Fünffter Absatz

[178] Mussard zeiget / am Morgen / seinen Gästen etliche Gemähle / (deren eines / von der langsamen / aber beständigen / Liebe redet /) und seine Kunstkammer. Ihr Gespräche / beym Früstück / von den Tyrannen; und Mussards vernünfftige Rede / von Unbeständigkeit des Hofglücks / und Gefärlichkeit der Hof-Dienste.


Polyphilus / nachdem er dieses verfasset / gienge ans Fenster / zu erkundigen / was sie vor Wetter haben würden: da er dann bald warnahm / daß der silberfarbe Winter-Regen / nicht allein der Erde ein weisses Hemd angezogen / sondern auch die gantze Lufft erfüllte / und ihre Reise[178] unbequem machen wolte. Er erschracke nicht wenig hierüber / weckte den Agapistus aus dem Schlaf / und vermeldete ihm / wie ihr Weg allbereit verschneyet sey. Selbiger / noch halb schlummerend / antwortete: So bleiben wir hier! Es könte nicht schaden / (erwiederte Polyphilus) wann wir fremden Leuten so lang auf dem Hals lägen / und wann wolten wir nach Hause kommen? Wann besser Wetter wird: versetzte Agapistus. Aber Polyphilus schüttelte den Kopff / weil ihm nach Macarien verlangte / und gedachte viel anderst. Nachdem nun auch Agapistus / und Tycheno aufgestanden / und sich angekleidet / auch dem Himmel vor den gnädigen Schutz der Nacht / neben dem Polyphilus / gedanket /verfügten sie sich sämtlich in das Wohnzimmer / und wünschten dem Edelmann / und der Jungfer / welche auch allbereit das Bette verlassen hatten / einen frölichen Morgen. Mussard bedankte sich höflich / und sagte: Er möchte wünschen / daß sie allerseits wohl geruhet hätten / fürchte aber / das harte Lager werde solches verhintert haben. Ach nein! (antwortete Polyphilus) das Lager ist so sanfft gewesen / daß wir fast zu lang geschlaffen / und einen guten Theil von unsrer Reise versäumet haben. Die Reise (versezte der Edelmann) wird heut müssen aufgeschoben werden: Der Schnee hat ihenn schon den Arest angekündet. Wir werden uns aber (versetzte Agapistus) nicht also unverschuldt arestirn lassen / sondern mit gewalt durch die Wacht brechen. Das ist gar gefährlich! (sagte Mussard) die Herrn gedulten sich nur heute; Morgen wird gewiß besser Wetter werden.[179]

Sie entschuldigten sich aber / wie sie so notwendig eilen müsten / weil sie bereit einen Diener voraus geschickt / und der Königin ihre Ankunfft wissen lassen: welche ihr dann / wann sie lang verzögen / allerhand Gedanken machen / und ein Unglück besorgen würde. Ey / so verharren sie doch (sagte Mussard) nur ein par Stunden; es scheint / als wolte es nachlassen zu wittern: alsdann will ich sie selbst begleiten. Ich hab eine kleine Verrichtung bey einem meiner Vettern abzulegen / dessen Wohnung auf diesem Weg nach Sophoxenien liget. Die kan ich dann ablegen / und sie zugleich auf die rechte Strasse führen. Sie musten Ehren halben hierein willigen / wie ungern auch Polyphilus daran kame / und sagte er: Diese Bitte wäre ein Befehl / welchem sie billig gehorchten / wofern nur ihre Gegenwart nicht mehr Unruhe erregen möchte. Es ist kein Befehl / (versetzte Mussard) sondern eine freundliche Bitte / welche ihrer angenehmen Gesellschafft noch etwas zu geniessen verlanget.

Damit befahle er Julietten / daß sie ein Früstück solte bereiten lassen: Er aber führte seine Gäste im Haus herüm / und zeigte ihnen allerhand Gemähle / so wohl von neuen als alten Künstlern verfertigt. Polyphilus betrachtete vor andern / ein Sinnbild / und zwar so lang / daß er endlich vom Mussard gefragt wurde / was ihme an dieser Tafel gefalle / die Arbeit oder die Erfindung? Ich weiß nicht / (versetzte Polyphilus) was ich aus diesem Thier / daß einer Katzen nicht ungleich sihet / machen soll. Es ist (berichtete der Edelmann) das Americanische Thierlein Ha oder Haut / welches etliche Faulheit nennen / von wegen seines sehr[180] langsamen Ganges: Dann es / einen gantzen Tag / kaum fünfzig Schritte / ja / wie andre wollen / in funfzehn Tagen keinen Steinwurff weit / fort gehen kan; es wird in gemein / als ein Bild der Faulenzer und Müssiggänger / aufgestellet.

Ich habe es (fuhr er fort) etlicher Ursachen wegen /hieher setzen lassen / unter andern auch den Lauf der Liebe vorzubilden / als welche billig langsam und mit guten Bedacht soll geführet werden / weßwegen die Alten den Liebhabern Schneckenfüsse zugeeignet: und habe ich noch keinen / in seiner Verehlichung /die Langsamkeit / gar viele aber die Ubereilung / beklagen hören / welche auch nie schädlicher ist / als in diesem Bande / das nur der Tod aufzulösen vermag. Und gleich wie dieses Thier so jämmerliche Augen hat / daß so wohl Menschen als Thiere / so bald sie deren ansichtig werden / zu Mitleiden / und Erbarmung gegen dasselbe beweget werden: also sind auch die jenige / welche in den Schranken der Liebe lauffen / so vielem Unglück unterworffen / und führen ein so elendes Leben / daß sie billig Mitleiden verdienen.

Es hat aber dieses Thierlein / in seinen zwar geringen Füßlein / solche Krafft und Stärke / daß es alle die Sachen oder Thiere / die es ergreiffet / dermassen vest hält / daß man sie nicht ledig machen kan. Hiemit lehret es / (welches auch die Uberschrifft / zwar langsam / aber veste / andeutet /) daß ein Verliebter das jenige / was er mit gutem Vorbedacht erwählet /und mit vieler Mühe erlanget / hernach desto fäster halten solle. Dann was liederlich erworben / ist gemeiniglich auch von liederlichem Wehrt / und wird wieder liederlich verlassen:[181] Was aber schwer zu erwerben / wird viel fäster gehalten / und ist auch weit höher zu schätzen.

Was hätte den Polyphilus mehr vergnügen können /als diese warhaffte Fürbildung seiner arbeitseeligen Liebe: Freylich / Allerschönste Macarie! (gedachte er bey sich) habe ich langsam eure Gunst erlanget / und noch langsamer kan ich derselben geniessen. Ach! was Unglück hat meine Liebe allbereit überstanden! und wie viel billiger verdiene ich Mitleiden / als die traurige Augen dieses langsamen Thierleins! doch tröstet mich der hohe Wehrt eurer Trefflichkeit / welcher viel grösser / als meine Arbeit / und der allerschwersten Bemühung wol würdig ist. Ich werde / nach der Lehre dieses Sinnbilds / euch zwar langsam aber vest erhalten / und aller meiner Bemühungen wieder ergötzet werden.

Inzwischen Polyphilus mit diesen Gedanken sich unterredte / belustigste sich Agapistus mit einem andern Gemähl / welches einen verguldten Zepter /Degen und Schäferstab / auf einem Tisch ligend vorzeigte / mit dieser Obschrifft: Allezeit schätzbar. Er erkannte alsbald / daß durch das Gold / die Tugend /welche in allem Unglück / wie dieses edle Metall mitten in der Glut / rein erfunden wird / müsse verstanden werden; und daß diese güldene Tugend / sowol den schlechten Hirtenstab / als den Königlichen Zepter und sieghafften Degen ziere / und / nach der Beyschrifft / Allezeit schätzbar sey. Wiederum betrachteten sie / einen geblößten Jüngling / welcher auf einem stück von einem gescheiterten Schiffe sitzend / mitten in der See (in welcher das zerbrochene Schiff /[182] mit allen Gütern zu Grund gienge) daher schwamme / und in der linken Hand ein Buch / in der rechten aber /einen Mercurius Stab hielte / mit dieser Obschrifft:


Wann alles fleucht:

Diß nicht entweicht /

Das Land erreicht.


