sie es sich doch, wie er zu sagen pflegte, noch nie beikommen lassen, einen Schritt weiter zu gehen.

Es ist begreiflich, daß mein Vater in Folge dieser Ansicht, wie ich das bereits mittheilte, für gewisse Namen eine ganz besondere Vorliebe, gegen andere eine ganz besondere Abneigung hatte; woneben es dann noch eine Menge Namen gab, die ihm weder schlecht noch gut dünkten und also durchaus gleichgültig waren. Zu dieser Klasse gehörten Hans, Tom und Dick; mein Vater nannte sie neutrale Namen und behauptete von ihnen (ohne Seitenhieb), daß sie seit Erschaffung der Welt[60] von ebenso viel Lumpen und Narren, als von weisen und guten Männern geführt worden wären, so daß sich ihre Wirkungen gegenseitig aufhüben, wie gleiche Kräfte, die in entgegengesetzter Richtung gegen einander wirkten, weshalb es, wie er oft bezeugte, nicht der Mühe werth sei, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie man zwischen ihnen wählen sollte. Bob, der Name meines Bruders, gehörte ebenfalls zu dieser neutralen Art, die nach keiner Seite hin von Bedeutung war, und da mein Vater, gerade zu der Zeit, als derselbe gegeben wurde, auf einer Reise nach Epsom von Hause abwesend war, so pflegte er oftmals Gott zu danken, daß der Name wenigstens nicht schlechter ausgefallen wäre. Andreas war für ihn etwa, was eine negative Größe in der Algebra ist, – weniger als nichts. Wilhelm stand ihm ziemlich hoch, – Numps wieder sehr niedrig, und Nicolas, sagte er, wäre der Teufel.

Aber von allen Namen in der Welt war ihm keiner verhaßter als Tristram; von diesem hatte er die allerniedrigste und verächtlichste Meinung und hielt dafür, daß derselbe in rerum natura nichts hervorbringen könne, als was über alle Maßen gemein und verächtlich sei, so daß, wenn er über diesen Gegenstand in Streit gerieth, was, nebenbei gesagt, oft genug geschah, er wohl in einem plötzlichen und heftigen Epiphonema oder vielmehr einer Erotesis abbrach und, während er das Diapason seiner gewöhnlichen Redestimme um eine Terz oder gar eine volle Quinte in die Höhe schrob, seinen Gegner kategorisch fragte, ob er sich zu behaupten getraue, er erinnere sich eines Mannes, oder habe je von einem gelesen oder von einem gehört, der Tristram geheißen und der irgend etwas Großes oder Nennenswerthes vollbracht hätte. – »Nein«, pflegte er zu sagen, »Tristram! das ist unmöglich!« –

Was hätte da meinem Vater noch gefehlt, als ein Buch zu schreiben, um der Welt diese Ansicht mitzutheilen? Wenig nützt es dem spekulativen Kopfe, besondere Ansichten zu haben, wenn er ihnen nicht auch die gehörige Verbreitung giebt. Das that denn nun auch mein Vater; im Jahre 16, zwei Jahre vor meiner Geburt, war er damit beschäftigt, eine besondere Dissertation[61] blos über das Wort »Tristram« zu schreiben, worin er der Welt mit großer Offenheit und Bescheidenheit die Gründe für seinen Abscheu gegen diesen Namen darlegte.

Vergleiche man nun, was ich jetzt erzählte, mit dem Titelblatte; wird dann der geneigte Leser meinen Vater nicht von ganzer Seele bedauern, wenn er sieht, wie einem achtbaren, wohlmeinenden Manne, von allerdings etwas sonderbaren, aber doch harmlosen Ansichten, so mitgespielt wird, – wenn er sieht, wie alle die kleinen Systeme und Wünsche dieses Mannes über den Haufen geworfen werden und wie eine ganze Reihe von Ereignissen fortwährend und auf so entscheidende und grausame Weise gegen ihn auftritt, als ob sie absichtlich ersonnen und gegen ihn gerichtet worden wären, um ihn in seinen Lieblingsideen zu kränken; wird es ihm nicht leid thun, wenn er diesen Mann betrachtet, der, alt und unfähig, sich gegen Mißgeschick zu schützen, zehnmal an jedem Tage Kummer leidet, – zehnmal des Tags das Kind seines Gebetes Tristram rufen muß! – Melancholisches Silbenpaar, das seinem Ohre gleichklang mit Nicompoop und jedem andern verabscheuungswürdigen Namen unter dem Himmel! Bei seiner Asche schwör' ich's! wenn jemals ein boshafter Dämon seine Lust daran hatte und sich damit befaßte, eines Sterblichen Absichten zu verkehren: – hier war's der Fall, und wenn es nicht nothwendig wäre, daß ich erst geboren werden müßte, um getauft zu werden, so sollte der Leser gleich hier das Nähere darüber erfahren.

Quelle:
Sterne [, Lawrence]: Tristram Shandy. Band 1, Leipzig, Wien [o. J.], S. 56-62.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tristram Shandy
Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman
Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman: (Reihe Reclam)
Tristram Shandy
Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman (insel taschenbuch)
Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Suttner, Bertha von

Memoiren

Memoiren

»Was mich einigermaßen berechtigt, meine Erlebnisse mitzuteilen, ist der Umstand, daß ich mit vielen interessanten und hervorragenden Zeitgenossen zusammengetroffen und daß meine Anteilnahme an einer Bewegung, die sich allmählich zu historischer Tragweite herausgewachsen hat, mir manchen Einblick in das politische Getriebe unserer Zeit gewährte und daß ich im ganzen also wirklich Mitteilenswertes zu sagen habe.« B.v.S.

530 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon