Vierter Absatz

[163] Des Edelmanns und seiner Tochter höfliches Tisch-Gespräche mit seinen Gästen: deme / auf sein Begehren / Agapistus von der Macarie Vollkommenheit / und Polyphilus von der Atychintida Verstand und Zustand / erzehlet. Diesem träumet selbige Nacht / von seiner Macarie: worüber er / als er aufgestanden / ein Lied verfasset.


Tycheno wolte weiter reden: aber Julietta / des Edelmanns Tochter / bate den Vatter / er möchte doch zu Tische kommen / weil die Speisen allbereit vorhanden wären. Demnach ermahnte Mussard seine Gäste /Wasser zu nehmen / und seine geringe Kost zu versuchen / nachdem sie ihn mit so vielen Wundern gespeiset. Er bate benebens / mit einer schlechten Malzeit sich heute zu gedulten[163] / weil er sich so vornehmer Gäste nicht versehen / auch die Unpäßlichkeit seiner Liebsten einige Hinternus besserer Aufwartung brächte. Mein Herr! (sagte Agapistus) die Entschuldigung wird dißmal von uns / die Gedult aber von ihm erfordert: und solten wir billig unsers Künheit bereuen /welche seiner Liebsten die notwendige Bedienung entzogen / und der Jungfer Tochter so viel Beschwerung verursachet. Das ist seine Höflichkeit! begegnete ihm der Edelmann. Diese schlechte Bewirtung kan mir keine Unruhe erregen / und erfordert mehr einen hungrigen Magen / der alle Speisen versüsset / als eine weitleufftige Entschuldigung. Die Herrn lassen sich nur belieben zu sitzen / sie werden über keinen Uberfluß klagen dürffen. Wie nun eine Höflichkeit die andere reitzet / als wolten diese gleichwok sich nicht niderlassen / biß Julietta zu ihnen käme. Derowegen befahle Mussard seiner Tochter / daß sie das übrige den Mägden befehlen / und diesen fremden Herrn / an statt ihrer kranken Mutter / zusprechen solte.

Hierauf setzten sie sich sämtlich zu Tische / und kam Julietta gerad neben Polyphilus zu sitzen: welcher seine Höflichkeit / in ihrer Bedienung / sehen ließe / und dadurch bey dem Vatter Ruhm / und bey der Jungfer Gunst erlangte. Der Edelmann war / mit Vorschneiden und Zutrinken / sehr bemühet / seine Gäste zu bewirten. So erwiese sich auch Julietta / im Vorlegen und Zusprechen / sonderlich gegen den Polyphilus / sehr freundlich / und entschuldigte sich /weil sie ihn nicht zum Essen nötigen könte / daß ihm diese ungeschmacke. Speisen keinen Lust zu erwecken vermöchten. Polyphilus /[164] der wohl wuste / daß das Frauenzimmer ihren Ruhm im Spiegel und in der Schüssel suchte / finge an / die Kost trefflich zu loben / und sagte: Wie es müglich wäre / daß die Gerichte nicht köstlich seyn solten / welche so schöne Hände hätten zubereiten helffen? Er gläube / daß auch die allerbitterste Speise / wann sie von solchen Händen vorgelegt würde / süße schmecken solte. Der Herr solte / (antwortete Julietta) mit seiner grossen Höflichkeit / mir bald eine Farbe ausjagen. So ein Ruhm gehöret nicht vor mich: Er wird vielleicht seine Liebste darunter ehren wollen. Ach nein! (versetzte Polyphilus) ich glaube nicht / daß ich immermehr so glückseelig werde / eine Liebste zu überkommen: dann ich sehe / daß meine Unvollkommenheit mir bey dem Frauenzimmer mehr Feindschafft / als Gunst erwirbet.

