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[744] In Folge der Verabredung mit ihrem Bruder schrieb Gerlint, die Tante, an die Vorsteherin der Anstalt, in welcher sich Gerlint, ihre Nichte, befand, so wie auch an die Nichte selber. Und am letzten Tage des Monates Mai kam die Nichte in das Schloß Biberau.

Zwei sehr schöne, dunkelgraue Pferde zogen den Wagen in den Schloßhof. In dem Wagen saß Gerlint, an ihrer Seite saß ein Kammermädchen, und auf dem Rücksitze saß Adam, der Verwalter. Als sie ausgestiegen waren, reichte der Verwalter Gerlint den Arm, und führte sie die Schloßtreppe hinan. Das Mädchen folgte. Sie gingen in das Prunkgemach der Tante, in welchem diese ihren Bruder an dem beiderseitigen Geburtstage empfangen hatte. Sie saß im schwarzen Seidenkleide auf dem nämlichen Stuhle wie damals, und hatte das Schlüsselbändchen ihrer Nichte mit der schwarzen Seite nach auswärts an dem Kleide.

Die Kammerfrau Agathe saß etwas unterhalb ihr, und trug ebenfalls ein schwarzes Seidenkleid.

Als Gerlint das Zimmer betreten hatte, erhob sich die Tante. Gerlint näherte sich ihr, neigte sich auf ihre Hand, und küßte sie.

»Komme an mein Herz, du liebes Kind,« sagte die Tante, »sei willkommen, und möge dein Eingang gesegnet sein.« Sie umarmte das Mädchen, und küßte es auf die Wange. »Ich danke dir, Adam,« sprach sie weiter, »daß du mir das Kind wohlerhalten gebracht hast. Eure Reise ist doch glücklich gewesen?«

»Wie eine Fahrt durch unsere Wiesen«, antwortete der Verwalter.

»Du hast ja ein schwarzes Seidenkleid an, wie ich, liebe Gerlint«, sagte die Tante.

»Ich wußte, daß du entweder Schwarz oder Grau trägst,«[744] antwortete Gerlint, »und so wählte ich auf gutes Glück Schwarz.«

»Und siehe da, ich trage heute Schwarz,« sprach die Tante, »vor vierundzwanzig Jahren wäre ich eben so schmuck in einem solchen dagestanden, wie du heute. Du wirst die traurigen Farben Schwarz und Grau zur Genüge hier sehen. Aber wie zart auch dein Gedanke für deine Ankunft ist, so muß er ein Gedanke nur für die Ankunft bleiben, und du mußt künftig zur Blüte der Jahre die Blüte der Farben tragen, und mußt mir einige Heiterkeit in mein einfarbiges Schloß bringen. Der Schnitt des Kleides ist aber vortrefflich.«

»Wir lernen in der Anstalt das selber entwerfen«, sagte Gerlint.

»Das ist gut,« antwortete die Tante, »so seid ihr nicht von dem Ungeschicke anderer Leute abhängig. Und so sei noch einmal willkommen, und es sei dein Eingang gesegnet. Ich versage mir es nicht, dir selber deine Stube zu zeigen, und dich in sie einzuführen. Folge mir.«

Sie trat von ihrer Stufe herab, und ging zu einem Ebenholzgetäfel der Zimmerwand. Sie sperrte mit dem Schlüsselchen, das sie an ihrem Bande trug, das Getäfel auf, und man sah in das Innere eines Kästchens, in welchem ganze Reihen von Schlüsseln hingen. Sie nahm einen, schloß das Kästchen wieder zu, und gab den Schlüssel in die Hand Adams. Dann ging sie gegen die Tür. Die andern folgten ihr. Adam öffnete die Tür, und sie schritt hinaus. Sie ging den hohen Schloßgang entlang, und blieb vor einer der großen Eichentüren, die den Gang säumten, stehen. Adam sperrte die Tür auf. Die Tante wendete sich um, trat vor Gerlint, und machte ihr ein Kreuz auf die Stirne.

»Das ist deine Stube,« sagte sie, »tritt ein.«

Sie nahm Gerlint an der Hand, und führte sie in das Innere.[745]

Man gelangte in ein geräumiges Vorzimmer. Links an demselben waren zwei Gemächer für die Dienerinnen Gerlints, rechts drei Zimmer für sie selber, ein Empfangsgemach, ein Wohngemach und ein Schlafgemach. Die Geräte waren nicht neu, sondern solche, wie sie die Bewohner des Schlosses zu verschiedenen Zeiten gehabt hatten; aber sie waren kostbar, und an ihnen haftete ein Stück Geschichte des Schlosses.

»Hier kannst du wohnen, wenn es dir gefällt,« sagte die Tante, »und hieher kannst du gehen, wenn du in dem gemeinschaftlichen Gesellschaftszimmer nicht sein willst, und irgend eine andere Stelle nicht vorziehst. Hier bist du unbeschrankte Herrin. Sonst ist auch jeder Raum des Schlosses, seiner Umgebung, seiner Gärten, seiner Fluren für dich offen. Du kommst nun in einen neuen Abschnitt deines Lebens. Du bist an den Umgang deiner Gespielinnen in der Anstalt gewöhnt. Sie werden sich wohl auch zu den Ihrigen zerstreuen, manche werden dich besuchen, und manche werden dir schreiben, bis auch diese Verhältnisse allmählig in andere übergehen. In diesem Schlosse verkehren nicht viele Menschen, wie in einem Stadthause. Es kommen Nachbarn, und wir besuchen sie, es kommen Menschen aus der Stadt, und wir kommen auch zuweilen in die Stadt. Deinen Hauptumgang werden folgende Menschen bilden: ich, dein Oheim Dietwin in Weiden, dein Vetter Dietwin in Weidenbach, dann die gute Agathe, dann Adam und unsere anderen Leute. Ich werde deine Freundin sein, ich darf wohl sagen, deine Mutter. Wenn dir mein Wort, mein Rat, und vielleicht auch mein Beispiel von Nutzen sein kann, wird es mich sehr freuen. Der Umgang mit dem Oheime wird angenehm und fördernd sein. Das Zusammenkommen mit dem Vetter wird die Verwandtschaftsbande stärken. Agathe wird dir freundlich sein, wie sie es mir ist. Adam wird dir mit seiner Erfahrung beistehen, und die andern[746] Leute werden dir dienlich sein, und werden dich lieben. Und der entferntere Umgang mit denen, die uns hier auf dem Lande ähnlich sind, kann auch manches Ersprießliche bringen. Ich wünsche von ganzem Gemüte, daß du in der Zeit, in der du hier bist, nur Gutes erlebest, bis der Tag kommt, der dich, der Bestimmung der Frauen gemäß, in dein eigenes Haus als Gebieterin desselben und als Gattin eines rechtlichen Mannes führt. Und so richte dich in deiner Wohnung zurecht, wie du vermagst, und so zeichne ich noch einmal das Kreuz auf deine Stirne«

Und sie machte nach diesen Worten wieder das Zeichen des Kreuzes auf Gerlints Stirne.

Gerlint antwortete auf die Rede ihrer Tante: »Meine geliebte, hochverehrte Mutter. So nenne ich dich, und so werde ich dich immer nennen, weil du es gewesen bist, seit die, welche ich vermöge meiner Geburt Vater und Mutter hätte nennen sollen, und welche ich kaum gekannt habe, in dem Grabe ruhen. Du nimmst mich nun noch näher an dich, als ich es bisher gewesen bin. Ich danke dir innigst dafür, ich werde willig und gehorsam sein, und streben, jedes Gute von dir in mich aufzunehmen. Den Oheim werde ich öfter sehen als bisher, und ihm meine Liebe mehr beweisen können. Der Vetter Dietwin wird in unserem Kreise wohl immer willkommen sein. Mit den Nachbarn hoffe ich in gutes Einvernehmen zu gelangen. Agathe wird mit meiner Unerfahrenheit Nachsicht haben, von Adam werde ich jede Belehrung dankbar annehmen, wie ich ihm für seine Sorge und Mühe auf der Herreise schon sehr dankbar bin, und die Zuneigung der Schloßleute will ich mir erwerben. Und so nimm mich, liebe Mutter, und lasse mich bei dir, und rede von keiner Zeit, in der ich dich verlassen soll, diese Zeit wird niemals kommen.«

Es quollen Tränen bei diesen Worten aus Gerlints braunen[747] Augen. Sie nahm die Hand der Tante und küßte sie, und warf sich dann an ihre Brust und schluchzte laut.

Die Tante legte ihre Arme um sie, streichelte dann ihr braunes Haar an der Stirne, und sagte: »Beschwichtige dich, und sei beruhigt, mein liebes, mein teures Kind.«

»Stoße mich nur nicht zu einem fremden Manne«, sagte Gerlint.

»Närrlein, bleibe bei mir, so lange du willst, ich freue mich deiner«, antwortete die Tante; »aber das Fräulein von der Weiden wird ohne ihren Willen die Strahlen in das Land senden und Fremdes herbei ziehen, und vielleicht für eines hold leuchten.«

»Mögen die Strahlen eher abhalten und wegwenden,« sagte Gerlint, »bei mir ist es so, daß das, wovon du sprichst, nie geschehen kann, so lange ein Hauch in meinem Leben ist.«

»Handle genau, wie du willst,« antwortete die Tante, »Zwang und Willkür herrscht nicht in unserem Stamme.« »Ich weiß, ich weiß«, sagte Gerlint.

»So sind wir hierin einig«, sagte die Tante.

Darauf reichte Gerlint Agathe die Hand, und sagte: »Sei gegrüßt, Agathe, nimm mich als neuen Hausgenossen.«

»Sei gegrüßt, Gerlint,« antwortete Agathe, »ach Gott, ich sage du, als ob du noch das Kind wärest.«

»Ich bin es,« antwortete Gerlint, »und spiele mit mir wieder wie mit einem Kinde.«

Dann reichte sie Adam die Hand, und sagte: »Sei gegrüßt, Adam.«

»Das hochgeborne Fräulein blüht schöner als die Rosen von Jericho, die in unserem Garten sind, und werde es hier gehegt, daß es noch immer schöner und alleweile bei uns blühe«, antwortete Adam.

»Lasse mir die gute Sophie hier, liebe Mutter,« sagte Gerlint, »die mir schon einige Jahre zur Seite war.«

»Sophie ist ja auf meine Veranlassung zu dir gekommen,«[748] antwortete die Tante, »sie wird noch das gute Mädchen sein, wie sonst, und soll bei dir bleiben, so lange ihr euch zusammen wünscht. Sei willkommen bei uns, Sophie.«

Das Mädchen küßte der Tante die Hand.

»Nun, Kinder, lasset den Wagen abpacken, und richtet euch hier ein.«

»Ich habe den Befehl schon gegeben,« sagte Adam, »und die Sachen werden bereits in dem Gange harren.«

»Ich verlasse dich, Gerlint,« sagte die Tante, »wen du noch zu deiner Bedienung brauchst, und was du in dieser Hinsicht wünschest, darüber werden wir morgen eine Wahl treffen. Für heute wird dir Sophie genügen«

»Sie genügt für immer«, sagte Gerlint.

Die Tante wendete sich nun zum Gehen, Gerlint und Agathe begleiteten sie, Adam verließ auch die Zimmer, nur Sophie blieb in denselben zurück.

Nach einer Weile kam Gerlint wieder. Sie ging rasch durch das Vorzimmer und durch das Empfangzimmer. Im Wohngemache nahm sie den Hut ab, legte ihn auf einen Tisch, warf sich auf ein Sofa, und rief: »So sind wir hier, und es sei, wie es will. Sophie, lasse unsere Habseligkeiten hereinbringen, und beginne, sie ein wenig zu ordnen.«

Sophie entfernte sich, und mit Hilfe von Dienern wurden Koffer und Fächer und gestickte Säcke und lederne Säcke und Päckchen und dergleichen in die Zimmer gebracht. Als dieses vollendet war, und die zwei Mädchen sich allein befanden, kniete Sophie vor Gerlint nieder, legte ihr Haupt in ihren Schoß, und blieb eine Weile so.

Dann stand sie auf, ging zu einem Koffer, sperrte ihn auf, und legte die Dinge heraus. So tat sie mit den andern Koffern und mit den übrigen Fächern, und entledigte alles Gepäcke des Inhalts. Dann suchte sie die Gegenstände in den Geräten, die in den Zimmern waren, unterzubringen. Gerlint schaute zu, und sprach nichts.[749]

Als die Dinge notdürftig geordnet waren, setzte sich Gerlint vor ein kleines Spiegeltischchen, und Sophie brachte ihr die braunen Haare wieder mehr in Ordnung. Das schwarze Seidenkleid der Reise wurde mit einem andern, aber auch schwarzen Seidenkleide vertauscht. Es reichte bis zum Halse, und denselben umschloß ein feiner weißer Streifen. Auf das Haupt wurde ein blaßgelber Strohhut gesetzt.

So ging Gerlint zur Tante, und nach einiger Zeit sah man die zwei schwarzen Gestalten, Tante und Nichte, in dem Garten des Schlosses lustwandeln. Gegen den Untergang der Sonne kamen sie in das Schloß zurück. Am Abende war ein feierlicheres Mahl als gewöhnlich, und der Verwalter und seine Gattin waren dazu geladen. Dann wurde Gerlint in ihre Wohnung geleitet, und die erste Nacht ging über die neue Schloßbewohnerin dahin.

Am nächsten Morgen kleidete sie Sophie nach dem Frühmahle in ein dunkelveilchenfarbenes Seidenkleid. Dann wurde sie zu der Tante in den großen Saal gerufen.

Sie ging in denselben.

Dort saß die Tante in aschgrauem Seidenkleide in ihrem gewöhnlichen feierlichen Armstuhle. Der Oheim Dietwin und der Neffe Dietwin saßen neben ihr. Die zwei Männer standen auf, als Gerlint eingetreten war; die Tante aber blieb sitzen, und sprach: »Dein Oheim und dein Vetter sind gekommen, dich zu begrüßen.«

Der Oheim ging gegen Gerlint, und rief: »Es ist doch toll, welche Gedanken oft über einen Menschen kommen; aber sie kommen wie ein Sturmwind, und man muß sie sogar sagen, und mein holdes Töchterlein wird es schon erlauben: So wie die Füllen des Neffen da, die kleinen Räpplein, seit ich sie zum letzten Male gesehen habe, weit schöner geworden sind, so ist das Mühmlein noch unendlich schöner geworden, seit ich das kleine Küchlein in die Anstalt getragen habe.«[750]

»Das sind ja freilich tolle Worte,« sprach die Tante, »wenn man eine demütige Nichte gleich bei ihrer Ankunft mit Rappen vergleicht.«

»Die demütige Nichte verzeiht es, es ist mir plötzlich eingefallen,« sagte der Oheim, »komme her, mein liebes, schönes, demütiges Nichtchen!«

Und er nahm Gerlint bei den Schultern und küßte sie auf den Mund und auf die Wangen.

Gerlint schlang die Arme um seinen Nacken, küßte ihn auf den Mund, und rief: »Du lieber, lieber Oheim.«

»Nun, so ist es recht,« sagte der Oheim, »wenn man uns vor der ganzen Welt küßt, sind wir nicht mehr gefährlich. Liebes, gutes Kind, jetzt bist du unter den Deinigen. Es wird dir da immer wohler werden. Sie haben doch nur das rechte Herz für dich. Da ist nun deine Tante, deine Mutter, du kannst dein Herz aus ihrem Herzen nähren. Da bin ich, der dich wahrhaftig ungemein liebt, und da ist einer, der dich auch nicht mit Feuer und Schwert verfolgen wird. Er ist zu deinem Gruße herbei gefahren.«

Der Oheim schwieg.

Dietwin, der Neffe, aber ging gegen Gerlint, reichte ihr die Hand, und sagte: »Sei gegrüßt, meine sehr liebe Base Gerlint.«

Gerlint reichte ihm auch die Hand, und sagte: »Sei gegrüßt, mein sehr lieber Vetter Dietwin.«

»Möge es dir in deiner neuen Lage sehr wohl gefallen, und mögest du sehr glücklich sein«, sagte Dietwin.

»Ich werde es sein, wenn man mich ein wenig liebt«, sprach Gerlint.

