Anderer Absatz

[161] Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Glücks-Tempel / und wie derselbe gebauet / und gezieret gewesen: Lehret die nahe Verwandnus / der Tugend-Kunst / mit dem Glück; bewähret die Ursachen der Ungleichheit unter den Menschen; berichtet von dem Glück / daß es nicht ein blinder Zufall; nicht auch ein Sternen-Blick: sondern Gottes so gefälliger Wille und Ordnung sey.


Wir kommen aber wieder zu unserm Polyphilo. Dieser wurde / seinem sehnlichen Verlangen nach / von dannen in den Glücks-Tempel geführet. So bald er die Schwelle betretten / verführete die Mannichfaltigkeit der Dinge / so ihm von ferne ins Gesicht fielen / die Augen dermassen / daß das wundrende Gemüth seinen Füssen den Vortritt verwehrete. Er nahm ihm vor / alles viel eigentlicher / und mit guter Weil zu besehen: darum er stracks im Eingang stille stund /und das Gerüst besahe / so über der Thür inwendig aufgemacht war. Dieses zeigete den sonst bekanten Eunomium / zugenahmet[161] Locrinus / mit seiner Zittern / darauf eine Saite gesprungen / an dessen Stelle sich eine Zitschrende Heuschreck gesetzet / die das Maul aufsperrete. Lachen und Dencken überfiel Polyphilum auf einmal / weil er nicht verstehen kunte /was das in sich hätte. Darum die Königin / welche sein Verlangen bald merckete / Clyrarcham ihm zugesellete / mit dem Befehl / die Geheimnus / so in diesem Tempel verschlossen / Polyphilo zu eröffnen. Dieser fieng nach abgelegtem Gruß / seine Red mit solchen Worten an:

Viel beglückter Polyphile! der Reichthum eures Glücks ist so groß / daß er nicht leicht wird ergründet werden: Ihr aber mißbrauchet der Gütigkeit des gewogenen Himmels. Verzeihet mir / Polyphile! daß ich euch so anrede. Meine Pflicht leidets nicht anders. Ihr wisset / wie ein zerbrechliches Ding sey das Glück /und wie bald es erdrucke / den es gehoben. Darum ändert euren Wandel / wollt ihr nicht / daß sich euer Glück ändern soll. Wann ich Zweiffel trüge / ihr verstündet nicht / wohin ich ziele / wollt ich mich bemühen / mit grösserer Höflichkeit meine Rede zu entschuldigen: aber der Scham / welchen das beschuldigte Gewissen zeiget / lehret sattsam / daß ihr verstehet / wohin meine Rede gehe. So nehmet nun meine Lehre an zu eurem Nutzen / und lernet hin für o /nicht durch den falschen Wahn der Liebe das Glück zu verringern: sondern durch die beständige Treu dasselbe zu stärcken / auf daß es euch immer anlachen möge. Das nöthigste aber / so ihr zu behalten habt /ist die Liebe gegen Kunst und Tugend: die ihr in dem ersten Tempel erkannt / und zu gewinnen gelobet. Ohne diese kan kein Glück bestehen / und kein Zufall wol gerathen.[162] So kan auch im Gegentheil ohne Glück die Tugend nicht herrlich scheinen / vielweniger die Kunst sich erheben / dann jenes ist die Nehrerin dieser / diese die Mehrerin jenes. Daher kompts auch /daß die Weißheit der Götter diesen Tempel alsobald an den Tugend-Tempel gebauet / ja / das will dieses Sinnbild / welche die alte Histori zeiget / da dieser Eunomius / weil er sehr lieblich spielen kunte / einsmals / zu Delphis / mit dem Regino in die Wette gespielet. Als ihm aber mitten in dem Gesang die Säite gesprungen / und nicht weiter fortspielen können / hat sich die Heuschrecke auf den Haiß seiner Zittern gesetzet / und dermassen fortgesungen / daß Eunomius das Feld erhalten / und den Preiß gewonnen hat. Dieses ist zum Gleichnus gesetzet / das Verbündnus der Tugend mit dem Glück anzudeuten / daß offtermals wir Sterbliche unsern Fuß zuruck ziehen müssten /und das vorgesetzte Ziel nicht erlangen könten / wann nicht / wo alle Hülff versieget / das Glück den Thon führete / und durch unverhoffte Fälle offt mehr richtete / als wir begehren.

Kaum hatte Clyrarcha diese Rede vollendet / daß nicht also bald Polyphilus sich erinnerte / wie er eben diß noch vor kurtzer Zeit / an seinem eigenen Leib erfahren / deßwegen er dann des Clyrarcha Wort / mit einem einstimmenden Ja-Wort bekräfftigte. Als aber Clyrarcha auch daher anfieng zu erweisen / da offtermals durch einen Unglücks-Riß ein grosses Glück erhalten werde / fiel Polyphilus in die höchste Betrübnus. Denn da ward ihm sein gantzes Hertz voll der Gedancken von Macarien / und was er um sie erlitten; so gar / daß nicht viel[163] fehlete / er hätte gewünschet /daß ihm der Himmel diß Glück / Kunst und Tugend zu lernen / mißgönnet / und dagegen vor dem Unglück behütet / daß ihn von seiner allerliebsten Macarien geschieden.

Clyrarcha merckete gar bald die Bewegnus Polyphili / und / wie er mitleidiges Hertzens war / bedaurete er seine Schmertzen / gedachte ihm auch wieder einen freudigen Muth zu machen / derohalben er ihn von der Verlängerung des Unglücks / und daher entspringenden Nutzen viel vorsagte / zu behaupten /daß je mehr die Unglücks-Zeiten verlängert / und die wiederkommende Glücks-Stunden verzögert würden /je mehr werde auch die Ankunfft des Verlangens erfreuet und begütert.

Unter dieser Rede aber giengen sie allgemach zum Tempel ein / da dann Polyphilus einer grossen Menge künstlich-aufgeführter Gerüst / Altär / Thrön / Sessel und Sitz gewahr wurde / die alle mit Herrlichkeit bekleidet / von gewissen Personen eingenommen und gefüllet waren. Und weil der Tempel / ungleich dem ersten / in zwey Theil unterschieden war / deren jener mit eisernen Schrancken verschlossen: Dieser aber gantz offen stunde / sahe er / auf dem befreyeten Plan / allerhand Arten der Menschen / grosse / kleine / gelehrte / ungelehrte / Gewaltige und Bettler /Alte und Junge / die er doch von fernen nicht anders /als aus dem Unterschied der Kleidung erkennen konte. Da er aber dem Ort näher kam / befand er etzliche unterschiedene Häuflein der Menschen / die theils weineten / theils lacheten. Ein jedweder Hauffen wurde von einem / der sich denen Unsterblichen nicht übel gleichete / bedecket. Und als Polyphilus dieses alles nach der Länge angesehen / fragte er endlich[164] Clyrarcham / wer diese wären? welcher dagegen versetzte / daß hierdurch die Handthierungen und Gewerbe / mit denen mancherley Sorten und Arten der Menschen / vorgebildet würden / deren jede ihren eigenen Glücks-Gott verehrete / der sie schützen und erhalten solle. Daher ist dieser Thron / sprach Clyrarcha / welcher dem Jupiter geheiliget wird / der ein Gott aller Götter ist. Ja / daher ist dieses Faß / welches zu der Seiten aufgerichtet ward / und allerhand reiche Güter in sich hielte / Ehre / Reichthum / Gewalt / Macht /Kunst / Gunst / und dergleichen; aus diesem reichet er dem einen viel / dem andern wenig. Weil er aber allein alles nicht verwalten kan / oder will / hat er ihm mehr Götter zugesellet / und einem jeden seine sonderbare Verrichtungen gegeben: Daher diese / so den andern Thron begleiten / dem Gott Marti dienen / und um Glück zu denen Kriegen anflehen. Jene aber / die den Vulcanum verehren / wollen auch / daß ihre Handthierung glücklich fortgehe. Deßgleichen die Anbeter des Neptuni. Nach diesem führete er ihn zur lincken Seiten / allwo auch etzliche deren mithelffenden Göttinnen zu sehen / unter denen die erste war Juno / die Verwalterin der Eheschafften und Gebährenden; Auch Venus / die die Bitterkeit der Liebe versüsset; mit der Dianen und andern / die allhier sammetlich zu erzehlen / die grosse Meng verwehret. Das ist Meldens werth / daß der Sterblichen so ein mercksamer Unterscheid war / nicht nur in der Kleidung /sondern auch in ihren Geberden / indem der eine Theil lachte / der ander weinete. Diese / sagte Clyrarcha /und deutet auf die Weinenden / sind die / so im Unglück vergraben / über die Unbarmhertzigkeit der[165] Götter klagen: Jene aber / zeigend die Lachende / sind die / welche sich in ihrem Glücks-Stande freuen / und der Gunst des Himmels dancken.

Aber woher ist der Unterschied / fragte Polyphilus /was beweget die Götter / daß sie diesen mit Glück /jenen aber mit Unglück belegen / da wir doch alle Menschen sind? Sind wir Menschen / so sind wir ja gleich / woher komts dann / daß etzliche arm / etzliche weiß / etzliche gelehrt; andere alber / andere wie der verständig sind? Was ist die Ursach / daß es nicht einem Menschen gehet / wie dem andern / warum soll jener in Freuden / dieser aber in Trauren leben: warum einer in Sammet / der ander im groben Kittel einher gehen: warum einer mit niedlichen Speisen ernchret / ein anderer mit Wasser und Brod gesättiget werden? Oder / warum wird mancher zu den höchsten Ehren erhoben / mancher hingegen verachtet und vor nichts gehalten? Oder / warum hat mancher an allem einen Uberfluß / mancher aber allenthalben Mangel? Woher komts / daß ihrer viel / was sie wünschen / erhalten / was sie dencken / verrichten / was sie beschliessen / vollenden: da hingegen andern vielen all ihr Rathen und Thaten zu ruck / und nicht für sich gehet? Meines Erachtens kan man nicht anders schliessen / als daß dieses der Götter Schuld / und die Klag der Sterblichen nicht unrecht sey. Deme Clyrarcha unverhindert antwortete / daß dem nicht so sey /wie er rede / und die Götter ausser aller Schuld wären / auch bloß die Menschen / ihr eigen Glück und Unglück / Reichthum und Armut / Ehr und Schand /Ansehen und Verachtung / Kunst und Unwissenheit /Tugend und Laster erwähleten / und sich selbsten verführeten.[166] Welches aber Polyphilo nicht eingehen wolte / dieweil er behauptete / daß mancher / an Reichthum / Ehre / Macht und Gunst / einem vorgezogen würde / der doch / aller Zeugnus nach / viel fürsichtiger gehe in allem was er handele; viel muthiger und behertzter verrichte / was ihm zu verrichten obliege; viel freundlicher sich stelle gegen denen / damit er umgehe; viel gedultiger sey in seinem Leiden; viel mässiger in seinem Glück; viel ansehnlicher von Person; viel geschwinder im Rath; viel verständiger in Anschlägen; und so fort an: habe dennoch das Glück nicht / daß er sein Werck so wol verrichte / als jener; fehle doch viel / daß er so beliebt sey / als der ander; und komme nie darzu / worzu ihn seine Geschicklichkeit billich erheben solte. Wir sehens / fuhr Polyphilus weiter fort / bey mancher Regierung / so lang dieser / zum Exempel / die Herrschafft führet / lebet alles in erwünschter Ruhe / der Fried wächst gleichsam auf der Erden / und die Gerechtigkeit blühet immer: Wann ein anderer kommt / ist aller Orten Krieg und Kriegs-Geschrey / alle Aempter sind voller Unruhe /Aufruhr und Empörung findet man allenthalben: da doch dieser viel weißlicher regieret / als jener / dem /so zu sagen / das Glück selber Stadthalter gewesen. Oder / wollt ihr / Clyrarcha! die Handlungen und Gewerb ansehen / so werdet ihr finden / daß bey manchem alles gesegnet / und reichlich zunehme; bey einem andern hingegen / ob er schon täglich / ja fast stundlich rennet und lauffet / dennoch nichts erspriessen will: es ist kein Glück und Segen bey ihm: die Anschläg werden zu Wasser: die Arheit hat keinen Fortgang: es ist kein Verschluß der Wahren mehr: es geräth nicht / wie zuvor / und / mit einem Wort /[167] scheinet alles vergebens zu seyn / was man vor Müh und Arbeit angewendet. Solte diß dann die Schuld der Menschen seyn? ist nicht zu glauben.

Wäre Clyrarcha nicht noch klüger gewesen / als Polyphilus / hätte er in Warheit stillschweigen müssen: gleichwol vermochte die Rede so viel / daß Clyrarcha den rechten Grund entdecken / und mit unverfälschter Warheit völlig heraus gehen muste / da er sprach: Geliebter Polyphile! Wann ich mich nicht vor einen Glücks-Verständigen grüssen ließ / möchte es gar leicht geschehen / daß ich eure Rede unbeantwortet fassen / und euch gewonnen geben müsste. Nun aber erfordert mein Amt ein anders / und mein besser Wissen gibt mir Befehl / euch aus diesem Irrthum zu führen. Mercket demnach / daß ihr sehr weit fehlet /indem ihr / aus der ungleichen Theilung der Güter denen gerechten Göttern einige Unbillichkeit beyzumessen / euch unterstehet. Zwar ists nicht ohne / daß /so fern wir die Austheilung an sich selber besehen /selbige denen Göttern billich zugeschrieben wird: aber daher einige Ungerechtigkeit zu schliessen / ist unrecht. Wisset / Poyphile! daß der Weißheit Rath im Himmel nichts ohne erhebliche Ursachen / ja nicht das geringste / vergeblich thue. Solten ihr die Ursach dieser Theilung der Güter wissen / würdet ihr euch nicht das geringste wundern lassen. Einmal ists gewiß / daß wir ein Geschöpff der Unsterblichen sind. Hat dann nicht der Schöpffer Macht mit uns zu thun /was ihm gefällt? Eben das ist endlich eine Ursach /warum Er diesen auf einen Käiserlichen Stul: jenen in einen Vieh-Stall setze; warum Er den an eine Königliche Tafel: einen andern hinter den Pflug hebe; warum Er manchen in ein reiches[168] Haußhalten / in ein grosses Gewerb / und dergleichen: manchen hingegen in eine arme und nidrige Bauren-Hütte / unter ein Stroh-Dach verstecke / daß Er erweise / Er sey der Schöpffer / und wir sein Geschöpff.

Daß ihr aber den Einwurff gethan / warum es deme nach Wunsch / dem andern aber wider Willen gehe; warum der viel glücklicher in seiner Verrichtung / als jener / welcher doch nicht so verständig; warum mancher darzu gelange / wohin er nie gedacht; ein anderer hingegen darnach gerennet und geloffen / und doch nichts erlanget: hat wider seine sonderbare Ursach. Ists nicht so / wann ihr euer Werck allemal nach Wunsch und Begehren vollführetet / und eben durch die Mittel euer Ziel erlangetet / durch welche ihr dasselbe bestritten / würdet ihr nicht den Gewinn euch zuschreiben / und euren Anschlägen / eurer Klugheit /eurer Tapfferkeit den Preiß geben? Durch eure Macht wäre / zum Exempel / der Feind geschlagen; durch eure Spitzfindigkeit der Reichthum erworben; durch eure Kunst die Gunst erlanget; durch euer Ansehen die Ehre erhalten; durch eure Vorsichtigkeit das Gut erworben / und so fort an. Daß aber diß nicht geschehe / weiset eben die Weißheit der Götter durch ein gerades Widerspiel. Denn da machen sie andere mehr eben so künstlich, so starck / so mächtig / so ansehlig / so beredt / lassen sie eben den Weg gehen / eben die Mittel gebrauchen: und doch nichts wenigers / als eben das Ziel erreichen: an statt des Siegs einen Verlust; an statt des Reichthums / Armuth; an statt des Gutes / Schaden; an statt der Gunst / Ungunst; an statt der Ehre / Schande / und dergleichen. Aus welchem allen ihr sattsam schliessen möget / daß der Raht der allweisen[169] Götter / auf keiner Ungerechtigkeit bestehe / noch die That / einiger Unbilligkeit wegen könne beklaget werden. Was anlanget die Ungleichheit der Menschen / daß mancher hoch / mancher nidrig; einer schön / und wieder einer ungestalt; ein anderer reich / der dritte arm; viel aber angesehen / viel wieder verächtlich gehalten werden: Darauf kan ich nicht besser und gründlicher antworten / als daß dieses der Will sey und die Ordnung derer allein Weisen Götter. Diesen aber erkennen wir an unsern eigenen Leibern / daran etzliche Glieder stärcker / etzliche schwächer; wiederum etzliche ehrlicher / die wir nicht verdecken dörffen; etzliche unehrlicher / so uns die Scham verbergen heisset. Auch sind etliche / die uns wol / etliche / die uns übel anstehen. Wiederum finden sich / die nutzlich; andere aber / die nicht gar zu nöthig zu seyn scheinen: Wäre es nun nicht eine thörichte Frag / wann man zu wissen begehrte / warum Gott ein Glied zum Kopff gemacht hätte / eines zum Arm / eines zur Brust / eines zum Fuß / und wieder eins / weiß nicht zu was; wer einen wenigen Verstand hat / würde da antworten / die Nohtdurfft und Gestalt des Menschen erfordere es also. Dann / wo würde die Gestalt bleiben / wann ein Mensch aus lauter Köpffen / lauter Armen / lauter Brüsten / und lauter Füssen zusammen gesetzet wäre? womit würde er gehen und stehen / wann er eine lautere Brust wäre? worinnen würde er sein Eingeweid tragen / wann er lauter Arm wäre? womit würde er fassen und zulangen / wann er lauter Köpff wäre? womit würde er dencken und rathen / wann er lauter Füß wäre? nicht nur die Gestalt zergienge / sondern es würde auch die Nohtdurfft grosse Noht leiden und ausstehen. Wir[170] könnens gar leicht / so wir andere Gleichnüs wollen daher ziehen /an den übrigen Creaturen sehen. Wie schön stehet es /wann ein hoher Berg neben einem tieffen Thal stehet; wie artig übersteiget ein Hauß das ander; wie stattlich schimmern die Thürne vor den nidrigen Gebäuen hervor: die Blumen in den Wiesen zeigen das mit ihrer Ungleichheit; die Bäume in den Wäldern rühmen die Mannigfaltigkeit; auch die Blätter selbst weichen ein ander. Im Feld wächset die Frucht in ungemessener Höhe / es überschreitet je eine Aher die andere. Sehen wir auf die Hände des Kunstlers / immer ist eines herrlicher und schoner gearbeitet / als das ander. Das liebliche Gethon der Orgel / ist von dem Unterscheid der Pfeiffen. Die beste Kunst in einem Gemähl ist /wann der Schatten wol geworffen wird / wann dunckel und hell neben einander stehet schwartz und weiß füglich vermenget ist. Grad so ists auch mit dem menschlichen Geschlecht / und denen Ständen: wann Käiser / König / Fürst / Burger / Bauer und Knecht beysammen seyn / hat ein jedes seinen Schutz und Hülf. Wie würde das Geschlecht erhalten / ernehret und regieret werden / wann eitel Käiser / eitel Könige / eitel Fürsten / eitel Herren wären? müssen nicht andere seyn / die säen und erndten: andere / die hacken und graben: andere / die dreschen und arbeiten: andere / die handeln und wandeln: andere / die herschen und dienen? Ja es würde viel ehe gar kein Käiser / gar kein König / gar kein Fürst / gar kein Herr seyn / ehe sie alle Herren wären. Denn wo wäre der Knecht / der Bauer / der Unterthan? kan auch ein Herr seyn / der keinen Knecht hat; oder mag ein Edelmann seyn / der keinen Bauern hat; ein Fürst / ein König /ein Käiser /[171] ohne Unterthanen? wo kein Unterthan /kein Bauer / kein Knecht ist / da kan auch kein Käiser / kein König / kein Fürst / kein Edelmann / kein Herr / erdacht oder gemacht werden. Sehet ihr demnach / mein Polyphile! wie weißlich die Ordnung der Götter solches alles gerichtet / daß / zur Nohtdurfft des Herrn / der Knecht: zur Nohtdurfft des Knechts /der Herr seinen Beruf halte. Unterthanen / Bürger /Bauren / Knechte / ernehren / verpflegen / arbeiten und frönen ihren Oberherren / Käiser / Königen / Fürsten und Herren / die mit mehrerer Weißheit begabet /und höhere Gewalt haben / führen / regieren / versorgen / beschützen / vertheidigen und verwahren ihre Unterthanen. Und auf solche Art wird das menschliche Geschlecht erhalten.

Diese Rede gefiel Polyphilo so wohl / daß er die Freudigkeit seines Hertzens / durch die gleichsam hupffende Geberden seiner Hände und Rede / genugsam zu vernehmen gab / indem er die Weißheit und Verstand Clyrarchæ / mit so gezierten Worten / erbebte / daß nicht viel fehle / würde er ihm auch die andern Sachen so mächtig erklären / wolle er seinen Dienst mit einem ewigen Danck versetzen. Gleichwol aber / fuhr Polyphilus weiter fort / habt ihr mir noch nicht allen Zweiffel benommen. Die Ungleichheit der Menschen habt ihr zwar erwiesen / daß ohne grossen Schaden und Mangel an allem / nicht anders seyn könne / und muß ich in diesem Fall billich die Weißheit der Götter preisen: aber werdet ihr mich auch dessen verständigen / und die Gerechtigkeit des Himmels in dem vertheidigen / daß eben dieser oder jener ein Bauer / dieser oder jener ein Herr seyn soll / will ich euch nach dem nicht mehr bemühen.[172] Keiner klaget darüber / daß ein Herr und Knecht / ein Fürst und Unterthan sey: sondern das ist die gemeinste Frag; warum eben der zu solchen Ehren erhöhet / und dieser hingegen in den Stanb geleget? warum eben die Person ein Käiser / der Mensch ein König / der Mann ein Fürst erwählet worden: und der Bauer hingegen zum Bauern / der Knecht zum Knecht / der Unterthan zum Unterthan? Ich selber meines theils dörfft wol fragen: Warum bin eben ich in diesen Stand gesetzet / da ich eben so leicht hätte einen Käiser / einen König einen Fürsten geben können? Oder / warum bin auch ich nicht so reich / so ansehlich / so herelich / als ein anderer? Oder / warum muß eben ich so viel Unglück und Widerwertigkeit ertragen? könte es nicht ein anderer an meiner Statt seyn? Wann wir alle so schliessen wolten / versetzte Clyrarcha / würden wir entweder alle Käiser / alle Könige / alle Fürsten seyn / und die Ungleichheit mit der Ordnung aufheben / oder würden selber nicht wissen / was wir seyn möchten. Dencket ihr nicht / Polyphile! daß ein anderer auch so gedenckt / wie ihr gedencket. Glaubet ihr nicht / daß ein jedweder gern ein Käiser / ein jedweder gern ein König / ein jedweder gern ein Herr seyn möchte. Würde wol einer seyn / der begehrte einen Bauern zu geben? Nein / die Arbeit ist zu schwer. Solten sich unter hundert wol zween finden / die lieber dienen /als herschen wolten? Nein / die Freyheit ist zu lieb. Solte aus dem gantzen menschlichen Geschecht wol einer seyn / der lieber betteln / und kümmerlich / als in Vollem / leben wolte? Nein / die Schande ist groß /und der Kummer schmertzlich. Darum so haben wir lauter Herren / wer ist aber unser Knecht? Lauter Edelleut;[173] welcher ist aber unser Bauer? Lauter Käiser; wer ist aber der Unterthan? Den ersten Grad verlangt ein jeder / den andern nicht einer. So sehet ihr nun selbsten bald / was die Antwort seyn wird: nemlich /denen Unsterblichen hat es so gefallen / daß du / mit deinem Bauern und Knecht-Stand / mit deiner Armuth und Wenigkeit / die Ordnung / welche sie unter den Menschen gestifftet / zieren solt: gerad wie ein anderer mit seiner Cron / seinem Serpter / seiner Ehr / seiner Macht / seiner Herrlichkeit / und in seinem Stande. So hat es dem Himmel beliebet / daß du / an dem grossen Gemähl dieser Welt / der Schatten; auf dem weiten Erdboden / ein Thal; unter der Menschen-Orgel / die kleinste Pfeiffe seyest. Einen Beweiß dessen können wir nehmen an denen leblosen Creaturen.

Sehen wir die Tausendfältigkeit der Sternen / so übertrifft je einer den andern; besehen wir die Planeten in ihrem Lauff / ließ sichs gleichfalls fragen; warum der Mond nicht gleich der Sonnen stehe? warum sein Silber-Blincken sich denen Gold-Stralen nicht gleiche? Es ließ sich eben auch fragen; warum eben die Venus so hell und klar: Saturnus hingegen bleyfarbig und dunckel? Warum eben Mars röhtlicht und flammend: Jupiter aber so hell und scheinbar gläntzete? Oder / so wir die blossen Sternen besehen /warum hat eben der / und kein anderer / bey der Sonnen sollen der nächste seyn? warum eben der / und kein anderer / den Mond begleiten? Oder / warum ist nicht der Abend Stern der Morgen-Stern; warum dieser hinwieder nicht so klar / schön und subtil / als andere; warum / dem Liecht und der Würckung nach /nicht gleich der Sonnen[174] / oder selbst die Sonne? was wollen wir antworten? anders nichts / als daß es die freye Götter geordnet / wie sie gewolt. Kommen wir der Erden näher / und besehen die Vogel-Schaar in den Lüfften / finden wir eben das wiederum. Aus was Verhindernus ist die scheußliche Fledermaus nicht ein Adler die heßliche Nacht-Eule ein Papagey; der ungestallte Widhopff ein bundgefärbter Pfau worden? warum sollen jene den Menschen zum Schaden / diese zum Nutzen dienen? warum hat eben der Vogel müssen eine kleine Lerch / dieser ein wenig grösser / als die Trostel / und ein anderer wieder grösser / als ein Krammets-Vogel seyn? warum ist nicht der Zaun könig eine wilde Taube; der Sperling ein Schwan; die Schwalbe ein Geyer worden? Warum hat eben der Rab müssen ein Rab seyn / die Krahe ein Krahe / der Specht ein Specht? keine andere Ursach ist / als es ihrem Schöpffer also gefallen. Auf der Erden gehets gerad so zu / das Thier ist ein Esel / ein anders ein Ochs / und wieder eins ein Cameel. Kein grösserer Unterscheid ist / als unter einer Maus und einem Elephanten / unter einem Schaf und Wolf / unter einem Hasen und einer Sau: Darum eins freylich wol fragen solte / warum eben der Esel ein Esel; die Sau ein Sau; der Ochs ein Ochs; der Wolff ein Wolff; der Elephant ein Elephant; das Lamm ein Lamm; das Cameel ein Cameel sey? warum dieses nicht in so hohem Werth gehalten / als das andere? der Esel nicht gleich dem Pferd; der Ochs nicht gleich dem Hirsch; eine Kröt nicht gleich einem Reh; eine Schlang nicht gleich einem Elephanten; eine Mucke nicht gleich einem Cameel? Oder / warum eben dieses zum Sack tragen[175] verworffen / und jenes einen edlen Ritter führe? warum dieses für die Raben geworffen / und jenes auf Königliche / Fürstliche Tafeln gesetzet werde? Es heisst endlich wiederum / daß das der Unsterblichen Satz und Willkühr sey / die auch Esel und Ochsen / Mucken und Kröten / unter diesen Geschöpffen haben wollen.

Solten wir unsere Gedancken auch in die Wasser führen / würde die erste Frag seyn / warum ist diß ein Leviathen / warum ein grosser Wallsisch / und nicht ein Meer-Spinne / oder ein Krebs? warum haben eben diese / als Hecht / Karpffen / Grundel / und dergleichen / so hoch müssen gewürdiget seyn / daß sie / als lieblich und anmuthig anzuschauen / auf vornehmer Herren Tafel verordnet sind: andere hingegen einen Eckel und Abschen gebähren / so gar / daß man sie nicht berühren / will geschweigen kosten / oder zur Nahrung gebrauchen möge? Was schliessen wir nun? Eben das / was wir schon so offt geschlossen. Alles kommt von ihrem Schöpffer / der eins deßwegen so mächtig / so groß / so starck / so schön / so werth zu achten geordnet / damit die Ordnung hiedurch gezieret: und das andere / so schwach / so klein / so ohnmächtig / so widrig und ungestalt / damit auch diß die Ordnung helffe erfüllen / oder / zum wenigsten / das andere zieren.

Nach vollendeter Rede zog Clyrarcha einen Zettel hervor / darauf folgende Verse geschrieben / die er Polyphilo zu lesen gab.


Ist nicht die gemeinste Klage /

Glück! von deiner Grausamkeit?

die du allen doch bereit

bist / mit Segen / ohne Plage /[176]

stets zu dienen: wann nur sie

selbsten dich verjagten nie.

Bald kommt dieser naß bethränet /

klaget / was du hast gethan /

wollest ihn nicht sehen an:

bald ein andrer mehr erwehnet /

wie du ihm zu wider stehst /

nicht auf seinen Nutzen sehst.

Kommt der dritte / hör ich sagen:

wie dein gantz verboßter Neid /

seine Lebens-lange Zeit /

nur mit Schmertzen wollen plagen /

und ein immerwährend Leid /

setzen zu der seltnen Freud.

Gar der Vierte kommt / mit pochen /

düncket ihm / zu seyn nicht recht /

daß er eben worden Knecht /

weil er / gleich so gern / gerochen /

wo die Herren-Kuch aufgeht /

und die Füll an allen steht.