Julietta wolte antworten / aber der Vatter kame ihr vor / und sagte: Mein Herr stelle sich nicht so gar fremd! Ich weiß / wann die schöne Macarie zugegen wäre / sie würde diese Klage vor unnötig erklären. Mein Herr beliebet mit seinem Diener zu schertzen: (begegnete ihm Polyphilus) die Würdigkeit der allervollkommensten Macarie / ist viel grösser / als daß sie von meiner Wenigkeit solte bedienet werden. Ey doch! (antwortete Mussard) die Tafeln in dem Tempel / werden nicht vergeblich aufgehänget seyn. Selbige Tafeln / (sagte Polyphilus) sind gar schwer zu versiehen / weil sie einen doppelten Verstand führen; und halte ich davor / daß durch die Einsamkeit / welche ich aufheben solte / die Erlösung des Sch-osses / welches in wehrender Verbannung / mit seinen Inwohnern / von aller Gesellschafft der Menschen entfernet gewesen /[165] verstanden worden. Das fremde Joch aber /darunter Macarie soll gefangen ligen / scheinet noch unerfüllet zu seyn / deren vielleicht ein Unglück damit gedrohet ist. Nein! (versetzte der Edelman) das ist daß Joch der Liebe / in welcher er sie / als ein Fremder / bestricket hält. Diese günstige Auslegung /(sprach Polyphilus) hätte ich zwar zu wünschen / aber nicht zu hoffen: Dann Macarie hält noch vest über der Einsamkeit / und da sie gleich selbige ändern solte /fürchte ich doch / sie würde unter so vielen Liebhabern / die sich ihr in die Arme wünschen / nicht den geringsten erwählen.

Davor wird sie ihn auch nicht halten: widerredete Mussard. Aber was hat es dann gleichwol vor eine Bewandnus mit ihr? Ich habe unterschiedlich ihre hohe Beschaffenheiten rühmen hören / bin auch offt Willens gewesen / selbsten hin zu reisen / und dieser Dame Hoheit zu erkundigen: allein die unruhige Haußhaltung / die ich führe / so wohl auch das beschwerliche Alter / welches sich bey mir einfinden will / haben mein Vorhaben verhintert. Nun aber gibet mir das Glück die Mittel / auch ohne Hinreisen mein unruhiges Verlangen / durch der Herren warhafftige Nachricht / zu vergnügen. Ich möchte wünschen /(sagte Polyphilus) daß meine Kräffte zuließen / die Begierde meines Herrn in dieser Frage zu sättigen: ich sorge aber / mit meiner unberedten Zunge / der allerwürdigsten Macarie mehr Lob zu entziehen / als beyzulegen. Weil ich auch wenig mit ihrer Beywohnung beglückt gewesen / und vorhin in das Geschrey gerahten / als ob ich ihre Gewogenheit suchte / (welches von mir nicht allein unvernünfftig / sondern auch[166] unfruchtbar würde gehandelt seyn /) daher ich meine Erzehlung einiger Parteilichkeit könte schuldig machen: als will ich diesen Bericht meinem getreuen Freund Agapistus befehlen / welcher nicht allein einen zimlichen Weg ihrentwegen gereiset / sondern auch ihrer Gegenwart öffters genossen. Ob ich wohl weiß / (setzete Agapistus entgegen) daß Polyphilus / in dieser der Macarie Belobung / viel glückseliger seyn würde /so will ich jedoch nicht unterlassen / seinem Befehl zu gehorchen: weil vielleicht seine Passion mehr durch das hören / als durch das reden / will unterhalten seyn.

