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Dietwin von der Weiden hatte die Gepflogenheit, an jedem vierundzwanzigsten Tage des Monates April gegen den Abend in das Gut seiner Schwester einzufahren. So geschah es auch diesmal wieder, daß an dem genannten Tage um fünf Uhr nachmittags sein Wagen durch das Tor des Schlosses rollte. Er wurde von der Dienerschaft empfangen und in seine zwei wohlbestellten Zimmer ge leitet. Dort kleidete er sich mit der Hilfe seines Kammerdieners sorgsam um, während der andere Diener die Gepäcksachen von dem Wagen heraufschaffen und der Kutscher die zwei Schimmel in dem Stalle gehörig versorgen ließ. Als der Kammerdiener erklärt hatte, daß nichts mehr an dem Anzuge fehle, ging Dietwin zu seiner Schwester. Diese saß in einem schwarzseidenen Kleide auf einem erhöhten Platze ihres Prunkzimmers, und er wartete ihn. Etwas tiefer saß eine Kammerfrau, die gleich falls in schwarze Seide gekleidet war. Als sich die Flügeltüren geöffnet hatten, und er hereingetreten war, stand die Schwester auf, und ging ihm entgegen. In der Mitte des Gemaches kamen sie zusammen. Er nahm sie bei der Hand, neigte sich gegen sie, und küßte sie auf die Stirne. Sie behielt seine Hand, erhob sich gegen ihn, und gab ihm den Kuß zurück. Darauf geleitete er sie zu ihrem Sitze. Zwei Diener rückten für ihn einen Armstuhl auf der Erhöhung dem Stuhle ihrer Gebieterin gegenüber. Dann verneigten sie sich tief gegen beide, stiegen[717] von der Erhöhung, gingen aus dem Saale, und schlossen hinter sich die Flügeltüren. Dietwin setzte sich in den Armstuhl, die Schwester bedeutete die Kammerfrau, welche aufgestanden war, sich wieder zu setzen, und als dieses geschehen war, wendete sie sich zu dem Bruder, und sagte: »Sei gegrüßt, Dietwin.«

»Sei gegrüßt, Gerlint«, antwortete er.

»Erfreust du dich einer vollkommenen Gesundheit?« fragte sie.

»Ich bin frisch und gesund, wie ich es alle lage meines Lebens gewesen bin,« antwortete er, »und kann ich von dir das gleiche erfahren?«

»So wie mich Gott der Herr noch nie mit einer Krankheit heimgesucht hat,« entgegnete sie, »so bin ich auch seit unserem letzten Zusammensein gesund geblieben. Ich habe mein einfaches Leben zur Erhaltung meines Körperwohles fortgesetzt, und nehme eine Krankheit, wenn sie Gott sendet, demütig an, und trage, was sie bringt.«

»An diesen Gesinnungen erkenne ich dich«, sagte er.

»Und ist deine Gemütsruhe nicht gestört worden?« fragte sie.

»Wie es in der Verwaltung von Liegenschaften Verdrießlichkeiten gibt,« antwortete er, »und wie ein leichter Unmut über den Gang der öffentlichen Dinge zuweilen in das Gehirn kommt, so rechnete ich diese Sachen in der letzten Zeit so wenig wie früher, und so glaube ich, daß nichts meinen jetzigen Gleichmut zu erschüttern im Stande wäre.«

»Das ist recht gut«, erwiderte sie.

»Und wie ist es mit deiner Seelenruhe beschaffen?« fragte er.

»Da ich immer weniger auf das achte, was Dienstleute und Untergebene gegen meinen Sinn tun,« antwortete sie, »da ich immer weniger in die öffentlichen Angelegenheiten eingehe, weil mir ein Urteil über sie nicht zusteht,[718] und da ich immer mehr alle Vorkommnisse als Schickungen Gottes betrachte, so kommt stets dauernder eine Stille meines Herzens zu mir, die wohl durch nichts mehr einen Abbruch erleiden wird.«

»Das ist auch recht gut«, sagte er.

»Ist kein Unfall vorgekommen?« fragte sie.

»Ein zerbrochenes Rad, das wieder gemacht worden ist,« entgegnete er, »eine kranke Kuh, die wieder gesund ist, und anderes, dessen ich mich nicht mehr entsinne.«

»Das ist ohne Bedeutung,« sagte sie, »bei mir ist gar nichts vorgekommen.«

»So stehen die Sachen vortrefflich«, antwortete er.

»Es geht so gut, wie alles nur immer gehen kann,« sagte sie, »und so sei noch einmal gegrüßt, Dietwin.«

»Sei gegrüßt, Gerlint«, erwiderte er.

Darauf stand er auf, küßte ihre Hand, und verließ den Saal.

Die Geschwister verzehrten diesen Abend noch ein kleines Mahl mit einander.

Als der nächste Tag angebrochen war, und als Dietwin das Frühmahl in seinem Wohngemache eingenommen hatte, ließ er sich noch viel festlicher kleiden als des Tages zuvor. Dann ging er in seinen zwei Zimmern auf und nieder. Nach einer Zeit erscholl die Glocke der Schloßkapelle. Auf dieses Zeichen ging er in die Kapelle und nahm seinen Sitz in einem wohlgepolsterten Stuhle an der linken Seite des Altares ein. Nach ihm kam Gerlint in einem äußerst schönen aschgrauen Seidenkleide, und setzte sich in einen gleichen Stuhl an der rechten Seite des Altares. In der Tiefe der Kirche saß die Dienerschaft und saßen die Leute Gerlints, es saßen der Kammerdiener, der Diener und der Kutscher Dietwins, und es saßen noch dicht gedrängt viele andere Menschen. Alle waren festlich angetan. Nach der Ankunft Gerlints wurde ein feierlicher Gottesdienst in der Kapelle gehalten.[719]

Nach dem Gottesdienste ging Dietwin in seine Wohnung. Dort nahm er ein großes, breites, flaches Fach von dunkelblauem Leder aus einer Schublade, und ging mit dem Fache in den großen Saal des Schlosses. In dem Saale war ein kostbarer Teppich auf den Marmorboden gebreitet, auf dem Teppiche stand ein sehr geräumiger rotseidener Armstuhl, und in dem Armstuhle saß in ihrem aschgrauen Seidenkleide Gerlint. Sonst war kein einziger Mensch in dem Saale. Sie stand auf, da Dietwin herein getreten war. Er ging zu ihr, und die Geschwister küßten sich. »Gottes Heil mit dir, Gerlint,« sagte er, »und möge dir dieser Tag noch recht oft wiederkehren.«

»Gottes Heil auch mit dir, Dietwin,« sagte sie, »möge auch dir dieser Tag noch recht oft wiederkehren.«

Als diese Worte gesprochen waren, öffnete er das Fach, das er in der Hand hielt. Ein ebener blaßroter Sammet stellte sich dar, und auf dem Sammte lagen vier Reihen großer, gleich makelloser Perlen, in ein Halsband geschlungen.