»Wir werden schon auch für allerlei Annehmlichkeiten sorgen,« sagte der Oheim. »vielleicht ergötzt dich verschiedenes, das in den Vorkommnissen unserer Güter liegt, es ist in diesen Dingen viel mehr enthalten, als manche glauben. Junge Gemüter lieben die Zerstreuungen,[751] es wird nicht ganz daran fehlen. Da sind mannigfaltige Menschen um uns, die mit dir Kinder waren, sind nun auch große Leute, die andern sind älter geworden. Sie sind so ziemlich alle gut, die Unterschiede wirst du schon selber sehen. Und die Städte sind ja dann auch nicht außer der Welt, und wir nicht gar arme Fremdlinge in ihnen. Was du von sehr ernsthaften Beschäftigungen da unter uns beginnen willst, davon rede ich nicht, das versteht ihr, die Tante und du, besser als ich. Mich mußt du schon öfter hier in den Kauf nehmen. Die Tante fordert mich selber hiezu auf; denn sie hat meine Wohnung erweitern lassen. Du darfst mir aber nicht etwa den Hof machen, sondern wir leben ohne Zwang so fort. In meinem Hause in Weiden bist du nach der Tante die zweite Herrin. Richtet euch dort alles nach Wunsch zusammen. Und wenn wir nach Weidenbach kommen, so wird dein Vetter doch wohl auch die Sachen so zu richten verstehen, daß feine Frauen nicht so großes Ärgernis an seiner Junggesellenwirtschaft nehmen. So, du hoffnungsvolle Nichte, wir haben dir unsere Aufwartung gemacht, mache uns du nun auch bald die deinige.«

»Wie ich die hochverehrte Tante mit Ehrerbietung in Weidenbach aufgenommen habe, wenn sie mich besuchte,« sagte Dietwin, »so werde ich meine Base Gerlint mit Zuneigung empfangen, wenn sie in Weidenbach einen Zuspruch macht.«

»Und ich werde dir mit Zuneigung danken, lieber Vetter«, sagte Gerlint.

»Und nun, meine Kinder, höret mich an«, sprach die Tante. »Alle Glieder des Stammes derer von der Weiden, die sich auf dieser Erde befinden, sind in diesem Saale versammelt. Sie haben sich eingefunden, um sich zu begrüßen, weil sie nun in einem kleineren Raume bei einander leben werden, als dieses in früheren Zeiten hatte geschehen können. Möge das Zusammenleben ein glückliches[752] und heiteres sein. Und weil mir mein Bruder, wenn ich auch nicht die Älteste des Stammes bin, doch als der Besitzerin des Hauptgutes manche Vorrechte eingeräumt und mir manches anzuordnen überlassen hat, so sage ich euch hinsichtlich des Grußes: Ihr beiden Dietwine, Bruder und Neffe, seid wie vorher nicht Gäste, sondern wie Eigentümer und Mitbesitzer dieses Schlosses. Du, Gerlint, bist das Kind des Hauses und ein bedeutsames Mitglied des Stammes. Und weil dieser Stamm durch Jahrhunderte seinen Wert und seine Würde bewahrt hat, so ist es mir wohl nicht zu verdenken, wenn ich den Wunsch ausspreche, mögen wir, die wir jetzt die einzigen des Stammes sind, nicht die letzten sein. Und so sei nun jedes von uns sich und seiner Zeit wieder zurückgegeben.«

Nach diesen Worten erhob sich die Tante von ihrem Sitze und näherte sich den Flügeltüren des Saales, und die andern folgten ihr.

Man geleitete sie bis zu ihrer Wohnung, und verabschiedete sich dort.

Dann geleiteten die zwei Männer auch Gerlint zu ihrer Wohnung, und verabschiedeten sich auch von ihr.

Nachdem Gerlint eine kurze Zeit in ihrem Wohnzimmer gewesen war, kam ein Diener zu ihr, und sagte, die Frau Baronin lasse das Fräulein bitten, auf einige Augenblicke zu ihr zu kommen.

Gerlint leistete Folge.

Sie traf die Tante in ihrem Wohngemache. Diese wies ihr einen Platz neben sich an, und sagte dann: »Ich muß dich noch einmal plagen, liebes Kind, es werden aber diese ersten Unbequemlichkeiten doch wohl bald vorüber sein.« »Was du wünschest, ist mir keine Plage, teure Mutter«, sagte Gerlint.

»Es betrifft dich«, antwortete die Tante. »Ich habe dir gestern gesagt, daß wir heute eine Wahl über das treffen werden, was du noch zu deiner Bedienung brauchst. Du[753] hast dich heute über die Nacht mit deiner Sophie allein behelfen müssen. Ich schlage dir vor, daß du noch Martha dazu nimmst. Du warst ja mit ihr immer zufrieden, wenn du bei mir warst. Sie ist ein junges Ding, liebt schöne Kleider und Tändeleien; aber sie ist gutwillig und stets heiter, und wird deiner Jugend neben deiner Sophie wohl anstehen. Sie soll mit Sophie die zwei Dienstgemächer teilen. Ist dir diese Anordnung genehm?«

»Du bist immer so gütig gegen mich, wie sollte sie mir nicht genehm sein?« antwortete Gerlint.

»Für alles, was schwerere Arbeit in deiner Wohnung braucht, ist Judith angewiesen. Du darfst nur die Schelle dreimal nach ihr ziehen. Sie ist ein Schatz unseres Hauses, und gewältigt so vieles unscheinbar, in dem sie die andern Leute richtig anleitet. Sie war einmal in einer besseren Lage. Ihr Gatte war ein Weber, und arbeitete mit zehn Gesellen. Sein Handgeschäft wurde durch die neuen Erfindungen immer schlechter. Zuletzt arbeitete er nur mehr allein, und es meldete sich die Not im Hause und endlich die Hilflosigkeit. Da raffte sich Judith auf, tat schwere und grobe Arbeit jeder Art, weil sie anderes nicht verstand, und ernährte den Mann und die Kinder. So kam sie in mein Haus, und hat jetzt, glaube ich, eine gesicherte Stellung. Vor solchen Menschen muß man Achtung haben. Sie tut ihre Arbeit fröhlich und lachend, die ihr untergeordnet sind, lieben sie, und du wirst sie, und sie wird dich lieben.«

»Ich achte Judith, und werde mir ihre Neigung zu erwerben suchen«, sagte Gerlint.

»Zu Sendungen habe ich dir Mathias und Ferdinand befohlen,« sprach die Tante, »und irgend eine gelegentliche Verrichtung ist dir jeder meiner Diener und jede meiner Dienerinnen schuldig. So, meine ich, ist für das Bedürfnis und für die Würde gesorgt, und ich bitte dich, sage mir, ob du die Sache anders wünschest.«[754]

»Du sorgest reichlicher für mich, als ich es bedarf, meine vielgeliebte Mutter,« sprach Gerlint, »ich wünsche nichts mehr. Und dann habe ich ja noch eine Dienerin, die schaffen und schalten wird.«

»Nun?« fragte die Tante.

»Mich selber«, antwortete Gerlint.

»Ich weiß, du ergriffest alles, da du ein Kind warst, und suchtest es zu Überwinden,« sagte die Tante, »du wirst jetzt auch deine Zeit mit deiner Tätigkeit erfüllen, wie es dir deine Einsicht gebietet. Diese Mauern sollen dir die Mittel geben, wie sie es nur vermögen, und nicht bloß die Mauern, sondern auch Wald und Flur und Feld, die zu uns gehören, und die Nachbarschaft soll Zeuge dessen sein, was du wirkest, den Ruhm und Wert unseres Hauses zu erhöhen.«

»Ich werde die letzte nicht sein, den Wert des Stammes zu bewahren«, antwortete Gerlint.

»Ich glaube es dir,« sagte die Tante, »und nun gehen wir in deine Wohnung, daß dir die Leute vorgestellt werden.«

Und die Tante erhob sich, und Gerlint auch, und sie gingen in das Wohngemach Gerlints.

Die Tante schellte, und als ein Diener erschienen war, sagte sie: »Die sollen kommen, welche in der Halle warten.«

Der Diener ging fort.

»Setze dich, Gerlint«, sagte die Tante. Gerlint setzte sich, die Tante auch.

Nach kurzer Zeit kamen Sophie, Martha, Judith, Mathias und Ferdinand.

»Stellt euch in eine Reihe«, sagte die Tante. Sie taten es.