Ich bekenne demnach meinem Herrn / (fuhre er fort) daß / als ich auf meiner Reise gehöret / wie die Insul Soletten einen gar seltenen Schatz weiblicher Vollkommenheit verwahre / habe ich alsobald Verlangen getragen / dieses Englische Bild zu sehen / und durch ihre kluge Unterredung etwas zu erlernen / oder doch zum wenigsten den Ruhm / welchem die eitle Jugend allzeit nachtrachtet / mit nach Hause zu bringen / daß ich die jenige selbst angesprochen / welche das Gerücht aller Orten zu erheben suchet. In diesen Gedanken / reisete ich nach Soletten. Damit ich aber von der wunderbaren Erlösung des Schlosses Sophoxenien / davon auch die Welt bereits voll ist / zugleich gewisse Nachricht erhielte / nahm ich meinen Weg dorthin: da ich / so wohl von der Königin / als vom Polyphilus / und von dem ganzen Hof / gar gnädig und freundlich empfangen / und wohl bewirtet wurde. Nachdem ich aber alles erkundigt / und der Königin mein Vorhaben / die Macarie zu besuchen /eröffnet: wurde mir solches von ihr stark widerrahten / mit[167] Vorwenden / daß es ein nichtiges Geschrey sey / was von Macarie geredet werde / und ich könte in ihren Tempeln / mit weit mehrern Nutzen / Weißheit und Tugend lernen / als bey einem einfältigen Weibsbilde.

Dieser Befehl aber / welcher / entweder aus Neid gegen den Ruhm der Macarie / oder aus Gewogenheit gegen dem Polyphilus / den sie hierdurch von ihr abzuwenden suchte / hergeflossen / diente meiner unruhigen Begierde für einen Blaßbalg / selbige nochmehr anzufeuren: wie dann die verbottene Speise allzeit für süsser gehalten wird. Demnach unterließe ich nicht /sonderlich weil ich vom Polyphilus gestärket wurde /meine Reise fortzusetzen. Ich wurde aber / auf derselben / durch ein unvermutetes Unglück / in einen so verzweiffelten Zustand gebracht / daß ich lange Zeit gantz verirret / gleich einem unvernünfftigen Wild- Viehe / im Wald herum lieffe / und endlich / unverrichteter Sache / wieder nach Sophoxenien kame. Wiewol mir nun Atychintide dieses / als eine Strafe meiner Halsstarrigkeit / aufrupfte / so kunte sie doch damit mein Verlangen nicht dämpffen / sondern ich wagte es noch einmal / und zwar viel glücklicher /weder zuvor: weil ich nicht allein die Macarie zu sehen bekame / sondern auch ihres angenehmen Gesprächs gewürdigt worden.

Da muß ich nun bekennen / daß ich mehr gefunden / als gesuchet; mehr gesehen / als vernommen; und mehr erfahren / als geglaubet habe: daß ich also /ihre Würdigkeit nach gnüge zu beschreiben / meine Unvermögenheit freywillig bekennen muß; Ein Römischer Cicero / oder Griechischer Demosthenes[168] / solten hier meine Stelle vertretten / und ihre Kunst sehen lassen. Weil aber meine stammlende Zunge reden soll /so sage ich: Macarie / hat / wegen der Güter des Leibs und des Glücks / (die doch billig / von allen Vernünfftigen / vor die geringste Gaben gehalten werden) einen geneigten Himmel: mehr aber wegen der Güter des Gemüts und der Tugenden / welche bey ihr jene so weit übertreffen / daß ich gäntzlich davor halte / es habe allda die Weißheit ihren Thron / die Tugend ihren Tempel / und die Kunst ihren Helicon aufgeschlagen. Aus ihrer Gestalt / leuchtet Schönheit und Freundlichkeit; aus ihren Gebärden / Höflichkeit und Demut; aus ihren Worten / Klugheit und Wissenschafft; und aus ihren Handlungen / Kunst und Tugend / und zwar mit vollen Stralen. Mit einem Wort: Macarie / die treffliche Macarie / ist würdig / ein Schatz der Weißheit / ein Spiegel der Tugenden / eine Zierde des Frauenzimmers / und ein Wunder der Sterblichen / genennet zu werden. Mehr Lobs / will ich der jenigen nicht zulegen / die sich selbsten lobet. Ich gibe / (wie jener Mahler / der / durch Abbildung einer Hand / die größe des gantzen Menschen beschreiben wollen) mit diesen wenig Worten / den Ruhm der unvergleichlichen Macarie / meinem Herrn selber zu besinnen.