Dieser / spricht der fünffte wieder /

hat mehr Reichthum / Ehr und Pracht;

ich hingegen bin veracht /

werde nur gedrücket nieder:

keiner / keiner bringet Danck /

was sie bringen / ist nur Zanck.

Was ist nun davon zu schliessen?

wilt du tragen / Glück! die Schuld?

oder klagen die Gedult

derer / die zwar viel geniessen:

aber nicht zu frieden seyn /

mit dem / was du schenckest ein.

Also scheints / der Menschen Hertze[177]

lässet sich vergnügen nicht

ob man ihm gleich viel verspricht /

das die Glück- und Ehren-Kertze /

wenn er friedlich leb allhier /

solle funckeln für und für.

Dann / wer bist du? sag mir / Glücke!

bist du nur / was man dich nennt;

bist du / wie man dich erkennt /

plump; ein Fall / der bald zu rücke /

wiederum bald vor sich fällt /

ohngefehr / und unbestellt?

Nein / es ist der gut / mit guten /

böß / mit bösen / gleichen kan /

dieser schaffet alles an:

Das Verbrechen / mit der Ruthen /

mit der Cron / die fromme That /

wechseln / geben Werck und Rath.

Aber wer? das Sternen-Blincken /

daß die Welt / mit uns / regiert;

und in seinem Lauff umführt;

fromment schadet dieses Wincken /

unsern Worten / Wercken nun /

daß wir so und solches thun?

Nein / es ist ein höhers Wesen /

das auch selbst die Sternen führt /

und den Himmels-Lauf regiert:

Dadurch alle wir genesen;

dadurch wir / so groß und klein /

mit und beyeinander seyn.

Gott ist / der das heisst geschehen /

was uns fället öffters zu /

der schafft / daß in einem Nu /

wir bald Glück / bald Unglück / sehen:[178]

keiner sonst / nur der allein /

soll und muß das Glücke seyn.


Polyphilus / der wegen erlernter Weißheit sehr erfreuet ward / danckete dem Clyrarcha höflich / daß er ihn aus einem so grossen und sündlichen Fehler errettet / und die rechte Warheit eröffnet; versprach auch ingleichen / daß er hinfuro allen Neid und Mißgunst aus seinem Hertzen tilgen wolte / weil er sehe / daß eine unverantwortliche Sünde sey / wenn wir Menschen diesem ein Glück mißgönnen / welchem es von den Göttern gegönnet und gegeben werde; ja eben so viel sey / als wolten wir die Gerichte des Himmels meistern / den Schluß der Unsterblichen verwerffen /und die Güte der gnädigen. Götter bestraffen. Da aber Clyrarcha merckete / daß seine Lehr wol angewendet würde / und er grössern Danck zu erwarten / führete er Polyphilum bey der Hand / biß zu den verschlossenen Schrancken / allwo er sein Haupt entblössen / die Schuh auflösen und ablegen / auch einen besondern Habit anziehen / und sich bereiten muste / als der / in das Heyligthum / und zu den reinen Göttern / zu gehen / gesinnet. Und da er allerdings bereit / durch eine eröffnete Thür / mit Clyrarcha eingieng / muste er auf den Knien anbeten / und / aus Clyrarchæ Befehl / seinen Zutritt entschuldigen: Diß alles aber deutete / daß dieser Ort heilig sey / und über menschliche Würdigkeit. Nach vollendetem Gebete / richtete Clyrarcha sich und Polyphilum auf: und weil Polyphilo auferleget war / seine Augen nicht empor zu heben /biß ihn Clyrarcha erlauben würde / muste er / mit halb-verdecktem Gesicht / seinem Führer / durch den Chor / folgen / da er dann zu allerletzt / als seine Augen entdeckt wurden /[179] eines nackenden Weibs / in der rechten Hand habend ein Segel / in der lincken das Frucht-Horn; sitzend auf einer geflügelten Kugel /die in der Lufft schwebete; mit verbundenen Augen /und ohne Füsse / ansichtig wurde; und da er sie etwas genauer betrachtete / wurde er gewahr / daß zur rechten / über ihrem Haupt / welches hinter der Stirn gantz kahl und unbehaaret war / eine Flamme ausgieng; zur Lincken aber ein Wasser brausete: das sich beydes für sich warff / auf den gegen über gesetzten viereckigten Stein / welcher auch einen Jüngling / mit Flügeln am Hut und Füssen / trug / der sich offt und offt vor dem Weibe neigete.

Clyrarcha winckete dem Polyphilo / daß er wo! acht geben solle: welcher dann so fleissig aufmerckete / daß keiner Erinnerung von nöthen gewesen. Endlich führete er ihn / mit verdecktem Angesicht / wieder zu ruck / und da sie ein wenig / zu der rechten Seiten / abgetretten / und Clyrarcha / dem Polyphilo / das Gesicht wieder aufdeckte / fielen ihm viel hell gläntzende Feuer-funcklende Stern in die Augen / daß er gleichsam verblendet nicht wissen konte / ob er in einem jrrdischen Tempel / oder unter der Gesellschafft der Götter im Himmel wäre. Da er aber durch gemählige Abwendung des Gesichts / seine Augen mit einem duncklern Anblick wiederum gestärcket / fasset er das vorige Bild wieder zu Gesicht / und befindet /daß es eine Adlers-Gestalt fürtrage / welcher in freyer Lufft schwebete / mit ausgespannten Flügeln; wiewol nicht ohne entliehene Hülff. Dann er von einem ziehenden Magnet so wunder-künstlich gehalten wurde /daß er / vielleicht nicht ohne sonderbahre Bedeutung /sich gegen Mitternacht wandte / und durch die suncklende Sterne den offnen Ort bestrahlte[180] / allwo die Götter denen Sterblichen ihre Gaben austheileten. Nichts mehr verlangete Polyphilus / als daß er mit Clyrarcha sich befragen dörffte / wie diese Sternen zu nennen und zu erkennen wären: welches aber vor dißmal mehr zu wünschen / als zu hoffen war. Gleichwol erkannte er aus dem Stand derselben / und deren Lauff / welcher sich dem sonst ordentlichen Himmels-Lauf nicht übel gleichete / daß der Pol-Stern / oder Angel-Punct der Welt / sammt seinen rings um ihn her glimmenden Asterismen / als da sind / der kleine und grosse Beer / der Cepheus / und sein Gemahl Cassiopeja / der Drache / der Hüter / die Cron / der Hercules / der Geyer / der Schwan / die gebundene Andromeda / mit ihrem geehlichten Perseus / der Erichtonius / die Coma Berenices / der Serpentarius /der Adler / Ganymedes / der Delphin / Pegasus / der Drey-Angel / und was wir sonst mehr im Norderbusen zerstreuet / durch die darzu gewidmete bekante Instrument des Himmel-Circkels augenscheinlich zu erkennen haben / den Kopff eingenommen. Nach dieser Betrachtung ließ Polyphilus seine Augen in den Schweiff des Adlers herunter fallen / allwo er vieler anderer Sternlein gewahr wurde / die er doch / wegen ihres thumbaren Glantzes / und weil sie / eusserlichem Ansehen nach / sehr tieff versteckt waren / nicht völlig erkennen konte / wer sie wären. Allem Düncken nach aber / schloß er dahin / es müsten diese seyn / welche / weil sie zu nächst bey dem Gegen-Angel-Punct stehen / uns / die wir solchen mit dem Gesicht nicht erlangen können / verborgen bleiben; indem wir auf diesem Punct der Erd-Kugel uns befinden / allwo /wann wir unsre Augen gegen dem mitternächtischen[181] uns in etwas erhöheten Angel-Punct erheben / der sichtbare Sternen-Lauf sich in die quär richtet / und daher etzliche Asterismen uns verbirget / nahmentlich / den Krannich / den Indianer / den Pfau / den Paradiß-Vogel / den mittagischen Drey-Angel / das Bienlein / den Chameleon / den fliegenden Fisch /sonsten Meer-Schwalbe genannt / den Dorado / sonsten Chrysophrys / die Wasser-Schlange / und Americanische Gans / mit dem Phœnix. Und als Polyphilus auch diese nach der Länge beschauet / warff er seine Augen / auf den rechten Flügel / gen Aufgang und durch die Brust / auf den lincken / gegen den Abend; in beyden fand er samt der Brust / die übrige ihm in etwas bekandtere Himmel-Liechter / Sonn / Mond /und alle Planeten / mit denen himmlischen Zeichen /und andern Fix-Sternen / so viel selbiger / ausser denen oberzehlten / den gewölbten Himmel / als ihre sonst gewohnte Lauf-Bahn / zieren und gläntzend machen.

Und da auch diß Gesicht seine Gnüge hatte / führete Clyrarcha den Polyphilum wieder / mit verdecktem Gesicht / auf eine erhöhete Bühn / allwo er nicht irrdische / sondern himmlische; nicht menschliche / sondern göttliche Geheimnus sahe / in solcher Herrlichkeit / daß sie menschlichen Sinnen zu erreichen / auch unser schwachen Zungen auszusprechen / eine blosse Unmüglichkeit seyn. Er war an dem Ort / da die Freude und Lieblichkeit selbsten ihr Zelt aufgeschlagen /und die Herrlichkeit ihren Sitz genommen hatte; seine Augen wurden gleichsam verblendet durch den verguldeten Anblick; sein Gehör ward / so zu reden / betaubet / durch die klingende Lieblichkeit: auch vermochte der lust-trieffende Balsam dieser[182] himmlischen Freudigkeit dem Geruch eine solche Ergötzung zu erwecken / daß Polyphilus / mit voller Zufriedenheit /sich die Zeit seines Lebens an allem niemals so vergnügt befunden. Mit einem Wort: wer die Schöne und Lieblichkeit der über menschliche Vernunfft steigenden tausend-beglückten Himmel-Freude beschreiben wird / der wird auch die Vollkommenheit dieses Orts / welcher billich der ander Himmel zu benamsen war / erklären konnen. Doch dennvch / ob uns die Unmüglichkeit von dem / dessen wir uns jetzt unterfangen / freylich zuruck halten solte / und verwehren /daß wir uns nicht vergeblich bemüheten / indem wir solches zu beschreiben gesinnet / daß denen menschlichen Schwachheiten / von den Unsterblichen selber /wegen ihrer Unwürdigkeit verboten / oder vielmehr versaget: wollen wir gleichwol / nicht wie wir sollen /sondern / als wir können / und nur das melden / was eigentlich Polyphilus mit Augen gesehen / und mit seiner Vernunfft begreiffen können.

