Einhundertundvierundachtzigstes Kapitel.

[266] Und die Geschichte auch – wenn's Ihnen recht ist; denn obgleich ich diesem Abschnitte derselben mit so großer Begierde zugeeilt bin, indem ich weiß, daß es das Köstlichste ist, was ich in der Welt zu bieten habe, so wollte ich doch jetzt, wo ich daran bin, jedem Andern gern meine Feder überlassen, um die Geschichte für mich weiter zu erzählen; – ich sehe, wie unendlich schwer diese Beschreibungen, die ich zu machen habe, sind, und fühle, daß mir die Kraft dazu fehlt.

Es ist noch ein Trost für mich, daß ich in dieser Woche bei einem ungefährlichen Fieberanfalle, der mich gerade beim Anfang des Kapitels packte, ein paar Pfund Blut verloren habe, so daß ich mir mit der Hoffnung schmeichle, der Fehler liege mehr in den Wassertheilen und Kügelchen des Blutes, als in der feinen aura des Gehirnes; dem sei indeß wie ihm wolle, eine kleine Anrufung kann immer nicht schaden, dem Angerufenen bliebe es dann überlassen, mich zu begeistern oder mir es einzugeben, wie es ihm am besten dünkt.
[266]

Anrufung.

Holder Genius anmuthigen Scherzes! der du einst auf der holdseligen Feder meines geliebten Cervantes saßest, täglich durch sein vergittertes Fenster schlüpftest und durch deine Gegenwart die Dämmerung des Gefängnisses in sonnenlichten Tag verwandeltest, ihm den kleinen Wasserkrug mit himmlischem Nektar fülltest und, während er Sancho's und seines Herrn Abenteuer niederschrieb, deinen Zaubermantel über seinen verstümmelten Arm1 und weit über alle Leiden seines Lebens breitetest –

Wende dich hieher – ich beschwöre dich! sieh diese Hosen, – die einzigen, die ich auf der Welt besitze, – sieh diesen jammervollen Riß, den sie in Lyon bekamen –

Sieh meine Hemden! an welchem schrecklichen Schisma sie leiden, denn die Vordertheile sind in der Lombardei, und das Uebrige ist hier. Ich hatte immer nur sechs, und von fünfen schnitt mir eine pfiffige Hexe von Wäscherin in Mailand das vordere Untertheil heraus. – Es ist wahr, sie that es nicht unüberlegt, – denn ich kehrte aus Italien zurück.

Und trotzdem, und trotz eines Feuerzeugs, das mir in Siena gemaust wurde, trotz zweimal fünf Paoli, die ich für zwei harte Eier geben mußte, einmal in Raddicoffini, das andere Mal in Capua – meine ich doch, daß eine Reise durch Frankreich und Italien gar nicht so übel ist, wie Manche glauben machen wollen, wenn man sich nur seine gute Laune bewahren kann. In der Welt muß es bergauf und bergab gehen, wie zum Henker könnten wir sonst in jene Thäler gelangen, wo uns die Natur so manche herrliche Tafel deckt. Es ist Unsinn, wenn man sich einbildet, daß sie Einem ihre Wägen leihen sollen, damit man sie umsonst zu Schanden fährt, – und wenn du nicht zwölf Sous für das Schmieren deiner Räder bezahlen willst, wie soll denn dann der arme Bauer sein Brod mit Butter schmieren? – Wir erwarten wirklich zu viel! Wer wollte sich wegen der paar[267] Livres, die sie für Abendbrod und Nachtlager mehr nehmen, aus seiner Gemüthsruhe bringen lassen? Um's Himmels und Euretwillen, bezahlt die Lumperei – sie und noch mehr, – bezahlt sie lieber, als daß Ihr, wenn Ihr weiter fahrt, den Unmuth auf den Stirnen Eurer schönen Wirthin und der andern Dämchen, die da unter dem Thorweg sitzen, zurücklaßt. – Und dann, Verehrtester, der schwesterliche Kuß, den Ihnen eine jede von ihnen giebt, ist doch allein sein Pfund werth – Ich bekam ihn immer.

Denn da meines Onkels Liebesgeschichte mir den ganzen Weg lang im Sinne lag, so hatte das dieselbe Wirkung auf mich, als ob es meine eigene gewesen wäre. Ich war die Liebe und Freundlichkeit selbst, gegen alle Welt, in liebevollstem Einklang mit Allem, was mich umgab; meine Chaise mochte stoßen, wie sie wollte, die Straßen mochten gut oder schlecht sein, das machte alles keinen Unterschied; jeder Gegenstand, den ich sah, mit dem ich in Berührung kam, wurde für mich eine Quelle der Theilnahme und des Entzückens.

– So süße Töne hörte ich nie; ich ließ sogleich das vordere Fenster herab, um besser lauschen zu können. – 's ist die arme Marie, sagte der Postillon, der sah, daß ich horchte.

