Sechzehntes Kapitel.

[48] Man kann sich leicht denken, daß mein Vater nicht eben in der besten Laune mit meiner Mutter nach dem Lande zurückkehrte. Die ersten 20 bis 25 Meilen that er gar nichts weiter, als sich (und meine Mutter natürlich mit) über die verdammte Ausgabe zu ärgern, die er sich ganz und gar bis auf den letzten Schilling hätte ersparen können. Und was ihn mehr als alles Andere kränkte, das war diese ärgerliche Jahreszeit, – wie schon gesagt, Ende September, wo seine Spalierfrüchte, besonders die grünen Pflaumen, die ihm am meisten ans Herz gewachsen waren, abgenommen werden mußten. – »Hätte man ihn in jedem andern Monat des Jahres so nach London in den April geschickt, nicht drei Worte würde er darüber verloren haben.«

Die nächsten beiden Stationen wollte kein anderer Gegenstand aufs Tapet kommen, als der schwere Schlag, den er durch den Verlust eines Sohnes erlitten hatte, auf welchen er, wie es scheint, ganz sicher gerechnet, und den er schon in sein Taschenbuch eingezeichnet hatte als Stab und Stütze Nr. 2 für seine alten Tage, im Fall, daß Bob ihn sitzen ließe. Diese Enttäuschung, sagte er, wäre für einen weisen Mann viel empfindlicher, als all das Geld zusammen, was ihm die Reise u.s.w. gekostet hätte. Möge der Teufel die 120 Pfund holen – er frage nicht so viel danach! –

Den ganzen Weg von Stilton nach Grantham ärgerte ihn[48] an der ganzen Geschichte nichts so sehr, als die Beileidsbezeugungen seiner Freunde und die dumme Figur, die sie beide den Sonntag in der Kirche spielen würden, wobei er mit schneidendem Witze, den der Aerger noch schärfte, solche lächerliche und anzügliche Schilderungen machte, und sich so wie seine Ehehälfte vor der ganzen Dorfgemeinde in so peinlicher Beleuchtung und Stellung aufführte, daß meine Mutter nachgehends erklärte, diese beiden Stationen wären dermaßen tragi-komisch gewesen, daß sie den ganzen Weg, von einem Ende bis zum andern, vor Lachen und Weinen nicht zu Athem gekommen wäre.

Von Grantham an bis jenseits des Trent war mein Vater ganz außer sich über den abscheulichen Streich und Betrug, den ihm meine Mutter, seiner Meinung nach, bei dieser Gelegenheit gespielt hatte. – »Es ist unmöglich«, sagte er immer wieder und wieder zu sich, »daß die Frau sich sollte getäuscht haben – und hätte sie es wirklich, welche Schwachheit!« – Fatales Wort, das seine Gedanken auf einen dornigen Pfad trieb und ehe er sich's versah, wie toll mit ihm umhersprang; denn sobald jemals das Wort Schwachheit ausgesprochen wurde, oder ihm in den Sinn kam, setzte es ihn sofort in Bewegung, Unterscheidungen zu treffen, wie viele Arten von Schwachheit es eigentlich gäbe – Schwachheiten des Körpers und Schwachheiten des Geistes; und dann beschäftigte er sich eine oder zwei Stationen ausschließlich damit, darüber nachzugrübeln, in wie weit die Ursache dieses Aergernisses von ihm selbst ausgegangen sein möchte, oder nicht. –

Kurz, aus dieser einzigen Angelegenheit entsprangen ihm so viele kleine Unannehmlichkeiten, über die er sich, je nachdem sie ihm in den Sinn kamen, ärgerte, daß meine Mutter, mochte ihre Hinfahrt gewesen sein wie sie wollte, gewiß eine sehr unangenehme Rückfahrt hatte. »Man hätte«, so klagte sie meinem Onkel Toby, »aus der Haut fahren mögen.«

Quelle:
Sterne [, Lawrence]: Tristram Shandy. Band 1, Leipzig, Wien [o. J.], S. 48-49.
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