Es waren etzliche verguldete Bogen / deren je einer kleiner als der ander / künstlich und artlich aneinander gefüget / so / daß Polyphilus das Meisterstuck nicht ablernen konte. Der geraumeste stund vorn an /und folgte je ein Kleinerer dem Grösseren nach / biß sie endlich einen entfernten Ort beschlossen. Um die Bogen war ein Purpur geführet / inwendig aber so voller Sternlein / daß ihr helles Liecht / wann es auf das Gold und den Purpur fiel / einen solchen Glantz von sich gab / der mehr zu verwundern / als zu beschreiben. Näher / als auf sieben Schritt / dorffte Polyphilus diesem Heiligthum nicht kommen / deßwegen er dann von Clyrarcha so gestellet wurde /[183] daß er seine Augen von ferne / und durch den ersten weitgespannten Bogen / gerad auf den hindersten und letzten Theil werffen konte / wiewol das Blincken der Sternen nicht geringe Verhinderung würckete / alles genau und eigentlich zu besehen: Gleichwol wurde ihn sein Gesicht / durch die beharrliche Beschauung je länger / je mehr gestärcket / daß er endlich einer Hand wahr nahm / von welcher die Himmels-Kugel /an deren ein Aug gläntzete / in einer Kette herab hieng / und sich auf einen Balcken lehnete: über welchen ein Scepter / mit einem Schwert und Creutz zusammen geschlossen / schwebete / darauf der Finger deutete. Dieses alles sahe Polyphilus mit tieffen Nachsinnen an / mehr aber verwunderte er sich über den unbeschreiblich-schönen Gold- und Purpur-Glantz / deßgleichen er selbst bey sich gestehen muste / daß ihm die Zeit seines Lebens nicht zu Gesichte kommen: und wiewol er sich gerne länger in diesem Gesicht erlustiget hätte / wolte doch die vollbrachte Zeit der Erlaubnus keinen fernern Verzug gestatten; deßwegen er / durch den winckenden Befehl Clyrarchœ / diese Herrlichkeit verlassen / und ihn mit wiederbelegtem Antlitz den Weg folgen muste / den sie zuvor eingegangen waren.

Der Abtrit Polyphili verursachete den klingenden Säiten das Stillschweigen: gleich ob sie deßwegen sich betrübt niderlegten. Clyrarcha über diesem unverhofften Verlust erschrocken / wandte sich mit Polyphilo behende gegen den Bogen / und entdeckte das Gesicht Polyphili; dessen die Säiten gleichsam wieder erfreuet / mit einer erhobenen Stimm folgende Wort erklingen liessen:
[184]

Wie seelig ist der Mann /

der mit seinem Glück zu frieden /

nicht achtet /

ob er von der Freud geschieden /

betrachtet /

daß wiederkehren kan /

nach Plagen

und Klagen /

ein ewiges Wohl:

nach Regen /

der Segen

erfreuen uns soll.


2. Drum halte festen Muth /

Ob das Unglück dich verletzet;

betrübet:

wird es doch / mit Glück / versetzet /

und giebet /

das unverletzte Gut;

die Sonne /

die Wonne /

verbindet den Schmertz:

Was drücket /

erquicket

hinwieder das Hertz.


3. Gott selbsten hält die Wach /

setzt dem Kummer Ziel und Masse /

dein Bestes

suchend in der Mittel-Strasse;

Er läst es

gerathen / in der Sach;

nach Willen /

erfüllen /

was unser Wunsch will:[185]

drum sollen

und wollen

wir halten Ihm still.


4. Und ob die Unglücks-Macht

länger wolte uns bestreiten

und schrecken /

wird uns Gottes Stab doch leiten

und Stecken

uns nehmen wol in acht:

uns führen /

regieren /

in sicheren Schutz /

und wissen /

wir müssen

ihm bieten den Trutz.


5. Drum sey zu frieden der /

welcher / wann das Glück ihm blühet /

sich hütet:

der auch / der sein Unglück siehet /

nicht wütet;

dann Gott / der grosse HErr /

wird geben

das Leben

in glücklicher Ruh /

wird scheiden

das Leiden /

Glück bringen herzu.


6. Das haltet alle vest /

wer sich will dem Glück vertrauen /

gedencke /

daß er muß auf Tugend bauen /

und lencke /

was sich lencken lässt;[186]

Das Sinnen

Beginnen

auf Tugend und Kunst:

Wir werden

auf Erden

vertilgen den Dunst.


7. Es werden keine Tück

bey dem Glück hinfort mehr stehen:

der Segen /

wird nach deinem Wunsch ausgehen /

dein Pflegen:

Polyphile! das Glück /

wird krönen

beschönen /

dein seeliges Haar /

dich ehren /

vermehren:

es werde so wahr!


Diesem Gesang höreten die beyde / Clyrarcha und Polyphilus / theils erfreuet / wegen der Lieblichkeit /theils / wegen des Innhalts / verwunderend zu / biß die Saiten ohne die singende Stimm / auf vorige Art wieder angestimmet wurden: welche dem Clyrarcha eine Anzeigung waren / daß nunmehr nichts weiter zu erwarten / deßwegen er Polyphilum wieder verdecket heraus führete. Und als sie nächst zu der Thür kamen / an den Ort / da sie sich / vor dem / geheiliget / muste Polyphilus / und mit ihm Clyrarcha /gleich wie vor / auf den Knien anbeten / und vor die Gaben dancken. Nach vollendetem Gebet / führete ihn Clyrarcha / ruckwerts zu den Schrancken hinaus / entdeckte sein Gesicht / fieng wieder an zu reden / nahm den Habit von ihm / und gebot / daß er seine Schuh[187] wieder anlegen / und sein Haupt bedecken solle: In wärendem Werck / hielt noch immerdar / die Herrlichkeit der dreyen Gesichter / und das Verlangen / solche zu verstehen / das Hertz Polyphili gefangen / der sich nicht drein schicken konte / warum er von einem zum andern / mit verdeckten Augen / gehen müssen: warum Clyrarcha / und er selber auch / nicht / wie vor / ein Wort reden dörffen: warum ihm dieses alles zu sehen / aber nicht zu verstehen vergönstiget? Es war Polyphilo gerad zu Sinn / als wann er von einem Traum erwachete. Er sahe bald hinter sich: konte aber nicht mehr sehen / was er gesehen. Bald warff er seine Augen auf Clyrarcham / als wolte er fragen / wie ihm dann geschehen wäre; bald auch auf die Königin / und dessen Anhang / als wolte er ihnen von neuen Dingen sagen. Jetzt sahe er / mit einem tief-geholten Seufftzer / über sich / gen Himmel; jetz / mit dem gebuckten Kopff / unter sich / auf die Erden: so gar / daß Clyrarcha / und alle Anwesende leichtlich muthmassen könten / er stehe in tiefsten Gedancken / und höchster Verwunderung. Aus welchen Ursachen dann Clyrarcha ihn bey der Hand nahm / und also anredete:

Ich schliesse aus euren Geberden / mein Polyphile! daß ihr / voller Wunder / denen Geheimnüssen / die euch / von der Gunst der gnädigen Götter / zu besehen / verwilliget worden / mit Fleiß nachdencket: und gefällt mir wol / lobe auch eure Begierde / wiewol sie / unmligliche Dinge zu gewinnen / vergebens arbeiten. Wisset aber / daß / was ihr gesehen und erfahren / nicht ein nichtiger Menschen-Tand; besondern Göttliche Geheimnussen seyn / welche wann ihr verstehen werdet / werdet ihr eben leicht und gewiß[188] wissen / was das Glück / das so viel Namen führet / und /von denen Sterblichen / bald einem umlauffenden Rad / bald denen aufgeloffenen Wellen / bald einem gewaltigen Ungestümm / bald einem saussenden und brausenden Wirbel-Wind / bald einer verkürtzten Flamme / bald einem Gebrechlichen Glaß / und wieder bald einem rückgängigen Krebs; ingleichen einem runden Ballen / einer gedreheten Kugel / einem ab-und zulauffenden Bach / und dergleichen verglichen wird / an und vor sich selbst eigentlich sey / und was dadurch endlich zu verstehen.

Da Polyphilus das hörte / wurde sein Verlangen dermassen angeflammet / daß er den Clyrarcham / um der Götter willen / ersuchete / ihm solche Offenbahrung und herrliche Wissenschafft nicht zu verhelen: darauf er dann von Clyrarcha bey der Hand hinter den Schrancken hinauf geführet wurde / biß sie zu einer Tafel gelangeten / darauf alles das / was Polyphilus in den Schrancken gesehen / menschlichen Augen nach /künstlich und prächtig abgemahlet war. Als aber Polyphilus sein Gesicht dieser Tafel gleichen wolte /fehltete nicht viel / er hätte bitterlich weinen mögen /über die Unvermögenheit der Menschen; so überaus groß war der Unterschied / zwischen einem Gemähl /und der Sach selber. Nun / sprach er / sehe ich allererst / was wir Menschen sind, Vor dem hätte ich dieses Gemähl vor ein Meisterstuck und Kunst-Werck der arbeitsamen Natur gehalten / und mich mercklich darüber verwundert: jetzt aber sehe ich die Nichtigkeit der Menschen / welche / wann sie denen unsterblichen Göttern nachahmen wollen / sie eine lautere Thorheit begehen / und nichts als blosse Phantasey würcken.[189]

Diß redete Polyphilus bey sich heimlich / weil er beförchtete / er möchte Clyrarcham / mit Eröffnung der Warheit / erzürnen: welches auch zugleich verursachete / daß er solch Gespräch nicht weiter führen / besondern bald abkürtzen muste / weil Clyrarcha anfieng die Tafel zu erklären / indem er sprach: Verstehet nun / Polyphile! was ihr bißher nicht verstehen können / und so brünstig zu verstehen verlanget. Ihr werdet noch wissen was ich euch in dem offenen Plan / bey der Austheilung der Göttlichen Guter /unter das menschliche Geschlecht / vom Jupiter / vom Marte / vom Vulcano und Neptuno: deßgleichen von den Göttinnen gesagt: dieses alles zeiget diese Tafel. Die drey unterschiedene Gesichter aber / so ihr in den Schrancken gesehen / und allhier wieder findet / zeigen die Gewalt des Glücks / das alle Welt regieret /und sich von keinem binden oder überwinden lässet.