Dann sprach die Tante: »Das Fräulein von der Weiden, meine geliebte Nichte, hat genehmigt, daß ihr die Dienste bei ihr tut, zu denen ich euch angewiesen habe. Ihr[755] steht vor dem Angesichte eurer jungen Herrin. Küßt ihr zum Zeichen eures Diensteintrittes die Hand.«

Jedes von den Angeredeten näherte sich, und küßte Gerlint die Hand.

»Nun entferne ich mich,« sagte die Tante, »eure Herrin wird euch noch sagen, was ihr gut deucht. Lebe wohl, Gerlint, und bringe deine Zeit bis zum Mittagmahle hin.«

»Ich werde dich bis zu deiner Wohnung geleiten«, sprach Gerlint.

»Es freut mich«, antwortete die Tante. Und sie gingen zur Türe hinaus.

Nach kurzem kam Gerlint wieder zurück, und sprach zu den Leuten: »Meine lieben Kinder, ich habe euch nicht viel zu sagen. Ich hoffe, daß wir mit einander gut sein werden. Tut mir manchen Gefallen, ich werde nichts Unbilliges fordern.«

»Ich werde jeden Befehl erfüllen«, sagte Sophie. »Ich auch, ich auch«, riefen die andern.

»Und nun könnt ihr euch entfernen«, sprach Gerlint.

Die Leute küßten ihr noch einmal die Hand, und gingen fort.

Gerlint aber setzte sich auf ihr Sofa.

Als sie dort eine geraume Zeit gesessen war, schellte sie. Sophie kam.

»Sophie,« sagte sie, »suche mir das leichte graue Tuch hervor, ich werde allein in den Garten gehen. Richte dich indessen mit Martha in den zwei Zimmern zurecht. Seid verträglich und zankt nicht.«

»Ich werde gehorchen«, sagte Sophie.

Nach diesen Worten nahm sie ein weiches silbergraues Tuch aus einem Fache, und legte es ihrer Herrin um die Schultern. Dann wurde noch ein Hut aufgesetzt, und ein leichter Schirm genommen.

Hierauf verließ Gerlint das Zimmer.[756]

Sie ging über die große Schloßtreppe in den Hof hinunter, und von dem Hofe durch einen Bogen in den Garten. Zuerst war ein dichtes Wäldchen von wilden Kastanien. Unter den Bäumen standen Tische und Stühle. Sie schritt durch das Wäldchen. Außerhalb desselben waren dann links die Gewächshäuser, rechts ein Blumengarten, untermischt mit Zwergobst und Gemüsen. Sie erwiderte freundlich den Gruß des Gärtners und seiner Gehilfen, die da arbeiteten. Weiter hin ging sie durch den Gemüse- und Obstgarten. Dann kam ein Wald von Bäumen des verschiedensten edlen Obstes. Sie ging durch den Wald dahin. Hierauf gelangte sie auf grünen Rasen, auf dem zerstreute Bäume standen. Es waren Obstbäume, es war edles Laubholz, darunter manches aus entfernten Erdgürteln, es waren Nadelbäume, besonders alte mächtige Weimutskiefern. Sie ging unter den Bäumen dahin, dann kam sie auf einen ganz freien Rasenplatz, welcher sich links zu einem sanften Hange erhob. In der Mitte der Dachung dieses Hanges stand eine einzige Eiche, die als gewaltiges Gebilde die geneigte Fläche beherrschte. Auf diese Eiche ging Gerlint zu. Als sie sich ihr näherte, sah sie Dietwin, den Jüngeren, von der Eiche weg gegen den Rand des Hanges gehen. Sie blieb ein Weilchen stehen. Dann ging sie wieder weiter gegen die Eiche. In einer angemessenen Entfernung von derselben blieb sie stehen, legte ihre Arme vor der Brust über einander, und betrachtete den Baum. Sein Schaft ging schlank empor, und man hätte dessen Mächtigkeit nicht erkannt, wenn nicht von ihm die untersten Äste in der Dicke zweier Männer in die Breite gegangen wären. Und von ihnen bis zum Wipfel empor waren die Äste, an Stärke abnehmend, rings um die tragende Säule in gleichförmiger Gefälligkeit verbreitet. An ihren tausend Ausläufen war das strotzige, kraftvolle Laub. Gerlint sah lange auf die Gestalt dieses Baumes. Dann ging sie in einem[757] Kreise um ihn herum und betrachtete ihn von allen Seiten. Als sie ihre Betrachtung geendigt hatte, ging sie langsam gegen den Rand der Höhe hinan. Sie ging zu einer Stelle, auf welcher ein großer Fels auf dem grünen Rasen lag. Da sie bei dem Steine war, sah sie wieder Dietwin auf dem Rande des Hanges in der Richtung gegen Morgen dahin gehen. Sie aber blieb bei dem Steine stehen. Er war der einzige ringsum, er ragte ein wenig schief wie ein länglichter Würfel aus der Erde empor. Gerlint sah den Stein an. Er war ein Granit von ernster grauer Farbe, es waren die tausend Zeichnungen des trockenen grauen Mooses auf ihm, und die Bäche des Lichtes der Sonne gossen sich auf seine Fläche. Gerlint blieb bei dem Steine lange, wie früher bei der Eiche, stehen. Dann ging sie auf dem Rande des Hanges in der Richtung gegen Morgen dahin, in welcher sie Dietwin hatte gehen gesehen. Der Rand des Hanges wurde breiter, er war endlich mit Wald bestanden, und begann sachte aufwärts zu steigen. Die Bäume des Waldes waren Eichen, Eschen, Fichten, Föhren, und es war Gestrüppe niederen Ranges. Gerlint ging auf einem Pfade des Waldes fort. Der Pfad war anfangs eben, dann erhob er sich, und zuletzt klomm er steil hinan. Auf der Höhe war eine Blöße, die gegen Mitternacht von hohem Baumwuchse gesäumt war, und gegen Mittag einen Überblick über den Wald und die Gegend bot. An dem Rande der mitternächtlichen Bäume lief eine lange Reihe steinerner Bänke dahin. Gerlint ging zu einer der Bänke, und setzte sich auf dieselbe. Sie sah in der Richtung gegen Mittag hin. Zu ihren Füßen war die Blöße, dann strich der Blick über die Wipfel des Waldes dahin, dann traf er Gebäude mit Feldern, Wiesen, Wäldchen, Obstbeständen, zerstreuten Meierhöfen, Ortschaften, Kirchtürmen und Schlössern, und endete mit dem Gürtel des blauen Gebirgszuges, der den glänzenden Himmel schnitt. Gerlint blieb eine geraume Zeit auf dieser[758] Bank sitzen. Dann ging sie über die Blöße hinunter, bis sie wieder der Wald umfing. Sie ging in dem Walde abwärts, und gelangte endlich auf ebenen Boden, der mit lauter Eichen besetzt war. Gerlint wandelte unter den Eichen dahin, und schaute öfter in die Äste empor, die sich nach allen Seiten verschränkten. Sie wich manches Mal von dem Pfade ab und ging auf dem dunkeln grünen Rasen. Der Wald endete mit starken Stämmen an einem großen Teiche, der klares Wasser enthielt, und in dem Fische gehegt wurden. Gerlint ging an dem Saume des Wassers dahin in der Richtung gegen das Schloß zu. Neue Eichen empfingen sie am Ausgange des Teiches. Als sie unter diesen durchgegangen war, lag eine breite Wiese vor ihr. Auf dieser Wiese sah sie zum dritten Male Dietwin. Er ging über die Wiese dem Schlosse zu. Wo die Eichen die Wiese begrenzten, standen mehrere Tische und Bänke und Stühle. Sie hatten nichts Besonderes an sich, und waren, wie derlei Geräte in den meisten Gärten sind. Dann ging Gerlint über die Wiese zu dem Schlosse. Sie kam jetzt gegen die Vorderseite desselben, ging durch das Haupttor hinein, stieg die große Treppe hinan, und begab sich in ihre Wohnung. Sie setzte sich in ihrem Gemache auf ein Sofa. Da ihre Dienerin Sophie herein gekommen war, bedeutete sie dieselbe, wieder fortzugehen. Sie blieb lange auf dem Sofa sitzen.

Als es gegen Mittag ging, schellte sie um Sophie, und kleidete sich mit Hilfe derselben zu dem Mittagessen.