– Dort sitzt sie, fuhr er fort, und bog sich auf die Seite, damit ich sie sähe, denn er hinderte mich daran, – dort sitzt die arme Marie am Graben, die kleine Ziege hinter sich, und spielt ihr Abendlied auf der Schalmei.

Der junge Bursche sagte das mit so einem Ton und Blick, mit solchem Gefühl, daß ich mir sogleich gelobte, ihm vierundzwanzig Sous Trinkgeld zu geben, wenn wir nach Moulins kämen.

– Und wer ist die arme Marie? sagte ich.

Der Liebling aller Dörfer in der Runde, sagte der Postillon, und Jeder bedauert sie. Noch vor drei Jahren war sie das schönste, lebhafteste, liebenswürdigste Mädchen unter der Sonne; wahrlich, sie hätte ein besseres Schicksal verdient, die arme Marie, als daß ihr das Aufgebot durch die Ränke des Gemeindepfarrers verweigert wurde –[268]

Er wollte weiter erzählen, als Marie, die zu blasen aufgehört hatte, die Schalmei wieder an den Mund setzte und in ihrem Liede fortfuhr; – es waren dieselben Töne, aber sie klangen noch zehnmal süßer. – Es ist die Abendhymne an die heilige Jungfrau, sagte der junge Mensch, aber wer sie ihr gelehrt hat oder wie sie zu dem Instrumente gekommen ist, das weiß Niemand; wir glauben, der Himmel hat ihr dazu verholfen, denn seitdem sie wirr ist, ist das ihr einziger Trost: sie läßt die Schalmei nicht aus der Hand und spielt das fromme Lied Tag und Nacht.

Der Postillon äußerte sich so zartfühlend und sprach mit so natürlicher Beredsamkeit, daß ich nicht umhin konnte, in seinem Gesichte etwas zu lesen, das mir über seinem Stande zu sein schien; ich würde ihn um seine Geschichte befragt haben, wenn die der armen Marie meine Theilnahme nicht ganz in Anspruch genommen hätte.

Unterdeß waren wir an den Graben gekommen, wo Marie saß; sie trug ein dünnes weißes Jäckchen, ihr Haar bis auf zwei Locken ruhte in einem seidenen Netze; auf der einen Seite waren etwas phantastisch Olivenblätter eingesteckt; sie war schön. Bis zu dem Augenblicke, wo ich sie sah, hatte ich die zermalmende Gewalt eines tiefen Herzeleids noch nicht gefühlt.

– Gott helfe ihr! Armes Mädchen, sagte der Postillon. Wohl mehr als hundert Messen sind ringsum in den Dorfkirchen und Klöstern für sie gelesen worden, aber es hat nichts geholfen; wir haben immer noch Hoffnung, weil sie manchmal davon spricht, daß die heilige Jungfrau sie endlich wieder zu sich bringen wird; aber ihre Eltern, die sie besser kennen, hoffen nichts und meinen, daß sie für immer den Verstand verloren hat.

Als der Postillon dies sagte, schloß Marie eben mit einer kleinen Kadenz – so schwermüthig, so zärtlich, so klagend, daß ich aus der Chaise sprang, um ihr beizustehen; und ehe ich selbst noch recht wußte, wohin mich mein Enthusiasmus geführt hatte, saß ich zwischen ihr und der Ziege.

Marie sah mich nachdenklich an – dann ihre Ziege – dann wieder mich – dann wieder die Ziege und so immer fort.[269]

– Nun, Marie, sagte ich sanft, was für eine Aehnlichkeit findest Du?

Ich beschwöre den ehrlichen Leser, mir zu glauben, daß ich diese Frage in der demüthigen Ueberzeugung that: was für eine Bestie der Mensch sei! – Nicht um allen Witz, der je aus Rabelais' Feder geflossen, würde ich in der ehrwürdigen Gegenwart des Unglücks einen unzeitigen Scherz haben machen wollen; und doch – ich gestehe es – schlug mir das Gewissen, und so tief schmerzte mich der bloße Gedanke, daß ich schwur, die Weisheit hinfort auf meinen Schild zu heben und von nun an ernsthafter zu reden, und nimmer, nimmer wieder, so lange ich lebe, mit Mann, Weib oder Kind Scherz zu treiben.

Unsinn für sie zu schreiben, das, glaube ich, behielt ich mir vor, – doch darüber entscheide die Welt.

Lebe wohl, Marie! Lebe wohl, du armes hülfloses Mädchen! Später einmal, aber nicht jetzt, höre ich vielleicht deine traurige Geschichte aus deinem eigenen Munde. – Doch darin irrte ich, denn in demselben Augenblicke nahm sie ihre Schalmei und erzählte mir darauf eine so thränenreiche Geschichte, daß ich aufstand und mit wankendem Schritte langsam zu meiner Chaise zurück ging.

Was für ein vortreffliches Gasthaus in Moulins!

Fußnoten

1 Er hatte in der Schlacht von Lepanto eine Hand verloren.


Quelle:
Sterne [, Lawrence]: Tristram Shandy. Band 2, Leipzig, Wien [o. J.], S. 266-270.
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