Wie schreiben dann die Historien / fieng Polyphilus an / daß der dapffere Held von Pella / das Glück in seiner Macht und Gewalt gehabt? Darauf Clyrarcha antwortete / daß eben dessen Unwarheit / durch diß dritte Gesicht / entdecket werde. Dann / fuhr er fort /es haben die alte Heyden / welche aus Mangel der Göttlichen Offenbahrung / unsrer Wissenschafft sich nicht freuen können / das / was einem Menschen in dieser Welt Gutes oder Böses zufällt / das Glück genennet / und selbiges vor eine Göttin verehret / gerad auf solche Art / wie ihr sie in den Schrancken gebildet gefunden. Dieser haben sie die Herrschafft und Ober Herrlichkeit / über den gantzen Erd-Kräiß / beygemessen / auch in allen Ständen und Gewerben ihr allein die Botmässigkeit vertrauet /[190] und fest geglaubet /sie leite das Hertz zu gutem Rath / den Willen zum glücklichen Wercke / und ertheile alle Mittel / das vorgesetzte Ziel zu erreichen. Sie führe die Winde auf dem Meer / denen Schiffarten zum Besten: Sie schärffe die Schwerter / und stärcke den Arm im fechten /den Sieg zu erhalten. Sie ordne die Gesetz / und segne den Frieden in der Stadt / das gemeine Wesen in gute Ruh zu setzen. Sie verknüpffe die Hertzen in der Liebe / und löse die Bande der Betrübnus / die Hertzen der Menschen zu erfreuen. Sie mehre das Gewerb / und erweitere die Handlung / daß keiner umsonst arbeiten dörffe. Sie versüsse die bittere Schmertzen / und tilge Haß und Feindschafft; ja / sie begleite allen Handel und Wandel / alles Sinnen und Beginnen / alles Wollen und Wünschen / alles Rathen und Thaten der Menschen; und das zwar / wem sie geneiget: sonsten spanne sie die Verhindernus aller Orten aus / daß / ohne ihr Anlachen / nichts / unter den Menschen / könne vollbracht werden. Daher glaubten sie einmal / sie wäre nackend / damit sie /ohne Verhindernus / bald hie / bald dort / hinfliehen könne / zu dessen Behülff / sie sich auch der geflügelten Kugel gebrauche; durch welche sie aber zugleich die Unbeständigkeit derselben bedeuten wollen; als welche ihre Gunst / mit einem leicht gewandtem Blat / wende; ihre Gnade / wie ein zerbrechliches Glaß / breche; ihre Gewogenheit Kugelrund umdrehe / und bald Nutzen / bald Schaden bringe; bald Ehre / bald Schande; bald Gewinn / bald Verlust; bald Freude / bald Leid. Wie dann überdas das Segel in der rechten Hand zeiget / daß sie alles / nach dem Winde und ihrem Dünckel / drehen könne / auch das Frucht-Horn / welches Geld / Ehren-[191] Titul / Cron und Scepter auswirfft / und gleichsam in der Lufft schwebend ausstreuet / nicht / nach Verdienst / lohne oder begabe / sondern offt dem aller-unwerthesten und ungeschicksten mehr gebe / als dem allerweisesten / der solches doch aus Gebühr fordern könte. Dannenhero sie auch selbiges / nicht ohne Ursach / mit verbundenen Augen gemahlet / als welche nicht sehe / wem sie ihre Gaben mittheile / sondern plumper / unversehener Weise / wen sie antreffe / darreiche / was sie ertappe. Dahin gehet auch die Flamme / so sich zu ihrer Rechten erhebet / und das Wasser / welches sich zu ihrer Lincken ergeust / die Erhöhung / und den Fall der Ehren / samt den andern Gaben / anzudeuten. Wiewol aus dem / daß sich beydes gegen dem geeckichten Stein lencket / darauf das geflügelte Bild stehet / welches den Mercurium vorstellet / kan geschlossen werden / daß sie dadurch bedeuten wollen /es sey besser / auf Kunst und Tugend sich zu verlassen / die fest und unbeweglich stehe / als auf das wanckende Glück: Gleichwol heimlich dabey lehren /daß eins dem andern die Hand bieten müsse. Dieses haben die Heyden geglaubet.

Andere / wie weiland die Chaldeer / und noch heutiges Tags etliche Sternseher / die / ob sie nicht gar die Warheit erreichet / dennoch derselben näher kommen sind / haben des glücklichen und unglücklichen Fort- oder Ruckgangs Ursach / denen Sternen zugeschrieben; wie denn / noch diesen Tag / ihrer nicht wenig sind / die gewiß davor halten / so die Geburt des Menschen / in einem guten Zeichen oder Planeten / geschehe / müsse der Mensch die Länge seines Lebens / gleich mit der Länge seiner Glückseligkeit /abmessen: widriges Falls / so einer / in einem nicht so guten Zeichen[192] / diese Welt zum ersten gesehen /müsse er die Länge seines Lebens / mit der Länge seiner Unglückseligkeit abkürtzen. Ja diß nicht allein /sondern sie glauben auch / indem sie nicht wissen /was sie glauben sollen / daß ein jedweder Mensch /auch in einer jedweden Action / einen sonderlichen Stern zum Führer und Regierer habe; wie aus dem /vielleicht euch / wie mir / bekannten Sprichwort zu schliessen / da sie / wenn ein Werck wol ist vollendet worden / oder auch einem andern sein Werck und Vornehmen von statten gehet / sagen: Der Mensch hat in dem und dem einen sonderlichen Stern; gerad wie wir im widrigen Glück sprechen: ist das nicht ein Unstern? Ich habe kein Glück und Stern mehr. Daher auch das folget / daß ein jeder Mensch einen besondern / und in einer jedweden unglücklichen Verrichtung / einen besondern Unstern mit sich führe. Aber woher nehmen sie den Beweiß? Etwa aus der unzählbaren Meng der Sternen? wäre wunderlich geschlossen: weil / auf solche Art / auch der Sand am Meer /eine Ursach unserer Glück- oder Unglückseligkeit seyn müsste. Oder etwa / weil es eine Creatur Gottes? wäre wieder ungereimt geschlossen / weil / durch solchen Schluß / alle Gräßlein auf dem Feld eine Krafft und Gewalt / in unserm Glück oder Unglück / haben müsten. Oder vielleicht / weil sie es so glauben; als welche die Sternen vor etwas Göttliches und übermenschliches halten: zugleich aber auch mercken /daß die Glücks-Waltung ausser der Menschen Macht erhöhet; und also entweder diese von jener / oder jene von dieser herführen wollen. Das wäre vielleicht /ihrem Sinn nach / richtiger geschlossen: aber nicht aus dem Grund der Warheit. Und das deutet[193] dieser Adler / mit seinem bestirnten Haupt und Flügeln.

Gleichwol aber / fieng Polyphilus an / sind wir /aus etlicher nahmhaffter und glaubwürdiger Geschicht-Schreiber Zeugnus / gewiß / daß die Welt-berühmte Sternseher / offtermals aus denen Geburts-Zei chen / viel gewisse / so wol Glücks-als Unglücks-Fälle / zuvor gesehen und verkündet / die auf ernante Zeit / und mit solchen Umständen / wie sie berichtet /erfolget. Zum Exempel könte ich Käiser Augustum anführen / von dem der wohl-beglaubte Svetonius meldet / daß / der damalige berühmte Astrologus Theogenes / seine Geburts-Stund durchgesehen / und alsobald darauf / mit grosser Geschwindigkeit / aufgesprungen / und für ihm niedergefallen / als der / ob er schon / der Zeit / noch eine Privat-Person / dennoch /in kurtzen / zu den Käyserlichen Würden werde erhoben werden: Wie dann Augustus / nach dem der Ausgang seine Wahrsagung bekräfftiget / dieses für so bekannt annahm / daß er / sich auf sein Glück verlassend / seinen Geburts-Bericht männiglich sehen / und eine silberne Müntz / mit dem Zeichen des Steinbocks / darinnen er gebohren / schlagen lassen. Wie ihr / mein Clyrarcha! diese Histori selber wissen werdet.

