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[854] Schwellende Fluten.


Als nach der Entfernung der Gäste von dem Witikohause eilf Tage vergangen waren, ritten fünf Männer auf dem Wege von Friedberg durch den Wald zu dem Witikohause empor. Da sie vor der Burg waren, tönte in derselben das Zeichen, sie erwiderten das Zeichen, und ritten in den Hof. Sie waren in weiten gegürteten Gewändern, und einer führte ein Saumroß. In dem Hofe stiegen sie von den Pferden, die Pferde wurden von den Knechten Witikos in den Stall gebracht, und die Männer von Huldrik in den Saal zu Witiko geführt.[854]

Witiko ging ihnen entgegen, und als er zu dem gekommen war, der ihr Führer schien, weil er einen silbernen Gürtel hatte, rief Witiko: »Boreš, du getreuer Mann, den ich seit dem vierzehnten Tage des Monates Hornung des Jahres 1140 nicht gesehen habe, an welchem Tage der gute Herzog Soběslaw gestorben ist.«

»Witiko, ich grüße dich«, sagte Boreš. »Und wie ich dir in jenem traurigen Winter einen Mann in dein Haus nach Plan geschickt habe, der dir meine Botschaften brachte, und wie ich dir mit einem Briefe, den ich geschrieben hatte, den Gürtel des Herzoges Soběslaw geschickt habe, den dir die Herzogin Adelheid geschenkt hat, so bin ich heute als ein Abgesandter des Herzoges Wladislaw in deiner Burg, um dir Dinge von dem Herzoge zu bringen.«

»Und dich hat der Herzog zu der Sendung gewählt?« fragte Witiko.

»Ja«, entgegnete Boreš. »Der Herzog hat gesagt: Boreš, der du ein treuer Diener Soběslaws in seinem Leben und bei seinem Tode gewesen bist, der du die Herzogin Adelheid behütet hast, bis sie schon nach einem halben Jahre ihrem Gatten aus Gram gefolgt ist, reite zu Witiko, der meinen Oheim Soběslaw geliebt und seine Gattin Adelheid geehrt hat, und bringe ihm, was ich ihm schicke.«

»Und welche Schicksale hast du seit jenem Winter erlebt?« fragte Witiko.

»Ich habe gar keine Schicksale erlebt«, antwortete Boreš; »der Herzog duldete nicht, daß ich etwas anderes sei als der Kastellan von Hostas Burg, und daß ich etwas anderes tue, als die Befestigung der Burg zu leiten, und die Burg zu behüten. Der Herzog sagte, ich dürfe nicht in den Krieg ziehen, in welchem als Feind Wladislaw, der Sohn Soběslaws, ist, weil Soběslaw unter meiner Burghut gestorben ist, und ich ihn den Männern übergeben[855] habe, die ihn geziert und auf den heiligen Wyšehrad gebracht haben.«

»So nehmet Sitze in meinem armen Hause«, sagte Witiko, »und verschmähet nicht die Gastlichkeit desselben.«

Er wies auf Stühle, die an einem schönen langen Buchentische standen, und die Männer setzten sich auf die Stühle. Er setzte sich zu ihnen.

Dann gab er einem der Seinen ein Zeichen.

Derselbe entfernte sich, und kam mit Huldrik zurück, dem zwei Männer folgten, von denen einer Brod und der andere Salz trug. Sie stellten das Brod und das Salz auf den Tisch. Witiko bot es den Männern an. Alle nahmen etwas davon.

Huldrik verneigte sich nun tief vor den Männern, und verließ den Saal.

Er kam nach kurzer Frist wieder, und drei Knechte trugen hinter ihm Wein und Kuchen und Becher. Sie stellten die Dinge auf den Tisch.

Witiko sprach darauf zu den Männern: »Weil ihr die Gastlichkeit meines Hauses durch Brod und Salz angenommen habt, und mich ehret, so teilt mit mir den Empfangswein und den Empfangskuchen.«

Huldrik ließ durch einen Mann den Kuchen zerschneiden, und durch einen anderen Wein in sechs Becher füllen.

Jeder der fünf Männer nahm nun einen Becher, und trank daraus. Dann nahm jeder ein Stückchen Kuchen, und aß es.

Hierauf trank auch Witiko aus seinem Becher, und nahm ein Stückchen Kuchen, und aß es.

»Und nun verweilet in dieser Burg, so lange es euch gefällt«, sagte er zu den Männern.

»Wir werden hier so lange verweilen, als es unsere Zeit gestattet«, sprach Boreš, »weil du uns unter dein Dach freundlich aufgenommen hast.«[856]

»Und bist du zu jeder Frist in Hostas Burg gewesen?« fragte Witiko.

»Ich bin immer in Hostas Burg gewesen«, antwortete Boreš. »Nur ein Mal jedes Jahres bin ich nach Prag gekommen, wenn die Gedächtnisfeier des Herzogs Soběslaw und der Herzogin Adelheid gewesen ist, die sie gestiftet haben, da sie noch lebten. Und da habe ich auf ihrem Grabe gebetet. Der Herzog Wladislaw hat mir jedes Mal die Erlaubnis gegeben.«

»Und haben viele Menschen der Gedächtnisfeier beigewohnt?« fragte Witiko.

»Viele«, antwortete Boreš, »alle Priester des Wyšehrad, auf dem die Feier ist, die Priester der Stadt Prag und der beiden Burgflecken, Äbte und andere fremde Priester, alte Lechen der Länder und auch junge und viel Volk. Und wenn der Herzog in Prag war, feierte er mit der Herzogin die Gedächtnisfeier mit, sonst nur die Herzogin allein.«

»Ich gedenke die nächste Sterbezeit Soběslaws und Adelheids in Prag mit zu begehen, und meine Ehegemahlin Bertha dahin mit zu bringen«, sagte Witiko.

»Wenn Ruhe ist, und du nicht im Felde liegen mußt«, sagte Boreš.

»Es wird wohl ruhig sein«, sprach Witiko.

»Der Herzog vermehrt seine Kriegsmänner«, antwortete Boreš, »er ordnet sie, sorgt für den Waffenvorrat, und befestiget seine Burgen.«

»Ist Hostas Burg schon fertig geworden?« fragte Witiko.

»Sie ist noch nicht fertig«, antwortete Boreš; »die Befestigungen werden stark gemacht, und dehnen sich aus. Der Herzog ist selber schon manches Mal in der Burg gewesen, und hat gesagt: Bleibe in deinem Horste, Boreš, und rüste ihn. Jetzt aber hat er mich nach Prag rufen lassen, und hat gesagt, daß ich mir vier Männer auslesen, und zu dir reiten soll. Ich habe mir vier Männer ausgelesen, und nun bin ich bei dir.«[857]

»Und sind die Gemächer, in denen Soběslaw und Adelheid gewesen sind, noch in dem alten Stande?« sagte Witiko.

»Wladislaw, der Sohn Soběslaws, ist nach dem Tode seines Vaters von der Burg fort«, antwortete Boreš, »und ist nicht mehr in dieselbe gekommen. Adelheid hat dunkle Tücher in das Sterbezimmer Soběslaws hängen lassen, und hat in demselben gelebt, und ist in demselben gestorben. Dann sind die andern Kinder fortgebracht worden. Der Herzog Wladislaw hat durch Gerichtsmänner alles durchsuchen und aufschreiben lassen, und hat alles gelassen, wie es ist. Ich und Welkaun und Bawor, die mir beigegeben wurden, sind die Hüter. Das Bett mit der Bärendecke steht noch in dem Gemache, und der Schrein steht an dem Bette, und in dem Schreine ist das rote Beutelchen mit dem goldenen Kreuzlein, das er dir mitgegeben hatte, als du von ihm nach Prag geschickt worden bist. Und dann steht auch noch das große Kreuz in dem Gemache.«

»Ich danke dir, Boreš«, sagte Witiko. »Weil der hocherlauchte Herzog Wladislaw dich als den treuen Diener Soběslaws zu mir geschickt hat, so ehrt er das Andenken Soběslaws, und er wird es verzeihen, wenn ich die Ehre ehrte, und zuerst um Dinge fragte, die Soběslaw und Adelheid angehen. Und nun, Boreš, was begehrt der hocherlauchte Herzog von mir, und gehört die Botschaft für mich allein?«

»Sie gehört dir nicht allein«, antwortete Boreš.

»So lasse dich im Kreise meiner Männer empfangen«, sagte Witiko.

Er schlug mit einem Stabe auf eine Glocke, und als ein Diener eintrat, sagte er: »Huldrik lade Beda und meine Männer in den Saal, eine Botschaft des hohen Herzoges Wladislaw ist angekommen.«

Der Diener entfernte sich, und in kurzer Zeit kam Beda,[858] und es kamen Männer Witikos in den Saal. Sie stellten sich in einer Ordnung auf. Witiko erhob sich, Boreš und seine Männer erhoben sich auch. Boreš trat vor Witiko, und sagte: »Witiko vom Witikohause, sei gegrüßet.«

Witiko antwortete: »Boreš, sei gegrüßet, was ist dein Begehr?«

»Ich bringe Gruß und Botschaft von Wladislaw, dem hocherlauchten Herzoge von Böhmen und Mähren«, sagte Boreš.

»So eröffne uns den Gruß und die Botschaft und den Befehl des hocherlauchten Herzoges«, sagte Witiko.

Boreš antwortete: »Der hocherlauchte Herzog Wladislaw sendet durch mich, Boreš, den Kastellan von Hostas Burg, an dich, Witiko vom Witikohause, und an deine hohe Gemahlin, Bertha von Schauenburg, den besten Gruß, und er sendet an euch beide den Glückwunsch zu eurer Vermählung, und er sendet eine Hausgabe, und bittet, sie zu nehmen, wie ihr die andern Hausgaben genommen habt. Und Gertrud, die hocherlauchte Herzogin von Böhmen und Mähren, die Gemahlin des Herzogs Wladislaws, sendet durch mich, Boreš, den Kastellan von Hostas Burg, an dich, Witiko vom Witikohause und an deine hohe Gemahlin, Bertha von Schauenberg, den besten Gruß, und sie sendet an euch beide den Glückwunsch zu eurer Vermählung, und sie sendet eine Hausgabe, und bittet, daß ihr sie annehmet.«

Witiko antwortete darauf: »Boreš, Kastellan auf Hostas Burg, Abgesandter des hocherlauchten Herzoges Wladislaw, ich habe vernommen, was du von dem hocherlauchten Herzoge und der hocherlauchten Herzogin an mich berichtet hast. Es geziemt sich, daß meine Gemahlin, Bertha von Schauenberg, auch vernehme, was an sie von dem hocherlauchten Herzoge und der hocherlauchten Herzogin berichtet wird. Beda und zwei Männer, bittet sie, daß sie zu uns in den Saal komme.«[859]

Beda und zwei Männer entfernten sich aus dem Saale.

Die in ihm zurückgeblieben waren, schwiegen nun.

Nach einer kurzen Zeit öffneten sich die Flügeltüren des Saales, und Bertha ging in denselben herein, zwei Frauen und zwei Jungfrauen folgten ihr. Beda und die zwei Männer gingen zuletzt herein. Bertha hatte ein dunkelblaues Kleid aus Sammet und einen silbernen Gürtel.

Sie blieb mit ihren Begleiterinnen an der Seite Witikos stehen.

Witiko sprach zu ihr: »Bertha, meine Gemahlin, es ist von dem erlauchten Herzoge Wladislaw Botschaft an mich und dich gekommen, höre sie an.«

Bertha blieb stehen. Boreš trat vor sie, neigte sich, und sprach: »Wladislaw, der hocherlauchte Herzog von Böhmen und Mähren, und Gertrud, die hocherlauchte Herzogin, seine Gemahlin, senden durch mich, Boreš, den Kastellan von Hostas Burg, an Witiko vom Witikohause und an seine hohe Gemahlin, Bertha von Schauenberg, die besten Grüße und die Glückwünsche zur Vermählung, und sie senden eine Hausgabe, und bitten, daß ihr sie annehmet, wie ihr die andern Hausgaben angenommen habt.«

Nach diesen Worten verneigte sich Boreš wieder, und trat zurück.

Beda aber geleitete Bertha und ihr Gefolge zu Sitzen.

Witiko sprach nun: »Ich nehme in Ehrerbietung den Gruß und den Glückwunsch und die Hausgabe des hocherlauchten Herzoges und der hocherlauchten Herzogin an, und sage ihnen durch dich, Boreš, den Kastellan von Hostas Burg, den unterwürfigen Dank, und werde ihnen meinen ferneren Dank in Prag darbringen.«

Bertha erhob sich nun von ihrem Sitze, und sprach: »Ich nehme in Ehrerbietung den Gruß und den Glückwunsch und die Hausgabe des hocherlauchten Herzoges und der hocherlauchten Herzogin an, und sage ihnen durch dich,[860] Boreš, den Kastellan von Hostas Burg, den unterwürfigsten Dank.«

Nach diesen Worten setzte sich Bertha wieder auf ihren Stuhl.

Witiko aber sprach: »Wenn es meiner Gemahlin genehm ist, so bitte ich sie, mit mir auch den Dank in Prag darzubringen.«

»Ich folge meinem Gemahle mit Freuden nach Prag«, sagte Bertha.

Boreš aber sprach: »Gebet mir nun die Erlaubnis, hoher Herr und hohe Frau, daß ich die Hausgabe bringen lassen darf.«

»So lasse sie bringen«, sagte Witiko.

Die Männer, welche bei Boreš waren, entfernten sich aus dem Saale. Sie kamen aber bald wieder, und mit ihnen kamen Knechte, welche Kästchen trugen. Sie stellten die Kästchen auf den Tisch, und gingen fort.

Boreš reichte Witiko einen kleinen goldenen Schlüssel, wies auf ein Kästchen, und sagte: »Der hocherlauchte Herzog bittet dich, daß du das Kästchen öffnest.«

Das Kästchen war aus sehr schönem Wacholderholze und mit goldenen Zierden belegt.

Witiko öffnete es.

Das Innere war mit weißer Seide überzogen, und auf einem Kissen aus weißem Sammet lag in einer Vertiefung ein längliches Stückchen Holz wie ein schmaler Span, der von einer Linde gelöst worden ist.

Witiko sah auf Boreš.

Boreš aber sagte: »In dem Gemache, in welchem der Herzog Soběslaw gestorben ist, steht das hohe Kreuz des Heilandes. Das Kreuz ist aus dem Holze der Linde geschnitzt worden, unter der der Herzog Soběslaw auf einem Zuge nach Mähren von seinen treuen Räten Zdeslaw und Diwiš die Botschaft empfangen hatte, daß ihm die Herren Miroslaw und Střezimir durch zwei Dienstleute[861] nach dem Leben streben, und unter der er die Verhaftung der Schuldigen angeordnet hatte. Dieses Kreuz umschlang die Herzogin Adelheid nach dem Sterben ihres Gemahles, und vor diesem Kreuze betete sie bis zu ihrem Tode. An einem heiligen Pfingstsonntage fiel ein Span von dem Rücken des Kreuzes herunter, und die Männer, die kunstreich in Holz arbeiten, konnten nicht sagen, wie der Span sich von dem Kreuze gelöset habe. Der Herzog Wladislaw ließ zum Denkmale den kleinen Span aufbewahren, und ließ die Stelle an dem Kreuze, aus welcher er gekommen war, offen. Das Stückchen Holz in dem Kästchen ist der Span, und der Herzog sendet ihn dir. Er hat alles in eine Schrift setzen lassen, und die Schrift liegt unter dem weißen Kissen.«

Witiko antwortete: »Ich nehme in Demut das heilige Kleinod, und werde es in meiner Burgkirche aufbewahren, und wenn ich eine größere Kirche gebaut habe, werde ich es in der größeren Kirche aufbewahren. Der Schlüssel zu dem Kästchen wird in der Kirche sein. Rufet den frommen Vater Benno, und geleitet meine Mutter und meine Base und ihre Frauen hie her.«

Mehrere Männer gingen aus dem Saale, und einer kam mit Benno, und die andern kamen mit den Frauen und ihren Geleiten zurück.

Die Frauen setzten sich auf Stühle.

Witiko sprach: »Hochehrwürdiger Vater Benno, Mutter Wentila, Base Hiltrut, dieser Mann ist Boreš, der Kastellan in Hostas Burg, in welcher der Herzog Soběslaw und die Herzogin Adelheid gestorben sind. Er bringt von dem hocherlauchten Herzoge Wladislaw und der hocherlauchten Herzogin Gertrud gute Grüße und Glückwünsche zur Vermählung und Hausgaben.«

Boreš neigte sich gegen alle, die genannt wurden, und sie neigten sich gegen ihn.

Darauf sprach Witiko: »Der hocherlauchte Herzog Wladislaw[862] sendet mir einen kleinen Span von dem Kreuze aus dem Sterbegemache Soběslaws, welcher Span sich an einem heiligen Pfingstsonntage von dem Kreuze gelöst hatte, wie es die kunstfertigen Männer, die im Holze schnitzen, nicht zu erkennen vermögen. Eine Schrift, die der hohe Herzog hat verfertigen lassen, besaget alles.«

Nach diesen Worten zog er an einem kleinen Bändchen ein Fach unter dem weißen Kissen heraus, und nahm aus dem Fache ein Pergament. Er reichte dasselbe dem Priester Benno, und sagte: »Lese es uns, frommer Vater.«

Benno las die Schrift laut vor.

Dann wurde sie wieder in das Fach gelegt, und das Fach unter das Kissen geschoben.

Hierauf nahm Benno das kleine Stücklein Holz, und reichte es Witiko zum Kusse. Dann reichte er es Bertha, dann Wentila, dann Hiltrut, dann allen Frauen und allen Männern, und zuletzt küßte er es selber. Dann legte er es wieder auf das Kissen.

Witiko schloß das Kästchen, reichte den Schlüssel dem Priester Benno, und sprach: »Hochehrwürdiger Vater Benno, der du jetzt den Gottesdienst in unserer Burgkirche feierst, ich gebe dir den Schlüssel zu dem heiligen Kleinode in deine Verwahrung, und gebe das Kleinod in die Verwahrung der Kirche. Es möge heute hier bewacht und morgen feierlich in die Kirche gebracht werden.«

»Es geschehe, wie du sagst, Herr«, antwortete Benno.

Nach diesen Worten barg er das Schlüsselchen an seiner Brust.

Dann sagte Boreš: »Ist es dir genehm, hoher Herr, die andern Kästchen zu öffnen?«

»Es ist mir genehm, hoher Kastellan«, antwortete Witiko.

Boreš reichte nun einen zweiten Schlüssel an Witiko, und sagte: »Er schließt das dunkelbraune Kästchen auf.«[863]

Witiko öffnete mit dem Schlüssel ein Kästchen von dunkelbraunem Holze, welches sehr schön gebohnt war.

In dem Kästchen waren zwei silberne Kannen und zwölf silberne Becher. Auf einer Kanne war das Bild des Heilandes, auf der andern das Bild Marias, und auf den Bechern die Bilder der zwölf Apostel. Sonst waren Stäbe und Laubranken kunstreich in die Gefäße gegraben.

Boreš reichte wieder einen Schlüssel an Witiko, und sagte: »Er schließt das schwarze Kästchen auf.«

In dem schwarzen Kästchen waren zwölf silberne Teller, und sie waren kunstvoll gearbeitet wie die Trinkgeschirre.

Boreš reichte wieder einen Schlüssel an Witiko, und sagte. »Er schließt das rote Kästchen auf.«

In dem roten Kästchen war roter Sammet, kostbares Pelzwerk aus der Fremde und Juwelen.

Witiko schaute alle diese Dinge an, und Bertha und Wentila und Hiltrut und Benno wurden von ihm zu dem Tische gerufen, und sie betrachteten diese Geschenke. Als sie dieselben betrachtet hatten, rief Witiko seine Männer herzu, die Geschenke des Herzoges zu sehen.

Die Männer gingen einer hinter dem andern an den Tisch, und sahen die Geschenke an.

Darauf sagte Witiko: »Gott lohne es dem hohen Herzoge, daß er an einen seiner geringen Männer und an sein Weib denkt, und Gott lohne es der hohen Herzogin, daß sie des Sinnes ihres Gatten ist. Ich nehme in Ehrerbietung die Hausgaben an, trage dir, Boreš, Kastellan von Hostas Burg, in Lieb und Treuen den Dank auf, bis ich selber mit meiner Gemahlin nach Prag komme. Ich rufe: Heil Wladislaw, dem hocherlauchten Herzoge von Böhmen und Mähren, und Heil Gertrud, der hocherlauchten Herzogin.«

Die Männer Witikos riefen: »Heil Wladislaw, dem hocherlauchten Herzoge von Böhmen und Mähren, und Heil Gertrud, der hocherlauchten Herzogin.«[864]

Darauf erhob sich Bertha von ihrem Sitze, und sprach: »Weil der hohe Herzog und die hohe Herzogin meinen Gatten geehret und mich genannt haben, wie bei uns in den deutschen Landen die Fürsten ihre Männer und die Frauen derselben ehren, so bitte ich dich, Boreš, Kastellan von Hostas Burg, bringe meinen Dank an den hocherlauchten Herzog und an die hocherlauchte Herzogin, bis ich mit meinen Gatten nach Prag komme. Und ich rufe wie mein Gatte: Heil Wladislaw, dem hohen Herzoge von Böhmen und Mähren, und Heil Gertrud, der hohen Herzogin.«

Und Wentila und Hiltrut und Benno und die Männer Witikos riefen: »Heil Wladislaw, dem hohen Herzoge von Böhmen und Mähren, und Heil Gertrud, der hohen Herzogin.«

Dann sagte Bertha: »Und weil du, Boreš, mit deinen Männern unser Dach nicht verschmäht hast, so werde ich trachten, euch eine Hauswirtin zu sein, wie sie meine Mutter, Wiulfhilt von Dornberg, ist, und wie sie meine Großmutter, Benedicta von Aschach, ist.« Dann setzte sie sich wieder nieder.

Witiko aber sprach: »Lasset nun die Kästchen schließen, und bis auf das heilige in die Kleinodienstube bringen. Dich, Boreš, und deine Männer werde ich in eure Stuben geleiten, daß ihr ruhet, und daß ihr dann das Brod an unserem Tische teilet.«

Zwei Männer gingen nach diesen Worten Witikos fort. Sie kamen mit andern Männern wieder. Zwei bewaffnete Knechte stellten sich auf die Weisung zu dem heiligen Kästchen. Die andern empfingen von Witiko die geschlossenen Kästchen, und trugen dieselben fort. Dann erhoben sich die Frauen und ihre Geleite von ihren Sitzen. Bertha und Wentila grüßten mit freundlichen Worten Boreš und seine Männer, und dann gingen die Frauen und ihre Geleite aus dem Saale. Dann führte Witiko Boreš[865] und seine Männer in ihre Gemächer, und alle außer den zwei bewaffneten Knechten verließen den Saal.

Am andern Tage wurde das Kästchen mit dem Holze des Kreuzes des Heilandes feierlich von dem Saale in die Kirche gebracht, und alle Menschen der Burg waren bei dem heiligen Gottesdienste, welchen der fromme Vater Benno verrichtete.

Boreš blieb acht Tage als Gast in dem Witikohause, und wurde dort geehrt. Es kamen Nachbarn Witikos, ihm Ehre zu bringen, und die Geschenke des Herzoges zu sehen. Auch Leute aus dem Walde kamen, um die Gaben des Herzoges und der Herzogin zu beschauen. Witiko ließ sie ihnen durch Huldrik zeigen. Huldrik sagte den Leuten: »Die Geschirre sind jetzt von Silber; aber sie werden einmal von Gold sein.«

Am neunten Tage verabschiedete sich Bord, und Witiko geleitete ihn mit einem Gefolge bis in die krumme Au.

An dem nämlichen Tage kam auch die Botschaft an Benno, daß er zu dem Kardinale Guido nach Prag kommen möge.

Witiko gab ihm ein gutes Pferd, und rüstete fünf Reiter und zwei Männer mit Saumtieren aus, und Benno zog des andern Tages mit diesem Gefolge aus dem Witikohause gegen Prag fort.

Es wurde von dem Tage an auch alles gerüstet, was notwendig war, daß Witiko mit Bertha nach Prag reisen konnte. Und als zehn Tage vergangen waren, ritt er mit zwanzig Reitern aus dem Tore der Burg. In der Mitte der Reiter waren sechs Sänften, in denen Bertha und ihre Frauen saßen, und hinter den Reitern gingen fünf Saumrosse.

So gelangten sie endlich nach Prag.

In Prag ging Witiko zuerst allein zu dem Herzoge. Er dankte ihm für die Gaben, und fragte, ob er seine Gemahlin, Bertha von Schauenberg, zu ihm und zu der hohen Herzogin führen dürfe.[866]

Wladislaw antwortete: »Danke mir nicht, Witiko. Du bist ein treuer Mann des Herzoges Soběslaw gewesen, und bist ein treuer Mann von mir. Ich habe dir darum durch Boreš das Holz von dem Kreuze des Heilandes aus Hostas Burg geschickt, daß du sähest, daß ich dir auch ein treuer Mann sein will. Das andere sind Gaben, die ein Freund dem andern in das Haus sendet. Sei mein Freund, wie ich dein Freund bin, seit ich dich bei Chynow gesehen habe. Was deine Gattin angeht, so bringe die hohe Frau zu mir und zu der Herzogin, wir werden sie als Gast ehren.«

Witiko antwortete: »Ich danke dir, hoher Herr, für deine Güte. Und weil ich dem Herzoge Soběslaw aus Pflicht treu gewesen bin, so bin ich auch dir aus Pflicht treu. Und dir bin ich auch treu aus Freundschaft, wie du schon früher einmal gesagt hast, und wie du es jetzt wieder sagtest, daß du mein Freund bist, und wie ich aus dem ganzen Gemüte dein Freund bin. Ich werde die Treue und die Freundschaft nie verletzen. Und haben mich deine andern Gaben geehrt, so hat mich deine Gabe aus Hostas Burg und der Überbringer derselben erfreut.«

An dem folgenden Tage wurde Witiko und seine Gattin Bertha zu dem Herzoge und der Herzogin gerufen.

Sie gingen im Schmucke zu Hofe.

Sie wurden in einen kleinen Saal der Hofburg zu dem Herzoge und der Herzogin geführt. Wladislaw und Gertrud saßen geschmückt und allein auf Stühlen, und wiesen Witiko und Bertha Stühle an. Beide setzten sich. Gleich aber erhob sich Witiko wieder, nahm Bertha bei der Hand, führte sie vor den Herzog und die Herzogin, und sprach: »Hocherlauchter Herzog, hocherlauchte Herzogin, die Frau, welche vor euch steht, ist die Tochter Heinrichs von Schauenberg, der vorher Heinrich von Jugelbach gewesen ist, und Wiulfhilts von Dornberg. Sie heißt Bertha. Heinrich ist ein Herr und edler Mann,[867] Wiulfhilt ist eine edle Frau, und Bertha durch beide edel. Sie hat es nicht verschmäht, als meine Gattin in Lieb und Treue mir anzugehören, wie ich ihr als Gatte in Lieb und Treue angehöre. Wir erkennen und achten die Ehre hoch, daß wir heute vor euch haben kommen dürfen.«

»Witiko, Bertha«, sagte der Herzog, »nehmet eure Sitze wieder ein.«

Witiko und Bertha setzten sich auf ihre Stühle.

Dann sprach der Herzog: »Witiko, wie du mir sonst als Mann und Freund gegrüßt warest, so sei mir heute als Ehegatte gegrüßt. Bertha, seid mir heute als Ehegattin Witikos gegrüßt, und gebt mir die Hoffnung, daß ich Euch künftig auch als Freundin werde begrüßen können.«

Die Herzogin sprach: »Ich grüße Witiko als Freund, ich grüße ihn als treuen Mann des Herzoges und der Länder, und ich grüße ihn als Ehegatten. Ich grüße Bertha von Schauenberg als Ehegattin Witikos, und ich grüße sie als Freundin. Die aus solchem Geschlechte entsprossen ist, wird jeder Freundschaft würdig sein, und wird, wo man es nicht unwert ist, auch Freundschaft gewähren.«

Witiko antwortete: »Hocherlauchter Herzog, hocherlauchte Herzogin, ich danke inniglich des Grußes.«

Bertha sprach: »Hocherlauchter Herzog, ich danke des Grußes, und wer, wenn ich ihn auch nicht kenne, der Freund meines Gatten ist, dessen Freundin bin ich. Hocherlauchte Herzogin, ich danke des Grußes, und wer so hehr getan hat, wie Ihr, der genießt die Bewunderung und Verehrung, man gibt ihm Freundschaft, und achtet es als höchste Ehre, seiner Freundschaft würdig zu werden.«

»Du sprichst entschieden wie dein Vater, Bertha«, sagte die Herzogin.

»Mein Vater, hohe Frau, hat Euch noch an dem Hofe in[868] Wien gesehen, und er hat Euch in Prag gesehen«, sprach Bertha.

»Wir kennen Heinrich von Jugelbach und Schauenberg sehr gut, und ich kenne ihn schon lange«, sagte der Herzog, »wir sind öfter bei einander gewesen, als ich noch nicht auf diesem Fürstenstuhle war, und später auch noch. Er ist in Prag gewesen, da du fern von mir, Witiko, in deinem Walde geweilt hattest. Ich kenne Gebhart von Jugelbach, der jetzt Gebhart von Stauf ist, den Bruder Heinrichs. Heinrich ist ein edler Herr und stark und verständig und vorsichtig und unternehmend, ein Spiegel eines Ritters. Das Geschlecht Dornberg ist sehr edel und mächtig und gut, und war vielfach mit denen von Jugelbach verbunden. Gebhart ist ein treuer ehrenwerter Ritter, und die von Aschach sind edel und gut gewesen, und Eure Großmutter, Bertha, Benedicta von Aschach, ist eine sehr edle Frau, und sie ist gut und treumütig und fromm. Sie hat dem alten Kloster Kremsmünster triftige Gaben zugewendet, und ist ihm noch wohlgesinnt.«

»Wir bitten, daß sie Gott dafür segne«, sagte Bertha.

»Er wird es tun«, sprach der Herzog. »Wir haben beide, ich und Gertrud, die Herzogin, große Freude gehabt, als uns durch den hochehrwürdigen Bischof Zdik aus Passau die Kunde ward, Witiko denke auf Bertha von Jugelbach, und wir haben den Bestrebungen Witikos das beste Gedeihen gewünscht, und hätten diese Bestrebungen gerne gefördert.«

»Du hast sie gefördert, hoher Herr«, sagte Witiko. »Berthas Vater hat zu mir gesprochen, wenn ich ein Haus habe, in dem meine Rose emporblühen kann, dürfe ich um Bertha kommen, und du hast das Haus gegründet. Aber wie konnte der hochehrwürdige Bischof Zdik meine Gedanken wissen?«

»Er hat wohl deine Gedanken aus deinen Mienen gesehen«, sagte der Herzog.[869]

»Es ist nun ein so größeres Glück«, sagte Witiko, »daß du, hoher Herr, den Bund billigest, den ich mit Bertha geschlossen habe, und daß ihn die hocherlauchte Herzogin billigt. Und es ist nun eine größere Freude und eine größere Ehre, daß ihr, du und die hohe Herzogin, Hausgaben zu unserem Bunde gesendet habt. Hocherlauchter Herzog, hocherlauchte Herzogin, ich bringe den besten und treu ergebenen Dank für die Gaben dar.«

Bertha sprach: »Ich ehre meine Eltern und ihre Vorfahrer, und erkenne sie als vortrefflich, und ich danke dir, hoher Herzog, für die Worte, die du über meine Angehörigen gesprochen hast. Hocherlauchter Herzog, hocherlauchte Herzogin, ich bringe auch wie mein Gemahl den besten und treu ergebenen Dank für die Hausgaben dar.«

Der Herzog antwortete: »Ich habe Witiko schon gesagt, daß ich ihm die Gabe aus Hostas Burg als treuem Manne des Herzoges Soběslaw und als treuem Manne von mir gesendet habe. Und ich habe ihm gesagt, daß die andern Dinge so sind, wie sie die Freunde den Freunden geben. Und das sage ich auch Euch, edle Frau.«

»Gebrauchet die Geräte und die Stoffe«, sagte die Herzogin, »erfreut Euch derselben ein wenig, und denkt dabei unser.«

»Ich habe den Glauben«, sagte der Herzog, »wenn Gertrud und ich nicht schon vermählt wären, und erst vermählt würden: du, mein Witiko, würdest uns Hausgaben aus deinem Walde senden, was er Besonderes und Köstliches hervorbringt.«

»Ich würde mich freuen, wenn du die Gaben nähmest, hoher Herr«, sagte Witiko. »Möge der Bund des hohen Herzoges und der hohen Herzogin bis in das letzte Alter dauern, und mögen ich und Bertha es erleben, daß ihre Kinder Friedrich, Swatopluk, Adalbert und Agnes sich vermählen, und unsere Hausgaben aus dem Walde dann nicht verschmähen.«[870]

»Sie werden sich derselben freuen«, sagte der Herzog.

»Und nun, Witiko, sage ich: Lebe lange und glücklich mit Bertha, freut euch eures Bundes, und er werde gesegnet, daß die Freude in die künftigen Geschlechter fortwächst.«

»Ich wünsche euch auch jedes Glück und jeden Segen«, sagte die Herzogin, »es daure euer Bund so lange, wie Witiko es dem unsrigen gewünscht hat, und euer Stamm sei ein Teil der schönen Geschlechter, die in diesen Ländern sind, und der Stamm blühe empor, und werde immer bedeutender.«

»Gott gebe mir das Glück, etwas Gutes und Rechtes auf der Welt wirken zu können«, sagte Witiko, »er lasse uns das Glück, das wir in unserem Bunde finden, dauern, und alles andere sei seiner Weisheit anheimgestellt.«

»So sei es, und so möge es werden«, sagte der Herzog. »Und nun, Witiko, gestatte, daß auch andere an unserer Zusammenkunft Teil nehmen.«

Als er diese Worte gesprochen hatte, gab er mit einem Schlage auf eine Glocke ein Zeichen, und es öffneten sich die zwei Flügel einer Tür in dem Saale. Und durch die Tür kamen mehrere Herren und Lechen und Frauen in den Saal. Es war Diwiš, Preda, Wšebor, Chotimir, Bartholomäus, Welislaw, und mehrere andere.

Der Herzog sprach zu ihnen: »Hier ist Witiko, den ihr kennt, und neben ihm ist Bertha von Schauenberg, seine Gemahlin. Wir freuen uns dieser Verbindung, und wer das Geschlecht Berthas kennt, wird sich auch freuen.«

»Ich kenne es, und erachte es als ein Glück für Witiko, daß er Bertha heimgeführt hat«, sagte Wšebor.

»Es ist ein sehr edles Geschlecht«, sagte Diwiš, »und Bertha wird nicht minder sein als die Frauen dieses Geschlechts.«

»Ich kenne Heinrich von Jugelbach schon lange«, sagte Bartholomäus, »und freue mich, daß Witiko seine Tochter zur Ehegemahlin erhalten hat.«[871]

»Möge Witiko, der gut ist, so empor blühen, wie der Stamm der Jugelbach, den ich lange kenne, blüht«, sagte Preda, »und mögen beide Stämme in die Zeiten hinein mächtig und stark sein.«

Und alle sagten nun Witiko und Bertha Glück, und sprachen Segen aus.

Witiko und Bertha dankten.

Die Frauen sprachen mancherlei mit Bertha, und Bertha antwortete ihnen.

»Ich komme sehr bald zu euch«, sagte Welislaw.

»So komme«, entgegnete Witiko.

Als die Gespräche zu Ende waren, sagte der Herzog: »Und so bitte ich alle, die hier sind, am vierten Tage von heute mit mir mein Brod an meinem Tische zu essen.«

Alle verabschiedeten sich hierauf, und verließen den Saal.

Witiko suchte an diesem Tage noch Benno, und da er ihn gefunden hatte, führte er ihn zu Bertha. Sie sprachen von vielerlei Dingen, und beschlossen recht oft zusammen zu kommen.

Witiko ging mit Bertha zu Herren und Freunden, welche Gattinnen hatten, und diese kamen wieder zu Witiko und Bertha. Die unvermählt waren, kamen, und brachten Grüße dar.

Bei dem Mahle des Herzoges hatte Bertha ein Gewand aus dem roten Sammet, der in einem Kästchen der Hausgaben des Herzogs und der Herzogin gewesen war.

Witiko und Bertha sahen und betrachteten in der Stadt Prag alles, was würdig war, gesehen und betrachtet zu werden.

In der Kirche des Wyšehrad beteten sie an den Gräbern Soběslaws und Adelheids und an den Gräbern der Eltern Soběslaws, des Königs Wratislaw und der Königin Swatawa. Welislaw zeigte ihnen die alte Burg, und bewirtete sie in derselben.[872]

Als die Zeit heran nahete, in der sie Prag verlassen wollten, ging Witiko noch einmal zu dem Herzoge.

Der Herzog sprach zu ihm: »Gehabe dich wohl, Witiko. Der hocherhabene Kardinal Guido hat sehr vieles gewirkt. Es ist nun in den kirchlichen Dingen eine Ordnung und Festigkeit, in die Männer der Kirche kömmt eine Anständigkeit und eine Sitte, und die Frömmigkeit und Reinigkeit wird folgen. Der Bund ist also größer geworden, wie du einmal gesagt hast. Aber er muß erst reifen. Was auch geschieht, wenn der Kardinal die Länder verlassen hat, so müssen wir alle durch Umsicht trachten, daß der Bund gedeihe. Und du, Witiko, wirst gewiß nicht der letzte sein. Achte der Zeichen. Und wenn der Bund endlich gefestigt ist, dann kann erst das Größere kommen.«

»Ich werde zu tun streben, was recht und nach deinem Sinne ist«, sagte Witiko.

»Ich weiß es«, antwortete der Herzog, »und ziehe mit Glück in die Burg deines Waldes.«

Witiko verabschiedete sich, und am anderen Tage ging sein Zug von Prag weg dem Mittage des Landes zu.

Fünf Tage nach ihm kam auch Benno in das Witikohaus zurück.

Witiko versammelte nun einmal in seinem Hause alle die Gäste, welche bei dem ersten Erdausheben zum Baue der Burg gewesen waren, wie bereits Lubomir gesagt hatte. Die Gäste betrachteten nun das Haus, da es fertig war, sehr genau, und wurden in alle Räume geführt. Und wie damals ein Mahl unter dem freien Himmel gewesen ist, so war jetzt eines in dem großen Saale, und es war so geordnet, wie Wentila es sonst bei ihrem Gatten in Přic geordnet hatte, und wie Bertha es in den Burgen des Stammes Jugelbach geordnet gesehen hatte.

Dann zog Witiko mit Bertha an verschiedene Stellen des Waldes. Sie gingen nach Friedberg, in den Wangetschlag,[873] zu den Häusern der unteren Moldau, in den oberen Plan, in die Glöckelberge und in die reiche Au. Überall wurde Bertha mit Feierlichkeiten empfangen, die Menschen riefen ihr Glück zu, und priesen ihre Schönheit. In der reichen Au sprach der alte Florian zu ihr: »Da ich Witiko vor langer Zeit als Wegkundiger durch den Wald hinein geführt hatte, und da wir auf der Stelle des heiligen Apostels Thomas gestanden waren, hatte Witiko gesagt: Hier sollte eine Königsburg stehen, und ich hatte geantwortet: Da könnte ein hoher Herr hausen. Und nun steht seine Burg auf der Stelle. Wer hätte das gedacht, und wer hätte gedacht, daß er die hochedle Bertha aus dem Hause, das in dem Walde steht, wo Mathias und Margaretha gewesen sind, als seine Ehegemahlin in seine Burg führen würde. Viel Glück, viel Segen in alle Zeit fort und fort.«

»Ich danke dir, Florian«, sagte Bertha. »Komme zu uns in die Burg, und sieh, ob dort eigentlich eine Königsburg stehen sollte. Und wenn auch Margaretha und Mathias nicht mehr in dem Walde an der Mihel sind, so werden wir doch öfter in dem Waldhause meines Vaters sein, und es wird mich freuen, wenn ich dich wieder in jenem Walde sehe, wie ich dich früher gesehen habe.«

»Weil ihr so gute Worte redet, hohe Frau«, entgegnete Florian, »so werde ich wohl in Eure Burg kommen. Ich bin ja sehr oft auf dem Platze des heiligen Thomas gestanden, und wenn auch Margaretha und Mathias nicht mehr in dem Walde an der Mihel sind, so haben sie es jetzt viel besser, und ich gelange doch noch hie und da in den Sesselwald hinauf, und da werde ich auch zu Eurem hohen Vater und zu Eurer hohen Mutter und zu Euch und zu Witiko gehen, wenn er dort ist.«

»Das wird sehr gut sein«, sagte Bertha.

Witiko und Bertha besuchten auch Herren und Frauen, die im Walde oder in der Nähe des Waldes wohnten, und[874] die Herren und Frauen besuchten sie wieder in dem Witikohause. Der alte Lubomir war mit seiner Gattin Boleslawa und mit einem kleinen Gefolge drei Tage in der Burg, und Witiko suchte ihm die Aufnahme, die er in dem Župenhofe in Daudleb gefunden hatte, zu vergelten. Und die Männer sprachen viel von den Dingen des Landes und der Županei, und die Frauen erzählten, wie es in ihrem Hause sei, und redeten von den Angelegenheiten der neuen Burg.

Da dieses geschehen war, wendete sich Witiko wieder den Dingen zu, die er in seinem Gebiete für notwendig hielt.

Ehe der Herbst in das Land rückte, war in Rowna die Vermählung Welislaws mit Dimut. Viele Herren und Lechen und Freunde Welislaws und ihre Frauen und Töchter und Söhne waren in den Wald gekommen, und Herren im Walde und an dem Walde und Freunde und Nachbarn Rownos waren mit ihren Angehörigen gekommen, und Witiko und Bertha und Wentila und Hiltrut und Benno und ein Gefolge waren nach Rowno gezogen. Welislaw war bei der Vermählung in einem hellblauen Sammetgewande mit Gold und edlen Steinen, Dimut hatte ein weißes Sammetgewand mit Gold und edlen Steinen, und einen weißen Schleier. Rowno und seine Gattin und seine Sippen waren in dem höchsten Prunke des Waldes, und die Gäste trugen ein Gepränge, wie es in dem Landstriche eines jeden Sitte war. Daniel, der Propst von Prag, vollzog mit Beihilfe zweier Erzpriester von Prag, dann dem Pfarrer von Friedberg, von Horec, vom Kirchenschlage, von Plan und Bennos in der kleinen Kirche des Rownaturmes die heilige Verbindung. Und wie es nach dem Einzuge Witikos und Berthas in dem Thomaswalde gewesen war, so war es nun in dem Rownawalde. Geschmückte Gezelte waren überall und Hütten und Umzäunungen und Gerüste, und die Gäste und das[875] Volk erlustigten sich. Die Feste dauerten sechs Tage. Am siebenten Tage verabschiedeten sich die Gäste, und bald darauf rüstete Welislaw seinen Zug nach Prag. Manche Herren und Frauen aus der Mitternacht des Landes schlossen sich dem Zuge an. Rowno geleitete ihn mit seinen Sippen bis Prag.

Dann kam der Herbst in die großen Wälder an der jungen Moldau, und dann kam der Winter.

Als die Tage des heiligen Christfestes und des neuen Jahres gefeiert worden waren, gelangten Nachrichten in den Wald, daß in Mähren schlechte Taten geschehen seien, und daß sich die Fürsten gegen den Herzog erhoben haben.

Witiko rüstete sich, und zog schnell mit einem Geleite nach Prag.

Vor dem Abschiede sagte Benno zu Witiko: »Der hocherhabene Kardinal Guido hat einmal zu mir gesagt: Die Wälder wachsen langsam aber sicher, wenn sie Sonne und Feuchtigkeit haben; noch langsamer aber beugt sich der Sinn eines ganzen Volkes, er beuget sich dennoch auch sicher, wenn der rechte Sonnenschein über ihm ist. Der hohe Kardinal ist mild und stark, und wäre wohl ein Sonnenschein, wie er gesagt hat.«

Witiko traf manche, die nach Prag zogen, und hörte viel über geschehene Dinge reden.

In Prag meldete er sich sogleich bei dem Herzoge. Es waren viele Männer gekommen, und auf einen Tag war eine Versammlung in den Saal der Hofburg berufen.

Die Männer der Kirche und des Landes versammelten sich an dem Tage in dem Saale. Der Herzog Wladislaw kam mit seinem Bruder Heinrich herein.

Als sich alle geordnet hatten, stand der Herzog von seinem Sitze auf, und sprach: »Liebe getreue Herren der Kirche und des Landes, und ihr, Söhne Přemysls, die ihr zugegen seid. Habet Dank, daß ihr in dem harten Winter[876] zu mir gekommen seid, und höret aufmerksam an, was euch berichtet werden wird. Otto, Herzog von Olmütz, Zweig des Stammes Přemysl, wenn es dir genehm ist, so rede.«

Otto, der Herzog von Olmütz, stand auf, und sprach: »Erlauchter Herzog, es ist meine Pflicht, daß ich rede, und ich rede, wie ich es gesehen und erfahren habe. Von dem Heiligen Vater kam ein Sendschreiben an den hochehrwürdigen Bischof Zdik, daß er zu ihm ziehen möge. Zdik bereitete sich sogleich, und rüstete sein Geleite. Ich rüstete zwanzig Männer, um den hochehrwürdigen Bischof zu begleiten, soweit es nötig wäre. An einem der Tage abends langten wir in dem Hofe zu Moren an, um dort Nachtruhe zu halten. Da wir bei dem Mahle waren, kam einer der Männer, welche wir herum streifen ließen, und sagte, es ziehe eine Schar Reisige heran. Es kam ein zweiter Mann alsogleich, und sagte, es ziehen auf mehreren Wegen Reisige herzu. Zdik und ich ließen unsere Männer in Bereitschaft treten, und Nikolaus, der Besitzer des Hofes, sammelte die Seinigen. Wir riefen, die draußen waren, herein, und die Türen und Tore wurden noch mehr verrammelt. Ich stieg unter das Dach empor, um durch Lücken herum zu schauen. Der ganze Hof war von bewaffneten Männern umringt, und sie machten Anstalt, ihn zu erstürmen. Der Hofwart rief durch ein Fenster, was die Leute begehren, sie sollten reden. Sie redeten aber nicht, und es wurde eine Lanze gegen den Hofwart geschleudert. Darauf rief ich: Wenn ihr Räuber seid, so wird euch unser Eisen treffen, seid ihr Männer der Ehre, so sagt, was ihr da beginnet. Sie antworteten nicht, und schlossen ihren Kreis näher. Ihre Zahl war mehr als das Zehnfache der unsern. Ich sagte: Wenn sie die Türen erbrechen, so unterliegen wir; wenn wir aber unsere Macht plötzlich gegen eine Stelle ihres Kreises richten, so können wir den Kreis durchbrechen, und uns in der[877] Nacht in dem Lande zerstreuen. So wurde es beschlossen. Wir entfernten leise die Bollwerke des großen Tores, öffneten es, und gingen schnell an die nächste Stelle des Kreises. Der Kampf zeigte, daß geübte Krieger vor uns waren. Wir konnten im ersten Angriffe nicht durchdringen. Von weiteren Stellen kam unsern Feinden Hilfe zu. Ich erkannte die Zeichen der Herzoge Konrad und Wratislaw, und hörte die Stimme Wratislaws, der befahl. Da richtete ich schnell den Angriff auf die andere Seite, als von der Wratislaw kam, wir durchbrachen den Kreis, ich wendete mich mit den Meinigen, die Verfolger abzuhalten, und rief Zdik zu, er möge sich entfernen. Er tat es, und als ich ihn nicht mehr sah, und als die ganze Menge von Wratislaws Männern gegen uns kam, löseten wir uns auf, und suchten uns in der Tiefe des Schnees zu zerstreuen. Ich wußte einen schmalen getretenen Pfad. Auf dem Pfade ging ich schnell dahin, und die Feinde, die mir in dem unwegsamen Schnee folgten, blieben zurück. Ich ging so mit zwei Männern eine Stunde fort. Dann wendeten wir uns seitwärts zu abgelegenen Hütten, die ich kannte. In den Hütten übernachteten wir. Gegen den Morgen sahen wir ein Feuer gegen Moren hin. Da es Tag geworden war, schickte ich Boten aus den Bewohnern der Hütten auf Kundschaft. Sie kamen zurück, und sagten, der Morenhof sei ganz abgebrannt, und von den Männern, die ihn überfallen hatten, sei keiner mehr in der ganzen Gegend. Es kamen auch einige von meinen Leuten, welche gedacht hatten, daß ich auf dem schmalen Pfade werde fortgegangen sein. Wir näherten uns nun wieder dem Hofe. Da sahen wir einen Mann, welcher im unwegsamen Schnee ging. Er trug einen Sack auf der Schulter. Da wir ihm näher kamen, suchte er sich von uns zu entfernen. Ich gab meinen Leuten den Befehl, ihn zu fangen. Vier Männer liefen ihm in dem Schnee nach, sie erreichten ihn, und brachten ihn gebunden zu mir.[878] Ich ließ den Sack öffnen. In demselben waren silberne Geschirre, Gewänder und Stoffe. Ich sagte zu dem Manne, ich werde ihn mit seinem Stricke auf einen Baum hängen lassen, wenn er uns nicht berichte, wie die Sache mit dem Hofe zu Moren sei, oder wenn er uns belüge. Sage er die Wahrheit, so werde ich ihm das Leben schenken. Der Mann sagte, er sei Dobrohost, und sei bei den Leuten des Herzoges Konrad gewesen. Da sie aber über die Beute stritten, und da er fürchtete, daß sie ihm die silbernen Geschirre nehmen, so sei er vor dem Anbruche des Tages heimlich fortgegangen, und habe das Land Österreich gewinnen wollen. Als ich ihn fragte, ob Krieger in dem Hofe seien, antwortete er, daß alle abgezogen sind, weil sie den Bischof und den Herzog Otto nicht gefunden haben. Wir nahmen den Mann in den Hof mit. An dem Hofe war alles, was brennen konnte, verbrannt. Was fortgebracht werden konnte, war fortgebracht. Wir fanden unsere Pferde und unsere Habschaften nicht mehr. Von den Bewohnern waren nur zwei Knechte da. Der Mann mußte erzählen, was er gesehen habe. Er sagte, daß die Scharen den Hof umringt haben, und daß ein kurzer Kampf gewesen ist. Dann ist der Hof mit Fackeln umstellt worden. Dann sind sie in den Hof gegangen, und haben den Bischof Zdik gesucht. Sie haben ihn mit Lichtern und Fackeln in allen Gemächern und Kellern, Ställen und Winkeln die ganze Nacht gesucht. Und da sie ihn nicht gefunden hatten, und da sie durch Martern von seinen Leuten nicht erfahren konnten, wo er sei, zündeten sie den Hof an. Und dann sind alle mit Beute fortgegangen. Als ich ihn fragte, wer den Überfall gemacht habe, nannte er die Männer: Slawibor, Kuno, Rodmil, Bogdan, Domaslaw, Hinek, Frowin, Jurata, und den alten Mikul. Ich sagte: Du hast die Führer nicht genannt. Da nannte er Konrad, den Herzog von Znaim, Wratislaw, den Herzog von Brünn, und er nannte den[879] Bruder des hocherlauchten Herzoges Wladislaw, der jetzt in Jamnic hauset, Diepold.«

»Diepold«, riefen mehrere Stimmen.

»Diepold ist dabei gewesen«, sagte der Herzog.

In den Augen des Herzoges waren Tränen, da er diese Worte sprach.

Otto redete wieder weiter: »Ich fragte den Mann, welches Vorhaben die Herren mit dem hohen Bischofe gehabt haben. Er sagte, daß er es nicht wisse. Da wir noch redeten, kamen Leute des Bischofes. Sie sagten, daß sie geschlagen, gekneipt, bei den Haaren gerissen und angespien worden sind. Von ihrem Herrn wußten sie nichts. Sie forschten nach ihm. Ich sendete Männer in der Gegend herum, sie brachten keine Nachricht von ihm zurück. Da ging ich zu der Stelle, wo ich den hochehrwürdigen Bischof fortgehen geheißen hatte. Wir fanden die Spur eines einzelnen Mannes, und gingen ihr nach. Wir kamen nach einer Zeit in ein Gebüsch. Dort verwirrte sich die Spur. Wir sahen Tritte von einer andern Seite gegen das Gebüsch hin, sahen im Gebüsche viele Tritte, und dann von ihm weg Tritte von zweien oder mehreren Männern. Wir gingen den Tritten nach. Sie führten endlich auf einen Pfad, und waren nicht mehr zu erkennen. Wir suchten nun Häuser auf, um Nahrung zu erhalten. Ich forschte dann täglich nach dem hochehrwürdigen Bischofe. Am fünften Tage erhielt ich die Nachricht, ein hoher Herr sei krank in Leitomyšl. Der Herr habe aber die Kleider eines Bauers gehabt. Ich ritt nach Leitomyšl. Es war der hochehrwürdige Bischof Zdik, der dort krank war. Er konnte damals noch erzählen, und sagte, daß er sich in einem Gebüsche versteckt habe, daß er große Kälte gelitten habe, daß ein Bauer in das Gebüsch gekommen sei, daß ihm der Bauer einen Teil seines Gewandes gegeben, und daß er ihn dann auf abseitigen Pfaden nach Leitomyšl geführt habe. Dort sei er krank[880] geworden, und könne nicht weiter reisen. Er ist aber noch schwerer krank geworden, und hat sein Bewußtsein verloren. Ich sendete Botschaft an den hohen Herzog Wladislaw. Der hohe Herzog schickte zwei Ärzte nach Leitomyšl, daß sie den Kranken nach Prag brächten. Er konnte aber nicht fortgebracht werden, und die Ärzte blieben bei ihm. Ich ritt nach Prag, um dem erlauchten Herzoge die genaue Nachricht über das, was sich ereignet hatte, zu bringen. Der hochehrwürdige Bischof ist noch in Leitomyšl in schwerer Krankheit befangen. So habe ich die Dinge gesehen und gehört, und so habe ich sie geredet.«

Er setzte sich nach diesen Worten wieder nieder.

Da sprach der Herzog: »Es sind noch die Männer Hugo, Hroznata, Kuneš, Sulislaw und Wot bei dem Überfalle gewesen. Von dem hochehrwürdigen Bischofe wissen wir noch nicht, ob er in dieser Krankheit am Leben bleiben werde oder nicht. Wir haben über alles Kundschaft holen lassen, und es ist so, wie der Herzog Otto gesagt hat. Nun sprich noch, was ist mit dem Manne geschehen, den du gefangen hast?«

»Ich habe ihn frei gelassen, weil er die Wahrheit gesagt hat«, antwortete Otto. »Die Gefäße waren aus der Habschaft des hochehrwürdigen Bischofes, und sind jetzt bei ihm in Leitomyšl.«

Als er diese Worte geredet hatte, rief Odolen mit lauter Stimme: »Und wenn es zehentausendmal unziemlich ist, daß ich jetzt rede, der ich zu den jüngeren und Geringeren gehöre, so muß ich reden, weil ich nicht anders kann, so wahr mir Gott in meinem letzten Hauche gnädig sein wolle. Sitzen wir ungesäumt auf die Pferde, so viel wir nur Männer aufbringen können, reiten wir nach Znaim, und hängen wir den eidbrüchigen, ehrvergessenen, gewissenabtrünnigen Konrad auf die Zinnen seines Schlosses, und reiten wir dann nach Brünn, und hängen Wratislaw,[881] der alles ist, was Konrad ist, auf den höchsten Turm der Stadt, und die Helfer lasse erschlagen, und in eine Grube werfen. Die Räuber und Diebe, die Menschen überfallen, und Kasten erbrechen, sind ehrlicher, als diese.«

»Und Diepold?« fragte der Herzog.

»Der tapfere, gute Diepold ist gar nicht dabei gewesen«, rief Odolen.

»Er ist dabei gewesen«, sagte Wladislaw, »er hat es gestanden.«

»Dann haben sie ihm Zauberei gegeben, daß er aberwitzig geworden ist«, rief Odolen.

»Gegen diese Menschen muß das Äußerste unternommen werden«, rief Welislaw.

»Der Himmel wird eine Strafe auf sie senden, die wir gar nicht ahnen können«, sagte Otto, der Bischof von Prag.

»Ich habe an Diepold Botschaft geschickt, daß er komme«, sprach der Herzog, »er ist aber nicht gekommen. Dann habe ich Konrad und Wratislaw aufgefordert, sich zu verantworten, und sie haben es nicht getan.«

»Mit welchem Rechte kann nun noch einer dieser Gebieter den Dieb, den Räuber, den Mörder strafen?« sagte Gezo, der Abt von Strahow.

»Das schreit bis zu dem Himmel«, sprach Peter, der Abt von Břewnow.

»Sie werden es Kriegführung gegen den Bischof nennen«, sprach Daniel, der Propst von Prag.

»Das Maß mußte voll werden, wie es allemal voll geworden ist«, sagte der alte Bolemil.

»Ich meine, es werden sich alle Umstände ergründen lassen, und dann muß ein Gericht gehalten werden«, sagte Lubomir.

»Es wird der hocherlauchte Herzog das Gericht halten«, sprach Witiko, »und der heilige Vater wird auf die Handlung[882] der Herzoge antworten; Konrad und Wratislaw haben das heilige Gelöbnis der Buße und Genugtuung, das den Bann von ihnen nahm, gebrochen.«

Nun sprach der Herzog: »Hohe Herren und Freunde, ich habe euch die Kunde mitteilen lassen, und ihr habt gehört, was geschehen ist. Gegen das Recht des Herzoges hat keiner der Fürsten die Waffen erhoben. Ihre Sünde gegen den hochehrwürdigen Bischof und gegen die Kirche aber ist groß. Es ist jetzt noch nicht an dem, daß ein Krieg geführt werde; aber ich rüste mich, und ich bitte euch, rüstet eure Männer, daß die größte Bereitschaft ist, wenn sie notwendig wird. Vielleicht vermeiden wir so den Krieg. Ein Gericht über diese Gewalttat werde ich halten, und den Spruch den Fürsten und den Schuldigen verkündigen lassen. Über die Sünde wird der Heilige Vater richten. Halten wir die Kraft und die Gerechtigkeit und die Mäßigkeit aufrecht, daß aus dem Bösen das Gute werde.«

»Hoher Herr«, sagte Bolemil, »lasse einen alten Mann noch ein Wort sprechen.«

»Rede, Bolemil«, sagte der Herzog.

»Wenn etwas gefunden werden kann, das der Sache zu Rechte ist«, sprach Bolemil, »ohne daß es Rache wird, so wäre es gut. Wenn auf die Rache die Rache geübt wird, so wird auf die zweite Rache die dritte geübt, und jede wird bitterer, und auf die dritte die vierte, und das geht fort, bis alle, die in diesem Saale sind, nicht mehr leben, bis ihre Enkel und die Enkel der Enkel nicht mehr leben. So ist es die Zeiten her gewesen, und so wird es sein. Zu allem aber, was not tut, rüsten wir uns.«

»Wir rüsten uns«, riefen die Männer.

»So tun wir es, und benützen wir die Zeit des Winters«, sagte der Herzog, »und jeder der Herren und Männer, die in dieser Zeit zu unserem Rate kommen wollen, wird uns eine Ehre erweisen, und einen Dienst tun.«[883]

Darauf ging die Versammlung aus einander.

Witiko ritt wieder in seine Heimat, verkündete dort, was geschehen ist, rüstete seine Männer, und rief die Männer des Waldes auf, bereit zu sein, wenn sie zu der Sache des Herzoges stehen wollten.

Indessen ließ der Herzog immer genauere Kundschaft über das, was geschehen ist, einbringen, damit alles geordnet wäre, wenn die Männer des Gerichtes zusammen gerufen würden.

Da die Krankheit des Bischofes Zdik milder wurde, ließ ihn der Herzog nach Prag bringen, und dort pflegen.

Als der Frühling kam, konnte er seine Reise zu dem Heiligen Vater wieder beginnen. Er zog mit dem Kardinal Guido und mit Daniel, dem Propste von Prag, gegen Italien. Sie gelangten an den Hof des heiligen Vaters Eugenius nach Viterbo. Der Heilige Vater sprach in der Kirche den Bann über Konrad, Wratislaw, Diepold und ihre Helfer aus. Er sendete ein Schreiben an den Herzog Wladislaw mit kirchlichem Lobe des Herzoges und der Herzogin und mit dem Auftrage, den Bann zu verkündigen, und mit Macht zu vollführen.

Der Bann wurde verkündiget.

Der Herzog sendete in alle Teile der Länder Botschaft, daß die Männer bereit seien, den Bann in Wirklichkeit zu bringen.

Er schickte auch Boten an Diepold, und ließ ihn bitten, nach Prag zu kommen.

Diepold kam.

Er wurde zu dem Herzoge und der Herzogin geführt.

Er fiel vor beiden auf die Knie, faßte eine Hand des Herzogs und eine Hand der Herzogin, und sprach nicht.

Der Herzog sprach: »Deine Augen sehen wieder auf unsere Angesichter, und unsere Augen sehen auf dein Angesicht, Diepold.«

»Du hast gesagt«, sprach Diepold, »als du mir die Verteidigung[884] von Prag übertrugest: Du wirst eher das Leben lassen, als deine Ehre und deinen Ruhm auf dieser Erde und deine Seligkeit im Himmel. Wie kann ich nun in dein Angesicht schauen, und in das der Frau, die dazumal als ein Krieger an meiner Seite gestanden ist?«

»Diepold, erhebe dich«, sagte der Herzog.

»Ich kann es nicht«, rief Diepold.

Die Herzogin beugte sich zu Diepold, faßte mit ihrer andern Hand auch noch nach ihm, und zog ihn empor.

Er stand vor dem Herzoge und der Herzogin.

»Diepold, du Glanz der Männer«, sagte der Herzog.

»Wie ich es tun konnte?« antwortete Diepold. »Es war Streit mit dem Bischofe über Höfe und Liegenschaften, mir zitterte das Herz, daß du, den ich so liebte, ihn vorzogest. Da kamen die Zwischenträger, und die Ohrenbelagerer, und die zwei Fürsten sagten: er hat den Bann schon einmal über uns gebracht, jetzt geht er nach Italien, und wird den Bann wieder über uns und über dich bringen. Wir müssen ihn fangen, daß er uns Gewähr gibt. Und ich willigte ein. Wir fingen ihn nicht, und es geschah Übles.«

»Weshalb wurde der Morenhof angezündet?« fragte Wladislaw.

»Sie sagten, jetzt werde der Bischof aus dem Feuer fliehen, und wir können ihn fangen«, antwortete Diepold.

»Wenn er aber im Feuer umgekommen wäre?« fragte Wladislaw.

»Ich weiß es nicht, ob einer die Absicht gehabt hat«, sagte Diepold; »aber als ich den Brand tadelte, sprach ein jeder, er habe den Befehl nicht gegeben; aber der Bischof werde jetzt kommen. Mich faßte Abscheu.«

»Ich wußte es«, sagte die Herzogin.

»Und nun ist alles so geworden«, sprach Diepold.

»Wußtet ihr alle denn nicht, daß ein erzwungenes Versprechen nicht bindet?« fragte der Herzog. »Ihr durftet[885] den hochehrwürdigen Bischof nicht fangen, um von ihm etwas zu erreichen, so wie ich keinen von euch fangen ließ, um ihn nach Prag zu bringen. Ich habe nur jeden gerufen.«

»Ich war ohne Sinne«, sprach Diepold.

»So hat Odolen gesagt«, antwortete der Herzog. »Diepold, ich habe dich nie zurückgesetzt, so hoch ich auch Zdik achte. Du hast schon meine Stelle vertreten, er nie.«

»Ich weiß es«, sagte Diepold.

»Du wirst wieder mit uns handeln, wie du auf den Zinnen von Prag mit mir gehandelt hast«, sagte die Herzogin, »und wie du mit meinem Gatten in dem Kriege gegen die Fürsten gehandelt hast.«

»Diepold«, sprach der Herzog, »du bist in deiner Zornmütigkeit gegen einen Mann aufgestanden, wie sie jetzt zuweilen auch in andern Ländern tun, um ihn zu zwingen, und die andern haben gewollt, daß du mit ihnen seiest, daß sie mehr Ansehen gewinnen. Keiner ist gekommen, da ich sie rief. Du bist gekommen. Diepold, ich bitte dich, gehe zu dem Heiligen Vater, tue Buße, leiste Genugtuung, und löse dich von dem Banne. Du bist mein geliebter Bruder.«

Der Herzog öffnete die Arme, Diepold auch, die Brüder umfaßten sich.

Die Herzogin ging hinzu, und küßte Diepold auf die Stirne.

»Ja, ich gehe nach Rom und nach Viterbo, und werde Buße tun und Genugtuung leisten«, sagte Diepold. »Es ist so der Ehre gemäß.«

»So ist es«, antwortete Wladislaw.

Und so ging Diepold von Prag fort, und dann zu dem Heiligen Vater nach Viterbo, und dann nach Rom, tat Buße, leistete Genugtuung, wurde des Bannes ledig, und kam wieder nach Prag zurück.

Gegen die Sommerszeit ritt ein Eilbote von Mähren[886] gegen Prag zu dem Herzoge Wladislaw. Als er zu dem Herzoge kam, sagte er: »Ich komme von Brünn, der Herzog Wratislaw ist schwer krank, er bittet dich, hocherlauchter Herzog, wenn du einst vom Himmel Gnade hoffest, daß du ihm Gnade gebest, und an sein Sterbebette kommest, damit er an dir Buße tue, und die letzte Verzeihung erlange. Er hat auch den hochehrwürdigen Bischof Zdik um die Erbarmnis bitten lassen.«

Der Herzog gewährte das Verlangen Wratislaws. Er zog nach Brünn, und kam mit dem Bischof Zdik an das Krankenbette des Herzogs.

Wratislaw streckte einen Arm empor, und rief matt und schwer verständlich: »Nehmt Stühle.«

Wladislaw und Zdik taten es.

Dann sprach er mit ungelenker Zunge: »Guido hat recht gesagt. Ich wäre nicht zu Grunde gegangen und in die Erde versunken. Aber ich habe wieder gesündigt, und da ist der Zornesengel auf dieser Welt über mich gekommen. Mich hat der Schlag gerührt, und eine Hand und ein Fuß sind fremd. Er ist gekommen, der rächet. Wladislaw, du gerechter Mann, Zdik, du heiliger Mann, schützet mich.«

»Denke an die Reue«, sagte Zdik, »und Gott schützt dich.«

»Denke an Genugtuung, und der Bann wird von dir weichen«, sagte der Herzog.

»Ich wollte, daß er verbrenne«, sprach Wratislaw, »ich wollte, daß er erschlagen werde. Der andere Fuß wird auch fremd werden, und das Haupt auch, und dann werde ich ewig verdammt sein. Guido hat es gesagt.«

»Wratislaw«, sagte Zdik, »und wenn du mich wirklich erschlagen hättest, und ich könnte in der andern Welt bei dem allmächtigen Gotte für dich bitten, so würde ich es deiner Reue willen tun, und ich würde dir vergeben, so wie ich hier an deinem Bette Gott für dich bitte, dir[887] verzeihe, und bei dem Heiligen Vater für dich bitten werde.«

»Daß der Bann geht, ehe ich verdammt werde«, sagte Wratislaw.

»Daß er sogleich geht«, antwortete Zdik.

»So tue es, so tue es«, sagte Wratislaw, »nehmt Genugtuung, Genugtuung.«

»Ich schreibe sogleich an dieser Stelle auf dem Pergamente und mit den Werkzeugen eines meiner Männer«, sagte Zdik, »und sende Boten an den Heiligen Vater.«

»Tue es«, sprach Wratislaw.