Dann, als die Glocke ertönte, ging sie in den Speisesaal. Hier fand sie den Oheim und Dietwin.

Gleich darauf trat die Tante herein. Sie war in ihrem aschgrauen Seidenkleide, und an demselben hing das Bändchen Gerlints nieder mit der grauen Seite nach auswärts.

Man setzte sich zu Tische. Obenan saß die Tante, zu ihrer Rechten saß der Oheim, zu ihrer Linken Dietwin,[759] und neben dem Oheime saß Gerlint, und neben Dietwin Agathe. Sonst war niemand bei dem Mahle.

»Ich habe ein kleines Ankunfts- und Verbindungsmahl veranstaltet,« sagte die Tante, »es ist so bei uns der Gebrauch, liebe Gerlint. Ich habe dir das Mahl zweiten Ranges zugeordnet mit dem Silber, den Blumen, den Früchten, den Speisen und der Dienerschaft im zweiten Range. Die Mahle ersten Ranges sind in dem großen Speisesaale bei Vermählungen, Verlobungen und andern Gelegenheiten hoher Feier. Dann sind noch die Mahle dritten Ranges und unser gewöhnliches Speisen. Du wirst schon alle Ordnungen dieses Schlosses kennen lernen, wenn du länger hier gewesen bist.«

»Meinem lieben Oheime und meinem lieben Vetter kommt wohl eine Auszeichnung zu,« sagte Gerlint, »ich bedeute aber noch nicht viel.«

»Der Eintritt eines Mitgliedes unseres Geschlechtes in unsere nähere Verbindung und in unseren näheren Umgang muß gefeiert werden«, sprach die Tante.

»So ist es«, sagte der Oheim.

Dann begann das Mahl, und hatte seinen Fortgang.

Während desselben waren verschiedene, aber gewöhnliche Gespräche. Man sprach über die Ankunft Gerlints, über Vorkommnisse und Veränderungen in den Gütern der Tante, des Oheims, Dietwins, über die Nachbarschaft, über Zeitereignisse. Dietwin sprach wenig, Gerlint beinahe nichts. Nach dem Mahle wurde auf dem breiten Söller des Schlosses der Kaffee aufgetragen.

Am Nachmittage gingen alle gemeinschaftlich durch den Garten, durch Felder, über Wiesen und durch Wäldchen des Gutes.

Am Abende war ein einfaches Abendmahl in dem gewöhnlichen Speisezimmer, und dann konnte jedes seine Nachtruhe suchen.

Nach dem Frühmahle des folgenden Tages kam die Tante[760] zu Gerlint in ihr Zimmer, setzte sich zu ihr, und sagte: »Ich habe dir noch eine Eröffnung zu machen, Gerlint, die dich vielleicht freuen wird. Auguste von Schilden kommt. Du wärest ja unter uns gar so einsam. Ich habe ihr geschrieben, und habe sie eingeladen, doch wieder eine Weile bei uns zu sein. Sie hat freundlich geantwortet; aber vermöge unserer unerquicklichen Botenverhältnisse hat der alte Kajetan den Brief eine Woche bei sich vergessen, und hat ihn mir heute morgens gebracht, und so trifft Auguste fast zugleich mit ihrem Briefe ein. Ich erwarte sie jeden Augenblick. Weil bis gestern kein Brief eingetroffen war, habe ich dir von der Sache gar nichts gesagt. Jetzt aber eröffne ich sie dir, daß du auf diese Ankunft gefaßt bist. Wenn auch Auguste gewöhnlich nicht lange bei ihren Verwandten verweilt, so hoffe ich doch, daß sie nicht gar kurze Zeit bei uns bleiben wird.«

»Du bist in allem so besorgt, geliebte Mutter,« antwortete Gerlint, »daß ich dir auch für diese Güte wieder sehr zum Danke verpflichtet bin. Ich werde bestrebt sein, deine Zufriedenheit mit mir in jedem Stücke nach allen Kräften zu erringen. Ich freue mich der Ankunft Augustens, und freue mich, daß sie eine Weile bei uns sein will.«

»Ich verlasse dich, und sehe der Ankunft Augustens entgegen«, sagte die Tante.

Dann entfernte sie sich aus Gerlints Zimmer.

Ungefähr zwei Stunden nach diesem Gespräche kam Auguste in dem Schlosse an.

Gerlint und Dietwin empfingen sie an dem Wagen, und führten sie in das Zimmer der Tante, wo diese und der Oheim ihrer harrten.

Man begrüßte sie auf das herzlichste, und tauschte gute, verwandtschaftliche Worte aus.

Darauf geleiteten sie alle in ihre Wohnung, die neben der Gerlints war.[761]

Dort verabschiedeten sich die Männer.

Auguste aber küßte die Hand der Tante, und sagte: »Wie danke ich dir, teure Muhme, daß du mir erlaubst, die erste Zeit, die Gerlint in diesem Schlosse zubringt, mit ihr teilen zu dürfen.«

»Ich habe dir hier eine kleine Wohnung zurecht richten lassen,« antwortete die Tante, »möge sie dir nicht mißfallen.«

»Du weißt ja, wie gerne ich seit dem Tode meiner teuern Eltern bei dir war,« sagte Auguste, »und ich bin jetzt wieder gerne bei dir und Gerlint, und was du anordnest, muß ja jedem Menschen gefallen.«

»Du schmeichelst mir wieder,« sprach die Tante, »nun, ich will die Schmeichelei zu verdienen suchen. Du und Gerlint waret euch zugetan, da Gerlint ein Kind war. Vielleicht ist jetzt die Neigung noch da, und wird wachsen.«

»Sie ist ja da, und bedarf nicht zu wachsen«, sagte Auguste.

»Liebe Auguste«, rief Gerlint.

Und die beiden Mädchen schlossen sich in die Arme, und küßten sich.

»So lasse mich einen Augenblick bei dir ausruhen,« sagte die Tante, »was ich sehe, gefällt mir.«

Sie setzte sich mit diesen Worten auf ein Sofa. Die beiden Mädchen setzten sich ihr dicht gegenüber, und faßten sie an den Händen.

»Du bist um einige Jährlein älter, und wirst mir die läßliche Gerlint da schon ein wenig leiten«, sagte die Tante.

»Und ich werde gehorchen«, sagte Gerlint.

»Wir werden uns beide lieben«, sagte Auguste.

»Nun, wir werden schon auch für einige Vergnügungen in dem Schlosse sorgen,« sprach die Tante, »wo zwei so zierliche Gestalten wohnen, dahin werden wohl auch die Nachbarn gerne kommen.«[762]

»Meinetwegen kommt keiner«, sagte Auguste.

»Frevle nicht, Mühmlein,« sprach die Tante, »du hast doch Seufzer auf deinem Gewissen, die du nicht erhöret hast.«

»Sie waren vielleicht nicht Ernst, weil ich sie nicht verstanden habe«, entgegnete Auguste.

»Ehen werden in dem Himmel geschlossen,« sagte die Tante, »und wenn es der Himmel fügt, wirst du die Seufzer schon verstehen. Und nun, meine Kinder, lasset mich, und tut, was ihr in den ersten Augenblicken eures Beisammenseins für ersprießlich erachtet.«

Sie befreite ihre Hände von denen der Mädchen, und verließ das Zimmer.

Die Mädchen aber gingen daran, mit Hilfe der Dienerinnen die Wohnung Augustens in Ordnung zu richten.

An diesem Tage war auch ein Mahl zu Ehren der Ankunft Augustens.

Dann wandelte man herum, wie an dem vorherigen Tage.

Und so wurden vier Tage in gegenseitigem verwandtschaftlichen Umgange und Verkehre zugebracht.

Am fünften Tage nahm Dietwin nach dem Frühmahle von der Tante, von Gerlint und Auguste Abschied, weil er nach Weidenbach zurückkehren wollte.

Darauf wurde ein Wagen, der mit Silber verziert war, aus dem Wagenbehälter in den Hof geschoben, und zwei braune Pferde in silberbeschlagenen Geschirren davor gespannt. Hinter den Staatswagen wurde der leichte Wagen Dietwins gestellt, und zwei junge, goldlichte Pferde vor denselben gespannt.

Dann stiegen die drei, die Tante, der Oheim und Gerlint, in den Staatswagen, und Ferdinand und Joseph sprangen hinten auf das Brett desselben.