Diß / (sagte Polyphilus) bedeutet ohne Zweifel die Kunst / welche uns / wann wir gantz entblösset / auch von Menschen und Glück verlassen scheinen / dannoch schützet: die kein Strassenrauber abnehmen /kein Schiffbruch versenken / kein Feuer verzehren /und kein Neider verletzen kan; die so lang / als wir selber / bleibet / und uns keinen Mangel leiden lässet.

Sie hätten mehr Gemälde betrachtet: aber Mussard eröffnete seine Kunst-Kammer / und zeigte ihnen daselbst allerhand seltene Schrifften / künstliche Uhren /und alte Müntzen / wie auch viel Gewehre / wie sie von unterschiedlichen Völkern gebraucht werden. Hiermit hielte er sie so lang auf / biß die Jungfer an zeigte / daß es Zeit zur Malzeit wäre. Hierüber erschracken sie / und fragten: ob es dann schon Mittag wäre? Ach nein! (antwortete Julietta) es ist nur ein schlechtes Früstück / dabey man den Mittag erwarten kan. Also folgten sie dem Edelmann / der sie die Kost zu versuchen ermahnte. Sie baten um Vergebung / so vieler gemachten Ungelegenheit / und sagte Polyphilus: Sie wären wol vor der Jungfer beschamt / daß sie zu solcher Unruhe Ursach gegeben / und wüsten sich mit nichts / als ihres Herrn Vatters Befehl zu entschuldigen. Wann ich / (versetzte der Edelmann)[183] mich eines Befehls anmassen dürffte / so wolte ich sie auf etliche Tage hier gefangen setzen: damit ich ihrer Gegenwart länger geniessen könte. Das würde / (begegnete ihm Agapistus) eine süsse Gefängnus seyn / und weit erträglicher / als die jenige / aus welcher wir kommen.

Ich erinnere mich / (sagte Mussard) daß sie gestern derselben erwehnet: und / da ich nicht vorhin gnug Unhöflichkeit / mit vielen beschwerlichen Fragen /begangen / dörffte ich bald auch wegen dieser Gefängnus üm Bericht bitten. Diese wenige Beschwerung / mein Herr! (antwortete Agapistus) wann anderst eine schuldige Willfahrung diesen Namen führen soll / ist ungleich geringer / weder die jenige Unruhe / welche unsre kühne Einkehr verursachet. Wir sind verbunden / auch hierinn zu dienen. Hierauf er zehlte er alles / was sich / mit ihrer Abreise / Gefängnus / und Erledigung / biß daher zugetragen; worüber sich Mussard sehr verwunderte / und nicht ohne Bewegung sagte: Es ist gut / daß dieser Ungerechte nicht in einem höhern Gewalt herrschet / sonst dörfften wir einen Römischen Nero / oder Moscowitischen Basilowitz / an ihm erleben. Polyphilus sagte: Er habe viel von dieses Groß-Fürsten grausamen Thaten erzehlen hören / und müsse derselbe ein unbarmhertziger Wüterich gewesen seyn?

Freylich / (versetzte Mussard) ist er der allerschrecklichsten Tyrannen einer gewesen / welche jemals den Erdboden beschweret: also daß er billig der andere Nero genennet wird. Dann auser dem Mutter-Mord / wiewol dieser auch seinen eignen Sohn erstochen / werden die Unthaten Neronis /[184] fast lauter Tugenden scheinen / gegen dieses Ertzbößwichts abscheulicher Tyranney: welche weit schrecklicher / als daß sie können geglaubet werden. Tacitus verwundert sich / warum doch die Götter den Nero / nachdem er seine Mutter und seinen Lehrmeister erwürget / dennoch eine geraume Zeit im Regiment sitzen / und allerhand Bubenstück verüben lassen? Aber / viel billiger solte man sich wundern / daß der gerechte Himmel / diesem unmenschlichen Tyrannen / so lange Zeit zugesehen / und ihm nicht ein kaltes Eisen die Brust durchbohren lassen: Wann wir nicht wüsten / daß solche ungerechte Regenten / Ruhten der Göttlichen Rache / über unsere Boßheiten wären / die er / nach verübter Strafe / wieder zerbricht / und ins Feuer wirfft. Wie dann auch diese Bestie / zwar keines gewaltsamen / doch eines verzweiffelten Todes gestorben / und von der Zeit an / daß er seinen Sohn ermordet / keine fröliche Stunde mehr gehabt / sondern die Henker und Folterer / die Spieße und Schwerter / die Stiche und Biße / eines verwirrten Gewissens / unaufhörlich empfunden: biß er endlich seinen verfluchten Geist / dem jenigen / welchem er damit im Leben gedienet / mit Furcht und Zittern wieder eingehändiget.

