Zweyter Absatz

[136] Des Polyphylus und seiner Reis Gefärten Gespräch /in der Herberge / von Gespänstern; nachmals auf dem Weg / von der Liebe und Buhlerey / und von den Beer-Wölfen. Sie verreiten sich / in solchem Gespräche.


Polyphilus und seine Gefärten / ritten allmählich hernach / und kürtzten ihren Weg mit allerhand Gesprächen: biß sie / um den Mittag / ihre Rosse zu füttern /und selbsten Speise zu nehmen / in einem Wirtshause abstiegen. Agapistus / welcher sich auf dieser Reise schertzweis den Hofmeister nennte / gienge bald in den Stall / zu sehen / ob die Pferde versorget wären /und von dar in die Küchen / die Malzeit zu bestellen. Daselbst traffe er eine viel schönere und freundlichere Wirtin an / als in einem Dorff zu vermuten war. Er machte / nach seiner Gewonheit / alsobald mit ihr Freundschafft / und ließe ihm ihre Weise nicht übel gefallen.[136] Polyphilus aber / der sich noch immer mit einer hertz-nagenden Furcht plagte / die ihme die Verlassung seiner Macarie androhete / verfügte sich mit Tycheno in die Stuben: und wie dieser auf und ab gienge / stellete sich jener ans Fenster / seinen Gedanken so viel füglicher nachzuhängen.

Uber eine kleine Weile kam der Wirt / welcher nicht zu Haus gewesen / seine Gäste zu empfangen. Diesen fragte Polyphilus / was doch dieses / so gegen dem Wirtshaus über lage / (damit auf ein altes und verwildtes Gebäu zeigend / welches allem Ansehen nach unbewohnt stunde) für ein Ort wäre / und wem es zustünde? Der Wirt gab zur Antwort: Es wäre ein Schloß / vornehmen Edelleuten zuständig / welches vor Jahren gar herrlich und vest gewesen / dieser Zeit aber / wegen eines Gespensts / gantz unbewohnt wäre / und wüste er / da er doch ein alter Mann wäre /sich nicht zu erinnern / daß es jemals bewohnt gewesen. Als nun Polyphilus darüber wunderte / sagte Agapistus / der nun auch zu ihnen gekommen war: Er könne sich in dergleichen Gespenster nicht richten /weil es ja gewiß / daß weder der verblichene Cörper aus der Erden / noch die Seele / von dem Ort / da sie nach ihrem Abschied lebet / wieder kommen könne; halte er es also vor lauter Gauckeleyen / welche nur die Furchtsame zu schrecken pflegen / und zweifle er gar sehr / ob sie einem Behertzten / der sie verachtet /schaden können. Das ist eure Manier / (sprach Tycheno) daß ihr alles widersprechet. Wann nur einmal ein Gespenst käme / und eurem Zweifel ein Ende machte: Ich möchte gern sehen / ob ihr euch so behertzt gegen demselben / als gegen uns / anstellen[137] würdet. Das soltet ihr wohl erfahren: (antwortete Agapistus) wiewohl ich weiß / daß dergleichen Affenspiel nicht zu mir kommet / sondern nur Furchtsame und Verzagte zu plagen pfleget.

Daß gewiß Gespenster seyn / und sich sehen lassen / (versetzte Polyphilus) wird niemand zweiffeln /dann die Exempel weisen es allzuklar. Was es aber mit denselben eigentlich vor eine Beschaffenheit habe / davon sind die Meinungen so unterschiedlich /als die Begebenheiten. Denn ob gleich / wie Agapistus will / weder der entseelte Cörper noch der ausgefahrne Geist von seiner Wohnung / nach der Natur und Vernunfft / zu rücke kommen kan: so ist doch solches der Verhängnus des Höchsten / und der List und Kunst des Satans nicht unmüglich. Es bezeugen die Geschichten / daß dieser Tausendkünstler / die Leichname der Verstorbenen / nicht allein offt sehen lassen / sondern auch gar eine Zeitlang / als beseelete herum geführt / und alle Geschäffte der Lebendigen verrichten lassen.