Diß Lob ist herrlich / (versetzte Mussard) und gibet wohl zu erkennen / daß der Herr bey den Liechtern der Wolredenheit / welcher er zu vorhin erwehnet / in die Schule gegangen: und glaube ich / daß kaum ein Apelles / oder Protogenes / eine Weibs-Person so vollkommen mahlen solte / als der Herr diese lebendig vorgestellet. Agapistus gabe hierauf[169] zur Antwort: Mein Herr glaube ja nicht / daß ich hierinn den Affecten Raum gegeben / sondern versichere sich /daß / so ein Fehler in dieser Beschreibung vorhauden / solcher viel eher von dem Mangel ihres Lobs / als desselben Uberfluß / herrühren würde.

So solten billig (sagte der Edelmann) alle Weibsbilder / ein Exempel der Nachfolge / von der hochgeschätzten Macarie nehmen / und die Eltern eine Lehre / daß sie nicht also / ohn Unterscheid / ihre Töchter aller Unterweisung entziehen / und mit ihnen in die Küchen und Haußhaltung eilen / sondern die jenigen / welcher Gemüte von Natur mit Geschicklichkeit begabet / zur Unterrichtung halten solten / damit sie nicht / in einer gezwungenen Unwissenheit verderben / und den Namen der Einfalt ohne Schuld trägen müssen. Ich schätze den Mann glückseelig / welcher der Liebe Macarie gewürdigt ist: solte er auch sonst aller Güter beraubt leben / und von keiner andern Zufriedenheit wissen. Freylich wird er glückseelig / (antwortete Agapistus) aber schwerlich zu finden seyn: Dann Macarie hält steif über dem Gelübde der Einsamkeit / und will von keiner Liebe wissen noch hören. Es wird aber Polyphilus / (sagte Mussard) nach dem Innhalt der Tafeln / solch Gelübde wohl aufzulösen wissen.

Hiemit ergriffe er ein Glaß / und tranke dem Polyphilus zu / auf Gesundheit der so hochgerühmten Macarie. Es hatte sich aber derselbe diesem Gespräche mit Willen entzogen / und indessen mit seiner Beysitzerin Unterredung gehalten; jedoch zugleich seine Ohren auf die Schildwacht[170] gestellet / und den Ruhm seiner Macarie so erfreut mit angehöret / daß er dem Agapistus tausendfachen Dank zuerkennte. Als ihm nun Mussard ihre Gesundheit zugebracht / bedankte er sich gar höflich / und sagte / er schätze sich seelig /dieses Glaß bescheid zu thun / und wünsche / daß er mit solchem Trunk / nicht allein der Tugend-gezierten Macarie / sondern auch aller ruhm-würdigen Damen /insonderheit aber seiner kranken Ehe-Liebstin / Gesundheit befördern solte. Und dieses redte er der Jungfer zugefallen / die ihm an der seiten saß / und durch das Lob Macarie in einen kleinen Widerwillen war gesezt worden.

Der Herr wird ohne Zweifel (sagte der Edelmann) sich bald wieder mit der Gesellschafft Macarien ergötzen / weil sie vielleicht öffters bey der Königin zu Sophoxenien zukehret. Nein zwar! (versetzte Polyphilus) Macarie verharret in der Einsamkeit / macht also nicht Beruf von Gesellschafft: zumal sie im Witwenstande begriffen. Wie ist es dann / (fragte der Edelmann ferner) mit dieser Königin beschaffen? was führet sie vor einen Staat? und welches Land ist ihrer Botmässigkeit unterworffen? Die wenige Wissenschafft / (antwortete Polyphilus) die ich hiervon erlanget / und damit meinem Herrn gern dienen will / komt mir von dem Parrisiastes / einem alten und verständigen Hof-Bedienten / der bey dem verstorbenen König nicht allein wohl gelitten war / sondern auch in so vertraulicher Gnade stunde / daß ihm derselbe alle seine Heimlichkeiten geoffenbaret. Dieser erzehlte mir in geheim / wie Atychintiden verblichener Gemahl /ein sehr kluger und vorsichtiger[171] Herr / sein grosses und volkreiches Land / eine geraume Zeit / glückseelig regiret / und mit dieser seiner Gemalin / etliche Jahre / in einem erwünschten Ehestand gelebet. Weil er aber keinen Erben erzeugt / und wegen eines Nachfolgers im Reich grosse Sorge truge / sonderlich weil sein Bruder / durch List und Gewalt / sich einzudringen suchte: ist er / in höchster Stille / mit ihm verreiset / und hat / unter dem Vorwand eines Gelübdes /ein Orakel gefragt / ob er noch einen Erben von seiner Gemalin zu hoffen hätte? Das Orakel hat ihm die Antwort ertheilet: Wann du von den Menschen und deinem Reich abgesondert bist / wird deiner Gemalin ein Sohn geschenket werden.