Freylich wol / antwortete Clyrarcha / weiß ichs /und habs gelesen: aber / fuhr er weiter fort / meynet ihr / Polyphile! daß diß etwas gewisses / und an allen Orten / verursache: oder daß daher folge / man solle den Sternen-Blick / oder die himmlische Geburts-Zeichen / zu einer allregierenden Beherrscherin / oder wol gar Göttin / setzen. Meines Erachtens heisset das närrisch / oder / daß ich gelinder rede / kindisch[194] geschlossen. Machet das Zeichen des Steinbocks aus einem jedweden / der darinn gebohren wird / einen Käiser in der Welt? Oder folget das / wann einer im Zeichen des Widers gebohren / entweder reich / oder klug und verständig wird / so werden gewiß alle die /welche / in diesem Zeichen / an des Tages-Liecht kommen / reich / gelehrt und geschickt. So ist / ohne Zweifel / Mopsus im Ochsen gebohren. Saget mir /Polyphile! so es euch nicht mißfället / was für einem Zeichen seyd ihr eure Geburt schuldig? Schertzweiß antwortete Polyphilus / dem Stier: dagegen Clyrarcha versetzte; so werdet ihr gewiß gerne stossen? Nein /sagte Polyphilus / ich bin in der Jungfrau gebohren: darauf Clyrarcha die Antwort gab: deßwegen liebet ihr eure Macarien so sehr? und seyd den Jungfrauen so feind / weil ihr deren überdrüssig worden: welcher nichtige Schertz / in Warheit / den Polyphilum so beschämete / daß die Röte zu den Wangen ausschlug; die er doch entschuldigen konte / als entstehe sie nicht aus Schuld / sondern wegen der geziemenden Zucht und Höfligkeit. Indessen führete Clyrarcha seinen Diseurs weiter fort / sprechende: was schliessen wir denn endlich hieraus? Mit wenig Worten viel zu fassen / nehme ich dem Sternen-Blick nicht alles; gebe ihm auch nicht alles. Ich gestehe / daß solche Kräffte in dem Gestirn bißweilen gefunden werden: wie denn diese letzte Figur / welche das eigentliche Wesen des Glücks erkläret / mit vielen Sternlein gezieret ist; doch nur so fern / als es von den Unsterblichen regieret und geführet wird. Dann eben das / was es ist /und was es vermag / das hat es denen zu dancken /ohne deren Krafft nichts im Himmel und auf Erden ist.[195]

Sehet ihr demnach / geliebter Polyphile! was das Glücke sey / und wie es zu tituliren? Nemlich / die Hand der allgewaltigen Götter / welche ihr in diesem Heiligthum / die Himmel-Kugel / mit dem hell-gläntzendem Auge / an der Ketten halten sehet: dadurch ihr verstehen solt / daß allein sie / und kein anderer /durch ihre-Vorsorg und Allwissenheit / Himmel und Erden / ja alles / was darinnen ist / schützen und erhalten; wie der Balcken lehret: auch das Gute belohnen / und alle Boßheit straffen; das ihr bey dem Scepter und Schwert zu behalten: endlich auch alles Glück und Unglück schicken; wie das Creutz lehret / und der deutende Finger erweiset. Lernet und behaltet demnach / geliebter Polyphile! dieses zu letzt / daß / wann man einen Menschen / in irdischen Dingen / und auf dieser Welt / glück- oder unglückselig heisset / es nicht den Verstand habe / als wäre ihm / zum Exempel / die Ehre / der Reichthum die Hülff und Errettung / ohngefehr und ohn einiges höhers oder nidrigers Wesens Ordnung / Wissen und Willen / plumper / allerdings zufälliger Weiß zu handen kommen; oder auch wol vor einem andern / der es doch besser würdig / mehr benötiget / und eben so / ja auch wol nützlicher angewendet: vielweniger ist das die Meynung; daß / zum Exempel / der Käiser ein Käiser / der König ein König / der Fürst ein Fürst / der Edelmann ein Edelmann / der Burger ein Burger / der Bauer ein Bauer / der Knecht ein Knecht sey; oder / daß dieser reich / jener arm; dieser erhöhet / jener erdrücket; dieser ansehnlich / jener verachtet; dieser selig / jener unselig; oder auch einer witzig / der ander alber; einer verständig / der ander thöricht; einer klug / der ander ein Narr; einer gelehrt /[196] der ander ungelehrt; einer geschickt / der ander ungeschickt sey; rühre von der Würckung der Sternen / oder / daß einer in dem und dem Zeichen gebohren; vielminder / daß er einen so wollenden / so führenden / so schickenden Glücks-oder Unglücks-Stern mit sich führe / oder auch in allem seinem Gewerb / Rath und Vornehmen sich führen lasse: sondern / das ist der rechte Verstand: »das freye ungebundene Wesen der Unsterblichen /welches über alles lediglich herschet / und HErr ist /habe / nach seinem allein weisen Rath und Willen /auch so beschloßnen Wohlgefallen / es entweder also geschehen lassen / wie ihm der Mensch / in diesem oder jenem zu handeln und zu wandeln / vorgenommen / worauf er gezielet / wornach er getrachtet / und wohin er seine Gedancken gerichtet: habe ihm auch entweder solche Hertzens-Neigung / solche Gemüths-Begierde / und Leibs-Beschaffenheit von Mutterleib /oder sonst / durch sonderliche Auferziehung / durch allerhand zufällige Ubungen / ja auch wol durch sonst zugelassene Gesellschafft / mitgetheilet / die ihn in seinem Vornehmen gestärcket / und nicht geringen Anlaß / diß oder jenes zu verlangen / und wieder ein anders zu meyden oder zu fliehen / an die Hand / und ins Hertz geben: oder es haben die allgewaltige Götter / Krafft ihres freyen Wesens und Willens / auch bloß darum / weil es ihnen / nach ihrem Rath und Schluß / so gefallen / (wie sie dann in allem / sonderlich / was menschliche Sinnen und Beginnen anlanget / welches von deren Macht regieret / von deren Weißheit geführet / und / durch ihre Gnad / erhalten wird / freye Hand haben / zu schaffen / zurathen und zu thun / was sie wollen) mancher Menschen[197] Hertzen / so / und solche Gedancken eingegeben; Zu der oder jener Zeit / dieses oder das anzufangen; auf so und solche Art fort zu führen; an dem und dem Ort; bey diesen oder jenen Helffern und Zusehern; mit den und den Mitteln zu vollenden; auch anderst nichts beschlossen / als lediglich bey denen Gedancken zu seyn / und das Werck von den Hindernussen zu erleichtern; auch das Vornehmen in der und der Sache /an dem und dem Ort / bey den und den Leuten / durch die und die Mittel / immerfort zu stärcken: hingegen bey keinem andern solch Gedancken würcken / oder obschon das; doch nicht selbige der Verhindernus befreyen / oder sonst befördern und gedeyen zu lassen /biß diß oder jenes jrrdisches Gut / jenem unwissend; dieser oder jener Verlust diesem / wider sein Verhoffen / worden: ja auch so und solche Ehr / Reichthum /Gewalt / Herrlichkeit dem gegeben / der entweder gar nicht darnach gestrebet; und dem nit gegeben / der sichs so sauer darum werden lassen: oder auch wol dem geschencket / ja wohl mehr / als geschencket /dem nur etwa davon geträumet / und ein wenig sich darnach bemühet; diesem aber gantz entzogen / der Tag und Nacht / stündlich und Augenblicklich / darnach gerennet und geloffen / Hitz und Frost / Hunger und Durst / darum ausgestanden / so gar / daß er Blut schwitzen mögen: und das alles würcken die Götter /aus einem blossen Willen und Wolgefallen.«

Clyrarcha wolte weiter fort reden / aber die Sonne /welche ihren Schein zu ruck holete / und die einfallende Nacht drohete / hieß ihn schliessen / und von dem Polyphilo den gebührlichen Danck annehmen:[198] welcher sich auch nicht säumete / solchen in aller Demut abzulegen / mit angehengtem Versprechen / daß er seine Lehr in seinem Leben / üben / und / ihm zum Nutz und Frommen / anwenden wolle: nach welchem Versprechen / ihn Clyrarcha verließ / und zur Königin wiederkehrte / mit Vermelden / daß er ihren Befehl /nach Müglichkeit / verrichtet.

Polyphilus / da er sich frey und allein befande: und diesen Tempel / gleich wie den ersten / mit künstlichen und nachdencklichen Bildnussen / umzieret ersahe / gedachte er / dem Unheil / das ihm in dem Tugend-Tempel begegnet / in dem Tempel des Glücks /auch mit besserm Glück / vorzukommen / damit er nicht widerum / von der Königin beschämet werde /wann er auch diese Bildnus / als den Zierrath des Tempels / besichtigen oder verwundern würde. Deßwegen riß er sich von ihnen weg / zu dem nächsten Ort / der ihm ein Bild zu Gesichte brachte / und da er nahe hinzu kam / befand er / daß allerhand liebliche und nützliche Historien / mit Muscheln und kleinen Steinlein / und zwar so künstlich / an der Wand / eingeleget waren / daß ers mehr vor einen Beweiß menschlicher Unmügligkeit / als Kunst und Weißheit bekennen muste.

Unter andern stund die Geschichte des Triumphirenden Sesostris / welcher sich / wie bekannt / auf einem Wagen / von 4. Königen / so er durch seine Macht und Glück überwunden / ziehen ließ / deren einer / ruckwerts auf das umlauffende Rad gesehen /und sich dabey der Ründe des Glücks getröstet / welches sie so hoch wieder erheben könne / als es sie gestürtzet / und diesen so tief stürtzen / als hoch es ihn erhoben. Die Erklärung wurde mit diesen Worten drunter bezeichnet:
[199]

Das Glück ist Kugel-rund / und wie das Rad am Wagen /

Wer sich dem trauen will / der darff hernach nicht fragen /

wordurch er sey gestürtzt: drum / Mensch! besinne dich /

und traue nicht dem Glück: es dreht sich wunderlich.


Auch ist diese Geschicht nicht zu vergessen / welche die wunder-beglückte Errettung / dem Jupiter / durch seine Mutter Opis oder Rhea / geschehen / vorstellet. Dann / weil sein Vatter Saturnus / als er vom Oraculo vernommen / daß ihn einer seiner Söhne vom Reich verstossen werde / alle Kinder / so ihm gedachte Opis gebohren / bald nach der Geburt fraß; hat die List seines Weibs ihm einen Stein in Windeln gewickelt / an statt des Kindes zu fressen geben: ihren Sohn aber in die Insul Cretam denen Corybantern zu erziehen zugeschickt / der auch hernach Saturnum verstossen. Der Lehr-Punct war in folgenden Versen hinzu gesetzt:


Bißweilen lachet wol ein unversehnes Glück;

Doch / daß es bald hernach viel härter könne weinen;

Das Glük ist nit getreu: drum solt / du Mensch! nit meynen /

Daß / wenn es dich anlach / nicht berge lose Tück.


Besser hinauf war die Geschicht zu sehen / wie die Nimfen Erato / Pemfredo / und Dino / dem Perseus Flügel und Tasche geliehen / durch derer Hülff / er der Medusen das Haupt abgeschlagen / und endlich die Andromeden / der stoltzen Cassiopeen Tochter /von dem grausamen Meer-Wunder erlöset: und diese Geschicht war mit solchen Worten unterschrieben:


Das ist gelungen dir / mein Perseus! wer wills wagen?