Und Zdik rief einen Mann herein, und ließ sich aus einer ledernen Tasche ein Pergament und Schreibgeräte reichen. Und er setzte sich an einen Tisch und begann zu schreiben.

»Hast du deine Hand für mich?« fragte Wratislaw den Herzog.

Der Herzog reichte ihm die rechte Hand, und er tastete mit einer seiner Hände darnach.

Dann hob er den Arm dieser Hand auf, und lallte: »Ich habe dich in der Schlacht töten wollen, ich habe dich ermorden wollen. Rette mich.«

»Ich rette dich«, sagte Wladislaw. »Ich bitte Gott für dich, ich verzeihe dir, gib Genugtuung.«

»Es ist alles fremd«, sagte Wratislaw, »ich kann es nicht mehr in Gebrauch setzen, nehmt Genugtuung, nehmt alle Genugtuung.«

»Wir werden dir helfen«, sagte Wladislaw.

»Wir helfen dir«, rief Zdik.

Wratislaw sprach nicht mehr. Und nach einer Zeit verließen die Männer das Krankenbett.

Zdik sendete die Botschaft an den Heiligen Vater, und Wratislaw wurde von dem Banne erlöset. Er starb aber nicht, sondern genas, und wurde seiner Glieder wieder mächtig.[888]

Jetzt forderten Wladislaw und Zdik Konrad auf, Buße zu tun, und Genugtuung zu leisten.

Konrad verweigerte es.

Es waren Priester in seinem Gebiete, welche den Gottesdienst verrichteten, und er beharrte im Widerstande gegen den Herzog und gegen den Papst.

Da rief Wladislaw seine Männer auf, die in Bereitschaft waren. Sie kamen in allen Richtungen herbei. Von dem Walde im Mittage kam Witiko mit mehr Leuten, als in dem mährischen Kriege bei ihm gewesen waren. Auch der alte Bolemil kam noch, und alle die jungen Krieger und die jungen Führer ritten in Eile heran. Und man zog nach Mähren, und es wurde in Schnelligkeit die Burg Znaim erobert und zerstört. Konrad mußte in schlechten Gewändern und ohne Habe in die Verbannung fliehen. Wladislaw nahm das Gebiet von Znaim in Besitz.

Da richtete Konrad ein demütiges Flehen an Wladislaw, er tat Buße, und gelobte Genugtuung, Konrad, der König der Deutschen, bat für ihn bei Wladislaw, und Wladislaw gewährte ihm wieder Gnade. Er wurde durch den Heiligen Vater des Bannes ledig, und wurde von Wladislaw in sein Gebiet Znaim eingesetzt, das aber jetzt in Verwüstung war.

Alle Scharen, welche zu Wladislaw in diesen Krieg gekommen waren, zogen in ihre Heimat zurück.

Die Männer, welche der Dinge in den Ländern Böhmen und Mähren kundig waren, sagten, jetzt seien die Streitigkeiten Wratislaws und Konrads mit Wladislaw geendet.

Witiko suchte in seinem Gebiete dasjenige zu beginnen und zu vollführen und die Leute dazu anzuleiten, was er für notwendig hielt, den Schatz zu heben, der, wie er gesagt hatte, in dem Walde liege. Er übte auch die Männer in den kriegerischen Dingen, und ließ Waffen und alles Gehörige in Bereitschaft setzen, wenn wieder ein Heereszug notwendig würde.[889]

Da erscholl die Kunde, daß im Reiche Jerusalem die Stadt Edessa von den Ungläubigen erobert worden, daß das Heilige Land in Gefahr sei, daß der Abt von Clairvaux, Bernhard, in Frankreich zu einem Zuge in die heiligen Länder rufe, daß der König von Frankreich, Ludwig, das Kreuz zum Zuge in das Heilige Land auf sein Gewand geheftet habe, daß seine Gemahlin, seine Brüder, und viele Bischöfe, Herren und Edle mitziehen wollen, daß der König der Deutschen, Konrad, zum Zuge rüste, und daß sein Neffe Friedrich, dann der Herzog von Baiern und der von Lothringen, der Markgraf von Österreich, der von Steier, der von Kärnten, viele Bischöfe, so auch Regimbert von Passau, und unzählige edle Männer und Männer aus dem Volke mitgehen wollen. Die Worte Bernhards wurden in den Kirchen von Böhmen und Mähren verkündiget, und der Bischof Zdik predigte in eifrigen Worten den Zug in die heiligen Länder. Der Herzog Wladislaw, sein Bruder Heinrich, Spitihněw, der Sohn Bořiwoys, und viele Herren und viele aus dem Volke hefteten das Kreuz auf ihr Gewand. Die Herrschaft des Landes übertrug Wladislaw seinem Bruder Diepold.

Aus dem Walde im Mittage des Landes zog auch eine Schar von Männern aus. Witiko aber ging zu diesem Zuge nicht.

Der große Eifer kam aber nicht zu seinem Ziele. Es waren Schlachten, Kämpfe, Siege, Niederlagen, Nöten, Unbilden, und man erreichte nicht, was man wollte. Wladislaw, Konrad und Friedrich und andere kehrten wieder in ihre Heimat zurück. Manche Männer hatten ihren Untergang gefunden. Jurik wurde im Kampfe getötet, und Bartholomäus, der Kanzler des Herzogs, gefangen, und man hat nie mehr etwas von ihm vernommen. Regimbert, der Bischof von Passau, der gesagt hatte: »Wenn die Spanne dieses Lebens nicht schon zu kurz ist, so werde ich die Pilgerschaft in die heiligen[890] Länder beginnen«, sah die Heimat nicht mehr, er starb auf dem Rückwege in Griechenland.

In dem Jahre, da Wladislaw zurückgekehrt war, starb Otto, der Bischof von Prag, und es wurde Daniel, der Propst von Prag, zum Bischofe gewählt, und dann in Mainz geweiht.

Es starb in dem gleichen Jahre auch der alte Bolemil in der Burg bei Taus. Der Herzog, dann sein Bruder Diepold, dann Silvester, Äbte und Erzpriester und Priester, dann Lubomir, Diwiš, Preda, Wšebor, Božebor, Welislaw, Odolen, Witiko, und zahlreiche Herren und Lechen und Wladyken zogen zu der Bestattung. Bolemil lag, wie er einstens in der Sänfte gesessen war, und seine Befehle in der Schlacht erteilt hatte, angetan mit dem braunen weiten Gewande, auf das sein weißer Bart niederfloß, so nun auch auf der Bahre in braunem Sammetgewande mit Gold, dessen Oberteil sein weißer Bart deckte. Eine ungemein große Zahl von Menschen war gekommen, von sehr vielen flossen ihm die Tränen in das Grab nach.

Im dritten Jahre darauf starb Gertrud, die Gemahlin Wladislaws, des Herzogs von Böhmen und Mähren. Sie hatte nur ihr zweiunddreißigstes Lebensjahr erreicht. Es war ein Klagen und Jammern in dem ganzen Lande. Und wie einstens die Sänger in manchem Lande ihre Taten gesungen hatten, so sangen sie jetzt auch ihren Tod. Wladislaw legte sie an die Seite seiner Vorfahrer.

Ehe ein Jahr vergangen war, folgte seiner Schwester auch ihr Bruder Konrad, der König der Deutschen, in das Grab.

Sein Neffe, Friedrich, empfing die deutsche Königskrone.

Und nun kam in das Reich Wladislaws, des Herzoges von Böhmen und Mähren, die Zeit, in welcher die Streite aufgehört hatten. Er führte nun aus, und befestigte, was der Kardinal Guido eingeleitet hatte. Er stiftete Klöster[891] oder vollendete sie, wie Strahow, Sedlec, Plaß, Nepomuk, dann die Frauenklöster Doxau und Lunowic. Die Klöster hegten den Glauben und die Kirchenzucht, und in ihnen waren Gelehrte und Dichter und Baumeister, von denen Werke der Kunst ausgingen, dann Maler, Steinbildner, Holzschnitzer, Handwerker, Pfleger des Landes und Waldes, und Versender der Dinge in fernere Gegenden. Zu allem dem hatten sie Schulen. Wladislaw ordnete mit seinem Rate die Ämter, daß jedes seinen Kreis kenne, und Recht und Wohlstand gedeihen. Er errichtete in der Stadt und in Teilen des Landes Bauwerke, oder vergrößerte oder verschönerte sie. Er ging auf seine Burgen und in die herzoglichen Besitzungen und in die Županeien und in Teile des Landes. Wohin er kam, waren Versammlungen und Beratungen, und er hielt Gerichte.

Als er zwei Jahre um Gertrud getrauert hatte, vermählte er sich mit Judith, der Tochter Ludwigs, des Landgrafen von Thüringen. Die Ritter in den deutschen Ländern sagten, es sei keine so schöne Frau, in keinem Geiste seien so hohe Gedanken und kühne Unternehmungen, keine Frau liebe so die Künste, und keine könne so schön in der deutschen und lateinischen Sprache reden.

Witiko und Bertha brachten dem Herzoge und der Herzogin Hausgaben, und die Gaben wurden freundlich angenommen.

In dieser Zeit ließ Witiko emsig in dem Walde Kohlen brennen, und in das ebene Land befördern. Er schwemmte Holz auf der Moldau in die krumme Au, und flößte es dort weiter. Er ließ bessere Tiere in seine Höfe kommen, oder vermehrte sie, er ordnete die Geschäfte der Höfe, und sah nach Stellen, wo er einmal neue errichten könnte. Er strebte Männer zu finden, welche allerlei Dinge aus den Hölzern des Waldes zum Versenden verfertigten,[892] und was sonst die Höhen und Täler der Wälder hervorbrachten, suchte er einem Gebrauche zuzuwenden. Er ließ in dem Walde Wege und Pfade machen, Brücken und Stege bauen, Einfriedungen errichten, dürre Gründe bewässern, und aus sumpfigen das Wasser ableiten. Zwei Male in der Woche saß er zu Beratschlagungen mit Leuten bereit, und er ließ zu jeder Zeit Menschen in seine Burg, wenn die Sache dringend war. Er bewirkte, daß Herren und Männer des Waldes sich öfter versammelten, um über die Dinge des Gebietes und des Landes zu reden. Die Versammlungen wuchsen, es kam endlich auch Lubomir zu ihnen, es kamen seine Sippen, es kamen Männer, die in der Nähe des Waldes waren, so Ctibor und Nemoy und Strich von Plaka. In der Burg führte Bertha die Herrschaft über die Wirtlichkeit. Wentila und Hiltrut standen ihr bei. An manchen Abenden, wenn Muße war, las Benno vor Witiko, Bertha, Wentila, Hiltrut und vor manchen Männern und Frauen, die in die Burgstube geladen worden waren, aus verschiedenen geschriebenen Blättern vor, oder er las auch etwas von dem, was er über die Geschicke der Kaiser zusammen gesammelt hatte. Oft wurde von Dingen der Welt und der Menschen gesprochen, wie sie gewesen waren, und wie sie jetzt sind.

In dieser Zeit zogen auch zuweilen die Bewohner des Witikohauses in die Burg Schauenberg, und die von Schauenberg in das Witikohaus.

Eines Tages begaben sich Heinrich und Wiulfhilt und Witiko und Bertha mit Geleiten auf einen Zug nach Olmütz, um dem Bischofe Zdik für seine Geschenke zu danken. Sie blieben eine Woche bei dem Bischofe.

Witiko und Bertha gingen zu Zeiten in die Wohnsitze der Nachbarschaft sowohl in dem böhmischen Lande als auch in dem Gebiete von Passau und an der Mihel, und sie empfingen die Bewohner jener Wohnsitze auch wieder in ihrer Burg. Wentila und die Base gingen oft mit, oft nicht.[893]

Welislaw und Dimut kamen manches Mal nach Rowna, und dann auch in das Witikohaus. Auch andere Männer und Freunde aus Prag oder ferneren Landstrichen, aus Baiern, aus Österreich kamen, und es waren verschiedene Festlichkeiten und manche vergnügliche Tage.

Witiko war öfter mit den Seinigen in Plan. Und wenn er dort verweilte, kamen die Männer wie sonst zu ihm in das steinerne Haus, und saßen an Abenden in Gesprächen da, und er kam an andern Abenden in andere Häuser, nahm dort Brod und Salz, und redete mit den Männern. So tat er auch im Wangetschlage und in Friedberg. Er verbesserte die Häuser in Plan und im Wangetschlage, und vermehrte ihr Grundland.

In mancher Zeit waren die Bewohner des Witikohauses auch in Přic.

Der alte Huldrik kam einmal mit dem Anliegen, daß er ein Weib nehmen müsse, weil er zu seinem Dienste in der Burg und zu seinem Ansehen ein Weib brauche. Witiko sagte, wenn es sein müsse, so möge er ein Weib nehmen, und Benno verband ihn mit einer Jungfrau aus Friedberg, die Azala hieß.

So war das Jahr des Heiles 1154 gekommen.

In diesem Jahre erging von dem Könige der Deutschen, Friedrich, an alle Herren des deutschen Landes und an alle, die sonst verpflichtet waren, der Ruf, daß sie sich und ihre Männer stellten, damit er seinen Kaiserzug nach Rom antreten könne. In dem Rate des Herzoges Wladislaw sagten die älteren Männer, man müsse sich dem jungen Könige, der kaum das dreißigste Jahr überschritten habe, wichtig erhalten, man müsse sich ihm nicht geneigt zeigen, weil er die Ansprüche Heinrichs, des Markgrafen von Österreich, des Schwagers des Herzogs Wladislaw, auf Baiern nicht anerkenne, mit dem doch der Bruder Heinrichs, der vorige Markgraf Leopold, von dem Könige Konrad begabt worden war, und man[894] müsse ihm die dreihundert Reiter, welche sonst die Herzoge von Böhmen und Mähren zu den Romzügen gesendet hatten, verweigern. Die jüngeren Männer sagten, man müsse mit dem Könige in Verbindung kommen, um dem Herzogtume Böhmen und Mähren Ansehen und Ehre zu gewinnen. Mit der Meinung dieser Männer hielten es Welislaw, Witiko, Odolen, Sezima, Zwest und Jurik, der Sohn Juriks.

Wladislaw tat nach dem Rate der Alten.

Das Heer des Königs Friedrich sammelte sich ohne die böhmischen Reiter im Weinmonate des Jahres 1154 vor der Stadt Augsburg, und zog dann durch Tirol an den Gardasee. Dann ging es gegen Verona und Piacenza. Auf den roncalischen Feldern hing der König seinen Schild auf einen Pfahl, daß die höchsten Lehenträger in der folgenden Nacht bei ihm Wache hielten. Dann zogen sie von Stadt zu Stadt, und die lombardischen Städte ergaben sich, oder wurden bezwungen. Tortona, das lange widerstand, wurde zerstört. Am siebenzehnten Tage des Ostermonates des Jahres 1155 wurde der König in der alten Hauptstadt des Königreiches Italien, Pavia, mit der lombardischen Krone von dem Bischofe der Stadt in der Kirche des heiligen Michael gekrönt. Am achtzehnten Tage des Brachmonates des Jahres 1155 wurde der König von dem Heiligen Vater Hadrianus in Rom in der Kirche des heiligen Apostels Petrus zum Kaiser gekrönt. Dann besiegte er die aufrührerischen Römer, züchtigte die widerspenstige Stadt Spoleto, schlug in den Felsenengen der Etsch die verräterischen Bewohner von Verona, und kam im Sommer wieder nach Deutschland zurück.

In Deutschland verurteilte er den Erzbischof von Mainz Arnold, und den Pfalzgrafen Hermann von Stahleck, welche sich gegen seine Abmahnung in einer verwüstenden Einzelfehde bekriegten, auf dem Reichstage zu Worms im Anfange des Jahres 1156 mit allen Grafen, die[895] ihnen halfen, zum Hundetragen. Dem Erzbischofe wurde wegen seines Alters und Amtes die Strafe erlassen; alle andern aber erlitten sie. Dann zog er an dem Rheine hinab, zerbrach die Raubschlösser, und ließ die Schuldigen hinrichten. Die Zölle, welche ohne die Genehmigung des Kaisers errichtet worden waren, erklärte er für nichtig, und sie mußten sogleich aufhören.

Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, schickte nun Daniel, den Bischof von Prag, zu dem Kaiser Friedrich.

Daniel kehrte wieder zurück, und erzählte dem Herzoge Wladislaw von dem Kaiser Friedrich.

Er erzählte ihm, daß Beatrix, die schöne Erbtochter von Burgund, von ihrem Oheime Wilhelm in einen Turm gesperrt worden sei, daß sie dort umkomme. Der Kaiser aber hat sich gerüstet, sie zu befreien. Und er hat sich entschlossen, sie, wie einst der Kaiser Otto die schöne Adelheid von Italien, zu freien. Wilhelm hat sie losgelassen, und an den heiligen Pfingsttagen wird auf einem großen Reichstage die Vermählung vollzogen werden.

Und es ergingen sodann von dem Kaiser die Einladungen zu dem Reichstage auf das heilige Pfingstfest nach der Stadt Würzburg.

Und als sich die Tage des Pfingstfestes näherten, zog Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, mit dem Bischofe Daniel, mit Priestern, Herren und Rittern und einem großen geschmückten Geleite gegen die Stadt Würzburg. Witiko und alle die jüngeren Herren und Krieger folgten dem Herzoge.

Wladislaw und die Seinigen wurden von dem Kaiser freundlich empfangen. Und es kamen die Fürsten und Herren des Reiches zu dem Reichstage, und Gezelte reihten sich an Gezelte. Und alle die jungen Ritter, die unter der Führerschaft Friedrichs gewesen waren, als er fast noch als ein Knabe, den Wolfartshauser Grafen geschlagen[896] hatte, kamen zu seiner Vermählung. Sie waren jetzt mit Macht und Ehren begabt. Witiko freute sich seines Freundes Wolfgang von Ortau, der mit Gut belehnt worden war, und er fand manche Freunde, die er in Nürnberg und in Wien kennen gelernt hatte.

Die erste Feier des Reichstages war die Vermählung. Das Brautpaar war vor dem Altare. Friedrich in weißem Sammetgewande mit Gold und edlen Steinen und feinem Hermelin, ein Mann von mittlerer Größe, wohlgebildet, mit hellem rosenwangigen Angesichte, mit blauen Augen und blonden Haaren, und mit einem goldschimmernden Barte. Beatrix in weißem Sammetgewande mit Gold, edlen Steinen und Hermelin, auch mittelgroß, fein, mit rosigem Angesichte, blauen Augen und blonden Haaren. Nach der Vermählung war ein Mahl voll Heiterkeit und Freude; aber es war Maß in Speisen und Getränken und in Schmuck und Geschirren.

Und in den Tagen nach der Vermählung waren andere Geschäfte.

Es kam Wladislaw, der Herzog von Polen, der von seinem Bruder Boleslaw vertrieben worden war. Er suchte Hilfe. In der Versammlung der Fürsten sprach Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, für ihn. Der Kaiser und die Fürsten entschlossen sich zur Hilfe, und es wurden Boten nach Polen gesendet.

Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, hatte mehrere Gespräche mit dem Kaiser über die Dinge zwischen Österreich und Baiern. Er sprach auch mit Fürsten über diese Dinge.

Der Reichstag in Würzburg wurde beendigt.

Nach demselben ging der Bischof Daniel mit dem Willen des Kaisers und des Herzoges Wladislaw zu dem Kaiser, daß die Beratungen über Österreich und Baiern fortgesetzt würden.

Und als die Beratungen vollendet waren, wurde auf den[897] Herbst des Jahres ein Reichstag nach Regensburg zur Schlichtung berufen. Die Fürsten erschienen sehr zahlreich, und Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, zog mit dem Geleite, welches mit ihm in Würzburg gewesen war, und noch mit andern Männern, die sich angeschlossen hatten, nach Regensburg. Auf dem Reichstage in Regensburg gab nun Heinrich, der Markgraf von Österreich, die Länder Österreich und Baiern in die Hände des Kaisers zurück. Der Kaiser aber trennte von Baiern das Land zwischen der Enns und Passau, und belehnte mit dem, was übrig war, Heinrich, den Sohn des vorigen stolzen Herzogs Heinrich von Baiern. Das abgetrennte Stück Baierns legte er zu Österreich, erhob Österreich zu einem Herzogtume, und belehnte damit den Markgrafen Heinrich als Herzog von Österreich. Und große Vorzüge wurden dem neuen Herzogtume gegeben. Es konnte auf Frauen vererbt werden, und der letzte Besitzer, wenn alle Erben mangelten, konnte darüber verfügen. Alle Züge des Herzogs zu Versammlungen und Kriegen waren freiwillig, außer den Versammlungen, die der Kaiser selbst berief, und außer den Kriegen gegen die Ungarn. Die Fürsten begrüßten den neuen Herzog, sie freuten sich der Austragung des Streites, der schon seit dem Beginne der Herrschaft des Königs Konrad gedauert hatte, es freuten sich alle, die auf dem Reichstage waren, es freuten sich die Bewohner der Stadt Regensburg, und bald kamen auch die Zeichen der Freude aus den Gauen des Reiches herein.

Von Polen wurde die Nachricht gebracht, daß der Herzog Boleslaw dem Kaiser trotze. Also wurde der Krieg gegen Polen auf das nächste Jahr beschlossen.

Im Sommer dieses nächsten Jahres zog das deutsche Heer gegen Polen. Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, kam mit seinen Brüdern Diepold und Heinrich und mit vielen Lechen und Herren der Länder Böhmen[898] und Mähren, und mit erlesenen Scharen von Kriegern an der Oder zu dem Kaiser. Im Erntemonate wurde die Oder bezwungen, und die Heere drangen bis gegen Posen vor. Da bat Boleslaw um Frieden, und rief den Beistand des Herzoges Wladislaw an. Der Herzog brachte mit mehreren andern Fürsten die Vereinbarung zu Stande. Es wurde festgesetzt: Boleslaw kömmt in bloßen Füßen, da ihm ein bloßes Schwert von dem Halse hängt, zu dem Kaiser, und kniet vor seinen Füßen. Er leistet den Lehenseid, und beschwört, daß er seinem Bruder sein Gebiet zurückgebe. Dem Kaiser zahlt er zweitausend Mark Silber, den Fürsten tausend Mark, dem Lehenhofe zweihundert, und der Kaiserin vierzig Mark Goldes. Dem Kaiser sendet er zu seinen Zügen nach Italien dreihundert Reiter, und er stellt sich zur Schlichtung aller noch übrigen Dinge auf den nächsten Reichstag nach Magdeburg. Zur Sicherheit gibt er Geiseln.

Boleslaw leistete die Sühne und die Schwüre, und gab die Geiseln, darunter sein Bruder Kasimir war. Die Geiseln gingen auf den Befehl des Kaisers nach Prag.

Dann zog der Kaiser wieder nach Deutschland zurück.

Er berief auf den Herbstmonat einen Reichstag nach Würzburg. Noch mehr Fürsten und Herren und Kirchenobere kamen auf diesen Reichstag, als auf frühere gekommen waren. Es kam Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, und es kamen Gesandte aus Frankreich, England, Spanien, Italien, Dänemark, Burgund und Griechenland. Die Herren aus Burgund unterwarfen sich dem Kaiser, und die Erzbischöfe und Bischöfe von Lyon, Valence, Vienne, Arles und Avignon huldigten ihm. Waldemar, der König von Dänemark, ließ ihm anzeigen, daß er als König gewählt worden sei, und ließ ihn bitten, daß er die Wahl bestätige, und ihn belehne. Der Kaiser sagte es unter dem zu, daß Waldemar einen Eid leiste, er werde selber zu dem Kaiser kommen. Stephan,[899] der Bruder Geisas, des Königs von Ungarn, bat den Kaiser um Hilfe wegen mancher Unbilden, die er von seinem Bruder erlitten hatte. Der Kaiser bat den Bischof Daniel, daß er zu Geisa gehe, und die Dinge erkunde, weil er dem Könige Geisa schon bekannt sei, da er mit ihm vermittelt hatte, daß seine Tochter Elisabeth die Gattin Friedrichs, des Sohnes Wladislaws, des Herzoges von Böhmen und Mähren, geworden ist. Daniel sagte den Zug zu Geisa zu, und ging, nachdem der Reichstag beendiget war, nach Ungarn.

Der Kaiser aber durchzog das Reich, bestrafte alle, die Unruhe oder sonst Übles stifteten, und ordnete die Sachen der Länder und der Kirche.

In dieser Zeit sendete Heinrich, der König von England, Geschenke an den Kaiser, und sendete geschriebene Worte, in denen enthalten war: ›Wir sind bereit, was Eure Ehre fordert, zu vollführen. Wir vertrauen England und unsere Herrschaft Eurer Gewalt und Eurem Willen an. Es sei ein Bund zwischen unsern Völkern, darin Ihr den Befehl habt, und darin wir den Gehorsam nicht verabsäumen werden. An den Geschenken sehet nicht den Wert, sondern die Liebe dessen, der sie gibt, und nehmt sie auf, wie sie gegeben sind.‹

Von Ungarn kamen Gesandte, durch welche der König seine Handlungen darlegen ließ, und durch welche er versprach, dem Kaiser Krieger zu seinem Zuge nach Italien zu senden.

Indessen diese Dinge geschahen, kamen aus Italien Botschaften, daß sich die Städte bekriegen, daß Mailand die Freunde des Kaisers unterdrücke und unterwerfe, daß es die Mahnungen des Kaisers nicht achte, und daß es sich mit seinen Feinden verbinde.

Friedrich richtete nun ein Schreiben an alle geistlichen und weltlichen Fürsten, und sagte: ›Mailand hat sich gegen das Römische Reich aufgelehnt, und höhnet die Ehrfurcht,[900] welche die Untertanen ihrem Beherrscher schuldig sind, wenn auch derselbe von ihnen entfernt ist. Es strebt darnach, Italien seiner Herrschaft zu unterwerfen, und hält uns für unfähig, es zu besiegen und zu bestrafen. Ein solcher Frevel darf jetzt und in der Zukunft nicht gelingen. Wir müssen die Widerspenstigen mit unserer ganzen Macht bekämpfen, und das üble Glied von dem Körper schneiden, daß er nicht auch die Verderbnis empfange, und zu Grunde gehe.‹

Es wurde wegen Italiens auf den sechsten Tag des Monates Jänner des Jahres 1158 ein Reichstag nach Regensburg ausgeschrieben. Auf diesen Reichstag kamen die Fürsten und Herren des deutschen Reiches, und es kam Wladislaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, mit dem zahlreichsten Geleite, das er bisher gehabt hatte. Es wurde für den Sommer ein Zug nach Italien festgesetzt, und alle, die da waren, stimmten ein, und versprachen ihre Zurüstungen.

Am fünften Tage der Versammlung gab Friedrich, der römisch-deutsche Kaiser, Wladislaw, dem Herzoge von Böhmen und Mähren, in Anerkennung seiner Tugenden und seiner großen Dienste in der Gegenwart aller Fürsten eine Königskrone, Wladislaw wurde mit Feierlichkeit als König von Böhmen gekrönt, und von allen Fürsten als König von Böhmen begrüßt. Und diese Königswürde sollte von nun an auf alle seine Nachfolger übergehen.

Es war in allen Lagern und es war unter den Begleitern Wladislaws eine große Freude über dieses Ereignis.

Und als er heimkehrte, kamen ihm in seinem Lande ganze Scharen von Menschen entgegen, und riefen ihm Heil und Segen und Jubel zu, und streuten Tannenzweige auf seinen Weg, und geleiteten ihn große Strecken. Viele junge Krieger und Herren kamen herzu, und zogen mit ihm nach Prag. In Prag wurde er von dem[901] Volke mit Feierlichkeit empfangen, mit Freude begrüßt, und er und Judith wurden in kirchlicher Festlichkeit als König und Königin anerkannt.

Er berief darauf eine große Versammlung in die Königsburg.

Und als der Tag der Versammlung gekommen war, und als sich die hohen und niederen Herren der Länder Böhmen und Mähren und die Herren der Kirche in einer so großen Zahl eingefunden hatten, wie sie sonst nie herbei gezogen waren, sprach der König zu ihnen: »Erhabene Herren der Kirche, Söhne des Stammes Přemysl, Herren, Männer und Krieger der Länder Böhmen und Mähren, höret meine Worte. Sie zielen nun nicht mehr wie in der vergangenen Zeit auf die Not und das Unglück unserer Länder, um Abhilfe zu verlangen; sie zielen auf das Ansehen und die Ehre unseres Reiches, daß es mit andern Reichen wirke, ihnen gleich sei, und geachtet und gefürchtet werde. In Italien ist die große und mächtige und reiche Stadt Mailand durch Gewalt, durch Kühnheit, durch Verrat, durch Frechheit und durch Verhöhnung aller göttlichen und menschlichen Gesetze die Beherrscherin des oberen Teiles des Landes geworden. Die Krämer, die Händler, die Handwerker der Stadt sind tapfer, sie spotten aber jedes Rittertumes, jedes Kriegertumes, und möchten die Herren aller Dinge sein. Und sie werden nach und nach die Herren der Dinge werden, wenn ihnen nicht Einhalt getan wird, und sie werden wachsen, und nach uns allen greifen. Es ist daher ein Bund gegen sie entstanden. Friedrich, der König der Deutschen, der auch in Rom zum römischen Kaiser gekrönt worden ist, der in Pavia die lombardische Krone empfangen hat, und dessen Untertanin daher die Stadt Mailand ist, dessen Ansehen und Befehlen sich aber die Stadt widersetzt, ist der Führer des Bundes. Alle deutschen Fürsten gehen mit ihm. Das Land Ungarn wird[902] Reiter senden, Polen wird Kriegsvölker stellen, und andere werden vielleicht desgleichen tun. Das große schöne Land Italien soll geeinigt und geordnet werden. Ich habe dem Kaiser versprochen, daß ich zu seinem Zuge gehen, und daß ich die Männer zu ihm führen werde, die sich mir zugesellen wollen. So wird, wie schon andere Ehren unserem Lande zu Teil geworden sind, auch aus dieser großen Sache Ehre und Macht für das Land erwachsen. Ich verkündige euch dieses, daß ihr es wisset, und daß jeder, der nach Mailand zu ziehen gesonnen ist, sich rüsten könne. Mit dem Frühlinge beginnt der Auszug.«

Da der König gesprochen hatte, setzte er sich wieder auf seinen Stuhl nieder.

Mehrere Männer erhoben den Ruf: »Wir ziehen, wir ziehen.«

Andere riefen darunter, und man verstand ihre Worte nicht, und es wurde, ehe einer der vorzüglicheren Männer reden konnte, ein Rufen in dem ganzen Saale, aus dem nichts Deutliches vernommen werden konnte.

Dann drang wieder der Ruf durch: »Wir ziehen.«

Dann erscholl der Ruf: »Wir ziehen nicht.«

Dann tönten Stimmen: »Es darf nicht sein«, »es ist gegen das Recht.«

Dann riefen andere dagegen, und es entstand ein verworrenes Geschrei, das stärker wurde, als es früher gewesen war. Dann sprangen viele von ihren Sitzen auf, und schlugen an ihre Schwerter. Andere sprangen nun auch auf, und schlugen auch an ihre Schwerter wie gleichsam zur Antwort.

Der König blieb auf seinem Stuhle, und sah auf die Männer.

Casta hob seine Haube mit dem rechten Arme empor, und schwang sie in den Lüften.

Es achtete aber niemand auf dieses Zeichen.[903]

Immer mehrere erhoben sich von ihren Sitzen, bis fast alle, die in dem Saale waren, standen.

Nun stieg Wecel auf seinen Stuhl, und machte mit seinen Armen Zeichen.

Das Schreien wurde aber noch stärker, und die Nächsten zogen ihn von seinem Stuhle wieder herunter.

Jetzt stand Diwiš auf, und ging von den Stühlen in den freien Raum, daß er von allen gesehen werden konnte, und hob seine beiden Arme empor.

Das Schreien minderte sich aber nicht.

Diwiš ging wieder zu seinem Sitze.

Nun tat Lubomir das nämliche, was Diwiš getan hatte.

Aber das Schreien dauerte fort, und zu Zeiten rasselten die Waffen.

Lubomir ging wieder zu seinem Stuhle.

Nun stand langsam der alte Wšebor mit seinem weißen Barte auf. Er stieg auf den Schemel, den man ihm seines Alters willen vor seinen Stuhl gestellt hatte. Er nahm seine Haube ab, und hielt sie vor die Brust. So blieb er stehen, und regte sich nicht.

Und wie er immer so stand, minderte sich das Schreien allgemach. Es minderte sich stets, und man hörte den Ruf: »Wšebor.«

Da schrie Předbor mit gewaltiger Stimme: »Wšebor.«

Dann riefen mehrere: »Wšebor.«

Dann rief Předbor vernehmlich: »Wšebor liebt Land und Leute, höret ihn.«

»Wšebor, Wšebor, Wšebor«, riefen nun viele Stimmen.

Dann wurde es stiller, und es war endlich kein Laut mehr in dem Saale.

Darauf sprach Wšebor, da er auf dem Schemel stand: »Liebe, gute Landesgenossen. Ich danke euch, daß ihr mit meinem Alter Nachsicht habt, und euern Unwillen beschwichtigt. Ich bin jetzt der Älteste in dem Saale, seit Bolemil ist, wo die Jahre nicht mehr gezählt werden.[904] Gönnet mir, daß ich Worte sage, was ich in meinem Leben erfahren habe. Bolemil spricht nicht mehr, und mein Mund ist viel schlechter.«

»Rede, rede«, riefen viele Stimmen.

Wšebor sprach: »Es sind viele hundert Jahre vergangen, seit der Vater Čech mit seinen Begleitern über die Ströme in dieses Land gekommen ist. Und sie haben ruhig gelebt, und haben die Nachbarn nicht beraubt. Und wenn Feinde gegen das Land gekommen sind, so haben sie dieselben abgewehrt. Die Fremden, welche als Gäste gekommen sind, haben sie beherbergt und gepflegt. Und wenn ein fremder Mann einem Manne dieses Landes ein Geschenk gegeben hat, so hat er es dankbar angenommen, und hat den fremden Mann wieder beschenkt. Aber niemals haben sie von dem Fremden ein Geschenk für das Land angenommen, daß er nicht ein Recht an das Land bekomme. Darum haben sie auch nicht in entfernten Ländern Hilfe leisten müssen. So sind sie daheim in ihrer Sitte geblieben, und es ist das Gesetz geworden, daß sie nicht in Kriegszüge weit über die Grenzen des Landes gehen dürfen. Hocherlauchter König Wladislaw, wenn du die Dinge, ehe sie geschehen sind, vor den Rat deiner Männer gebracht hättest, so wären vielleicht von der Weisheit der Männer andere Wege zum Heile der Länder gefunden worden.«

Als er diese Worte geredet hatte, stieg er wieder von seinem Schemel herab, und setzte sich auf seinen Stuhl.

Von den Männern in dem Saale aber riefen viele: »Das ist wahr«, »das ist gut«, »so muß es sein.«

Und es entstand wieder ein Durcheinanderrufen.

Dann erhob sich Gezo, der Abt von Strahow, um zu sprechen.

Als es stille geworden war, redete er: »Wir haben die Heiligtümer in unserer uralten Stadt Prag, und haben den goldenen Sitz unserer Fürsten im Wyšehrad, welche[905] Burg noch älter ist als Prag, und welche eine goldene Burg bei den Heiden gewesen ist, und eine goldene Burg mit herrlichen Kirchen bei den Christen geworden ist. Zu den Heiligtümern schaut das ganze Volk, und betet bei ihnen zu Gott, und zu den Heiligtümern wallfahren Fremde, um ihrer Wunder teilhaftig zu werden. In unserem Lande ist die Säule unsers Gebetes, ist die Säule unserer Andacht, ist die Säule unserer Macht, und ist die Säule unserer Ehre. Bei den Deutschen aber sind allerlei Pfalzen der Könige, sind allerlei Städte, und der König hat in keiner seinen goldenen Stuhl, und zieht von der einen zu der andern.«

Es erhob sich nach diesen Worten ein dröhnender Lärm in dem Saale. Die Männer schlugen an ihre Schwerter, und. manche schwangen sie mit der Scheide um ihr Haupt.

Gezo aber setzte sich wieder auf seinen Stuhl.

Keine Stimme redete gegen Gezo.

Es erhob sich Peter, der Abt von Břewnow.

Man machte ihm endlich Raum zum Reden, und er sprach; »Wie der hochehrwürdige Abt von Strahow, und wie der hohe Leche Wšebor geredet haben, so rede auch ich. Wenn wir unser Land aus seinen Gesetzen und aus seinen Sitten und Gewohnheiten in die Schicksale anderer Länder heben, so ruht es nicht mehr in sich, und kann stürzen. Ich beklage jede Änderung, die nicht reiflich in dem Rate seiner Söhne erwogen worden ist.«

Nach dieser Rede entstand ein großes Beifallrufen, und es entstand auch ein Rufen des Mißbilligens.

Mehrere Männer sprangen zugleich empor, um zu sprechen.

Da es stiller geworden war, erhob sich der König, und da man ihn vernehmen konnte, sprach er: »Es soll ein jeder, der in dieser Sache reden will, reden. Er rede, was er in seinem Sinne für recht und gut hält, und rede, so lange[906] es ihm genehm ist. Ich werde jeden hören, und bitte aber auch die Männer, daß ein jeder den andern anhöre, wie er selbst angehört zu werden wünscht. Da jedoch nicht mehrere zugleich reden können, wenn sie auch zugleich zum Reden aufgestanden sind, so meine ich es geziemend, daß dem Ältern zuerst das Wort gegönnt werde.«

»Ja, ja«, riefen fast alle Stimmen im Saale.

»Lubomir«, sagte der König, »ich glaube, daß du schon vor einer Zeit von deinem Sitze aufgestanden bist. Und wenn es auch nicht so wäre, so bist du doch der Älteste. Sprich.«

Lubomir sprach: »Hocherlauchter König, wenn du mich hören willst, und wenn mich die Versammlung hören will, so werde ich reden.«

»Rede, rede«, riefen viele Männer in dem Saale.

Lubomir schwieg einen Augenblick. Dann redete er: »Liebe hochehrwürdige Herren der Kirche und der Länder. Wie mir nach meinen geringen Einsichten und nach meinen Jahren mein Sinn eingibt, ist die Veränderung, die sich in unseren Ländern zugetragen hat, sehr wert, daß wir derselben unsere genaue Aufmerksamkeit schenken. Wir wissen jetzt noch nicht, was aus alledem werden wird. Wir wissen nicht, was werden wird, wenn unser Herzog ein König ist, und wenn alle unsere künftigen Herzoge Könige sind. Werden die Könige die Art der Herzoge fortbehalten, oder wird eine andere Art werden? Sind unsere Länder in der alten Lage gegen ihre Nachbarn, oder wird die Lage neu sein? Werden wir in Pflichten gegen die kommen, welche die Ehre gespendet haben? Wenn wir alles erst wohl überdacht haben, wenn ein jeder das, was ihm zu Sinne gekommen ist, den andern in Lieb und Treue mitgeteilt hat, dann können wir beraten, wie das Gute, das in den Dingen liegt, von uns nach unsern Rechten und Pflichten dem Lande zugeführt werden kann, und wie wir das Üble, das die Sache hat,[907] von dem Lande fern zu halten vermögen. Ich denke wohl, daß es gut gewesen wäre, wenn vorher alle Obliegenheiten und Notwendigkeiten der Sache beraten und festgestellt worden wären. Aber ihr wisset alle sehr gut, wie unser erlauchter Herzog Wladislaw, seit er auf dem Fürstenstuhle ist, immer in den Dingen des Landes den Rat zusammen berufen hat, und wie in dem Rate beschlossen worden ist. Wenn er es jetzt nicht getan hat, so wird er Ursachen dazu gehabt haben. Er wird alles sehr reiflich erwogen haben, und er kann uns am sichersten sagen, was in dieser Angelegenheit liegt, und was nicht in ihr liegt.«

»Das ist wahr, das ist gut«, riefen mehrere Männer.

»Er hätte es aber heute sagen sollen«, rief eine Stimme.

Und es wurde ein Rufen des Beifalls und des Tadels.

Lubomir setzte sich wieder auf seinen Stuhl nieder.

»Preda, sprich«, sagte der König.

Preda, welcher stand, redete nun: »Meine Worte sind die Worte Lubomirs. Es kann sehr Übles für die Länder in der Sache sein. Ich füge nur hinzu, daß es jetzt fast ist, als wären die, welche viele Jahre dem Lande gedient haben, nicht mehr die Räte und nicht mehr die Freunde des Herzogs.«

»So ist es«, riefen viele Männer.

Preda setzte sich auf seinen Stuhl nieder.

»Slawibor, rede«, sagte der König.

Slawibor sprach: »Wir haben in unserem Reiche gelebt, und die Herzoge haben nur uns über die Angelegenheiten befragt. Wratislaw, der Großvater unseres erlauchten Herzoges, ist ein König gewesen; aber es war nur ein Ehrenkleid, und er hat als Herzog fortgeschaltet. Und nach ihm sind wieder Herzoge gewesen, wie Wladislaw, der Vater unsers jetzigen Königs, der gute und großmütige, und wie Soběslaw, der Oheim und Vorgänger unsers jetzigen Königs, der feste und ruhmreiche, und wie unser Herzog, der bis jetzt auch ein Herzog gewesen ist.[908] Nun ist das Land für alle Zeiten ohne Ratschluß in ein Königreich umgewandelt worden, und Pflichten und Abhängigkeiten sind im Wege, und das Blut soll in das Ausland gegossen werden. Vor diesen Dingen stehen wir, und ich sage: Wenn der erlauchte Herzog nicht unsern offenen Rat gehabt hat, so hat er geheimen gehabt, und diesen trifft Verantwortung und Strafe.«

»Die Strafe, die Strafe, die Strafe«, riefen Männer durcheinander.

»Nein, nein, nein«, riefen andere.

Und es wurde wieder ein wüster Lärm.

Als er sich gemildert hatte, rief der König: »Diwiš, rede.«

Diwiš redete: »Ich sage wie Lubomir, daß es gut gewesen wäre, wenn die Umwandlung der Länder in dem Rate genau erwogen worden wäre. Ich sage wie Slawibor, daß es ein alter Brauch ist, daß die Söhne unserer Länder nicht in entfernten Reichen kämpfen dürfen. Aber ich sage auch, daß wir über diese Sache noch nicht urteilen können, weil sie uns noch nicht mit allen ihren Teilen bekannt ist. Der hocherlauchte König Wladislaw hat nur von dem Zuge nach Mailand gesprochen, dann ist der Zorn der Männer entstanden, und es ist weiter eine Wesenheit der Sache nicht dargelegt worden. Ich meine wie Lubomir, ein jeder solle gehört werden, und der soll am meisten gehört werden, der am meisten von der Sache reden kann. Und dann sollen wir umsichtig beratschlagen, daß wir das Gute einführen, und das Üble abhalten.«

»Die Sache ist ja deutlich«, rief Mireta.

»Sie ist deutlich, deutlich, deutlich«, rief eine Zahl von Männern.

Da rief der König: »Es muß ein jeder gehört werden, wie ihr gehört werden wollet.«

»Höret einen jeden, das Recht hat er«, schrie Předbor.

»Höret ihn, höret ihn«, riefen fast alle in der Versammlung.[909]

Dann sprach der König: »Rede, Nemoy.«

Nemoy redete: »Da das Alterserblichkeitsgesetz gemacht wurde, sind alle Lechen und Herren und Wladyken der Länder dazu zusammen berufen worden, und es ist die Nachfolge auf dem Fürstenstuhl ruhig vor sich gegangen. Als das Alterserblichkeitsgesetz aufgehoben wurde, hat es der Herzog Břetislaw mit der Mithilfe des deutschen Kaisers Heinrich allein getan, und es sind die Nachfolgekämpfe gekommen, die bis in unsere Zeit gedauert haben, und die nach euch in die Zeiten hinein dauern können. Ich sage das, weil es geschehen ist, und weil es zu beachten ist.«

»Es ist zu beachten«, riefen mehrere Männer.

»Es ist so«, riefen andere, »es ist jetzt wieder so.«

»Ja, ja, ja«, riefen andere.

»Nein, nein, nein«, riefen wieder andere.

Als das Rufen aufgehört hatte, sagte der König: »Jetzt haben die gesprochen, welche mit einander aufgestanden sind. Ich glaube, daß ich sie nach dem Alter genannt habe.«

»Du hast sie genannt, hocherlauchter König«, sagte Nemov.

Nun stand der alte Rodmil auf, und sprach: »Es ist eine Verletzung der Rechte und der Bräuche der Lechen gewesen. Die Lechen sind die Söhne des Landes, sie sind das Land. Und das Land ist der Quell der Ehren und der Macht, und für das Land ist das Blut seiner Kinder.«

Es wurde ein Beifallsrufen nach diesen Worten, und man hörte: »Ja, eine Verletzung, eine Verletzung, und kein Blut für andere.«

Nach Rodmil stand Daniel, der Bischof von Prag, auf. Und wie er stand, wurde es stiller, und wurde immer stiller, und endlich so stille, daß nicht ein einziger Laut in dem ganzen Saale zu vernehmen war.

Dann wartete Daniel noch eine kurze Zeit.[910]

Dann sprach er: »Es war einmal ein Mann, der hatte einen schönen Hof mit schönen Gründen. Sein Vater und sein Großvater und sein Urgroßvater und sein Ururgroßvater haben vor ihm den Hof besessen. Aber der Hof ist nicht immer schön geblieben. Es kamen Regengüsse, und es floß ein Wasser daher, und brachte Bäume und Sträucher und Sand und Steine und Unrat. Und als es abgelaufen war, lagen Steine und Sand auf den Streifen, auf dem es gewandelt. Der Mann und seine Knechte brachten die Steine und den Sand fort, und der Streifen grünte wieder. Aber es kamen wieder Regen, und es kam wieder Sand und kamen Steine. Und jeder Regen brachte Sand und Steine. Da ging der Mann von dem Hofe fort, dem Wasser nachzuspüren. Er ging durch das Gut mehrerer Männer, und kam in den entfernten hohen Wald. Dort waren in Mulden weite Wässer. Die Wässer hatten eine Erdwulst durchfressen, und durchfraßen sie bei jedem Regen mehr. Der Mann und die Besitzer der Güter und der Besitzer des Waldes verbauten die Lücke der Erdwulst, und leiteten die Wasser in Schluchten. Wäre der Mann in seinem Hofe geblieben, so wäre sein Hof ein Haufen von Sand und Steinen geworden.«

Bogdan sprang auf, und rief: »Ja, ihr beide, du und dein Schreiber Vincentius, seid fleißig in die Fremde gegangen, und habt dort gespähet, du hast dich von dem deutschen Kaiser in allerlei Orte senden lassen, und bist sein Diener geworden, und bist ein Fremder geworden, und bringst so viel von der Fremde, bis wir selber Fremde sein werden.«

Ein dröhnender Lärm entstand nach diesen Worten.

Der Bischof Daniel setzte sich wieder auf seinen Stuhl nieder.

Nach ihm erhob sich Božebor.

Als der Lärm sich nach und nach gelegt hatte, sprach er: »Hohe und niedere Herren der Kirche und der Länder,[911] Männer und Freunde. Der alte Rodmil hat gesagt: Das Land ist der Quell der Ehren und der Macht. Es ist der Quell der Ehren und der Macht, und ein anderer Quell ist eine Pfütze. Hocherlauchter Herzog Wladislaw, wer hat dich genötigt, von den Deutschen Ehre und Macht zu gewinnen? Hätten wir dir nicht beides geben können? Wir haben den Kaiser Lothar besiegt, und haben von ihm die Königskrone gewonnen. Konntest du sie nicht von uns empfangen? Du wärest dann ein König der Böhmen gewesen, und wir hätten dich auf unsern Schilden getragen. Jetzt aber bist du ein deutscher König, und mußt den Lohn bezahlen. Du bist zinspflichtig, und wir sind die Knechte eines Knechtes. Oder sollen wir uns von dir lossagen? sollen wir die Länder in Krieg und Jammer stürzen? Wer wird das Elend ergründen können? Die alten Herzoge von Böhmen sind lange, ehe ein deutscher König und Kaiser war, zur Zeit, da noch ein Wald stand, wo jetzt die Stadt Prag ist, auf der heiligen goldenen Burg im Walde gesessen, und ihre Lechen und Wladyken waren um sie, und sie haben gerichtet und geurteilt, und ihre Völker haben auf sie geschaut, und niemand konnte eine Nadel von ihren Wäldern nehmen, und sie waren ehrenreich, daß die uralten Sänger und die Völker von ihnen gesungen haben. Die Herzoge sind höher gewesen, als die Könige und die Kaiser. Daß sie Herzoge wurden, sind sie auf den alten geheiligten Herzogstuhl gesetzt worden. Darum hieß der Felsstuhl der Herzogstuhl. Soll er jetzt ein Königsstuhl werden? Oder willst du dir einen andern schnitzen lassen, und ihn mit Gold und Farben verzieren? Werden nach dir die Könige die Bastschuhe Přemysls anziehen wollen, der nur ein Herzog gewesen ist? Werden die Könige nach dir sich, ehe sie auf den Herzogstuhl gesetzt werden, schlechte Kleider anziehen lassen, um sich ihres Ursprunges zu erinnern? Werden sie sich auch nur auf den Herzogstuhl setzen lassen, dadurch[912] sie ja nur Herzoge würden, und jetzt schon durch den Spruch des Fremden, ehe sie noch in dem Leibe ihrer Mutter entstehen, Könige sind? Unsere geheiligten Gebräuche, unsere heimatlichen Sitten, unsere vorväterlichen Geräte werden verschwinden, und so groß der Fels des Herzogstuhles ist, so werden Jahre kommen, in denen man nicht mehr weiß, wo er gestanden ist. Wenn wir die Sache eingeleitet hätten, so hätten wir das Geheiligte sichern können. Die Könige werden wie du ohne uns handeln, sie werden ihres Glanzes pflegen, und wir werden die Diener und die Sklaven eines Herrn sein. Und wenn wir uns empörten, und alle aus dem Stamme Přemysl entfernten, so würde einer von uns der Herr werden, er würde sich durch seine Macht wieder zum Könige machen, und wir stünden vor dem nämlichen Dinge, vor dem wir jetzt stehen. Wer zu solchem den Rat gegeben hat, der verdient an das Kreuz geschlagen zu werden. So sage ich, so rede ich, und so habe ich die Sache bis in mein Alter erfahren, und so spreche ich von der Sache.«

Da er diese Worte geredet hatte, setzte er sich schnell auf seinen Stuhl nieder.

Aber nun brachen viele in ein Schreien aus, das stärker war als jedes, das sich bisher erhoben hatte. Es machte fast die Fenster erzittern, und machte die Ohren unfähig, irgend etwas zu vernehmen.

Nach langer Zeit erst hörte man die Rufe: »Ans Kreuz, ans Kreuz, ans Kreuz.«

Und nicht lange hörte man die Rufe. Es wurde wieder ein übertäubendes Schreien, aus dem nichts zu vernehmen war.

Dann schlugen die Männer an die Schwerter, daß es rasselte, und manche schwangen sie in der Scheide wieder wie früher um das Haupt.

Bogdan zog das seinige hervor, daß es durch den Saal blitzte; aber die zunächst um ihn waren, umschlossen[913] ihn mit ihren Armen, zogen ihn nieder, und nahmen ihm das Schwert.

Das Schreien und das Rasseln mehrte sich.

Dann hörte man wieder Stimmen: »Ans Kreuz, ans Kreuz, ans Kreuz.«

Dann drang der außerordentliche Ruf Předbors durch den Lärm: »Laßt die andern reden, und höret sie; ihr habt es versprochen.«

Der Lärm wurde auf diese Worte etwas geringer.

Dann standen einige auf, um zu beschwichtigen. Da sie aber nicht gehört wurden, mußten sie ihre Stimmen stärker erheben, und das Getöse wurde wieder ärger als früher.

Jetzt erhob sich der König Wladislaw langsam von seinem Stuhle, und stand aufrecht da.

Er nahm nach einiger Zeit seine Haube von dem Haupte, und legte sie auf den Tisch.

Seine blonden Haare waren um sein Angesicht, und seine blauen Augen blickten auf die Versammlung.

So stand er da.

Und wie es bei Wšebor und bei dem Bischofe Daniel gewesen war, so wurde es auch bei ihm. Das Getöse minderte sich, und endlich wurde es so stille, daß man keinen Laut vernehmen konnte.

Da sprach der König: »Höchste und hohe Herren der Kirche, Sprossen des Stammes Přemysl, hohe Herren und Herren der Länder, Herren des Hofes, Führer, Kriegsgenossen, Räte und Freunde. Ich hätte erst geredet, wenn alle andern ihre Rede vollendet gehabt hätten; allein es sind immer mehr Worte gegen mich entstanden, und eure Herzen sind von den Worten ergriffen worden. Ich will also jetzt schon meine Worte entgegen sprechen. Dann sollen alle andern reden, die noch reden wollen, und sie sollen gehört werden. Vielleicht wird ihre Meinung durch meine Worte ein wenig geändert. Wenn sie[914] bei ihrer Meinung bleiben, so sollen sie dieselbe aussprechen. Ich bitte euch, höret mich an.«

»Höret die Worte«, riefen mehrere Stimmen.

»Höret die Worte«, riefen dann fast alle in dem Saale.

Als es wieder stille geworden war, sprach der König: »Ihr habt getadelt, daß ich mit den Fremden in Verbindungen gekommen bin. Als die Reiche noch klein und einsam waren, schalteten sie in ihrem Hause, und mochten, wenn ein Überfall eines Nachbars kam, ihn abwehren. Aber die Reiche sind gewachsen, und einzelne sind erstarkt. Und andere haben sich an dieses Reich angeschlossen, um seine und ihre Macht zu mehren. Wer in seinem Hause bleibt, der ist ohne Bundesgenossen, und wird von denen besiegt, die Bundesgenossen haben. Ihr habt gesagt: Wir haben den Kaiser Lothar besiegt. Lothar ist mit einem Heere in die Schlucht von Chlumec und in den Hinterhalt der Böhmen gegangen, und einzelne Teile seines Heeres wurden vernichtet, und der Rest umringt. Und dennoch hat unser fester und kluger Herzog Soběslaw, mein Oheim, da Lothar fast gefangen war, von ihm die Bestätigung der Herzogswürde von Böhmen angenommen, nicht weil er König der Deutschen war, sondern weil er römischer Kaiser sein würde. Soběslaw hat die Gefahr solcher Kriege erkannt, die gekommen wäre, wenn er auch das Heer Lothars völlig vernichtet und Lothar gefangen hätte. Friedrich, welcher jetzt in Deutschland herrscht, ist nicht wie Lothar, er führt die Heere besser. Habt ihr gesehen, was er getan hat? Friedrich hat zuerst das Reich beruhigt, es ist dann die Krone der Lombarden und die römische Kaiserkrone auf sein Haupt gesetzt worden. Er hat hierauf die Mächtigen im Reiche, die eigene Fehden führten, zu schimpflicher Strafe verurteilt, und keiner wagte zu widersprechen, und die Fürsten standen zu ihm. Und er hat die Raubritter ausgerottet, und seine Macht wuchs über Dänemark und[915] Polen und über Lyon bis Avignon, und England schickte Geschenke, und trug ein Bündnis an, und Spanien und Frankreich und Burgund und andere schickten Abgesandte, und Ungarn verpflichtete sich ihm mit Reitern. Wenn Friedrich die Länder Böhmen und Mähren zu einer deutschen Mark machen wollte, wie einmal vor ihm der Kaiser Karl mit dem Lande der Avaren bis zur Raab getan hat, so würde der Streit ein sehr schwerer sein. Eure Tapferkeit würde öfter siegen; aber der endliche Ausgang wäre sehr ungewiß. Denn der Kaiser hat Bundesgenossen, und sie würden sich mehren. Ihr werdet sagen: Das wäre ein Raub. Wenn nun Friedrich ein Räuber sein wollte, wie Attila und andere vor ihm, wer hätte es gehindert? Wenn wir den Räuber, der in unsere Häuser oder Burgen bricht, strafen und ihn vernichten, so werden wieder andere Räuber. Wäre es nicht besser, wenn wir machen könnten, daß gar keine Räuber mehr entständen? Wenn eben so nun Friedrich Räubergedanken hegen sollte, wäre es da nicht zuträglicher, zu bewirken, daß solche Gedanken gar nicht emporkeimten? Ich bin im Anfange wider Friedrich gewesen, weil es mir geschienen hat, daß er gegen Österreich und meinen Schwager Heinrich nicht gerecht ist. Ich führte mit ihm Verhandlungen, und die Verhandlungen erreichten kein Ziel. Da ging ich selber zu Friedrich, erkannte ihn, lernte ihn lieben, und wurde sein Freund, und er wurde mein Freund. Und die Sache mit Österreich und Baiern lösete sich glücklich für alle, und der Zug gegen Polen brachte uns Ehre und Ruhm und Beute, und die Macht der Länder Böhmen und Mähren wurde befestigt. Wer in Verbindung mit Fremden ist, der ist darum nicht abhängig von den Fremden, wie einer, der von einem Handelsmanne etwas kauft, von ihm nicht abhängig ist. Oder sind wir von dem Fremden abhängig, so ist der Fremde ingleichen von uns abhängig, wie der Käufer und Verkäufer von einander abhängig[916] sind, aber beide zu ihrem Frommen. Wenn viele in einer Verbindung sind, so sichern sie sich, wenn sie über die Dinge gemeinsam reden, und in ihnen gemeinsam handeln. Es sollten alle Reiche unseres Erdteiles ihre Angelegenheiten gemeinsam schlichten, so würde keines von einem andern besiegt, und keines würde die Beute eines entfernten Feindes. Ich kann es euch sagen: Wenn Friedrich weit über mein Leben hinaus in Deutschland herrscht, so wird ihm nie zu Sinne kommen, die Länder Böhmen und Mähren sich zu Füßen zu werfen, oder sie auch nur zu schmälern. Das habe ich über die Verbindung und über den Umgang mit den Fremden gesprochen. Denket daran, und denket, was ich einst über die gleichen Dinge gesprochen habe, und was erfolgt ist, da wir meinen Schwager Konrad, den König der Deutschen, um Hilfe gegen die mährische Verbindung angegangen haben. Nun rede ich von der böhmischen Königskrone. Ihr sagt, ihr hättet sie mir gegeben. Meinet ihr, die Krone hätte in die weiten Länder, oder auch nur in dem eigenen Lande geleuchtet? Wir hätten uns selber zu einem Königreiche gemacht, und hätten dem Beherrscher dieses Reiches die Königskrone aufgesetzt. Wer sich aber selber mit einer Ehre schmückt, der hat keine Ehre. Die Ehre muß von der Höhe kommen, daß sie heilig ist. Und was würden die Männer und Weiber unserer Fluren von der Krone gesagt haben? Das ist die Krone, würden sie gesagt haben, die die hohen Herren des Landes gemacht, und dem Herzoge geschenkt haben; sie würden die Krone wie eine Burg angeschaut haben, die vor ihren Augen gebaut worden ist. Der uralte Wyšehrad ist heilig, und der uralte Herzogstuhl ist heilig, weil sie da sind aus der grauen Zeit, und den Menschen scheint, daß sie von der Höhe stammen. Und wie würdet ihr selber die Krone angeschaut haben? Sie wäre euer Werk gewesen, und ihr wäret höher gewesen als euer Werk. Ihr habt gesagt: Unser[917] Land ist der Quell der Ehren und der Macht. Aus dem Lande fließt Ehre und Macht; aber der höchste Quell aller Ehren und aller Macht ist der allmächtige Gott. Er sendet Gaben und Geschicke, auf die Ehre und Macht folgt, und er sendet die, welche Ehre und Macht verteilen dürfen. Die sind aber immer über uns, nicht neben uns oder unter uns. Wenn der deutsche König eine noch hundertmal größere Macht hätte, so könnte er sich nicht die römische Kaiserkrone auf das Haupt setzen, sie bliebe eine deutsche Krone, und bliebe strahlenlos. Aber der Heilige Vater, der Herrscher aller Gläubigen auf der Erde, setzt sie ihm auf, er wird der weltliche Herr der Christenheit, und die Kaiserkrone glänzt über die Völker, und von ihr erglänzen die Königskronen, und aus ihr entstehen die Königskronen. So glänzen die Kronen von Frankreich, von Spanien, von England, und so entstand auch die Krone von Böhmen. Nicht Friedrich, der König der Deutschen, hat mir die Königskrone gegeben, sondern Friedrich, der römische Kaiser, der Schirm und Schimmer der Christenheit hat sie mir freiwillig verliehen, und sie strahlet in die Welt. Er hat mich geehret, er hat alle geehret, die nach mir herrschen, und er hat das Land und hat euch geehret. Ihr könnt die Ehre nicht ablehnen, und wenn ihr es auch tut, so strahlt ihr wider euern Willen in der Ehre. Unser Volk hat sie erkannt, und hat gejauchzt, als ich in das Land gekommen bin. Jetzt rede ich davon, daß ich wegen der Krone nicht vorher euern Rat einberufen habe. Der Kaiser hat mir freiwillig die Krone gegeben, es konnte also nicht vorher des Rates darüber gepflogen werden. Ich rede nun auch von den Lasten, die das Königtum bringen soll. Es wird keine bringen: denn die Hoheit liegt in der Krone, und geht auf die Dinge. Und unsere Sitten und unsere Gebräuche und unsere Heiligtümer werden heilig sein wie früher, und ihre Heiligkeit wird den Wert der Krone noch heiliger machen.[918] Zuletzt rede ich von dem Zuge nach Italien. Es ist wahr, daß nach den Satzungen unserer Länder keiner verpflichtet ist, in die Kriege ferner Reiche zu ziehen. Ich habe aber auch den Heerbann unserer Länder nicht nach Italien aufgeboten, sondern ich habe gesagt, daß ich dahin ziehe, damit jeder es wisse, der sich freiwillig zu mir gesellen wolle. Der Kaiser Friedrich ist ein Ritter voll Schimmer und Adel, der auszieht, die übermütige Stadt zu züchtigen, und die von ihr unterdrückt werden, zu schirmen. Ich habe zu ihm gesagt: ich ziehe mit dir. Und wenn das Wunderbare geschähe, daß von meinem Volke keiner mit mir ginge, so würden die Menschen sagen, Böhmen hat noch einen Ritter, den König. Und wenn manche mit mir ziehen, so sind sie in ihrem Rechte, wie ich in meinem Rechte bin, und ich verleihe ihnen aus meinem Eigentume jede Zier der Ehre und Mittel. Und die in der Heimat bleiben, tun auch nach ihrem Rechte und ihrer Pflicht. Es werden auch solche sein, die mit Frauentändeleien und Muße zufrieden sind, diese mögen sicher unter meinem Frieden in ihrem Hause sitzen. Endlich spreche ich noch von einem. Božebor hat gesagt: Wer zu solchen Dingen den Rat gegeben hat, der verdiene an das Kreuz geschlagen zu werden. Ich sage euch: es ist niemand da, der an das Kreuz geschlagen werden könnte. Ich habe nach keines Menschen Rate gehandelt.«

Nach diesen Worten setzte der König seine Haube auf das Haupt, und ließ sich auf seinen Sitz nieder.

Im Saale aber riefen die Männer: »Wir ziehen, wir ziehen.«

Dann wurde gerufen: »Heil, Ehre, Glück Wladislaw, dem großen und mächtigen Könige.«

»Heil, Ehre, Glück Wladislaw, dem großen Könige«, riefen sie wieder.

Da stand Witiko von seinem Sitze auf.

»Hört Witiko«, riefen Stimmen.[919]

»Hört Witiko«, rief Předbor.

Und als es nach und nach stiller geworden war, sprach Witiko: »Ich rede noch von einem Dinge, das bei den Menschen groß und erhaben ist, und über ihre Länder und ihr Leben hinaus reicht, von dem Ruhme. Wenn ein Mann das Höchste tut, das preiswürdig ist, wenn viele Männer, wenn ganze Völker das Höchste tun: so kömmt es in den Mund der Menschen, sie erzählen es, sie preisen es, einer sagt es dem andern, und wieder sagt es einer dem andern, und dann kömmt es in die Lieder, und die Lieder und die Erzählungen tönen in allen Zungen der Völker, und die das Große getan haben, sind in der Liebe und Bewunderung der Menschen, und ihre Ehre und ihre Macht wächst gegen die Wolken empor. Und die Menschen haben die Kunst erfunden, ihre Worte in Buchstaben zu legen, die dauern, und durch diese Erfindung und durch das, was noch erfunden werden wird, lebt der Ruhm fort, wenn die, welche Großes verübt haben, längst schon vor dem Throne Gottes sind. So haben schon Männer vor uns aufgeschrieben, was geschehen ist, und so schreiben Männer jetzt auf, was geschieht. Und das wirkt in die Zeiten; denn die Worte sind so mächtig, daß sie alles bewegen, wie das feste Recht der Taten die Menschheit gestaltet. Das Wort ist stärker als die Wurfschleuder, und die Mäßigung besiegt den Erdkreis. Wenn wir nach Italien gehen, so sind wir in einem Lande, auf welches die Völker schon in den ältesten Zeiten geschaut haben, als das größte Reich der Welt von Italien ausgegangen ist, und auf das jetzt die Völker schauen, weil dort der Herrscher aller christlichen Seelen seinen Sitz hat. Und wenn wir in dem schönen Lande siegreich die Ordnung und das Recht wieder einführen geholfen haben, und der Übermut zu unsern Füßen geworfen ist, so kömmt unser Land in die Erzählungen von weiten Völkern, weil es vor weiten Völkern gehandelt hat, und es[920] kömmt in die Lieder und Schriften, und durch sie in die folgenden Zeiten, und unser Volk ist geachtet und stark unter den Völkern. Und daß es geachtet und stark bleibe, müssen wir einig sein, daß nicht jeder nach einem andern Sinne geht. Wären die Christen unseres Weltteiles gegen die Ungläubigen einig, und stünde das griechische Reich aufrichtig zu uns, so wäre das Land Jerusalem, das noch heiliger ist als Italien, gesichert bei den Gläubigen, während nun ein starker Mann, welcher die Heiden einmal einigt, alles an sich reißt. Ich bin nicht zu dem Zuge in das Heilige Land gegangen, weil ich gesehen habe, daß er mit seinen Mitteln die Ziele nicht erreicht. Und er hat sie nicht erreicht. Aber Friedrich wird mit Ruhmesschimmer seinen Zug vollenden, und wenn wir heimkehren, wird dieser Schimmer von unsern Helmen, von unsern Schilden, von unsern Schwertern, von unsern Panzern leuchten.«

Er setzte sich nach diesen Worten wieder auf seinen Stuhl.

Nun riefen viele Stimmen: »Witiko, Witiko, Witiko.«

Dann riefen sie: »Wir ziehen mit, wir ziehen mit.«

Andere riefen: »Verzagte bleiben.«

Da sprang Kochan auf, und schrie, daß es alles Rufen übertönte: »Laßt mich reden.«

Als er aber nicht gehört wurde, schrie er noch stärker: »Laßt mich reden.«

Und das wiederholte er mehrere Male.

Und da man ihn vernommen hatte, und da es stiller geworden war, rief er: »Ich habe in der Versammlung auf dem Wyšehrad, da der Herzog Wladislaw gewählt wurde, gesagt: Es sollen gar keine Herzoge mehr sein, sondern es sollen die Herren der Länder herrschen, wie man erzählt, daß es einst das gewesen ist. Und da sich der neugewählte Herzog Konrad und der früher gewählte Herzog Wladislaw bekämpften, habe ich gehofft, sie werden sich beide zu Grunde richten, und dann werden die Lechen[921] in Frieden die Länder verwalten, und wir werden sie zu gleichen Rechten, zu gleicher Macht und gleicher Herrschaft führen. Aber ich habe mich in allen Dingen geirrt, und es sind mir andere Gedanken in meinem Sinne kund geworden. Viele der mächtigen Lechen haben nur für sich Nutzen erstrebt, und jeder suchte über den andern empor zu kommen, und wenn es ihm gelungen wäre, so wäre er gewalttätiger geworden, als alle Herzoge je gewesen sind. Da kehrte ich meinen Willen zu dem erlauchten Herzoge Wladislaw, und der erlauchte Herzog gedachte nicht mehr meines früheren Tuns, und ich lernte den erlauchten Herzog kennen, und liebte ihn. Ich bin zu dem Kaiser Friedrich gegangen. Ich habe sein schönes Angesicht und seinen goldenen Bart gesehen und den starken Blick seiner blauen Augen, und ich habe seine tönende Stimme gehört. Ich habe ihn auf seinem Zuge gegen die Räuber gesehen, auf Reichstagen, und unter den Abgesandten fremder Könige. Und mit ihm und mit unserem hocherlauchten Könige Wladislaw zu ziehen, und in Gemeinschaft mit tapferen Rittern Siege zu erkämpfen, ist eine Freude, welche für einen Mann keine gleiche hat. Und du, Bogdan, und du, alter Rodmil, denen der erlauchte Herzog ihre Tat gegen Zdik verziehen hat, der nun in dem Himmel ist, ihr solltet nicht gegen den Herzog sein, weil er nun ein König ist, sondern ihn in Demut bitten, daß er euch mit sich ziehen läßt. So rede ich, und habe ein Recht; denn ich bin nie ein Knecht eines Herzogs oder Königs gewesen, und bin nun der Freund des Königs.«

»Nein, nein, nie ein Knecht, Kochan«, riefen Stimmen.

Und es entstand ein Rufen des Beifalles in dem Saale.

Jetzt stand Rowno auf, und rief: »Ich ziehe mit unserem erhabenen Könige, und meine Sippen ziehen mit, und alle die sollen nicht Ehre und Macht erringen, die sie für sich allein wollen.«[922]

Diet rief von seinem Sitze: »Ich und meine Männer ziehen mit.«

»Und ich und meine Söhne und die Meinigen ziehen mit«, rief Osel.

Odolen schrie: »Die Sache ist so schimmerreich, daß nicht jeder zu sagen braucht: ich ziehe mit; sonst werden wir mit dem Hören fertig, wenn der Sieg erfochten ist. Der König rüstet, wir rüsten, und wenn gezogen wird, ziehen wir.«

»Und wenn du es auch verbietest«, rief Předbor mit seiner starken Stimme, »ich habe heute schon viel gerufen, und rufe jetzt: ich ziehe mit, und weiche dort nicht von dem Platze, bis jeder niedergeschmettert ist, der Übermut gegen uns erhebt.«

Dann stand Bogdan auf, und schrie: »Wenn einer sagt, ich sitze zu Hause, und tändle mit Weibern, den verfluche ich. Und ich ziehe mit, und werde mit meinem Schwerte zeigen, daß kein Schwert dem meinen gleicht.«

»Ich aber rufe«, sagte Welislaw, »Leib und Leben und Gut und Blut für die Ehre und den erlauchten Ritter, den König.«

»Leib und Leben und Gut und Blut«, riefen die Männer.

Nun stand Lubomir auf, und sprach: »Hoher König Wladislaw, wenn auch schon viele Jahre auf meinem Scheitel sind, so ziehe ich doch mit dir, und meine Männer und Sippen ziehen mit, und meine Söhne werden wohl auch mitziehen.«

Radosta, der Sohn Lubomirs, stand auf, und rief: »Ich und meine Männer ziehen mit.«

Moyslaw, der andere Sohn Lubomirs, stand auf, und rief: »Ich und meine Männer ziehen mit.«

Und ein großer Ruf der Billigung erscholl in dem Saale.

»Mein Alter soll mich nicht von dem Zuge abhalten«, rief Slawibor.

»Ich ziehe mit«, rief Nemoy.[923]

Jetzt erhob sich wieder langsam der alte Wšebor von seinem Sitze, stieg wieder auf seinen Schemel, und sprach: »Ich tändle zwar nicht in meinem Hause mit Weibern; aber ich kann nicht mehr nach Italien ziehen, weil die vielen Jahre meinen Körper dazu untauglich gemacht haben. Ich und mein Weib, das in meinem Hause alt geworden ist, beten für dich, o König. Aber meine Männer und Sippen ziehen mit.«

Ein Jubelruf erhob sich nach diesen Worten.

Wšebor setzte sich wieder langsam auf seinen Stuhl.

Nach ihm stand Preda auf, und sagte: »Ich spreche wie Wšebor, und meine Männer werden nicht die letzten sein, die unter den Rittern genannt sind, wenn Ruhm erworben wird, wie der junge Mann Witiko gesagt hat. Sie werden ihn ehrlich mit denen teilen, die noch Freude an ihm haben.«

Und es ertönte wieder ein Ruf der Zustimmung.

»Ich habe nie mit Weibern getändelt«, schrie Božebor, »und mein Schwert soll es in Italien erhärten, daß ich ein Mann bin, und die Schwerter der Meinigen sollen erhärten, daß sie Männer sind.«

Nach diesen Worten erhob sich der König.

Es wurde sogleich ganz stille, und er sprach: »Ich danke dir, alter Wšebor, ich danke dir, Preda, ich danke dir, Lubomir, ich danke dir, Diwiš, und dir, Slawibor, und dir, Nemoy, und auch dir, Božebor, und allen. Ich frage nun die Versammlung, ob einer in ihr ist, der noch seine Rede in einem anderen Sinne oder über ein anderes Ding erheben will, als über den Zug nach Italien.«

Es antwortete niemand.

»So kann keiner sagen, daß ihm seine Rede entzogen worden ist«, sprach Wladislaw.

»Keiner, keiner«, riefen die Männer.

»Es ist aber nun nicht mehr nötig, daß ein jeder, der nach Italien ziehen will, es ausdrücklich verkündige«, sagte der König.[924]

»Wir ziehen, wir ziehen«, riefen fast alle Männer in dem Saale.

»So danke ich euch von dem Grunde meines Gemütes«, sagte der König, »und wie ich ein schlichter Herzog gewesen bin, so werde ich ein schlichter König sein, und wenn ich es vergessen sollte, so werden mich meine alten Freunde und Räte erinnern. Und so schließen wir die Versammlung. Und wer bei dem Zuge nach Italien sein will, der komme in der Mitte des Monates Mai nach Prag, daß wir uns vereinigen. Und ehe der Sommer erscheint, sind wir in den lombardischen Ländern, und gehen mit Gott nach Mailand.«

»Nach Mailand, nach Mailand, nach Mailand«, riefen im Sturme die Männer.

Und sie erhoben sich schnell, und scharten sich um den König, und riefen ihm zu, und sprachen zu ihm.

Und der König verließ seinen Sitz, reichte ihnen die Hände, und sprach mit vielen. Und er ging in dem Saale von der einen Stelle zu der andern, wo Männer waren.

Als er so eine Zeit mit ihnen gesprochen hatte, und als sie mit ihm gesprochen hatten, ging er wieder zu seinem Sitze, grüßte noch einmal alle, verabschiedete sich, und verließ im Geleite von Hofherren die Versammlung.

Aber die Männer blieben noch in dem Saale, und sprachen mit einander. Und als sie sich zerstreuten, und im Freien waren, zogen immer mehrere mit einander, und sprachen noch eifrig.

Die nicht in Prag wohnten, eilten in ihre Heimat, um sich zu rüsten.

Witiko ritt mit den Seinigen gegen den mittäglichen Wald. Und es gesellten sich noch viele, die im Mittage wohnten, zu ihm, um mit ihm zu ziehen.

Nun begannen die Rüstungen bei den Jungen und bei den Alten. Die Sache von dem Zuge nach Mailand breitete sich unter den Bewohnern der Länder aus, und es[925] entstand eine Begierde, bei dem Zuge zu sein. Die Krieger unter den jungen Männern sprachen von Mailand, die Leute aus dem Volke redeten von Mailand, es wurden Lieder auf den Zug nach Mailand gemacht, und gesungen. Es wurden Waffen herbeigeschafft und ausgebessert, und Landleute achteten nicht mehr des Pfluges, und Arbeiter nicht mehr des Pfriemens, und wollten an dem Zuge teilnehmen.

Als Witiko in seine Burg gekommen war, rief er seine Männer, und die, welche in der Nähe der Burg wohnten, zusammen, und verkündigte ihnen den Zug, und sagte, wer mitgehen wolle, müsse sich bereiten. Dann ritt er in die Herberge der unteren Moldau, in den Kirchenschlag, und nach Plan, und an andere Stellen, und versammelte überall die Männer, und sprach mit ihnen von dem Zuge. Sie riefen ihm zu, daß sie mitgehen wollen. Und er sagte, in Friedberg sei im Anfange des Monates Mai die Versammlung. Und die Männer in dem Walde rüsteten sich, und es rüsteten sich die Männer der Burg. Wolf, der mit Bertha in das Witikohaus gekommen war, hatte reiten gelernt, wie die Reiter des Waldes, und hatte sich in Reiterwaffen geübt. Er durfte, weil er bat, mit dem Zuge gehen. Als sich der Tag der Versammlung näherte, übergab Witiko die Herrschaft der Burg an Bertha, die Verteidigung derselben und den Befehl über die Männer und die Geschäfte des Gebietes an Beda. Benno wollte mit nach Mailand gehen. Witiko aber bat ihn, in der Burg zu bleiben, und mit Rat und Zuspruch bei der Hand zu sein. Benno fügte sich. Die Base Hiltrut bat Witiko, sie möge, bis er wieder komme, bei Bertha, Wentila und den Seinigen bleiben. Sie versprach es.

Am Tage der Versammlung ging Witiko, da er gerüstet war, zu seiner Mutter und Hiltrut, um den letzten Abschied zu nehmen. Die Frauen segneten ihn. Dann ging[926] er zu Bertha. Sie kam ihm entgegen, und trug einen Kranz von roten Waldrosen auf dem Haupte.

»Bertha, du hast jetzt Rosen?« sagte er.

»Sie sind von dem Strauche, der an der Seite des Burghofes in dem gläsernen Schreine steht, und haben mich heuer sehr bald begrüßt«, antwortete Bertha.

»Ich habe einmal am Waldfels zu dir gesagt: Die dunkelrote Waldrose ist dein schönster Schmuck, und er ist dein schönster«, entgegnete Witiko, »ich habe mehrere Tage den Strauch nicht gesehen, und habe nicht gewußt, daß seine Blumen blühen.«

»Sie blühen«, antwortete Bertha, »und ich habe sie heute genommen. Witiko, du bist ein Mann, sei ein Mann, und gedenke derer, die zu Hause sind.«

Dann nahm sie ihn an der Hand, und führte ihn in eine Kammer, in welcher die Kinder schliefen. Es waren zwei Knaben, Witiko und Heinrich. Eine Wärterin saß auf einem Stuhle.

Witiko ging zu jedem Bettlein, und machte in der Luft ein Kreuz über die schlafenden Knaben.

Dann wandte er sich um, und schloß Bertha in die Arme, und sie küßten sich auf die Lippen.

Die Wärterin weinte.

Dann ging Witiko zu Benno, und dann gingen alle in die Kirche, und Benno feierte das heilige Opfer.

Von der Kirche ging Witiko in den Burghof, und bestieg sein Pferd. Von dem Pferde grüßte er noch die Seinigen, und alle, die da standen, und grüßte auch Huldrik, welcher mit den Armen Zeichen machte. Dann gesellte er sich zu den Kriegern, die sich gesammelt hatten, und ritt mit ihnen zu den andern hinaus, die schon vor der Burg waren.

Und von da ritten sie durch den Wald nach Friedberg hinunter.

Als sie in Friedberg angekommen waren, fand Witiko die[927] Krieger schon von der Kirche aufwärts zwischen den Häusern aufgestellt. Ihre Lager waren auf den Angern an der Moldau zerstreut. Es waren um vieles mehr Männer gekommen, als versprochen hatten, und als in dem mährischen Kriege gewesen waren. Alle Abteilungen trugen ihre Zeichen. Die Frauen und Mädchen von Friedberg sagten, sie geben denen vom Eckschlage ein schöneres Zeichen, als ihre Geierfedern sind; die Männer vom Eckschlage lehnten es aber ab. Witiko ordnete die Scharen wie in dem mährischen Kriege, und versammelte die Obmänner. Diese waren die nämlichen, nur statt derer, die ein zu hohes Alter hatten, waren jüngere gewählt worden. Mit den Obmännern untersuchte er die Krieger, und vorzüglich die Reiter. Mit den Obmännern und seinen Befehlsträgern schloß er die, welche unzulänglich gerüstet waren, oder deren Waffengeschick man nicht kannte, oder von denen man nicht wußte, ob man ihrer Tauglichkeit vertrauen könne, von dem Zuge aus. Die andern wurden eingeteilt, und erhielten die Weisung, bereit zu sein, daß sie am Morgen des nächsten Tages ihren Weg betreten können.

Am Morgen des nächsten Tages feierte der Pfarrer von Friedberg den Gottesdienst. Ein Teil der Krieger war in der Kirche, ein Teil vor derselben. Nach dem Gottesdienste segnete der Pfarrer die Schar. Dann zog dieselbe von Friedberg auf dem Wege gegen Prag dahin. Sehr viele Menschen begleiteten sie weit, und riefen ihnen Glück zu, und sangen Lieder.

Als sie in Prag angekommen waren, zeigte ihnen der Lagermeister den Platz zu ihrem Lager an. Es waren noch viele Lager da, und sie sahen, daß noch immer Menschen herzu zogen. Und an vielen Stellen übten sich Scharen in Waffen.

Als die Zeit verflossen war, welche der König zur Sammlung der Krieger bestimmt hatte, las er die tauglichsten[928] aus, und bestimmte sie zum Zuge. Die andern, deren Zahl sehr groß war, mußten, wenn sie bereits Krieger waren, zur Hut des Landes bleiben, oder, wenn sie erst jetzt mit Waffen herbei gekommen waren, wieder in ihre heimatlichen Wohnungen zurückkehren.

Die Männer, welche Witiko aus dem Walde nach Prag geführt hatte, wurden alle aufgenommen, und Witiko erhielt wieder den Befehl über sie.

Am siebenundzwanzigsten Tage des Monates Mai im Jahre des Heiles 1158 erfolgte der Auszug aus Prag.

Die Weiber vieler Krieger, welche früher mit ihren Männern die Lieder von der Belagerung Mailands gesungen hatten, kamen jetzt herzu, und küßten noch einmal mit Tränen ihre Gatten, und reichten ihnen die Kinder zum Küssen.

Der Zug ging aus der Stadt Prag an dem Ufer der Moldau ihrem Wasser entgegen in der Richtung gegen Sonnenuntergang dahin.

Der König ritt an der Spitze des Zuges. Er war jetzt in einem schöneren Waffenschmucke als in dem Kriege in Mähren, weil es nicht ein innerer Krieg war. Neben ihm ritt Daniel, der Bischof von Prag. Er hatte die Priester und Kapellane Deslaw, Peregrin, Detleb, Vincentius, Otto und noch andere mitgenommen. Dann ritt auch sein Bruder Diepold neben ihm. Weiter zurück ritt Gervasius, der Propst vom Wyšehrad und Kanzler des Königs war, dann ritten noch hervorragende Herren und Krieger. Die untergeordneten Führer waren bei ihren Abteilungen.

Am dreißigsten Tage des Monates Mai war der Zug in Bohnik angekommen. Dort legte der Bischof Daniel zur Ehre Gottes und zum Heile der Unternehmung in der Kirche, welche Gervasius gebaut hatte, Überbleibsel von Heiligen nieder. Der König und die Herren der Kirche und der Länder und die Krieger wohnten der heiligen[929] Handlung bei, und der König schrieb seinen Namen als Zeuge in die Pergamente.

Dann ging der Zug wieder weiter.

Als er über die Grenze von Böhmen gekommen war, wurde er wie im Kriege eingerichtet.

Er ging gegen die Stadt Regensburg, und mitten durch sie hindurch. Der Kaiser war vor der Stadt Augsburg, und sammelte dort sein Heer. Der König ging aber nicht zu ihm, sondern, weil es so bestimmt war, gegen Freising, und von Freising mittagwärts in das Land Tirol. Dort ging der Zug an Wilten vorüber, und weiter bis an den Fluß Etsch. An den Wassern der Etsch ging er mittagwärts fort. Oberhalb der Stadt Bern, die die Welschen Verona nannten, bauten die Männer aus Schiffen eine Brücke über die Etsch, die auch dem Kaiser dienen sollte, und zogen über dieselbe an das rechte Ufer. Sie zogen an Verona vorüber, und kamen an den Gardasee. Dort machten sie ein Lager, und schlugen die Ölbäume und Granatäpfelbäume zu Verzäunungen, zu Pferdeställen, zum Bereiten ihrer Speisen, und zu anderen Dingen nieder. Das rosenrote Banner des Königs Wladislaw wurde in dem Lager aufgerichtet.

Der Kaiser Friedrich zog dann mit seinem Heere desselben Weges, auf dem Wladislaw gezogen war. Bei ihm waren die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, die Bischöfe von Eichstätt, Verden, Würzburg und andere, und Fürsten und Herren des Reiches. Indes der Kaiser durch Tirol zog, gingen der Herzog von Österreich und der Herzog von Kärnten durch Friaul. Bei ihnen waren fünfhundert ungarische Reiter. Friedrich, der Herzog von Schwaben, führte die Schwaben und Franken an den See von Como. Berthold, der Herzog von Zähringen, führte die Burgunder und Lothringer über den großen Berg des heiligen Bernhard.

Da Wladislaw an dem Gardasee lagerte, kamen Gesandte[930] von der Stadt Verona zu ihm, und baten ihn, er möchte das Gebiet verschonen, weil dasselbe samt der Stadt Verona zu dem Kaiser stehe, und er möge lieber gegen die Stadt Brescia ziehen, welche mit den Mailändern im Bunde sei. Zur Verpflegung des Heeres wollen sie viel Geld zahlen. Der König Wladislaw willfahrte ihnen.

Im Anfange des Heumonates brach er sein Lager ab, und zog gegen Brescia. Die Männer fanden vor der Stadt ein ebenes Land voll Korn und anderer Früchte. In diesem Felde stellte der König sein Heer in Schlachtordnung, und ging so bis vor die Stadt. Die Krieger derselben kamen aber nicht heraus. Daher machten die Männer des Königs ein Lager, und nahmen Getreide, Vieh, und was sie erreichen konnten, als Beute. Vieles davon wurde durch Männer nach Böhmen gesendet. Die Bewohner der Stadt ergriff Verzagnis, und auf die Fürsprache des Bischofes Daniel gestattete der König, daß der Kardinal Odo und die Konsuln der Stadt zu ihm als Abgesandte kämen. Sie kamen, und baten, der König möchte ihnen die Gnade des Kaisers wieder verschaffen. Sie brachten dem Könige große Geschenke. Wladislaw verspricht ihnen, ihre Bitten zu erfüllen. Indessen blieb er aber in dem Lager vor der Stadt, und harrte der Ankunft des Kaisers und der andern Züge.

Es kam nun zuerst Friedrich, der Herzog von Schwaben. Da die Männer Wladislaws schon zwei Wochen in dem Lager vor Brescia gewesen waren, kam der Kaiser. Der König zog ihm mit seiner Macht entgegen, der König und der Kaiser begrüßten sich, und die Krieger des Kaisers und die Krieger Wladislaws bezeugten einander ihre Freude.

Dann kamen die andern Züge.

Der König Wladislaw bat nun für die Bewohner von Brescia um Frieden. Der Kaiser gewährte ihn. Die Bewohner[931] von Brescia brachten Geschenke, zahlten sechstausend Mark Silber, stellten Geiseln, und schworen, eine hinreichende Zahl von Kriegern mit dem Heere des Kaisers gegen Mailand zu senden. Gegen diese Dinge nahm der Kaiser die Stadt wieder in seine Gnade auf.

Nun kamen auch von den andern treuen Städten des lombardischen Landes Kriegesscharen herbei, und es kamen die treuen Lehensträger mit ihren Männern von den Burgen.

Als das ganze Heer versammelt war, gab und verkündete der Kaiser die Kriegesgesetze. Sie waren strenge, daß das Heer in Zucht erhalten werde, und siegesfähig sei. Er sprach zu den versammelten Fürsten und Herren von seinem Stuhle: »Ihr sehet, daß ich nicht Beute und Gewinn suche, noch andern diese Dinge gestatte, sondern daß ich gekommen bin, um das Recht und den Frieden herzustellen. Ich kenne die Übel des Krieges, und habe ihn nicht aus Herrschsucht und Grausamkeit begonnen. Wenn wir die Schmach von Mailand ertrügen, würde man nicht unsere Güte preisen können, sondern uns der Fahrlässigkeit zeihen. Wir tun nicht Unrecht, sondern wehren Unrecht ab, und ihr müsset mit allen Kräften helfen. Wer den Kaiser höhnt, höhnt euch, was dem Kaiser entrissen wird, wird euch entrissen, daher werdet ihr eher alles tun, als daß diese aufrührerische Stadt sagen dürfe, sie habe uns ausgeartet gesehen, und uns die Rechte und Ehren geraubt, welche unsere Vorfahrer errungen und behauptet haben. Daß aber Gerechtigkeit sei, werde ich die Abgesandten der Stadt Mailand, die ich vorgeladen habe, hier empfangen, und wenn die Stadt zur Erkenntnis gekommen ist, und wenn ihre Vorschläge angenommen werden können, dann ist das Recht und der Frieden gewahrt.«

Die Fürsten und Herren riefen dem Kaiser freudig zu, und gelobten, seine Weisungen genau zu befolgen, und[932] die Rechtsgelehrten des Lagers sagten, es sei gut, daß man eine solche Stadt nicht ungehört verdamme.

Es kamen die Abgesandten der Stadt Mailand.

Sie sprachen: »Die gute und getreue Stadt Mailand bringt der Hoheit des Kaisers, welcher der König des italienischen lombardischen Bodens ist, ihre Huldigung und ihre Unterwürfigkeit dar. Die gute und getreue Stadt Mailand hat nie die Rechte des Königs verhöhnt oder sie verletzt. Der König hat das Recht, die obersten Lehen zu verleihen, er hat das Recht, die Lehensträger zusammen zu rufen, er hat das Recht, auf den Reichstagen Gesetze zu geben, er hat das Recht, Richter und Notare zu ernennen, seine Stellvertreter abzuordnen, und zu verlangen, daß sein Heer im Lande verpflegt werde. Die gute und getreue Stadt Mailand hat das eifrige Verlangen, daß diese Rechte im aufrechten Bestande sind. Der fränkische König Karl hat die römische Kaiserkrone von dem Heiligen Vater empfangen. Er hat das longobardische Reich erobert, hat den longobardischen König entsetzt, und ist selber der longobardische König geworden. Und dann sind in später Zeit die Könige der Deutschen die Nachfolger Karls geworden, sie haben von dem Heiligen Vater die römische Kaiserkrone erhalten, und haben sich zu Königen des lombardischen Landes gemacht. Aber die Könige waren selten in dem Lande, und die Herren in den Schlössern übten ihren Willen und ihre Gewalt. Da halfen sich die armen Städte selber. Ihre Bürger sammelten sich Kenntnisse und Mittel, schlossen sich an einander, führten mit Ausdauer die Waffen, daß ihnen die Herren nicht schaden konnten. Sie gaben sich seither Satzungen, für die sie ihr Leben einsetzten. So ist es in vielen geworden, und so ist es in der guten getreuen Stadt Mailand geworden. Und weil es so ist, so sollten sie von der Wahl ihrer Könige nicht ausgeschlossen sein, sie sollten auf den Reichstagen zu den Gesetzen mitwirken,[933] und es sollte ihnen gegen ihren Willen kein Stellvertreter des Königs, kein Richter, kein Notar, kein Konsul, kein Oberer gesetzt werden. Dem Könige werden die Mailänder dann stets reiche Geschenke senden, sie werden ihm ein hinreichendes Geld zur Bestreitung der Landeskosten geben, und sie werden, wenn er im Lande ist, zu seiner Hofhaltung und zur Verpflegung seines Heeres nach Kräften und nach Einsicht beitragen. Sie werden immer demütige Untertanen sein, und die Fürsten seines Reiches mit großen Geschenken und Ehrenbezeugungen bedenken, daß das alles in Vollziehung kömmt.«

»So hängt ihnen tote Hunde um den Hals, und jagt sie aus dem Lager«, rief Friedrich, der Herzog von Schwaben.

»Richte nicht du allein«, sagte der Kaiser.

Dann sprach er zu den Abgesandten: »Ihr habt recht geredet, da ihr gesagt habt, wie die Herrschaft an die deutschen Könige gekommen ist. Ihr habt schlecht geredet, da ihr gesagt habt, wie sie geübt werden soll. Den König wollt ihr wählen, der König soll Gesetze geben, die ihr wollt, der König soll Obere einsetzen, die ihr wollt, und der König soll empfangen, was ihr ihm gebet. Wer ist dann der König? Ihr redet von der Hilfe, die ihr euch selbst gewähren mußtet. Sind die Übel nicht entstanden, weil die Macht der Könige zu schwach geübt wurde? Daher die wilden Kriege gegen die Herren im Lande, die Kriege der Städte unter einander. Sind die Kriege durch die Könige oder durch euch entstanden? Ihr wollt frei von Bedrückung sein, und bedrückt andere. Seid ihr nicht grausamer gegen Lodi gewesen, als je ein fremder Kriegsmann? Meint ihr, ich habe vergessen, daß ihr bei meinem Heimzuge aus Rom mit denen von Verona im Einverständnisse eine Brücke bautet, die unter meinem Heere brechen sollte, und daß ihr mich in den Engpässen[934] überfielet, damit ich umkomme? Meint ihr, ich habe vergessen, daß ihr Tortona, das ich zerstört habe, sogleich wieder hergestellt und in euern Bund gezogen habt, daß ihr meine getreue Stadt Pavia bekämpft und ihr einen Vorsteher von Mailand gegeben habt, daß ihr meinen Markgrafen von Montferrat bekriegt und seine Schlösser erobert habt, daß ihr Brescia und Piacenza in euern Bund wider mich genommen habt? Und soll ich es vergessen, daß ihr vor meinen Ohren jetzt die Fürsten zu gewinnen strebt, daß sie euch zu Sinne sind?«

Darauf antwortete einer der Gesandten: »Wir wissen nichts von dem Verrate bei Verona, wir haben denen von Tortona, weil sie baten, nachbarliche Hilfe geleistet, und haben uns gegen die, welche uns unterdrücken wollten, gewehrt. Wir sind nichts anders als treue Untertanen des Königs gewesen. Was die Kriege der Städte gegen einander betrifft, so ist das in Freistaaten so, sie haben ihre Liebe und ihren Haß für sich.«

»Du hast das Wort gesagt«, sprach der Kaiser, »ihr seid Freistaaten, und ein Freistaat ist kein Untertan. Ist die Stadt Mailand die getreue, und bedarf sie des Schutzes, so rufe sie den des Königs, wie die andern treuen Städte getan haben. Ihr habt hier Worte der Herrschaft gesprochen, habt ihr nicht auch die der Unterwerfung?«

»Wir haben nach Auftrag die demütigen Bitten der Unsern vor unsern König gebracht«, sagte der Abgesandte.

»So sind wir fertig«, sprach der Kaiser. »Hochwürdiger Erzbischof von Mainz, wie nennt man das, was Mailand übt?«

»Empörung«, sagte der Erzbischof.

»Und du von Köln?« fragte der Kaiser.

»Empörung«, antwortete der Erzbischof von Köln.

»Und du von Trier?« fragte der Kaiser.

»Empörung«, antwortete der Erzbischof von Trier.

»Und ihr andern?« fragte der Kaiser.[935]

»Empörung«, riefen alle.

»So müssen wir mit unserm Heere weiter vorgehen, ob die von Mailand andern Sinnes werden«, sagte der Kaiser, »ihr Abgesandte aber gehet von hinnen. Hocherlauchter König von Böhmen, erlauchter Herzog von Österreich, ich bitte euch, befehlet Männer aus euern Heeren, welche diese da ungefährdet aus dem Lager bringen.«

Der König von Böhmen sandte zu Witiko, der Herzog von Österreich zu Chunring.

Beide kamen mit Scharen, und führten die Abgesandten Mailands hinweg.

Und von diesem Augenblicke an wurde der Zug gegen Mailand gerüstet.

Wladislaw, der König von Böhmen, brach zuerst sein Lager ab, und war mit seinen Männern an der Spitze des Heeres.

Man zog im Anfange nach Blancanuga, und von dort zog man gegen Cassano, wo die große Brücke über den Fluß Adda war. Da die Heere an den Fluß gekommen waren, sahen sie, daß die Brücke zerstört worden sei, und die Kundschafter sagten, es seien schon vor langer Zeit auch alle andern Brücken in der Gegend hinweg genommen worden.

Der Kaiser lagerte also an der zerstörten Brücke, und tausend Schritte von ihm abwärts lagerte der König von Böhmen, sein Bruder Diepold und der Bischof Daniel. Die übrigen Fürsten und Herren hatten weiter rückwärts ihre Stellen.

Die Wasser der Adda waren von Regengüssen hoch angeschwollen, und auf dem jenseitigen Ufer waren von dem mailändischen Heere wohl über tausend schwer geharnischte Männer, und es war eine große Menge von Bogenschützen und Schleuderern. Und wie Krieger von beiden Heeren sich an den Ufern einander gegenüber[936] zeigten, sendeten die Mailänder Pflöcke, Lanzen, Pfeile, Lagerbolzen aus ihren Schleudergeräten herüber.

Der Kaiser versammelte den Rat der Fürsten. Von der großen Brücke war nur der Teil zerstört, der sich an dem Ufer der Feinde befand. Es wurde beschlossen, von den Brückengegenständen, welche bei dem Zuge waren, und von dem Holze von Bäumen und Häusern, und wo man es bekäme, das wieder herzustellen, was zerstört worden war. Es sollten Schleudergeräte aufgerichtet werden, aus denen Wurfdinge auf die Feinde, die gegenüber wären, gesendet würden, daß unter diesem Schutze leichter an der Brücke gearbeitet werden könnte. Indessen sollte an dem Ufer eifrig gespäht werden, ob sich nicht eine Furt für die Reiter oder sonst ein günstiger Umstand für den Übergang entdecken ließe.

Am dreiundzwanzigsten Tage des Heumonates ritten Witiko, bei dem Urban und Mathias waren, dann Odolen, Welislaw, Bogdan, Sezima, Bohuš, Beneda und Bernard, der Sohn des Mannes Soběslaw, zu dieser Spähe.

Aber sie konnten nichts entdecken.

An der Wiese bei Corneliano, die nahe an dem Lager Wladislaws war, flossen die Wasser ruhiger.

Da sagte Odolen: »Hier müssen unsere Reiter hinüber schwimmen, dann nehmen sie die Feinde in dem Rücken, und der unvergleichlichste Sieg steigt von dem Himmel nieder.«

»Mein Pferd trägt mich über das Wasser«, sagte Witiko, »die Waldpferde schwimmen hindurch, und wenn die andern auch die Kraft haben, so könnte das geschehen, was du sagst, und dann entstände die Freiheit, Brücken über den Fluß zu machen.«

»Ich schwimme leicht hinüber«, sagte Welislaw.

»Ich auch, ich auch«, riefen die andern.

»Und daß alle Reiter unsers Königs sehen, daß es möglich[937] ist«, rief Odolen, »reite ich auf der Stelle in den Fluß und schwimme hinüber. Ihr kündet es dem Könige, und zeigt es dem ganzen Heere.«

Und da er diese Worte sprach, sahen sie in dem Flusse etwas schwimmen wie ein lebendes Wesen. Es wurde bald der Kopf eines Pferdes sichtbar, und mit dem Pferde waren nackte Arme und Glieder eines Menschen verschlungen. Beide kamen näher, und nach kurzer Frist ritt ein nackter Mann auf einem goldhellen Pferde das Ufer hinan mitten in die Männer hinein.

»Wolf«, rief Witiko.

»Ich habe mir ein Pferd geholt«, sagte Wolf, der auf dem Tiere schlotterte, »es wird doch jetzt mir gehören. Da sind Reiter gewesen, und haben ihre Pferde an Bäume gebunden, und sind der Kurzweil nachgegangen, und da habe ich mein Gewand ausgezogen, bin hinüber geschwommen, und habe ein Pferd genommen.«

»Wo sind die Reiter?« fragte Bohuš.

»Weiter oben, ich bin herab geschwommen, daß sie mich nicht mehr sehen«, sagte Wolf.

»So ziehe deine Kleider an«, sprach Witiko.

»Wenn mir einer das Pferd hält, daß ich sie suche«, sagte Wolf.

»Ich halte dir das Pferd«, sprach Mathias.

Wolf sprang jetzt herunter.

»Du herrlicher Gauch«, sagte Odolen, »du hast getan, was wir tun sollen, und was ich jetzt tun werde, du solltest ein Ritter sein.«

Und nach diesen Worten ritt er schnell in den Fluß, und sein Pferd begann zu schwimmen. Bernard und Bohuš folgten ihm. Bohuš kehrte wieder um.

»Zu dem Könige«, rief Witiko.

Und er ritt im schnellsten Rosseslaufe zu dem Zelte des Königs. Die andern folgten ihm.

Da er in das Gezelt getreten war, saß der König mit seinem[938] Bruder Diepold und dem Bischofe Daniel bei dem Mittagmahle.

»Witiko, Welislaw, Sezima«, rief er.

»Hoher König«, rief Witiko, »eine Furt ist nicht da; aber Odolen schwimmt eben mit seinem Pferde durch den Fluß, um allen unsern Reitern zu zeigen, daß sie hinüber schwimmen können.«

»Odolen«, rief der König.

Er sprang von seinem Sitze auf, eilte aus dem Zelte und zu dem Flusse. Diepold, Daniel und die andern folgten ihm. Von den Begleitern Witikos war die Sache in dem Lager ausgerufen worden, und viele Krieger und selbst die Priester Daniels eilten herzu.

Sie sahen noch den schwimmenden Odolen und den schwimmenden Bernard. Bald war es ihnen, als sei in den Fluten das Pferd oben, bald der Mann. Aber die Schwimmer erreichten das Ufer, und ritten über das selbe hinauf.

»Was ein Mann kann, das kann auch ein zweiter«, rief der König, »und das können viele und Tausende. Rührt die Reiterpauken zur Sammlung.«

Ein Jubelruf der Krieger antwortete dem Könige auf diese Worte.

Alle eilten in das Lager, und es ertönten die Pauken.

Witiko ritt zu den Seinigen, und ließ das Reiterhorn der Sammlung ertönen. Und als die Reiter gerüstet in Ordnung standen, sprach er: »Brüder und Freunde, es ist keine Furt in dem Flusse, Odolen, der Sohn des Striz, und Bernard, der Sohn des Soběslaw, schwammen mit ihren Pferden durch das Wasser, und der König und seine Reiter werden hinüber schwimmen. Ich tue desgleichen, und rufe zu euch: wer es weiß, daß sein Pferd hinüber schwimmen kann, der folge mir, wenn er will.«

»Ich schwimme mit«, rief Mathias.

»Ich schwimme mit«, rief Urban.[939]

»Ich schwimme mit«, rief Maz Albrecht.

»Ich schwimme mit«, rief Wolf, der nun im Kriegsgewande auf seinem geraubten Pferde herzu ritt.

»Unsere kleinen Rosse schwimmen oft zum Spiele über die hohe Moldau auf gute Weiden hinüber«, rief Philipp, der Steiger.

»Ich schwimme mit«, rief Augustin.

»Ich schwimme mit, ich schwimme mit«, riefen alle Männer.

»Also zu den Reitern des Königs, und mit ihnen und dem Könige durch das Wasser, und dann mit Gottes Hilfe auf die Feinde«, rief Witiko, »blaset zum Zuge.«

Und es ertönte das Horn zum Zuge, und Witiko ritt mit seinen Reitern zu dem Könige.

Dort erschollen noch immer die Pauken, und es sammelten sich die Männer. Der König ritt gerüstet zu ihnen, und rief: »Ihr wißt, was Odolen und Bernard getan haben. Mir wäre es Schmach, wenn ich hinter ihnen zurückbliebe, und wer so ist, wie Odolen, der folge mir zur Vernichtung der Feinde.«

»Heil Wladislaw«, riefen die Reiter.

Und die Pauken tönten die Zugsbereitschaft, der König stellte sich an die Spitze, und die Reiter ritten auf die Wiese. Und von der Wiese ritt der König zuerst in das Wasser, gleich nach ihm Diepold, dann Welislaw, dann Zwest, dann Beneda, Předbor sprang mit seinem Pferde hinein, daß der Schaum emporschlug, Kochan war eines Satzes drinnen, Bogdan auch, Witiko suchte eine Stelle, und ritt an der Spitze aller seiner Waldreiter hinein, so auch Rowno mit den Seinigen, Diet von Wettern, der von Prachatic, Osel mit seinen Söhnen, und so alle aus dem Walde. Sogar die älteren Führer und Lechen blieben nicht zurück, und die Reiter drängten sich nach, daß kein einziger in dem Lager war. Und bald war die weite rinnende Fläche mit schwimmenden Pferden und Männern[940] bedeckt, die Tiere arbeiteten und strebten dem Ziele zu, die Männer suchten sich zu erhalten, und sogar die Tiere zu lenken. Sie wurden auseinander getragen, und viele trieben in den Wogen hinunter. Dann erreichten zuerst einige das Ufer, dann mehrere, dann wieder mehrere, bis der Fluß leer war. Sie ritten auf festen Grund, und ordneten sich nach dem Schalle der Pauken und Hörner zu ihren Zeichen. Die nicht da waren, auf die konnte nicht gewartet werden.

Wladislaw ließ sie an dem Wasser aufwärts reiten.

Bald waren sie bei den Feinden. Diese waren nicht in Kampfesbereitschaft. Die Reiter stürzten gegen sie, umringten sie von allen Seiten, tobten mit ihren Waffen gegen sie, und töteten eine große Zahl, und nahmen viele gefangen. Von beiden Teilen stieg das Geschrei gegen den Himmel, von den Böhmen ein freudiges über den Sieg, von den Mailändern ein jammerndes über das unvermutete Unheil.

Die Krieger in dem Lager des Kaisers hörten das Getümmel und das Rufen, und eilten an das Wasser. Sie meinten, es seien Hilfsscharen zu den Mailändern gekommen; als sie aber den Schall der Reiterpauken der Böhmen erkannten, und sahen, wie diese ihre Gegner niederstürzten, erhoben sie ein Jubeljauchzen über einen solchen Sieg und über das Wunder, wie man durch das reißende Wasser habe gelangen können. Der Kaiser kam selber an den Fluß, und sah, was auf dem Ufer der Feinde geschah. Und die Nachricht ging in alle andern Lager, und von allen Seiten kamen Krieger herzu.

Als die Mailänder sich in die Flucht wendeten, befahl Wladislaw seinem Bruder Diepold, sie mit einer großen Zahl erlesener Reiter zu verfolgen. Er begab sich mit den übrigen Männern zu der Brücke, und sie begannen eifrig zu arbeiten, um die Brücke wieder herzustellen. Der Kaiser ließ auf seiner Seite auch mit allem Nötigen an das[941] Werk gehen. Aber es kam die Finsternis der Nacht, und die Brücke war noch nicht fertig. Diepold kehrte mit seinen Reitern zurück. Nun arbeiteten die Männer, ein Lager mit Gräben und Wällen zu befestigen. Die Reiter des Waldes, welche mit Witiko an dem Zuge Diepolds Teil genommen hatten, gruben nun eifrig mit Schaufeln in den Gräben, daß das Lager bald fertig werde. Dann stärkten sie sich durch Speise und Trank, und brachten die Nacht unter dem freien Himmel zu.

In der Finsternis sah man Dörfer, Häuser und Schlösser brennen.

Bei dem ersten Lichte des Morgens begannen sie und die Männer des Kaisers wieder an der Brücke zu arbeiten. Da kam die Nachricht, daß das Heer der Mailänder, welches von Gorgonzola zur Verteidigung der Brücke abgeschickt worden war, heranziehe. Der König berief einen Rat, und es wurde beschlossen, daß man den Feinden, so weit man könnte, entgegen gehen wolle. Eine erlesene Schar von Reitern wurde vorausgesendet, um die Lage und die Zahl der Feinde zu erkunden. Sie stießen auf ein großes Heer der Mailänder, und begannen sogleich den Kampf, die Mailänder stritten sehr tapfer. Zwest, ein sehr geehrter Mann, der Župan von Melnik, sank zum Tode getroffen von seinem Pferde. Gegen den edlen Lechen Diwa sprengte ein starker Mailänder an, und schlug ihn an der Stirne zu Tode; aber sein Schwestersohn Bernard stürmte an den Mailänder, und spaltete ihm das Haupt. Und wie Odolen gestern durch die Fluten gedrängt hatte, so drängte er heute in die Feinde. Welislaw ging mit seinen Männern vorwärts, Předbor mit den seinigen auch, Božebor kämpfte, als wollte er sich die Hoheit der Krone erkämpfen, Kochan und Bogdan taten, was sie in der Versammlung in Prag gesagt hatten. Die Reiter des mittäglichen Waldes waren wie in den früheren Kriegen an der rechten Seite der Scharen, und wie die[942] Fußgänger des Waldes auf dem Wysoka geschlossen vorwärts gegangen waren, so gingen jetzt die Reiter auf ihren kleinen Rossen dicht nach vorn, und wie Sifrid von Milnet gesagt hatte, daß sie den Scharen Wratislaws keinen Grashalm gelassen hätten, so ließen sie jetzt den Mailändern keinen. Witiko war an ihrer Spitze, und gab mit seiner hellen Stimme die Befehle, und die Männer sahen öfter auf seine blauen Augen. Und Rowno und die andern gingen gleichmäßig mit Witiko vorwärts. An der linken Seite der Waldreiter war nicht mehr der alte Bolemil in seiner Sänfte, zu der einst kein Krieger einen Feind hatte nahen lassen; aber es waren seine Enkel und Urenkel da, und sie ließen wie die auf dem Wysoka ihren Platz den Mailändern nicht. Links von ihnen waren Moyslaw und Radosta, die Söhne Lubomirs, und es waren ihre Söhne und Sippen und die Sippen und Männer von Daudleb. Links von diesen waren die Sippen Wšebors, und kämpften, als ob die Augen ihres uralten Wladyken bei ihnen wären. Und diejenigen Reiter Wladislaws, welche zurückgeblieben waren, kamen nun herzu, und das an der Zahl der Männer so ungemein überlegene Heer der tapferen Mailänder begann zu wanken, und geriet endlich in die Flucht. Die Reiter Wladislaws verfolgten sie, so weit sie konnten, und die Mailänder erlitten eine Niederlage, wie sie wenige erlitten hatten. Als die Reiter zurückkehrten, führten sie viele Gefangene mit sich, darunter siebenzig sehr vornehme Männer.

Nach diesem Kampfe konnte aber noch keine Ruhe kommen; denn der König arbeitete mit einer großen Zahl seiner Männer an der Brücke. Andere seiner Männer suchten durch Flöße und Bäume eine zweite Brücke für ihre Fußgänger herzustellen.

Die Brücke bei Cassano wurde endlich fertig. Der Kaiser war der erste, welcher hinüber ritt. Er ritt zu dem Könige[943] Wladislaw, welcher ihn stehend erwartete. Als er bei dem Könige angekommen war, stieg er von dem Pferde, und schloß den König in seine Arme. Die Krieger erhoben einen Jubelruf.

Und hinter dem Kaiser drängte sich das Heer auf der Brücke.

Als der Bischof Daniel diesen Sieg des Königs Wladislaw erfahren hatte, beschloß er zu ihm zu eilen. Er ging auf die Brücke. Viele aus seinem Lande strebten zu den Ihrigen hinüber. Ihr Ungestüm vermochte niemand zu bändigen, und es wurden Verwirrungen, Stockungen und Verwundungen. Man sagte, die Brücke werde brechen. Daniel verweilte aber auf derselben. Er spendete Verwundeten, die er traf, kirchlichen Trost, und kam glücklich zu dem Könige. Sie begrüßten sich, Daniel segnete den König des Sieges willen, der König dankte, und beide Männer sprachen Worte der Freude. Nur eines war schmerzlich, da die Nachricht kam, daß Mladorka, der Schildträger des Bischofs, unter den Toten sei.

Die Brücke des Kaisers brach, und manche verloren ihr Leben. Man arbeitete neuerdings, den Schaden wieder gut zu machen.

Auf der Brücke der Böhmen wollten die Führer den Übergang leiten; aber auch hier herrschte die Begierde, die Brücke brach, und viele gingen zu Grunde.

Man schritt wieder an die Ausbesserung.

Am fünfundzwanzigsten Tage des Heumonates gingen die letzten Teile des Heeres über den Fluß Adda.

Wladislaw sorgte für die Toten und Verwundeten, ordnete seine Scharen, dankte denen, die mit ihm über den Fluß geschwommen und denen, die nachgekommen waren. Er nahm manchen Mann bei beiden Händen, so Odolen, Bernard, Welislaw, Witiko. Dann gönnte er dem Heere eine kurze Ruhe.

Die kirchlichen und weltlichen Fürsten des deutschen[944] Reiches, so wie treue vornehme Männer des lombardischen Landes kamen zu dem Könige Wladislaw, und brachten ihm ihre Ehrerbietung über seine Taten dar, und priesen die Taten seiner Männer. Es kamen die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, es kam Heinrich, der Herzog von Österreich, es kam Friedrich, der Herzog von Schwaben, es kam Konrad, der Pfalzgraf am Rhein, es kam Heinrich, der Herzog von Kärnten, es kam Ludwig, der Landgraf von Thüringen, Berthold, der Herzog von Zähringen, der Markgraf von Montferrat und andere.

Witiko brachte seine Männer in die Verbindung, in der sie auf dem Zuge bis zu der Adda gewesen waren. Dann dankte er den Reitern für das, was sie getan hatten, wie er seinen Männern in dem mährischen Kriege nach den Schlachten gedankt hatte. Die Verwundeten ließ er in gute Obsorge bringen. Dann sammelte man die Namen der Männer, die fehlten. Witiko leitete die Forschungen ein, um, wie es nur immer geschehen könnte, ihr Schicksal zu ergründen, damit er es in der Zeit den Ihrigen melden könnte. Vor seinem Gezelte war das rosenrote Banner, welches Wladislaw den Waldleuten gegeben hatte. Als die Ordnung hergestellt war, zündete man Feuer an, um Speisen zu bereiten.

In dieser Zeit kam Heinrich, der Vater Berthas, zu Witiko in das Gezelt. Er redete von dem Siege des Königs Wladislaw, und lobte, was Witiko getan hatte, und Witiko freute sich mit seinem Schwiegervater. Es kam auch Gebhart, der Bruder Heinrichs, und pries die zwei Tage. Es kamen noch Heinrich von Oftering, dann die Ritter vom Kürenberge, Udalrich von Marbach, Werinhard von Brun, Chunrad von Asparn, Hartung von Ruhenegk, Marchard von Hintberg, Wolftrigil von Stein, Thiemo von der Aue, es kamen Wolfgang von Ortau, Rudolph von Bergheim, Hans vom Wörthe und Adalbert von der[945] Au. Sie jubelten über den Ruhm, den Witikos Taten verdienten, und Thiemo schloß ihn in die Arme und rief: »Du bist fast so tapfer, wie wir in der alten Zeit gewesen sind, nur nicht so lustig. Und das ist schade. Wenn alle, die da singen und sagen, von euerm Ritterkönige singen und sagen werden, von Odolen, von Bernard, von dir, von Welislaw, und von andern, deren Namen ich nicht aussprechen kann, so werden sie von dir nicht sagen können, er war fröhlich und ausgelassen wie die Blume der Ritter, und das herrliche Bildwerk ist dann nicht vollendet.«

»Ich bin ein ländlicher Mann«, sagte Witiko, »und stehe weit hinter dir, Thiemo, und von mir wird niemand singen und sagen.«

»Wie weißt du das?« sprach Thiemo. »Von uns allen werden sie singen und sagen: von dem zierlichen Degen, dem Kaiser Friedrich mit dem roten Barte, von dem Könige von Böhmen, von dem erlauchten Herzoge von Österreich, und von dem von Kärnten und Dalmatien und Zähringen und Schwaben und von den Fürsten und Bischöfen und Erzbischöfen, und was so da ist. Und von uns und von dem berühmten Kriege gegen die Mailänder werden die Menschen bis zu dem letzten Gerichte Gottes reden, und wir andern, Rudeger, der Degen, und die Chunringe, und ich und alle werden bei Mailand schon auch etwas tun, das der Rede wert ist. Und in euerm Lager ist ja schon ein frommer friedfertiger Mann, der alles aufschreibt, was getan wird, Vincentius, der der Schreiber eures Bischofes ist. Der fromme Mann ist, da die Gefahr auf der Brücke war, von ihr weg bei uns vorüber zu dem Herzoge von Kärnten gegangen, und hat die Nacht dort gewartet.«

»Nach meiner Hoffnung, Witiko, wird unser Herzog sorgen«, sagte Marchard von Hintberg, »daß wir Österreicher nicht zu weit zurückstehen. Wir haben noch den[946] Weg nach Mailand, und wir haben die Arbeit vor Mailand.«

»Ihr werdet wohl Größeres tun als wir«, sagte Witiko, »die wir über einen brückenlosen Fluß schwammen, weil wir schwimmen können, die wir uns wehrten, da Mailänder daher kamen.«

»Und in dem Lager des Kaisers wird wohl auch vergönnt sein, zu wirken«, sagte Wolfgang von Ortau.

»Und des Herzogs von Schwaben«, sagte Hans vom Wörthe.

»Und des von Zähringen«, sagte Adalbert von der Au.

»Wir werden noch alle genug erhalten, ihr aus Franken und Schwaben und Burgund und wir aus Österreich«, rief Thiemo von der Aue, »der Kaiser scheint nicht darnach angetan, uns ohne Arbeit zu lassen, daß wir Kurzweil treiben wie heute.«

»Gehabe dich wohl, Witiko«, sprach Marchard von Hintberg, »vielleicht ist doch vor Mailand eine Stunde, in der wir uns wieder sehen.«

»Es wird mir eine Freude sein, dich zu sehen, Marchard, und, wenn es sein kann, komme ich in euer Lager«, sagte Witiko.

»Du brüderlicher Mann«, sagte der Ritter vom Kürenberge, »wenn wir einmal graue Haare haben, werden wir mit Bechern bei einander sitzen, und von der Vergangenheit reden und singen; jetzt jagen wir fröhlich in die Gegenwart.«

»Und sei uns allen ein Freund, wie wir deine Freunde sind«, rief Heinrich von Oftering, »und gehabe dich wohl, und komme, wenn alles aus ist, bald wieder in unser Oberland, das jetzt ein Stück lustigen Österreichs ist, und betrachte sein Getreide und sein Obst, du magst nun zu den Eltern deiner Gattin auf die Burg Schauenberg bei der Stadt Eferdingen gehen, oder ein wenig links davon nach Oftering oder auf den Kürenberg. Und[947] wir werden wohl wieder auch in deinen Wald kommen, und da eure Berge und Schluchten und Wasser und Felsen betrachten.«

»So können wir tun, wenn wieder der Frieden ist«, sagte Witiko.

»Und so gehabe dich wohl«, sprach Heinrich von Oftering.

»Gehabe dich wohl«, riefen die andern.

»Gehabt euch wohl«, sagte Witiko.

Und sie entfernten sich, und begaben sich in ihre Lager.

Und als die Heere sich durch eine kurze Ruhe und durch Nahrungsmittel erquickt hatten, zog der Kaiser noch an diesem Tage vor die Veste Trezzo, um sie zu belagern.

Am fünften Tage der Belagerung mußte sich die Veste ergeben.

Von da zog das Heer nach Lodi. Dort lagerte es. Der Kaiser lagerte in den Trümmern der Stadt, die von den Mailändern zerstört worden war. Die rosenroten Banner des Königs Wladislaw ragten auch von diesen Trümmern empor. Die andern waren weithin an dem Lambro ausgebreitet.

Hier hielt der Kaiser mit dem Könige Wladislaw und den Fürsten einen Rat, um den Zug gegen Mailand zu ordnen.

In diese Versammlung kamen Abgesandte derer, die Lodi bewohnt hatten, und flehten den Kaiser um Hilfe an.

Der Kaiser sagte, es werde ihnen geholfen werden.

Dann kamen auch noch einmal Abgesandte von Mailand, welche unter dem Schutze des Kaisers zugelassen wurden.

Sie sprachen vor der Versammlung: »Die Stadt Mailand sendet dem hocherhabenen Kaiser die untertänige Verehrung. Die Stadt Mailand möchte den Frieden aufrecht erhalten, und daß der Frieden bleiben könne, will die treue Stadt Mailand unterwürfig sein, sie will die Hoheit des Kaisers unverbrüchlich ehren, und dem Kaiser die volle Genugtuung leisten.«[948]

Der Kaiser fragte: »Bringet ihr die unbedingte Unterwerfung, oder habet ihr Bedingungen in Bereitschaft?«

Die Abgeordneten antworteten: »Wir bringen zuerst die Unterwerfung, dann werden die erscheinen, welche die Bedingungen bringen.«

»Und was sprechen die Herren, die in dem Rate sind?« fragte der Kaiser.

Berthold, der Herzog von Zähringen, sagte: »Wenn Mailand eine giltige Bürgschaft gibt, daß es die volle Genugtuung leisten wolle, so könnte wohl der Frieden wieder hergestellt werden.«

»Es muß eine vollständige Gewähr gegeben werden«, sagte der Herzog von Kärnten.

Konrad, der Pfalzgraf am Rheine, sprach: »Sie sollten unverzüglich verkündigen, welche Gewähr sie für die volle Genugtuung bieten, und dann möge beschlossen werden, ob die Gewähr anzunehmen ist oder nicht.«

»Wir sollten alles tun, den Frieden zu errichten, und das Blutvergießen zu enden«, sagte der Bischof von Eichstätt.

»Und du sprichst nicht, erlauchter König von Böhmen?« fragte der Kaiser.

»Ich hätte später gesprochen«, antwortete Wladislaw, »jetzt aber sage ich: in dieser Zeit kann eine volle Gewähr nicht gegeben werden. Sie hätte sollen früher gegeben werden, oder sie muß gegeben werden, wenn noch größere Dinge geschehen sind.«

»Das ist wahr, das ist wahr«, riefen mehrere Stimmen.

»Und es ist auch der Wille gar nicht vorhanden, eine giltige Gewähr zu geben«, sagte der Markgraf von Montferrat.

»Sie geben keine«, rief der Führer derer von Pavia.

Nun stand Anselm, der Erzbischof von Ravenna, auf, und sprach: »Es erlaube mir deine Hoheit, erhabener Kaiser, daß ich zu denen, die gesendet sind, und daß ich zu den erlauchten Fürsten einige Worte rede.«[949]

»Rede«, sagte der Kaiser.

Und Anselm wendete sich zu den Abgesandten Mailands, und sprach: »Ihr habt süße Worte in dem Munde, und den Fuchs in dem Herzen. In der Versammlung von Brescia habet ihr Forderungen der Herrschaft gemacht, ihr wolltet euch den König und die Obrigkeiten wählen, ihr wolltet euch Gesetze geben: und nun bringt ihr Unterwerfung. Seid ihr zur Erkenntnis gekommen, daß eure Forderungen ungerecht sind? Und wodurch seid ihr zu der Erkenntnis gekommen? Ihr seid nicht zu ihr gekommen, oder ihr seid immer bei ihr gewesen, und habt nur nicht nach ihr gehandelt, sondern habt Gewalt und Herrschaft gewollt, und hättet gerne die Herrschaft des Königs und Reiches über euch ferne gehalten. Ihr redet jetzt, wie ihr redet, um in der Gegenwart dem Übel zu entgehen, das euch droht. Warum habt ihr keine Bedingungen des Friedens bei euch? Daß Zeit vergeht, daß dem großen Heere in derselben irgend wie Abbruch geschehe, daß sich etwas ereigne, das euch günstig ist, und wie es sonst noch in der Zeit sein kann. Der erlauchte Markgraf von Montferrat hat gesagt: sie wollen keine Gewähr geben, und die Weisheit des hohen Königs von Böhmen hat gesagt: sie können keine geben. Und sie können auch keine geben. Sie hätten sie früher aus Gerechtigkeit geben müssen, und sie müssen sie später aus Ohnmacht geben. Ich rede zu euch, ihr hohen Herren der Versammlung. Welche Bürgschaft werden sie geben, die gilt? Sie werden aus ihrem Reichtume viel Gold darbringen, sie werden sich allem, was der hocherhabene Kaiser verlangt, fügen, und werden versprechen, alle seine künftigen Befehle zu befolgen, und sie werden Geiseln stellen. Und wenn der Kaiser seine Einrichtungen in dem lombardischen Lande gemacht hat, und wenn er seine Stellvertreter und seine Obrigkeiten eingesetzt hat, wenn er dann über die Alpen zurückgekehrt ist, wenn der[950] Frieden gesichert scheint, und die Geiseln entlassen worden sind: dann wird Mailand handeln, wie es früher gehandelt hat, es wird die Oberherrschaft führen, wo es kann, es wird die kaiserlichen Mahnungen nicht befolgen, und, wenn es auf Sieg hofft, den Kaiser bekriegen. Wann hat Mailand seine Versprechen gehalten? Ich rede nicht von früheren Kaisern; ihr wißt, wie es war. Ich rede nur von dir selber, hocherhabener Herr. Hat nicht Mailand die treue Stadt Lodi zerstört? Hat es nicht Como zerstört, und die Bewohner gezwungen, außerhalb der Stadt zu leben? Hat es nicht die getreue Stadt Pavia mit schwerem Kriege überzogen? Und hat es auf deine Mahnungen Reue gezeigt? Nein. Als du verlangtest, Lodi und Como sollten wieder hergestellt werden, boten sie dir viertausend Mark, wenn du ihnen die Herrschaft über diese Städte gewährest. Sie begehrten auf die Weise Herrschaft über andere sogar von dir. Haben sie vor vier Jahren ihr Versprechen, dein Heer zu verpflegen, gehalten? Sie haben dich in eine Gegend, die schon ausgezehret war, geführt. Am ersten Tage fehlte es den Pferden an Futter, und in den zwei folgenden litt in Rosate das Heer Hunger. Die Mailänder hatten dort große Vorräte, du botest ihnen dafür Bezahlung, und sie verweigerten sie. Das taten sie, als du mit einem großen Heere in dem Lande warest, was werden sie tun, wenn du mit dem Heere ferne bist? Hat dir nicht Tortona getrotzt, weil es mit Mailand im Bunde war, und auf dessen Sieg hoffte? Und ist es nicht, da du es zerstört hattest, von Mailand wieder aufgebaut worden? Die Mailänder werden deine Hoheit nur ehren, wenn sie nicht mehr anders können. Du mußt ihnen die Macht nehmen. Und selbst dann, wenn ihnen nur ein Schein von Hoffnung zum Siege kömmt, werden sie wieder gegen dich aufstehen, und dich zu einem neuen Zuge gegen sie zwingen. Mögest du nicht, wenn du einmal Güte gegen sie üben solltest, in[951] einer Zeit erfahren, wie übel sie angewendet war, und möge nicht einst viel Blut die Sache heilen müssen, die jetzt weniges heilet. Jetzt kann die Entscheidung gebracht werden. Jeder Frieden, er sei, wie er wolle, schiebt sie auf, und macht sie schwer. Sie haben Gewalt geübt, so mögen sie nun Gewalt erfahren. Mit dem Maße, mit dem sie gemessen haben, soll ihnen wieder gemessen werden. So rede ich, der ich die Leute der Stadt Mailand und ihre Hoffnungen und ihre Wünsche und ihre Begierden kenne.«

»Es ist so«, »ja so ist es«, »so ist es«, riefen viele Männer.

»Sie haben die wilden Forderungen gestellt, da du schon die große Kriegsmacht gegen sie führtest, und sie sagen die demütigen Worte, um alles zu verwirren. Ihre letzte Waffe muß zerbrochen werden, daß sie nicht mehr schaden«, rief Friedrich, der Herzog von Schwaben.

»Sie haben immer Tücke geübt, und zu uns kam sehr oft die Kunde«, sagte Heinrich, der Herzog von Kärnten.

»Und sie haben Grausamkeiten geübt, wie sie die Heiden in den alten Zeiten nicht geübt haben. Um uns herum, wie wir versammelt sind, stehen die Überreste der Stadt Lodi, einer Stadt des nämlichen Landes wie Mailand, einer Schwester von Mailand, die sie zerstört haben. Die traurigen Trümmer sehen zu dem blauen Himmel empor, und schreien zu dem Himmel um Rache, und zerreißen uns das Herz«, sagte der Bischof von Würzburg.

»Und so sind auch die Trümmer von Como, und von mancher Kirche und von manchem Schlosse und von mancher Veste, die dem Kaiser treu war, und so wären die Trümmer von Pavia, wenn sie die Stadt erobert hätten«, rief der Führer von Pavia.

»So ist es, so ist es«, riefen mehrere Männer.

Heinrich, der Herzog von Österreich, sprach: »Sie bringen nur Worte, und wollen durch Lockungen von dem[952] Weg abführen. Ich denke, wir sollen auf ihm zur Entscheidung gehen, wie wir sie erstreben.«

»Ja, wie wir sie erstreben, und wie sie auch nur gerecht ist«, sagte der Erzbischof von Mainz.

»Wozu wir ausgezogen sind, und was wir erstreben«, sagte Otto, der Pfalzgraf in Baiern.

»Der hocherhabene Kaiser ist dem Reiche und wir sind den Ländern entfremdet, wenn wir durch Verhandlungen hingeschleppt werden«, sagte Ludwig, der Landgraf von Thüringen.

»Zur Entscheidung«, riefen mehrere der Herren.

»Und was ist die Folge des Beschlusses?« fragte der Kaiser.

»Der Bann«, sagte der Erzbischof von Mainz.

»Der Bann«, sagte der Erzbischof von Trier.

»Der Bann«, sagte der Erzbischof von Köln.

»Der Bann«, sagten die Herzoge und Bischöfe und Fürsten.

Dann sprach der Kaiser zu den Abgesandten von Mailand: »Ihr habt den Krieg gegen mich dem Gehorsame für meine Worte vorgezogen, und mich zu dem Zuge nach Italien genötigt. Ihr seid mir mit aufrührerischen Forderungen entgegen gekommen, und habt dann die Waffen gegen mich gebraucht. Es ist sehr viel Blut vergossen worden, und daß es nicht ungerecht vergossen worden ist, muß vollendet werden, was begonnen worden ist. Wir führen den Krieg weiter, den ihr erhoben habt, und wir schließen die Empörung, in der ihr verharren wollt. Und so banne ich mit der Zustimmung der Fürsten und der Herren des Reiches eure Stadt.«

Und er warf nach dem Brauche sein Szepter auf die Erde.

Dann sprach er zu den Abgesandten: »Verkündiget dieses denen, die euch gesandt haben, und sagt ihnen, wir werden die Gesetze des Friedens bei ihnen machen, daß er daure. Jetzt entfernt euch.«[953]

Die Abgesandten verließen die Versammlung.

An dem folgenden Tage, dem fünften des Erntemonates, ging das Heer in sieben Zügen gegen Mailand. Den ersten Zug führte Konrad, der Bruder des Kaisers, der Pfalzgraf am Rheine. Den zweiten Zug führte Friedrich, der Herzog von Schwaben, den dritten Wladislaw, der König von Böhmen, den vierten Heinrich, der Herzog von Österreich, den fünften der Kaiser, den sechsten Otto, der Pfalzgraf in Baiern, den siebenten Friedrich, der Erzbischof von Köln.

An diesem Tage ritt Eckbert, der Graf von Pütten, mit fünfhundert Reitern und einem Gefolge bis nahe gegen Mailand. Aber da es Abend wurde, und da er der Gegend unkundig war, ritten mailändische Scharen gegen ihn aus der Stadt, erreichten ihn, und besiegten ihn, und er verlor sein Leben. Die Mönche der Abtei Chiaravalle begruben ihn. In dem Heere entstand Trauer um den Mann, weil sie ihn als sehr edel und tapfer geachtet hatten. Der Kaiser aber gab das Gesetz, daß keiner Anordnungen treffe, als unter dem Befehle des Feldherrn, es sei denn, daß er zum Kampfe gezwungen würde.

Am sechsten Tage des Erntemonates zog das Heer vor die Stadt.

An der Spitze des Zuges waren die Lagermeister, dann kamen die Träger der kaiserlichen Adler und die, welche mit Zinken und Pauken, mit Pfeifen und Hörnern, mit Posaunen und Flöten kriegerische Töne erschallen ließen. Dann kam das Heer. Es sang Lieder zu den Tönen des Krieges. Dann waren die Kriegswerkzeuge und die Wägen und Säumer mit den Habschaften. Dann kam der Troß.

Die Mailänder waren auf den Mauern ihrer Stadt, und sahen das Heer kommen.

Und als das Heer vor der Stadt angekommen war, schauten die Augen aller Männer auf sie. Sie sahen, daß sie[954] sehr groß und mit sehr starken Befestigungen umgeben sei.

Der Kaiser befahl nun, daß man sich vor der Stadt lagere, und die Lager mit Gräben und Wällen und Verrammlungen umgebe. Die Krieger und alle die Leute, die herbei genommen worden waren, begannen nun sofort die Arbeit. Die Feinde in der Stadt sahen auf dieses Beginnen, störten es aber nicht.

Mit sieben großen Lagern war noch an dem nämlichen Tage die Stadt umgeben.

Der Kaiser lagerte um die Allerheiligenkirche fast in der Richtung gegen den Morgen von der Stadt. Wladislaw stellte in der Richtung zwischen Morgen und Mitternacht seine Gezelte mit seinem Bruder Diepold und dem Bischofe Daniel in dem Kloster des heiligen Dionysius und um dasselbe herum auf. Etwas weiter von ihm entfernt gegen den Abend hin standen die Gezelte Konrads, des Pfalzgrafen am Rheine, und Friedrichs, des Herzogs von Schwaben. Sie standen neben einander, weil sie Gezelte von Verwandten waren. Im Mittage von dem Kaiser waren die andern Fürsten. Der Erzbischof von Köln war bei der Kirche des heiligen Celsus in der Richtung zwischen Mittag und Abend von der Stadt. Weiter gegen Abend waren die, welche dem Befehle des Herzoges von Schwaben zugeteilt waren, der Markgraf von Montferrat und die aus Verona, Brescia und Mantua. Dann waren die aus Vicenza, Pavia, Cremona, Como und andern Gebieten.

Witiko ordnete seine Leute in dem Teile des böhmischen Lagers, der ihm zugewiesen worden war, wieder in ein eigenes Lager. Die Obmänner mußten in der Mitte der Abteilungen und unter sich und mit Witiko in Verbindung sein. Die Reiter waren an der rechten Seite der Fußgänger. Von ihnen rechts waren wieder andere Reiter des Waldes. Witiko hatte sein Gezelt zwischen Fußgängern[955] und Reitern. Alle Männer, besonders die Reiter, mußten stets in Kampfesbereitschaft sein. Witiko sorgte gleich nach der Errichtung des Lagers für Nahrung, und er traf die Obsorge, daß sie in den folgenden Tagen nicht fehle.

So waren seine Männer nun in dem Lager um ihn, und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Und wie sie einstens von den Zinnen der Stadt Prag, die sie verteidigen sollten, auf die Stadt und auf die Belagerer hinabschauten, und sich von der Stadt allerlei Dinge erzählten, so schauten sie nun von dem Lager, von dem aus sie eine Stadt gewinnen sollten, auf die Stadt, und erzählten sich von ihr und von dem Lande, in dem sie waren, verschiedene Dinge, die sie während ihres Aufenthaltes in dem Lande schon erfahren hatten.

Gegen den Abend des ersten Tages kam Urban mit einem Boten in das Gezelt Witikos, und der Bote sagte, das Lager Konrads, des Pfalzgrafen, und das Friedrichs, des Herzogs von Schwaben, sei überfallen worden, und der Pfalzgraf sei in argen Nöten, und bitte um schleunige Hilfe.

»Laßt alle Reiter auf die Pferde sitzen«, rief Witiko.

Urban eilte aus dem Gezelte, bald tönten die Zeichen des Hornes, und die Reiter setzten sich in Bereitschaft. Witiko bestieg sein Pferd, und stellte sich an ihre Spitze.

Da kam auch der Befehl des Königs, mit ihm in das Lager des Pfalzgrafen zu reiten.

Witikos Reiter schlossen sich mit andern Waldreitern denen des Königs an. Der König führte die böhmischen Reiter, und sie ritten in der größten Schnelligkeit gegen das Lager Konrads. Und wie die Waldreiter gelernt hatten, durch Gebüsche und über Gebüsche hinweg zu reiten, so ritten sie jetzt auch über die Verwallungen der Weingelände, über Umfriedungen der Gärten und über das Ungleiche und Ungewohnte des Bodens dahin. Der[956] König brach unter dem Schalle seiner Pauken in das Lager Konrads. Die Pferde sprangen an manchen Stellen über die Verrammlungen. Als die Männer Konrads den Schall der böhmischen Pauken hörten, erhoben sie ein Freudengeschrei, und kämpften ermutigter und fröhlicher. Witiko führte seine Männer geschlossen in die Feinde. Der König eilte ihm voraus, und stürzte in sie. Er brachte denen, die im Gedränge waren, schnell Hilfe, und kämpfte, und befahl. Er stieß mit seiner Lanze den Fahnenträger der Mailänder, Tazo von Mandello, zu Boden, und eben so den Vizegrafen Gerhard. Witiko drängte an die Seite des Königs, kämpfte und befahl auch, und die Reiter des Waldes waren mit ihren Waffen behende gegen die Mailänder wie sonst gegen die Bären ihrer Heimat. An der andern Seite des Königs waren Odolen und Welislaw und Kochan und Předbor und Bogdan. Sie drückten die Feinde rückwärts. Die Männer Konrads erhoben sich auch zu erneuertem Grimme, und wie die Tapferkeit der Mailänder auch leuchtete, so mußten sie doch weichen. Sie flohen gegen die Stadt. Der König verfolgte sie. Odolen rief, man dränge mit den Mailändern in die Stadt. Es war im Gelingen; aber da kam die Finsternis der Nacht, die den Mailändern zum Nutzen, den Böhmen zum Hindernis ward. Der Kampf mußte enden.

Man sorgte nun für die Verwundeten und Toten.

Manche Männer des Pfalzgrafen Konrad und manche des Königs Wladislaw hatten Wunden empfangen, und manche hatten ihr Leben verloren. In dem Morgengrauen brachten Reiter des Königs die entseelten Körper der edlen Herren Mikus, Otto, Zwestec und Herart in das Lager. Der Bischof Daniel bestattete sie mit dem Beistande seiner Priester und in der Gegenwart des Königs und seiner Führer und vieler Krieger in der Abtei Chiaravalle, neben der Stelle, wo der Graf Eckbert von Pütten ruhte.[957]

An diesem Tage begannen die Mailänder an jenem Teile der Stadt, gegen welchen die Böhmen lagerten, die Befestigungen zu verstärken. Sie verschütteten dann die Tore mit Steinen, und ließen nur ein kleines Pförtchen an dem Tore frei, welches das neue Tor hieß.

Der Kaiser berief die Fürsten zu einem Rate. Manche waren bekümmert, wie man eine so große und wohlbefestigte Stadt werde einnehmen können.

Der Kaiser sagte: »Weil sie so groß ist, wird sie bald in unsere Hände fallen. Sie braucht täglich so viele Dinge, daß bald Mangel in ihr sein wird. Und weil sie so viele Landleute in sich aufgenommen hat, wird dieser Mangel eher kommen als sonst. An uns ist es nun, daß wir alles, was in sie gebracht werden könnte, ausschließen, und daß wir, wenn die Mailänder hervorbrechen, sie stets zurückschlagen. Darauf, meine ich, müssen wir unsern Ratschluß fassen.«

Wladislaw, der König von Böhmen, wurde zuerst um seine Meinung gefragt. Er stimmte dem Kaiser bei. Dann sprachen die Erzbischöfe, die Herzoge und Fürsten die nämliche Meinung aus.

Darauf wurde beraten, wie man die Lager zur Umschließung der Stadt stellen müsse.

Die Lager wurden nach dem Beschlusse enger an einander gerückt, und der Kreis um die Stadt wurde kleiner. Zwischen den Lagern und in der Umgebung streiften Scharen, die alles wegnahmen, was für die Stadt bestimmt war. Die böhmischen Männer zerstörten in der Umgegend Schlösser, machten Beute, und brachten Gefangene herein. Die Krieger von lombardischen Städten, gegen welche Mailand feindselig gewesen war, übten Rache, und zerstörten ringsum Felder und Gärten bis auf den Grund. Die Mailänder kamen oft heraus, und es waren an verschiedenen Stellen Kämpfe. Aber sie konnten den Kreis nicht durchbrechen oder zerstören.[958]

Außerhalb der Stadt war ein starker Turm, welcher der römische Bogen genannt wurde, weil die Sage war, daß die Römer einmal den Turm zur Erinnerung ihrer Eroberung Mailands gebaut haben. Auf dem Turme waren Mailänder mit Kriegswerkzeugen und Schleudergeräten gegen die Belagerer aufgestellt. Die Zinnen des römischen Tores und des Tonsatores schützten den Turm. Seit dem Beginne der Belagerung suchten die Männer des Kaisers den Turm zu gewinnen; aber sie konnten nicht zu ihrem Ziele gelangen. Da stürmte eines Tages der Kaiser das römische Tor und das Tonsator, und andere Abteilungen kämpften gegen den Turm. Da mußten sich die Männer des Turmes ergeben.

Es war gleich darauf an diesem Tage ein großer Kampf der Mailänder gegen die Böhmen an dem neuen Tore. Die Mailänder wurden zurückgetrieben.

Es entstand auch noch an dem Tage ein erneuerter Kampf an dem römischen Tore.

An dem folgenden Tage, dem zwölften Tage des Erntemonates, sendeten die Mailänder Boten in das Lager des Kaisers, welche baten, daß man den Frieden verhandle. Der Kaiser ließ sich zur Nachsicht bewegen. Er ernannte zur Einleitung der Verhandlungen Peregrin, den Patriarchen von Aglei, Eberhard, den Bischof von Bamberg, und Daniel, den Bischof von Prag. Die Verhandler der Mailänder waren der Graf Guido von Biandrate, der Erzbischof Hubert von Pirovano, und die Konsuln.

Als die Verhandlungen eine Zeit gedauert hatten, wandten sich die Mailänder auch um Beratungen und um Vermittlung an Wladislaw, den König von Böhmen. Er gewährte ihnen mit dem Willen des Kaisers ihre Bitte. Er hielt über diese Angelegenheiten auch mit seinen Herren der Kirche und des Heeres Rat.

Nach dieser Zeit berieten sich die Mailänder auch mit dem Herzoge von Österreich, mit dem Erzbischofe von[959] Köln, mit dem Bischofe von Bamberg, mit dem Bischofe von Prag, mit Otto, dem Pfalzgrafen in Baiern, und mit dem Kanzler Reinald.

Die Verhandlungen dauerten viele Tage.

An diesen Tagen war Waffenruhe zwischen den Lagern und der Stadt. Aber in die Umgegend geschahen noch verschiedene Züge, es waren Verwüstungen und mancherlei Kämpfe.

In dieser Zeit kamen auch manche Männer aus den Lagern zu einander, und schlossen Bündnisse und Freundschaften.

Witiko ging zu seinem Schwiegervater, Heinrich von Schauenberg, und zu dem Bruder desselben, Gebhart von Stauf. Und diese kamen auch wieder zu ihm. Er ging zu seinen Freunden aus Österreich, und diese gingen zu ihm. Er wurde durch sie zu Heinrich, dem Herzoge von Österreich, gebracht, und wurde von demselben mit Achtung und Freundlichkeit aufgenommen. Er ging auch zu seinen Freunden in das Lager des Kaisers, und diese gingen wieder zu ihm. Mit Welislaw, Odolen und den andern im Lager des Königs wurde die Freundschaft noch fester geknüpft, als sie früher gewesen war. Durch die Liebe des Königs von Böhmen zu ihm kam er vor das Angesicht des Kaisers und hoher Herren und Fürsten, und erhielt Ehren.

So ging die Zeit dahin.

Die Lager mußten aber immer in Bereitschaft sein, einen Überfall der Mailänder, den sie etwa machen könnten, abzuwehren.

Als die Friedensverhandlungen beendet waren, meldeten die Fürsten dem Kaiser die Zugeständnisse der Mailänder, und den Mailändern die Forderungen des Kaisers.

Wladislaw, der König der Böhmen, wurde zum Vermittler des Friedens bestellt.

Die Bedingungen des Friedens waren in dreizehn Abteilungen[960] enthalten. Vincentius, der Kapellan und Schreiber des Bischofes Daniel, schrieb sie auf, und am siebenten Tage des Herbstmonates wurden sie angenommen. Die Stadt Mailand muß die Städte Lodi und Como, welche sie zerstört hatte, wieder aufbauen. Diese Städte sind dann von Mailand unabhängig. Jeder Mailänder von dem vierzehnten bis zu dem siebenzigsten Jahre schwört dem Kaiser Treue. Die Stadt Mailand zahlt neuntausend Mark Silber. Sie stellt dreihundert Geiseln aus den Vornehmen, aus den Rittern und aus dem Volke. Von dem Erzbischofe von Mailand, von dem Grafen von Biandrate, von dem Markgrafen von Montferrat und den Konsuln muß die Wahl der Geiseln als treu vorgenommen beschworen werden. Die jetzigen Konsuln leisten dem Kaiser den Amtseid. In dem nächsten Hornung aber werden neue Konsuln von dem Volke gewählt, und von dem Kaiser bestätigt. Ist der Kaiser in dem Lande, so schwören ihm die Konsuln selber, sonst reisen nur zwei zu ihm, den Eid für alle abzulegen. Die übrigen schwören den kaiserlichen Bevollmächtigten. Mailand zahlt hinfort alle Abgaben, welche den früheren Kaisern gegeben worden sind, es baut die Pfalzen des Kaisers wieder nach der gebührenden Würde auf, es muß die Ehre der Krone und des Reiches mit dem Schwerte schützen, und dem Kaiser Hilfsvölker zuführen, wohin er will. Die Gefangenen werden dem Könige von Böhmen gegeben, der Kaiser sendet die seinigen zurück, sobald die Geiseln gestellt sind. Die Mailänder leisten die öffentliche Sühnung. Es erscheinen zwölf Konsuln der Stadt, die der Kaiser selber bestimmt, barfuß, ein bloßes Schwert auf den Nacken gebunden, vor dem Throne des Kaisers, und flehen um Gnade. Auf diese Bedingungen wird Mailand wieder in die Gnade aufgenommen, und der Bann hört auf. Die Verbündeten Mailands sind in den Frieden einbegriffen.

Der achte Tag des Herbstmonates, der Tag der Geburt[961] Marias, wurde bestimmt, daß die Geiseln gestellt werden, und die Sühnung erfolge.

Die Geiseln wurden an diesem Tage in das Lager des Königs von Böhmen geführt. Dann wurden die Gefangenen aus dieser Zeit und aus früheren Zeiten in das nämliche Lager geführt.

Als dieses geschehen war, wurden von dem Kaiser die Bischöfe Eberhard von Bamberg und Daniel von Prag auserlesen, daß sie den Erzbischof von Mailand, Hubert von Pirovano, vor den Kaiser führten.

Die sieben Züge des Heeres wurden um den Thron des Kaisers aufgestellt. Der König von Böhmen, die kirchlichen und weltlichen Fürsten des Reiches, die treuen Lehensträger des lombardischen Landes, die Vornehmeren aus den treuen Städten und die Führer fremder Krieger versammelten sich in kostbaren Gewändern neben dem Throne des Kaisers. Hinter den Kriegern stand ein unermeßliches Volk, welches aus allen Gegenden herbei gekommen war.

Als es die Zeit forderte, bestieg der Kaiser in kaiserlichem Schmucke den Thron, und alsbald näherte sich der Zug aus Mailand. Die Bischöfe von Bamberg und Prag führten den Erzbischof von Mailand. Dann kamen die Priester der erzbischöflichen Kirche, dann die der andern Kirchen, dann die der Klöster, alle mit Kreuzen, Rauchfässern und im kirchlichen Schmucke. Dann kamen die zwölf Konsuln, barfuß und mit einem bloßen Schwerte, das ihnen auf den Nacken gebunden war. Und eben so kam der Rat, und es kamen die Vornehmsten der Stadt, und es kam das Volk mit Stricken um den Hals.

Der Erzbischof mußte vor dem Kaiser versprechen, daß er seine Gewalt über die Stadt nicht mehr hart wie bisher, sondern mild und gerecht ausüben wolle. Und als er dieses versprochen hatte, wurde er von dem Kaiser in seine Gnade aufgenommen.[962]

Dann trat der Konsul Hubert von Orto an die Stufen des Thrones, und kniete nieder, und alle andern knieten nieder, und Hubert sprach: »Mächtiger Kaiser und Herr, weltlicher Stellvertreter Gottes und Richter der Erde, wir haben gesündiget, wir haben Unrecht getan, und bitten um Gnade. Wir und alle Mailänder neigen unsere Schwerter vor deiner Macht, und wir und alle Mailänder legen unser Haupt unter dein Schwert.«

Darauf antwortete der Kaiser: »Es ist gut, daß die Mailänder den Frieden vorziehen, und daß ich ihnen von nun an nichts Übles mehr tun muß. Hätten sie von jeher diesen Teil gewählt, so wäre viel Böses vermieden und viel Gutes gestiftet worden. Ich belohne lieber als ich strafe, und merket euch, daß ich leichter durch Gehorsam als durch Krieg besiegt werden kann. Und so übe ich nun in dem Glauben, daß die Mailänder jetzt die rechten Wege wandeln werden, Gnade, nehme die Acht hinweg, und sage, daß wir alle versöhnt sind. Erhebet euch von der Erde.«

Und die Männer standen auf.

Der Kaiser sprach nun noch mehreres mit ihnen, und seine Worte waren gütig und freundlich.

Hierauf wurde diese ernste Angelegenheit des Friedensschlusses und der Versöhnung durch einen feierlichen Gottesdienst bekräftigt, welchen der Erzbischof von Mailand nach der ambrosianischen Weise abhielt.

Der Kaiser saß bei diesem Gottesdienste in seinem Gezelte auf dem Throne, und war mit der Kaiserkrone geschmückt. Um ihn war die Menge der deutschen und italienischen Fürsten. Und während dieses Gottesdienstes beschenkte er Wladislaw, den König von Böhmen, mit einer königlichen Krone sehr kostbarer Art, die er von dem Könige von England erhalten hatte. Dem Könige wurde an diesem Tage die Krone auf das Haupt gesetzt, da sonst in der Kirche die Königskronen nur an hohen[963] Festtagen getragen wurden; die böhmische zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten und an den Festen des heiligen Wenzel und des heiligen Adalbert, an welchen Tagen sie die Bischöfe von Prag und Olmütz dem Könige aufsetzen durften.

Als der Gottesdienst geendet war, sprach der Kaiser zu den Fürsten: »Hocherlauchter König von Böhmen, erlauchte Kurfürsten kirchlichen und weltlichen Standes, Herzoge und Fürsten und Herren der Städte, nach dem allmächtigen Gotte danke ich euch für die Dienste, welche ihr dem Reiche und der Krone geleistet habt. Weshalb wir nach Italien ziehen mußten, das haben wir erreicht. Die Ehre und die Macht sind gewahrt. Es ist nun noch übrig, daß wir auf einem Reichstage alle Rechte und Pflichten festsetzen, und das ergründen, was einem jeden gebührt, und was er zu tun hat. Und ist die Ordnung aufrechtgestellt, dann möge uns eine ruhige Heimkehr zufallen. Wir sind gütiger gewesen, als die Worte Anselms, des hochehrwürdigen Erzbischofes von Ravenna, geraten haben. Er ist vor dieser Stadt aus unserer Mitte zu dem gerechten Gotte abgerufen worden, und wird nun wissen, ob seine Worte gegründet sind oder nicht.«

Die Fürsten antworteten durch den Erzbischof von Mainz: »Hocherhabener Herr, deine Weisheit hat die Dinge geleitet, und wir haben uns bestrebt, zu tun, was unsere Pflicht war. Wir danken dir für deine Guttaten gegen uns, und daß du auf unsern Rat gehört hast. Es gibt uns Freude, daß durch den Frieden mit Mailand und durch den Reichstag, der abgehalten werden wird, der Zug und das Wirrnis, das er unsern Ländern zu Hause bringt, geendet ist.«

Wladislaw, der König von Böhmen, sprach: »Hocherhabener Kaiser, du hast für das, was meine Männer getan haben, mich, meine Männer und unsere Länder mit unaussprechlichen[964] Ehren geziert. Ich lege meinen Dank, den Dank meiner Männer und den Dank unserer Länder vor deinen Thron. Er wird nicht enden, so lange einer lebt, der geehrt worden ist, und er wird auf die Nachkommen vererben. Und weil das erste Ziel des Ritterzuges nach Mailand erreicht ist, die Wahrung der Würde durch die Strafe der Stadt, und weil das andere kein Ding der Waffen, sondern des Rates ist, so erlaube mir, daß ich mit den Meinigen heimziehe. Es sind Krankheiten unter meinen Männern, und sie würden sich schnell vermehren. Ich empfinde auch, daß ich in Italien durch die Luft und die Sonne erkranke.«

Der Kaiser antwortete: »Hocherlauchter König, du hast den Ritterzug erfüllt, ziehe in Frieden, wenn wir auch deines Rates sehr schwer entbehren. Heilet die Krankheiten, die uns von der Stadt gekommen sind, wie auch wir unverzüglich von hier fortziehen wollen, um die unsrigen zu heilen. Wenn der Ratschluß Gottes will, daß ich wieder deiner Hilfe bedürfte, so wirst du sie wohl nicht versagen.«

»Ich werde sie mit Freuden leisten«, antwortete der König.

Als dieses geschehen war, ließ sich der Kaiser die Krone und den Mantel abnehmen. Dann setzte er einen Helm zu seinem Kriegsgewande auf das Haupt, stieg von dem Throne, und ging vor das Gezelt. Dort bestieg er ein Pferd, ritt gegen das Heer der sieben Züge, und dankte mit der Spitze seines Schwertes gegen alle Krieger, die da standen. Die Krieger erhoben ein freudiges Rufen, und die Böhmen erneuerten es dreimal.

Dann begannen die Züge in ihre Lager zurückzukehren.

Der Kaiser aber feierte in einem großen offenen Gezelte mit den Fürsten ein Mahl.

Nach dem Mahle ritt Wladislaw zu dem Gezelte des Kaiser, um sich von ihm zu verabschieden.[965]

Dann verabschiedete er sich von den Fürsten.

Hierauf ritt er mit den Seinigen in sein Lager. Dort ritt er zu allen Abteilungen seiner Männer, und dankte ihnen, wie er ihnen nach der Schlacht auf dem Berge Wysoka gedankt hatte. Er verkündete ihnen die Rückkehr in die Heimat, und hieß sie auf den folgenden Tag gerüstet sein. In jeder Abteilung sprachen Führer und Männer freudige und hochehrende Worte zu dem Könige.

Sie begannen sofort auch die Rüstungen zu dem Heimzuge.

Als der König in seinem Gezelte war, ritt der Kaiser mit einem geschmückten Gefolge zu demselben. Sie stiegen alle von den Pferden. Die Männer des Gefolges verteilten sich in die Zelte, die um das des Königs waren; der Kaiser aber ging allein in das Gezelt des Königs, der König entfernte diejenigen, die bei ihm waren, und die zwei Männer befanden sich nun allein in dem Gezelte. Sie setzten sich auf Stühle. Da sprach der Kaiser: »Was du getan hast, Wladislaw, wird bleiben, so lange die Menschen dessen gedenken, was auf der Erde geschehen ist, und davon erzählen. Du hast es dir getan, und dann auch andern. Ich habe dir aus dem Reichsgrunde schon gedankt, jetzt danke ich dir aus Freundschaft, daß du bist, der du bist.«

»Du hast die Sache zum Großen gelenkt«, sagte Wladislaw, »und ich habe mich erfreut. Es ist an der Seite eines ritterlichen Mannes leichter, nach Rittertum zu streben.«

»Wir haben durch eine Zeit einige Taten mit einander getan«, sprach der Kaiser, »jetzt sind wir wieder getrennt. Du bist in deinen Ländern und ich in Italien.«

»Wir werden Anteil an einander nehmen«, sagte der König.

»Wir werden ihn nehmen«, antwortete der Kaiser. »Die Fürsten und Herren, die Räte der Krone, sind oft ritterlichen[966] Sinnes, und denken an das Gute. Sie denken auch, was ihren Ländern not tut, und reden und handeln darnach. Ich bitte dich, Wladislaw, lasse mir den Bischof Daniel, als einen Mann der Weisheit und des Rates, in Italien zurück.«

»Er wird meiner Kirche und meinen Ländern sehr mangeln«, sagte Wladislaw; »aber er bleibe bei dir.«

»Ich danke dir«, sagte der Kaiser, »ich werde ihn nur zu dem Nötigsten halten, und mögen wir uns bald auf einem fröhlichen Reichstage in dem fröhlichen Deutschland sehen.«

»Möge es sein«, sprach Wladislaw.

»Und erhalte mir deine Liebe«, sagte der Kaiser.

»Und du auch«, antwortete Wladislaw.

Dann schlossen sich die zwei Männer in die Arme.

Hierauf verließ der Kaiser das Gezelt, und Wladislaw geleitete ihn.

Vor dem Gezelte waren Diepold, Daniel und viele alte Lechen und Herren des böhmischen Lagers. Sie geleiteten den Kaiser ehrerbietig zu seinem Pferde; die Männer aber, die ferner standen, riefen ihm Glück und Segen zu, und er ritt mit seinem Gefolge wieder in sein Lager.

Der Kaiser sendete Geschenke an den König Wladislaw. Es wurden ihm von dem Golde der Mailänder tausend Mark gegeben. Dann waren in Fächern schöne Gewänder, goldene und silberne Geschirre, Schwerter, Helme, Panzer, Münzen, die des Kaisers Bildnis trugen, edle Steine, Gürtel, Waffenzieraten und andere kostbare Dinge. Es wurde auch eine Reihe schöner Pferde herbeigeführt.

An mehrere alte Lechen und an die Männer Odolen, Bernard, Witiko, Welislaw, Kochan, Bogdan und Předbor sendete der Kaiser eigene Geschenke.

Wladislaw teilte mehreres an seine Männer aus, besonders Dinge, die zur Erinnerung an Italien dienen konnten.[967] Die große Verteilung der Dinge aus dem Kriege, sagte er, werde in Prag geschehen.

Es kam der Herzog von Österreich mit seinen besten Degen zu dem Könige, mit Hadmar von Chunring, Rudeger, Rudpert, Tibert, Chunrad von Asparn, Gotescalc von Heiligenkreuz und andern, es kam der Herzog von Kärnten, der Herzog von Schwaben, der Pfalzgraf am Rheine, der Herzog von Zähringen, der Pfalzgraf in Baiern, die Erzbischöfe und Bischöfe und alle andern Fürsten des Reiches und italienische Fürsten und Herren der Städte, um Abschied zu nehmen. Wladislaw ritt dann auch zu ihnen, und ritt noch einmal zu dem Kaiser, um ihm für den Besuch und für die Geschenke zu danken.

Am Abende war der Abschied des Königs und Diepolds von dem Bischofe Daniel.

Es nahmen auch die Lechen und Herren des böhmischen Lagers von dem Bischofe und den Seinigen Abschied.

Es waren viele Herren und Männer aus den Lagern in das böhmische Lager gekommen, um Abschied zu nehmen, und böhmische Herren und Männer waren in andere Lager geritten.

Witiko ritt an diesem Tage, da der Gottesdienst geendet worden war, und die Seinigen sich wieder in ihrem Lager versammelt hatten, zu allen Abteilungen derselben, und dankte ihnen, wie er ihnen nach jedem Kampfe und nach dem Ende jedes Krieges gedankt hatte. Als später die Nachricht von der Heimkehr verkündiget worden war, teilte er unter seine Männer Geschenke aus, die er jetzt austeilen konnte, und sagte ihnen, daß das andere in der Heimat ausgeteilt werden würde. Dann gab er ihnen die Weisung, daß sie sich rüsteten, um sich morgen dem Zuge anschließen zu können. Die Männer begannen nun alles vorzubereiten, daß bei dem Aufbruche kein Hindernis entstände. Jeder suchte auch das, was er an Geschenken, an Beute oder sonst wie erworben hatte, in einen Sack[968] oder in Leder oder in ein Fell oder, was ihm zu Handen war, zu packen, damit es leichter fortgebracht werden könnte.

Witiko ritt nun zu seinem Schwiegervater Heinrich und zu Gebhart, um von ihnen Abschied zu nehmen. Er ritt dann zu allen seinen Freunden in die verschiedenen Lager. Heinrich und Gebhart und die Freunde kamen dann auch zu ihm. Es wurden vielerlei Erinnerungsgaben ausgetauscht.

Dann bereiteten seine Männer das Abendmahl, und dann war die Nachtruhe des Lagers.

Als noch die Sterne an dem Himmel glänzten, ertönten die Hörner in dem böhmischen Lager, es ertönten die Pauken der Reiter, und es ertönten dann die Bockhörner in dem Lager Witikos. Und als das erste Licht des Tages den Morgenhimmel säumte, stand das böhmische Heer in Zugsbereitschaft.

Der Bischof Daniel war mit seinen Priestern und seinen Männern herbei gekommen. Er segnete das Heer, man rief sich noch einmal Abschiedsgrüße zu, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Mit dem Bischofe Daniel waren einige Männer des böhmischen Heeres in Italien zurückgeblieben. Unter ihnen war auch Sifrid von Milnet.

Der Zug des Königs Wladislaw ging von Mailand nach Brescia, von Brescia nach Verona, dann dem Etschflusse entgegen, dann durch Baiern, und dann durch den böhmischen Wald in die Fluren des eigenen Landes.

Dort lief das Volk in dichten Scharen an die Wege des Heeres, und staunte die Männer an, die so weit gewesen waren, und so Wunderbares getan hatten, wie durch die Boten aus Italien und durch Wanderer gemeldet worden ist. Es rief dem Heere zu, warf ihm Zweige, Bänder, Zieraten und andere Dinge zu, und sang ihm Lieder. Die Männer antworteten auf den Ruf, grüßten, und zogen singend weiter.[969]

Es kamen Župane, Lechen und Ritter mit Männern herzu, und geleiteten den König bis nach Prag.

Am zweiundzwanzigsten Tage des Herbstmonates kam das Heer auf dem Pilsener Wege nach Prag.

Eine ungemein große Anzahl von Menschen ging dem Heere entgegen. Es waren Bewohner der Stadt Prag, es waren Leute, die aus allen Teilen des Landes herein gekommen waren. Sie warfen Zweige auf den Weg, und warfen dem Könige und den Führern Blumen, die die Jahreszeit noch spendete, und gewundene Kränze entgegen, und riefen ihnen und allen Kriegern Lob und Preis zu, und geleiteten das Heer in die Stadt. Die Stadt und die beiden Burgflecken waren geschmückt. Von den Türmen der Kirchen weheten Banner, auf Mauern und Häusern waren Banner, von den Fenstern hingen kostbare Stoffe, Gewinde verzierten Häuser und Wege, Blumen und Kräuter waren auf den Boden gestreut. Wšebor, Preda und alle alten Lechen hatten sich in Prag versammelt, und standen nun mit der Königin, den Priestern, den Nonnen, den Herren des Hofes, den Kmeten, vielen Rittern und Herren, den Vornehmsten der Stadt und unzähligem Volke vor dem Tore. Sie empfingen den König. Alle riefen dem Könige und dem Heere entgegen, und solche, welche heftig gegen den italienischen Zug geredet hatten, ließen Freudenrufe über den Ruhm der böhmischen Waffen erschallen. Als der König unter das Tor einritt, ertönten die Glocken auf den Kirchen der Stadt, und es ertönten alle Glocken der beiden Burgflecken. Der Propst von Prag gab den Segen, und man geleitete den König und das Heer die Stadt empor. Wladislaw ging zuerst mit der Königin, mit Diepold, mit den Priestern, den Lechen und Führern in die Kirche des heiligen Veit und dann in den Königshof.

Das Heer errichtete auf dem Marktplatze zwischen dem rechten Burgflecken und dem Wyšehrad ein Lager.[970]

Am andern Tage war in dem Lager ein feierlicher Gottesdienst. Dann wurde das Heer von dem Könige und den Bewohnern von Prag und der Burgflecken bewirtet.

Und sieben Tage wurde das Heer bewirtet, und sehr viele Menschen kamen zu ihm, und brachten Geschenke, und redeten mit den Kriegern, und priesen sie, und ließen sich von ihnen erzählen.

Indessen teilte Wladislaw die Belohnungen des Zuges aus. Seine Männer waren reichlich mit Gold und Silber, mit Waffen und Pferden, mit Gewändern und kostbaren Dingen bedacht. Viele erhielten auch eine Begabung mit Land, darunter Witiko war.

Dann dankte er allen noch einmal, und entließ das Heer.

Die Männer nahmen nun Abschied von einander, Hohe und Niedere, sie weinten Tränen, gaben sich Erinnerungszeichen, und versprachen, wieder zusammen zu kommen. Weiber brachten ihre Kinder herzu. Die Väter küßten die Kinder, und wer kein Weib und kein Kind hatte, nahm doch ein Kind auf den Arm, und küßte es. Und weil sie nun erkannten, daß die, welche die Heimat nicht wieder gesehen hatten, nicht viele sind, so war ihnen das ein Trost, sie freuten sich darüber, und gingen von Prag den Fluren ihrer Angehörigen zu.

Witiko führt seine Männer gegen den mittäglichen Wald des Landes, und Rowno und Diet und Osel und die andern folgten mit den ihrigen seinem Zuge.

Er führte sie wieder wie in frühern Zeiten nach Plan. Eine weit größere Zahl von Menschen war zusammen gekommen, um die Männer zu begrüßen, als bei den sonstigen Zügen, weil von allen Stellen des Waldes Leute herzu gekommen waren. Sie verwunderten sich, daß die Männer gar so braune Angesichter bekommen hatten. Sie riefen ihnen zu, und konnten mit dem Rufen kaum enden. Und die Männer waren freudiger und fröhlicher, weil sie nicht ein bloßes Übel von sich abgewendet hatten,[971] sondern weil sie in dem fernen Lande bei dem Kaiser gewesen waren, und die Geschicke der ganzen Welt entscheiden geholfen hatten. Der Pfarrer von Plan gab wieder seinen Segen, Witiko dankte den Leuten, und entließ sie. Die Männer aber sagten, die Schar wolle Witiko in seine Burg geleiten.

Und so ging der Zug an dem nämlichen Tage noch nach Friedberg. Eine große Menschenmenge ging den ganzen Weg mit. Die alte Susanna von der untern Moldau stimmte Waldlieder an, und die alte Willbirg rief, wenn es stille ward, Sprüche. Sie rief: »Ich habe es gesagt, daß Zeichen gewesen sind, und es sind wieder Zeichen gekommen, wir brauchen nicht mehr den alten Wossic von Wodnian und den alten Lubomir von Daudleb, wir haben jetzt einen, der mehr ist als Wossic und Lubomir.«

Bei Friedberg zogen die Mädchen rote Bänder über den Weg, und die Krieger mußten sich durch Geschenke aus der Fremde loskaufen.

In Friedberg wurde die Schar von dem Pfarrer und den Vorstehern und von den Menschen, die herbei gekommen waren, mit Freudenrufen empfangen, und der Pfarrer segnete sie.

Witiko dankte noch einmal allen, sie riefen ihm Dank entgegen, Wenhart sprach dann für alle, und hierauf zerstreuten sie sich. Ein Teil machte ein Lager, ein anderer Teil suchte noch die Heimat zu gewinnen.

Witiko ritt mit den Seinigen gegen die Burg hinan. Viele Krieger und andere Menschen geleiteten ihn.

Vor der Burg waren Bertha, Wentila und Hiltrut mit den Frauen, Mädchen, Dienern und Dienerinnen, es waren Benno, und es waren die Männer der Burg.

Sie riefen den Gruß entgegen, und Witiko grüßte mit seinem Schwerte.

Dann stieg er von dem Pferde. Bertha reichte ihm die Hand, Wentila umschlang ihn, und die Base rief: »Witiko,[972] Witiko, du bist mit deinem Pferde durch das fürchterliche Wasser geschwommen.«

»Es war leicht«, sagte Witiko, »ich wußte, daß mein Pferd hinüber schwimmen wird.«

Dann gingen alle in die Burg, und die Krieger zogen hinter ihnen ein.

Bertha führte Witiko an der Hand in die Kammer der Kinder. Witiko küßte sie, dann schlossen sich Bertha und Witiko in die Arme, und küßten sich auf den Mund.

»Bertha, ich bringe dir den Gruß deines Vaters, er ist gesund, und wird bald zurückkehren«, sagte Witiko.

»Ich danke dir für diese Nachricht, Witiko«, sagte Bertha.

Die Männer der Burg suchten indessen die Pferde und die Habe und alles, was auf den Säumern gebracht worden war, in die Burg zu schaffen. Für manche Krieger wurde in der Burg eine Wohnung bereitet, für die andern begann man Gezelte zu errichten.

Bertha und Witiko gingen auf den Söller, und grüßten gegen die Menschen, die vor der Burg waren, hinunter. Die Menschen riefen Grüße hinauf.

Dann ließ Witiko Nahrung und Getränke hinausschaffen, die Menschen erquickten sich, und zerstreuten sich dann.

Dann ging Witiko mit den Seinigen und manchem seiner Männer in die Burgstube, und sie sprachen dort mit einander.

Dann war das Mahl, und dann die Nachtruhe.

Am andern Tage war ein feierlicher Gottesdienst in der Burg. Nach demselben dankte Witiko seinen Männern, gab ihnen Geschenke, die nur für sie bestimmt waren, und es zogen hierauf die, welche nicht in die Burg gehörten, ihren Wohnstätten zu, die in die Burg gehörten, traten wieder in ihre Dienste.

Hierauf belohnte Witiko Beda und die Männer, die unter[973] ihm gewesen waren, für die treue Hut der Burg. Diejenigen von ihnen, die nicht in der Burg wohnten, gingen in ihre Heimat.

Nach einer Woche versammelte Witiko auf der Stelle an der Moldau, auf welcher die Kampfspiele nach seiner Vermählung gewesen waren, alle seine Krieger des Mailänderzuges, und es war wieder ein Fest, wie es nach dem mährischen Kriege bei Plan gewesen war. Es war ein feierlicher Gottesdienst unter dem offenen Himmel, es geschah dann die große Danksagung an die Krieger, dann war ein Mahl, und dann waren Gespräche und Tänze und Spiele und Lieder und Erlustigungen. Die vielen Menschen, die außer den Kriegern zugegen waren, erfreuten sich wie damals der Dinge. An dem nächsten Tage war die Verteilung alles dessen, was außer den Geschenken, die die Männer von Wladislaw erhalten hatten, ihnen nach dem Sinne Witikos aus dem Mailänderzuge noch zukam.

In der Zeit, die nun folgte, besorgte Witiko wieder seine Angelegenheiten, wie er sie vor dem Kriege besorgt hatte. Insbesonders suchte er sein neues Land nach der herkömmlichen Weise mit dem alten in Verbindung zu bringen. An Abenden, wenn sie in der Burgstube saßen, und wenn auch der eine oder der andere Mann aus der Umgegend zu ihnen gekommen war, erzählte er von dem Kriegszuge, und wie es in Italien ist, und was sich sonst dort ereignet hatte.

»Wenn mir Gott mein Leben nur so lange fristete«, sagte Benno, »daß ich auch die Taten dieses Kaisers aufschreiben könnte. Dieser Kaiser wird noch viele Taten tun.«

Und die Männer der Burg, die mit Witiko gewesen waren, erzählten auch von den Dingen in Italien, und die daheim geblieben waren, hörten ihnen zu, und fragten, und verlangten immer wieder Erzählungen.

Wolf erzählte unaufhörlich, und wenn man das Pferd,[974] welches er gebracht hatte, und welches ihm Witiko ernährte lobte, sagte er: »Mein Herr hat mich nie auf ein schönes Pferd steigen lassen, jetzt habe ich ein so schönes Pferd, wie die seinigen sind, und ich reite darauf mit mehr Geschick, als ihr auf euern langhaarigen Tieren reitet, und ich reite nach der neuen Art, und ich bin auf dem Pferde geritten, als wir die Welschen an dem Wasser, da wir noch ganz naß waren, besiegt hatten, und als wir sie dann wieder besiegt hatten, und als wir sie immer besiegt hatten, und als wir in dem Lande hin und her zogen, und als wir mit den Pferden über den Zaun des Lagers jenes Herzogs sprangen, auf den die Welschen aus der großen Stadt Mailand heraus gekommen waren. Wenn ich nicht so herum geritten wäre, woher hätte ich denn die schönen Sachen und das schöne Gewand, und wenn nicht alle herum geritten wären, woher hätte denn Witiko den Reichtum und das Land, das ihm der König gegeben hat? Das wird in der Schlacht gewonnen. Und wenn ich euch von den Männern sage, die durch den Addastrom geschwommen sind, so ist unter allen böhmischen Männern nur einer, der gleich nach einander dreimal durch den Strom geschwommen ist.«

Huldrik war bei allen Erzählungen, und er sprach: »Ich habe gesagt, Witiko wird aus Italien die Rose bringen, und er wird sie einmal erst recht bringen.«

Und die andern Krieger des ganzen Waldes erzählten auch von Italien und von Mailand, und von dem Kriege, und bald war es so, daß die alten Frauen und die Mädchen und die Kinder des Waldes von Italien und Mailand redeten.

Als der König Wladislaw das Lager des Kaisers verlassen hatte, zog der Kaiser auch sogleich mit sei nem Hofgeleite nach dem Orte Bolzano, und ging dann mit seinem Heere nach Monza.

Der große Reichstag wurde auf den eilften Tag des Monates[975] November auf die roncalischen Felder ausgeschrieben. Von Monza zog der Kaiser nach Trezzo, welches wohlbefestigt worden war, und in welches der Kaiser seine Schätze niederlegte. Dann ging er nach Brescia, Lodi, Cremona und Ferrara, dann wieder nach Mantua, Verona und in andere Städte, um zu ordnen, was überall zu ordnen war.

Indessen kam die Zeit zum Reichstage. Der Kaiser hatte alle italienischen Kirchenherren und die Fürsten und die Herren der lombardischen Städte dazu berufen, er hatte die vier vorzüglichsten Rechtsgelehrten Italiens aus der Stadt Bologna berufen: Bulgarus, Jacobus Hugolinus, Martinus Josias und Hugo de Porta Ravennate. Er zog im Geleite der deutschen Erzbischöfe, Bischöfe, Herzoge, Fürsten und Herren nach den roncalischen Feldern. Es kamen die italienischen Erzbischöfe und Bischöfe, viele italienische Herzoge, Markgrafen, Grafen und Ritter und die Konsuln der lombardischen Städte, und es kamen die Rechtsgelehrten.

Auf der großen Ebene wurde ein Lager errichtet. In der Mitte stand das schöne Gezelt des Kaisers. Dann standen die Gezelte der Herzoge und Fürsten je nach ihrer Würde entfernt. Die Deutschen lagerten auf der linken Seite des Po, die Welschen auf der rechten. Zwischen beiden Lagern war eine Brücke. Die Kaufherren, die Handwerker, die Künstler, die Nahrungsfrachter und ähnliche Leute hatten ein eigenes Lager. Außerhalb der Lager war eine große Menge Volkes.

Der Reichstag wurde begonnen.

Der Kaiser sagte zu den Rechtsgelehrten, sie möchten erklären, was in Hinsicht der Dinge zwischen dem lombardischen Könige und seinen Untertanen Rechtens sei.

Die Rechtsgelehrten aber antworteten, sie könnten ihre Untersuchungen nicht ohne die Richter der lombardischen Städte machen.[976]

Der Kaiser wählte aus jeder von vierzehn lombardischen Städten zwei Richter, und befahl ihnen, zu kommen.

Sie kamen, und fingen mit den Rechtsgelehrten die Beratungen an.

Der Kaiser hielt sich von diesen Beratungen ferne. Er versammelte aber Bischöfe, darunter Daniel war, und Herren, die zu seinem Rate gehörten, und verhandelte mit ihnen über die Ruhe der Kirche und über königliche Gerechtsame, die nach und nach vergessen worden waren.

Als die Beratungen der Rechtsgelehrten geendiget waren, hielt der Kaiser wieder eine allgemeine Versammlung. Er saß auf einem erhöheten Platze, und sprach von demselben: »Durch die Gnade Gottes habe ich die Herrschaft erlangt, und durch sie ist mir aufgetragen, die Guten zu schützen, die Bösen zu zügeln und zu strafen. Ich habe durch den Krieg die Strafe vollzogen, jetzt muß ich im Frieden durch die Gesetze auch den Schutz vollführen. Kein Herrscher darf tun, was er nur immer will, er muß herrschen, daß jedem sein Recht unverkürzt verbleibt, dem Untertane und dem Könige. Das Recht der Untertanen zu den Untertanen ist durch die Bemühungen der Könige, der Richter, der Lehrer und durch die Anwendung geordnet, und niemand bestreitet es; die Rechte zwischen dem Könige und den Untertanen sind oft dunkel, und bedürfen der Erhellung und der Bekräftigung. Nach der Erhellung haben wir durch Untersuchungen gestrebt, die Bekräftigung werden wir durch die Verkündigung und durch die Beschwörung erlangen. Dann wird nicht mehr über die Gesetze allerlei geredet, sondern nach ihnen gehandelt werden.«

Es entstand ein großer Beifall über die Worte des Kaisers.

Dann erhob sich von den Welschen nach ihrer Art einer nach dem andern, um eine Rede zu halten, in der er den[977] Kaiser ehrte, oder seine Redegabe zeigte. Zuerst redeten die Bischöfe, dann die Herren, dann die Konsuln und Abgesandten der Städte.

Zuletzt sprach der Erzbischof von Mailand: »Alles Recht der Gesetzgebung ist von dem Volke an dich, erhabener Kaiser, übertragen worden. Was immer der Kaiser durch einen Brief festgesetzt hat, oder in seiner Kenntnis verordnet hat, oder durch einen Erlaß vorgeschrieben hat, das ist, so besteht es, ein Gesetz. Wem die Last eines Dinges zukömmt, dem muß auch der Nutzen zukommen, und da du, erhabener Kaiser, alle schützen mußt, so darfst du auch alle beherrschen.«

Die Reden dauerten bis in die Nacht.

Dann wurde das, was über die Rechte und Pflichten der Könige und über die Rechte und Pflichten der Untertanen aus den Untersuchungen nach den jetzigen Dingen und nach den Dingen aus der Zeit des Kaisers Karl und nach den Dingen aus der Zeit der alten römischen Kaiser hervorgegangen war, verkündiget, und zu Recht beschworen.

Die Abgesandten der Stadt Mailand leisteten auch den Schwur.

An dem folgenden Tage hielt der Kaiser nach altem Brauche Gericht, und es kamen so viele Klagen, daß noch Richter bestellt werden mußten. Und es wurden die Sachen der Armen, der Herren und der Städte entschieden.

Und da alles geordnet war, wurde der Reichstag geschlossen, und die deutschen Fürsten und Herren und auch die italienischen hatten Freude über die Dinge, die geschehen waren.

Der Kaiser brachte auch noch die Stadt Genua, welche den roncalischen Beschlüssen nicht beigetreten war, zum Treuschwure, und sandte dann Abgeordnete in die lombardischen Städte, um dort die Obrigkeiten einzusetzen, wie es auf dem Reichstage auf den roncalischen Feldern[978] beschworen worden war. Die Abgeordneten waren: Daniel, der Bischof von Prag, Reinald, der Kanzler, Hermann, der Bischof von Verden, Otto, der Pfalzgraf von Regensburg, und Guido, der Graf von Biandrate. Sie setzten in den Städten Pavia, Piacenza, Cremona, Lodi und in anderen die Vorsteher ein.

Am Anfange des Monates Jänner kamen sie nach Mailand; allein die Mailänder weigerten sich, daß ihnen der Kaiser ihre Vorsteher einsetze, und wilde Haufen des Volkes bedrohten das Leben der Abgeordneten des Kaisers. Sie waren von den Männern Martinanus Malaopera, Azo Bultrafus, und Castellus von Ermenulfis geführt. Die Abgeordneten wehrten durch Verrammlungen das Eindringen zu ihnen ab; aber durch die Fenster wurden Steine geworfen. Und in der nächsten Nacht entfloh Otto, und in der folgenden entflohen die andern. Sie berichteten alles dem Kaiser.

Der Kaiser hielt am zweiten Tage des Monates Hornung einen feierlichen Hoftag, auf welchem auch Gesandte von Frankreich und von Griechenland und von Ungarn waren, die ihm ihre Ehrfurcht bezeugten. Die ungarischen Gesandten erklärten dem Kaiser, daß ihr König wegen des Wunsches Wladislaws, des Königs von Böhmen, noch mehr Hilfsvölker senden wolle, als er früher gesendet habe. Der Kaiser stellte den Fürsten das Benehmen Mailands vor, und sprach: »Wilde Völker achten das Recht der Gesandtschaften, Mailand nicht, meine und eure Ehre ist befleckt, viele haben das Verbrechen begangen, an vielen muß es gestraft werden.«

Die Fürsten stimmten den Worten des Kaisers bei.

Der Bischof von Piacenza sagte, es gezieme sich aber doch, daß man auch die Mailänder höre.

»Sie sollen gehört werden«, sagte der Kaiser.

Die Mailänder wurden vorgeladen, und sie schickten Abgesandte.[979]

Diese sagten, die Mailänder wollen dem Kaiser volle Genugtuung geben. Als Tag hiezu wurde der neunzehnte Tag des Monates April bestimmt. Den kaiserlichen Städten schwuren die Mailänder Frieden.

Nach dieser Zeit aber schloß Mailand mit Brescia, Piacenza und Bologna einen Bund.

Als der Kaiser das Osterfest zu Modena feierte, und am Osterdienstage den Waffenspielen zusah, kam die Nachricht, daß die Mailänder die Veste des Kaisers, Trezzo, belagerten. Die Spiele hörten auf, alle rüsteten sich, und bei dem ersten Lichte des nächsten Tages begann der Zug gegen Trezzo. Aber auf dem Wege begegnete dem Heere ein Bote, welcher sagte, daß Trezzo von den Mailändern erobert worden ist, und daß sie alle Schätze weggenommen haben. Der Kaiser zog nun nach Bologna, und belegte dort die Stadt Mailand mit dem Banne. Dann ging er nach Lodi, ein Heer zu sammeln. Er befahl allen Städten Italiens, Hilfsmänner zu dem Kampfe gegen Mailand zu stellen. Dann ging er wieder nach Bologna, um die Seinigen gegen Mailand zu führen.

Am siebzehnten Tage des Monates Mai kamen sie nach Melegnano, und am nächsten Tage vor Mailand. Hier wurden nun weithin ringsherum alle Saaten und Weinpflanzungen zerstört, die Ölbäume und Fruchtbäume wurden umgehauen, Häuser, Dörfer, Flecken, Burgen, Vesten wurden verbrannt.

Eine Belagerung unternahm der Kaiser aber nicht, weil sein Heer noch zu klein war.

Er zog im Monate Juni gegen den Mittag Italiens, um manche widerspenstige Städte zur Pflicht zu führen, oder zu strafen. Er belagerte Crema, und die Belagerung dieser Stadt dauerte von dem Heumonate bis zum fünfundzwanzigsten Tage des Monates Jänner des folgenden Jahres. An diesem Tage beschlossen die Bewohner von Crema die Übergabe der Stadt. Die Verhandlungen führte[980] Peregrin, der Patriarch von Aglei, und der Vetter des Kaisers, Heinrich, der Herzog von Sachsen und Baiern. Am siebenundzwanzigsten Tage des Monates Jänner wurde die Stadt übergeben, und dann zerstört.

Die Mailänder suchten denen von Crema während der Belagerung Hilfe zu leisten, indem sie kaiserliche Städte angriffen; aber sie erlitten zwei Male durch Scharen des Kaisers schwere Niederlagen.

Weil die deutschen Fürsten schon lange über ihre Zeit auf dem Kriegsfelde waren, und weil die lombardischen Länder durch die Heere schon so gelitten hatten, daß der Bedarf nur mehr schwer geschafft werden konnte, so entließ der Kaiser die, welche es wollten, im Frühlinge mit reichen Geschenken. Sie versprachen in einem Jahre mit ausreichender Hilfe wieder zu kommen.

In der Zeit waren nun verschiedene Kämpfe der kaiserlichen Scharen mit den Mailändern an verschiedenen Stellen des Landes.

Der Kaiser erließ hierauf die Ladungen an die deutschen Fürsten, daß sie in dem nächsten Frühlinge zur Vollendung des Werkes kommen möchten.

Und die Fürsten begannen im Frühlinge ihren Zug nach Italien.

Wladislaw, der König von Böhmen, sandte seinen Bruder Diepold und seinen Sohn Friedrich mit einer auserlesenen Hilfsschar.

Witiko war mit jenen Waldleuten, die mit ihm in dem vorigen Kriege waren, nun zum zweiten Male bei dem Zuge nach Italien.

Als die geladenen Männer allgemach angekommen waren, schloß der Kaiser die Stadt Mailand ein. Die Mailänder kamen oft aus der Stadt hervor, und begannen tapfere Kämpfe gegen den Kaiser; aber sie konnten wie in dem ersten Kriege die Einschließung nicht brechen.

Der Kaiser errichtete auch ein Winterlager in Lodi, befestigte[981] mehrere Schlösser, um das Einbringen von Nahrung in die Stadt Mailand zu hemmen. Er setzte für die, welche es taten, und überwiesen wurden, das Abhauen der Hände zur Strafe, und bestimmte ihren Angebern Belohnungen.

So wurde in Mailand die Not sehr groß, und Angst und Hoffnungslosigkeit und Zorn und Streit kam in die Gemüter. Der Erzbischof, welcher auf den roncalischen Feldern so unterwürfige Worte gegen den Kaiser gesprochen hatte, jetzt aber der eifrigste Kämpfer gegen ihn war, mußte vor dem Volke entfliehen. Und sie schickten Abgeordnete an den Kaiser, welche sagten, Mailand wolle seine Befestigungen niederreißen, es wolle alle seine Bündnisse lösen, es wolle dem Kaiser eine Burg bauen, es wolle ihm alle Hoheit übergeben, es wolle sich von ihm Obrigkeiten setzen lassen, es wolle ihm eine große Summe zahlen und für alles dreihundert Geiseln auf drei Jahre stellen, wenn er den Frieden gewähre.

Der Kaiser sagte: »Es stimmt mein Rat mit mir überein, daß ihr euch unbedingt unterwerfen müsset.«

Und nun verging wieder eine Zeit.

Da kamen an den ersten Tagen des Monates März des Jahres 1162 die Konsuln und die Vornehmen der Stadt Mailand in das Lager des Kaisers, knieten vor ihm und der Versammlung der Fürsten nieder, und schwuren, daß sie sich ohne Bedingung und ohne Vorbehalt unterwerfen, und daß sie den nämlichen Schwur von allen Mailändern bewirken wollen.

Nach drei Tagen kamen dreihundert ausgewählte Männer aus der Stadt in das Lager des Kaisers, und übergaben ihm die Schlüssel aller Tore, und übergaben ihm die sechsunddreißig Vorbanner der Stadt, und schwuren, wie die vor drei Tagen geschworen hatten.

Und wieder nach drei Tagen kam das ganze Volk. Es war in hundert Scharen abgeteilt. Sie hatten Stricke um den[982] Hals, Asche auf dem Haupte, und Kreuze in den Händen. Sie brachten das Carrocio, das höchste Feldzeichen der Stadt. Es war ein Mastenbanner, das von einem eisernen Rüstwagen emporragte, und auf der Spitze das Kreuz und das Bildnis des heiligen Ambrosius trug. Das Carrocio wurde zertrümmert. Dann warf sich das Volk auf die Erde, und bat im Namen des Heilandes um Erbarmen.

Der Kanzler Reinald las ihnen die Unterwerfungsurkunde vor, und sie nahmen dieselbe an.

Dann sagte der Kaiser: »Ich schenke euch das Leben, das ihr verwirkt habt; aber ich werde sorgen, daß ihr eure Verbrechen nicht wieder begehen könnt.«

Das Volk durfte sich erheben und in die Stadt zurückkehren.

Dann leistete es vor zwölf Männern, die der Kaiser aus Deutschen und Italienern bestimmt hatte, den Unterwerfungseid, und mußte vierhundert Geiseln stellen.

Hierauf hielt der Kaiser in Pavia eine große Versammlung ab, damit das Schicksal der Stadt Mailand entschieden werde. Die Versammlung untersuchte die Lage der jetzigen Dinge, und untersuchte den Gang alles dessen, was geschehen ist, und machte die Entscheidung. Die Konsuln der Stadt Mailand wurden vorgeladen, daß ihnen der Spruch verkündiget werde. Der Spruch lautete: »Mailand soll wüst und leer sein, alle, die darin gewohnt haben, verlassen es in acht Tagen, und bauen sich an vier Stätten, die eine Meile von einander entfernt sind, neue Wohnungen.«

Dann ging der Kaiser wieder gegen Mailand, und zog am sechsundzwanzigsten Tage des Monates März durch eine Öffnung, welche man in die Mauern gerissen hatte, in die Stadt ein. Darauf wurden die Befestigungen der Stadt zerstört. Der Kirchen und der andern Gebäude schonte der Kaiser.

Als dieses geschehen war, zog der Kaiser wieder nach[983] Pavia, und feierte in der Domkirche der Stadt ein großes Dankfest.

Nach demselben sagte er: »So ist vollbracht, was die Worte des seligen Erzbischofes Anselm geraten hatten. Die Barmherzigkeit des Himmels wird es mir verzeihen, daß ich in gutem Glauben früher nicht die Stadt Mailand, diesen Angel aller Empörung und Kirchenspaltung, vertilgt habe. Die andern Städte werden jetzt zu ihrer Pflicht kommen.«

Es war nun ein großes Mahl, zu welchem Herren, Gemeine und Fremde eingeladen wurden. Der Kaiser Friedrich und die Kaiserin Beatrix trugen bei demselben ihre Kronen auf den Häuptern.

In der Zeit darauf unterwarfen sich die Städte Brescia, Imola, Faenza, Bologna, Piacenza, und noch mehrere andere.

Die Erzbischöfe, Bischöfe und Priester und die Fürsten und Herren und Krieger brachten aus diesem Zuge Gebeine der Heiligen, geweihte Geräte, teure Gefäße, Kleinodien und merkwürdige Gegenstände und Gold und Silber, Gewänder, Waffen, Pferde und die verschiedensten Dinge in ihre Heimat.

Diepold und Friedrich führten das böhmische Heer nach Prag. Der König Wladislaw erstattete, wie er es immer nach den Kriegen tat, dem Heere seinen Dank, er teilte die Beute aus, und belohnte sonst noch die Krieger, und sie zogen wieder zu den Ihrigen.

Witiko und die Waldleute wurden mit noch mehr Freude, mit noch mehr Zusammenlauf des Volkes und mit noch mehr Zuruf empfangen als sonst, weil sie so lange entfernt gewesen waren. Die Kriegsmänner gingen mit Freuden zu ihren Angehörigen. Sie zeigten Dinge, die man nie gesehen hatte, deren Preiswürdigkeit man gar nicht kannte, und deren Menge so groß war, wie man nie ein Gleiches erfahren hatte. Und die Dankesfeier an der[984] Moldau und die Austeilung war auch größer als jede frühere. Die Krieger teilten von dem, was sie hatten, an ihre Sippen, an ihre Freunde, an ihre Bekannten und an ihre Heimatgenossen mit, und machten Opfer in die Kirchen.

Sie erzählten jetzt noch mehr von dem Lande Italien, als das erste Mal, weil sie es nun viel besser kannten als früher.

Der Schmied von Plan erzählte von der außerordentlichen und weitgestreuten Stadt Mailand, die sie zertrümmert haben. Sie sind jetzt in ihr gewesen, und da sind wunderbare Kirchen und seltsame Türme und alte Bogen und unerhörte Heiligengestalten. Er erzählte auch von anderen großen Städten, in denen sie gewesen sind. Da sind auch wundersame Kirchen und Steinbauwerke und Burgen der Vornehmen, die mitten unter den Häusern stehen, und Dinge aus den Heidenzeiten. Da sind uralte zerfallene Kirchen, so groß, wie ein ausgerundeter Berg, oben offen, daß der Himmel hinein schaut, und viele tausend Steinbänke sind über einander, und da haben sie vor mehreren tausend Jahren gespielt, wie sie im Walde die Geburt Christi und die Engel und die Hirten und die heilige Jungfrau Maria spielen. In dem Lande sind ungeheure Schätze; weil es heiß ist, wächst dort das Gold. Und es sind Früchte da, die niemand gesehen hat, und die sich niemand vorstellen kann.

Und die andern Männer erzählten auch. Sie sagten, sie haben reden gehört, daß Diepold viele Säcke auf Saumrosse geladen habe, und daß lauter Goldmünzen in den Säcken gewesen seien. Und die Gebeine der Heiligen Drei Könige, der makkabäischen Brüder und ihrer Mutter, des heiligen Celsus und anderer Heiligen sind von Mailand fortgebracht worden. Und Diepold hat einen kirchlichen Leuchter nach Prag gebracht, auf dem Wunder und Gestalten gearbeitet sind, die die uralten Juden abgegossen[985] haben, weil der Leuchter in der frühen Zeit in dem Tempel des Königs Salomon gestanden ist.

Tom Johannes redete darüber, was er getan hätte, wenn er in dem Lande Italien gewesen wäre, und was der Kaiser und der König und die Erzbischöfe und die andern Herren hätten tun sollen.

Wolf sagte, sie wären alle gestorben, wenn Witiko nicht gesorgt hätte. Die goldenen Äpfel mit dem süßen goldenen Safte und die rosenroten Feigen und die Johannishörner und andere Dinge schaden sehr, wenn man zu viel ißt. Witiko hat sie davor bewahrt.

Und aus diesem neuen Dinge, welches durch die Kriegsmänner in den Wald gekommen war, entstanden bald Lieder, die gesungen und oft gesungen wurden.

Witiko ging nun wieder an seine heimatlichen Geschäfte. Insbesonders suchte er sein neues Waldland mit dem alten in eine immer gleichere Gebarung zu bringen.

Benno führte einen jungen Priester zu Witiko, welcher der Kapellan der Burg wurde. Er selber war oft im Witikohause, oft in Přic, oft irgend wo anders, wie er es für die Abfassung der Schicksale der deutschen Kaiser ersprießlich erachtete.

Die Base Hiltrut ging nach dem zweiten italienischen Zuge wieder nach Landshut. Witiko kam mit den Seinigen zuweilen zu ihr. Als sie einmal auf dem Wege dahin im Hauzenberge ihr Mittagmahl einnahmen, erkannte der nunmehr sehr alte Wirt Witiko wieder, und rief seine Freude über dessen Gedeihen und Ansehen aus.

Huldrik war in dem Witikohause sehr rührig, und predigte seinen Jubel über das, was geschehen war. Seine Gattin hatte ihm ein Söhnlein geboren, und das selbe durfte mit Witikos Söhnen reiten und Waffen führen lernen.

Witiko wuchs in der Liebe und Neigung der Seinigen immer höher, er wurde oft zu dem Könige gerufen, um[986] bei seinem Rate und bei seinen Taten zu sein, er war mit Bertha und seiner Mutter dabei, als die steinerne Brücke, welche die Königin Judith in Prag über die Moldau hatte bauen lassen, die feierliche kirchliche Weihe erhielt, er wurde von Rowno, von Diet, von Osel, von Hermann, von Witislaw und andern geachtet, Lubomir, der sehr alt wurde, achtete ihn sehr hoch, es achteten ihn die Söhne Lubomirs, es achteten ihn Ctibor, Nemoy und alle, die in der Nähe wohnten, und er war eine Ehre für den Stamm Jugelbach, für den Stamm Aschach, für den Stamm Schauenberg, für den Stamm Dornberg und für den Stamm Stauf.

Er begann nicht weit von dem Witikohause eine Kirche in der deutschen Art durch Eppo bauen zu lassen, und er gedachte der Mittel, ein Kloster in dem Walde zu gründen.

In den Zeiten, die nun nach und nach über die Wipfel des grünen Waldes dahin gingen, wie Gutes und Schweres sie auch brachten, da sich manche teure Häupter in die Grube legten, wurde er Župan von Prachem, Heerführer, Gesandter und oberster Truchseß des Königreiches Böhmen. Und wenn er in dem Witikohause verweilte, kamen oft des Abends Männer in Lammspelzen zu ihm, und er saß mit ihnen in Gesprächen in der Burgstube, wie er einst an der Leuchte des Häuschens in Plan oder im Wangetschlage gesessen war.

Bertha sagte oft freundlich zu ihm: »Witiko, jetzt ist dir keiner gleich.«

Er antwortete freundlich: »Es sind viele über mir; dir aber gleicht keine.«

In dem Jahre 1184 beschloß der Kaiser Friedrich einen sehr großen Reichstag abzuhalten. Er wollte ein Fest feiern, weil der Streit im Reiche, der mit der Kirche, und der in Italien geendet war. Er berief alle, die kommen wollten, auf Pfingsten nach Mainz.[987] Witiko faßte den Entschluß, diesen Reichstag zu besuchen. Er lud den alten Benno ein, mit ihm zu gehen, daß er den Glanz des Kaisers schaue.

Er zog mit Benno, Bertha, seinen Söhnen und einem schön geschmückten Geleite von Přic gegen Mainz.

Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte, Priester, Herzoge, Fürsten, Grafen, Ritter waren da versammelt, es waren die fremden Gesandten da, die sich an dem Kaiserhofe befanden, es waren Herren und Ritter aus den Ländern England, Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn, Illyrien da. Die Zahl der Ritter, welche in Geleiten oder für sich selber gekommen waren, war siebenzigtausend. Und ungemein große Scharen des Volkes hatten sich eingefunden. Auf der Ebene an dem Rheinstrome war eine schöne Pfalz für den Kaiser und eine Kirche erbaut worden. Ringsherum standen die Wohnungen der Fürsten, die in Schmuck und Zierde einander zu übertreffen suchten, und dann waren weithin die andern bunten Gezelte. Die Nahrungsmittel wurden durch eine Menge von Schiffen auf dem Rheine gebracht, und es waren eigene Häuser für sie errichtet. Alle, die gekommen waren, wurden von dem Kaiser bewirtet.

An dem ersten Pfingsttage war der Kirchenzug, es war das kirchliche Fest, und es war ein Mahl. Man erschaute da die Erhabenheit des Kaisers, die Holdseligkeit der Kaiserin, die Schönheit der Frauen, den Schimmer der Fürsten, die Herrlichkeit der Ritter, den Strahlenglanz der Gewänder, der Waffen und der Pferdeverzierungen. Bei der Kirchenfeier war die Heiligkeit und Pracht der kirchlichen Geräte und Gewänder. Bei dem Mahle taten Herzoge und Markgrafen Dienste bei dem Kaiser.

Am andern Tage waren die ritterlichen Spiele. Der Kaiser nahm selber daran Teil. Fürsten und Herren und Ritter in großer Zahl zeigten ihre Geschicklichkeit. Die Söhne des Kaisers, Heinrich und Friedrich, die schon an[988] Macht und Ehren reich waren, taten ihre ritterlichen Tugenden kund, und wurden mit jeder gebührenden Feier zu Rittern geschlagen.

In den folgenden Tagen waren auch noch andere Spiele und andere Ergötzungen.

Die auf der Fiedel oder in Tönen des Erzes oder der Pfeifen erfahren waren, ließen ihre Kunst vor dem Kaiser, vor der Kaiserin, vor den Frauen, vor den Fürsten und Rittern erschallen, und ernteten den Dank. Die Männer aus dem Geleite des Kaisers oder der Kirchenfürsten oder anderer Herren, welche schon große heilige Bauwerke zum Dienste Gottes errichtet hatten, stellten Vorbilder zu neuen Bauwerken auf, und wurden geehrt. Dann waren die Sänger, Ritter und andere, die einzeln und abwechselnd ihre Worte und Weisen, oder zusammen singend oder einzeln die Worte und Weisen früherer Dichter in die Herzen der Männer und Frauen senkten. Sie wurden mit besonderen Ehren und Freuden geziert.

Es sagten damals einige, es werde ein großes Lied kommen, in welchem die Treue der Männer gegen ihren König und die Treue des Königs gegen seine Männer gepriesen werden wird.

Heinrich von Oftering, der noch die blonden Haare trug, sprach: »Es kann schon ein solches Lied kommen, das uns von alten Mären, von Helden voll der Ehren, von Müh und Festlichkeiten, von kühner Ritter Streiten, von Weinen und von Klagen, viel Wunders möge sagen.«

Dann waren die, welche in Erz oder Stein oder Holz bilden konnten, oder die Farbenwerke der Kirchen auf Glas oder auf Tafeln verstanden. Sie wiesen Gestalten Gottes, des Heilandes, der Jungfrau, der Engel, der Heiligen oder andere Weihedinge vor, und wurden mit hohen Ehren begabt.

Und viele, die irgend ein Schauding hervorgebracht hatten, waren gekommen, es vor die Augen zu stellen.[989]

Und was sich sonst an Tugend der Leibesübungen und der Waffen und der Tänze und anderer Erlustigungen zeigte, wurde auch noch in Zierde und Sitte und Anmut ausgeführt.

Witiko kam mit manchen Fürsten und Herren zusammen, und gelangte auch vor das Angesicht des Kaisers. Bertha wurde von der Kaiserin in dem Kranze der Frauen, die um sie waren, geehrt.

Witiko und Bertha kamen auf dem Reichstage zu ihren Sippen, und ihre Sippen kamen zu ihnen.

Der Ritter vom Kürenberge und Heinrich von Oftering und andere kamen zu Witiko, und saßen in dem Gezelte bei dem Becher, und sagten und sangen von einer noch größern Vergangenheit, wie die Helden unverzagt in dem brennenden Saale gekämpft hatten

Witiko ging auch wieder zu ihnen.

Es kamen auch seine andern Freunde aus Böhmen und Mähren, aus dem Lande Österreich und aus andern deutschen Ländern zu ihm, und er kam zu ihnen.

Witiko sah auf diesem Reichstage auch Sifrid von Milnet der ein Reiterführer geworden war. Er hatte den goldenen Gürtel und die Reigerfeder.

Als der Reichstag geschlossen worden war, zogen Hohe und Niedere erfreuten Herzens über das, was sie erlebt hatten, von dannen. Weithin wurde von den außerordentlichen Festen in Mainz erzählt, und es entstanden Lieder darüber, die in Deutschland gesungen wurden.

Witiko zog mit den Seinigen und Benno zuerst in die Burg Schauenberg, und dann in seine Waldburg.

Er hatte in späteren Jahren noch eine große Freude, als sein Sohn Witiko auf dem Fels der krummen Au, die nun zu Witikos Stamme gehörte, eine Burg zu bauen begann.

Quelle:
Adelbert Stifter: Gesammelte Werke in sechs Bänden, Band 5, Wiesbaden 1959.
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