Ein Edelman in Frankreich hatte sein Weib / wegen Eiffersucht / in der Nacht erdrosselt. Weil er nun sich dieser Mordthat halben fürchtete / ersuchte er einen Zauberer um Raht: welcher ihm versprochen / seines Weibs Gestalt / etliche Tage / im Hauß hin und her gehen zu machen; Er aber solte indessen / allem Argwahn vorzubauen / auf eine Reise sich begeben / daß also ihr Tod in seinem Abwesen offenbar würde. Diesen Vorschlag richtete er zu Werk / und fande man den Leichnam der Frauen / so stinkend und erfault in des Edelmanns Haus / daß viel wähnten / er hätte ihr /wegen der bösen Ehe / die sie führten / so starken Gifft beygebracht.[138] Er wurde / theils wegen dieses Argwahns / theils auch wegen der Freundschafft / die er mit dem Zauberer hatte / in Verhafft genommen: Da er von seinem Gewissen überzeuget / die That bekennet / und als ein Mörder gerädert worden. So wird auch erzehlt / von einer Jungfrauen / (welche gestorben / und ehrlich von ihren Eltern begraben worden) daß sie / etliche Jahr hernach / einem jungen Gesellen / der bey ihrem Vatter eingekehrt / bey der Nacht erschienen / in den Kleidern / darinn sie begraben worden / und mit ihm Unzucht getrieben. Als aber endlich ihre Eltern darzu kommen / und sie ersehen /ist sie als ein todter Cörper im Bette ligend blieben /nachdem sie vorher über ihrer Eltern Unbarmhertzigkeit geklaget / welche ihr diese geringe Freude nicht noch ein wenig gönnen wollen. Wie man ihr Grab eröffnen lassen / ist nichts darinn gefunden worden / als eine silberne Schale / und ein eiserner Ring / so dieser ihr Liebhaber ihr des Tags zuvor geschenket: Dagegen sie ihm ihr Brusttuch / und einen güldnen Ring wieder gegeben.

Mein Herr erinnert mich dessen / (sagte hierauf der Wirt) was mir unlängst unser Todtengräber erzehlt /wie er nemlich / ungefähr vor einem Jahr / eine ledige Weibs-Person begraben. Als er aber / etliche Monat hernach / einem andern ein Grab machen sollen / und wider vermuten auf die vorige Stelle gekommen /habe er den Sarg / welcher etwas offen geschienen /vollends aufgemacht / und darinn weder Leichnam /noch Grabtuch / sondern ein blosses Holtz gefunden. Vielleicht ist sie hernach wieder kommen / (sagte Polyphilus) und hat unterdessen eine andere Verrichtung gehabt. Dergleichen[139] Geschichten / machen die Gewalt des Satans / die verstorbenen Leiber wieder (wiewol nicht ohne Göttliche Zulassung) aus der Erden zu bringen / gar glaublich. Daß er aber auch die Seele /oder den Geist des Menschen / wann er dieses Irdische verlassen / wieder zu rück bringen könne / ist eine schwere Streit-Frage. Wiewohl etliche unter den alten Lehrern auch dieses zugeben / so will doch solches sehr hart lauten: sonderlich von den Seeligen und Gerechten. Dann wan der Teufel allein die jenigen hervor brächte / welche ihm in ihrem Leben gedienet /wäre sich nicht hoch darüber zu verwundern / weil sie vorhin in seiner Gewalt sind. Weil er aber auch der heiligen und Tugendhafften Leute Gestalt zu sehen gibet / wie das Beyspiel Samuels darweiset: als wird viel sicherer und glaubwürdiger davor gehalten / daß in allen / oder doch in den meinsten / solchen Erscheinungen der höllische Geist / die Gestalt der Verstorbenen / durch Verblendung an sich nehme / und dadurch die Lebenden entweder zu verführen / oder zu schrecken suche. Ich will nicht laugnen / daß solche Gespenster / vielmehr die Leichtglaubigen und Furchtsamen quälen / als einen Freyen und Behertzten / der in seinem Beruf bleibet / und solchen Teufels-Betrug verachtet.

Jenem Laconier erschien auf einem Grab ein Gespenst / in weisser Gestalt / wie man bey uns / die in Sterbläufften heulende Klagmutter beschreibet: dessen er im geringsten nicht erschracke / sondern seinen Spieß erwischte / und damit auf das Gespenst (welches er vor irgend einen Geist der Verstorbenen hielte) zurannte. Als aber die Gestalt darauf verschwande / schrye er: Wo fleuchst du hin / du[140] verzagter Geist! komm! ich will dich wieder hinunter in den Abgrund schicken. Das Gespenst aber / ließ sich nicht mehr sehen / weil es mehr Trutz und Muht / als Furcht und Schrecken angetroffen. Diesem / rahte ich aber nicht einen jeden / nachzufolgen / sonderlich wann er kein gut Gewissen hat / und sich irgend eines Lasters bewust ist: weil es ihrer vielen sehr mißlungen. Künheit ist keine Hertzhafftigkeit / und Vermessenheit keine Großmütigkeit.