Dietwin setzte sich auf den Bock seines Wagens, und sein Kutscher setzte sich hinein.[763]

Auf diese Weise fuhren sie eine ziemliche Strecke auf der Straße von dem Schlosse weg.

Dann aber lenkte der erste Wagen rechts in einen Seitenweg ein, und ging auf demselben fort. Dietwins Wagen fuhr auf der geraden Straße weiter, daß der Staub empor wirbelte, und daß man die Räder kaum zu sehen vermochte.

Der Staatswagen kam nach einer Zeit vor das Schloß Wengern.

Der Oheim und die Tante stellten Gerlint dem Herrn und der Frau des Schlosses und ihren Angehörigen als eine neue Mitbewohnerin von Biberau vor.

Nach einer kurzen Zeit fuhren sie wieder weiter.

Gerlint wurde an diesen und an den folgenden Tagen noch in mehreren andern Schlössern vorgestellt.

Darauf begannen die Besuche der Nachbarn in dem Schlosse Biberau.

Es kamen reiche Grundbesitzer, es kamen solche, die in einem Schlosse wie einst Ritter in ihrer Burg hausten, und es kamen auch Leute ohne Adel, mit denen aber ihrer Stellung wegen die von der Weiden stets Umgang gepflogen hatten. Vielfache Unruhe wurde dadurch in dem Schlosse bereitet, und seine Gastfreundschaft in mancherlei Weise in Anspruch genommen. Der Oheim war in dieser Zeit immer in Biberau, weil er mit seiner Schwester die Nichte Gerlint bei den Leuten vorgestellt hatte. Dietwin fuhr zuweilen unvermutet mit seinen goldhellen Pferden in das Schloß, und tat sich unter den Bewohnern und Besuchern herum. Hierauf fuhr er wieder von dannen. Er lenkte die Pferde immer selbst.

Die Feierlichkeitsbesuche der Nachbarn endeten zuletzt, nachdem alle da gewesen waren, zu denen die Geschwister Gerlint geführt hatten.

Man konnte jetzt erst recht daran gehen, sich in dem Schlosse und in den neuen Verhältnissen zurecht zu finden.[764] Die Tante, welche bisher an dem einen Tage ein schwarzes, an dem andern ein aschgraues Seidenkleid getragen hatte, ging nun fortwährend in einem schwarzen. Gerlint und Auguste konnten die verschiedenen Festkleider, welche die Besuche geboten hatten, in die Laden legen, oder von den Schäden, die ihnen etwa verursacht worden waren, heilen lassen. Der Oheim packte manches aus seiner Wohnung ein, und fuhr eines Tages mit seinen Schimmeln nach Weiden. Gerlint begann ihre Wohnung, wie sie es in ihrem Sinne meinte, zu ordnen. Es stand ein sehr kostbarer Flügel in ihrem Empfangszimmer, und obwohl das Spiel auf dem Flügel zu den Unterrichtsgegenständen der Anstalt, in welcher Gerlint gewesen war, gehört hatte, und obwohl die Briefe der Vorsteherin vielfach nach Biberau gemeldet hatten, daß Gerlint darin hervorrage, sperrte sie doch mit dem Schlüssel den Flügel zu, und bat die Tante, daß sie nicht zürne, wenn sie selber auf dem Flügel nicht spiele, und auch nicht gestatte, daß es sonst jemand tue.

»Ich habe dir gesagt,« erwiderte die Tante, »daß du in deiner Wohnung die Herrin bist, und tun kannst, wie es deine Einsicht gebietet.«

»Und ich habe geantwortet,« sagte Gerlint, »daß ich nicht die letzte sein werde, den Wett des Stammes zu wahren.« »So sind wir einig«, entgegnete die Tante.

In den Zimmern Gerlints waren auf Tischen vor Spiegeln oder auf andern Platzen allerlei kleine Dinge von Porzellan, oder Glas, oder Holz, oder Metall, und darunter menschliche Gestalten in verschiedener Weise. Alle diese Dinge stellte Gerlint der Tante wieder zur Verfügung, und die Tische und die Plätze, auf denen sie gewesen waren, blieben leer.

Dann entfernte sie alle Bilder und Kupferstiche von den Wänden, und ließ die Wände leer. Von ihrem Bette ließ sie die Vorhänge wegnehmen und das Bett so stellen,[765] daß sie beim Erwachen durch die großen Fenster in den Himmel sehen konnte. Die Spiegel wurden alle bis auf einen, der zum Ankleiden dienen sollte, aus der Wohnung entfernt. An den Fenstern legte sie die Stoffe, die zu Vorhängen dienten, in Falten, wie sie ihr gefielen, befestigte die Stoffe an den Seiten der Fenster, und ließ sie nicht zuziehen. In das Wohnzimmer und in das Empfangszimmer wurden Gewächse gestellt. An dem Haupte ihres Bettes standen zu beiden Seiten Bücherschreine, und in der Nähe des Fensters des Schlafgemaches stand ein großer Schreibtisch. Von Gerätschaften zu weiblichen Arbeiten, Stickrahmen oder dergleichen, war nichts zu erblicken, auch konnte man keine Vorrichtungen für Musik oder irgend eine andere Kunst entdecken. Die Geräte, mit denen die Tante die Zimmer hatte versehen lassen, stellte sie, wie es ihr passend schien, und gab auch einiges, was ihr überflüssig deuchte, der Tante zurück. Hierauf entwarf sie mit der Hilfe Augustens Zeichnungen zu verschiedengestaltigen Tongefäßen, die als Untersätze für die Gewächse ihrer Zimmer dienen sollten, und die sie wollte verfertigen lassen. Ingleichen wurden auch Zeichnungen zu Gewächsgestellen gemacht.

Als alles dieses geschehen war, wurde die Tante davon verständigt und um ihre Billigung gefragt.

Die Tante antwortete: »Unsere Vorfahrer sind ihre eigene Wege gegangen; aber jeder den rechten. Darum wurde nie einer von einem andern getadelt, und darum hat auch meine ganze Billigung, was du getan hast.«

Als die Wohnung vorläufig so geordnet war, begann das gewöhnliche Leben.

Die Tante, Gerlint, Auguste und Agathe fuhren in einem geräumigen Wagen durch die Besitzung. Adam fuhr in einem leichten Wägelchen hinterdrein. Die Tante besah die Zustände, zeigte dieselben Gerlint und Auguste, besprach sich mit ihnen und mit Adam, und ordnete an. So[766] lernte Gerlint nach und nach die Bestandteile ihrer Besitzung und die Zweige ihrer Verwaltung kennen. Sie kam bei diesen Gelegenheiten mit den Leuten zusammen, die in der Besitzung arbeiteten.

In den Garten und in die nächste Umgebung des Schlosses ging man zu Fuße.

Wie die Tagesordnung und die sonstige Ordnung in dem Schlosse sei, lernte Gerlint schon nach einer kurzen Zahl von Tagen kennen. Denn die Tante hatte hierin nicht nur eine sehr große Einfachheit, sondern auch eine sehr große Pünktlichkeit.

Um fünf Uhr des Morgens verließ Gerlint ihr Bett. Sie brachte die Stunde bis sechs Uhr an ihrem Schreibtische zu. Dann ging sie zu Auguste, oder Auguste kam zu ihr, und sie lasen aus irgend einem Buche bis sieben Uhr. Um sieben Uhr tönte das Zeichen zu dem Frühmahle. Gerlint und Auguste gingen in den Kleidern, die man zu dem Frühmahle gewöhnlich hatte, in den kleinen Speisesaal, und in demselben wurde gemeinschaftlich unter Gesprächen das Frühmahl eingenommen. Nach einer Stunde verließ man den Saal. Gerlint geleitete meistens die Tante in ihr Gemach, und sprach noch verschiedenes mit ihr. Nach dieser Zeit ordnete sie mit ihren Mädchen an, was diese an dem Tage tun sollten. Hierauf ging sie entweder mit der Tante, die in ihren Geschäften war, herum, oder sie ging allein in den Garten oder in eines der Wäldchen, oder in die Felder und Wiesen. Sie besuchte zu dieser Zeit auch bisweilen mit der Tante eines oder das andere Haus der Umwohner des Schlosses. Auguste war manches Mal mit der Tante und ihr, oder mit ihr allein; meistens aber brachte sie diese Zeit allein zu. Um zwölf Uhr kleidete man sich festlich zu dem Mahle an. Um ein Uhr tönte die Speiseglocke, und es wurde in dem kleinen Saale das Mittagmahl eingenommen. Nach demselben war Gerlint mit Auguste und Agathe eine[767] Weile bei der Tante. Dann brachte sie wieder eine Stunde an ihrem Schreibtische zu. Sie blieb in der wärmeren Tageszeit in ihrer Wohnung. Dann war sie wieder viel im Freiem Die Zeit nach dem Abendmahle brachte man öfter in dem Gemache der Tante zu. Es war aber dies keine Regel, und jedes durfte diese Zeit auch verwenden, wie es wollte.

