Einhundertundfünfundachtzigstes Kapitel.

[270] Wenn wir dies Kapitel beendigt haben (aber nicht eher), müssen wir zu den beiden Kapiteln in blanco zurückkehren, derentwegen meine Ehre seit einer halben Stunde blutet; ich stille das Blut, indem ich einen meiner gelben Pantoffeln ausziehe und ihn mit aller Gewalt in die gegenüberliegende Ecke des Zimmers werfe; hinterdrein werfe ich die Erklärung,

daß, wenn jene Kapitel einige Aehnlichkeit mit der guten Hälfte aller überhaupt geschriebenen oder noch zu schreibenden Kapitel tragen, dies ebenso zufällig ist, wie der Schaum von Zeuxis' Rosse. Uebrigens schätze ich ein Kapitel, welches blos nichts sagt, keineswegs gering, und bedenkt man, wie viele[270] viel schlechtere Dinge es in der Welt gibt, so darf man sich darüber gar nicht aufhalten.

Weshalb blieben sie denn aber in blanco? – Nun, wer, ohne meine Antwort abzuwarten, mich deshalb einen Pinsel, Dummerian, Grützkopf, Hornochsen, Tölpel, Lausekerl, Bettsch–r nennen, oder sich anderer solcher Kraftausdrücke bedienen will, wie die Kuchenbäcker von Lerne sie den Schafhirten des Königs Gargantua in die Zähne warfen, der mag es thun, – ich will es ihm, wie Bridget sagt, nicht verwehren, denn wie in aller Welt sollte er haben voraussehen können, daß ich gezwungen war, das einhundertundfünfundachtzigste Kapitel meines Buches vor dem einhundertundachtundsiebenzigsten u.s.w. zu schreiben?

Ich nehme es also Keinem übel. Nur das wünsche ich, daß man sich die Lehre daraus ziehen möge: »Jeden seine Geschichte auf seine Weise erzählen zu lassen.« –


Das 178. Kapitel.

Da Mrs. Bridget die Thür öffnete, eh' noch einmal der Korporal ordentlich angeklopft hatte, so war die Frist zwischen diesem Klopfen und meines Onkel Toby's Eintritt in das Gastzimmer so kurz, daß Mrs. Wadman nur eben Zeit gehabt hatte, hinter dem Vorhang hervorzukommen, eine Bibel auf den Tisch zu legen und ein paar Schritte gegen die Thür zu machen, um ihn zu empfangen.

Mein Onkel grüßte Mrs. Wadman auf die Art, wie Herren die Damen im Jahre 1713 nach Christi Geburt zu grüßen pflegten, dann machte er »Kehrt«, schritt mit ihr zum Sofa, setzte sich, nachdem sie sich gesetzt hatte, und sagte ihr hierauf mit schlichten Worten, daß er sie liebe, was eine unnöthig kurze Liebeserklärung war.

Mrs. Wadman schlug natürlich die Augen nieder (auf eine Schlitze in ihrer Schürze, die zugenäht war) und erwartete jeden Augenblick, daß mein Onkel Toby fortfahren werde; dieser aber, der überhaupt kein Talent zu weitern Ausführungen besaß, und dem Liebe vor allem Andern ein Thema war, das er am allerschwersten[271] bewältigte, begnügte sich damit, es Mrs. Wadman einmal gesagt zu haben, daß er sie liebe, und ließ die Sache nun ruhig ihren Gang gehen.

Mein Vater war über dieses System (wie er es fälschlich nannte) meines Onkel Toby's ganz entzückt und pflegte oft zu sagen: hätte sein Bruder Toby nur noch eine Pfeife Tabak dazu gehabt, so würde er auf diese Weise die Hälfte des ganzen Weibervolkes auf Erden herumgekriegt haben, wenn einem spanischen Sprüchworte zu trauen sei.

Mein Onkel Toby begriff nie, was mein Vater damit sagen wollte; auch ich versteige mich nicht, mehr darin sehen zu wollen, als die Zurückweisung eines Irrthums, welchem die größere Masse der Menschen huldigt, die Franzosen allein ausgenommen, die alle ohne Ausnahme daran glauben, wie an die wirkliche Gegenwart: daß lieben und von Liebe sprechen eins ist. –

Nach diesem Recepte könnte man ja auch sehr leicht einen Plumpudding machen.