»Diese Perlen sind schwache Abbilder schöner Gedanken,« sagte er, »möge deine Schönheit sie erst zieren und sie wert machen, daß du dich bei ihnen künftig deines heutigen Geburtstages erinnerst.«

»Dietwin,« sagte sie, »du bist immer gut bei frevelhaften Reden, und diese Perlen sind ein Rittergut.«

»Jede ist ein Ritter unseres Hauses,« antwortete er, »und seit wir keine Vasallen mehr zur Last haben, können wir solche Ritter leicht stellen.«

»Sie werden keine Felonie an unserem Hause üben,« entgegnete sie, »und in diesem Verstande nehme ich sie als eine gemeinschaftliche Macht. Ich danke dir herzlich, Dietwin.«

Sie nahm das Fach, schloß es, und legte es auf einen Tisch, der neben ihrem Stuhle stand.

Von dem Tische nahm sie ein Fach, das aus braunem[720] Leder war. Sie öffnete das Fach, und auf weißem Sammet stellte sich eine blaßbraune einfache Brieftasche dar. Sie nahm die Brieftasche heraus, schlug sie auseinander, und auf weißer Seide zeigte sich eine sehr feine Stickerei aus Gold und kleinen Perlen, die einen Lorbeerkranz bildete.

»Du siehst, wie wir immer die nämlichen Gedanken haben,« sagte sie, »du gibst mir zu meinem Geburtstage Perlen, und ich gebe dir zu deinem Geburtstage, den der Himmel auch an dem heutigen Tage beschert hat, ebenfalls Perlen.«

»Nur daß du noch eine herrliche Arbeit dazu gemacht hast,« antwortete er, »oder ich müßte mich sehr irren, wenn nicht dieser feine Kranz aus deinen sehr kunstgeübten Händen hervorgegangen wäre.«

»Ich habe mich bestrebt, ihn so gut zu machen, als ich konnte«, sagte sie.

»Und ich kann dir eine Arbeit gar nicht machen,« erwiderte er, »es müßte nur ein Gedicht sein, deren ich aber nie andere verfertigte, als uns in der Schule aufgegeben waren, und diese, sagte der Lehrer, seien allemal keine gewesen.«

»Die beste Arbeit, die du mir machst, Dietwin,« sagte sie, »ist dein Leben, daran ich mich erfreue. Der Lorbeerkranz soll dein Kriegsleben bedeuten.«

»Das hat keinen Lorbeerkranz verdient«, antwortete er. »Und mein Leben, wenn es dir Freude macht, freut mich auch, sonst ist es ein verwirrtes Stückwerk gegen deine klare Arbeit, Gerlint. Ich danke dir von dem Grunde meines Herzens für deine Gabe.«

Dann sagte Gerlint: »Lassen wir jetzt die Leute herein treten.«

»Tue es«, antwortete Dietwin.

Gerlint schellte mit einer Glocke.

Da öffneten sich die Türen des Saales, und es traten[721] mehrere Menschen herein. An der Spitze derselben war der Schloßverwalter, neben ihm die Kammerfrau, und hinter den beiden die Dienerschaft; es waren die Knechte und Mägde des Gutes, es waren der Kammerdiener und Kutscher Dietwins, und es waren Leute aus der Gegend, welche früher Untertanen des Gutes gewesen waren.

Sie stellten sich in eine Reihe.

Da trat der Schloßverwalter etwas vor, verneigte sich vor Gerlint und dann vor Dietwin, reichte Gerlint einen Blumenstrauß, und sagte: »In Gnaden und Huld sind wir vorgelassen worden. Viel Glück und Segen und langes Leben bringen wir im Wunsche. Ich bin zum Sprecher für alle erkoren worden, und ich spreche für alle. Der Wunsch ist doppelt, weil auch das hohe, erhabene, preisliche Geburtsfest ein doppeltes ist. Und also wie die Tulpen und die Narzissen und der Rosmarin und alle die andern Blumen aus verschiedenen Weltgegenden stammen und bei uns aus dem freien Grunde und aus dem Gewächshause in diesen Strauß vereinigt worden sind, so stammen die Diener und Leute des Schlosses aus verschiedenen Orten, und sind vereiniget worden, hier ihre Pflicht zu erfüllen, und haben sich heute in einen Strauß versammelt, ihre Geistesgaben darzubringen, und wie die Blumen unzählige Blätter haben, und Wohlgeruch und tausendfältige Farben, so soll das Glück unzählbar und angenehm und tausendfältig sein, was wir wünschen. Und wir bitten um die Gewogenheit noch ferner, und diese Leute, welche nicht mehr Untertanen des Schlosses sind, bleiben doch Untertanen des Herzens unserer erhabenen Frau, und bringen gleich uns ihre Wünsche dar.«

Als er diesen Spruch geendet hatte, verneigte er sich wieder gegen Gerlint und Dietwin.

»Ich danke dir, Adam,« sagte Gerlint, »ich danke euch allen, meine Kinder; möge es mir noch gegönnt sein,[722] euch bessere Gaben geben zu können, als ich euch an diesem Tage zu bescheren vermag.«

Die Kammerfrau trat hervor, sagte nichts, neigte sich auf die Hand ihrer Gebieterin, und küßte sie.

»Agathe,« sagte Gerlint, »du hast einen griechischen Namen, der etwas Gutes bedeutet. Du bist wie der Name. Daure noch ein wenig bei mir aus.«

Die Kammerfrau antwortete nichts, und trocknete sich nur die Augen.

Und noch mehrere traten hervor, und verneigten sich, oder küßten Gerlint die Hand.

Da alles vorüber war, ging Gerlint zu einem Tische, auf dem ein graues seidenes Tuch über Gegenstände gebreitet war, hob das Tuch empor, und sagte: »Da sind wieder Kleinigkeiten, die ich an diesem Tage mit meinen eigenen Händen an euch zu verteilen mir das Vergnügen mache, um euch für das Liebe meinen Dank zu bezeigen, das ihr mir tut. Adam, diese Dose fühlt sich recht glatt in der Hand, und öffnet und schließt sich leicht und genau. Agathe, in dem Buche sind Gedanken an Gott, wie du sie gerne hast, und die silbernen Spangen weisen auf einen reinlichen Sinn. Mathias, teile deinem Vater von dem Gelde mit, ihr brauchet es jetzt mehr als etwas anderes. Martha, deine Augen schauen noch auf Flitter, an Sonntagen wird dir das Tuch recht gut anstehen. Anna, dieser Latz wird dir auch nicht mißfallen. Sebastian, halte deine Zeit regelmäßig wie die Zeiger dieser Uhr. Katharina, nimm das Linnen, wozu du es brauchen kannst. Eva, lasse dir aus dem Stoffe ein nicht gar zu auffälliges Kleid schneiden. Ferdinand, mir ist das Rauchen in Zimmern und feuergefährlichen Orten sehr zuwider; ich mag dir aber doch gerne eine Freude machen, rauche aus dieser Pfeife nicht an den Orten, die ich genannt habe. Joseph, ich denke, diese Weste könnte dir gefallen, und dir Maria, diese Bänder, und, Margareta, dir diese Sonntagschuhe,[723] und euch andern das andere. So tretet doch näher.«

Die Angeredeten, welche etwas weiter zurückgestanden waren, gingen vorwärts, und jedes empfing seine Gabe aus der Hand der Gebieterin.