Gerlint lernte, was die Tage in der Verwaltung des Gutes brachten, immer genauer kennen, und die Tante und Adam und der Gärtner waren ihre Lehrmeister. Ihre Tätigkeit, die anfangs unbestimmter war, wurde immer geregelter, und die Tante ließ sie an manchem Teil nehmen, und ließ ihr in manchem freie Hand.

Der Oheim kam öfter in das Schloß, öfter kam Dietwin, öfter kamen sie mit einander.

Gerlint und Dietwin waren sehr höflich gegen einander, aber gemessen. In ihren Meinungen war oft Streit, und er wurde mit Kraft geführt.

Die Tante besuchte mit Gerlint und Auguste und Agathe ihren Bruder und auch Dietwin, und alles wurde auf den Gütern derselben genau besichtigt.

Zuweilen kamen Besuche der Nachbarn nach Biberau, zuweilen fuhren die Tante und Gerlint und Auguste zu den Nachbarn, und der Oheim und Dietwin gesellten sich manches Mal dazu.

Indessen waren die Gefäße zu den Blumen und die Gestelle nach den Zeichnungen fertig geworden. Gerlint schmückte nun ihre Wohnung mit Gewächsen, die Tante gab ihre Genehmigung hiezu, und der Gärtner lieferte aus, was Gerlint verlangte.

In dieser Zeit verschrieb Gerlint die schönsten und auch alle neuesten Rosen. Sie mußten sämtlich aus Reisern auf Hagebuttenstämme gepfropft sein. Als die Bäumchen angekommen waren, legte sie an einer Stelle des Gartens, die ihr geeignet schien, und die sie mit Hilfe des[768] Gärtners hatte zurichten lassen, ein Rosengehege an. Sie pflegte die Stämmchen selber, und Judith war hiebei ihre Handlangerin. Dietwin kam eines Tages, und besah diese Anlage sehr genau; sprach aber kein Wort darüber. Eben so sagte er nichts über die Gewächsanordnung in der Wohnung Gerlints, als er einmal mit dem Oheim von der Tante zu Gerlint geführt worden war.

Unter den Besuchern, welche zuweilen in das Schloß kamen, waren auch junge Männer, und manche wendeten Gerlint Aufmerksamkeiten zu. Sie aber war gegen alle gleich. Auf dieselbe Weise war es auch, wenn die Bewohner von Biberau und der Oheim und Dietwin auf irgend ein Gut zu einer Festlichkeit oder bei einer andern Gelegenheit geladen wurden.

So kam nach und nach der Herbst.

Im Anfange des Aufenthaltes Gerlints in Biberau kamen sehr viele Briefe von Freundinnen, die mit ihr in der Erziehungsanstalt gewesen waren, an. Diese Briefe wurden gegen die späte Jahreszeit seltener, und Gerlint hatte also auch seltener zu antworten.

Der Herbst ging mit seinen mannigfaltigen Beschäftigungen, die er gebracht hatte, vorüber, und es ging der Winter nach mancher häuslichen Arbeit, die man sich auferlegte, nach manchen Zusammenkünften, die man pflegte, nach manchen Belustigungen, die man im Zimmer, dann im Freien auf Spaziergängen, auf dem Eise, auf Schlittenfahrten veranstaltete, vorüber.

Als der vierundzwanzigste April in dem Schlosse Biberau gefeiert wurde, und als der Oheim und die Tante ihr alljährliches Zwiegespräch in der Stube der Tante hielten, sagte sie: »Du hast gemeint, lieber Bruder, Dietwin werde stürmischer verfahren, als Erwin verfahren ist, und nun zeigt sich noch gar nichts.«

»Es ist eben die Zeit noch nicht gekommen, in welcher der Sturm seinen Anfang nehmen sollte«, antwortete der[769] Oheim. »Das ist wahr,« sagte die Tante, »und er wird vielleicht noch lange nicht, oder vielleicht auch gar nie, anfangen.« »Wer kann das wissen?« fragte der Oheim.

»Dietwin sieht so viele schöne, gesittete, wohlgebildete Mädchen,« antwortete die Tante, »und er sieht sie, als ob sie gemalte Bilder wären, nein, nicht einmal so, denn die gutgemalten Bilder würde er bewundern, Gerlint ist auch so gegen die jungen Männer, und gegen einander sind sie beide, wie sie immer gewesen sind.«

»Das muß ich sagen,« sprach der Oheim, »schneller als er wäre ich in meinem einundfünfzigsten Jahre noch; aber siehe zu, eines Tages wird er mit der Tür ins Haus fallen.«

»Erwarten wir, welcher Art der Fall sein wird«, sagte die Tante.

»Der rechten Art, wie kraus er auch aussehen mag«, sprach der Oheim.

»Gebe es Gott«, erwiderte die Tante.

»Der Himmel schließt ja die Ehen«, sprach der Oheim.

»Er schließt sie, wenn eine rechte zu schließen, oder wenn überhaupt eine zu schließen ist«, antwortete die Tante.

»Vielleicht schließt er mehrere,« sagte der Oheim, »da bist ja du in dem Schlosse, dann Gerlint, Auguste, die Kammermädchen, Agathe. Nur für Judith hat er die Ehe schon geschlossen.«

»Führe heute nicht Frevelreden,« entgegnete die Tante, »warten wir, was uns die Geschicke bringen werden.«

»Warten wir,« sagte der Oheim, »wir können warten. Dietwin und Gerlint sind noch jung genug. Und selbst wenn sie einander nicht wählen, so werden sie gewiß so wählen, daß wir auch zufrieden sein können. Ich weiß überhaupt noch nicht, sind die beiden noch in der ersten Abteilung unseres Geschlechtes oder in der zweiten.«

»Sind sie wo immer,« sprach die Tante, »sie haben einen[770] hohen Sinn, und eine Wegwerfung ist nicht zu befürchten«

»Sie ist nicht zu befürchten, und würde nicht geduldet«, sagte der Oheim.

So schloß an diesem Tage die Verhandlung, weil nichts mehr da war, das verhandelt werden konnte.

Der Frühling ging nach dieser Zeit immer rascher in das Land, und wurde immer heißer.

Gerlint sorgte für ihre Rosen, die in Üppigkeit dastanden, sie sorgte noch für allerlei andere Blumen und Gewächse, die sie in ihre Aufmerksamkeit genommen hatte, sie half der Tante in der Verwaltung von Feld und Wiese und Wald, sie wendete ihre Augen auch all den Tieren des Schlosses zu, sie kaufte Bücher und las allein oder mit Auguste in ihnen, sie ritt oft auf ihrem schwarzen Pferde herum, und zuweilen so rasch wie der Vetter Dietwin, und sie gab den jungen Männern der Nachbarschaft und der Stadt keine zuvorkommenden Blicke.

Und als die Zeit der Rosenblüte gekommen war, sandte die Tante ohne Gerlints Wissen Boten an ihren Bruder, an Dietwin und an zahlreiche Nachbarn, daß sie kämen und die Rosen Gerlints bewunderten. Sie kamen und bewunderten die vielen, in der Gegend größten Teils noch unbekannten Rosen, die so reichlich dastanden, daß das Ganze ein Wäldchen von Rosen war. Der Oheim setzte sich sogleich nieder und schrieb an die vorzüglichsten Pflanzenhändler nach England, um seiner Nichte noch vielleicht Rosenschätze zu verschaffen, die sie nicht hatte. Zwei Tage nach dem Abschiede von Biberau kam ein Bote von Dietwin und lud die Bewohner von Biberau nach Weidenbach ein, dort etwas zu besehen. Die Tante, Gerlint, Auguste und Agathe fuhren hin. Sie fanden den Oheim dort und viele Menschen aus der Nachbarschaft. Als auserlesene Erfrischungen dargeboten worden waren, führte Dietwin die ganze Gesellschaft in den Garten. Sie[771] kamen vor ein Gitter, hinter dem eine grüne Wand von Haselnußgesträuchen war. Dietwin öffnete mit einem Schlüssel die Tür des Gitters, und die Gäste traten ein. Nachdem sie einen kurzen Gang in dem Gebüsche zurückgelegt hatten, öffnete sich ein großes, ebenes Feld, auf dem lauter Rosenbäume standen. Waren Gerlints Rosen ein Wäldchen, so waren Dietwins Rosen ein Wald. Das sah man auch gleich, daß sie in Gruppen und nach Farben geordnet waren. Nach allen Richtungen gingen Wege, daß jeder Stamm betrachtet werden konnte. Fast alle waren in Blüte, und der Anblick machte eine berauschende Wirkung.

»Da hast du ja alle Rosen, die wir in Biberau gesehen haben,« rief der Oheim, »nur in größerer Zahl, und noch andere dazu, vielleicht schon die, welche ich aus England verschrieben habe.«

»Es sind mir aus England, Holland, Belgien, Frankreich, Spanien und aus der Türkei Rosen gesendet worden«, sagte Dietwin.

»Und das hast du geheim getan«, sprach der Oheim.

»Es ist eine grüne Mauer um das Feld, und das Gitter war immer gesperrt, damit die Überraschung gelinge«, sagte der Neffe.

»Bei mir ist sie dir gelungen«, antwortete der Oheim. »Bei mir auch«, sagte die Tante.

»Bei allen, bei allen«, riefen fast die sämtlichen Anwesenden.

Und man konnte der Bewunderung kein Ende finden.

Dietwin führte die Tante durch alle Gänge, und zeigte ihr und erklärte ihr alle vorzüglichen Blumen. Die Gäste zerstreuten sich, und betrachteten, was jedem der Betrachtung am würdigsten erschien. Es durfte aber keine Blume abgeschnitten werden. Nur der Tante band Dietwin einen Strauß der schönsten Rosen zusammen.

»Wenn mein schönes Mühmchen Gerlint den einen oder[772] den andern Stamm für ihre Sammlung bedarf und wünscht, so gebiete sie nur darüber«, sagte er.

»Wenn ich Stämmchen bedarf, so werde ich meinen guten Vetter darum ersuchen«, antwortete Gerlint.

Außer den Rosen wurde von den Gästen darauf der ganze Garten besehen, dann auch die Wirtschaftsgebäude, selbst nahegelegene Felder, und endlich das Schloß. Große Bewunderung erregten zwei herrlich gebildete schneeweiße Kühe, an denen kein anderes Härchen war, und ein Feld mit so schönem Weizen, wie man noch nie einen in der Gegend gesehen hatte.

»Ich hoffe, endlich alle meine Rinder in allen Farben in der trefflichsten Zucht und alle meine Getreide so schön und schöner als diesen Weizen hier zu haben«, sagte Dietwin.

Ein ausgesuchtes Mahl folgte auf die Beschauung, und nach demselben verließen die Gäste das Schloß. Nur die von Biberau und der Oheim blieben über die Nacht in Weidenbach, und fuhren des andern Tages nach Hause.

Der Sommer verging, wie der vorige vergangen war, und der Winter verging auch so, nur daß in demselben schon die Zuchten des Paares schwarzer Pferde des Oheims und des Paares brauner Pferde des Neffen vor Schlitten wetteifern konnten. Die Tante hatte wirklich aus den Marderfellen nicht früher einen Pelz machen lassen, als bis die Pferde erzogen waren, und nun saß sie in dem untadeligsten weitfaltigen Marderpelze bald in dem Schlitten ihres Bruders, bald in dem ihres Neffen, und der außerordentlichste Pferdekenner hätte nicht unterscheiden können, welchem Paare der Vorzug gebühre, so fein und ebenmäßig und kraftvoll waren die Körper, und so feurig und ehrgeizig und sanft waren die Geister der Tiere. Der Oheim und der Neffe waren so gerecht, selber keinen Unterschied in den Tieren finden zu können; aber jeder suchte die Vorzüge der seinigen, wenn er[773] einen edlen Gast in dem Schlitten hatte, in das rechte Licht zu stellen.

Bei der nächsten Rosenblüte waren die Rosenwälder Gerlints und Dietwins noch größer geworden, besonders Gerlints; sie hatten sich an Arten und Schönheit vermehrt, aber man konnte, wie bei den Pferden des Oheims und des Neffen, nicht unterscheiden, welchem man den Vorzug geben sollte.

»Dem muß gesteuert werden,« sagte der Oheim, »wenn es so fortgeht, so sind bald die Gründe von Weidenbach und Biberau ein einziger Rosenstrauch.«

»Die Grenze wird sich wohl finden«, sagte der Neffe.

Aber zwei Dinge waren es, in denen Gerlint heuer Dietwin übertraf: in einer eigenen Abteilung des Stalles von Biberau standen zwei Kühe von dem alleredelsten Baue, von milchweißer Farbe, mit rabenschwarzen Köpfen und schwarzen Wedeln, beide ganz gleich, und auf Feldern neben dem Schlosse war Weizen und Korn, so schön, wie es noch nie erlebt worden war, und wie es im vorigen Jahre und heuer bei Dietwin nicht gesehen wurde.

Die Festlichkeiten und Zusammenkünfte waren wie sonst, und eher noch mehr, und wie sich die Aufmerksamkeiten von jungen Männern gegen Gerlint steigerten, so blieb ihr Anstand gegen jeden derselbe, und ihre Kälte blieb dieselbe. Dietwin ritt jetzt sehr oft nach Biberau, wie er früher gefahren war, und man bemerkte, daß er meistens sehr schnell ritt. Auch an Gerlint bemerkte man, daß ihr Reiten jetzt etwas viel Schnelleres und Hastigeres habe als früher.

Um diese Zeit näherte sich der junge Graf von Steinheim auf zarte Weise Augusten, und Auguste schien ihm nicht abgeneigt.

Gegen den Herbst ereignete es sich, daß der Sohn des Herrn vom Schlosse Wengern an seinem rechten Arme verwundet wurde. Er lag eine Zeit im Bette, und trug[774] den Arm dann in der Schlinge. Es hieß, daß er sich mit seinem eigenen Gewehre, als er in dem Walde ging, verwundet habe. Allein es schlich auch ein Gerücht, er habe sich mit Dietwin geschlagen. Den Grund konnte niemand auch nur vermutungsweise angeben. Als dieses auch der Oheim erfuhr, sprach er mit Dietwin darüber. Dietwin aber antwortete: »Darüber, was ich von dieser Geschichte weiß, lieber Oheim, habe ich zu schweigen versprochen.«

Diese Antwort überbrachte der Oheim seiner Schwester, und es wurde in dem Schlosse Biberau jetzt nicht weiter von dieser Angelegenheit geredet.

Der Herbst und der Winter vergingen, wie der frühere Herbst und Winter vergangen war. Als wieder der vierundzwanzigste April gekommen war, gab Dietwin der Tante ein ganz besonderes Geschenk, ein Bild, welches einer der ersten Meister gemalt hatte. Es stellte das Schloß Biberau vor, und wurde auf tausend Taler geschätzt. Gerlint gab dem Oheime Vorhänge für die Fenster des Saales in Weiden, auf denen täuschend Glasmalerei nachgeahmt war. Die Tante und der Oheim hatten an den Geschenken eine außerordentliche Freude.

Als das Zwiegespräch dieses Tages zwischen dem Oheime und der Tante vorüber war, als alle Bewohner des Schlosses Biberau sich in ihre Schlafgemächer zurückgezogen hatten, saß die Tante in dem ihrigen an dem Tische und hielt ihr Haupt in den beiden Händen. Und als sie dann ihre Zofen gerufen und sich hatte entkleiden lassen, und als sie in ihrem Bette lag, und die Sterne durch manchen Teil der Fenster, der durch die Vorhänge nicht bedeckt war, herein schienen, konnte sie den ersehnten Schlummer nicht finden.[775]

Quelle:
Adelbert Stifter: Gesammelte Werke in sechs Bänden, Band 3, Wiesbaden 1959, S. 744-776.
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