Diese geschraubte Weissagung / hat der König dahin gedeutet / er müsse sein Königreich eine zeitlang verlassen / und in der Einsamkeit leben / in welcher er einen Erben erzeugen würde. Dieses nun zu befördern / hat er die Regirung seinem Bruder / mit dieser Bedingung / abgetretten / daß er das Land / so lang er selbst ohne Kinder bleiben / beherschen: Dafern er aber einen Erben bekommen würde / solches wieder zu übergeben gehalten seyn solte. Er aber hat sich auf das Schloß Sophoxenien begeben / welches von einem seiner Vorfahren / zu samt den Tempeln /mit grossen Unkosten erbauet worden: Vorgebend /daß er der Regirung müde / seine übrige Jahre in Ruhe verschließen wolte. Als er aber kaum etliche Monat / in dieser Hoffnung eines Sohnes / gelebet /hat ihn eine geschwinde Krankheit ins Grab geleget: Der Königin aber / ist kurtz nach seinem Absterben /ihre Traurigkeit zu erleichtern / der Tycheno / von seiner[172] Mutter Melopharmis / zu einem Sohn verehret worden; womit dann / die gedachte Weissagung / weil der König durch den Tod / von den Menschen und seinem Reich gesondert gewesen / aber auf nicht vermeinte Art / erfüllet worden.

Auf diese Weise / ist Atychintide von ihrem Königreich abgekommen / und lebet nun in dem einsamen Witwenstande; erweiset sich auch / mehr eine Vorsteherin der Tugend / eine Pflegerin des Glückes / und eine Ernehrerin der Liebe / als eine regirende Königin: wie sie dann solchen Namen nicht gern dultet / da er ihr doch um so viel billiger gegeben wird / je löblicher es ist / sich seiner Hoheit / wegen der Tugend /selber äussern. Sie ist auch vielmehr bemühet / die Wissenschafft / Kunst und Tugend zu erlangen / auch solche / durch verständige und gelehrte Leute / der Jugend einzupflantzen / als Städte und Länder zu beherschen. Und ob sie wol / wie Parrisiastes bezeuget /einen unglaublichen Schatz von Gold / Edelgesteinen / und allem dem / was die Welt hoch zu halten pfleget / besitzet / angesehen ihr Herr alle seine Güter mit sich genommen: so hat sie doch gelernet / solche gegen der Weißheit gering zu schätzen / und verwendet ihren Reichtum / mehr zur Freygebigkeit gegen Freunde und Notdürfftige / als zum Pracht und Hochmut: daher sie den Ruhm einer woltätigen und demütigen Prinzessin mit gutem Recht verdienet. Uber das / ist sie überaus vernünfftig und tugendhafft / und stellet sich zu einem lebendigen Ebenbilde der Sitten-Lehr / welche ihre Tempel vorstellen: daß also die Mißgunst selber / an dem Leben dieser Königin /nichts wird zu tadeln finden.[173]