Wer will dir folgen nach? man müst eh weiter fragen;

Ob auch das Glücke mir / wie dir / gewogen wär?

Ich zweiffle: weil die Welt anjetz nicht trauet mehr.


An der andern Seite war zu sehen / wie die Syrinx /[200] als sie für dem Pan geflohen / der sie so mächtig liebte / in die Pfeiffen / so Mercurius nachmals gebrauchet; andere Fluß-Nimfen aber / von dem erzürnten Achelous in die Chinadischen Inseln verwandelt worden: mit dieser Unterschrifft:


So gehts / wann man sich will dem Glücke widersetzen /

Das bald erfreuen kan / und wieder bald verletzen:

Halt / was dir nutzen kan; fleuch / was dir schädlich ist;

Alsdann auf dieser Welt / du voller Glücke bist.


Nächst diesem war die allen-bekante Histori des reichen Königs Midœ / welcher / als er vom Bacho erhalten / daß / was er wünsche / erfüllet würde / alles zu Gold werde / begehret / was er anrühre: Da er aber seinen Unverstand erkennet / daß er bald durch Hunger sterben werde / und deßwegen vom Bacho / seines Wunsches wiederum entnommen zu seyn / begehrte; auch den Befehl erhalten / er solle sich in dem Fluß bey Smyrna / Pactolus genannt / abwaschen / und / als er diesem gefolget / gedachten Fluß auch vergüldet; ja noch über das / den Hirten-Gott Pan / dem Göttlichen Apollini vorgesetzet / und also seine Thorheit in vielen erwiesen; habe ihm Apollo / aus ergrimten Zorn /Esel-Ohren an die Stirn gesetzet / dadurch seinen groben Unverstand zu zeichnen: Die Wort beschlossen das Bilder-Werck:


Viel Menschen gleichen sich hie diesem Unverstand /

Und wollen grösser Glück / im grossen Glück / erschnappen /

Bekommen aber auch des Midœ Cron und Kappen /

ein Horn: versteh die Straf / das Unglük und die Schand.


Als Polyphilus diese / und andere mehr / die wegen der Menge nicht zu erzehlen sind / fast über die Zeit ansahe; Die andere Anwesende aber nicht wusten /daß ihm die Königin solches gerne zuließ / als die lieber wolte / daß man in den Liebes-Tempel / bey[201] der Nacht / und mit Kertzen gehe: vielleicht weil sie meynte / das Werck der Liebe sey am besten im Finstern zu üben; trat der Vorgänger dem Polyphilo entgegen / mit winckenden Augen / er solle sich dem Willen der Königin nicht zu lang entziehen / sondern sich ihr wieder stellen: deme Polyphilus alsobald /wiewol mit Unwillen / Folge leistete. Da er aber der Königin näher kam / ihren Befehl zu erwarten / fieng sie an: habt ihr / Polyphile! alles gesehen? darauf er kaum zu antworten wuste / weil er beförchtete / daß /so er wider die Warheit rede / sie ihn unrecht befinden; so er aber dieselbe bekenne / er den Führer / welchen er zuvor schon / durch diese Wort / erschröcket sahe / in einige Ungnade bey derselben setzen möchte. Dann Polyphilus leicht erkante / daß es diesem Führer gangen / wie sonst andern Dienern mehr / die offt wider der Herren Willen viel befehlen / und durch ihren zu zeitigen Vorwitz das verrichten / so ihnen nicht befohlen: solte es auch ihrem Herrn zu noch so grossem Nachtheil gereichen: darum er / auf beyden Seiten sich nicht zu verreden / die Frage der Königin /mit keinem Ja / auch mit keinem Nein beantwortete; sondern / so viel ihm zu Gesicht kommen wäre / bekannte gesehen zu haben. Darauf die Königin weiter anfieng / und mit der Hand auf eine Tafel deutete / so zur rechten Seiten / an der Seulen hieng / fragende: ob er auch diese gesehen? Und als sie das Widerspiel vernahm / führete sie ihn bey der Hand dahin / ihm dieselbe zu erklären.

Es war der reiche Lydier König Croesus / sitzend auf einem Holtzhauffen / als solte er verbrannt werden / weil er / auf allen Seiten / von denen darzu bestellten[202] / angezündet würde. Gegen über stunden etliche Manns-Personen / unter denen einer eine Cron auf seinem Haupt trug; Uber ihn aber waren die Wort geschrieben: O Solon / Solon! Unter dem Gemähl stunden diese Verse:


Ich war in meinem Sinn / der Gröste in der Welt /

Der Seligste darzu: doch hört ich von dem Weisen /

Daß keiner selig sich in dieser Welt soll preisen /

Er sehe dann den Tod: der Schluß hat mich gefällt.


Atychintida / so bald sie Polyphilo dieses Bild gezeiget / fieng sie zu ihm an / ob ihm diese Geschicht kündig wäre; wo nicht / wolle sie ihm selbe hinterbringen. Polyphilus / der lieber / weiß nicht was / gethan hätte / muste dennoch dem Dünckel dieser Frauen etwas zu sehen / und / wiewol er alle Wissenschafft dessen hatte / sich dennoch unwissend bekennen: wiewol er lang im Zweiffel hieng / wie er antworten solte; doch / weil er wuste / daß man denen schwachen Weibs-Volck offtmals mehr / als sich gebühre / nachgeben müsse / und kein Gewinn oder Ehre sey / wann man an ihnen Ritter würde / verhelete er endlich die Warheit / mit dem Vorgeben / daß er nicht wisse / was das sey.

Wann ich die Ursach besinne / warum Polyphilus das gethan / finde ich gerad keine. Ists aus Höflichkeit geschehen / hätte er die Warheit je mit besserer Höflichkeit bekennen können. Hat er sich wollen einfältig dardurch stellen / was darff er dann mit seinem eigenen Wolgefallen zancken? Oder hat ers gethan / ihre Kunst-rühmende Einbildung zu stärcken / so ist wieder geschehen / was ihm selber gefallen. Doch sey dem wie ihm wolle / dißmal muste er sich von einem Weib lehren lassen. Dann so fieng Atychintida an:[203] Weil ihr nicht wisset / Polyphile! was diß vor eine Geschicht / noch weniger / was dessen Innhalt ist / so höret mir fleissig zu / will ich euch beydes völlig weisen. Dieser / so auf dem Holtz sitzet / ist Croesus /ein König der Lydier / welcher so reich und mächtig gewesen / daß ihm nicht nur keiner gleich / sondern auch zum Sprichwort worden / wann man einen reichen Mann nennen / oder sonst einen mächtigen Schatz beschreiben will / daß man sage: reicher / als Croesus. Von diesem melden die Historien / daß er einsmals einen von den sieben Weisen in Griechenland / nemlich den Solon / einen verständigen / gelehrten Mann / zu sich beruffen lassen / und gefraget: ob er wol irgend einen Mann erkannt / der glückseliger wäre / dann er? darauf ihm die Antwort worden: daß man keinen vor dem Tod glückselig nennen könne. Darüber der König damals zwar etwas erzürnet: nicht lang aber hernach / als er von dem Perser König Cyro / mit welchem er viel gekrieget / überwunden / zum Feuer verdammet wurde / mit heller Stimme / in beyseyn des Königs Cyri / und anderer /auf dem Holtzhauffen / wiederholet / und selber bekräfftiget / mit diesen / über ihn bezeichneten Worten. Als aber Cyrus auf solch Geschrey fragen ließ / was er damit wolle / und wer der Solon sey / nach dem er so ängstig seufftze / und dabey vernahm / was ich jetzt erzehlt / auch wie er sich nun allerdings darzu bekenne: hat er auch in sich geschlagen / beförchtend / es möchte ihm ein andermal nicht besser gehen / und Crœsum nicht nur vom Feur-Verdamnus loß gesprochen / sondern auch die Zeit seines Lebens / in Herrlichkeit und grossen Ehren gehalten / auch an seinem Hof ernehret. Daß also der weise Solon[204] mit einer Rede zween Könige unterrichtet / den einen zu seinem Leben / den andern zu seinem Besten. Das ist die Geschicht.

Was Polyphilus dißmals gedachte / wird der leicht schliessen können / der mit Polyphilo / diese Geschicht wissend / selbige auch hie wiederholen muß: sein müglichster Fleiß war dahin gerichtet / daß er die Deutung nicht hören dörffte; darum er / nach vollendeter Erzehlung / als fiel es ihm jetzt erst bey / daß er vor dem die Geschicht gelesen / erwähnte. Atychintida merckte fast / was Polyphili Verdruß nicht bergen konte; schloß doch dahin / als verlange ihn so hefftig nach den Tafeln / im letzten Tempel / welche ihm den Namen Macarie zu erkennen geben würden: daher sie dann bewogen / weil / ohne das / das Liecht der Sonnen verdunckelt war / die Kertzen in dem Liebes-Tempel anzuzünden / damit sie / durch die finstere Nacht / an ihrem Werck / nicht verhindert würden. Der Befehl wurde aufs schleunigste verrichtet / indessen führete Atychintida mit Polyphilo andere / und zwar angenehmere Discursen / von seiner Macarien /zu deren er nun bald / mit solcher Geschicklichkeit /wieder gelangen werde / deren weder Apollo / noch der Himmel / etwas versage. Fragte auch / was es doch vor eine Beschaffenheit hätte mit Macarien / und wie sie von denen Sterblichen geehret werde; weil sie nicht anders schliessen könne / es müsse dieselbe etwas sonderliches unter den Menschen / oder wol gar Göttliches seyn / indem / um ihrent willen / der er zürnte Himmel / diesem Schloß wieder geneigt worden: welches alles Polyphilus so beantwortete / daß er nicht zu viel / auch nicht zu wenig geredt vermeynete; biß der durchdringende Glantz[205] deren hell-schimrenden Kertzen / welche die Teppiche / damit der Tempel der Liebe bedecket war / gleichsam feurig machten /völlig berichtete / daß alles nach Befehl verrichtet und bereitet wäre.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 161-206.
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