»Und ihr,« sagte sie dann, »welche ihr in der vergangenen Zeit meine Untertanen gewesen seid, und denen ich mich nicht glaube als eine Herrin bewiesen zu haben, sondern als eine Freundin, werdet wissen, daß ich eure Freundin noch bin, und wenn ihr auch die Steuern nicht mehr auf mein Schloß tragt, so sind doch die andern Bande geblieben. Kann ich jemanden aus euch ein Gutes tun, so komme er und eröffne sich mir. Jetzt, Kinder, gehet, und genießet des heutigen Tages als eines Feiertages.«

»Ich bitte dich, Gerlint,« sagte Dietwin, »gib ihnen mir zu Liebe ein Glas guten Weines, daß sie außer deiner Gesundheit auch die meine trinken und die Gesundheit meiner Leute zu Hause, welche alljährlich dieses Fest ohne mich begehen müssen. Eure Geschenke von mir, meine Lieben, sind schon in dem Vorsaale, und jedes hat den Namen.«

»Sie haben den besten Tischwein meines Kellers,« entgegnete Gerlint, »und sollen ein Glas feinen Nachtischwein bekommen, wie wir ihn selber bei unserem heutigen Mahle haben.«

»Und so wäre nun alles in diesem Saale in Ordnung«, sprach Dietwin.

»Ich glaube, alles«, entgegnete Gerlint.

Die Leute drängten sich noch herzu, küßten Gerlint die Hand, oder verbeugten sich, und taten Ähnliches bei Dietwin.

Dann verließen sie den Saal.

»Geliebte Schwester,« sagte nun Dietwin, als er mit Gerlint allein war, »lasse uns jetzt in deiner trauten Kammer das Gespräch pflegen, das wir an diesem Tage gerne[724] über unsere Angelegenheiten führen, ehe die aus der Nachbarschaft kommen, die wieder zahlreich sein werden, weil du sie nach deinem Gebrauche an keinem früheren Tage zum Wunsche zulässest. Ich habe dir heute Besonderes zu sagen.«

»So komme«, sprach Gerlint.

Sie nahm das Fach mit den Perlen, er steckte die Brieftasche zu sich, reichte ihr den Arm, und führte sie aus dem Saale in ihr Wohngemach. Dort schloß sie die Perlen in einen Kasten, und setzte sich dann in einen Armstuhl. Dietwin setzte sich in einen andern, ihr schräge gegenüber.

»Und nun sprich, Dietwin«, sagte sie.

»Ich glaube, ich bringe heute gute Dinge«, sagte er »Zuerst kann ich dir eröffnen, daß unser Neffe nun völlig frei ist. Er hat sich ohne Zureden von irgend einer Seite entschlossen, seinen Abschied zu fordern, und vor drei Wochen hat er ihn erhalten. Du weißt, wie wir von der Sache stets gesprochen haben. Er hat sich ausgezeichnet; aber da der Krieg längst aus ist, was hätte er weiter vollbringen können? In der Zeit, die er nun völlig frei in Weidenbach zubrachte, ist er völlig doppelt eifrig geworden, so daß ich glaube, er hat aus Freude an der Sache die Städte und die Waffen verlassen. Das sage ich dir von der Freiwerdung Dietwins, jetzt komme ich zu dem zweiten. Die lange Waldnase, welche von dem Gute Sebenau in die Gründe von Weiden herein ragte, und den Verdruß und Störefried für mich und meine Vorfahrer so wie für den Besitzer von Sebenau darstellte, ist für Weiden erworben. Der Lindmayer hat sich plötzlich besonnen, und hat mir endlich, freilich für schweres Geld, sein Waldland, das an den Sebenauerforst grenzt, angeboten. Ich habe, ohne vorher mit dir reden zu können, zugegriffen, daß er nicht wieder reuig würde, und habe das Waldland gegen die Nase vertauscht. Da es doppelt größer ist als[725] die Nase, und da die Sebenauer ihr Gut als Familiengut wohl vergrößern, aber nicht verkleinern dürfen, so ist Julias von Sebenau über den Handel so erfreut wie ich. Wir sind beide nun gerundet, und haben die Ärgerlichkeiten aus Streiten und Übergriffen unserer Leute hinter uns.

Und nun, liebe Schwester, komme ich zu dem dritten. Ich sage nur so meine Gedanken, ohne dir etwas einreden zu wollen. Wir könnten jetzt vielleicht das, was wir beide so sehnlich wünschen, mit Gefügigkeit erreichen. Wenn ich an Dietwin zu Weidenbach noch Weiden abtrete, du an Gerlint Biberau, und wenn Dietwin Gerlint heiratete, so hätte das Paar einen Güterverein, wie weit und breit keiner von solcher Große und von so kurzer Grenze gefunden werden könnte. Ich rede nicht einmal von der Güte des Bodens, der Strotzigkeit der Wälder, der guten Sonnenlage und der Schönheit für die Augen. Wenn ich dann auf Weidenholz ginge, und du nach Bergen, so wären wir unter uns und mit den Kindern Nachbarn, und könnten uns sehr oft besuchen. Etwas Schöneres ist kaum zu denken. Und weil es doch in der Wesenheit der Dinge liegt, daß wir früher sterben können als Dietwin und Gerlint, und weil wir niemanden haben, der uns nahe ist, so fielen nach unserem Tode Weidenholz und Bergen auch zu dem Ganzen, und wenn Steinberg und Tannheim, und wenn die Forste in den Brunnenbergen, weil diese Dinge doch zu entlegen sind, ein mal vorteilhaft verkauft werden könnten, und hier etwas Angrenzendes zu erwerben wäre, so bekäme unser Geschlecht beinahe ein völliges Herzogtum, und wenn sie es durch gute Wirtschaft und Ersparungen wieder vergrößerten, so könnten sie mächtig und tüchtig und reich sein in undenkliche Zeiten hinein. Das sind meine Vorstellungen, Gerlint.«