Das ist ein treffliches Lob / (versetzte Mussard) von einer so vornehmen Dame / und findet wenig ihres gleichen: Dann wer die Freyheit hat / böses zu thun / und doch in dem guten verharret / ist doppelter Berühmung würdig. Die Herren haben heute zwey Weibs-Personen von solcher Vollkommenheit auf den Schauplatz geführet / daß sie billig viele Mannsbilder beröten / und diese von ihnen lernen solten / den Tugenden eifriger nachzustreben: damit nicht ihre Stärke von jener Schwachheit überwunden / und des gewöhnlichen Vorzugs entsetzet würde. Als Mussard noch also redte / legte die Jungfer dem Polyphilus von einer Torten etwas vor / und bate / diß Gerichte auch zu versuchen. Dieser bedankte sich für die Bemühung / und sagte: So viele Höflichkeiten seyen ein Verweiß seiner Grobheit / welche er in ihrer Bedienung sehen ließe.

Agapistus thäte hinzu: Es wäre nun auch Zeit / dieser Unruhe ein Ende zu machen / und sie allerseits der Nacht-Ruhe zu überlassen. Polyphilus bestätigte solches / und stunden sie damit von der Malzeit auf. Der Edelmann bate sehr inständig / noch ein wenig zu verharren / und sagte: er wüste gewiß / daß sie mit hungrigen Mägen zu Bette giengen / weil sie nicht allein wenig Speisen gehabt / sondern auch / dieselben zu geniessen / durch seine vorwitzige Fragen wären abgehalten worden. Wer bey vollen Schüsseln (widerredte Agapistus) Hunger leidet / hat niemand als sich selbsten anzuklagen. Mein Herr vergebe uns / daß wir / mit so vieler Ungelegenheit / diesen Abend verlängert. Im geringsten nicht! (begegnete ihm der Edelmann)[174] ich sage vielmehr schönen Dank / vor ihr freundliches Gespräch / und bitte meinen unhöflichen Bemühungen zu verzeihen / und mir hinwieder Gelegenheit zu geben / meine Dankbarkeit in ihrer Bedienung sehen zu lassen. Damit brachte er ihnen noch eines / zur glückseeligen Nacht / und sagte: er wolte sie gern länger aufhalten / wann er nicht fürchtete /daß sie / als müd von der Reise / die Ruhe verlangen würden.

Unter diesem Gespräche / schwätzte Polyphilus mit Julietta / dankte vor ihre Bewirtung / und sagte: er preise seinen glückseeligen Irrtum / der ihn von der rechten Straße verleitet / und einen so angenehmen Irrweg geführet / dadurch er die Ehre ihrer holdseeligen Gegenwart erlanget. Julietta / welche auch nicht einfältig war / gab zur Antwort: Es scheinet / mein Herr irre heut allerwegen / nicht allein in seiner Reise / sondern auch in diesen Worten / die viel billiger vor die Tugend-gezierte Macarie / als vor meine Wenigkeit gehören; massen sie / so wohl wegen ihrer vortrefflichen Gaben / als wegen der Liebe Polyphili /vor glückseelig zu schätzen ist. Ach! schöne Jungfer! (versetzte Polyphilus) wer bey Macarien mehr liebet /als Kunst und Tugend / wird nicht allein eine vergebliche Arbeit verrichten / sondern auch eitel Undank zu Lohn bekommen: thut sie mir derowegen zu viel /wann sie meinet / daß ich / ausser Tugend und Wissenschafft / einige Liebe bey ihr suche. Wer wolte aber nicht / (fuhre Julietta fort) wegen eines so köstlichen Schatzes / auch den herrlichen Schrein / welcher ihn verwahret / lieben / der ja nicht weniger / als der Schatz selber gläntzet? Das würde wohl billig /[175] (sagte Polyphilus) aber gantz vergeblich seyn: weil man leichter etwas von dem Schatz / als von dem Schrein / erlangen könte.