Er soll aber / (sagte Polyphilus) einen geschwinden Verstand / und gute Gedächtnus gehabt haben: ist also Wunder / daß er / bey solchen Gaben / in so schändliche Laster gerahten. Wie die Frommen / (begegnete ihm der Edelmann) ihren Verstand zu Vermehrung und Fortpflantzung der Tugenden anwenden / also mißbrauchen hingegen die Bösen solche edle Gaben / zu Bedeckung oder Vollziehung[185] der Laster; wie dann dieser Wüterich / seine Gedächtnus /zu Bemerkung der Gefangenen / seine Vernunfft aber / zu Erfindung allerley Marter / oder zu dem unnützen Spielen gebrauchet. Hat er hierzu Lust gehabt? fragte Agapistus. Ja freylich! (versetzte Mussard) Aber gemeinlich hat er das Spielen beschlossen / wie eine Katze mit den Mäusen. Wie er dann / auf eine Zeit / mit etlichen seiner Landherren / sehr bedächtlich und scharffsinnig gespielet: als er es aber dessen genug gehabt / allen denselben / sie hatten gleich gewonnen / oder verloren / ohne Unterscheid / Ohren /Nasen und Lippen abschneiden / und sie hernach elendiglich erwürgen lassen. Das ist erschröcklich zu hören! (sagte Polyphilus) und wer hat dann diesem Unmenschen dienen mögen / da seine Gnade so gefärlich / und er weder der grossen noch kleinen verschonet?

Ach! mein Herr (versetzte der Edelmann) nicht allein bey diesem unsinnigen Groß-fürsten / sondern auch bey klugen / und / dem Ansehen nach / gar gütigen Fürsten / sind die Hof-Dienste / so gefährlich /daß ich keinem / der sonst ein ehrliches Auskommen hat / dazu rahten wolte. Ich hab / in meiner Jugend /einem sehr frommen und freundlichen Fürsten gedienet / bin auch von demselben / über mein Verdienst /erhaben und begnadet worden. Aber nachdem ich betrachtet / daß die Sonne / welche mich begläntzte /dem Unbestand unterworffen / und der prächtige Stul / welcher mich damals truge / auf so gebrechlichen Füßen ruhete: habe ich denselben gutwillig verlassen / damit ich nicht mit ihm stürtzen möchte / die Hof-Gnade / nicht ohne Verwunderung und Mißfallen meines so gewognen[186] Prinzen / gesegnet / und / in Besitzung meiner vätterlich-ererbten Güter / meine Ruhe und Sicherheit / ob gleich bey geringerm Ansehen /gesuchet: welcher Wechsel / mich destoweniger gereuet / je mehr ich täglich erfahre / wie viel vornehme Ministern / an unterschiedlichen Höfen / unversehens von ihrer Hoheit gestürtzet / der Gnade ihrer Fürsten /welche ihnen doch so notwendig ist / als die Lufft selber / beraubet / elendiglich ersticken müssen / und als eine Leiche des Glückes / allen Vorbeygehenden zu stinken.