Gleichwol (fiele ihm Agapistus in die Rede) müssen sie den unverzagten ausweichen. Mir hat meiner guten Freunde einer erzehlet / daß er einsmals auf sei nen Reisen / in einer vornehmen Stadt / in einem Hause zu wohnen gekommen / darinn es / wie er nachmals erfahren / nicht rein gewesen. Als er nun /eines Abends an dem Tisch gesessen / und geschrieben / habe sich vor der Stuben / ein greuliches Gepolter erhoben / welchem er eine Zeitlang / und nicht ohne Schrecken zugehöret. Als es aber je länger je grösser worden / habe er seinen Lackeyen / (der ein Holländer war / welche Nation gemeinlich nichts von Gespenstern hält /) befohlen / zu zusehen / was doch dieses Unweisen bedeute? Dieser habe es etlich mal gethan / aber nichts sehen können; Und weil dennoch das Gepolter nicht nachlassen wollen / habe der Diener endlich das Pistol von der Wand genommen / sey hinaus gelauffen / und das Gespenst mit diesen Worten angeredet: Bist du Mensch / so sag! bist du Teufel: hol mich Teufel / ich schieß!

Als sie hierüber sämtlich anfiengen zu lachen / kam die Wirtin in die Stuben / und brachte die Speise. Agapistus sagte: Wann alle Gespenster so gestalt wären / als diese / so wolte er sich nicht[141] fürchten /wann sie ihm gleich in der dunkelsten Nacht begegneten. Der Wirt antwortet mit Lachen: Dieses sey ein Hauß-Geist / welcher allein ihn zu plagen pflege. Aber (versetzte Agapistus) euch wird bey solcher Plage mehr wohl / als übel seyn / weil ihr / so bald der Geist erscheinet / eure Freude sehet. Es ist Wunder / daß ihr bey so grauen Haaren / kein Bedenken getragen / eine junge Frau zu heuraten? Das Alter (sagte der Wirt) bedarff Wärme / und die Jugend Unterricht / welches wir beyderseits erlanget. Und weil ich zuvor eine Alte gehabt / habe ichs nun auch mit der Jungen versuchen wollen. Was haltet ihr aber davon (fragte Agapistus ferner) weil ihr alles beydes erfahren? Welches solte wol das beste seyn? Ich mache keinen Ausschlag / (sagte der Wirt) sondern vergnüge mich / daß ich in der Jugend von der Alten geliebet / und im Alter von der Jungen gelabet worden. Von der vorigen / habe ich das Geld bekommen /und von dieser die Kinder / welchen ich das Geld hinterlasse. Doch behaltet ihr (sagte Polyphilus) das Sprichwort: das letzte ist das beste.

Indem / brachte die Frau noch ein Gerüchte. Agapistus trank ihr ein Glaß Wein zu / und sagte: Ihr Diener / schöne Frau Wirtin! Sie aber antwortete gar bescheiden: Die selbst dienen / wie ich / bedürffen keiner Diener. Und damit gienge sie zur Thür hinaus. Polyphilus / welcher dieser Antwort heimlich lachte /fragte den Wirt / wie viel es auf der Uhr sey? und als er vername / daß es allbereit weit über Mittag wäre /machten sie Ende von der Malzeit / befriedigten den Wirt / und ritten wieder ihres Wegs. Polyphilus fragte Agapisten[142] unterwegs / wie ihm der höfliche Korb /den ihm des Wtrts Frau über Tisch verehret / gefallen habe? Ja! (sagte Tycheno) es ist trefflich artig gekommen / ich habe mich kaum des Lachens enthalten können. Das muß man nicht achten! (antwortet Agapistus) Ihr wisset aber nicht / wie freundlich sie sich in der Küchen erzeiget / und wie viel Küsse ich daselbst erhalten: man kan sich vor dem Mann wohl etwas fremd stellen. Aber truget ihr kein Bedenken / (fragte Polyphilus) dem guten alten Mann sein Weib zu verführen / und ihr zu bösen Gedanken Anlaß zu geben? Ich begehrte sie nicht zu verführen / (gab Agapistus zur Antwort) was konte ihr ein Kuß verletzen: Warum muß der alte Geck / ein so junges Mensch betrüben? Ein anderer / als der einfältige Agapistus / hätte ihn wohl gar mit einer Ochsen-Kron beschenket. Ich meine auch / er habe sich mit der Zeche schon gerechnet / und ihm den Kuß wohl bezahlen lassen. So wol! (sagte Tycheno) und wir sollen euch eure Kurzweil bezahlen helffen? Ihr sollet zu frieden seyn / (versetzte Agapistus) daß ich euch einen guten Willen erworben: Dann wann die Wirtin freundlich ist / so bekommen die Gäste gute Speisen.

Aber ohne schertz / (sagte Polyphilus) wie ist es müglich / daß ihr allen Weibsbildern Lieb und Gunst erzeigen könnet? Nicht allen / (antwortete Agapistus) sondern nur denen / die es verdienen. Ich liebe / was liebens würdig / ich treffe dasselbe gleich an / wo ich wolle / und begehre mich nicht so vest an eine zu verbinden / wie ihr / daß ich alle andere ihrentwegen verachten solte. Das ist recht! begegnete ihm Polyphilus. Eine beständige[143] Liebe / suchet das Gemüte allein zu beherschen / und kan keine fremde Bewegung neben sich dulten. Das Gedächtnus meiner Macarie / hat mein Hertz dermassen angefüllet / daß nicht der geringste Raum mehr vor eine andere übrig / sondern ich sehe sie an / als gemahlte Bilder / welche mich nicht bewegen können. Gleich wie unser Gesicht nicht fähig ist / zwey Dinge auf einmal zu betrachten / dann so bald es das eine fasset / muß es das andere verlieren / ob es gleich durch eine schlechte Bewegung geschihet: also kan auch das Gemüt nicht zwey Schönheiten zugleich lieben / sondern wann es die andere erwehlet / so wird die erste verdunkelt. Aber bey euch / ist keine rechte Liebe / sondern nur ein äusserliches Wohlwollen: welches / wie ein nasses Holtz /nicht länger brennet / als so lang eine Fackel dabey liget; wann sie aber weggenommen wird / wieder erlöschet / biß es von einem andern Brand entzündet wird. So kan sie desto weniger verzehret werden /(antwortete Agapistus) und ich bin vieler Plage befreyet / welche ihr in Abwesenheit eurer Liebsten empfindet.

Ich leide es gern / (sagte Polyphilus) in Hoffnung /durch ihre Gegenwart wieder ergötzet zu werden. Aber sehet / dort kommet uns ein Wolf entgegen: welcher mich / wann ich allein / und ohne Pferd wäre /wenig erfreuen würde. Ja fürwar / (thäte Tycheno hinzu) und er sihet uns fein behertzt an: vielleicht ists kein rechter Wolf / weil er also still stehet / und nicht erschrickt? Wer solte es dann seyn? (fragte Agapistus) vielleicht unser Wirt / der sich / wegen meines Küssens / zu rächen suchte? Daß wäre nichts unmügliches! (versetzte[144] Polyphilus. Ihr soltet mich bald überreden / (antwortete Agapistus) wie jenen mit dem Storch. Was ist das gewesen? fragte Polyphilus. Es reiseten (versetzte Agapistus) auf eine Zeit etliche junge Kaufleute mit einander / welche einen leichtglaubigen Menschen unter sich gehabt / den sie zur Kurtzweil betrügen wolten: Deßwegen sie einen voraus schickten / der den Wirt / bey deme sie selbige Nacht herbergen wolten / unterrichten muste / wie er solches ins Werck richten solte. Als nun die Reisende ankamen / gienge der Wirt dem Einfältigen entgegen /nennte ihn mit Namen / und sagte / wie er grosse Freude über seiner Gegenwart empfinde. Der Kauffmann verwunderte sich über dieser Gewogenheit / und fragte den Wirt / woher er ihn kenne? weil er ihn ja /seines Wissens / niemals gesehen hätte. Ey! (sagte der Wirt) mir ist so viel gutes von euch / und euren Eltern begegnet / daß ich mich heut billig dankbar erzeige. Dieser entsetzet sich noch mehr / das jener auch seine Eltern kenne / die doch so weit davon waren / und begehrte deßwegen Bericht. Der Wirt führt ihn in ein besonder Gemach / und entdeckte ihm in höchster geheim / wie er alle Jahre ein Storch werde / und auf seinem / des Fremden / Hause sein Nest mache. Dieser Albere ließe sich endlich bereden / und glaubet dieses / als ein Wunder: sonderlich / weil der Wirt kein Geld von ihm nehmen wolte / dann die andern hatten ihn allbereit bezahlet. Wie er nur nach Hause komt /und bey seiner Hochzeit / über Tisch / durch das Fenster / eines Storchs ansichtig wird: hält er solchen vor besagten Wirt / und trinket ihme ein Glaß Wein zu. Als die Gäste[145] nach der Ursache fragten / ließe er sich vernehmen / wie daß dieser Storch sein Wirt wäre /welcher ihme auf seiner Reiß alle Ehre erwiesen: Worauf er nicht ohne Ursache / verlachet wurde / daß er sich also betrügen lassen.

Polyphilus lachte hierüber / und sagte: nein! vor so einfältig sehe ich meinen Agapistus nicht an. Gleichwol ist bekant / daß es dergleichen Leute gibt / die sich zu Wölffen machen können. Man sagt wohl davon / (antwortete Agapistus) aber soll es auch gewiß seyn? In den Mitternächtigen Ländern / (widerredte Polyphilus) sollen sich die Leute / in der Christnacht / zu Wölffen machen / und grossen Schaden thun / andere anfallen / zerreissen / und so gar der jungen Kinder nicht verschonen. Dem Groß-Fürsten in Reussen ist ein solcher Mensch vorgebracht wor den / von welchem man vorgeben / daß er / zu gewisser Zeit des Jahrs / in einen Wolf verwandelt werde /und den Leuten überaus grossen Schaden thue. Der Fürst fragte ihn / ob es wahr sey / und befahle ihm /als er solches bejahet / eine Probe zu geben. Hierauf ist er abgetretten / und hat in einem abgesonderten Ort seine Zauberey gebrauchet / also daß er / wie er wieder vor den Fürsten kame / mit feurigen Augen / wie ein grausamer Wolf / erschienen: da ihn dann zween hierzu bestellte Hunde zerreissen musten / ehe er zu seiner Vernunfft und menschlichen Gestalt wieder kommen können.

Recht so! (sagte Agapistus) weil er nicht als ein Mensch leben wollen / ist er billig / als ein wildes Thier / zerrissen worden. Aber auf was Weise mag solches zugehen? Daß solche Verwandlung (antwortete[146] Polyphilus) wesentlich geschehen solte / ist der Göttlichen Natur-Ordnung entgegen / und kan der böse Geist nicht eines in das andere verkehren. So kan auch eine vernünfftige Seele den Leib eines Thiers nicht wesentlich begeistern noch regiren / weil kein Eben maß zwischen diesen beyden ist. Wird also am sichersten davor gehalten / daß diese Verwandelung der menschlichen Cörper in Wölffe oder andere Thiere / anders nichtes sey / als eine teuflische Verblendung der Augen / sowohl dessen / der sich in einen Wolf verwandelt achtet / als auch anderer / die ihn sehen.

Aber / wie wann wir / über diesem Wolffs-Gespräch / unsers Wegs verfehlten / und eine unrechte Strasse ritten? Das kan leicht geschehen / (sagte Agapistus) und fürwar / ich glaube selbst nicht / daß wir zuvor diesen Weg gereiset. Es käme uns wol übel zu statten / sonderlich weil sich der Abend herzu nahet. Was war es nötig / (versetzte Tycheno) daß man den Boten weggeschicket? wie leicht könten wir jetzund in neue Gefahr kommen? Ja / ja! (antwortete Agapistus) ich fürchte wol / ihr werdet diese Nacht im Wald schlaffen müssen. Man hat mich (sagte Tycheno) wohl eher verlachet / und ist darüber in Unglück kommen. Nein / nein! (begegnete ihm Polyphilus) dort sehe ich ein Schloß / da wollen wir auf zu reiten: es wird doch ein Dorff dabey seyn / darin wir herbergen können.[147]

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 136-148.
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