»Mein sehr verehrter Bruder,« antwortete Gerlint, »ich werde dir auch meine Vorstellungen sagen. Biberau ist[726] längst Gerlint zugedacht, und du weißt, daß sie es erhält, wenn sich ein annehmbarer Gatte für sie findet. Ich gehe lieber nach Bergen als an einen andern Ort, und um so lieber, weil wir uns dann so nahe sind, wie es, seit wir das Elternhaus verlassen haben, nie der Fall gewesen ist. Und wenn Dietwin Gerlint heiratet, so haben sie einen schönen Grundbesitz, der, wie auch das, was sie von uns noch erben, bei unserem Geschlechte bleibt. Das ist sehr schön. Nun aber kommt das Bedenken. Mit den Gütern können wir schalten, aber mit der Ehe nicht. Ich habe einen alten, frommen Spruch gehört: Ehen werden in dem Himmel geschlossen. Es mußten sehr viele Erfahrungen über diese Angelegenheit gemacht worden sein, sonst wäre der Spruch nicht entstanden. Und ich selber bin eine solche Erfahrung. Wer hätte gedacht, daß Erwin mein Gatte werden würde, als er mit der Gräfin Erklam die Brautbesuche in der Gegend machte? Und doch ist er es geworden. Ein wunderbarer Umstand mußte eine frühere, geheime, nie ganz erloschene Liebe des Fräuleins, die sie ihren Eltern zum Opfer bringen wollte, enthüllen, wunderbare Umstände mußten die Verbindung des Fräuleins mit dem früheren Geliebten ermöglichen und Erwin von seinem Opfer erlösen. Eine Schrift mußte in dem langen Rechtsstreite zwischen Erwins und unsern Eltern gefunden werden, die den Streit günstig für uns entschied. Erwin mußte die Schrift bringen, er mußte so zum ersten Male in unser Haus kommen, und das Herz meines Vaters für sich, den armen Mann, rühren, und dann mußten sich erst noch sein und mein Gemüt in Liebe zusammen finden. Und bist nicht du selbst in jener Zeit noch heftig gegen die Verbindung gewesen? Aber sie wurde geschlossen, und ist so glücklich gewesen, daß kaum eine glücklichere auf der Welt sein kann. Ich werde diesen Mann nie vergessen, und werde, so lange ich noch lebe, nie ein anderes Kleid tragen als ein schwarzes oder[727] graues. Und die gute Agathe trägt sie auch mit mir, obwohl sie sich andere und schönere anschaffen könnte.«

»Und werden alle Ehen in dem Himmel geschlossen, Gerlint?« fragte Dietwin.

»Nicht alle«, antwortete Gerlint; »dann sind sie aber völlig keine Ehen. Als die Eltern Erwins ihn mit seiner Braut verbinden wollten, wäre es eine Ehe geworden, die nicht in dem Himmel geschlossen worden wäre; der Himmel verhinderte sie, und schloß dafür eine andere. Ob nun der Himmel die Ehe zwischen Dietwin und Gerlint schließen wird, weiß ich nicht. Ich habe einige Furcht darüber. Du weißt, wie beide Gemüter heftig sind, und heftige Gemüter sträuben sich gegen einander, weil keines das andere sänftigt und zu sich zieht. Haben sie nicht schon damals, da er ein Knabe und sie ein Kind war, immer gezankt? Sie schrie und tobte mit den Füßlein gegen seinen Willen, und er zerstörte ihre Spielsachen und höhnte sie, wenn sie sich nicht fügte. Da er größer wurde, und sie durch einen Bach trug, setzte er sie plötzlich in das Wasser nieder, weil sie ungebärdig war. Die Kinder der Nachbarn und des Dorfes, die ich gerne zu ihnen gesellte, mußten sich ihm unterwerfen, Gerlint tat es nie, und sammelte selber solche um sich, die sich ihr unterwarfen, und wenn zwischen den zwei Scharen im Spiele ein Kampf war, artete er stets in Ernst aus. Du erinnerst dich des Schreckens, da er das Mädchen einmal bei dem Nacken faßte, es zu Boden warf, und mit dem Haupte so lange in das Gras hielt, bis es sich nicht mehr regte, und wie er es dann los ließ, und wie sie aufsprang, ein Messer von unserem Gartentische nahm und nach ihm stach, und wie er die Wunde von uns nicht untersuchen ließ, den Hemdärmel zurückstreifte, und den Arm, von dem Blut herunter rann, wie im Kriegsruhme empor hielt. Sie war blaß geworden, er aber ging schweigend davon. Und als einmal im Sommer Gerlint und die Mädchen[728] eine seidene Schnur über die Brücke zogen, und keinen der jungen Männer hinüber ließen, wenn er sich nicht durch eine Blume oder ein anderes sinniges Zeichen löste, warf er sich in den Kleidern in das Wasser und schwamm neben der Brücke hinüber. Du nahmst ihn dann zu dir, und gabst ihn später in die Stadtschulen. Ich gab sie in die Anstalt. Und wenn sie dann nach Jahren zusammen kamen, selbst in der Zeit, als er schon in dem Kriege gewesen war, und jeden Mann in unserer Gegend übertraf, und als sie so schön geworden war, daß sich kein Mädchen mit ihr vergleichen konnte, waren sie da jemals anders als schroff gegen einander? Und war das nicht die Ursache, daß ich sie um zwei Jahre länger in der Anstalt ließ, als ihre Erziehung forderte? Nach diesen Erfahrungen habe ich Zweifel, ob da eine Ehe in dem Himmel geschlossen werden wird?«

»Könnten wir nicht dem Himmel ein wenig helfen?« fragte Dietwin.

»Du redest wieder freventlich, mein Bruder, wie manchmal im Übermute«, antwortete Gerlint; »wie kann ein sterblicher Mensch dem Himmel helfen?«

»Nun, nicht geradezu helfen,« erwiderte Dietwin, »sondern uns mit unsern Kräften helfen, daß uns Gott hilft. Unser Hauptmann Grünau pflegte zu sagen: ›Hilf Gott, daß er dir hilft.‹«

»Du glaubst an meinen Spruch nicht, Dietwin?« sagte Gerlint.