Ich hätte aber vermeinet / (sagte Agapistus) wann ein Hof-Bedienter seinem Prinzen redlich und vernünfftig diente / die Gerechtigkeit beförderte / und sich sonst in seinen Schranken zu halten wüste / es könte ihm sein Glück nicht so bald umgestürtzet werden. Dann es bezeuget die Erfahrung / daß die meinsten durch ihre Hoffart gefället / und ihr Unfall mehr ihren eignen Lastern / als der Unbeständigkeit des Glückes / zuzuschreiben. Ich will nicht laugnen / (begegnete ihm Mussard) das ihrer viele der Gnade der Fürsten / die sie gemeinlich / mehr durch Heucheley /als treue Dienste erlanget / boßhafftig mißbrauchen /und zu Beneidung der höhern / Unterdruckung der Untern / Bereicherung ihrer selbst / und Verderbung des Landes / anwenden: daher ihr Fall eine Bestraffung / und kein Unglück zu nennen ist. Es kan aber auch einer / der sein Glück auf lauter Tugenden gründet / auch mit Klugheit und Vorsicht bewachet / vor dem Fall nicht sicher seyn. Dann die Hof-Gunst ist viel unbeständiger / als daß sie ihr von unserm Wohlverhalten solte Fessel anlegen / und zu stäter Dienstbarkeit sich[187] verpflichten lassen: und erweiset sie ihre Freyheit / so bald in Belohnung der Schmeicheley /als der Warheit und Aufrichtigkeit. So suchet auch die Ungerechtigkeit alle Welt zu beherschen / und ist nicht vergnüget / wann sie tyrannische Fürsten regiret / sondern sie bemühet sich auch / bey gerechten und tugendhafften Prinzen / unter den Mänteln der Staats-Rähte / einzuschleichen / und ihr schädliches Gifft auszusäen. Wer nun obligender Pflicht wegen /dieses Land-verderbliche Thier anschreyet / und auszujagen suchet / wird von dessen gifftigen Zähnen /dem Neid / Verleumdung / und allerhand Nachstellungen / an Ehre und Glück verletzet werden: Dann es geschihet nicht selten / daß ein frommer und gütiger Herr / durch die Ohrenbläser / zu tyrannischen Thaten gegen Unschuldige verleitet wird.

Ich gebe gern zu / (sagte Polyphilus /) daß die Großen bey Hof vieler Gefahr unterworffen sind / und auf eitel scharffen Spitzen gehen / die sie leicht verwunden können: angesehen der Neid dem Glük auf dem Fuß nachzufolgen pfleget / und die allerlöblichste Thaten mit seinem Geiffer zu beschmitzen suchet. Demnach thut der / so zu Hof leben muß / am sichersten / wann er sich den hohen Klippen / welche von allen Winden angefochten werden / entziehet / im mittelmässigen Glück ruhet / und sein Ehrenbild auf den festen Stein eines guten Verdienstes setzet: damit es nicht so leichtlich beweget / und von allerhand Zufällen umgerissen werden möge. Wer sich (gabe Mussard zur Antwort /) einmal auf das unruhige Meer der Hof-Dienste gewaget / und die Segel seines Glücks /nach dem[188] Winde Fürstlicher Gnade ausspannet / muß nachmals dem begehrten Wind folgen / wohin er von demselben geleitet wird / und stehet alsdann sein Steigen oder Ruhen / nicht mehr in seiner / sondern in seines Printzen Gewalt: der / gleich einem Münzer /Macht hat / einen schlechten Groschen oder schönen Schau-Pfennig aus ihme zu schlagen. Wie ein Hammer / ein elendes Werckzeug ist / und von der Hand /die ihn führet / bald erhaben / bald wieder gesenket wird: also wird auch mancher Hof-Bedienter / durch eben die Gnade / welche ihn unbegehrt erhöhet / ohne Schuld offt wieder gestürtzet.

Mein Herr wird etwan einwenden / man solte sich solcher gefährlicher Erhöhung selbst äusern / und die angebottene Ehre von sich ableinen. Aber / wer ist von der selbstliebe so gar befreyet / daß er die Gelegenheit / wann sie dergestalt sich ihme bey den Haaren zeiget / nicht ergreiffe? in Betrachtung / daß sie im Nacken kahl / und die Potentaten eben so leicht über die Verachtung ihrer Gnade / als über der ungestümmen Forderung / erzürnet werden. Wer besteiget nicht das Roß / welches ihme von dem Glück selber vorgeritten wird? Es ist ja viel ergetzlicher / befehlen / als gehorchen; viel rühmlicher / herschen / als beherschet werden; und viel herrlicher / Gnade ausgeben / als üm Gnade bitten. So wird auch die Gefährlichkeit der hohen Berge / gemeinlich erst nach dem Fall / und im Thal des Unglücks / erkennet. Oder / da gleich ein gar vernünfftiger die beständige Unbeständigkeit des Glückes / auch mitten im Glücke / betrachtet / hat er doch keine Gelegenheit / sich aus demselben zu wickeln / und kan[189] von dem Gipffel der Hoheit zu kommen / keine Bahn / ohne durch das gestürtzte Glück / finden.

