Erster Absatz

[1] Polyphilus kehret von Soletten wieder nach Sophoxenien / besinget die Treue seiner Macarie. Talypsidamus lässt ihn zu einem Gastmal nach Soletten ersuchen: Das ihm von Atychintida widerrahten wird. Sein Schreiben deßwegen an Macarien / und seine Klage. Der Macarie Gedancken hierüber.


Es hatte das Gold-gläntzende Wolken-Liecht / mit seinen durchdringenden Stralen / nunmehr seine Pfeil-geschwinde Reise wieder zu rück genommen / und dem Hitz-ermattenden Sommer das Ende / dem Frucht-bringenden Herbst aber den Anfang gesesetzet. Des Ackermanns Hoffnung schiene mehrentheils[1] erfüllet zu seyn. Den Feldern war ihr gelbes Haar abgeschnitten / und die belasteten Bäume reichten ihre reiffe Früchte / allen vorbeygehenden / zu brechen dar: Als der verliebte Polyphilus / aus der Insel Soletten / in welche ihn der Zorn gejaget / von der Sanfftmut bekleidet / wieder nach Sophoxenien kam. Er ward von Melopharmis / auch von Agapisto / die auf seine fröliche Wiederkunfft mit brünstigem Verlangen gewartet / freundlichst empfangen: Welche ihn /(nachdem er die Nutzbarkeit seiner Reise / zu deren ihn ein falsches Geschwätze verleitet / erzehlet / seiner Macarien Beständigkeit gerühmet / und dem Agapisto vor seinen wohlgemeinten Raht gedanket /) in höchster Stille / in sein gewönliches Zimmer begleiteten / und allda auszuruhen ermahneten.

In einer Löwenhaut war er daselbst ausgezogen /und in einem Lammsfell kehrte er wieder dahin. Feindseeligkeit hatte er gesuchet / aber Liebe gefunden. Welcher angenehmer Wechsel ihm dann dermassen vergnügte / daß er sich selbst vor den Seeligsten unter der Sonnen / und seinen Sieg für unvergleichlich schätzen dürffte. Ach / beglückter Polyphilus! (sagte er wider sich selbst /) welche Zunge wird die Hoheit deines Glücks ausreden / oder die Herrlichkeit deines Siegs genüglich erzehlen können? Alle Gefahr ist nunmehr überwunden / Eusephilistus verjaget / Macarie gewonnen und deiner vielfältigen Kriege erwünschte Beute worden. Es muß der prächtigste Uberwinder deinem Siege weichen / hätte er auch die vesteste Schlösser und gewaltigste Städte erobert /und könte tausend Gefangene im Triumfe führen: Weil doch seine[2] Beute vergänglich / sein Glück wandelbar / und daher nimmermehr mit der unsterblichen Weißheit / weniger der immergrünenden Tugend / auf gleicher Wage stehen kan.

Aber / sieghaffter Polyphilus! wie viel Bestreitungen hat deine Liebe überwunden / biß sie den verlangten Preis erlanget? Wie manche tunkle Wolcken hat dein Verlangen benebelt / ehe sich das fröliche Angesicht der Sonnen wieder gezeiget? Und was vor stürmende Winde haben deine Begierden verfolget / ehe sie den erwünschten Port erreichet? In Warheit / die Unbeständigkeit des wankenden Glückes / pfleget sich am allerkräfftigsten in der Liebe zu zeigen / und die Verliebten / wie einen Ballen / bald auf / bald nieder zu werffen. Welcher Liebhaber kan sich rühmen /daß er allezeit ergötzet / und niemals betrübet worden? Solte ich die Zufälle meiner Liebe erzehlen /müste ich gewißlich bekennen / daß sie mir mehr Wermut als Hönig zu kosten gegeben. Aber euere Freundlichkeit / allerschönste Macarie! ist kräfftig gnug / auch die vergallteste Bitterkeit zu versüssen /und das angenehme Küssen eures holdseeligsten Mundes / ist würdig / deßwegen die peinlichsten Schmertzen zu dulten. Ach allergetreuste Macarie! eure Beständigkeit ist weit grösser / als ich habe glauben oder hoffen können. Wie ungerecht habe ich doch eure Tugend in Zweiffel gezogen! wie unbillich habe ich euch wegen Wanckelmut angeklaget! welche Straffe wird meine Vermessenheit aussöhnen? Ach vergebet / allersanfftmütigste Macarie! nach eurer angebornen Güte / die Lästerung / welche der ergrimte Eyfer / aus meinem unbedachtsamen[3] Munde gestossen. Ich werde mich künfftig mit allen Kräfften bemühen / euere Tugenden zu rühmen / und euere Beständigkeit zu erheben.

Mit diesen Worten ergriffe er die Feder / und setzte / seiner Macarie zu Ehren / folgendes Lied.


1.

Nun ich deine Gunst erlanget /

Nun mich liebt d ein treuer Sinn /

Und ich gantz versichert bin /

Daß kein Fremder mit dir pranget:

Will ich deine Tugend preisen /

O Macarie / mein Liecht!

Und durch dieses Lob-Gedicht /

Ohne Heuchel-Gunst / erweisen /

Daß an unverfälschter Treu

Nirgend deines gleichen sey.


2.

Neulich zwar hat mich betrogen

Ein erdichtes Land-Geschrey /

Das dir Falschheit legte bey:

Biß ich selbst zu dir gezogen /

Und im Gegentheil befunden /

Wie du gantz getreulich liebst /

Und dich mir zu eigen giebst;

Da du willig dich verbunden /

Daß kein ander / ausser mir /

Soll erlangen deine Zier /


3.

Du belobte Zier der Frauen!

Welcher einmal dich erkennt /

Wird Kunst / Tugend und Verstand /

Als im Spiegel / in dir schauen.[4]

Bleibe stets in den Gedanken /

Daß allein Beständigkeit

Sey der Tugend Ehren-Kleid.

Rechte Liebe kan nicht wanken.

Diß soll meine Hoffnung seyn /

Daß du ewig bleibest mein.


Nachdem das Gedicht verfertigt / wolte er solches /neben einem Gruß-Brieffein / an seine Macarie senden. Weil aber der Uberbringer noch mangelte / muste er es / biß auf bequeme Gelegenheit / beyseits legen. Also nahme er ihm indessen vor / den Anfang und Fortgang seiner Liebe / auch deren Glück- und Unglücks-Fälle / einem besonderen Buch einzuverleiben / damit er also die. Zeit mit seiner Macarien Gedächtnus zubringen / und ihre Abwesenheit desto gedultiger ertragen möchte.

Als er nun etliche Tage / in solcher verliebten Arbeit zugebracht / und noch in dieser beliebten Bemühung begriffen war / kam des Talypsidamus Diener /und berichtete ihn / neben einem schönen Gruß von Macarien / wie sein Herr gesonnen sey / seiner jährlichen Gewonheit nach / künfftigen Morgen ein Gast-Mahl anzustellen / und die Vornehmsten der Insul Soletten darzu einzuladen: liesse demnach den Polyphilus dienstlich bitten / seiner geringen Wohnung / (zuvorderst aber dieser geehrten Gesellschafft) seine Gegenwart zu gönnen; er hoffe / durch diese Gelegenheit / allem heimlichen Haß ein Ende zu machen / und ihn mit den Solettischen Inwohnern völlig auszusöhnen. Ob nun Polyphilus / auf diese Botschaft / in zweiffelhaffte Gedancken gerahten / stehet leicht zu vermuten. Aussenzubleiben war beschwerlich / wegen der Liebe[5] zu Macarien / die er durch seine Ankunfft zu ergötzen verhoffte. Zu kommen aber war gefährlich / nicht nur wegen Feindschafft der Inwohner /sondern auch wegen des Eusephilisti Gegenwart / die ihn leicht in neue Ungelegenheit stürtzen könte. Doch hätte das Verlangen nach Macarien alle Furcht der Gefahr überwunden / wann nicht der Befehl der Atychintida / solche Reise verhintert.

Dann als Polyphilus den Diener zu speisen befohlen / verfügte er sich zu der Königin / erzehlte derselben des Talypsidamus ansinnen / und bate höflich /ihme zu erlauben / daß er dieser Frölichkeit beywohnen möchte. Die Königin / welche eine heimliche Liebe zu Polyphilo / und einen stillen Eiffer gegen Macarien truge / wolte dieses Vornehmen mit List hintertreiben / und antwortete gar freundlich: Mein Polyphilus! Ich zwar will diese Reise nicht verbieten /würde es auch mit keinem recht thun können / sondern viel lieber euere Freude befördern. Allein / ich bitte / erinnert euch doch / in was Gefahr ihr euch ohne noht begebet. Der Solettischen Inwohner Grimm ist euch mehr als bekant; und wie wenig eine rechtmässige Entschuldigung bey ihnen gelte / hättet ihr mit Verlust eures Lebens empfunden / wo nicht die Güte des Himmels einen wunderbaren Weg zur Errettung gefunden hätte. Talypsidamus zwar meinet es /wie ich hoffe / aufrichtig / und ist in diesem Beginnen zu loben. Aber wie offt zerschlägt das mächtige Glück auch die allerklügste Erfindungen? Wie leichtlich kan dieser wolgemeinte Raht mißlingen / und in eine grausame Blutstürtzung oder langwütige Gefängnis ausschlagen. Benehmet mich[6] demnach dieser Furcht / kluger Polyphilus! Und last andere diese Mahlzeit geniessen. Habt ihr an meiner geringen Tafel / nicht so herrliche Speisen / so habt ihr doch geneigte Gemüter / und freundliche Augen / welches die besten Gerichte sind. Lasset mich dißmahl keine Fehl-Bitte thun: ich will eure Einwilligung / mit anderer Kurtzweil / nach eurem Belieben überflüssig belohnen. Was solte hier Polyphilus machen? Einzuwilligen war ihm fast unmüglich / wegen der hitzigen Begierde / seine Macarie zu sehen. Sich halsstarrig zu widersetzen / war nicht rathsam: weil er in der Königin Schutz und Gewalt war. Also erwehlte er das sicherste / und legte einen heuchlerischen Danck bey der Königin ab / vor ihre gnädige Vorsorge / mit Versprechen / daß er ihre Bitte vor einen Befehl ehren /und ihre Gnade viel höher / als alle Ergötzlichkeit schätzen wolte. Damit begab er sich / voll innerliches Grams / nach seinem Zimmer / und als er den Diener noch essend fand / schriebe er folgenden Brief an die Macarie.


Allerliebstes Kind! Ich lebete zwar der festen Hoffnung / es werde die Gewogenheit des Gunst-färtigen Glücks mir / durch bevorstehende Gasterey / Gelegenheit erwerben / entweder mein lieb-brünstiges Verlangen / durch dero gegenwertige Begrüssung zu befriedigen / oder sonsten die Bitterkeit der vielleicht nicht so gar unnötigen Furcht / so bey mir eingeschlichen ist / durch die selbste Erkundig ng zu versüssen: da vielleicht aus bewuster Person reden / und gegenwärtiger Bezeigung[7] / ihr Gemüte unschwer zu erkennen gewesen. Ich muß aber leider! erfahren / daß die Widerwertigkeit der feindseeligen Bestreitungen / unter denen der Gifft-gefüllte Neid die erste stelle besitzet /vor dißmahl die tief-geschlagene wunden meiner Betrübnus / mehr mit Furcht erweitern / als mit Trost verbinden wollen. Dann / allerliebstes Kind! die Boßheit deren / die mir anjetzo noch zu gebieten hat / hält mich von meinem Vornehmen ab: sonderlich / weil sie mehr mit ungefärbter Demut und freundlicher Bitte / als mit Befehl und hochmütiger Widerstrebung / mich hintert: welcher mit Frevel zu widerstehen / nicht so wol den Ruhm meiner Freyheit / als das Laster des Ungehorsams verdienen würde. Mit was schmertzen ich aber dieser falschen Bitte gehorche /kan sie selbst leicht ermessen / mein Kind! weil allein sie zu befehlen / oder da ihre Höflichkeit diß Wort verwirfft / zu bitten hat. So befehle sie demnach /liebstes Hertz! auf daß ich wisse zu gehorchen. Will sie / daß ich kommen soll: achte ich um ihrent willen /der gantzen Welt Feindschafft nicht. Will sie aber /daß ich / durch mein Aussenbleiben / die Gunst derer / so ich noch eine kleine Zeit gern erhalten wolte / nicht verderbe / will ich auch ihren Befehl / ob er schon wider mich selbst gehet / schuldig erfüllen. Ach aber! wie wird indessen / da ich abwesend / und meine Liebste dem Eusephilisto gegenwärtig / und vielleicht in dem Schoß und Armen / wissen muß /Furcht und Eyffer[8] mein Hertz durchschneiden? wird auch ein Augenblick vergehen / daß ich nicht dencken werde: Jetzt ist sie verführet / und von jenem gewonnen. Ach Himmel! schrecke mich nicht mit einer solchen Botschafft / wilt du anderst / daß meine arme Seele länger in ihrem Hause wohnen soll. Laß mich lieber sterben vor dieser Noht / als in derselben; lieber in der Liebe / als ohne Liebe: damit ich nicht über Untreu klagen / und Rach begehren müsse. Doch /was sage ich? Weiß ich doch / liebes Kind! daß sie den nicht achten wird / der mich verjagen will; noch lieben kan / der mich hasset und verfolget. Beyliegendes Gedicht / zu samt dem Buch / darinn ich meine Liebe beschrieben / wird zeugen / wie hoch ich ihre Treue schätze / ihre Gedächtnus ehre / und ihre Beständigkeit bewundere. Ach Schatz! sie lasse solche auch in dieser Versuchung sehen / so wird mein Hertz ein Lustgarten erwünschter Freuden mit recht können genennet werden. Ihre Tugend und Aufrichtigkeit heisset mich indessen also glauben / und glaube ich auch gern / weil mir ihr Hertz bekannt ist / daß / wie es keinen ausser mir erwehlet / also auch sie keinem ihre schöne Reden / ohne was Bescheidenheit erheischet / noch die zarte Hände / als auch den beliebten Mund / vergönnen wird / als ihrem

biß in den Tod treu-verbundenen

Polyphilus.
[9]

Als dieser Brief versiegelt / übergab er solchen / samt dem obgedachten Gedicht und seiner Liebes-Beschreibung / des Talypsidamus Diener / mit Bitte /selbige Macarien zu überbringen / seinen Herrn aber zu berichten / daß er ihme / neben dienstlicher Begrüssung / vor seine Einladung schuldig dancke / mit freundlicher Bitte / sein Aussenbleiben / welches die Ankunfft etlicher fremden Gäste bey der Königin verursachte / nicht vor einen Ungehorsam zu deuten: er wolle mit nächsten andere Gelegenheit suchen / seine Aufwartung abzulegen / und sich mündlich weitläufftiger bey ihm zu entschuldigen. Der Diener nahme hiemit seinen Abschied / und eilete nach Soletten.

Polyphilus aber / gieng verwirret in seinem Zimmer auf und ab / sein Verhängnus beklagende / das ihme einen Weg zu Macarien gezeiget / und doch selbigen nicht betretten liesse. Ist es auch recht / (sagte er) daß du der Königin gehorchest / und deiner Liebe widerstrebest? Törichter Polyphilus! wem bistu höher verbunden? soll Atychintiden Hochmut mehr gelten / als deiner Macarie Freundlichkeit? Pfuy der Schande! Wie / wann sie durch dein Aussenbleiben erzürnet /den Eusephilistus an deiner statt wehlete? Würde sie dir auch unrecht thun? Und wie könt er gelegener als anjetzo ernden / was ich mit so grosser Mühe gesäet /und der Gunst geniessen / welche mir das neidische Glück versaget? O du verfluchtes Weib! muß dann dein unbesonnener Eiffer eine Ursach meines Verderbens werden? Eben aber / als er noch so klagte /wurde er durch Serveten zu der Königin beruffen; die seinen Widerwillen bald[10] merkend / ihn mit einer lustigen Gesellschafft hinwieder zu befriedigen / und den Verhinterungs-Verdruß abzukürtzen suchte. Wir wollen ihn daselbst so lang lassen / biß wir sehen / was Macarie vor Antwort sendet.

Diese kriegte / nach des Polyphilus Abschied / mit mancherley Gedanken. Bald gereuete ihr das geschwinde Versprechen / welches sie dem Polyphilo gethan / und bedachte / was vor Ungelegenheit daraus kommen könte. Bald schreckte sie des Eusephilistus Liebe / die sie je mehr und mehr wachsen sahe. Sonderlich aber erweckte ihr des Talypsidamus Gasterey neue Sorge / in dem sie befürchten muste / es möchte Polyphilus / von dem sie kein Aussenbleiben vermutete / mit Eusephilisto / der sich ihrer Aufwartung ungescheut annehmen würde / zu streiten kommen / und also den Gästen ein blutiges Schau-Essen auftragen. Wie sie dann deßwegen ihr vornahm / dieser Malzeit nicht beyzuwohnen / und ihr Abseyn mit einer angemasten Unpäßlichkeit zu entschuldigen.

Als sie noch in solchen Gedanken begriffen war /kame des Talypsidamus Diener / und brachte des Polyphilus Brief / mit dem Gedicht und geschriebenen Buch. Macarie / so bald sie den Botten ersehen / fragte behend: wie gehts dem Polyphilo: wird er zur Malzeit kommen oder nicht? Er ist es zwar (antwortete der Diener) willens gewest / geehrte Macarie! allein /die Ankunfft etlicher fremden Gäste zu Sophoxenien /hat seinen Vorsatz unterbrochen / daß er sich also mit ihrer Bedienung entschuldigen muß. Macarie / die bald merkte / daß dieses eine fremde Ausrede / erschrack / und[11] wuste nicht / was sie mutmassen solte. Sie gabe dem Diener eine Verehrung / und bate / seinen Herrn ihrentwegen aufs schönste zu grüssen.

Aber nach dessen Abschied erbrache sie den Brief /in Hoffnung / gewissere Nachricht zu erhalten / wie auch geschahe. Dann / als sie sahe / daß Atychintida diese Reise verhintert / und leicht errahten kunte / daß Eifer und Liebe die Ursach war / sagte sie mit lachendem Munde: So muß uns dann / liebster Polyphilus! einerley Unglück quälen / und unsere Liebe immer eine fremde Liebe hintern? O törichtes Beginnen / von so einer klugen Königin! Weiß sie dann nicht / daß die Liebe eine Tochter des freyen Willens ist? Gezwungene Liebe ist keine Liebe / sondern äusserliche Falschheit / und innerliche Feindschafft. So ist auch /die verliebten hintern / eine vergebliche Arbeit: und kan der listige Cupido / mit seinen verbundenen Augen mehr Gelegenheit ersehen / als zehen andere /mit offnem Gesicht verbieten können. Aber bleibet nur / Polyphilus! bey eurer Königin / und überlasset mir den Eusephilistus / welcher gleichwol noch liebwürdiger ist / als Atychintida. Und das ist vielleicht die Ursach / daß euer Brieflein mit so vieler Bitte und Erinnerung angefüllet ist. Ach nein! Polyphilus! Die Furcht ist bey euch viel grösser / als die Gefahr. Ich begehre dieser Frölichkeit / ohne euch / nicht zu geniessen. Etwan hat der Himmel selbst diese Verhinterung befördert / dadurch grosses Unglück zu verhüten. Ich will der Königin eure Gegenwart gern gönnen / weil ich doch weiß / daß mit genötigten Hunden übel jagen ist / und indessen meine Gedanken in eure Schrifften führen.[12]

Hiemit überlase sie das überschickte Gedicht / welches sie trefflich vergnügte / weil er darinn ihre Beständigkeit so hoch hebte: als die nie geglaubet hatte /daß diese Tugend bey ihrem Ziebhaber so fürtrefflich geachtet würde. Darum sie ihr auch vornahm / in derselben je länger je höher zu steigen / damit sie dieses Ruhms nicht wieder verlustigt würde. Als sie aber in der Liebes-Beschreibung anfienge zu lesen / und darinn der klugen Erfindungen / künstlichen Verfassungen / und sinnreichen Gespräche warnahm / sagte sie mit Verwunderung: Ach gelehrter Polyphilus! Eure Klugheit ist würdig / von jederman geliebet und gerühmet zu werden / und euer Verstand ist viel höher / als eure Jahre. Warum rühmet ihr doch meine Wissenschafft / die gegen der euren ein blosser Schatten ist / und sich glückseelig schätzen / muß / wann sie gewürdiget wird / von eurer Weisheit unterrichtet zu werden? Wie grossen Dank bin ich doch dem Himmel schuldig / dessen Vorsorge mir einen solchen Liebsten ersehen / um den Geschicklichkeit und Höflichkeit streitet / welche unter ihnen ihm die nächste sey. Und ob gleich / geschickter Polyphile! meine Feder nicht tüchtig / eure Klugheit nach Würden zu erheben / so soll sie doch / nach ihrem geringen Vermögen / nicht unterlassen / euch durch ein kleines Antworts-Brieflein bloß den schuldigen Dank / vor mir-ertheilten Ruhm / zu erweisen / hinwider aber euch viel schuldiger zu rühmen. Und dieses Vorhabens setzte sie ihre Feder an. Als sich nun eine unverhoffte Gelegenheit nach Sophoxenien zeigte / liesse sie ein Brieflein an den Polyphilus abgehen.[13]

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 1-14.
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