»Ich glaube daran,« entgegnete Dietwin, »und will dir gleich die Beweise sagen. Ich habe über die Dinge nachgedacht, von denen du gesprochen hast; ich habe aber auch andere Dinge entdeckt, durch die der Himmel günstig zu uns redet. Höre an. Unser Geschlecht hat wunderbar lange gedauert. Zur Zeit des ersten Hohenstaufen, Konrad, hat einer der Unsern, Dietwin, der Kardinal, diesen König gekrönt. Dietwin ist immer ein Name in unserem[729] Stamme gewesen, so wie Gerlint. Und der Stamm, wenn er schon im Erlöschen war, hat sich stets wunderbar erneuert. Es ist wunderbar, daß wir zwei, du und ich, an dem nämlichen Monatstage geboren worden sind, nur du um sechs Jahre später. Und heißen wir nicht Dietwin und Gerlint? Und ist es nicht wunderbar, daß die zwei jüngeren Dietwin und Gerlint, wenn sie auch nicht an dem nämlichen Monatstage geboren worden sind, doch gerade auch wieder um sechs Jahre von einander abstehen? Und hat nicht unser Bruder Jakob, da ihm ein Sohn geboren wurde, ihn nach mir Dietwin genannt, zu einer Zeit, da er nicht ahnen konnte, daß dieser Dietwin nach dem Tode seiner Eltern an mir seinen zweiten Vater wird finden müssen? Und ist es nicht mit der Tochter des Bruders Archibald der nämliche Fall, die nach dir genannt wurde, die du der Verwaisten jetzt auch eine Mutter bist? Viel wunderbarer aber ist es noch, daß in den Zügen des Angesichtes und in der Gestalt die Nichte dir und der Neffe mir gleicht. Der Graf Arkan hat ihn neulich für mich gehalten. Wenn da nicht der Finger des Himmels ist, wo ist er dann noch? Und gerade eine Eingebung des Himmels könnte es auch sein, daß du die verwaisten Kinder zuerst in deinem Schlosse Biberau erzogen hast, daß dann der Knabe bei mir und das Mädchen bei dir war, und daß in uns der nämliche Gedanke entstand, sie einmal mit einander zu verheiraten, welchen Gedanken wir lange heimlich trugen, ehe wir ihn einander mitteilten. Ich will noch von einem Umstande reden. Du bist in deinem Leben nie krank gewesen, ich bin nie krank gewesen, und Dietwin und Gerlint sind auch nie krank gewesen, und mögen sie es nie werden, bis sie unser Alter erreicht haben, ja darüber hinaus sind. Und was die Heftigkeit der beiden jungen Leute anbelangt, so weißt du wohl, daß in unserem ganzen Stamme fast ohne Ausnahme die nämliche Eigenschaft besteht, bei Männern[730] wie bei Frauen. Unser Leben hat drei Abteilungen. In der ersten Abteilung herrscht die Heftigkeit, dann kommen allerlei Einbildungen, und dann erscheint eine große Sanftmut und Gutmütigkeit, die bis ins hohe Alter andauert. Sind wir beide doch auch nicht von dem Schicksale unseres Geschlechtes ausgeschlossen gewesen. Ich rede Dicht davon, da ich ein junger Soldat war; ihr habt mich genug getadelt. Dann, als ich das Schwert weglegte, machte ich einen Plan, den ewigen Frieden zu gründen, und machte Reisen in aller Herren Länder, um ihn ins Werk zu setzen. Und nun glaube ich, endlich in die dritte Abteilung eingerückt zu sein.«

»Ja, lieber Bruder,« sagte Gerlint, »du bist jetzt sanft und gut, verschenkst Rittergüter und Perlen.«

»Rittergüter und Perlen verschenke ich nur an gute Schwestern und hoffnungsvolle Neffen«, antwortete Dietwin. »Und was dich betrifft, teure Schwester, verbrachtest du auch ein Weilchen in den ersten zwei Abteilungen unseres Stammes und bist jetzt, obgleich um so viel jünger als ich, in der dritten Abteilung, und verschenkst auch Güter und kostbare Sachen.«

»Nun, ich bestrebe mich, so gütig und einfach zu sein, als es möglich ist,«sagte Gerlint, »nehme meinen Verstand zusammen, und hoffe, so zu bleiben. Güter und Kostbarkeiten verschenke ich auch nicht an alle Menschen. Ich habe auch an die Dinge, von denen du gesprochen hast, schon sehr oft gedacht, und habe ihre Merkwürdigkeit gefunden. Wunderbar sind die Namen der Kinder, wunderbar ihr gleicher Alterunterschied, wunderbar die Verhältnisse, die sie zu uns gebracht haben, wunderbar ihre Ähnlichkeit mit uns, und am wunderbarsten, daß wir beide unabhängig von einander den Gedanken ihrer Verehlichung faßten. Weil nun die Sache diese zwei Seiten hat, was meinst du denn, daß wir tun sollen, um nach dem Spruche deines Hauptmannes Gott zu helfen,[731] daß er uns hilft. Sollen wir etwa die Kinder einander empfehlen?«

»Du scherzest, Gerlint,« antwortete Dietwin, »das wäre eine Ehe, die nicht in dem Himmel geschlossen ist, und wäre wie bei uns Soldaten ein Gebet auf Befehl. Ich glaube, ich bin unvermählt geblieben, weil man mir so viele Mädchen so sehr empfohlen hat.«

»Siehst du also,« sagte Gerlint, »wie mißlich es ist, dem Himmel helfen zu wollen. Und darum kann ich mich auch mit dem Gedanken gar nicht befreunden. Oder meinst du, daß wir die Empfehlung nur so, wie man zu sagen pflegt, auf Umwegen versuchen sollen?«

»Die werden bemerkt,« entgegnete Dietwin, »und dann ist es erst recht nichts mit der Sache. Ich meine nur so: Dietwin ist jetzt in Weidenbach, er kommt sehr oft zu dir nach Biberau und sehr oft zu mir nach Weiden. Gerlints Erziehung ist, wie du sagst, vollendet; es ist nun nichts natürlicher, als daß sie zu dir unter deine mütterliche Aufsicht kommt. So sehen sich die jungen Leute dann sehr oft. Das genügt für den Anfang. Wer weiß es, wie sie sich jetzt betrachten. Beide sind von Bedeutung, und müssen es bemerken. Dietwin scheint schon in die zweite Abteilung unseres Stammwesens eingetreten zu sein; er glaubt, alle Erdstellen, unter denen Quellen verborgen sind, zu kennen, und hat in seinem Verwalter einen großen Musikgeist entdeckt. Gerlint wird auch allerlei Sänftigungen und Milderungen aus der Anstalt mitgebracht haben. Und wenn er in der Abteilung der Einbildungen ist, so nützt uns das; denn es bedarf nur eines Funkens, und er setzt alle seine Einbildungen für Gerlint in Flammen, und wenn Gerlint auch gelassener ist, so muß sie den Unterschied zwischen ihm und andern Männern sehen, und es können mannigfaltige Gedanken in ihr Herz kommen. Und so lassen wir die Dinge gehen, und erwarten, was sich ereignen wird.«[732]

»Wenn nur dein Neffe nicht schon Einbildungen hat,« sagte Gerlint, »es ist ein Gerücht zu mir herein gekommen, er habe eine Herzenskönigin, der er es nicht sagt, und zu der auch kein anderer sein Auge erheben darf.«

»Ich habe auch davon gehört,« antwortete Dietwin, »glaube es aber nicht, wenn er mir es nicht selber sagt. Und wenn es ist, so ist es in der ersten Abteilung gewesen, und solche Schäume zerstäuben und zerrinnen; denn sonst hätte ich jedes Mädchen, für das ich mich vielleicht geschlagen hätte, auch heiraten müssen. Die Zeit bringt neue Dinge, und so könnte wohl auch Neigung aus Abneigung hervorgehen, die übrigens bei Dietwin und Gerlint nicht so arg gewesen sind; denn du erinnerst dich, daß, wenn irgend jemand einem von ihnen gegen das andere helfen wollte, sie es nicht litten.«

»Weil sie beide herrschsüchtig sind, und die alleinige Macht haben wollen«, sagte Gerlint.

»Nun, das werden sie an einander achten, und das wird sie reizen, daß jedes versucht, das andere zu unterwerfen, und so werden sie beide unterworfen werden«, sagte Dietwin.

»Nun, ich will Gerlint kommen lassen«, antwortete die Schwester; »es ist ja ohne dem nötig, daß ich ihre Erziehung fortsetze, soweit es meine Gaben vermögen. Wenn aber dann die Kinder anders als sich gegenseitig wählen, und die Wahl eine vernünftige ist, dürften wir ihnen nicht entgegentreten.«

»In Gottes Namen, dann sind diese Ehen im Himmel geschlossen«, sagte Dietwin.

»Ja, dann sind sie in dem Himmel geschlossen«, erwiderte Gerlint.

»Und so ist denn auch, wenn du mir nichts mehr zu eröffnen hast, unser Frühlingsreichstag geschlossen«, sagte Dietwin.

»Er ist geschlossen,« sprach Gerlint, »und habe Dank dafür,[733] geliebter Bruder, daß du auch heute wieder gekommen bist, den Tag mit mir nach meiner Weise zu feiern. Du bist ja immer gut und lässest mich nach meiner Art leben, und schenkest mir manchen Tag und manche Stunde.«

»Ich ehre dich und deine Art zu leben,« sagte Dietwin, »wenn sie auch in manchen Stücken anders ist als die der andern.«

»Manche werden sie auffällig finden,« erwiderte Gerlint, »und manche werden sie tadeln. Aber mir tut es wohl, in der Vergangenheit zu leben, und die Weise in Ehren zu halten, die unsern Vorfahren würdig und sinnvoll erschienen ist. Vielleicht werden auch die, die nach uns kommen, sie ehren; vielleicht aber werden auch sie ihren Blick mehr nach den Gestaltungen der Zukunft richten. Mögen sie es, und mögen jene Gestaltungen der Zukunft nur eben so würdig und sinnvoll sein, wie die der Vergangenheit es waren.«

»Möge es so sein«, sagte Dietwin.

Dann standen die Geschwister auf, und küßten sich noch einmal recht herzlich.

Hierauf schellte Gerlint mit einer Glocke. Ein Diener trat ein.

»Ist etwas zu berichten, oder ist jemand gekommen?« fragte sie.

»Der junge Herr Baron wartet schon lange, und ein Brief und ein Päckchen von dem Fräulein ist da«, sagte der Diener.

»So bringe den Brief und das Päckchen, und sage dem Herrn Baron, er möge noch ein wenig Geduld haben«, befahl Gerlint.

Der Diener ging fort, kam bald wieder, und brachte auf einem silbernen Teller einen Brief und ein Päckchen in grauer Seide.

Gerlint nahm beides, und der Diener entfernte sich.[734]

Die Geschwister setzten sich wieder.

»So vergißt denn das gute Kind seine Wünsche und seine Gaben nie, und immer treffen sie zu gleicher Stunde ein«, sagte Gerlint; »nun, ich hoffe, im nächsten Frühlinge wird sie persönlich an dem Feste Teil nehmen, und stets hat sie die Zartheit, meine Farbe zur Einhüllung zu wählen.«

»Möge sie dem nächsten Feste schon als Gattin nach unserem Wunsche beiwohnen«, sprach Dietwin.

»Das wäre rasch«, sagte Gerlint.

»Alle Himmelsgaben erscheinen rasch«, entgegnete Dietwin Gerlint öffnete den Briefumschlag, und nahm zwei Briefe heraus.

»Da ist der an dich«, sagte sie zu dem Bruder.

»Ich lasse dem deinen wie gewöhnlich den Vorzug«, sprach Dietwin.

»So höre«, sagte Gerlint, und las den Brief.

»Hochverehrte, geliebte Tante! Nimm auch heuer wieder meine schwachen Worte zu dem Feste, zu welchem ich, an die Satzungen der Anstalt gebunden, nicht eilen kann. Philipp wird sie um zehn Uhr über geben. Zuerst muß ich berichten, daß ich heute wieder im heiligen Gottesdienste für Dich gebetet habe. Ich habe Gott um alles Gute für Dich gebeten, dessen nur immer ein Mensch in Deiner Stelle teilhaftig werden kann. Ich habe auch wieder das Gelübde getan, daß ich Dir jedes Opfer bringen werde, das notwendig sein sollte. Dann sage ich Dir abermals meinen tiefsten Dank für die unaussprechliche Mutterliebe, die Du mir schon so lange zuwendest, und ich könnte meinen Dank nicht besser erweisen, als wenn mein Gelübde wahr würde. Ich suche mich Deiner ferneren Liebe immer würdiger zu machen, und bin ich Deiner so großen Liebe auch nicht wert, so gib sie mir, ich bitte, als Geschenk, wie Du sie mir bisher als Geschenk[735] gegeben hast. Lege das kleine Ding, welches in dem Päckchen mitfolgt, zu anderen ähnlichen Sachen, und habe eine kleine Freude daran. Ich habe es selber ganz allein gearbeitet. Denke in einer Minute dieses Tages an mich, die alle Minuten desselben an Dich denkt. Und alle Minuten aller Tage, die für mich noch folgen werden, bleibe ich die Dich liebende und verehrende und Dir dankende Gerlint.«

»Nun höre mich«, sagte Dietwin, und las:

»Herzlieber Oheim! Ich sende Dir wieder in dem Päckchen der Tante den Brief. Nimm ihn freundlich an. Ich bitte den Himmel, daß er Dein liebes Haupt segne und bewahre, daß er es eine lange Reihe von Jahren erhalte, und daß er Dir gebe, was Dir lieb ist. Ich lebe in die Erkenntnis Deiner Güte hinein, und danke Dir mehr, als ich Dir in den früheren Jahren zu danken vermocht habe, weil ich unvernünftiger war. Gib mir auch in der Zukunft Deine Neigung, die ich erst verdienen muß. Ich will dies zu erreichen ernstlich bestrebt sein. Nimm die Arbeit, welche ich Dir verfertigt habe, wieder gütig an, und denke dabei unter Deinen vielen Sorgen auch zuweilen an Deine in Liebe ergebene Nichte Gerlint.«

»Nun, die Briefe sind wieder artig«, sagte Dietwin.

»Wie sie das in der Anstalt lernen«, sagte Gerlint. »Aber ich bin nur die hochverehrte, geliebte Tante, und du bist der herzliebe Oheim.«

»Närrchen, mit welchem Dinge ist man denn die geliebte als auch mit dem Herzen?« sagte Dietwin. »Mache nun das Seidenpäckchen auf!«

Gerlint öffnete das Päckchen. Zwei sehr kleine Gegenstände kamen aus der Seide. Der eine war ein Stückchen schmales Seidenband, oder eigentlich waren es zwei Seidenbänder, die über einander befestigt waren: ein schwarzes und ein aschgraues. Auf dem schwarzen war ein winziges hinlaufendes Rosengeschlinge, auf dem grauen eines[736] aus Vergißmeinnicht. Beides war Seidenstickerei. Ein Papierstreifen sagte: ›Der lieben Tante.‹

»Das habe ich noch nicht in dieser Kleinheit und Feinheit gesehen,« sagte Gerlint, »und diese Geduld von dem heftigen Mädchen.«

»Aber wozu denn dieses Streifchen Band?« fragte der Bruder.

»Es ist unter allen Gaben, die sie mir je geschickt hat, die zarteste,« sagte die Schwester, »es ist ein Schlüsselbändchen für den Schlüssel des Ebenholzkästchens, das in der Wand meines Zimmers ist, und in dem alle meine andern Schlüssel hängen. Du weißt, ich trage das Schlüsselchen, um es nicht zu verlegen, immer mittelst eines Bandes an meinem Kleide befestigt, und da hat sie zu ihrem Bande sinnvoll die graue und schwarze Farbe je nach der Farbe meiner Kleider gewählt. Ich will heute noch die graue Seide zu meinem grauen Kleide tragen.«

»Tue das, Schwester,« sagte Dietwin, »und zeige mir nun auch das andere Ding.«

Gerlint wickelte aus feinem Papiere ein Geldtäschchen heraus, auf dessen einer Seite unter Glas auf weißer Seide ein sehr kleiner Lorbeerkranz war, eben so zart in Gold gestickt wie die Blumen auf dem Bande in Seide. Ein Papierstreifchen enthielt die Worte: ›Dem lieben Oheime.‹

»Da muß man völlig betroffen sein,« sagte Gerlint, »sie hat keine Ahnung von dem gehabt, was ich dir zu deinem heutigen Geburtstage bestimmt hatte. Welches merkwürdige Zusammentreffen!«

»Gib das Sächelchen,« sagte Dietwin, »siehe, so niedlich, und die Lage der Blätter wie bei dir. Ist das nicht wieder ein Zeichen?«

»Möge es sein, und möge alles gut enden«, sagte Gerlint.

»Es wird, es wird,« versetzte Dietwin, »wir werden uns bei dem Mädchen schön bedanken, und nun lasse den[737] Sausemann kommen, sonst wird er vollständig unwirsch.« Gerlint schellte mit der Glocke, ein Diener kam, und sie sagte: »Wir lassen den Herrn Baron in mein Wohnzimmer bitten.«

Der Diener ging, und gleich darauf kam Dietwin, der Neffe, in das Gemach. Einer seiner Leute, festlich gekleidet, trug ihm ein längliches Kästchen aus Palisanderholz auf dem Arme nach. Der Neffe winkte, der Mann stellte das Kästchen auf einen Tisch, und verließ das Zimmer.

Dann näherte sich der Neffe ehrerbietig der Tante, küßte ihre Hand, und faßte dann mit gleicher Ehrerbietung die Hand des Oheims. Hierauf trat er ein wenig zurück, und sprach: »Weil es schon der Brauch in dem Schlosse Biberau ist, daß zum Geburtstags-Glückwunsche der Herrin des Schlosses und zum Geburtstags-Glückwunsche ihres Bruders, der den gleichen Tag mit ihr in dem Schlosse feiert, niemand früher vorgelassen wird als an dem Tage selber, auch der leibliche Neffe nicht, so bin ich beim Anbruche des Tages von Weidenbach weggefahren, um der erste hier zu sein, und ich bin der erste gewesen, nur ein Brief meiner lieben Muhme Gerlint hat mir den Rang abgelaufen. Hochverehrte Tante, hochverehrter Oheim, alles Glück, allen Segen, alles Heil bringe dieser Tag, und es sollen ihm lauter solche Tage folgen. Er ist kein gewöhnlicher Geburtstag, heute ist er ein Abschnittsgeburtstag, der fünfzigste des geliebten Oheims. Mögen noch weit mehr als fünfzig kommen, und möge Tante und Oheim in traulicher Eintracht fortan beglückt sein, wie ihre Bilder traulich in dem Saale neben einander hängen. Mir ist von beiden unverdiente Güte zu Teil geworden, und wird mir noch zu Teil, ich sage den tausendfachen, aber verdienten Dank dafür. Ich werde alle Mühe anwenden, meine Fehler zu verringern, daß ich vor künftiger Güte nicht erröten darf.«[738]

Nach diesen Worten küßte er wieder der Tante die Hand, und reichte dem Oheim seine Rechte.

Hierauf sagte Gerlint: »Ich danke dir für deinen Wunsch, Dietwin, ich weiß, daß du mir alles Gute zuwenden möchtest. Es ist aber schon einiges genug, und in ein ganzes Jahrhundert hinein zu leben, wie du in Aussicht stellst, dürfte für mich alte Frau eher eine Strafe als ein Glück sein.«

»Die in solcher Schönheit blüht, ist mit hundert Jahren noch nicht alt«, unterbrach sie der Neffe.

»Gewöhne dir nur nicht die frevlen Reden deines Oheims an,« sagte Gerlint, »und was deine Muhme anbelangt, so haben wir ihren Brief zuerst vorgenommen, weil er abgetan sein muß, ehe die Leute kommen, und von den Leuten bist du immer der erste und wirst in meiner Wohnstube empfangen. Ich sage dir noch einmal den herzlichsten Dank für alle deine Wünsche.«

»Ich sage dir auch vom Grunde des Herzens meinen Dank,« sagte der Oheim, »und es freut mich, daß du deine Fehler verringern willst, und unsere Güte gegen dich wird nicht aufhören, sie ist größer, als du glaubst. Und das weißt du auch, daß ich heute fünfzig Jahre alt bin?«

»Ich habe sie gezählt«, sagte der Neffe.

»Poche nicht, du wirst auch so alt werden, ehe du es denkst«, entgegnete der Oheim.

»Wenn ich nur dann auch so sehr einem Dreißiger ähnlich sehe, wie du, Oheim«, sagte der Neffe.

»Trinke nicht viel Wein, enthalte dich der Leidenschaften, und sei mäßig, dann wird es bei dir auch so sein,« sprach der Oheim, »unser Geschlecht hat Ausdauer und Kraft.«

»Ich trinke, wie du weißt, nicht viel Wein,« antwortete der Neffe, »bin auch sonst mäßig, habe gar keine Leidenschaften, nur Gefühle, und da sind die für dich und die Tante die mächtigsten.«[739]

»So wirst du sehr alt werden, und mußt dann die Tante oder mich heiraten«, sagte der Oheim. »Und im übrigen danke ich dir auch noch einmal von ganzem Herzen für deine Wünsche.«

»Möge es dir gefällig sein, das Kästchen zu öffnen, liebe Tante,« sagte der Neffe, »ich habe es gewagt, dir auch ein Angebinde zu bringen.«

Mit diesen Worten reichte er der Tante ein kleines Schlüsselchen. Dann rückte er eines ihrer Arbeitstischchen vor sie, und stellte das Kästchen darauf. Gerlint drehte den Schlüssel, schlug den Deckel empor, löste das weiße, feine Papier auseinander, das sich zeigte, und rief: »Ach, die unvergleichlichen Edelmarderbälge!«

»Es ist nicht etwa der oberste der schönste, wie Geschäftsleute die Dinge gerne legen,« sagte der Neffe, »sie sind alle gleich.«

»Ich habe nie so schöne gesehen«, sagte die Tante.

»Es ist nicht leicht möglich, sie im Verkehre zu bekommen,« antwortete der Neffe, »ich habe sie in der Zeit gesammelt, und aus hundert Stücken diese zwanzig für dich ausgelesen, daß du von ihnen wieder nur die vornehmsten Teile zu einem Pelze für dich verwendest.«

»Zwanzig sind zu viel«, sagte die Tante.

»Es sind eben zwanzig, und nimm die zwanzig«, sagte der Neffe.

»Ich nehme sie«, antwortete die Tante.

Und nun legte man die Stücke heraus, und betrachtete sie. Dieselben waren wirklich alle gleich und herrlich. Und nach vielfacher Bewunderung legte man sie wieder zierlich in das Kästchen.

»Das ist ein adeliges Geschenk,« sagte die Tante, »der edle Stoff in dem edlen Gefäße. Was werde ich dir geben können?«

»Ich fordere etwas sehr Hohes,« antwortete der Neffe, »die Dauer deiner Neigung zu mir.«[740]

»Die hast du ja ohne die Bälge, du unvernünftiger Mensch«, sagte die Tante.

»So bleiben die Bälge ein Überschuß«, entgegnete der Neffe. »Was ich dir gebracht habe, teurer Oheim, konnte ich nicht in die Stabe tragen lassen, die Tante hätte es nicht zugegeben. Es sind die zwei Rappenfüllen, an denen, wie du neulich gesagt hast, kein weißes Härchen ist. Ich habe sie für dich auferzogen, und habe mich ein wenig mit ihrer Erziehung abgegeben. Und damit die Gaben zu dem heutigen Tage doch in dem Schlosse vereinigt sind, stehen sie unten in dem Stalle der Pferdejugend. Habe eine kleine Freude an ihnen.«

»Eine große habe ich, du Narr,« sagte der Oheim, »du machst heute Geschenke, wie die Herzoge und Könige der alten Zeit: Pferde und Pelzwerk. Und verlangst du von mir auch die Neigung als Gegengeschenk?«

»Freilich, mein verehrter Oheim«, antwortete der Neffe.

»Nun, die hast du, und meinen Dank dazu,« sagte der Oheim, »und es wird sich schon sonst auch noch etwas finden. Die Pferde freuen mich, du wirst sehen, wie die werden eingeschult sein, und Leiber werden sie haben wie die feinsten Schlangen.«

»Das glaube ich,« antwortete der Neffe, »ich werde indessen die Braunen heranziehen, und wir werden wetteifern.«

»Und wer die beste Erziehung geliefert hat, fahrt mich mit dem neuen Pelze im Schlitten«, sagte die Tante.

»Die Füllen müssen wir auch besehen wie die Marderfelle,« sagte der Oheim, »lasse sie in den Hof bringen.«

»Ich führe sie vor«, rief der Neffe.

Er nahm seinen Hut, und eilte aus dem Zimmer.

Die Geschwister gingen in den großen Schloßhof hinab.

Als sie dort angekommen waren, führte der Neffe an purpurroten, silberverzierten Zäumen die zwei schwarzen Pferdlein hervor, und führte sie vor Oheim und Tante.[741]

»Sie sind wahrhaftig weit schöner geworden, als sie waren, da ich sie zum letzten Male sah«, rief der Oheim.

»Und manierlich sind sie und sittig wie Pagen«, entgegnete der Neffe.

Er ließ sie Bewegungen machen, wie sie solchen Tieren in solchem Alter angeboren und angebildet sind.

»Es ist schon gut,« sagte der Oheim, »und ich danke dir noch einmal. Das ist ein fünfzigster Geburtstag! Lasse dich umhalsen, du heilloser Flederwisch.«

Nach diesen Worten nahm er den Neffen bei dem Haupte und küßte ihn auf den Mund und auf die Wange.

»Nun fort mit ihnen, da kommen sie schon in hellen Haufen«, sagte er dann.

Man hörte ein entferntes Wagenrollen gegen den Hügel des Schlosses heran.

»Komme, Gerlint,« fuhr er fort, »steige zu dem Saale empor, und rüste dich, die Huldigungen zu empfangen.«

Er reichte seiner Schwester den Arm, sie nahm ihn, und er führte sie die Treppe in das Schloß hinan.

Dietwin, der Neffe, gab die Zügel der Pferdchen dem Reitknechte und folgte den beiden Geschwistern.

Sie gingen jetzt in den großen Saal. Hier betrachteten sie noch ein Weilchen die zwei Bilder der Geschwister, die neben einander an der Wand hingen, sehr schöne Gestalten, in den Gewändern der früheren Zeit gemalt. Die Tante schüttelte lächelnd den Kopf, der Oheim war sehr zufrieden.

Dann setzte sich Gerlint in ihren großen Prunksessel, und die beiden Dietwin nahmen auf anderen Stühlen ihre Plätze ein.

Sofort hörte man auch das Wagenrollen im Schloßhofe, und die Diener meldeten bald darauf die, welche angekommen waren.

Sie wurden angenommen, und traten durch die Flügeltüren herein. Kurze Zeit darauf wurden auch andere gemeldet,[742] und kamen in den Saal; diesen folgten wieder mehrere, und so ging es eine Weile fort. Es waren die Bewohner der umliegenden Gegenden, die ihr größerer Grundbesitz und ihre Lebensweise geeignet machten, mit der Herrin des Schlosses Umgang zu pflegen. Sie sagten ihre Wünsche zu dem Geburtsfeste zuerst der Schloßfrau, und dann dem Bruder derselben. Dann nahmen sie auf Stühlen, die in mehreren Kreisen herum standen, Platz, und es wurden nun Gespräche über verschiedene Gegenstände, und man teilte sich allerlei mit, was man der Mitteilung wert erachtete.

Einige fuhren bald wieder fort, andere blieben bei dem Festmahle, zu dem an diesem Tage jeder, der sich einfand, ein geladener Gast war.

Da die Eßglocke tönte, gingen die Anwesenden in den Speisesaal, und verzehrten ein heiteres Mahl.

Für alle die Dienerschaft war in der großen, unteren Schloßhalle gedeckt, und es fehlte nicht an dem feinen Weine, um den der Oheim für sie gebeten hatte.

Nach dem Mahle erging man sich teils in dem Garten, teils in den Wirtschaftsgebäuden, teils in dem Schloßwalde, teils brachte man die Zeit auch wieder in dem großen Saale zu.

Als die Abenddämmerung kam, hatten alle Gäste bis auf den Oheim und Neffen Abschied genommen.

Des andern Morgens schickte der Oheim die Füllen nach Weiden. Dann besahen die Geschwister und der Neffe die Dinge im Schlosse und in seiner nächsten Umgebung, und besprachen sich, wie man in den nächsten Tagen das Entferntere besuchen, und wie man in die am weitesten gelegenen Werke und Gebreite fahren wolle. Die Ausführung des Besprochenen nahm fünf Tage in Anspruch.

Nach dem Verlaufe derselben fuhr der Oheim mit seinen Schimmeln gegen Weiden, der Neffe mit seinen Braunen gegen Weidenbach zurück.[743]

Quelle:
Adelbert Stifter: Gesammelte Werke in sechs Bänden, Band 3, Wiesbaden 1959, S. 717-744.
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