Fahren wir fort: Mrs. Wadman saß und wartete, daß mein Onkel Toby es auf diese Weise machen würde – sie wartete bis zu dem ersten Pulsschlag der Minute, wo Stillschweigen von der einen oder andern Seite unschicklich zu werden anfängt; sie rückte ihm also etwas näher, schlug ihre Augen sanft erröthend auf und äußerte sich, den Handschuh (oder, wem das besser gefällt, die Rede) aufnehmend, folgendermaßen gegen meinen Onkel Toby:

– Die Sorgen und Beschwerden des Ehestandes, sagte Mrs. Wadman, sind sehr groß.

– Gewiß, sagte mein Onkel Toby. – Und es wundert mich deshalb, Kapitän Shandy, fuhr Mrs. Wadman fort, was Jemand, der sich so wohl fühlt, der in sich, in seinen Freunden und Beschäftigungen so glücklich ist, für Gründe haben kann, diesen Stand zu suchen.

– Sie stehen im Gebetbuche geschrieben, sagte mein Onkel Toby.

So weit hielt sich mein Onkel Toby tapfer und blieb im[272] tiefen Wasser, mochte Mrs. Wadman, wenn sie wollte, auf die Untiefen lossegeln.

– Und was Kinder anbetrifft, sagte Mrs. Wadman, die vielleicht der Hauptzweck der Ehe und der Wunsch aller Eltern sind, müssen wir da nicht eingestehen, daß die Sorge, die sie uns bringen, zwar gewiß, der Trost aber, den sie uns gewähren sollen, sehr ungewiß ist? Was entschädigt uns für all das Herzeleid? Was hat eine arme, hülflose Mutter für alle ihre zärtlichen und ruhelosen Bemühungen? – Wahrlich, sagte mein Onkel Toby ganz gerührt, ich wüßte nichts, ausgenommen die Freuden, welche es Gott gefallen hat –

Ach! daß Gott erbarm'! sagte sie.


Das 179. Kapitel.

Nun giebt es unendlich verschiedene Arten des Tones, Ansatzes, Blickes, Ausdrucks und der Miene, womit man die Worte »daß Gott erbarm'!« in solchen Fällen aussprechen kann; jede von ihnen verleiht denselben einen andern Sinn und eine andere Bedeutung, bis die Begriffe sich so entgegengesetzt werden, wie rein und schmutzig – weswegen die Casuisten (denn dies ist eine Gewissenssache) nicht weniger als vierzehntausend Arten aufzählen, wie man es löblicher oder sündlicher Weise gebrauchen kann.

Meines Onkels schamhaftes Blut stieg ihm in die Wangen; er fühlte, daß er sich aus seinem tiefen Wasser herausgewagt habe, und hielt an; ohne also auf die Leiden und Freuden des Ehestandes des Nähern einzugehen, legte er seine Hand aufs Herz und erklärte sich bereit, sie alle, so wie sie wären, über sich zu nehmen und sie treulich mit ihr theilen zu wollen.

Als mein Onkel Toby das einmal gesagt hatte, fand er sich nicht weiter veranlaßt, es noch einmal zu wiederholen; sein Blick fiel auf die Bibel, die Mrs. Wadman auf den Tisch gelegt hatte, er griff nach ihr, schlug sie auf, und da ihm gerade eine Stelle aufstieß, die für ihn von ganz besonderem Interesse war, die Belagerung von Jericho nämlich, so ließ er seinen Heirathsantrag,[273] wie vorher seine Liebeserklärung, für sich selbst sorgen und fing an zu lesen.

Das wirkte nun weder anregend, noch niederschlagend, weder wie Opium, noch wie Chinarinde, noch wie Kalomel, noch wie Hirschhorn, noch wie irgend ein anderes Arzneimittel, das die Natur uns verliehen; es wirkte, mit Einem Worte, gar nicht, und zwar aus dem Grunde, weil schon etwas Anderes auf Mrs. Wadman wirkte.

– O, über mich Schwätzer! Habe ich nicht schon ein Dutzendmal wenigstens verrathen, was dies war? Aber nur Muth – es bleibt immer noch allerhand darüber zu sagen übrig. – Allons! –

Quelle:
Sterne [, Lawrence]: Tristram Shandy. Band 2, Leipzig, Wien [o. J.], S. 270-274.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tristram Shandy
Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman
Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman: (Reihe Reclam)
Tristram Shandy
Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman (insel taschenbuch)
Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Cleopatra. Trauerspiel

Cleopatra. Trauerspiel

Nach Caesars Ermordung macht Cleopatra Marcus Antonius zur ihrem Geliebten um ihre Macht im Ptolemäerreichs zu erhalten. Als der jedoch die Seeschlacht bei Actium verliert und die römischen Truppen des Octavius unaufhaltsam vordrängen verleitet sie Antonius zum Selbstmord.

212 Seiten, 10.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon