Zweiundsiebenzigstes Kapitel.

[110] Jetzt, lieber Leser, hilf mir, ich bitte dich, meines Onkel Toby's Geschütz hinter die Scene fahren, sein Schilderhaus wegtragen, die Bühne so gut es geht von den Hornwerken und Halbmonden frei machen und all den militärischen Kram aus dem Wege räumen. – So, lieber Garrick, nun lassen Sie uns die Lichter putzen, die Bühne mit einem neuen Besen reinfegen, den Vorhang aufziehen und meinen Onkel Toby in einem neuen Charakter darstellen, in dem die Welt ihn noch[110] nicht kennt; sie kann sich natürlich nicht vorstellen, wie er darin handeln wird, und doch, – wenn die Barmherzigkeit der Liebe verwandt und die Tapferkeit ihr nicht fremd ist, so hat man, meine ich, meinen Onkel Toby genugsam kennen gelernt, um die Familienähnlichkeit zwischen diesen beiden Herzensregungen leicht auffinden zu können, vorausgesetzt immer, daß eine solche besteht.

Thörichte Wissenschaft! in solchen Fällen stehst du uns nicht bei, ja du verwirrst uns nur noch.

Mein Onkel Toby, Madame, hatte ein so einfältiges Herz, daß es ihn von den kleinen und verschlungenen Wegen, auf welchen Dinge dieser Art gemeiniglich betrieben werden, weit abführte. – Sie können sich wirklich keinen Begriff davon machen, – und dabei war seine Denkart so treuherzig und bieder, so wenig ahnte er etwas von den verborgenen Falten des weiblichen Herzens, so blos und wehrlos stand er Ihnen gegenüber (wenn er nicht gerade eine Belagerung im Kopfe hatte), daß Sie auf einem Ihrer verschlungenen Wege hätten stehen und ihm zehnmal täglich durch die Leber schießen können; neunmal, Madame, wäre Ihnen wahrscheinlich nicht genug gewesen.

Zu alle dem – und das diente auch wieder dazu, die Sache zu verwirren – besaß mein Onkel Toby, wie schon früher erwähnt, eine so beispiellose Schamhaftigkeit, die so unaufhörlich über seinen Gefühlen wachte, daß Sie eher – Aber was mache ich? Diese Betrachtungen kommen mir wenigstens zehn Seiten zu früh in den Kopf und rauben mir die Zeit, die ich auf Thatsachen zu verwenden habe.

Quelle:
Sterne [, Lawrence]: Tristram Shandy. Band 2, Leipzig, Wien [o. J.], S. 110-111.
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