Die Jungfer wolte wieder antworten: allein / weil Agapistus und Tycheno bey dem Vatter allbereit Abschied genommen / muste Polyphilus dergleichen thun / und dißmal sein Geschpräch einstellen. Nachdem sie nun allerseits einen sanften Schlaf angewünschet / wurden sie durch den Diener zu ihrer Schlafkammer geführet / von Julietten aber einen zimlichen Weg begleitet: da sie nochmal gar freundlich gute Nacht gaben / und sich in die Kammer verfügten. Polyphilus dankte daselbst dem Agapistus / wegen des Ruhms / welchen er der Macarie beygeleget / und sagte: Er wisse / wann sie zu gegen gewesen / sie würde mit einem Gedichte sich selber bedanken. Das ist unnötig / (sagte Agapistus) weil ich darinn nicht mehr gethan / als was ihre Würde und meine Pflicht erfordert. Ihre Gegenwart aber / wäre heute nicht zu wünschen gewesen: weil sie vielleicht / wegen eurer Freundlichkeit gegen Julietta / einen kleinen Eiffer würde empfunden haben.

O der kalten Freundlichkeit! (antwortet Polyphilus) die meine Macarie im geringsten nicht verletzet. Wer weiß / (versetzte Agapistus) ob sie auch so kalt ist? meines Erachtens / ist Hitze genug dabey gewesen. Ja! (sagte Polyphilus) wann ich in eurer Haut steckte /und alle Weibsbilder / wie ihr / lieben könte / würde mir diese Zunders gnug gewesen seyn. Aber ihr wisset / daß ich gantz anderst gesinnet bin. So werdet ihr auch einen Unterschied machen / unter Liebe und Höflichkeit:[176] welche letzere man nicht unterlassen kan / auch von Macarie nicht verbotten ist. Die Entschuldigung ist gut: (begegnete ihm Agapistus) aber gedenket derselben nur nicht / in Beywesen der Macarie. Erinnert mich auch ja nicht der heutigen Wirtin: sonst werde ich auch wunderlich reden. Ach! (sagte Polyphilus) wären wir nur erst bey Macarien! das übrige würde sich wohl schicken. Ich will / um dieser Bedrohung willen / nichts unsänffter schlaffen / und wünsche auch euch eine ruhige Nacht. Agapistus erwiederte den Wunsch / und begaben sie sich also beyde zu Ruhe. Polyphilus / wie er mit dem Gedächtnus seiner Macarie einschlieffe / also hatte er auch von ihr einen so süssen Traum / daß er / nachdem er erwachet / eine Verlängerung solches angenehmen Betrugs wünschte. Er kunte aber über dem Nachdenken / nicht mehr zum Schlaf gelangen / sondern dichtete / die Zeit zu kürtzen / nachfolgendes Lied / welches er / so bald er aufgestanden / in seine Schreib-Tafel zeichnete.


1.

Ach! Schönste der Schönen! wann kommet die Stunde /

Wann bricht doch der fröliche Morgen heran /

Der meine Begierde ersättigen kan?

Wann werd ich an deinem holdseeligen Munde /

Mit Küssen / versüssen

Den Willen /

Und freudig erfüllen /

Was meine geängstete Seuffzer kan stillen?

Wann werden die Sinne / nun Schmertzen-verlezt /

Durch Freundlichkeit endlich in Ruhe gesetzt?


2.

Diana hat viermal schon Hörner getragen /

Und rückwarts den silbernen Zügel gewandt /

Seit das ich / von deiner Gesellschafft verbannt /

Must über Gefängnis und Hertzenleid klagen.[177]

Das Leiden / und Streiten

Das Lieben /

Ohn Hoffnung getrieben /

War biß auf die Stunde mein schmertzliches üben:

So / daß mir darüber das Leben entweicht /

Die Farbe mehr einem Verstorbenen gleicht.


3.

Doch sollen nicht alle die Kräffte erligen /

So lang sich Macarie liebend erweist.

Die Hoffnung / ermundert den sinkenden Geist:

Nach Leiden / folgt Freuden; nach Kriegen komt Siegen.

Ich führe / die Ziere /

Die Krone

Der Frauen / zum Lohne /

Die würdig solt sitzen auf herrlichem Throne.

Die Weißheit und Tugend hoch haben gebracht /

Wird letzlich der Liebe doch dienstbar gemacht.


Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 163-178.
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