Der vortreffliche Seneca / hätte dem Käyserlichen Hof gern gute Nacht gegeben / und war bereit / nicht allein seine Ehren-Aemter und Ansehen / sondern auch sein grosses Gut / und Vermögen / dem Käiser einzuhändigen: aber er kunte es nicht erhalten / und wurde von dem tollen Nero gezwungen / zu sterben; zwar mit der Gnade / daß er ihm selbst die Art des Todes erwählen mochte. Und ob gleich nicht alle Fürsten so tyrannisch / wie dieser / so wohnt ihnen doch mehrernteils hoher Muth und hitzige Begierde bey: welche billig ein jeder / wie ein brennendes Feuer /fürchtet. Wann ich einen erwachsenen Sohn hätte /wolte ich ihm lieber rahten / sein Glück im Krieg / als an grosser Herren Höfen zu suchen. Dann ob gleich auch dieser voll Gefahr ist / so kan man sich doch leichter gegen einem öffentlichen / als heimlichen Feind verteidigen: und sind die entblöste Klingen und gezuckte Pistoln bey weitem nicht so gefärlich / als die tieffe Reverenzen und höfliche Complimenten. Wiewol heut zu Tag / die balsamirte Dienste mehr /als die blutige / belohnet werden. Würde er dann gezwungen / an Höfen zu leben / und zu einigem Ansehen erhaben: so möchte er seinen endlichen Fall vor gantz gewiß halten / und denselben mit einem freyen und beherzten Gemüt erwarten / und seine Sicherheit mehr dem geneigten Glück / als seiner Klugheit und Vorsichtigkeit / zuschreiben; auch viel mehr bemühet seyn / die Gnade des Himmels / weder seines Fürsten / und den Ruhm eines unverletzten Gewissens /als der eitlen Ehre und Herrlichkeit zu erhalten.[190]

Mein Herr hat (sagte hierauf Polyphilus) die gefärliche Hof-Dienste vernünfftig und warhaftig beschrieben. Ich werde auch seine tugend-gegründete Warnungen fleissig in acht nehmen / und mich nimmermehr nach Hof-Stellen gelusten lassen. Wir müssen aber die gemachte Unruhe beschließen / und / weil sich der Himmel wieder hell machet / unsere Reise fördern. Hiermit wolte er aufstehen; aber Mussard bate sie / noch eine kleine Weile zu verziehen / und sagte: Er könne nicht sehen / daß er seinem Raht nachzukommen gedenke / weil er so sehr wieder nach dem Hof eile. Ach nein! (versetzte Polyphilus) Sophoxenien ist nicht so wohl ein Hof / als eine Tugend-Schul zu nennen. So bleiben sie dann nur / (sagte der Edelman) biß ich mich / sie zu begleiten / färtig mache. Ich habe albereit den Schlitten zu bespannen /angeordnet: und weil es sich mit meiner Liebsten bässert / will ich ihnen / mit meiner Tochter / eine weile Gesellschafft leisten. Womit werden wir aber (sagte Agapistus) diese Ehre erwiedern? Mein Herr bemühet sich gar zu viel. Gantz nicht / mein Herr! (antwortete Mussard) ich habe vielmehr meine Zeit / die ich sonsten in der Einsamkeit verschließe / mit ihrer Gesellschafft gar nützlich zugebracht / und bin an Wissenschafft viel reicher worden. Wir haben solches mit mehrerm Recht zu rühmen / (erwiederte Polyphilus) im übrigen aber zu danken / daß mein Herr unsern Erzehlungen so geneigtes Gehör gönnen wollen.[191]

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 178-192.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Titan

Titan

Bereits 1792 beginnt Jean Paul die Arbeit an dem von ihm selbst als seinen »Kardinalroman« gesehenen »Titan« bis dieser schließlich 1800-1803 in vier Bänden erscheint und in strenger Anordnung den Werdegang des jungen Helden Albano de Cesara erzählt. Dabei prangert Jean Paul die Zuchtlosigkeit seiner Zeit an, wendet sich gegen Idealismus, Ästhetizismus und Pietismus gleichermaßen und fordert mit seinen Helden die Ausbildung »vielkräftiger«, statt »einkräftiger« Individuen.

546 Seiten, 18.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon